Ansichten über Rußland. Deutungen und Fehlschlüsse
Dienstag, 13. Oktober 2026 von Adelinde |
Thomas Engelhardt
Seit Beginn des russisch-ukrainischen Krie-ges ist auch im national-völkischen Lager hierzulande eine Entwicklung zu beobachten, die von einem tendenziell positiven Rußland-bild geprägt wird. Dabei auffällig ist, daß offenbar unkritisch zentrale Eckpunkte der russischen Staatspropaganda übernommen und zur Grundlage von Interpretationen und Bewertungen wurden.
Unter dem Eindruck mehrerer von den Vereinigten Staaten in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten geführter Kriege und der fortdauernden US-Präsenz auf dem Territorium der BRD hat sich die Freund-/Feindkennung verschoben. In der Zeit des Kalten Krieges galt die Riesenmacht im Osten als die große Gefahr.
Grundsätzlich wurde die Stationierung der Nato-Streitkräfte in der BRD von den natio-nal-patriotischen Kräften zwar abgelehnt, im Allgemeinen aber als das kleinere Übel an-gesehen.[1] Für diese Sichtweise sprachen schon die Zahlen. Auf dem Gebiet der DDR waren sechs sowjetische Armeen in einer Stärke von mehr als 550.000 Mann statio-niert.[2] Insgesamt umfaßte die „Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland“ einschl. der Familienangehörigen und Zivilangestellten mehr als 650.000 Mann.[3]
Diese immense Zahl stand in keinem Ver-hältnis mit den hier im Land (Territorium der BRD bis 1990) stationierten Nato-Truppen. Gemäß der Logik des Kalten Krieges standen diese Fremdtruppen hierzulande nicht im Ergebnis des II. Weltkrieges quasi als Besat-zungstruppen hier (obwohl sie genau das eigentlich waren). Die dem Nato-Kommando unterstellten Militärkontingente dienten primär vielmehr der Abwehr eines sowjeti-schen Militärschlags gegen Westdeutschland und die NATO. Diese Verteidigungsdoktrin kam nicht von ungefähr.
Die sowjetischen Planungen für den Fall X waren im Westen bekannt. Im Falle einer Eskalation hätten gemäß der sowjetischen Militärdoktrin die Kampftruppen der Natio-nalen Volksarmee (der DDR) die Aufgabe gehabt, die deutsch-deutsche Grenze zu überschreiten und die in der 1. Welle antre-tenden Verbände der westdeutschen Bundes-wehr auf dem grenznahen Territorium der BRD zu binden und nach Möglichkeit zu vernichten.
Bereits in dieser Phase war sowjetischerseits der Einsatz taktischer Atomwaffen bzw. ato-marer Gefechtsfeldwaffen vorgesehen. Für die gegenseitige Vernichtung der deutschen Streitkräfte wurde ein Zeitraum von 3 bis 5 Tagen veranschlagt.
In dieser Zeit sollten die sowjetischen Angriffstruppen als 2. Welle aus ihren Aufstellungsräumen im westlichen Mit-teldeutschland (Sachsen-Anhalt, Meck-lenburg, Thüringen) heraus drei Stoßkeile bilden und jenseits der deutsch-deutschen Grenze vorrücken. Im Süden aus dem Raum Plauen/Gera in Richtung Hof/Saale, Bayreuth, Bamberg und Nürnberg, in der Mitte aus dem Raum Erfurt in Richtung Fulda/Frankfurt a.M. und im Norden aus dem Raum Magdeburg in Richtung Braunschweig/Hannover sowie aus dem Raum Schwerin in Richtung Lüneburg/Lübeck.
Die Zielplanungen sahen innerhalb von sieben Tagen das Erreichen der Mainlinie sowie des Rheins vor. (!!!). Inwieweit diese Zielstellungen angesichts des militärischen Kräfteverhältnisses real gewesen wäre soll hier nicht erörtert werden. National einge-stellten Bundesdeutschen waren diese Eck-punkte militärischer Hybris im Allgemeinen nicht bekannt.
Jedoch wirkten die Berichte der Väter- und Großvätergeneration aus der Kriegszeit nach, und von der Mehrheit der Westdeutschen konnte die Sowjetunion niemals als Friedens-macht wahrgenommen werden. Die brutale Niederschlagung der Aufstände und Rebel-lionen im Sowjetreich[4] und in den Satelli-tenstaaten[5] tat ein übriges, um kritiklos der westlichen Propaganda zu folgen, der gemäß die UdSSR ein aggressiver und auf Expansion ausgerichteter imperialer Staat sei.
Ob und inwieweit diese Bewertung zutreffend war oder nicht und nicht etwa die Vereinigten Staaten sich weitaus aggressiver gebärdeten, Stichwort Vietnam, soll hier nicht näher be-leuchtet werden.
Ebenso schwierig erscheint eine abschließend sichere Einordnung der NATO als Verteidi-gungsbündnis oder im Gegensatz dazu als aggressives Bündnis.
Dessen ungeachtet aber war bis 1989/1990 die Zahl derer, die in der Sowjetunion eine Friedensmacht sahen, in Westdeutschland verschwindend gering. Die Sowjettruppen in der DDR dagegen wurden insbesondere von der älteren Generation mehrheitlich als Be-satzungstruppen identifiziert. Diese Sicht-weise dominierte in Westdeutschland.
In der DDR hatte jahrzehntelange Staats-propaganda dagegen bereits zu einer Umdeutung geführt. Selbst ältere DDR-Bürger, die Krieg und Kriegsgefangenschaft erlebt hatten, neigten zu einer differen-zierteren Sichtweise.
