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Sinnsuche und uralte Weisheit

Friedrich Schiller

sagt uns in seinem Gedicht “Worte des Wahns” eigentlich nichts Neues, sondern spricht ein uraltes, wenn auch immer wieder verlorengegangenes Wissen der Menschheit aus:

Der reinen Vernunft, dem Schauen nach außen auf die Welt der Dinge, wird sich der Schleier der Wahrheit über das Wesen der Welt und den Sinn des Lebens nicht erschließen. Der Mensch verharrt im Wahn,

solange er glaubt, daß dem irdschen Verstand
Die Wahrheit je wird erscheinen,
Ihren Schleier hebt keine sterbliche Hand,
Wir können nur raten und meinen.
Du kerkerst den Geist in ein tönend Wort,
Doch der freie wandelt im Sturme fort.

Schiller rät:

Drum, edle Seele, entreiß dich dem Wahn
Und den himmlischen Glauben bewahre!
Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn,
Es ist dennoch, das Schöne, das Wahre!
Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,
Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.

Die Wahrheit, die die letzten beiden Zeilen bergen, muß den Menschen schon in grauer Vorzeit bewußt gewesen sein. Das beweist die Vorgeschichtsforscherin und Kunsthistorikerin

Elisabeth Neumann-Gundrum

in ihrem 1981 herausgegebenen Werk

Buch Neumann-Gundrum

im Zusammenhang mit Bildern von Skulpturen der Megalithzeit, die wir noch heute in deutschen und anderen europäischen, aber auch außereuropäischen Landschaften antreffen, Skulpturen – vorsichtig geschätzt – vom

Ende der Altsteinzeit, jungpaläolithisch, mit Richtung auf rückwärts …

– also mindestens 8000 Jahre alt.

der Einäugige

verdeutlichende Zeichnung des Zwiegesichts s. u. (Neumann-Gundrun, a. a. O.)

Auffallend an den Gesichtern der Gestalten ist die “Zwiesicht”, d. h. das rechte Auge ist verschossen, nur das linke Auge blickt in die Außenwelt.

Odin hat das eine seiner Augen in sich selbst geworfen,

sagte ein Mädchen aus einer 50-köpfigen Schar Elfjähriger, sofort nachdem Elisabeth Neumann-Gundrum ihnen den Mythos von Odin erzählt hatte, der in seinem Schmerz um sein vergebliches Sinnsuchen zum Riesen Mimir gekommen war, um ihn um Rat zu fragen. Neumann-Gundrum erklärt:

“Mimir” heißt, in eigenständiger Entsprechung zur Wurzel der urverwandten griechischen und lateinischen Worte, der “Sinnende”.
– Anm. N.-G.: Sprachlich urverwandt: griech. mimneskein “sich erinnern”; latein. memini, (re)miniscor. Nächstverwandt: niederdeutsch mimern, “grübeln”, angelsächs. (adjektivisch) mimir “eingedenk”, (verbal) mimerien, engl. mind (Sinn, Gedanken), hochdeutsch meinen. “Sämtlich zur indogermanischen Wurzel mem-, denken, geistig erregt sein‘” (Kluge, Etymologisches Wörterbuch d. deutschen Sprache, 1967, Stichworte “meinen, Mensch, Minne” u. a.) –

Er wohnt an einer der drei Wurzeln der Weltesche im Urdbrunnen. Dessen Wasser, heißt es, ist so heilig, daß alle Dinge, die hineingelangen, “weiß werden wie das Häutchen unter der Eischale”. Zwei weiße Schwäne ziehen auf seinem Spiegel.

Mimir vernimmt Odins Schmerz, stellt dem Erkenntnissuchenden Hilfe in Aussicht und nennt deren Bedingung: Odin möge sich selbst eines seiner Augen ausreißen und es in den Quell hinabwerfen. Der verzweifelte Odin tut Solches.

Die Seherin “weiß Odins Auge verborgen in Mimirs Quell, dem märenreichen”. (Edda)

Und wirklich: Odin

empfängt im gleichen Augenblicke die ersehnte Kunde: Rat, Runenweisheit und die Dichtergabe.

Das Mädchen hatte richtig erkannt: Odin bildet mit Mimir eine Einheit, Mimir ist sein Selbst, das Erinnern des Wesens der Welt in ihm, zu dem er heimkehrt, indem er mit seinem “inneren Auge” in sich selbst hineinschaut. Nun sieht er mehr als zu Zeiten, als er noch mit beiden Augen nach außen schaute.

