Feed für
Beiträge
Kommentare

Türkei Teil III

Thomas Engelhardt

faßt zusammen:

In der Wahrnehmung Europas bzw. insbesondere der mitteleuropäischen Bevölkerung war das Osmanische Reich immer nur eine expansive, auf Raub und Eroberung orientierte Macht und die Angehörigen der osmanischen Armee eine brutale Eroberungstruppe, die hart und unbarmherzig gegen Ungläubige (Christen) vorgeht.

Die historische Wahrheit ist wie so oft auch in diesem Fall weitaus vielschichtiger.

Das bis heute gezeichnete Geschichtsbild läßt sich auf nachstehende Kernaussagen redu-zieren:

  1. Die Osmanen vertilgten Andersgläubige mit Feuer und Schwert. Sie verteidigten die Sklaverei Ungläubiger. 2. Die Ar-meen des Osmanischen Reiches ver-heerten und verwüsteten christliche Kulturländer wie Syrien, Kleinasien und Ägypten, die einst die Kornkammern Europas waren.

  2. In blindem Fanatismus verwandelten sie blühende Kulturlandschaften in Wüste-neien.

Keine dieser vereinfachenden Zusammenfassungen entspricht der historischen Realität.

Richtig ist, daß das Osmanische Reich im Zuge seines politischen Aufstiegs expan-dierte und seine Vorherrschaftsansprüche auf dem Balkan, im Mittleren Osten und Ägypten unbarmherzig durchsetzte.

Insgesamt gesehen war jedoch der Umgang mit religiösen Minderheiten und die Be-handlung nichttürkischer Völkerschaften bzw. von Nichtmuslimen weitaus schonender, rücksichtsvoller und ausgewogener als in zeitgleich existierenden europäischen („christlichen“) Staaten. Toleranz war in diesem Sinne ein Staatsprinzip. Genau das Gegenteil aber wird mit den Türken und dem Osmanischen Reich in der Regel verbunden.

In der Liste der Großwesire[1] des Osmani-schen Reiches erscheinen zwischen 1580 bis etwa 1800 zahlreiche Amtsträger nichttür-kischer Abstammung, darunter mehrere  Albaner, Kroaten, Bosnier, Ungarn, Georgier, Tscherkessen, Griechen, Serben und Bulgaren.

Erst mit Beginn des 19. Jh. sind die Großwesire dann nahezu durchgängig türkischer Abstammung.

Bemerkenswert ist darüber hinaus auch die Tatsache, daß die soziale Mobilität im Osmanischen Reich wesentlich höher war als zeitgleich in den europäischen Staaten.

Der Ziehvater von Carl Detroit/Mehmed Ali Pascha, Mehmed Emin Ali Efendi (Pascha)[2] ist bestes Beispiel für diese These. Mehmed Emin wurde als Sohn eines Bediensteten im öffentlichen Dienst geboren, sein Vater war Pförtner am Eingang bei der Mercan-Moschee zum Ägyptischen Basar in Istanbul, zudem verkaufte er an einem kleinen Stand Gewürze.

Nach dem Tod seines Vaters erhielt Mehmed Emin – vermutlich vermittelt durch die Zunft der Gewürzhändler – eine Stelle als Schrei-berlehrling in den Schreibstuben des Groß-herrlichen Staatssekretariates (Sadâret Dîvân-ı hümâyûn).

In Anerkennung seiner Leistungen gaben ihm seine Vorgesetzten den Beinamen Âli (arabisch „der Erhabene“). Fortan wurde er mit „Âli Efendi“ angeredet, später als „Âli Pascha“.

Der begabte Junge erlernte die französische Sprache und wurde im Alter von 18 Jahren Übersetzer im Großherrlichen Übersetzungs-büro (Tercüme odası) an der Hohen Pforte, dem Sitz der osmanischen Regierung. Ein solcher sozialer und gesellschaftlicher Auf-stieg mußte in Europa undenkbar erscheinen!

Die in Europa bis heute gepflegten und manifestierten Vorbehalte und Vorurteile gegenüber der türkischen Nation[3] werden nicht zuletzt auch in der Politik der Euro-päischen Union gegenüber der Türkischen Republik deutlich.

Nahezu alle Ministerpräsidenten der vergan-genen fünfzig Jahre bemühten sich um An-näherung an die Europäischen Gemein-schaften bzw. die EU. In Europa war man sich jedoch weitestgehend einig, daß die Türkei die Bedingungen selbst für eine assoziierte Mitgliedschaft nicht erfülle.

Inzwischen hat sich eine neue Führungs-schichtengeneration in der Türkei für einen eigenen Weg entschieden, der von der Wahrnehmung nationaler türkischer Inter-essen und der engeren Anbindung  der Turkvölker in Mittelasien, im Kaukasus und im Mittleren Osten gekennzeichnet ist.

Die in der Europäischen Union auf vorgeblich universell geltenden Werten beruhenden und entsprechend praktizierten Politikmodelle finden in der Türkei nur noch bedingt Aner-kennung und Anwendung.

Völlig aus dem kollektiven Gedächtnis der Bundesdeutschen getilgt sind die Ende d. 19. Jh. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts be-stehenden engen Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und Deutschland (Deutsches Reich). Stichworte sind der Bau der Bagdadbahn von 1903-1918, die Waf-fenbrüderschaft in der Zeit des I. Weltkriegs und die Präsenz deutscher Truppen und Militärberater in Istanbul sowie an den Kriegsschauplätzen im Mittleren Osten.

Zwischen 1914 bis 1918 waren 800 deutsche Offiziere des Kaiserreiches als Militärberater im Bestand der kaiserlichen Militärmission im Osmanischen Reich eingesetzt.