So wie sich die Westdeutschen in der Mehr-heit mit der westlichen Truppenpräsenz abgefunden hatten und diese (genauso wie die deutsche Teilung) als unabänderlich und als Ergebnis der Kriegsniederlage verstanden, veränderte sich auch das Meinungsbild der DDR-Bürger gegenüber den Besatzern in dem Sinne, daß diese eben nicht mehr als Besatzer betrachtet wurden.
Wer eine solche Sichtweise dennoch vertrat und dies vorsichtig und teilweise auch ver-klausuliert zum Ausdruck brachte, galt als aus der Zeit gefallen und mindestens als reaktionär wenn nicht sogar als im Denken völlig verdreht. Der Autor des hier vorlie-genden Beitrags mußte sich in den 1980er-Jahren bei verschiedenen Gelegenheiten (Familienfeiern, Diskussionen im kleinen Kreis, Gesprächen mit Bekannten oder sogar mit Besuchern aus Westdeutschland) mehr-fach den berühmten Fingerzeig gefallen lassen.
Der Nachkriegsgeneration ist der Zustand der fortdauernden Besetzung Deutschlands ab-handen gekommen. Dagegen obsiegte der Ost-West-Gegensatz, und die jeweils durch die Propaganda erzeugten Feindbilder be-herrschten das Denken der Deutschen in Ost und West. Die Bevölkerung der DDR war tendenziell antiamerikanisch oder zumindest kritisch gegenüber den Vereinigten Staaten eingestellt.
Entsprechend dominierten im Westen anti-sowjetische Einstellungen und Ressenti-ments. Dennoch verbieten sich Verallge-meinerungen. Die Meinungsbilder waren durchaus nicht statisch und ebenso uneinheitlich, die Bandbreite der Meinungen demzufolge vielfältig. Deutlich gemacht werden sollte die herrschende Tendenz.
Sowohl in der DDR als auch in der BRD aber verschwand das brutale Vorgehen der Inva-sionsmächte im Zuge des Vordringens im Reichsgebiet im Jahr 1945 und die mehr als vierjährige unverdeckte Besatzungsherrschaft der Kriegssieger aus dem kollektiven Bewußtsein.
Die Umerziehung in Ost und West und die obsiegende Propaganda der Sieger hatten zur Folge, daß aus den früheren Feindmächten Freunde und Verbündete wurden. Im Westen mehr als in Mitteldeutschland. Aber auch in der DDR führte die Umdeutung der brutalen Besetzung zu einem Bild, in dem die angeb-liche Befreiung von der Nazidiktatur mehr-heitlich nicht mehr infrage gestellt wurde.
Die Exzesse einer entmenschlichten sowje-tischen Soldateska waren nurmehr Teil von meist nur im kleinen Kreis wiedergegebenen Berichten und Erzählungen. Insbesondere die etwa vier Millionen aus den deutschen Ost-gebieten stammenden Flüchtlinge und Vertriebenen, die in der SBZ/DDR Aufnahme gefunden hatten, hatten keine Ursache, ihr Martyrium völlig zu verschweigen. Aber schon deren Kinder (die Jahrgänge 1930 ff.) und noch mehr die Enkel hörten nicht mehr zu und interessierten sich in der Regel nicht mehr für die Erlebnisse ihrer Eltern bzw. Großeltern.
Ereignisse wie der von den Vereinigten Staaten geführte Vietnamkrieg oder der Einmarsch der sowjetischen Armee in Af-ghanistan relativierten die in den Jahrzehnten nach dem II. Weltkrieg gewachsenen Einstellungen. Im Westen bildete sich unter dem Eindruck des Vietnamkrieges eine antiamerikanische Grundhaltung heraus. In der DDR führte dieser jahrelange Krieg in Vietnam zu einer Bestätigung der sowjeti-schen Propaganda, die grundlegend antiamerikanisch war.
Ähnlich war die Langzeitwirkung des Af-ghanistankrieges. Im Westen wurde der Charakter der Sowjetunion als Kriegsmacht bestätigt. Im Osten wuchsen Zweifel an der Aufrichtigkeit und Authentizität sowjetischer Friedensbemühungen und Friedensbeteu-erungen.
Der Afghanistankrieg kann gewissermaßen als der Sargnagel des Sowjetsystems inter-pretiert werden. Der Abzug der sowjetischen Armee aus Afghanistan symbolisierte das Scheitern des Systems. Die militärische Niederlage war einer der Gründe für den Zusammenbruch der UdSSR.[6]
Am 25. Dezember 1991 endete die Existenz des sowjetischen Riesenreichs. Michail Gor-batschow trat als Präsident der Sowjetunion zurück. Am 31. Dezember 1991 wurde die Sowjetunion als Staat auch formell aufgelöst. Bereits vorher, am 8. Dezember 1991, hatten Vertreter Rußlands, der Ukraine und Weiß-rußlands in einer geheim gehaltenen Zusam-menkunft in Belowesch in Weißrußland die GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) gegründet.[7]
Mit dem Alma-Ata-Protokoll vom 21. De-zember 1991 traten weitere ehemalige Unionsrepubliken der GUS bei.[8] Das Geheim-treffen am 8. Dezember 1991 in Belowesch (Weißrußland) bereitete den absehbaren Kollaps der UdSSR vor. Beteiligt waren Boris Jelzin (Rußland), Stanislaw Schuschkewitsch (Weißrußland/Belarus) und Leonid Krawtschuk (Ukraine). Die drei Staatschefs erklärten die Sowjetunion (UdSSR) für aufgelöst und vereinbarten die Gründung der GUS.
