Kriegsende 1945 – Teil 2: Schließung der Rheinwiesenlager
Donnerstag, 21. Mai 2026 von Adelinde |
Thomas Engelhardt
fährt fort mit seinem Bericht über das Kriegsende 1945 in Deutschland:
Schließung der Rheinwiesenlager
Die US-Amerikaner übergaben die Rhein-wiesenlager im Frühsommer 1945 den britischen und französischen Besatzungs-streitkräften.
Die Übergabe der von den USA eingerichteten Rheinwiesenlager an die britische und fran-zösische Besatzungsmacht erfolgte ab Juni 1945, hauptsächlich im Juni und Juli 1945. Bereits am 12. Juni 1945 wurden die Lager in Rheinberg, Büderich und Wickrathberg den britischen Streitkräfte übergeben, da diese in deren Besatzungszone lagen.
Der Großteil der übrigen Lager im französisch besetzten Gebiet wurde am 10. Juli 1945 an die französische Armee übergeben.
Die Übergabe erfolgte, da die US-Armee die logistische Versorgung der etwa 2 Millionen Gefangenen langfristig nicht aufrechterhalten konnte und sich die Rheinwiesenlager nicht in der von den Alliierten festgelegten US-ameri-kanischen Besatzungszone befanden. Diese Situation erschwerte die Versorgung der Ge-fangenen und erforderte zusätzliche logistische Anstrengungen.
Die französische Besatzungsmacht übernahm im Juli 1945 etwa 740.000 deutsche Gefan-gene, um sie entgegen den Richtlinien der Genfer Konvention als Arbeitskräfte für die Kriegsschäden-Beseitigung und den Wieder-aufbau in Frankreich einzusetzen. Ein großer Teil der Gefangenen wurde auch zur Zwangs-arbeit in lothringischen Kohlengruben verpflichtet.
Die Bedingungen in den französischen La-gern waren aufgrund der insgesamt deso-laten Lage im Nachkriegsfrankreich oft noch schlechter als zuvor in den US-amerikani-schen Lagern. Die Todesrate dort deshalb vergleichbar jener in den Rheinwiesenlagern.
Insbesondere waren gemäß Zeitzeugenaus-sagen die Arbeitsbedingungen in den Stein-kohlenzechen in Lothringen unmenschlich, dies besonders angesichts des Allgemein-zustandes der zur Zwangsarbeit verpflich-teten Gefangenen sowie der zugestandenen Nahrungsmittelrationen.
Darüber hinaus wurden Zehntausende deut-sche Kriegsgefangene zum Minenräumen an den Küsten Frankreichs eingesetzt.
In Reihe mußten die Gefangenen den Stand ablaufen und die im Sand eingegrabenen und mit Trittzündern ausgestatteten Minen zur Explosion bringen. Die Gesamtzahl der Opfer ist unbekannt.
Bis Ende September 1945 waren nahezu alle ehemaligen US-Rheinwiesenlager geschlos-sen.
Erst mit der Übernahme der Lager durch Briten und Franzosen wurde den Gefangenen der Lager dann die Möglichkeit gegeben, ihre Kleidung und sich selbst zu waschen. Aus alten Wehrmachts-beständen wurde außer-dem Ersatzkleidung ausgegeben.[1]
Zusammenfassung
Die Rheinwiesenlager stellen bis heute eines der vielen Tabus der jüngeren deutschen Geschichte dar. Die Berichte überlebender Zeitzeugen stehen in krassem Widerspruch zu offiziellen bundes-deutschen Darstel-lungen, die eine grundsätzliche Tendenz der Verdunkelung und Falschdarstellung auf-weisen. Insbesondere betrifft das auch die Zahl der Todesopfer.
US-amerikanische Quellen nennen insgesamt 3.053 Gefangene, die in den vier Monaten unter US-Verwaltung stehenden siebzehn Lagern ums Leben gekommen sind. (!).
Bundesdeutsche Erhebungen in den 1950er-Jahren nennen 4.537 Tote.[2] Das entspricht einer (angeblichen!) Quote von 0,8 % aller Insassen. Diese Zahlenangaben müssen aus mehreren Gründen völlig falsch erscheinen und stellen eine bewußte Irreführung dar.
Indem die Opferzahlen marginalisiert werden, verharmlost und relativiert man gezielt US-amerikanischen Besatzungsterror und eine von Beginn an brutale und allen Normen des Völkerrechts zuwiderlaufende Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen.
Die Angaben zur Zahl der Todesfälle in den Rheinwiesenlagern beziehen sich zudem ausschließlich auf jene Lagerinsassen, die ihren Erkrankungen[3] erlagen und aufgrund fehlender medizinischer Behandlung verstarben.[4]
Zahlenangaben zu Gefangenen, die Opfer der vielfältigen Strafaktionen des Bewachungs-personals waren (darunter auch systemati-scher Nahrungs- und Trinkwasserentzug!) oder bereits dem nahen Tod geweiht in ein Evakuierungs-Lazarett verbracht wurden, liegen nicht vor.
Ebenso gibt es keine Angaben zu Ge-fangenen, die bei Fluchtversuchen erschossen wurden oder die Opfer der willkürlichen und alltäglichen (!!!) Schießereien waren.
Es muß davon ausgegangen werden, daß die Lagerkommandanten der Rheinwiesenlager solche Registrierungen bewußt nicht vor-nahmen oder es auf direkten Befehl unter-ließen, die Todesfälle zu erfassen.
Ehemalige Mitglieder der Leichen- bzw. Beerdigungskommandos in den einzelnen Lagern berichteten, daß sie teilweise pro Tag mehrere Hundert Verstorbene aus dem Lager schafften und auf LKW abluden.
