Aufstieg nach dem Westfälischen Frieden
Sonntag, 2. August 2026 von Adelinde |
War denn keine deutsche Macht da, die das Deutsche Volk aus seinem staatlichen, geistigen, kulturellen, seelischen Tiefstand nach all den Zerstörungen durch die Truppen ausländischer und inländischer Machthaber wieder herausführte?
Friedrich Kopp und Eduard Schulte zeigen den Weg auf in ihrem aufschlußreichen spannenden Werk „Der Westfälische Frieden“:
Der Tiefstand des Reiches konnte nur durch die Taten vieler großer Deutscher und die harte Arbeit vieler Geschlechterfolgen über-wunden werden.
Deutsche Landesfürsten im 17. und 18. Jahrhundert haben in ihren prachtvollen Ba-rockschlössern nur zu oft die Sorge um ihr Land versäumt. Das deutsche Volk jedoch hat auf dem Acker und in den Werkstuben die Verheerungen und Rückschläge des unseligen Krieges wieder eingeholt.
In gleicher Richtung wirkte so mancher ver-antwortungsbewußte Landesfürst durch sorgsame Staatsverwaltung und sparsame Wirtschaft. Das Beispiel des Großen Kur-fürsten, Ernst des Frommen von Gotha oder Karl Ludwigs von der Pfalz wirkte sich hier aus.
Über dieser unsäglich mühe-vollen Arbeit im kleinen und einzelnen, die Friedrich Wilhelm I. zu einer Erziehungslehre der Pflicht und des Staatsdienstes ausgebaut hat, steigen die politischen und kriegerischen Taten der großen Männer auf.
Die Taten der Großen waren es erst, die all das Mühen und Werken in Stadt und Land, das nach 1648 verdoppelt einsetzte, er-möglicht und auf die Dauer gesichert haben.
Das heldische Wirken Friedrich Wilhelms, des Großen Kurfürsten von Brandenburg-Preußen, leuchtete nach dem Ohn-machtsfrieden von 1648 zuerst auf. Sein harter Herrscherwille und seine Feldherrnbegabung schufen dem deutschen Wiederauf-stieg machtpolitisch Raum.
Im Inneren zwang er dem eigenwilligen Grundbesitzeradel (den Landständen) eine feste Heeres- und Steuerorganisation ab. Mit diesem Kampfmittel konnte er Ostpreußen fest an Brandenburg anfügen und manchen Schlag gegen Frankreich und Schweden, die Gewinner von 1848, führen.
Er, den das Volk seit dem Siege von Fehrbellin (1675) den „Großen Kurfürsten“ nannte, kämpfte noch nicht bewußt für Deutschland, sondern für seinen Einzelstaat und für sein Haus, wie alle Fürsten jener Zeit.
Von dem Netz, das Frankreichs Diplomaten seit Richelieu über die deutschen Fürsten gespannt hat-ten, konnte auch er sich noch nicht freimachen. Doch legte er den Grund zu einem neuen Großstaat in Deutschland.
Ruhmvoll focht er am Rhein für das Reich und gab Deutschland tatsächlich wieder eine starke Grenzmacht im Nordosten, so wie es einst der Deutsche Ritterorden getan hatte.
Im Schatten der reichszersetzenden franzö-sischen Diplomatie wurde die deutsche Politik nach 1648 nicht mehr vom Reiche, sondern von den Landesfürsten gemacht.
Dennoch haben die Habsburger-kaiser, seitdem sie nicht mehr an der nur konfessionellen Politik eines Ferdinand II. klebten, viel zur Erhal-tung des Reiches getan.
Sie haben dabei gleichzeitig ihre Hausmacht gemehrt; aber die Feldzüge kaiserlicher Heere geschahen nun für das Reichsganze.
Unter den Reichsfeldherren Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, dem Türken-Ludwig, und Prinz Eugen haben die kaiserlichen und landes-fürstlichen Truppen zeitweise Frankreich aufgehalten und die Türken weit in das Donaubecker zurückgeworfen.
Mit ihren Erfolgen, vor allem mit Eugens ruhmvollen Siegen, erhob sich das alte Reich noch einmal zu geschicht-licher Größe. Die Schmach von Münster und Osnabrück war von Reichstruppen getilgt.
Unter den Kaiserfahnen haben gegen Ludwig XIV. und die Sultansheere Truppen fast aller deutschen Stämme und Landesfürsten gefochten!
Das macht die Taten Ludwigs und Eugens noch bedeutsamer. Ihre Waffen haben vielen deutschen Neusiedlern im Donaubecken jungen, unerschlossenen Boden gegeben.
Das Kaiserhaus stand auf der Höhe dieses Ruhmes, als der Preußenkönig aufstand. König Friedrich II. riß den preußischen Staat zur gleichstarken Großmacht innerhalb des alten, vom Habsburgerhaus gehüteten Reiches empor.
Friedrich Wilhelms I. innere Erziehungs- und Verwaltungsarbeit wurde bei Friedrichs II. kühnem Angriff auf Schlesien 1740 auf die Probe gestellt. Mit dieser Tat und mit Fried-richs männlicher Standhaftigkeit im Sieben-jährigen Kriege hat der stärkste protestan-tische Landesfürst des Reiches sich zum Range einer deutschen Einigungsmacht erhoben.
Wenn Friedrich auch Empörer gegen das Reichsoberhaupt und den Reichsfrieden war, so hat er ein Kaiserhaus ange-griffen, das 1756 nicht vor dem Bündnis mit Frankreich zurückschrak, so hat er ein Reich verletzt, das politisch nicht mehr schlagfähig war.
