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Wie die Kirche ihren Gott verlor

Bei Anderweltonline veröffentlicht Hans-Jürgen Geese am 26.7.2026 seine Gedanken zum Thema:

Wie die Kirche ihren Gott verlor.

Mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers erscheinen Geeses Gedanken auch hier bei Adelinde:

Die katholische Kirche in Deutschland lehnt die militärische Intervention gegen den Iran strikt ab. Kardinal Reinhard Marx und der deutsche Militärbischof Franz-Josef Overbeck kritisierten die Angriffe der USA und Israels scharf und bezeichneten den Krieg nach den Kriterien der katholischen Soziallehre als illegitim und unverantwortlich.

Weltweit gibt es etwa 1,4 Milliarden Katholi-ken. Die Katholische Kirche ist nicht Mitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), der seinerseits weltweit über 580 Millionen Christinnen und Christen vertritt.

Der Generalsekretär des ÖRK, Pastor Prof. Dr. Jerry Pillay, bringt in seiner Erklärung zu dem Krieg seine tiefe Besorgnis zum Ausdruck und verurteilt die jüngsten militärischen An-griffe Israels und der USA auf den Iran sowie die Vergeltungsschläge und die Eskalation in der ganzen Region. Was geschah daraufhin?

Nichts. Bis auf den heutigen Tag hat sich niemand der führenden Politiker in Israel oder in den USA oder in Europa zu der Aufforderung der Kirchen geäußert.

Insgesamt gibt es etwa 2,3 Milliarden Chri-sten auf der Welt. Was meinen Sie, würde sich etwas auf der Welt ändern können, wenn 2,3 Milliarden Menschen, vereint, knallhart ihre Forderungen aufstellten und es ernst damit meinten?

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind das Land mit den meisten Christen: Circa 247 Millionen bei einer Bevölkerung von 349 Mil-lionen. Was meinen Sie, würde sich etwas in den U.S.A. ändern, wenn 247 Millionen ame-rikanische Christen knallhart ihre Forderun-gen aufstellten und es ernst damit meinten?

Irgend etwas kann da doch nicht stimmen in der Welt dieser Christen, wenn das wirkliche Christen sind, wenn die sich auf die Botschaft Christi berufen und trotzdem Kriege tolerie-ren, obwohl sie die Macht haben, diesen Kriegen ein Ende zu bereiten. Man muß also doch wohl zwangsläufig die Frage aufwerfen, ob diese Christen wirkliche Christen sind? Lassen Sie uns diese Frage überprüfen.

Die Geschichte der Christen

Die Christen berufen sich mit ihrer Lehre auf die Botschaften von Jesus Christus, die im Neuen Testament zusammengefaßt sind. Fer-ner studieren sie die Lebensweisen der frü-hen Christen in den ersten 300 Jahren des Christentums, die als praktische Anwendun-gen der Lebensweisen von Christen gelten sollten.

Wie lebten diese Christen? Sie lebten in klei-nen Gemeinschaften, in sozialen Formen, in denen Gleichheit, Gerechtigkeit, Sorge um den Nächsten, Armut und Liebe herrschten. Die Botschaft von Jesus Christus stand im Mittelpunkt ihres Handelns.

Der Geist sei wichtiger als die Materie, denn der Mensch sei letztendlich nicht mehr als Geist in einem Körper, der schließlich dahin-sterbe. Der Geist aber lebe in der Ewigkeit. Dieser Glaube war in dem von Reichtum und Prunk und Macht beherrschten römischen Reich eine revolutionäre Herausforderung. Eine Herausforderung für die römischen Götter und für den römischen Staat.

In den ersten Jahrhunderten unserer Zeit-rechnung lebten Christen daher in großer Gefahr, litten unter schwersten Verfolgungen. Das Martyrium war das Opfer vieler Christen für ihren Glauben. Die Christen waren eine winzig kleine Minderheit im riesigen römi-schen Reich. Und dann? Dann geschah ein Wunder.