Der ehemalige KGB-Offizier Putin nennt dieses Ereignis des Zusammenbruchs der Sowjetunion das einschneidendste politische Ereignis des 20. Jahrhunderts. Aus russischer Sicht erscheint diese Interpretation durchaus berechtigt, denn Rußland sieht sich auf Grenzen zurückgeworfen, die vor 1772 galten (1. polnische Teilung).
In der Zeit der Präsidentschaft Putins baute dieser seinen engeren Machtapparat aus, indem er wichtige Schaltstellen vornehmlich mit ihm bekannten ehemaligen Geheim-dienstoffizieren aus dem KGB besetzte. Im Inneren gleicht Rußland heute wieder der Sowjetunion der Endsiebziger- und Achtzi-gerjahre des 20. Jahrhunderts. Das Land hat sich in einen Kontroll-, Polizei- und Unter-drückungsstaat zurückverwandelt. Diese These soll hier jedoch nicht weiter thematisiert werden.
Entsprechende Darstellungen liegen an anderer Stelle in ausreichender Anzahl vor. Die Tatsache, daß nach 2022 etwa 750.000 bis 800.000 Russen ihr Land verlassen haben, spricht für sich.
Notwendig erscheint im gegebenen Zusam-menhang eine Analyse der Eckpunkte russischer Staatspropaganda.
Bereits vor 2014, dem tatsächlichen Beginn des Ukraine-Krieges, wurde in Rußland die These entwickelt, die NATO hätte entgegen ursprünglicher Absprachen eine Osterwei-terung vorgenommen und Rußlands einge-kreist. Tatsächlich wurde die russische Außengrenze infolge der Unabhängigkeit der baltischen Staaten, Weißrußlands und der Ukraine um mehrere Hundert Kilometer nach Osten verschoben.
Wenngleich Rußland staats- und völker-rechtlich als Nachfolgestaat der Sowjetunion angesehen werden kann, ist dieses neue Rußland aber eben nicht mit der unterge-gangenen Sowjetunion gleichzusetzen. Geopolitisch aber sieht sich das heutige Rußland in einer ausgesprochen negativen Situation. Die bis 1991 sowjetisch besetzten und annektierten baltischen Länder sind heute Mitgliedsstaaten der NATO. Ebenso die ehemaligen Ostblockstaaten Ungarn und Rumänien.
Vor und nach 1991 hat es entgegen russi-scher Darstellungen aber keinerlei Gespräche oder Verhandlungen über eine Nichtmit-gliedschaft ehemaliger sowjetischer Unions-republiken bzw. Satellitenstaaten in der NATO gegeben.
Lediglich bei den Vorbereitungsgesprächen zum Zwei-plus-Vier-Vertrag äußerten sich sowohl der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher als auch James Baker, der US-Außenminister, hinsichtlich einer Ausweitung des künftigen NATO-Operationsgebietes.
Zu diesem Zeitpunkt, in der ersten Jahres-hälfte des Jahres 1990, bestand aber wohl-gemerkt noch eine Sowjetunion, ebenso der Warschauer Pakt, das Militärbündnis Moskaus und seiner Satellitenstaaten. Genscher äußer-te damals auf Nachfrage des seinerzeitigen sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse, daß, so wörtlich, keineswegs die Absicht einer NATO-Osterweiterung im Raum stehe.
Diese Aussage aber bezog sich ausschließlich auf die als problematisch eingeschätzte Situation im Falle des Beitritts der zu diesem Zeitpunkt noch bestehenden DDR zur BRD, denn auf dem DDR-Territorium waren zu diesem Zeitpunkt noch Hunderttausende sowjetische Soldaten stationiert. Es mußten aus Sicht der Verhandler und Diplomaten also Vorsorge und klare Regelungsabsprachen getroffen werden, daß sich nach Vollzugs des Beitritts der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes keine westlichen NATO-Truppen und sowjetische Militärverbände begegnen würden.
Zwar sollte das Territorium der DDR unein-geschränkt Teil des anerkannten NATO-Territoriums werden und die NVA (Nationale Volksarmee) in die Bundeswehr integriert werden, jedoch wurde diese geplante Hand-habung nicht als Osterweiterung bezeichnet und angesehen, weil das Operationsgebiet auf das Territorium westlich der (ab 3.10.1990) ehemaligen innerdeutschen Grenze begrenzt bleiben sollte.
Diese als Absichtserklärung Genschers getroffene Aussage[9], die durch James Baker bestätigt wurde, konnte sich zu diesem Zeitpunkt aber weder auf die (zukünftig selbständigen) baltischen Staaten noch auf Ostblockstaaten beziehen, eben weil zum Zeitpunkt der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen die seit Jahrzehnten geltende geopolitische Ordnung noch Bestand hatte!
US-Außenministers James Baker prägte während der Verhandlungen bezüglich der deutschen Einigungsbestrebungen im Februar 1990 einen folgenschweren Satz. Er vermit-telte den sowjetischen Unterhändlern, die NATO-Präsenz würde sich künftig „nicht einen Zoll weiter nach Osten“ ausdehnen, wörtlich „Not one inch“.
Diese Aussage bildet den Kern des bis heute andauernden historischen Streits um die angebliche Zusage einer Nichterweiterung des NATO-Bündnisses gegenüber der Sow-jetunion. Ein völkerrechtlich bindendes Abkommen, das eine spätere Osterweiterung des Bündnisses über das Gebiet der DDR hinaus untersagt hätte, gab es jedoch zu keinem Zeitpunkt. Man könnte hierzu ur-teilen, die US-Amerikaner hätten bewußt die Unwahrheit gesagt und sozusagen gepokert. Aber ist das wirklich so?
