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Habe Mut, dich deines eigenen
Verstandes zu bedienen! Kant

Gerhard Bracke

läßt den Prof. Dr. jur. Bernd Rebe, den ehemaligen Präsidenten der Technischen Universität Braun-schweig, über die „Unsäglichkeiten des christlichen Gaubens“ zu Wort kommen.

Wer war Bernd Rebe? Er starb 2013, und wir ent-nehmen der Traueranzeige für die Technische Universität Carolo Wilhelmina die Worte:

„Professor Bernd Rebe war von 1983 bis 1999 Präsident der Technischen Uni-versität Braunschweig und anschließend bis 2005 Professor für Wirtschafts- und Medienrecht.

Er hat ihr Profil als moderne und inter-disziplinär ausgerichtete Universität nachdrücklich geprägt und etablierte die TU Braunschweig als eine treibende Kraft in der Forschungsregion.

‚Projekt Zukunft‘  war sein Motto zum 250-jährigen Jubiläum der Carolo Wilhelmina. Wir verlieren eine charis-matische Persönlichkeit.“

Weiter Gerhard Bracke:

In der Ergänzung durch den Dekan der Carl-Friedrich-Gauß-Fakultät der TU Braunschweig war u.a. zu lesen:

„Er war mit großer Hingabe seinem Fach verbunden und verstand es, als hoch ge-bildeter Mensch und begnadeter Redner seine Studierenden und Kollegen zu be-geistern. Wir haben mit Professor Rebe einen einzigartigen Kollegen verloren, dem wir ein ehrendes Andenken bewahren werden.“

Im Nachruf der „Braunschweiger Zeitung“ vom 14.12.2013 formulierte Eckhard Schimpf:

„Bernd Rebe, TU-Präsident von 1983 bis 1999, war ein Intellektueller hohen Ranges. Umfassend gebildet, vielseitig belesen, scharfer Denker, rhetorisch glänzend. Und dieses Gedächtnis! Kurz: ein brillanter Kopf, wie es in den ver-gangenen Jahrzehnten in unserer Region nur wenige gab.“

Der mit ihm einst befreundete BZ-Journalist merkt auch an:

„Rebe gab seine Meinung gern und wirkungsvoll kund“.

So geschah es eben auch in einer Leserbrief-Stellungnahme Prof. Rebes zu einem in der BZ  am 30.3.2013 veröffentlichten Gespräch mit Landesbischof Weber, Pfarrer Christoph Berger und vier Konfirmanden. Auf meine damals elektronisch übermittelte Zustim-mung antwortete mir Prof. Rebe:

„Lieber Herr Bracke, ganz herzlichen Dank für Ihre verständige Reaktion auf meinen provokanten Leserbrief, der allerdings nur verkürzt veröffentlicht worden ist; deshalb im Anhang die komplette Fassung und die Kopie eines Briefes an einen etwas kritischeren Leser, in dem ich aber versucht habe, mein ‚Credo‘ zu formulieren. Beste Grüße von Ihrem Bernd Rebe“

Dieser religionskritische Leserbrief Prof. Rebes sollte nicht länger im Aktenordner verborgen bleiben, vielmehr einer aufge-schlossenen Nachwelt zugänglich gemacht werden.

„Vom Unfug des Auferstehungsglaubens1

Von allen Unsäglichkeiten, die das Chri-stentum in die Welt gesetzt oder von noch älteren Glaubensvorstellungen übernommen und zu seiner Sache ge-macht hat – wie die Sündigkeit des Men-schen mit seiner Geburt, die Erlösung hiervon durch einen hundserbärmlichen Opfertod eines vorderorientalischen Wanderpredigers vor 2000 Jahren am Kreuz, die alle Menschen erwartende Aburteilung durch ein ‚jüngstes Gericht‘ am Ende der Zeiten – , von allen diesen die freien und vernunftbegabten Men-schen herabwürdigenden Unsäglichkeiten des christlichen Glaubens ist die Vorstel-lung von der Auferstehung der Toten die allerunsäglichste.“

Nach dieser brillanten Formulierung stellt Prof. Rebe provokant nun ganz konkret sich ergebende Fragen:

„Das beginnt schon mit der völligen Offenheit und Unbestimmtheit in den Vorstellungen über die Qualität der Auferstehung(en). Muß man an eine ‚Auferstehung des Fleisches‘ denken, wie dies im christlichen Glaubensbekenntnis an jedem Sonntag vielhunderttausendmal in den Kirchengottesdiensten beschwo-ren wird?

Und wenn ja, auferstehen wir dann im jugendlichen Alter (mit allen Flausen im Kopf) oder als reifere Menschen (mit al-len körperlichen Gebrechen)? Und da ja auch unsere (früheren) Familienmit-glieder, Freunde und auch alle uns zu den ersten Lebzeiten schon unangenehm Behelligenden ebenfalls auferstehen, wie ist jetzt unser Verhältnis  zu denen or-ganisiert? Und: Stehen wir mit/neben der ersten, der zweiten oder der dritten Frau auf? Schon diese wenigen Überlegungen zeigen:  Mit der ‚Auferstehung des Fleisches‘ ist es wohl nichts!