Ein großer Teil der Opfer wurde auch in nahebei gelegenen Massengräbern ver-scharrt. Die Erkennungsmarken der ver-storbenen Soldaten wurden der Lagerver-waltung übergeben.
Da eine Registrierung und Erfassung seitens der US-Amerikaner nicht vorgesehen war, ist davon auszugehen, daß diese Erkennungs-marken vernichtet wurden, um so keinerlei Nachweise zu ermöglichen.
Die Zeitzeugenberichte der Gefangenen als auch der Leichenkommandos stehen auf je-den Fall in krassem Gegensatz zu den heute offiziell bekannten Darstellungen und Opferzahlen.
Summa summarum werden durch die ver-schiedene Autoren erheblich voneinander abweichende Zahlenangaben zu den Opfer-zahlen gemacht. Erich Maschke (Maschke-Kommission) nannte 1962 32.000 Todes-opfer in den Rheinwiesenlagern.[5]
Die Lager mit der höchsten Sterblichkeit waren dabei Bad Kreuznach (Lager Galgen-berg und Lager Bretzenheim), Sinzig bei Remagen, Rheinberg, Heidesheim am Rhein, Wickrathberg und Büderich. In diesen sechs Lagern kamen ca. 5.000 von 500.000 Insassen ums Leben.
Rechnet man diese Zahlen auf die ca. 1 Million Gefangenen nur in den Rheinwiesen-lagern hoch, ergäbe sich eine obere Grenze von 10.000 Toten. Eine neuere Untersuchung für die beiden Lager Remagen und Sinzig („Goldene Meile)“, in denen insgesamt ein Drittel aller Gefangenen interniert waren, bestätigt dieses Ergebnis und schließt höhere Todeszahlen für diese Region aus.[6]
Der US-amerikanische Historiker Arthur L. Smith nennt die jeweils niedrigste und höchste wohlgemerkt lediglich auf Schät-zungen beruhenden Opferzahl 8.000 bzw. 40.000.
Alle diese Zahlen müssen als unsicher und höchst fragwürdig erscheinen. Wahrschein-licher sind mehrere Zehntausend Tote oder sogar einige Hunderttausend.
Die Todesziffer von ca. 750 000 Toten in den amerikanischen Rheinwiesenlagern wird verdeutlicht durch Berichte aus dem Lager Bretzenheim bei Bad Kreuznach.[7]
„Ich bin Jahrgang 1924 und als Ange-höriger der 5. Fallschirmjäger-Division am 20. April 1945 knapp drei Wochen vor der deutschen Kapitulation nach flucht-artigem Rückzug aus Frankreich im Harz bei Quedlinburg von Amerikanern gefangen genommen worden.
Ein paar Tage später wurden wir Gefan-genen in offenen belgischen Kohlen-waggons mit je etwa 60 Mann Schulter an Schulter stehend ohne Verpflegung, ohne Wasser und natürlich ohne Toiletten in rund 24 Stunden nach Bretzenheim bei Bad Kreuznach gekarrt und auf offener Strecke ausgeladen.
Fast alle Männer hatten vom Stehen Wasser in den Beinen und konnten kaum noch gehen. Das Gefangenenlager war ein vom Regen durchweichter nackter Acker, Stacheldraht umzäunt, ohne ein einziges Zelt oder gar Gebäude.
Wir lagen auf dem schlammigen Acker-boden, Körper an Körper, weil nur je drei Mann eine Wolldecke hatten. Es gab ansonsten kein Trinkwasser und keine Verpflegung.
Die Latrine war eine mit einem Bulldozer ausgehobene, etwa von der Größe wie zwei Zimmer, große Grube, ohne Rand-befestigung und ohne Sitzgelegenheiten. Wer in diese Grube fiel, ertrank in den Fäkalien.
Wasser zum Waschen gab es nicht. Jeden Morgen gingen Sanitäter durch die end-losen Reihen der Liegenden und stießen diejenigen mit dem Fuß an, von denen sie glaubten, daß sie tot waren.
Nach der ersten Nacht wurden angeblich 120 Tote deutsche Landser gezählt. Nach Tagen gab es das erste Trinkwasser und dann später die erste ,Verpflegung‘: etwa 50 Mann ein Weißbrot und für jeden je einen Teelöffel Kaffeepulver, Eipulver, Milchpulver und Zucker.
In diesem Lager bin ich bis zu meiner offiziellen Entlassung am 12 Juni 1945 geblieben.“
Über einen Mitgefangenen wird berichtet:
„ … obwohl auch er inzwischen zum Ske-lett abgemagert ist, obwohl auch er in manchen Nächten mit brennenden Augen in den Himmel starrt und sich auszu-rechnen versucht, wann er wohl zu jenen Kameraden zählt, die man morgens im Lager einsammelt und an den Straßen-graben legt, damit sie zum ,Helden-friedhof‘ gefahren werden …“
Ein ehemaliger Insasse des Lagers berichtete: Die Bretzenheimer Einwohner sahen von April bis Juli 1945 jeden Morgen die Haufen von 120 bis 180 Leichen am Tor und können vom Verladen dieser Umgekommenen auf Last-kraftwagen berichten, die zum Galgenberg bei Kreuznach oder nach Stromberg davon-brausten.[8]
Zu berücksichtigen ist die Tatsache, daß die Masse der Opfer in den Rheinwiesenlagern den unmenschlichen und barbarischen Bedingungen zum Opfer fiel. Ständiger Hunger und Durst, Auszehrung, extreme Abmagerung usw.
Viele Insassen erstickten bei Verschüttung in ihren selbst gegrabenen Erdlöchern oder den fuchsbauähnlichen Erdhöhlen, andere erlagen ihren Verwundungen bzw. Kriegsverletzun-gen.