Konnte irgend jemand Anfang des Jahres 1990 abschätzen, daß sich Ende 1991 die Sowjetunion auflösen würde und mit ihr der Warschauer Pakt?[10] Alle politischen Analysten haben sich geirrt.
Erst das Ende der Sowjetunion im Dezember 1991 führte zur Herausbildung völlig neuer Bedingungen. Die Staaten und Völker Ost-europas, die seit mehr als 200 Jahren mit russischer Expansion, Kontrolle, Annexion konfrontiert waren, nutzten die Gunst der Stunde und die völlig neuen geopolitischen Ausgangsbedingungen und bewarben sich um die Mitgliedschaft im westlichen Mili-tärbündnis, um langfristig gegen eine erneute russische Umklammerung und Bevormundung gewappnet zu sein.
Die Führungsgremien der NATO und auch die Vereinigten Staaten sahen keinen Grund, dem Begehren der sich bewerbenden Staaten nicht zu folgen. Der Gesamtvorgang war ein politi-scher Coup ersten Ranges. Der Westen trium-phierte auf der ganzen Linie, politisch, geo-politisch, geostrategisch und mit der Erwei-terung des NATO- Bündnisses letztlich auch militärisch.
Der große geopolitische Verlierer war Ruß-land. Denn im Ganzen betrachtet war die Sowjetunion ein Gesamtstaat des historischen Rußland und der bereits vom Zarenreich annektierten Gebiete im Baltikum, in Weiß-rußland und in der Ukraine und der eroberten Gebiete im Kaukasus sowie der früheren russischen Kolonien in Zentral- und Mittelasien.[11]
Die Atommacht der ehemaligen Sowjetunion ging 1991 auf das neue Rußland über. Ohne die beiden ostslawischen Republiken Weiß-rußland unnd Ukraine und ohne in den sieben Jahrzehnten sowjetischer Herrschaft ebenfalls erheblich russifizierte Kasachstan verlor Ruß-land aber seinen Großmachtstatus, zumal es nach 1991 wirtschaftlich zurückfiel und den Anschluß an die führenden Wirtschaftsnatio-nen verlor.
Erst unter Präsident Putin gelang eine grund-legende Modernisierung des Staates und der Wirtschaft. Mit diesem Erstarken aber wurde der Verlust der früheren Machtstellung und Weltgeltung deutlicher sichtbar und nun auch schärfer kommuniziert.
Rußland beanspruchte seinen alten Status als eine der Supermächte. Um dieses Ziel errei-chen zu können, besann man sich in Moskau der zu Sowjetzeiten geltenden Staatsorgani-sation.
Der gesamte Sicherheitsapparat, die Armee, die Polizei, die Geheimdienste, die staatliche Verwaltung, das Justizwesen, der Bildungs-sektor wurden erfolgreich reorganisiert und umgebaut.
Erhebliche Investitionen in die Infrastruktur, den Städtebau und eine moderne Verwaltung ermöglichten einen Modernisierungsschub und leiteten eine erfolgreiche Entwicklung ein, die bis 2022 anhielt. Das Lebensniveau in den Städten gleicht heute jenem in Mittel-europa.
Zugleich wurden aber in den vergangenen 25 Jahren etwa 10.000 Dörfer und kleine Orte aufgegeben und entsiedelt. In der Provinz dieses Riesenlandes dominieren Abwande-rung, Armut, Tristesse, Verelendung, Stag-nation. Wer heute Moskau oder St. Petersburg und andere Metropolen besucht, wähnt sich im Westen, nicht in Rußland.
Wer aber die russischen Alltagsverhältnisse sehen und kennenlernen will, muß nach Nordwestrußland fahren, oder ins Gebiet Archangelsk, in den Altai, nach Sibirien. Dort bewahrheitet sich auch heute die Einschät-zung, wonach Rußland ein Dritte-Welt-Land mit Atombomben sei.
Etwa 10 % der russischen Bevölkerung, das sind mehrere Millionen Menschen in länd-lichen Regionen, müssen Brunnen oder Quellen für die Wasserversorgung nutzen (oder sie müssen Wasser extern beschaffen), weil eine zentrale Wasserversorgung fehlt. 22,6 % bis 23 % der russischen Bevölkerung lebt ohne eine zentrale Abwasserversorgung (etwa 5,8 % gänzlich ohne Abwassersystem und 16,8 % mit schlichten Gruben oder Plumpsklos). Auf dem Land, in der russischen Provinz, besitzen 66,5 % der Haushalte keine zentrale Abwasserversorgung; in kleinen Dörfern mit weniger als 200 Einwohnern nutzt fast die Hälfte der Menschen einfachste Außenklos.
In Rußland gibt es 16 Städte mit mehr als 1 Million Einwohnern und 20 Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern. Diese Großstädte sind weit entwickelt, wirken modern und weisen eine sehr gute Infrastruktur auf. An diesem Beispiel wird deutlich, daß das über Rußland zu zeichnende Bild vielfältige An-sichten zuläßt. Je nach Standpunkt des Betrachters kann dieser von diesem Land fasziniert, ebenso aber auch vollkommen enttäuscht sein.
Das Gros der Menschen hierzulande, die meinen, über Rußland urteilen und sich ein Bild machen zu können, haben das Land selbst nie bereist und keinen Eindruck ge-winnen können. Ihre Anschauung über Rußland speist sich in der Regel aus Be-richten, Dokumenationen und Kommentaren.
Nun gibt es auch in der BRD eine ganze Reihe von Rußland-Experten, die als Unternehmer, Journalisten, Diplomaten oder Korresponden-ten eine längere Zeit, oft viele Jahre, in Rußland lebten.
