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Vom Sinn des Lebens

Adelinde

„Was ist deines Lebens Sinn?“

fragt ein gewisser Horst M. Kohl in einem Brief, der die Runde im Weltnetz macht. Die Frage enthält schon einen kleinen Stolperstein: das Wort „deines“ sollte er ersetzen mit „des“, so daß die Frage ganz allgemein im Raume steht.

Selten, so scheint es, fragen Menschen überhaupt nach dem Sinn des Lebens. Sie stehen morgens auf, klettern ins Hamsterrad, um für die Erhaltung ihres Lebens die Voraussetzungen zu schaffen, aber fragen sie sich auch einmal:

„Wozu die ganze Plackerei bis hin zum Tode?“

Sollte sich keine Antwort einstellen, könnte der Gedanke kommen, das alles nicht mehr mitmachen zu wollen, weil es „sinnlos“ sei. Man wird geboren, „in die Welt geworfen“ und weiß nicht wozu. Also könnte man der Sinnlosigkeit mit dem Freitod entgehen.

Doch da ist der jedem Lebewesen mitgegebene Selbsterhaltungswille davor. Den zu überwinden fällt nicht leicht. Dennoch bringen es verzweifelte Menschen soweit, sich „vor den Zug zu werfen“.

Heute morgen beim Frühstück im Garten kamen wieder einige der Plagegeister, die Fliegen, auf den Tisch. Die Fliegenklappe lag schon bereit. Aber halt: Ist das Tierlein nicht wunderschön und höchst sinnvoll für sein Leben ausgestattet? Soll ich ihm seine zarten Fühler und Beinchen, seine feinge-äderten Flügel, seine kunstvollen Facettenaugen mit einem Hieb zerschlagen?

Hat Mutter Natur nicht auch dieses Tierlein vollendet schön und vollendet nützlich für seine Selbsterhal-tung ausgestattet? Tief ging es mir in die Seele.

Diese Erlebnisfähigkeit für das Schöne – welches Lebewesen auf Erden verfügt darüber außer der Mensch? Nur der Mensch ist damit ausgestattet. Sollte darin vielleicht der Sinn seines Lebens beruhen?

Die große Philosophin Mathilde Ludendorff führt den Leser ihres Werkes „Schöpfunggeschichte“ auf den Weg der Erkenntnis: Von einfachsten Lebensformen über die unbewußten Einzeller, die unterbewußten Tiere bis hin zum Bewußtsein des Menschen schritt die Entwicklung voran.

Sollte in dieser Evolution nicht schon der Sinn des Menschenlebens erkennbar sein? Ist die Ausstattung des menschlichen Bewußtseins mit Erkenntnisfä-higkeiten, die der übrigen Tierwelt noch verschlos-sen sind, nicht schon der sichere Hinweis auf den Sinn des Menschenlebens?

Hatte Immanuel Kant mit seiner genauen Analyse der Fähigkeiten der „reinen Vernunft“ den Menschen schon als das Bewußtsein des Weltalls erkannt, der mit seiner Vernunft-Gebundenheit an dieselben Erscheinungsformen wie die Welt der „Dinge“, nämlich an Raum, Zeit und Ursächlichkeit genau angepaßt ist, so erkannte Mathilde Ludendorff im Erleben des Wesens der Welt in der innerseelischen Schau, die allein dem dafür aufgeschlossenen Men-schen möglich ist, den Sinn des Menschenlebens.

Das Wesen des Weltalls, das Göttliche, hatte sich in der Menschenseele ein Bewußtsein seiner selbst geschaffen. Dieses „Gottesbewußtsein“ – wobei mit „Gott“ keine Gestalt, sondern eben das raum-zeit-ursachlose Wesen des Weltalls zu verstehen ist – kann sich im Menschen ungewollt, von selbst, ein-stellen, eben ursachlos, „spontan wie Gott selbst“ (M.L.).

Alle in den orientalischen Religionen aufgewach-senen Menschen haben hier nun die größten Schwierigkeiten zu folgen, eben weil ihnen die Vorstellung von einem „Gott“ als Gestalt eingeprägt wurde, die der messenden Vernunft entsprungen ist und von ihr – so sinnlos und naturwidrig es auch sein mag – in den Menschen aufgefaßt werden soll.

Das Wort „Gott“ entstammt dem germanischen „God“, sächlich gedacht als das God, das Gute. Mathilde Ludendorff hat diesen uralten Begriff wohlweislich den Menschen erhalten, indem sie das Wort „Gott“ beibehielt.

Wer ihre Werke selbst liest, versteht. Wer sie nur von außen betrachtet, kommt zu Vorurteilen und Fehl-schlüssen gegenüber der Philosophie. Oft wird ge-rade von solchen aufs Äußere schauenden Menschen überheblich auf sie herabgeschaut. Sie schaden sich selbst, ihrer Seele, ihrer Sinnsuche.

Schon unsere europäischen Altvorderen von vor Zehntausenden von Jahren haben ihre Erkenntnis der beiden Fähigkeiten zum Erkennen der Welt in Stein gehauen übermittelt, wie die große Vorgeschichts-forscherin Elisabeth Neumann-Gundrum in ihrem Werk „Europas Kultur der Großskulpturen“ aufzeigt:

 

Zwiesicht (E. Neumann-G., Großskulpturen)

Immer wieder fand sie aus Felsformationen her-ausgemeißelte menschliche Antlitze mit zwei ver-schiedenen Augen: Eines blickt klar nach außen in die Erscheinungswelt, eines ist verschlossen, schaut nach innen ins Wesentliche.

Das heißt nichts anderes als die nach außen blicken-de Vernunft und die innere Wesensschau sind beide dem Menschen möglich. Und diese Möglichkeiten zeigen den Sinn des Menschenlebens deutlich auf.

Mit „Nachdenken“ ist der Wesensschau nicht bei-zukommen. Da kann der Mensch nächtelang grü-beln, ihm bleibt das Wesen der Dinge verschlossen. Ich kann auch z.B. einem Beethoven-Konzert mit Nachdenken nichts abgewinnen. Nur das Auf-sich-wirken-Lassen wird sich das in der Musik wieder-gegebene seelische Erleben erschließen. Spontan, ohne Mühe, ungewollt.

So kommt denn der Sinnsucher zu dem Ergebnis seiner mit der hier nicht zuständigen „reinen Ver-nunft“, mit seiner an die Dinge gebundenen Logik nicht weiter und meint:

Befragte werden meist ganz leis,
spontane  Antwort niemand weiß.
Habe lange nachgedacht,
Stund um Stund, Nacht für Nacht.

Wirkliche Antwort auch ich nicht fand,
trotz vieler bemühter Stunden
weiterhin vor Rätseln stand.

Eben: er mühte sich und dachte nach, ohne zu ahnen, daß die Erkenntnis ausschließlich ungewollt, ohne Mühe plötzlich in der Seele stehen kann.

Immerhin fragt er überhaupt nach dem Sinn des Lebens, was die vielen Allzuvielen in ihrer Flachheit schon von vornherein unterlassen.

Möge ihm irgendwann das Licht aufgehen.

 

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