Das Risiko, in einem der Rheinwiesenlager sein Leben auszuhauchen, war auf jeden Fall erheblich größer als die Chance, diese Be-dingungen und Torturen, abgesehen von den ständigen gewalttätigen Übergriffen der US-Bewacher, überleben zu können.
Überleben konnten im Grunde nur die, die erstens mit einer robusten Natur ausgestattet waren und überdies auch wenigstens einen Teil ihrer Ausrüstung behalten hatten (Mili-tärmantel, Zeltplane) und darüber hinaus aber auch einen gefestigten psychischen Allgemeinzustand besaßen.
Eine Nachbemerkung
zur Allgemeinsituation der Insassen der RheinwiesenlagerDie gefangenen deutschen Soldaten waren, zumal abgeschnitten von jeglicher Informa-tion sowohl seitens der Angehörigen, ebenso aber auch über die Situation im besiegten Deutschland, vollkommen orientierungslos. Die unmittelbare ebenso wie die fernere Zukunft erschien unsicher.
Nach heutigem Verständnis standen die Gefangenen unter erheblichem seelischen Streß, ein nicht geringer Teil war infolge eigener Kampferfahrung und als Augenzeuge ungezählter gefallener Kriegskameraden sicherlich auch traumatisiert.
Hinzu kam die Ungewißheit über das Schicksal der Angehörigen, insbesondere jener aus Ost- und Mitteldeutschland stammender Soldaten.
Fast 1 Million Westdeutsche waren in den Jahren ab 1943 bis Ende 1944 nach Thü-ringen und insbesondere aber in das als sicher angesehene Ostdeutschland (Ost-brandenburg, Niederschlesien, Pommern, Ostpreußen) evakuiert worden.
Bei Kriegsende hielt sich etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung, etwa 30 Millionen Menschen, nicht in ihrem eigenen Wohnbe-reich auf, sondern befand sich entweder ausgebombt oder geflüchtet oder vertrieben auf der Flucht, notdürftig untergebracht in Notquartieren oder bei Verwandten.
Den gefangenen deutschen Soldaten waren diese konkreten Zahlen nicht bekannt, aber aus eigenem Erleben bei Heimaturlauben wußten fast alle, in welchem Maße Deutsch-land am Boden und zerschmettert war. Und nun fanden sie sich in der Hand eben jener, die für dieses allgemeine Chaos verant-wortlich waren.
Anmerkung hierzu: Die bundesdeutsche Geschichtsschreibung übernahm die Sicht der Kriegssieger und machte für das Elend und Leid, das die Deutschen 1945 und in den Jahren danach erlitten, Hitler und die natio-nalsozialistische Regierung verantwortlich und nahm diese in Haftung.
Hierbei wird in einer geradezu erstaunlichen und nie dagewesenen Art und Weise das Verursacherprinzip umgedreht.
Vielen Gefangenen in den Rheinwiesenlagern mußte ihre individuelle Lage aussichtslos erscheinen. Der seelische Druck nahm von Woche zu Woche zu, dies insbesondere auch angesichts der vielen sterbenden Kameraden.
Seelisch fest zu bleiben und nicht gemüts-krank zu werden, gelang vielen Lagerinsassen nicht, sie gaben sich auf, zumal eine zuver-sichtliche Zukunft angesichts der aktuellen Bedingungen wenig aussichtsreich erscheinen mußte.
Apathie, Teilnahmslosigkeit, Selbstaufgabe, Depressionen waren allgegenwärtig. Und Lagerkoller, Selbstaufgabe und Depressionen endeten nur allzu oft in Selbstmord. Zahlen liegen auch hierfür nicht vor.
Die US-Armee bzw. die Lagerverwaltungen der Rheinwiesenlager schirmten die deut-schen Gefangenen rigoros vor der Bevöl-kerung und allen Außenkontakten ab.
Mittels Aushängen und klaren Befehlen seitens der Militärkommandanturen wurde den Bewohner umliegender Orte untersagt, sich den einzelnen Lagern zu nähern.
Aufgrund des strikten Kontaktverbotes war es den Bewohnern von Ortschaften im Umkreis der Rheinwiesenlager auch weder möglich, direkte Hilfe zu leisten oder etwa Mitteilun-gen, Informationen usw. in die Lager einzu-schleusen oder aus dem Lager kommende Nachrichten zu übernehmen und weiterzu-leiten.
Die Bewacher eröffneten auf jeden, der sich von außerhalb den Lagerzäunen näherte das Feuer.[9]
In der Anfangszeit der Existenz der Lager wurde den deutschen Soldaten mit Kriegs-gefangenen – Status („POW“) noch gestattet, die gemäß der Genfer Konvention vorge-schriebene Gefangenschaftskarte auszufül-len. Den als „Entwaffnete Feindkräfte“ deklarierten deutschen Soldaten (DEF –Status), Waffen-SS-Angehörigen oder Zivilisten wurde dies nicht mehr ermöglicht.
Jedoch wurden auch die von Kriegsgefange-nen ausgefüllten Gefangenschaftskarten nicht an die Empfänger weitergeleitet, weil der ge-samte Postverkehr aufgrund der Kriegsein-wirkungen zusammengebrochen war bzw. auch, so er örtlich oder regional noch funk-tionsfähig war, unterbunden wurde.
Dieser Zustand hielt bis in den Sommer 1945 an. Ab Juli 1945 wurde der Briefverkehr schrittweise auf die einzelnen Ländergebiete, bis Oktober auf die gesamte jeweilige Zone, und kurz darauf auch auf die übrigen Besat-zungszonen ausgedehnt. In der Regel waren nur gewöhnliche Postkarten und offene Behörden-, Banken- und Geschäftsbriefe zugelassen.