Mehr … sieht er als bildlich “Einäugiger”, nachdem er die Hälfte seines Wahrnehmungsvermögens in die Tiefe, seine eigene, gesenkt hat und durch die Innerung nun zwie-sichtig geworden ist, nun Aus-Sicht verbunden mit Ein-Sicht besitzt:

Sich gegenseitig benötigende und ergänzende Wege gesuchter Voll-Sicht = Weisheit.

Die gezeigten Groß-Skulpturen haben die Jahrtausende überdauert. Sie sind Bildschrift und Kunde von der Weisheit unserer Altvorderen. Geschaffen wurden die Großskulpturen

aus Stein … unter Ausnutzung natürlicher Gegebenheiten – von Menschenhand zusätzlich und entscheidend gestaltet …

Die eigenständig geographische Heimat dieser Urbilder-Kunst ist anscheinend, für bisherige Erfahrung, das europäische Festland in seiner vollen Ausdehnung vom norwegischen Norden durch Mitteleuropa bis zur Mittelmeerküste im Süden, vom Atlantik im Westen, – sie ist offen nach Osten.

Die Sinn-Bilder

geben Kunde: Sie künden. … der große Sinn der Kunst, – deren Wort (als altes indoeuropäisches Verbalabstraktum zur Wurzel des mittelhochdeutschen ,kunnen‘) ursprünglich “kundig sein”, “kennen”, “geistig vermögen”, “verstehen” heißt, erst dann “imstande sein” = “können” (im heute meist einseitig technischen Sinn).

Megalith-Frau schmal

Frau in die Ferne und nach innen schauend (Neumann-Gundrum, a. a. O.)

Sie geben Kunde von dem Wissen der damaligen Menschen um die Fähigkeit, aus dem Blick nach innen, aus der Intuition, Erkenntnis zu schöpfen, sich selbst als Quelle der Weisheit zu erleben, den “Urdbrunnen” in sich zu tragen.

Das ist eine völlig andere Erlebensweise als die, die die abrahamitischen Weltreligionen den Völkern in späterer Zeit aufdrängten, daß der Mensch sich fern von einem außerweltlichen Herrscher-“Gott” als armseliges Nichts betrachtet, für das es als sündhaft anmaßend gilt, “die Wege des HErrn” auch nur zu hinterfragen, geschweige denn, sich mit ihm zu identifizieren.

Das sind zwei Welten, die miteinander nichts gemein haben. Die gebürtige Türkin Necla Kelek beschreibt die Welt der Muslime z. B. als eine Gesellschaft des “Wir”, in der das “Ich” schweigt, in der “Ehre” und “Moral” sich aus einem von außen – zudem mittels Gehirnwäsche im Kindesalter – vorgegebenen Kodex ergeben, nicht aber aus einem Rechtsempfinden, das auf dem naturgegebenen, in jedem Menschen angelegten Empfinden für Menschenwürde erwächst.

Das nach außen gerichtete Auge versinnbildlicht das Wahrnehmungsorgan, das die jeweilige Umwelt erfaßt und erforscht, es ist auch das Auge der Naturwissenschaft, die “reine Vernunft” (Kant). Das nach innen gerichtete “Auge” vermag Wesensgemäßes wahrzunehmen und zu gültigen Deutungen des äußerlich Wahrgenommenen zu gelangen. Nur beide Sichtweisen gemeinsam führen zu Welterkenntnis und Weisheit.

Bildnisse vom Istenberg

Man braucht ein “fleißiges Auge”, um die Bilder in den Felsformationen zu erkennen. Zu der oben gezeigten, verdeutlichenden Zeichnung des “Zwiesichtigen” z. B. gehört dies Naturbild vom Istenberg:

 

Zwiegesicht Feldstein aus: Neumann-Gundrum, Großskulpturen

Zwiegesicht Feldstein aus: Neumann-Gundrum, Großskulpturen

Das objektiv rechte Auge erscheint als Scheibe, die die Sicht nach außen verschließt. Um Nasenöffnungen und Mund sind kleine Menschenköpfe zu erkennen. Neumann-Gundrum deutet sie als “Atemgeburten”, als Gedanken, die mit dem (Sprech-)Atem hervorgetan werden.