Im Jahre 313 erklärte der römische Kaiser Konstantin den christlichen Glauben zur Staatsreligion.

– Die Folge davon war, daß bald nicht mehr die Christen verfolgt wurden, sondern daß die Christen Andersgläubige verfolgten.

– Die Folge davon war, daß der römische Staat christliche Bischöfe ernannte, sie mit prächtigen Bauten versorgte, ihnen Wohl-stand schenkte und ihnen half, die Macht, die Privilegien des Staates zu ihrem Vorteil einsetzen zu können.

– Die Folge davon war, daß die Christen für all diese Zugeständnisse natürlich einen Preis zu zahlen hatten. Es ging auf einmal nicht mehr um die Botschaft Jesu Christi, sondern um die Erfordernisse einer immer größer werdenden Organisation, einer Institution, die mit immer mehr Positionen von Macht versehen ward.

– Die Folge davon war, daß auf einmal die Christen sich nicht mehr weigerten, Soldaten zu sein, denn das Töten war ihnen doch bisher verboten gewesen.

– Die Folge davon war, daß auf einmal die Zugehörigkeit zur christlichen Kirche sogar die Voraussetzung für die Aufnahme in der römischen Armee war.

Kirche und Staat wurden eins. Und daran hat sich bis auf den heutigen Tag nichts geän-dert. Die christlichen Kirchen mögen in schönen Worten und eindrucksvollen Rund-schreiben den Krieg und die Armut und die Ungerechtigkeit verurteilen. Aber die meinen das nicht ernst. Das sind nichts weiter als hohle Worte.

In dieser Hinsicht kann man sogar von der Kirche als von einem Ableger des Staates sprechen. Die beiden sind verbandelt, geben aber heuchlerisch vor, unabhängig voneinan-der ihre eigenen Interessen zu vertreten. Haben Sie es jedoch auch nur ein einziges Mal erlebt, daß die Kirche sich gegen den Staat erhoben hat, weil der Staat die Grund-lagen des christlichen Glaubens brach?

Sensus fidelium

Sensus fidelium („Sinn der Gläubigen“) ist ein theologischer Begriff der katholischen Kirche. Er bezeichnet die Fähigkeit aller getauften Gläubigen, durch den Heiligen Geist ein Ge-spür für die Wahrheit des Evangeliums zu entwickeln und in Glaubens- und Moralfragen intuitiv das Richtige zu erfassen. Die Men-schen Gottes besitzen eine natürliche Weis-heit von Gerechtigkeit, Wahrheit und Güte.

Und das geht noch weiter. Denn man muß in dem Zusammenhang auch die wichtigste Botschaft der Reformation Martin Luthers verstehen: Der Mensch brauche keinen Pfar-rer oder Pastor oder Priester, um mit Gott in Kontakt zu treten. Er kann das selbst tun. Er kann selbst direkt mit Gott Kontakt aufnehmen.

Die Botschaft der frühen Christen war einfach: Ein Christ lebt in einer Welt der Spiritualität und der sozialen Gerechtigkeit. Die Gemeinschaft der Christen darf niemals diese Verbindung zwischen der Zuwendung zur Spiritualität und der Zuwendung zur Gemeinschaft, in der sie Gutes bewirken sollen, aufgeben.

Albert Schweizer

In seinem berühmten Werk „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ zieht Albert Schweit-zer ein ernüchterndes Fazit über 150 Jahre Theologische Forschung: Die Theologen haben sich ein Wunschbild von Jesus Christus geschaffen, das ihren Anforderungen Genüge tut.

Jesus jedoch forderte uns auf, seine morali-sche und geistige Kraft zu erhalten, zu verbreiten und sein ethisches Gebot der Nächstenliebe im Hier und Jetzt zu leben. Wie? Einfach: Nicht nur über das Gute reden, sondern Gutes tun.