Also bleibt nur irgendeine andere Exi-stenzform nach der verheißenen Auf-erstehung übrig, irgendeine Art ver-geistigter oder sonst gehobener Exi-stenz; die aber würde unsere mensch-liche Identität aufheben, also kein wirkliches neues Weiterleben bedeuten.

Und wirft man einen scheuen Blick in das ‚Wörterbuch des Christentums‘ unter dem Stichwort ‚Auferstehung‘, so erfährt man in der Tat, daß mit ‚Tod und Leben‘ im Sinne der Auferstehungslehre ‚mehr gemeint (ist) als nur konträre physiolo-gische Befunde.

Gemeint ist der qualitative Gegensatz der jetzigen, weltlich  >fleischlichen< (2. Kor. 10, 2f.) Leibhaftigkeit (auch als sün-dig qualifiziert) zur nicht vergleichbaren (geheiligten) Lebendigkeit des >neuen Äons< und seinem >geistlichen Leib< (>Soma pneumatikon<, 1. Kor. 15, 44), erst recht zur ausstehenden, neu-andern Wirklichkeit der allgemeinen Auferwek-kung, die im empirisch wahrnehmbaren Raum weder angetroffen noch aufge-sucht werden kann.‘

Verstanden!? Wenn ja und wenn auch nicht: Nachträglich noch frohe Ostern!

Ein Jammer ist nur, daß man mit diesen verwirrenden Quacksalbereien die er-kenntnishungrigen, vielleicht auch noch als ‚rein‘ zu verstehenden Hirne unserer Konfirmanden-Jugend kontaminiert, denn sehr viele von denen kommen später davon gar nicht mehr los, und manche nur nach sehr, sehr langen Kämpfen.

Aber: Wem der Auferstehungsglaube in all seiner Unbestimmtheit hilft, ohne ihn von seinen Liebes- und Freundespflich-ten in diesem Leben abzuhalten, dem sei er gegönnt! Schließlich sind wir alle Freunde Platons, der uns gemahnt hat:

‚Sei gütig, denn alle Menschen, denen du begegnest, kämpfen einen schweren Kampf!‘

Und das gilt natürlich besonders für den Kampf mit der Gewißheit, sterben zu müssen. Prof. Dr. Bernd Rebe“

Statt „Kampf mit der Gewißheit“ oder der philosophisch nachgewiesenen und begrün-deten Erkenntnis von der Sinnhaftigkeit des Lebens und des Todes wird mehrheitlich dem religiös geleiteten Wahn vom „Weiterleben“ gehuldigt, von Realitätswahrnehmung  in „klägliches Fürchten“ und törichtes Hoffen („Triumph des Unsterblichkeitwillens“*) ausgewichen.

*) Autorin Mathilde Ludendorff

Bernd Rebe wuchs, wie er in dem persön-lichen Brief vom 7. April 2013 „an einen kritischeren Leser“ 2 ausführt, in einem kleinbürgerlichen Haushalt auf und lebte

„aus Tradition ein normalbürgerliches Kirchenchristentum“,

hat sich jedoch

„von den überkommenen Dogmen unaufhaltsam entfernt.“

Und er war

„zu der Auffassung gekommen, daß für mich der herkömmliche Glaubensbegriff überhaupt nicht mehr paßt.“

In Rüdiger Safranskis Nietzsche-Biographie habe er den sehr nachdenkenswerten  Satz gefunden:

„Den Wahn einer überiridischen Welt benötigt man nicht, denn die Aufgabe, ein Mensch zu werden, ist das wahrhaft Ungeheure. (a.a.O. S. 30).

Was Aufklärung und Glaube betrifft, ist die Aufklärung in mir doch insoweit wirksam, als ich keinem Glauben folgen kann, der in seinem Kern meine Vernunft beleidigt. Und so ist es für mich beim Christentum:

Die deprimierende Tatsache, daß man entgegen der historischen Jesus-For-schung … einen vorderorientalischen Wanderprediger zum Gott erklärt, also einem Jesuswahn (so der Titel des sehr lesenswerten Buches von Karl-Heinz Kubitza) erliegt, ist eine solche Belei-digung meiner Vernunft, gegen die ich mich zur Wehr setzen muß!“

Im Sinne des Begriffes Professor war Bernd Rebe mehr als nur ein „Bekenner“, seine Sprache und insbesondere die Wortwahl („diesen die freien und vernunftbegabten Menschen herabwürdigenden Unsäglich-keiten“) offenbart eine Geistesverwandtschaft mit Immanuel Kant und Friedrich Schiller. Und er führte weiter aus:

„Nur die Schokoladenseite des Christen-tums wird in den Blick genommen, nicht die Blutspsur seiner Geschichte (die ja in der ‚Kriminalgeschichte des Christen-tums‘ von Karl-Heinz Deschner inzwi-schen 10 (in Worten: Zehn) Bände füllt), nicht seine Anbändelung mit terroristi-schen Foltersystemen…“

Ein anderer Aufklärungsbeitrag Prof. Rebes ist dem Thema gewidmet:

Toleranz, Verstehen und das Gewalt-potential des Monotheismus“3 .