Gerd Ruge[12] sei genannt oder etwa Gabriele Krone-Schmalz[13]. Diese prägten durch ihre Berichterstattung wesentlich das hier gültige Rußland-Bild. Insbesondere Krone-Schmalz gehörte nach 2022 zu den mahnenden Stim-men, die die einseitige und tendenziell ruß-landfeindliche Berichterstattung in den bun-desdeutschen Medien kritisierten und da-rüber hinaus auch Gegenmeinungen formulierten und kommunizierten.
Etwa zeitgleich war zu beobachten, daß das Meinungsbild hinsichtlich der russischen Politik einer Veränderung unterlag. Die Zahl derer, die den russischen Interpretationen folgten und Verständnis sowohl für die rus-sische Einmischungspolitik in der Ukraine als auch für die Annexion der Krim aufbrachten, wuchs beträchtlich, auch und nicht zuletzt unter den Nationalgesinnten in der BRD. Ausgangspunkt waren die Ereignisse im Zusammenhang mit der Maidan-Bewegung [14] in Kiew und die Besetzung der Krim durch die russischen Streitkräfte.[15]
Die Maidan-Bewegung. Die Maidan-Bewe-gung wurde fälschlicherweise primär als eine vom Westen, namentlich den Vereinigten Staaten, gesteuerte Umsturzbewegung iden-tifiziert, dabei aber die Tatsache außer Acht gelassen, daß sich ein großer Teil der Be-völkerung der Ukraine für einen Weg nach Europa, in die Europäische Union, entschieden hatte.
Diese kollektive Entscheidung war den historischen Erfahrungen geschuldet. Bis Ende des 18. Jahrhunderts war das Terri-torium der heutige Ukraine politisch geteilt. Der heutige westliche Landesteil, westlich des Dnjepr gelegen, gehörte zur Lubliner Union Polen-Litauens. Die heutige Ostukraine gehörte zum Zarenreich. Ein ukrainisches Volk gab es im Grunde nicht. Gesprochen wurden in diesen Territorien Sprachen wie das Russinische, Ostgalizische, Ruthenische, die man heute als Dialekte des Ukrainischen klassifiziert.
Polen-Litauen verlor 1772, 1793 und 1795 etwa 495.000 km² (sic.) an das russische Zarenreich, das diese Gebiete vollständig in seinen Staatsverband integrierte, ohne der einheimischen Bevölkerung (Weißrussen, Ruthenen, Ukrainer, Litauer, Letten) admi-nistrative oder andere Rechte zuzugestehen.[16]
Die zaristische Verwaltung betrieb in den Eingliederungsgebieten eine zielstrebige Politik der Russifizierung. Der Gebrauch der ruthenischen Sprache wurde verdrängt bzw. auch unterdrückt. In einem längerwierigen Entwicklungsprozeß, der sich über zwei bis drei Generationen erstreckte, bildete sich eine relativ einheitliche Umgangssprache heraus, das heutige stark vom Russischen beeinflußte Ukrainisch, während das Ruthe-nische und die russinischen Dialektsprachen zurückgedrängt wurden und heute nur noch sprachinselartig im Karpatenraum gesprochen werden.
Aus dieser historischen Gemengelage leiten Putins Propagandisten heute ab, daß es ein ukrainisches Volk nie gegeben hätte, die Existenz eines eigenständigen ukrainischen Staates eine Fiktion sei und das Territorium der Ukraine, mindestens jedoch die Ostu-kraine, ein integraler Bestandteil Rußlands sei.
Uns begegnet hier eine Geschichtsklitterung allerersten Ranges, die die historischen Fakten ausblendet und nicht zur Kenntnis nimmt. Das ukrainische Volk bildete sich eben erst aufgrund der durch die drei pol-nischen Teilungen erfolgten russischen Besatzung heraus.
Im Gegensatz zu den heute westlich des Dnjepr gelegenen westukrainischen Terri-torien war die heutige Ostukraine aber immer ein Teil des russischen Kaiserreiches, entge-gen anderslautender Darstellungen aber durchaus nicht russischsprachig. Die Russifi-zierung der Ostukraine erfolgte im Wesent-lichen erst durch die Industrialisierung in den 1920er- und 1930er-Jahren, die die Zusammensetzung der Bevölkerung dieser bis dahin dünn besiedelten und agrarisch geprägten Gebiete grundlegend veränderte.
Durch die Ansiedlung von Russen als Ar-beitskräften in den großen Industriestädten verschoben sich die Bevölkerungsstruktur und die Anteile der gesprochenen Sprachen. Auf dem Land, in den Dörfern dominierte das Ukrainische. In der sowjetischen Zeit wurde Russisch die allgemeine Umgangssprache, bedingt auch infolge der Binnenmigration innerhalb der Sowjetunion nach dem II. Weltkrieg.
Die russische Sprache war aber oft auch die Haussprache der ethnischen Ukrainer. In-sofern vermitteln einschlägige Statistiken oft auch ein falsches Bild. Zwar dominierte bis 2014 in der Ostukraine die russische Spra-che. Das bedeutet aber zugleich nicht, daß sich jeder russischsprachige Ukrainer als Russe reflektierte. Eher ist das Gegenteil der Fall.
Im 19. Jahrhundert bildete sich auf dem Gebiet der heutigen Ukraine eine National-bewegung heraus. Sie lehnte die von der zaristischen Regierung bevorzugte Vor-stellung vom dreieinigen gesamtrussischen Volk (Großrussen, Kleinrussen, Belarussen) ab und strebte die Formierung einer eigenstän-digen ukrainischen Nation und als Endziel einen ukrainischen Nationalstaat an.