So wie Albert Schweitzer schließlich als Arzt nach Afrika ging und das Krankenhaus in Lambarene gründete, so kümmerten sich während der Zeit der Pest in den Jahren 165 bis 180, während der Hunderttausende von Menschen starben, so kümmerten sich da-mals die Christen um die Kranken und um die Sterbenden.

Da die Christen den Tod nicht fürchteten, zeigten sie der Welt einen neuen Weg, er-warben sich den Respekt ihrer Mitmenschen. Nicht durch Worte. Durch Taten.

Der christliche Glaube als Zentrum einer neuen Lebensweise

In den ersten drei Jahrhunderten verstanden die Menschen allgemein das Christentum vor allem als eine neue Lebensweise, die von den Römern als revolutionär und daher als bedro-hend für ihre Machthaber angesehen wurde.

Die Christen damals nahmen die Forderungen ihres Glaubens sehr ernst. „Was Du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Die goldene Regel …

Ein römischer Potentat würde solch eine Aussage als völlig verrückt betrachten. Auch Donald Trump würde solch eine Aussage als völlig verrückt betrachten. Und das gleiche gilt für Friedrich Merz. Diese Männer mögen sich gar als Christen betrachten. Aber sie sind es nicht. Sie sind Heuchler.

So wie auch die Potentaten unserer christli-chen Organisationen nichts weiter sind als Heuchler. Sie verbreiten ihre Worte im Über-maß. Allein, sie ändern nichts. Ihre Worte weht der Wind dahin. Es bleibt nichts von Substanz von ihrem Leben.

Ja, Heuchler sind sie allesamt. Wie sonst ist es zu erklären, daß die Welt sich in diesem erbärmlichen Zustand befindet? Was schaffen diese Christen nur den lieben, langen Tag?

Der Fluch der Macht

Hier ist ein Vorbild für all die Bischöfe in dieser Welt: Im Jahre 397 starb der Bischof von Konstantinopel. Die Wahl für den Nach-folger fiel auf einen Priester mit Namen Johannes Chrysostomus. Als er von seiner Wahl erfuhr, versteckte er sich. Er wollte mit dem Amt des Bischoffs nichts zu tun haben. Aber letzten Endes wurde er dennoch in sein Amt eingeführt.

Als Erzbischof von Konstantinopel lebte er äußerst asketisch. Er verkaufte Kirchen-schätze, um Krankenhäuser und Herbergen für Pilger und Arme zu finanzieren.

Johannes Chrysostomus brandmarkte „den Wunsch, zu regieren“ als „die Mutter aller Ketzereien und Irrlehren.“ Weil er die falschen Männer an die Macht bringe.

Johannes nahm kein Blatt vor den Mund. Er kritisierte in aller Öffentlichkeit die morali-sche Verdorbenheit seiner Zeit, den Prunk und Lebensstil der reichen Oberschicht und des kaiserlichen Hofes. Johannes Chrysosto-mus starb im Jahre 407 auf dem Weg in eine abgelegene Verbannung am Schwarzen Meer.

Jedem Popen, jedem Bischof, jedem Politiker seien die Lehren von Johannes Chrysostomus empfohlen. Was für ein Mann! Dagegen: Was für Armleuchter im Vergleich dazu heutzu-tage in allen Kirchen.

Martin von Tours: „Du sollst nicht töten.“

Bischof Martin von Tours (ca. 316-397) war einst Soldat in der römischen Armee, der sich dann der christlichen Lehre ergab. Als er seinen Dienst in der Armee quittierte, sagte er:

„Ich bin ein Christ. Christen ist es nicht erlaubt zu kämpfen.“

In den frühen christlichen Gemeinden galt jede Art von Tötung als Mord.

Der Bischof von Karthago, Cyprian von Karthago, sagte es für die Ewigkeit:

„Die Welt ist in all dem Blutvergießen verrückt geworden. Mord in dieser Welt ist immer ein Verbrechen, wenn ein Einzelner Mord begeht. Wie kann es sein, daß Mord in eine Tugend verwandelt wird, wenn er zum Massenmord wird?“

Am 14. September im Jahre 258 wurde Cyprian durch Enthauptung hingerichtet.