In dem sechsseitigen Text ist zu lesen:

„Nicht von ungefähr hat Franz Buggle seiner sehr lesenswerten Streitschrift gegen das Christentum den Titel „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“ ge-geben (2. Aufl. Aschaffenburg 2012).“ […]

„Ich selbst habe in meinem Verhältnis schon zum Christentum, also zu meiner eigenen Religion, die Erfahrung gemacht, daß ich in meinem aktiven Berufsleben über Jahrzehnte in einem sehr oberfläch-lichen Kirchenchristentum gelebt habe.

Erst in meiner Pensionszeit habe ich mich eingehender mit der Frage befaßt, was ich denn als getaufter Christ da eigent-lich glaube, und es hat eines sehr inten-siven, jahrelangen Studiums bedurft, um hier zu mehr Klarheit zu kommen (und mich im Ergebnis von diesem Glauben zu distanzieren…).“

„Wir im Traditionschristentum mit dem Gebot des ‚Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir‘ Aufgewachsenen können uns kaum noch vorstellen, welche Revolution der Glaubensvorstellungen die Einführung des Monotheismus bedeutet hat.“

Für die Ablösung der Vielgötterwelt durch die Eingottwelt hebt Prof. Rebe fünf markante Neuorientierungen hervor, darunter die Tat-sache, daß

„die neue Eingott-Religion nicht aus dem Volk erwachsen“ war, sondern „von einem Machtträger dekretiert“ wurde.

Damit

„führte der Monotheismus, dann jedenfalls in seinen welthistorisch wirksamen Erscheinungsformen, zur Verschriftlichung der Religionen in kanonisierten, also jeder Änderungs-möglichkeit entzogenen, Text-Groß-werken wie der Bibel, dem Koran und dem Talmud.“ […]

„In der neuen Glaubenswelt war nur ein Gott für alles zuständig, und diese All-zuständigkeit hatte auch einen neuen Namen: Die Wahrheit. Der Eingott vertrat fortan in Alleinzuständigkeit die einzige und ausschließliche (Glaubens-) ‚Wahrheit‘.“

Unter Bezugnahme auf die ägyptische Ge-schichte mit der ersten Verordnung eines monotheistischen Glaubens durch Amenophis IV. (1364 – 1347) macht Prof. Rebe deutlich,

„daß das erste Aufkommen des Mono-theismus mit Intoleranz, Verfolgung und Vernichtung derer verbunden war, die sich gegen den neuen Glauben stellten … und daß der die exklusive Glaubenswahr-heit für sich reklamierende Monotheis-mus seinem Wesen nach intolerant und gewaltorientiert ist.“ (S. 5)

Weiter heißt es:

„Dies wird auch im kanonischen Grund-buch des Christentums, der so genann-ten ‚Heiligen Schrift‘, dokumentiert, die voll ist von eher unheiligen Anweisungen an die Evangeliumsgläubigen für ihren Umgang mit den Anders- oder den Nichtgläubigen – und zwar sowohl im Alten wie im Neuen Testament!“

Wiederum beruft sich Prof. Rebe auf Buggles Streitschrift „Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann.“ Deren Verfasser bringt einschlägige Beweise für die

„Aufforderung zur gewalttätigen Into-leranz gegenüber andersgläubigen Menschen im Alten Testament“ und zu „Intoleranz und Abwertung von An-dersgläubigen und (Wunsch-)Phantasien über ihre Bestrafung und Vernichtung im Neuen Testament“.

Prof. Bernd Rebes Wahrheitsbegriff, das wird durch seine klare Gedankenführung  deutlich, unterscheidet sich grundsätzlich vom Wahr-heitsanspruch des Monotheismus.

Doch im Gegensatz zu diesem erweist jener sich im Sinne der Kantischen Philosophie („Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“) nicht als „massentauglich“4 , sonst sähe die Welt heute gewiß anders aus, auch und vor allem im Hinblick auf das Ge-waltpotential von Ideologien und völkerzer-störenden Kräften.

__________

Anmerkungen

1Ausdruck des  vollständigen Leserbriefes von Prof. Rebe als E-Post-Anhang

2Anhang zu Prof. Rebes Mail an den Verf. vom 8. April 2013

3Archiv des Verfassers. Abschrift jedoch  in bewährter Rechtschreibung

4Nach Ortega y Gasset (1883 – 1955) ist nur die Dummheit „massentauglich“, die Intelligenz ist es nicht: „Typisches  Kennzeichen des Massenmenschen ist der Verzicht auf selbständiges, individuelles rationales Verhalten und die Hingabe an eine gefühls- und triebbetonte, von möglichst vielen geteilte Reaktion.“

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