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Thomas Engelhardt 

fährt fort:

Insgesamt zwischen 16 bis 18 Millionen Deutsche waren am Ende des II. Weltkrieges vor den Truppen der Roten Armee geflohen oder unmittelbar bei Kriegsende aufgrund der Vereinbarungen zwischen der UdSSR und Polen aus den Heimatgebieten ausgesiedelt.[1]

Diese erste Phase wird als die sog. „kalte Vertreibung“ bezeichnet.[2]

Die gemäß Artikel 13 des Abschlußdoku-ments der Potsdamer Konferenz[3] durchgeführten Vertreibungen aus den Ostgebieten Deutschlands erfolgten in mehreren Phasen und unterschiedlichen Schritten.

Hierbei muß berücksichtigt werden, daß sich bei Kriegsende nur etwa 5,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in der SBZ aufhielten (hauptsächlich in Vorpommern, Brandenburg und Sachsen), etwa 3 bis 4 Millionen aber noch in den Heimatgebieten ausharrten.

1,5 bis 2 Millionen sind zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits ums Leben gekommen. Da es nach der Kapitulation der deutschen Streit-kräfte ungeordnete Rückwanderungen in die Heimatgebiete erfolgten veränderten sich die Bevölkerungszahlen.

Nachstehend die entsprechenden Zahlen zum jeweiligen Bevölkerungsstand[4]:

Ostpreußen[5] Ende 1944 :  2,65 Mill., April/Mai 1945:  600.000, Sommer 1945:  800.000[6]

Hinterpommern[7] 1944 : 1,86 Mill., April/Mai 1945: 1,0 Mill., Sommer 1945 1,0 Mill.[8]

Ostbrandenburg[9] 1944 : 660.000, April/Mai 1945: 300.000, Sommer 1945: 350.000

Schlesien 1944 : 4,7 Millionen, April/Mai 1945:  1,5 Mill., Sommer 1945: 2,5 Mill.

Westpreußen 1944 : 1,6 Mill., April/Mai 1945: 800.000, Sommer 1945: 800.000

Danzig (Stadt und Freistaat)[10] 1944: 420.000, April/Mai 1945: 200.000, Sommer 1945: 200.000

Bis zur Bekanntmachung der Beschlüsse der Kriegssieger auf der Potsdamer Konferenz gingen die Flüchtlinge von einer möglichen Rückkehr in die Heimatorte aus. Mehrere Hunderttausend Deutsche zogen zurück in die ostdeutschen Heimatgebiete.

Allein aus dem nördlichen Sudetenland (genauer aus dem Raum zwischen Reichen-berg und Troppau) bewegten sich mehr als 800.000 Flüchtlinge zurück nach Schlesien, 150.000 Pommern zogen aus Mecklenburg und Vorpommern nach Hinterpommern.

In der Zeit zwischen Juli/August 1945 (Potsdamer Konferenz) und 1951 wurden insgesamt 3,5 Mill. Deutsche aus Ost-deutschland mittels Ausweisung vertrieben. Betroffen waren in den Heimat-gebieten verbliebene oder nach der Flucht zurück-gekehrte Deutsche.[11]

Juni/Juli 1945:  250.000  (aus Ostbran-denburg, Hinterpommern, Niederschlesien)

Sommer bis Spätherbst 1945:  400.000 (aus Pommern, Schlesien, Ostbrandenburg)

1946:  2 Mill. (aus Hinterpommern, Schlesien, südliches, polnisch verwaltetes Ostpreußen)

1947:  500.000  (aus dem sowjetisch besetzten Nord-Ostpreußen und allen Ostprovinzen)

1948:  150.000  (vornehmlich aus Nord-Ostpreußen)

1949:  150.000  (Nord-Ostpreußen und polnisch verwaltete Ostprovinzen)

1950/1951: 50.000

Nachdem 1950/1951 mit den letzten grö-ßeren Ausweisungstransporten aus den polnisch verwalteten Gebieten (Ost-)-Deutschlands die Vertreibung zum Stillstand gekommen war und Hunderttausende Deut-sche bereits vorher infolge der Drangsale, gewaltsamer Übergriffe und an den kata-strophalen Lebensverhältnissen zugrunde gegangen waren, blieben noch etwa 1 Million Deutsche in den Vertreibungsgebietenzurück.

Es handelte sich um deutsche Staatsan-gehörige, die bis 1945 in den ehemaligen Reichsgebieten (in den Grenzen von 1937), darunter in Masuren, oder im Gebiet der ehem. Freien Stadt Danzig (Freistaat Danzig) oder in (Ost-)Oberschlesien wohnten. Polen definierte diesen Personenkreis als sog. „Autochthone“.

Gesamtzahl und Herkunftsgebiete der Flüchtlinge und Vertriebenen:

Danzig und Freistaat Danzig: 290.000

Ostpreußen: 1,984 Mill. (Ostpreußen 1944: 2,52 Millionen Einw.)

Pommern (Hinterpommern östlich der Oder): 1,646 Mill. (1944: 1,89 Mill. Einw.)