Mit Recht weist sie darauf hin, daß spätere Epochen die Sinnbildlichkeit der Mythen trivialisiert haben:

Zwiesicht … eine spirituell gemeinte Symbolsprache durch Naturalismus verdrängt … ein geschichtlich bekannter Vorgang …

Damit haben sich die Menschen großen Reichtums begeben und sind seelisch verflacht.

Schon Sokrates (469-399 v.u.Z.) ging der Sinn für die Mythen ab. Von seiner Lehrerin

Diotima

berichtet er – laut Platon – aber, sie habe z. B. davor gewarnt, den Mythos vom “Gott” Eros auf eine konkrete Person und auf die Beziehung zwischen den Geschlechtern zu beschränken. Die Gestalt des Eros sei hingegen ein Sinnbild, und zwar eines für menschliches Sehnen und Verlangen nach dem Schönen und Guten, nach Zeugung von Vollkommenem:

… die Ursache dafür, daß irgend etwas aus dem Nichtsein ins Sein tritt, ist allemal ein Schaffen (oder Dichten).

Dies aber gebiert sich spontan – “jungfräulich” – aus dem Innersten des Menschen.

Und wie das Wort “Dichten” nur als Begriff fürs Verseschmieden angewandt werde, obwohl es Begriff für alles Schaffen sein sollte – Beethoven nannte sich z. B. Ton-Dichter -, so werde auch der Begriff “Eros” nur für einen Teilbereich des Verlangens angewandt, nicht für den ganzen.

Der Mythos wird nicht mehr verstanden. Die Sinnbilder werden trivialisiert, ihres Ewigkeitswertes beraubt und damit unglaubwürdig.

… in unerschöpflichem Weisheitsstreben

dagegen wende sich die Seele an

das weite Meer des Schönen … ein Schönes, das erstens immer ist, weder entsteht noch vergeht, weder wächst noch schwindet …

Die mexikanische Psychoanalytikerin mit ungarischen Vorfahren

Clarissa Pinkola Estés

nähert sich in ihrem Buch “Die Wolfsfrau”, Heyne 2004, der Sinnfrage:

Die Vorstellung vom Körper als reiner Skulptur ist falsch und ignorant, auch wenn sie im Abendland weithin verbreitet ist. Der Körper ist keine Masse, die zurechtgeschnitzt, behämmert und bearbeitet werden muß … Die Frage ist nicht, wie der Körper aussieht, sondern ob er gelähmt oder kribbelig vor Angst ist, abgestumpft von jahrelangen Mißhandlungen, oder ob er seine natürlichen Melodien summt und ob seine vielfältigen Augen sehen und seine tausend Ohren durch Haut und Organe hindurch hören.

Das sind Töne, von denen sich die modernen Mechaniker der Naturwissenschaft und Medizin mit Grausen abwenden werden. Aber wie wollen sie das Aufblühen unserer körperlichen Erscheinung erklären, wenn die Seele froh ist, wenn sie liebt, wie das Verschwinden von Krankheiten, wenn die Nöte der Seele aufgelöst sind, wie wollen sie erklären, daß bei seelischem Gram unser Leib grau und fahl, der Gang schleppend wird und die glanzlosen Augen in ihre Höhlen zurückfallen?

Estés hat in ihrer Praxis als Seelenärztin immer wieder erlebt, daß Gesundheit des ganzen Menschen nicht am Weg zum

Urgrund der Seele

vorbei erreichbar ist. Dort werde man die

Urmutter … des Werdens und Vergehens

finden, wie sie auch in der eigenen Einzelseele walte. Tief

im Urgrund wartet etwas Heilsames, das niemanden zurückweist, der es soweit geschafft hat.

Ohne Verbundenheit mit dieser göttlichen

Jahrmillionenalten … sind wir rastlos.

Wer nie hierher

nach Hause geht, verurteilt sich zu einem Dasein als Zombie, als wandelnde, nach außen manchmal sogar trügerisch funktionierende Tote.

Gottmutter vom Sipylos-Gebirge

Gottmutter vom Sipylos-Gebirge (Kleinasien) - stark verwittert, wahrscheinlich aus hattischer Zeit (2000 v.u.Z. und früher) - über dem Haupt der Skulptur ein zwiesichtiges Antlitz (Nm.-G. a. a. O.)