Wichtige nationale Vordenker waren der Nationaldichter Taras Schewtschenko und die Historiker Mykola Kostomarow und Michail Hruschewskij. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die ukrainische Nationalbewegung von den zaristischen Behörden verfolgt, politische Druckwerke in ukrainischer Sprache (damals als kleinrus-sischer Dialekt bezeichnet) verboten, der Unterricht in ukrainischer Sprache in den Schulen ausgesetzt.
Ende des 19. Jahrhunderts begannen ukrai-nische Intellektuelle den Versuch, vor dem Hintergrund der russischen Dominanz und zaristischer Unterdrückung die Nations-bildung eines ukrainischen Volkes zu for-cieren. Diese Aktivisten wurden politisch verfolgt, die Idee einer eigenständigen Ukraine seitens der zaristischen Behörden als staatsgefährdende Aktivitäten verfolgt.
Mit der Vernichtung des ersten im Jahr 1920 errichteten ukrainischen Staates und der Eingliederung der Sowjet-Ukraine in die Sowjetunion endete vorerst die Möglichkeit der Schaffung einer unabhängigen Ukraine. 1932/1933 führten erzwungene Getreideab-lieferungen zu einer landesweiten Hungers-not, der etwa 3 Millionen Ukrainer zum Opfer fielen. Diese Hungerkatastrophe entvölkerte ganze Regionen in der Kornkammer Ukraine und gilt aus ukrainischer Sicht als Völker-mord am ukrainischen Volk.
In der Zeit des „Großen Terrors“ 1937/38 wurden die ukrainischen Eliten und Intel-lektuellen ausgelöscht. Insbesondere ehemalige Politiker und „bürgerliche Na-tionalisten“ fielen den stalinistischen Säuberungen zum Opfer. Infolge der sta-linistischen Massenmorde und des staatlichen Terrors waren in der sowjetischen Ukraine mehr als eine Million Menschen als Opfer zu beklagen.
Im 20. Jahrhundert erlebten die Ukrainer zweimal die kriegerische Einflußnahme Ruß-lands auf die Geschicke ihres Landes. Das erstrangige politische Ziel Rußlands war stets die Verhinderung einer unabhängigen Ukrai-ne. Nach dem I. Weltkrieg wurde mithilfe der deutschen Besatzungsmacht in der Ukrai-ne der Ukrainische Staat (Hetmanat Ukraine) konstituiert.[17]
Das Gebiet dieses ersten unabhängigen ukrainischen Staates wurde Anfang 1920 von der Roten Armee erobert, formal eine Ukraini-sche Sowjetrepublik gegründet und zwangsweise in die junge Sowjetunion eingegliedert. Damit entschied sich das Schicksal des ukrainischen Volkes auf viele Jahrzehnte, bis zur erneuten Staatsgründung im Jahr 1991.
Der Vorgang wiederholte sich 1944. Die deutschen Besatzungsbehörden hatten auf dem Territorium des unter deutscher Kon-trolle befindlichen Reichskommissariates Ukraine die Gründung eines mit den Ach-senmächten verbündeten selbständigen ukrainischen Staates vorgesehen. Das Territorium stand seit 1941 unter deutscher Zivilverwaltung[18] und war administrativ in sechs Generalbezirke untergliedert.[19]
Mit der Eroberung des Gebietes des Reichs-kommissariats Ukraine durch die Rote Armee wurden diese strategischen Langzeitpla-nungen gegenstandslos. Am 6. November 1943 eroberte die Rote Armee Kiew. Im Laufe des ersten Halbjahrs 1944 wurde nahezu das gesamte Territorium der Ukraine von der sowjetischen Armee besetzt.[20]
Im April 1944 befand sich nur noch ein Randstreifen des Reichskommissariates mit den Kreisen Kobryn und Pinsk in deutscher Hand. Diese Kreisgebiete wurden der Ver-waltung des Generalbezirks Weißruthenien im Reichskommissariat Ostland unterstellt. Der Wiedereroberung der Ukraine durch die Rote Armee und der erneuten Eingliederung in die Sowjetunion folgte die Deportation von geschätzt etwa 2 ½ Millionen Ukrainern in die NKWD-Lager Sibiriens und Mittelasiens.
Während des II. Weltkriegs hatten etwa 300.000 Ukrainer in Verbänden der Deut-schen Wehrmacht und der Waffen-SS gekämpft.[21] An ihnen übte der sowjetische Staat nun grausame Rache. Sie galten als „Feinde des Volkes“ und „Feinde der Sowjetmacht“. Der größte militärische Verband, der sich an der Seite der deutschen Streitkräfte im Abwehrkampf gegen die Rote Armee beteiligte, war die etwa 80.000 Mann zählende Ukrainische Befreiungsarmee.
Stalin ließ in den Nachkriegsjahren 1946 bis 1949 mehrere Hunderttausend Ukrainer nach Sibirien deportieren. Umgekehrt wanderten hunderttausende Russen in die durch die Kriegsereignisse entvölkerte Ukraine ein. Die deutsche Besatzungsherrschaft in der Ukraine wird für die Zerstörung und teilweise voll-ständige Auslöschung von mehreren Tausend Dörfern und Ortschaften verantwortlich ge-macht. Diese vernichteten ukrainischen Dör-fer und Städte wurden jedoch überwiegend 1941 von der Roten Armee zerstört, um den vorrückenden deutschen Streitkräften „verbrannte Erde“ zu hinterlassen.
Die Wiedereroberung der Ukraine 1943/1944 durch die Rote Armee war durch eine auch gegenüber den ukrainischen Zivilisten rück-sichtslose Kriegsführung gekennzeichnet. Noch 1944 gab es in der Ukraine etwa zehn Millionen Einwohner ohne Obdach.