Die Aufnahme des interzonalen Postverkehr erfolgte am 27. Oktober 1945.[10]
Bis heute ist die Bewertung der Rheinwiesen-lager je nach Sichtweise unterschiedlich. Dies betrifft sowohl die mangels Quellen kaum sicher zu beziffernde Zahl der Opfer. Hoch-rechnungen, Schätzungen und Augenzeu-genberichte lassen die Annahme berechtigt erscheinen, daß mehrere Hunderttausend Tode zu beklagen waren.
Dem entgegen steht die relativ kurze Zeit-spanne der Existenz der Lager. James Baque beziffert die Opferzahlen auf 800.000 bis zu 1 Million.
Diese Zahl hält jedoch einer kritischen Über-prüfung kaum stand, selbst unter Zugrunde-legung einer auf höherer Ebene der US-Ad-ministration getroffenen Entscheidung, die gefangenen deutschen Soldaten durch die Art und Weise der mangelhaften Unterbringung und eingeschränkten Zuganges zu Essens-rationen gezielt zu dezimieren.
Somit bleiben alle Mutmaßungen über die Opferzahlen in hohem Maße spekulativ. Wenn in den vier Monaten der Existenz der Rhein-wiesenlager zwischen 5 % bis 10 % der In-sassen verstorben sind, wären etwa 100.000 bis 200.000 Tote anzusetzen. Letztlich wäre auch diese Opferzahl unverhältnismäßig und Indiz für die verbrecherische Vorgehensweise der US-Amerikanischen Besatzer.
James Baque stützte sich bei seiner Be-rechnung und Argumentation hauptsächlich auf die Tatsache, daß in der Kriegsgefan-genenstatistik etwa 1 Million deutscher Soldaten nicht erfaßt bzw. nicht nachweisbar sind.
Der US-Autor Arthur L. Smith vertrat im gegebenem Zusammenhang dagegen die These, daß diese 1 Million deutscher Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft zu-grunde gegangen sind.
Das Schicksal der an der Ostfront in sowjeti-sche Kriegsgefangenschaft geratenen Sol-daten steht letztlich in engem Zusammen-hang mit der relativ sicheren Zahl der an der Ostfront „Vermißten“, die entweder als ge-fallen oder in Kriegsgefangenschaft geraten angesehen werden.
Insgesamt sind etwa 1,2 Millionen Solda-tenschicksale ehemaliger deutscher Soldaten bis heute ungeklärt. Insofern muß der Inter-pretationsansatz von James Baque zumindest in wissenschaftlicher Hinsicht als gewagt bewertet werden, da auch er keine belast-baren Quellen nutzen konnte.
Eine abschließend sichere und auf der Aus-wertung von Quellen beruhende Opferzahl läßt sich für die Rheinwiesenlager aufgrund des Fehlens überlieferter Registrierungen, Akten und Quellen nicht angeben.
Anhang
Liste der US-Kriegsgefangenenlager (ohne Gewähr auf Vollständigkeit)[11]
Im Zuge des Vorrückens der Streitkräfte legten die US-Amerikaner Gefangenenlager in den besetzten Gebieten an:
Aalen (Württemberg), Adelsdorf (Bayern), Aigen (Böhmerwald), Alsdorf (Nordrhein-Westfalen), Altenstadt (Bayern), Amberg (Bayern), Ansbach (Bayern), Artern (Provinz Sachsen), Aschaffenburg (Bayern), Asperg (Württemberg), Auerbach (Bayern), Augsburg-Oberhausen (Bayern), Babenhausen (Hessen), Bad Aibling (Bayern), Bad Hersfeld (Hessen), Bad Homburg (Hessen), Bad Mergentheim (Württemberg), Bad Nauheim (Hessen), Bad Reichenhall (Bayern), Bad Salzschlirf (Hessen), Bad Tölz (Bayern), Bad Wildungen (Hessen), Bamberg (Bayern), Bebra (Hessen), Berchtesgaden (Bayern), Berlin-Lichterfelde, Berlin-Wannsee, Berlin-Zehlendorf, Bischofswiesen (Bayern), Brilon (Westfalen), Bobingen (Bayern), Bremerhaven-Weddewarten, Bruchsal (Baden), Bruck (Bayern), Burgau (Bayern), Burghausen (Bayern), Butzbach (Hessen), Coburg (Bayern), Dachau (Bayern), Darmstadt (Hessen), Ebensee (Oberösterreich), Elsenfeld (Bayern), Ens an der Ens (Österreich), Erding (Bayern), Erlangen (Bayern), Eschborn (Hessen), Eschwege (Hessen), Falkenstein (Hessen), Feucht (Hessen), Flossenbürg (Bayern), Frankenberg (Sachsen, Bezirk Chemnitz), Frankenberg (Hessen), Frankfurt/Main: Frankfurt-Niederrad, Frankfurt-Zeilsheim, Frauendorf (Bayern), Freising (Bayern), Friesdorf (Nordrhein-Westfalen), Fürstenfeldbruck (Bayern), Fürth (Bayern), Gabersee (Bayern), Garmisch-Partenkirchen (Bayern), Gars (Bayern), Gemünden (Bayern), Gießen-Wieseneck (Hessen), Glasenbach (Salzburg), Göggingen (Bayern), Göppingen (Württemberg), Golling (Salzburg), Gotha (Thüringen), Griesheim (Hessen), Großauheim (Hessen), Haar (München, Bayern), Haid (Oberösterreich), Hallein (Salzburg), Hammelburg (Bayern), Happurg (Bayern), Hausham (Bayern), Heilbronn (Württemberg), Heimbach (Hessen), Herborn (Hessen), Herrsching (Bayern), Hersbruck (Bayern), Hessisch-Lichtenau (Hessen), Hintersee (Salzburg), Hirschberg (Hessen), Hof (Bayern), Hof-Moschendorf (Bayern), Hohenbrunn (Bayern), Hundstadt (Hessen), Ingolstadt (Bayern), Ipsheim (Bayern), Kamp-Lintfort (Rheinland), Kaprun (Salzburg), Karlsfeld (Bayern), Karlsruhe, Katzenfurt (Hessen), Kaufbeuren (Bayern), Kesterbach (Hessen), Kleinmünchen (Oberösterreich), Königstein (Hessen), Korbach (Hessen), Lambach (Oberösterreich), Landsberg (Bayern), Landshut (Bayern), Langenzenn (Bayern), Langlau (Bayern), Limburg (Hessen), Linz (Oberösterreich), Linz-Wegscheid, Lohr (Bayern), Ludwigsburg (Württemberg), Maisach (Bayern), Manching (Bayern), Marburg (Hessen), Markt Bibart (Bayern), Memmingen (Bayern), Mittenwald (Bayern), Mohlsdorf (Thüringen), Moosburg (Bayern), Münchberg (Bayern), München: München-Allach, München-Daglfing, München-Freimann, Münster (Westfalen), Natternberg (Bayern), Naumburg/Saale (Provinz Sachsen), Neumarkt (Bayern), Neustadt (Hessen), Neu-Ulm (Bayern), Nieserroden, (Baden-Württemberg), Nürnberg: Nürnberg-Erlenstegen, Nürnberg-Langwasser, Oberdachstetten (Bayern), Oberursel (Hessen), Oberursel-Hohemark (Hessen), Ochsenfurt (Bayern), Ochsenpferch (Baden-Württemberg), Peuerbach (Oberösterreich), Planegg (Bayern), Plankstetten (Bayern), Plattling (Bayern), Possenhofen (Bayern), Pupping (Oberösterreich), Recklinghausen (Nordrhein-Westfalen), Regensburg (Bayern), Reinhartshausen (Bayern), Rockenberg (Hessen), Rosenheim (Bayern), Roth (Bayern), Salzburg, Salzburg Gnigl, Sankt Gilgen (Salzburg), Schliersee (Bayern), Schnuttenbach (Bayern), Schwabach (Bayern), Schwabmünchen (Bayern), Schwäbisch-Hall (Württemberg), Schweiklberg (Bayern), Stadt-Allendorf (Hessen), Stein (Bayern), Stephanskirchen (Bayern), Steyr (Oberösterreich), Straubing (Bayern), Stuttgart-Zuffenhausen, Sulzbach-Rosenberg, (Bayern), Tann (Bayern), Teugn (Bayern), Trostberg (Bayern), Tutzing (Bayern), Ulm, Vilshofen, (Bayern), Weiden (Oberpfalz, Bayern), Wels (Oberösterreich), Wendelhöfen (Bayern), Werneck (Bayern), Wickelskreuth (Bayern), Wien, Wiesbaden-Dotzheim, Wiesloch (Baden), Wolfratshausen (Bayern), Würzburg, Würzburg-Heidingsfeld, Wuppertal, Zell am See (Salzburg), Ziegenhain (Hessen)
Literatur:
James Baque: Der geplante Tod. Deutsche Kriegsgefangene in amerikanischen und franzöischen Lagern 1945 – 1946. Frankfurt/Main, Berlin: Ullstein 1989.
Paul Carell, Günter Böddeker. Die Gefange-nen. Leben und Überleben deutscher Soldaten hinter Stacheldraht. Frankfurt/Main, Berlin: Ullstein, 1990.
Kurt W. Böhme: Die deutschen Kriegsgefan-genen in amerikanischer Hand. Europa. In: Erich Maschke: Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des zweiten Weltkrieges. Band 10/2. München 1973.
Ders.: Die deutschen Kriegsgefangenen in amerikanischer Hand. Bielefeld: Gieseking, 1973.
Kurt Kleemann: Die Kriegsgefangenenlager Remagen und Sinzig 1945 aus der Sicht kommunaler Aktenbestände. In: Jahrbuch für Westdeutsche Landesgeschichte, Bd. 20, 1994.
Rüdiger Overmans: „Ein untergeordneter Eintrag im Leidensbuch der jüngeren Ge-schichte ?“ Die Rheinwiesenlager 1945. In: Hans Erich Volkmann (Hrsg.): Ende des dritten Reiches – Ende des zweiten Welt-krieges. Eine perspektivische Rückschau. München, Zürich: Pieper, 1995.
Arthur L. Smith: Die „vermißte Million“. Zum Schicksal deutscher Kriegsgefangener nach dem Zweiten Weltkrieg [= Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Band 65] (im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte hrsg. von Karl-Dietrich Bracher, Hans-Peter Schwarz, Horst Möller), München: Oldenbourg Verlag, 1992.
Erich Werner: Kriegsgefangenenlager Bretzenheim. Ein Bericht. Simmern (Hunsrück), 1984.
Anhang 2
Bericht eines US-amerikanischen Zeitzeugen[12]
„Ende März oder Anfang April 1945 wurde ich zur Bewachung eines Kriegsgefangenenlagers bei Andernach am Rhein abkommandiert. Dank meiner vier Jahre Schuldeutsch konnte ich mich mit den Gefangenen unterhalten, obwohl dies verboten war. Nach und nach wurde ich jedoch als Dolmetscher eingesetzt und beauftragt, SS-Mitglieder aufzuspüren (ich fand keine).