Ostbrandenburg/Neumark: 430.000 (von 660.000 Einwohnern in Ostbrandenburg, Stand 1944))

Wartheland: 688.000 (von 1,1 Mill. Deutschen im Reichsgau Wartheland)

Ober- und Niederschlesien: 3,228 Mill. (von 4,7 Millionen Einwohnern Schlesiens)

Sudetenland: ca. 3 Mill. (von urspr. 3,2 Mill. Sudetenländern)

Böhmen und Mähren (Prag[12], Schönhengstgau[13], Brünn[14], Iglau[15], Zwittau):  ca. 200.000

Rumänien:  253.000

Ungarn:  213.000

Jugoslawien: 297.500

Bei der ersten auf Anordnung des Alliierten Kontrollrats durchgeführten Volkszählung in den Besatzungszonen im Oktober 1946 werden 9,6 Millionen Flüchtlinge gezählt. Allein in Schleswig-Holstein steigt die Be-völkerungszahl um 33 %, in Mecklenburg und Vorpommern um 44,3 %. Im Jahr 1950 leben 8 Millionen Flüchtlinge im Bundesgebiet (BRD) und 4 Millionen in der Ostzone (DDR).

Die oben genannte Zahl von 18 Millionen Vertriebenen setzt sich folgendermaßen zusammen:

9,7 Millionen Einwohner Ostdeutschlands (Ostpreußen, Pommern, Ostbrandenburg, Oberschlesien, Niederschlesien)

3  Millionen Einwohner Sudetenland (und Böhmen und Mähren bzw. Tschechoslowakei)

3,2 Mill. in den bis 1939 zu Polen gehörigen Gebieten (Westpreußen, Wartheland, Oberschlesien)

750.000  Auslandsdeutsche

______________

Anmerkungen

[1]Es war der erste Präsident der DDR und frühere KP-Chef Wilhelm Pieck, der diese erstaunlich hohe Zahl von 18 Millionen Umgesiedelten in einem Redemanuskript erwähnte (Bundesarchiv, Nachlass Pieck, NY 4036-726, Bl. 1–2). Die höchste Schätzung von 18,1 Mio. stammt vom Schweizerischen Roten Kreuz aus dem Jahre 1949, zitiert nach De Zayas, Alfred M.: Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen, München 1977, S. 199. Diese Zahlen sind heute allerdings umstritten, vgl. Křen, Jan: Tschechisch-deutsche Beziehungen in der Geschichte. Von Böhmen aus betrachtet, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 28/96 5. Juli 1996, S. 21–27.

[2]Die „kalte“ Vertreibung setzte sehr oft sofort nach Eroberung und Besetzung der Heimatorte durch die Rote Armee ein. Diesen Kampftruppen folgten polnische Milizen und paramilitärisch organisierte Banden polnischer Nicht- kombattanten, die sowohl auf Raub als auch die Inbesitznahmder deutschen Wohnorte, Häuser, Bauernhöfe aus waren. Der Gesamtprozeß der „kalten“ Vertreibung verlief dabei durchaus planmäßig und organisiert. Ziel war die Vertreibung der Deutschen, um bis zur Siegerkonferenz in Potsdam vollendete Tatsachen zu schaffen.

[3]Potsdamer Konferenz 17.07. – 2.08.1945.

[4]Qu.:  Veränderungen des deutschen Bevölkerungsstandes östlich der Oder-Neiße-Linie infolge der Flucht und der Rückkehr im Jahre 1945. In: Dokumentation der Vertreibung der Deutschen. Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße, Bd. 1, München 1984, S. 78 E (Einleitung).

[5]Nach dem Gebietsstand von 1937, mit Memelland (134.000 Einw.) u. Regierungsbez. Westpreußen (310.000 Einw.)

[6]Etwa 600.000 in den Regierungsbezirken Königsberg, Gumbinnen u. Allenstein, ca. 100.000 im ehemaligen (bis 1939 existierenden) Regierungsbezirk Westpreußen (Marienwerder) (dieser fiel 1939 an Danzig-Westpreußen).

Etwa 200.000 Deutsche in Ostpreußen waren Rückwanderer. (Oatpreußen Juni 1945: 550.000 Deutsche im Süden der Provinz, 300.000 im Norden).

[7]Hinterpommern östlich der Oder.

[8]Die zahlenmäßige Übereinstimmung bedeutet nicht, daß dort keine Rückkehrer gewesen sind. Die 1 Mill. Deutschen in Hinterpommern waren im April/Mai zu einem großen Teil geflüchtete Deutsche aus Ost- und Westpreußen, die im Sommer 1945 bereits wieder in ihren dortigen Heimatorten waren. Entsprechend rückten die nach Vorpommern geflüchteten Deutschen wieder ein.

[9]Mit Neumark und der östlichen Niederlausitz.

[10]Danzig (Freistaat) im Gebietsstand 1937/1939.

[11]Qu.: Theodor Schieder: Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa. Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten der östlich der Oder-Neiße, Bonn 1954, S. 155 E (Die einzelnen Etappen der Ausweisung).

[12]In Prag lebten 1945 ca.140.000 Deutsche, davon 80.000 urspr. Prager Deutscheu. 60.000 zugezogene Reichs-deutsche.

[13]Kreise Landskron, Zwittau, Mährisch Trübau und Hohenstadt, 1938 an das Sudetenland angegliedert.

[14]Brünn 1930: ca. 50.000 Dt.

[15]Sprachinsel, ca. 45.000 Dt.

Fortsetzung folgt

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