Darüber hinaus war das deutsche Freikorps „Haidar Pascha“ unter dem Befehl von Ewald Hecker (1879-1954) sowie das Levante-Korps im Kriegseinsatz. Das Levante-Korps war in zwei Korps-Einheiten aufgeteilt.

Oberbefehlshaber des Levante-Korps war Generalmajor Friedrich Freiherr Kreß von Kressenstein (1870–1948), (Kommandeur des 1. Türkischen Expeditionskorps), später Befehlshaber der Gaza-Front.

Von Juli 1917 bis August 1918 wurde das Korps von Generalmajor Werner von Frankenberg und Proschlitz (1868–1933) geführt, in den letzten Kriegsmonaten übernahm Oberst Gustav von Oppen (1867–1918) den Befehl.

Dieses  Einsatzkorps war direkt dem Befehl der osmanischen Heeresgruppe F unterstellt, welche von General Erich von Falkenhayn und ab Februar 1918 bis Kriegsende von Mar-schall Liman von Sanders geführt wurde.

In der Zeit von Dezember 1917 bis  April 1918 gab es Stellungskämpfe in Mittelpalä-stina, von April bis September 1918 darüber hinaus dann auch schwere Kämpfe im Ost-jordanland. Die deutschen Truppen in Palästina wurden daraufhin noch einmal verstärkt.

Insgesamt waren 16.000 deutsche Soldaten in Palästina im Kriegseinsatz. Im Frühjahr (April/Mai) 1918 kamen dabei auch das 1. Masurische Infanterie-Regiment Nr. 146 unter Major Frithjof von Hammerstein-Gesmold (1870–1944) und von Mai bis Juli das Kurhessische-Reserve-Jäger-Bataillon Nr. 11 („Marburger Jäger“) mit über 1000 Mann und 468 Pferden unter Major von Menges zum Einsatz.

Die deutschen Fliegerabteilungen wurden in dieser Zeit u.a. nach Amman, Rayak, Aleppo, Hama und Homs ver-legt. Städte, die im vergangenen Jahrzehnt erneut in den Focus der Politik und medialen Berichterstattung rückten.

Während der fliegerischen Einsätze war der Fliegeroffizier Hellmuth Felmy (1885-1965) Führer der „Fliegerabteilung 300“, die den Beinamen „Pascha“ trug. Die Abteilung flog in der Zeit von 1916 bis 1918 Einsätze  in Palästina.

Auf dem dortigen Kriegsschauplatz war Felmy der bei den britischen Streitkräften berühm-teste deutsche Pilot.  Als ein ‚Nebenprodukt‘ militärischer Aufklärungstätigkeit (Aufklä-rungsfotografie) entstand die ‚Flug-Archäo-logie‘, da sich antike Bauwerke aus der Luft eindeutig abzeichneten, während sie vom Boden aus nicht zu erkennen waren.
Thomas E. Lawrence urteilte über die seinerzeitigen deutschen Truppenkontingente:

„Hier zum ersten mal wurde ich stolz auf den Feind, der meine Brüder getötet hatte. Sie waren zweitausend Meilen von ihrer Heimat entfernt, ohne Hoffnung in fremdem unbekannten Land, in einer Lage, verzweifelt genug, um auch die stärksten Nerven zu brechen.

Dennoch hielten ihre Trupps fest zu-sammen, geordnet in Reih und Glied, und steuerten durch das wild wogende Meer von Türken und Arabern wie Panzerschif-fe, schweigsam und erhobenen Hauptes. Wurden sie angegriffen, so machten sie halt, gingen in Gefechtsstellung und gaben wohlgezieltes Feuer. Da war keine Hast, kein Geschrei, keine Unsicherheit. Prachtvoll waren sie.“[4]

Die Ereignisse des I. Weltkriegs liegen jetzt mehr als hundert Jahre und damit drei Generationen zurück und sind im heutigen Deutschland doch so gut wie unbekannt.

Die Türkei wird heute allenfalls mit Urlaub an der Mittelmeerküste in Verbindung gebracht. Darüber hinaus ist das Land durch die Prä-senz von mehreren Millionen ehemaligen sog. Gastarbeitern und deren Nachkommen sehr eng mit der Bundesrepublik verbunden.

Das frühere Militärbündnis und die freund-schaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern dagegen spielen im kollektiven Bewußtsein der heutigen Deutschen keine Rolle mehr.

______________

Anmerkungen

[1]Großwesir oder Großvezir = oberster osmanischer Regierungsbeamter, faktisch Regierungschef und oberster, nur dem Sultan unterstellter Amtsträger des Osmanischen Reiches, der die Regierungsgeschäfte führte.

[2]Mehmed Emin Ali Pascha, eigtl.  Mehmed Emin Rauf Pascha. Mehmed Emin Ali Pascha, * 1815 Konstantinopel,

† 6. Sept. 1871 Erenken (Erenkeni), 1846-1852 Außenminister unter  Reşid Pascha (1846–1852) , Staatsmann, Diplomat, 1852 Großwesir des Osmanischen Reiches.

[3]In Europa wird kaum zur Kenntnis genommen, dass auch die moderne Türkei ein Vielvölkerstaat ist. Die Mehrheits- bevölkerung sind Türken (71 %) und Kurden. Darüber hinaus leben mehr als 40 unterschiedliche Nationalitäten, Völkerschaften u. kleinere Volksgruppen in der Türkei. Vgl. https://www.joshuaproject.net/

https://joshuaproject.net/countries/TU  (abgerufen 14.01.2022).

[4]aus: Thomas E. Lawrence: Aufstand in der Wüste, 1927.

Ältere Beiträge »