In Andernach waren etwa 50.000 Gefangene jeden Alters auf einem offenen Feld, umge-ben von Stacheldraht, untergebracht. Die Frauen befanden sich in einem separaten Gehege, das ich erst später zu Gesicht be-kam. Die Männer, die ich bewachte, hatten weder Schutz noch Decken; viele trugen keine Mäntel. Sie schliefen im Schlamm, naß und kalt, und ihre Fäkalien konnten nur in unzu-reichenden Schlitzen entsorgt werden. Es war ein kalter, nasser Frühling, und ihr Elend allein durch die Entbehrungen war unüber-sehbar.
Noch schockierender war es, zu sehen, wie die Gefangenen Gras und Unkraut in eine Blechdose mit dünner Suppe warfen. Sie erzählten mir, sie täten dies, um ihren Hun-ger zu lindern. Schnell magerten sie ab. Die Ruhr wütete, und bald schliefen sie in ihren eigenen Exkrementen, zu schwach und zu eng, um die Schützengräben zu erreichen.
Viele bettelten um Essen, wurden krank und starben vor unseren Augen. Wir hatten reich-lich Lebensmittel und Vorräte, taten aber nichts, um ihnen zu helfen, auch keine medi-zinische Versorgung.
Empört protestierte ich bei meinen Offizieren und stieß auf Feindseligkeit oder Gleichgül-tigkeit. Auf Nachfrage erklärten sie, sie stün-den unter strengem Befehl von „höheren Stellen“.
Kein Offizier würde es wagen, 50.000 Mann so zu behandeln, wenn er es für „unange-messen“ hielte, und sich damit angreifbar machen. Da ich erkannte, daß meine Proteste sinnlos waren, fragte ich einen Freund, der in der Küche arbeitete, ob er mir etwas Essen für die Gefangenen zustecken könne. Auch er sagte, sie stünden unter strengem Befehl, die Lebensmittel der Gefangenen stark zu ratio-nieren, und dieser Befehl käme von „höheren Stellen“. Aber er sagte, sie hätten mehr Es-sen, als sie verbrauchen könnten, und würden mir etwas davon zustecken.
Als ich den Gefangenen das Essen über den Stacheldraht warf, wurde ich erwischt und mit Gefängnis bedroht. Ich wiederholte den „Vor-wurf“, woraufhin ein Offizier wütend drohte, mich zu erschießen. Ich hielt das für einen Bluff, bis ich auf einem Hügel oberhalb des Rheins einem Hauptmann begegnete, der mit seiner .45er Pistole auf eine Gruppe deut-scher Zivilistinnen schoß. Auf meine Frage „Warum?“ murmelte er „Zielübung“ und feu-erte, bis seine Pistole leer war. Ich sah die Frauen in Deckung rennen, konnte aber aus dieser Entfernung nicht erkennen, ob jemand getroffen worden war.
Da wurde mir klar, daß ich es mit kaltblütigen Mördern zu tun hatte, die von moralisieren-dem Haß erfüllt waren. Sie hielten die Deut-schen für Untermenschen, die der Vernich-tung würdig waren – ein weiterer Ausdruck des immer tiefer werdenden Rassismus.
Artikel in der Soldatenzeitung „Stars and Stripes“ schürten die Angst vor den deut-schen Konzentrationslagern, inklusive Fotos abgemagerter Leichen. Das verstärkte unsere selbstgerechte Grausamkeit und erleichterte es uns, ein Verhalten nachzuahmen, das wir eigentlich bekämpfen sollten. Ich glaube auch, daß Soldaten, die nicht im Kampf ein-gesetzt waren, ihre Härte beweisen wollten, indem sie ihren Frust an Gefangenen und Zivilisten ausließen.
Wie ich herausfand, waren diese Gefangenen zumeist Bauern und Arbeiter, so einfach und ungebildet wie viele unserer eigenen Trup-pen. Mit der Zeit verfielen immer mehr von ihnen in einen zombiehaften Zustand der Apathie, während andere in wahnsinniger oder gar selbstmörderischer Manier zu fliehen versuchten und am hellichten Tag über offene Felder zum Rhein rannten, um ihren Durst zu stillen. Sie wurden niedergemäht.
Manche Gefangene waren genauso hungrig nach Zi-garetten wie nach Essen, da sie sagten, diese würden ihren Hunger stillen. Findige US-Soldaten, sogenannte „Yankee-Händler“, tauschten deshalb Unmengen an Uhren und Ringen gegen eine Handvoll Zigaretten oder weniger. Als ich anfing, den Gefangenen Zigarettenschachteln zuzu-werfen, um diesem Handel ein Ende zu setzen, wurde ich auch von einfachen Soldaten bedroht.
Der einzige Lichtblick in dieser trostlosen Situation war eine Nacht, in der ich von zwei bis vier Uhr morgens zur Nachtschicht ein-geteilt wurde. Tatsächlich befand sich ober-halb des Gefängnisgeländes, nur wenige Meter entfernt, ein Friedhof. Meine Vorge-setzten hatten vergessen, mir eine Ta-schenlampe zu geben, und ich hatte auch nicht danach gefragt, da ich die ganze Situation mittlerweile völlig verabscheute.
Es war eine recht helle Nacht, und ich be-merkte bald einen Gefangenen, der unter dem Stacheldraht in Richtung Friedhof kroch. Wir sollten Ausbrecher sofort erschießen, also stand ich auf, um ihn zu warnen, zurückzu-kommen. Plötzlich bemerkte ich einen wei-teren Gefangenen, der vom Friedhof zurück ins Gehege kroch. Er riskierte sein Leben, um aus irgendeinem Grund zum Friedhof zu gelangen; ich mußte der Sache nachgehen.
Als ich die Dunkelheit dieses buschigen, von Bäumen beschatteten Friedhofs betrat, fühlte ich mich völlig schutzlos, doch meine Neu-gier trieb mich an. Trotz meiner Vorsicht stolperte ich über die Beine einer am Boden liegenden Person. Ich riß mein Gewehr he-rum, taumelte und versuchte, mich zu sam-meln, und war erleichtert, nicht reflexartig geschossen zu haben.