Die Ukrainer erlebten die Jahre 1943/1944 daher mehrheitlich keineswegs als „Befrei-ung“ von der deutschen Besatzungsherr-schaft, sondern als erneuerte sowjetische Besatzung. Die Nachkriegsjahre waren von einer weiter fortschreitenden Russifizierung der Ukrainischen Sowjetrepublik gekenn-zeichnet.
Erst der Zusammenbruch und Zerfall der Sowjetunion ermöglichte die Wiedergründung eines unabhängigen ukrainischen Staates. Zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion lebten knapp 52 Millionen Men-schen in der Ukraine. 72,7 % der Einwohner waren Ukrainer, ein kaum zu beziffernder Teil dieser jedoch russifiziert, 22,1 % waren Rus-sen. Jedoch trifft die immer wieder kolpor-tierte Behauptung, die gesamte Ostukraine oder zumindest ein erheblicher Teil dersel-ben wäre russischsprachig, so nicht zu. Bis zum Zerfall der UdSSR war Russisch die allgemeine Umgangs- und Verkehrssprache auch in der Ukraine. In den sowjetischen Pässen war stets die Nationalität eingetragen.
Dieselbe spielte jedoch im sowjetischen All-tag nur eine untergeordnete Rolle. Etwa 15 bis 20 Millionen Ukrainer lebten zu Zeiten der Sowjetunion bis 1991 außerhalb der Ukraine, und auch in den an die Ukraine angrenzenden Gebieten der russischen Föderation sowie in einem relativ breiten Siedlungsband, das sich im russischen Süden bis nach Sibirien er-streckte und die großen städtischen und in-dustriellen Zentren umfaßte.
Bis 2022 galt zudem, daß nicht jeder russisch-sprachige Ukrainer zwangsläufig und einem Automatismus folgend sich selbst als Russe reflektierte. Andererseits mißtrau-ten aber ebenso ethnische in der Ostukraine ansässige Ukrainer der 2013 deutlicher werdenden Westorientierung der ukraini-schen Eliten in Kiew und in der Westukraine.
Diese Konstellation wurde und wird sehr oft, auch in Moskau, zur Grundlage der Behaup-tung gemacht, die Ukraine wäre ein zerris-sener Staat und die Ukrainer, weil angeblich keine Einheit bildend, auch kein Volk. Putin und seine Gefolgschaft sprechen den Ukrai-nern jegliches Recht auf Eigenständigkeit ab und behaupten sogar, ein ukrainisches Volk hätte es niemals gegeben und gäbe es auch heute nicht.
Den Krieg, den die Ukraine heute als Unab-hängigkeitskrieg gegen Rußland führt, wäre primär vom Westen aus gesteuert, der in der Ukraine geopolitische Interessen verfolge. Hier aber wird die Wahrheit ins Gegenteil verkehrt. Rußland ist es, das sich mit der Existenz einer unabhängigen Ukraine bis heute nicht abfinden kann. Hier wiederholen sich demzufolge Grundzüge und Verhal-tensmuster einer mehr als 250 Jahre alten Politikauffassung.
Zu keiner Zeit war Rußland bereit, die Ukrai-ner als gleichberechtigte Partner und als wirkliches Brudervolk anzuerkennen. Weder zum Zeitpunkt der polnischen Teilungen 1772, 1793, 1795 noch nach dem I. oder nach dem II. Weltkrieg. Lediglich die tem-poräre Schwäche Rußlands infolge des Zerfalls der UdSSR zwangen Rußland, ein-zulenken und 1991 die bis dahin existier-enden innersowjetischen Verwaltungsgrenzen als nunmehr neue Staatsgrenzen anzuerkennen.[22]
Alle diese Gegebenheiten und Fakten werden heute von der Mehrheit der Anhänger Putins und der Rußlandversteher offenbar ausge-blendet und nicht zur Kenntnis genommen.
Daß solche Sichtweisen aber heute ausge-rechnet auch von einem großen Teil der Nationalgesinnten Bundesdeutschlands vertreten werden, muß zumindest Verwun-derung, wenn nicht schärfste Ablehnung hervorrufen. Geschuldet ist diese Entwicklung sicherlich auch der kritiklosen Annahme russischer Staatspropaganda, die auf vielfältigen Wegen und Plattformen auch deutsche Leser und Nutzer erreicht.
In unserer schnellebigen Zeit aber werden aber offensichtlich Informationen kaum noch kritisch hinterfragt, sondern, sofern sie ins eigene Weltbild passen, kritiklos übernom-men.
Fortsetzung folgt
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Anmerkungen
[1]Die Stationierung von NATO-Truppen auf dem Territorium der BRD war vertraglich abgesichert: NATO-Truppen-statut v. 19. Juni 1951, Zusatzabkommen zum NATO-Truppenstatut v. 3. August 1959 (zuletzt geändert am 18. März 1993), Aufenthaltsvertrag v. 23. Oktober 1954 (als Teil der Pariser Verträge), regelte ursprünglich den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in den alten Bundesländern (im Zuge der deutschen Wiedervereinigung 1990 gekündigt), Zwei-plus-Vier-Vertrag und Einigungsvertrag (1990): Diese Verträge legten fest, daß auf dem Gebiet der ehem. DDR und Berlins grundsätzlich keine ausländischen Streitkräfte oder Atomwaffen stationiert werden dürfen (Art. 5 Zwei-plus-Vier-Vertrag).
[2]Darunter zwei Garde-Panzerarmeen, eine sog. Stoßarmee, zwei Garde-Armeen sowie eine Luftflotte. Diese Kräfte waren eindeutig auf Angriff und die Verlegung der Abwehr gegnerischer Angriffs auf das Feindgebiet ausgerichtet.