 

 

Zwiesichtiger, Oslo (aus: Neumann-Gundrum, a. a. O.)

Zwiesichtiger "in Alt-Oslo gefunden" datiert: "um 1200 n. Chr." im Mund eine "Atemgeburt".

Uralte Weisheit vom Sinn des Menschen-Lebens:

mit dem “inneren Auge” das Schöne, Göttliche schauen und hervorbringen.

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Helmut Wild
Helmut Wild
15 Jahre zuvor

Vielen Dank fuer diese hervorragende Darstellung und Deutung des Odin Mythos.

Mithus
Mithus
15 Jahre zuvor

Den Schillerworten ist, weil er den Schleier gerade nicht zu lüften versucht, durchaus auch heute noch Recht zu geben. Es wäre Wahn, verbal das Geheimnis des Numinosen zu vermitteln.
Meines Erachtens gilt das auch dann für alle anderen Mythenerklärungen, so anschaulich sie sein mögen. Die Weisheit der “Alten” ist ja auch keine Weisheit per se, sondern sie muß den heutigen Erkenntnissen standhalten können. Das sehe ich mit der Begründung Schillers aber nicht, weil es auch für die “Alten” unmöglich war, über Erklärungsversuche hinauszukommen.
Mithus

Mithus
Mithus
15 Jahre zuvor

Liebe Adelinde,
ich denke doch, dass ich in den vielen Diskussionsbeiträgen deutlich machen konnte, dass ich das, was Du unter “Zwiesicht” und “Ein-Sicht” beschreibst, als Herzenslogik (Pascal), Innere Erfahrung, Spiritualität etc. hinreichend beschrieben habe und darin keinen Gegensatz oder nachweltlichen Absturz erkennen kann. Ich wies ja längst nach, dass meine Auffassung der Albert Schweitzers ähnelt, der immer nur davon spricht, dass man das Göttliche in uns, in den Menschen selbst suchen und achten muß.
Sicher haben viele Generationen unter christlicher Umprägung die “Zwiesichtigkeit” als Lebenselement nicht unbedingt im alten Verständnis erkannt. Sie haben durch Missionierung diese innere Nähe zur Natur in und um uns verkannt oder verbannt, aber sie ist dennoch als Erkenntnis nie untergegangen oder gänzlich abgestürzt.
Mein theol. Vorbild ist Prof. (ev. theol.) Klaus-Peter-Jörns, ein Kritiker der traditionellen christlichen Lehrzumutungen. Auf die Frage, was “Gott so mächtig mache” antwortete er: “Nichts als die Liebe”. Spüren wir die nicht im Herzen am nächsten? Und wenn nur die Liebe mächtig bewegen kann, dann kommt das doch aus unserer Innensicht, nicht aus dem Materialismus oder Rationalismus.
Nächstenliebe und Schöpfungsliebe des Menschen sind doch nur denkbar, wenn sie selisch reflektiert zum Ausdruck, zum Handeln kommen. Das setzt “Einsicht” im anderen Sinne voraus, ist aber aus “Ein-Sicht” geboren.
Mithus

Elke
Elke
15 Jahre zuvor

Und was sagt hingegen die Bibel, das immer noch Milliarden von Mitmenschen für ihre richtige Glaubensgrundlage und “Gottes Wort” halten, über die Weisheit:
Genesis 2: 16 – 17: “Von allen Bäumen des Gartens (Eden) darfst du essen, nur vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen, denn am Tage, da du davon issest, mußt du sterben.”

Ingo Neitzke
Ingo Neitzke
10 Monate zuvor

Es gibt auch eine Verbindung zu Hegel.
Schreibt
https://heurein.wordpress.com/2023/09/07/aiwanger-und-ein-flugblatt/comment-page-1/#comment-1827

mit spannendem Stoff zumUrchristentum:

https://oding.org/component/finder/search?q=urchristentum&Itemid=101

Fazit aus obigem Kommentar:

“Das Goð, das Gottesgute, der Höhere Mensch und der Weltall-Geist sind Eins, der die nichtswürdige Schlacke des bestalischen Nochnichtmenschen bzw. der „gefallenen Engel, der Kinder des „Angra Mainyu“ (Avesta) oder Dunkelalfen (Edda) durch Förderungsverwehrung möglichst auszuscheiden bestrebt ist, damit die Welt des Geistes zum harmonischen Gottesgarten gedeiht.”

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