Die Gestalt richtete sich auf. Nach und nach erkannte ich das schöne, aber verängstigte Gesicht einer Frau mit einem Picknickkorb daneben. Deutschen Zivilisten war es ver-boten, die Gefangenen zu füttern oder sich ihnen auch nur zu nähern. Deshalb versi-cherte ich ihr schnell, daß ich ihr Vorgehen gutheiße, sie keine Angst haben solle und daß ich den Friedhof verlassen würde, um ihr nicht im Weg zu sein.
Ich tat dies sofort und setzte mich an einen Baum am Rand des Friedhofs, um unauffällig zu sein und die Gefangenen nicht zu er-schrecken. Ich stellte mir damals vor, und tue es noch heute, wie es wohl wäre, unter diesen Umständen als Gefangener einer schönen Frau mit einem Picknickkorb zu begegnen. Ihr Gesicht habe ich nie vergessen.
Schließlich krochen weitere Gefangene zurück in den Bereich. Ich sah, wie sie Essen zu ihren Kameraden schleppten und konnte ihren Mut und ihre Hingabe nur bewundern.
Am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, beschloß ich, mit einigen Gefangenen zu feiern, die ich bewachte und die Brot backten, das die an-deren Gefangenen gelegentlich bekamen. Diese Gruppe hatte so viel Brot, wie sie essen konnten, und teilte die ausgelassene Stim-mung, die das Kriegsende mit sich brachte. Wir alle glaubten, bald nach Hause zu kom-men – eine klägliche Hoffnung. Wir befanden uns in der späteren französischen Zone, wo ich bald die Brutalität der französischen Soldaten miterleben sollte, als wir unsere Gefangenen in ihre Zwangsarbeitslager übergaben. An diesem Tag jedoch waren wir glücklich.
Als Zeichen der Freundlichkeit leerte ich mein Gewehr und stellte es in die Ecke. Auf ihren Wunsch hin durften sie sogar damit spielen! Das lockerte die Stimmung auf, und bald sangen wir Lieder, die wir einander beige-bracht hatten oder die ich im Deutschun-terricht gelernt hatte („Du, du liegst mir im Herzen“). Aus Dankbarkeit backten sie mir ein kleines, süßes Brot – das einzige Ge-schenk, das sie mir noch machen konnten. Ich stopfte es in meine Eisenhower-Jacke und schmuggelte es zurück in meine Baracke, wo ich es in Ruhe aß. Nie zuvor habe ich köstli-cheres Brot gegessen oder beim Essen eine so tiefe Verbundenheit verspürt.
Ich glaube, daß mir an diesem Tag eine kosmische Ahnung von Christus (der Einheit allen Seins) ihre sonst verborgene Gegenwart offenbarte und meine spätere Entscheidung, Philosophie und Religion zu studieren, beeinflußte.
Kurz darauf wurden einige unserer schwa-chen und kranken Gefangenen von fran-zösischen Soldaten in ihr Lager abgeführt. Wir fuhren auf einem Lastwagen hinter dieser Kolonne. Kurzzeitig verlangsamte der Wagen die Fahrt und fiel zurück, vielleicht weil der Fahrer genauso schockiert war wie ich:
Immer wenn ein deutscher Gefangener tau-melte oder zurückfiel, wurde er mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen, bis er tot war. Die Leichen wurden an den Straßenrand gerollt, um von einem anderen Lastwagen abgeholt zu werden. Für viele mag dieser schnelle Tod dem langsamen Verhungern auf unseren „Vernichtungsfeldern“ vorgezogen worden sein.
Als ich die deutschen Frauen endlich in einem separaten Bereich sah, fragte ich, warum sie gefangen gehalten wurden. Man erklärte mir, sie seien „Marketleaderinnen“, ausgewählt als Zuchtmaterial für die SS, um eine Überrasse zu schaffen. Ich sprach mit einigen von ihnen und muß sagen, daß ich nie eine so tempera-mentvolle und attraktive Gruppe von Frauen kennengelernt habe. Ich fand ganz sicher nicht, daß sie die Gefangenschaft verdient hatten.
Ich wurde zunehmend als Dolmetscher eingesetzt und konnte einige besonders unglückliche Verhaftungen verhindern. Ein recht amüsanter Vorfall betraf einen alten Bauern, der von mehreren Militärpolizisten abgeführt wurde. Man sagte mir, er besäße eine „protzige Nazi-Medaille“, die man mir auch zeigte. Zum Glück hatte ich eine Über-sicht über solche Medaillen. Er hatte sie für seine fünf Kinder erhalten! Vielleicht war seine Frau etwas erleichtert, ihn „loszu-werden“, aber ich fand, eines unserer Ver-nichtungslager sei keine angemessene Strafe für seinen Beitrag zu Deutschland. Die Militärpolizisten stimmten zu und ließen ihn frei, damit er seine „schmutzige Arbeit“ fortsetzen konnte.
Auch unter der deutschen Zivilbevölkerung breitete sich der Hunger aus. Es war ein alltäglicher Anblick, deutsche Frauen bis zu den Ellbogen in unseren Mülltonnen wühlen zu sehen, auf der Suche nach Eßbarem – so-fern sie nicht vertrieben wurden.
Als ich Bürgermeister kleiner Städte und Dörfer interviewte, berichteten sie mir, ihre Lebensmittelvorräte seien von „Displaced Persons“ (Ausländern, die in Deutschland gearbeitet hatten) geplündert worden. Diese hätten die Lebensmittel auf Lastwagen ver-laden und seien weggefahren.