Heute haben wir sogar Militärbischöfe. Die christlichen Kirchen unterstützen das Morden auf dieser Welt. Wo genau steht das im Neuen Testament geschrieben?

Warum schreien die Kirchen nicht auf?

Wenn die christlichen Kirchen wirklich wollten, wenn sie sich offen und lautstark gegen den Krieg aussprächen, wenn sie es ihren Gläubigen verböten, an Kriegen teil-zunehmen, immer und immer wieder, und all die Milliarden Christen so organisierten, daß keine Macht auf Erden ohne ihre Zustimmung Krieg erklären könnte, dann würde diesem unendlichen Morden ein Ende bereitet.

Wenn die Kirchen sich endlich gegen die Exzesse von Reichtum aussprächen, die Anbetung des Geldes verdammten und in Bescheidenheit und Demut ein Vorbild lieferten, dann würden die Verkommenheit der Welt, die Ungerechtigkeit, die Korruption, die Abkehr von der Lehre Christi der Welt vorgeführt werden.

Nochmals: Die Lehre Christi stammt aus den ersten dreihundert bis fünfhundert Jahren unserer Zeitrechnung. Als dann die Kirchen zu Staatskirchen wurden, behielten sie den Namen Kirche bei, instrumentalisierten aber die Lehre Christi für andere Zwecke, wurden zu einem Machtinstrument in Zusammenar-beit mit weltlichen Organisationen, die die Ausbeutung der Menschheit vorantreiben.

Mit Gott, Gerechtigkeit, Liebe zu Deinem Nächsten und anderen ethischen Forderun-gen von Jesus Christus ist es bei unseren Kirchen nicht weit her. Schwätzer vor dem Herrn sind sie allesamt, die sich wohl eingerichtet haben in dieser Welt.

Zum Schluß ein paar wichtige Fragen

In Rußland leben 67.720.000 Christen. Sind das in Rußland irgendwie andere Christen als die im Westen? Haben die einen anderen Christus? Das ist unwahrscheinlich.

Soweit ich weiß, gibt es Christus nicht im Plural. Ergo: Wie ist es möglich, daß sich die Christen im Westen nicht mit den Christen im Osten verständigen können und das Offen-sichtliche tun, nämlich den Frieden zwischen Ost und West herzustellen? Wie können die im Westen nicht den Krieg verdammen? Jeden Krieg!

Das scheint nicht möglich zu sein. Man muß also den Verdacht äußern, daß die Christen im Westen nichts weiter sind als Schönwet-terchristen in einer Spaßgesellschaft, die völlig vom Staat vereinnahmt sind, dem Staat gehorchen, sich ihm unterwerfen und mit der Lehre von Jesus so gut wie nichts zu tun haben.

An ihren Taten sollt ihr sie erkennen (1. Johannes 2, 1-6). Die Laberkirche im Westen ist völlig unbedeutend. Kein Wunder, daß sie ihren Gott verlor. Folglich wird sie auch ihre Gemeinde verlieren, so sehr sie sich auch verbiegt. Sie besitzt keine Glaubwürdigkeit. Die Kirche heute ist ein Machtinstrument des Staates.

Man hätte diesen Artikel daher auch betiteln können: Wie Gott seine Kirche verlor.

Die Kirche kümmert sich um ihre Pfründe und Pöstchen und praktiziert ansonsten nichts weiter als die Inszenierung von Frömmigkeit. Worte, Worte, Worte ohne Taten. Der Gottes-dienst ist zur Unterhaltung, zum Spektakel gar verkommen. Vom Kern der Botschaft Christi keine Spur. Nicht einmal all die Chri-sten dieser Welt können durch diese Institu-tion Kirche zueinander finden. Nicht einmal diese sogenannten Christen unter sich.

Man faßt sich an den Kopf. Wahrlich, wahrlich, wahrlich, die Kirche ist von allen guten Geistern verlassen.

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