Friedrichs Sieg bei Roßbach (1757) traf den französischen Reichsverderber von 1648 nicht zufällig, denn im tieferen Sinne rettete er doch die Zukunft eines erneuerten Deut-schen Reiches.
Während Maria Theresia wenigstens im Donaubecken die reichspolitisch wichtige Waffen- und Pflugarbeit jenes Prinzen Eugen fort-führte, den sie Frankreich gegenüber preisgab, nahm Friedrich an Warthe, Netze und Weichsel das Ostmar-kenwerk Heinrichs des Löwen und des Deutschritterordens wieder auf. Damit schuf er dem 1648 eingeengten und zerklüfteten Deutschland neuen Raum.
Nach der Auflösung des alten Reiches (1806) haben die führenden Männer der Befreiungs-kriege, die zum Teil von Bewegungen im Volke selbst unterstützt wurden, zu einem neuen Reiche hingedrängt.
Sie wollten über die Einzelstaaten Habsburgs, Preußens und der übrigen Landesfürsten hinaus. Stein und Scharnhorst seien hier ge-nannt und der Napoleonbesieger Erzherzog Karl (1809), würdiger Nachfahre des Prinzen Eugen. Mit ihnen Andreas Hofer und Schill, Blücher und Gneisenau, Arndt und Jahn.
Ihr Bemühen war 1809-1815 insofern siegreich, als sie Napoleon I., den Erben Richelieus und Ludwigs XIV., stürzen konn-ten. Aber sie wurden rasch geschlagen, als ihr großdeutsches Reichswollen von den (1648 in den Sattel gesetzten) Fürstenstaaten vereitelt wurde, als Metternich die Burschen-schaftsbewegung erstickte.
Erst Bismarck, ein echter Vollender des Großen Kurfürsten und Friedrichs des Großen, hat mit dem Einzelstaat Preußen die Sehnsucht der Volksbewegung teilweise erfüllt. Nur teilweise, denn auch sein „kleindeutsches“ Einigungswerk mußte die deutsche Ostmark an der Donau noch draußenlassen.
Sein Reichsbau stand noch immer unter jenem Fluche fürstenstaatlicher und innerdeutscher Zersplitterung, der 1648 wirksam geworden war.
Aber Bismarck hat im Jahre 1871 die Reichsauflösung von 1648 überwunden. Er hat die staatspolitische Voraus-setzung geschaffen für die 1871 noch fehlende umfas-sende Reichserneuerung vom Volke her, die nur durch einen echten Volksführer erkämpft werden konnte.
Ergänzend sei noch gesagt von Adelinde:
Das innenpolitische Werk der Preußenkönige, besonders Friedrichs des Großen, war in jener Zeit inmitten von barocken ihre Völker aussaugenden Potentaten revolutionär. Bei ihnen galt, was Vor-aussetzung des Aufbaus der aus den Trümmern des 30-jährigen Krieges übernommenen Landes- und Volksteiles war: Sparsamkeit, Selbstdisziplin, Staatstreue, Denken ans Ganze.
Das Volk machte freudig mit. Als dann auch die Gleichheit vor dem Gesetz eingeführt war, ereignete sich, was Goethe einmal treffend feststellte:
Wir waren alle fritzisch geworden.
Der „Alte Fritz“, wie Friedrich der Große vom Volk liebevoll genannt wurde, ging nicht nur in seinen Schlachten voran – kameradschaftlich an der Seite seiner Pommern -, er ließ sich auch kritisieren. Sah er einen entsprechenden Anschlag, befahl er „höher hängen“, d.h. er hatte die Meinungsfreiheit einge-führt, in der auch „Majestätsbeleidigung“ kein Verbrechen mehr war.
Er forderte die Pressefreiheit ebenso wie den Ausbau des Bildungswesens, er schaffte die Folter ab. Kurz: Er war der königliche und volksnahe Aufklärer und als solcher eine Ausnahme inmitten der europäi-schen Potentaten. Damit hielt er das Volk zusam-men, das ihm freiwillig folgte.
Ihm folgte nach dem Sieg über Napoleon das Zeit-alter der Reformen. Die große Güte und Volksnähe der Königin Luise begeisterte das Volk, das an ihr hing und mit der Königin eine innerseelische, völkische Einheit bildete. Ihre Worte:
Die Menschenliebe und Achtung der Menschenwürde waren es, die die Völker innenpolitisch vereinte und einander Heimat waren. Als noch keine Massen Fremdvölkischer unser Land überrollt hatten, kam auch nicht so vielen Deutschen wie heute der Ge-danke auszuwandern.
Welch Gegensatz zu 1914, als die Volksseele das ganze Volk samt Sozialdemokraten zur Verteidigung des Vaterlandes vereint hatte, so daß sich die Hee-resleitung damit überfordert sah, die anströmenden Massen von jungen Männern zu erfassen, die ihr Leben fürs Vaterland in die Bresche werfen wollten.
Ein solches Volk vor Augen ließ Friedrich Schiller in seinem „Wilhelm Tell“ ausrufen:
Heute wird mutwillig von den Feinden der Völker ein solches völkisches Empfinden und Wollen zerredet. Die Feinde der Völker wissen, worin die Kraft des Menschen verborgen liegt. Daher wird es mit allen Mitteln dem Volk ausgetrieben und werden die Völker in die Herde von heimatlosen Eintagsfliegen getrieben und sich selbst entfremdet.
Dann wären wir ja glücklich bei 1648 wieder angelangt.