Als ich dies meldete, reagierte man nur mit Achselzucken. Ich sah nie ein Rotes Kreuz im Lager oder Hilfe für Zivilisten, obwohl ihre Kaffee- und Krapfenstände überall sonst für uns zugänglich waren. In der Zwischenzeit waren die Deutschen bis zur nächsten Ernte auf die gemeinsame Nutzung versteckter Vorräte angewiesen.
Der Hunger machte deutsche Frauen „ver-fügbarer“, doch trotz allem waren Verge-waltigungen weit verbreitet und oft von weiterer Gewalt begleitet. Ich erinnere mich besonders an eine Achtzehnjährige, der mit einem Gewehrkolben die Wange eingeschla-gen und die anschließend von zwei US-Soldaten vergewaltigt wurde.
Selbst die Franzosen beklagten sich über die Vergewaltigungen, Plünderungen und die Zerstörungswut unserer Truppen im betrun-kenen Zustand. In Le Havre hatten wir Bro-schüren erhalten, die uns davor warnten, daß die deutschen Soldaten gegenüber friedlichen französischen Zivilisten einen hohen Stan-dard an Anstand bewahrt hätten und daß wir es ihnen gleichtun sollten. Darin versagten wir kläglich.
„Na und?“, würden manche sagen. „Die Greu-eltaten des Feindes waren schlimmer als unsere.“ Es stimmt, daß ich nur das Kriegs-ende miterlebt habe, als wir bereits die Sieger waren. Die deutschen Greueltaten waren vorbei; unsere waren nun unmittelbar bevor-stehend. Doch zwei Unrechte ergeben kein Recht. Anstatt die Verbrechen unserer Feinde zu wiederholen, sollten wir ein für alle Mal den Kreislauf von Haß und Rache durchbre-chen, der die Menschheitsgeschichte so lange geprägt und verzerrt hat.
Deshalb spreche ich jetzt, 45 Jahre nach dem Verbrechen, darüber. Wir können einzelne Kriegsverbrechen niemals verhindern, aber wir können, wenn genügend von uns ihre Stimme erheben, die Regierungspolitik beeinflussen.
Wir können die Regierungspropaganda zu-rückweisen, die unsere Feinde als Unter-menschen darstellt und zu Greueltaten wie denen anstiftet, die ich miterlebt habe. Wir können gegen die Bombardierung ziviler Ziele protestieren, die bis heute andauert. Und wir können uns weigern, die Ermordung unbe-waffneter und besiegter Kriegsgefangener durch unsere Regierung jemals zu dulden.
Mir ist bewußt, daß es für den Durchschnitts-bürger schwer ist, zuzugeben, Zeuge eines Verbrechens dieses Ausmaßes gewesen zu sein, insbesondere wenn er selbst daran beteiligt war. Selbst Soldaten, die mit den Opfern sympathisierten, hatten Angst, sich zu beschweren und in Schwierigkeiten zu geraten, erzählten sie mir.
Und die Gefahr besteht weiterhin. Seit ich vor einigen Wochen darüber gesprochen habe, habe ich Drohanrufe erhalten und mein Briefkasten wurde zerstört. Aber es hat sich gelohnt. Über diese Greueltaten zu schreiben, war eine Katharsis, eine Befreiung von lange unterdrückten Gefühlen, und vielleicht erin-nert es andere Zeugen daran, daß „die Wahr-heit uns frei macht, fürchtet euch nicht“. Wir können daraus sogar eine wichtige Lektion lernen: Nur die Liebe kann alles überwinden.
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Anmerkungen
[1]Qu.: Josef Nowak: Menschen auf den Acker gesät. Kriegsgefangen in der Heimat, Hameln 1990, S. 197.
[2]Grundlage waren Erhebungen umliegender deutscher Gemeindeverwaltungen.
[3]Typische Krankheiten waren Mandelentzündungen, Lungenentzündungen, Bronchitis, Blasenkatarrh, Durchfälle, Ruhr, Typhus, Diphtherie, TBC, Hungerödemen, Herz- und Kreislaufschwäche, Marasmus, Phlegmone, Hepatitis, Enteritis, Karbunkeln, Dysenterie.
[4]Qu.: Kurt W. Böhme: Die deutschen Kriegsgefangenen in amerikanischer Hand, S. 203.
[5]Erich Maschke untersuchte im Auftrag des Bundesministeriums für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte die Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen wissenschaftlich.
[6]Kurt Kleemann: Die Kriegsgefangenenlager Remagen und Sinzig 1945 aus der Sicht kommunaler Aktenbestände. In: Jahrbuch für Westdeutsche Landesgeschichte. 20, 1994, S. 52.
[7]Rolf Spenner: Tränen, Tod und tausend Qualen. Kriegsgefangenenlager Bretzenheim, Pfaffen-Schwabenheim (4. Aufl.), 1995.
[8]Erich Werner: Kriegsgefangenenlager Bretzenheim. Ein Bericht, Simmern (Hunsrück), 1984, S. 9.
[9]Kurt W. Böhme. Die deutschen Kriegsgefangenen in amerikanischer Hand. S. 161 f. – James Bacque: Der geplante Tod, S. 230 – 235 und 368.
[10]Bevorzugt befördert wurden Postsendungen ehem. Fremdarbeiter und anderer Ausländer (DPs) und für die Arbeit des Roten Kreuzes notwendige Post. Für den Postverkehr von Banken, Krankenhäusern, Feuerwehr und Polizei wurden Kurierdienste mit oder ohne Mitwirkung der Post eingerichtet.
[11]Qu.: Kurt W. Böhme, Die deutschen Kriegsgefangenen in amerikanischer Hand. Europa, München 1973.
[12]Qu.: The Journal of Historical Review, Bd. 10, Nr. 2, S. 161–166.