[3]Im Januar 1991 zählte die sog. „Westgruppe der Truppen“ (bis 1988 Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland“) noch rund 337.800 Soldaten, 44.700 Zivilangestellte und 163.700 Familienangehörige. Etwa 3 % der Fläche der DDR (nach anderen Angaben sogar 10 %) wurden von der sowjetischen Armee genutzt (Kasernen, andere Liegenschaften, Flugplätze, Truppenübungsplätze, Militärsperrgelände usw.).
[4]Lit.: Peter Gosztony: Aufstände unter dem Roten Stern. Bergisch-Gladbach: Lübbe, 1982.
[5]DDR 1953, Polen 1956, Ungarn 1956, CSSR 1968.
[6]Am 15. Mai 1988 startete die Sowjetunion den planmäßigen Rückzug ihrer Truppen. Die Grundlage für das Ende des Krieges schuf das Genfer Abkommen im April 1988. Die sowjetische Intervention hatte zehn Jahre gedauert, nachdem die Truppen am 25./27. Dezember 1979 in das Land einmarschiert waren. Die sowjetische Armee zog am 15. Februar 1989 vollständig aus Afghanistan ab.
[7]Vereinbarung von Belowesch. Ironie der Geschichte: Das Ende der Sowjetunion wurde in einem Jagdhaus in der Bialowiezer Heide (Urwald von Bjelowitza/Bialowieza) in Weißrußland besiegelt. Der Ort des Treffens war weit abgelegen, unscheinbar und fand völlig geheim statt.
[8]Am 21. Dezember 1991 traten acht weitere Ex-Sowjetrepubliken bei: Aserbaidschan, Armenien, Kasachstan, Kirgisien, Moldawkien (Moldau), Tadschikistan, Turkmenien, Usbekistan. 1993 folgte Georgien.
[9]Genscher schlug im Februar 1990 in einer Rede in Tutzing vor, dass der NATO-Verteidigungsbereich sich nicht nach Osten (d.h. außerhalb des Gebietes der DDR) ausdehnen sollte. Diese Position brachte er auch in Gesprächen mit sowjetischen Vertretern ein, um den Weg für die deutsche Wiedervereinigung zu ebnen. Die Aussagen Hans-Dietrich Genschers und des damaligen US-Außenminister James Baker waren Teil von Sondierungsgesprächen und Vorverhandlungen, wurden jedoch nicht im Zwei-plus-Vier-Vertrag oder anderen völkerrechtlich verbindlichen Dokumenten festgeschrieben.
[10]Der Warschauer Pakt löste sich erst 1991 auf: Die militärischen Strukturen des Bündnisses wurden am 31. März 1991, der Warschauer Pakt als socher am 1. Juli 1991 offiziell aufgelöst. Die in Polen, der Tschechoslowakei und in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen wurden abgezogen; in Deutschland blieb auf ehemaligem DDR-Gebiet dagegen bis Ende August 1994 die sowjetische (ab 22. Dezember 1991 russische) sogenannte „Westgruppe der Truppen“ (WGT, vormals Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland) stationiert.
[11]U. a. die ehemaligen Emirate Buchara und Chiwa.
[12]Gerd Ruge, * 9.08.1928 Hamburg, † 15.10.2021 München.
[13]Gabriele Krone-Schmalz, * 1949.
[14]Im November 2013 begannen die als Euro-Maidan bezeichneten Proteste, als die Unterzeichnung einer EU-Assoziierung der Ukraine unter dem Druck Russlands ausgesetzt wurde, Damals war geplant, die Ukraine als asso-ziiertes Mitglied in die EU aufzunehmen.
[15]Die Besetzung der Krim erfolgte in Teilaktionen in der Zeit ab 21./22.02. bis Mitte März 2014.
[16]Erste Teilung (1772): Russland annektierte etwa 92.000 km² im Osten des Landes (Teile des heutigen Belarus und Lettlands/Livlands). Zweite Teilung (1793): Russland erhielt den Löwenanteil der zweiten Aufteilung, etwa 250.000 km² (darunter weite Teile der Ukraine und Weißrußlands). Dritte Teilung (1795): Bei der endgültigen Auflösung des polnischen Staates fielen nochmals rund 120.000 km² (darunter Litauen und verbliebene östliche Gebiete) an das russische Zarenreich.
[17]Die deutschen Truppen hatten die Ukraine infolge des Vertrages von Brest-Litowsk (3. März 1918) besetzt.
[18]Errichtung des Reichskommissariat am 1. September 1941.
[19]Wolhynien-Podolien, Krim-Taurien, Schitomir, Nikolajew, Kiew, Dnepropetrowsk.
[20]Dnepr-Karpaten-Operation, 24. Dezember 1943 bis 17. April 1944.
[21]Allein 1943 wurden 80.000 Ukrainer als Freiwillige angeworben, 17.000 traten in die in die Waffen-SS-Division „Galizien“ ein.
[22]Bestätigt im Budapester Memorandum von 1994 sowie im russisch-ukrainischen Freundschaftsvertrag im Jahr 2008. Das Budapester Memorandum v. 5.12.1994 wurde auf der OSZE-Konferenz in Budapest unterzeichnet.. Die Ukraine (als die seinerzeit drittgrößte Atommacht der Welt), Weißrußland (Belarus) und Kasachstan verpflichteten sich zum vollständigenVerzicht auf Kernwaffen sowie zum Beitritt zum Atomwaffensperrvertrag. Die Westmächte und Rußland sicherten im Gegenzug die Achtung der Unabhängigkeit, der Souveränität und der bestehenden Grenzen zu und untersagten die Anwendung militärischer Gewalt oder wirtschaftlicher Zwangsmittel.