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Wieder ein Beispiel in der Literatur, das die Einheit von Leib und Seele belegt

Ulrike von Levetzow war siebzehn, als sie 1821 im böhmischen Marienbad mit dem 72-jährigen Goethe zusammenkam. Goethe verliebte sich in sie. Sein  Erleben mit der jungen Frau schildert er in seinem Gedicht Marienbader Elegie:

So warst du denn im Paradies empfangen,
Als wärst du wert des ewig schönen Lebens;
Dir blieb kein Wunsch, kein Hoffen, kein Verlangen,
Hier war das Ziel des innigsten Bestrebens,
Und in dem Anschaun dieses einzig Schönen
Versiegte gleich der Quell sehnsüchtiger Tränen.

Wie regte nicht der Tag die raschen Flügel,
Schien die Minuten vor sich her zu treiben!
Der Abendkuß, ein treu verbindlich Siegel:
So wird es auch der nächsten Sonne bleiben …

Wie leicht und zierlich, klar und zart gewoben
Schwebt, seraphgleich, aus ernster Wolken Chor,
Als glich’ es ihr, am blauen Äther droben
Ein schlank Gebild aus lichtem Duft empor;
So sahst du sie in frohem Tanze walten,
Die lieblichste der lieblichsten Gestalten …

Wie zum Empfang sie an den Pforten weilte
Und mich von dannauf stufenweis beglückte;
Selbst nach dem letzten Kuß mich noch ereilte,
Den letztesten mir auf die Lippen drückte:
So klar beweglich bleibt das Bild der Lieben
Mit Flammenschrift ins treue Herz geschrieben.

Goethe schildert weiter, wie seine neue Liebe ihn aus „beklommner Herzensleere“ erlöste und zu neuen Taten beflügelte:

War Fähigkeit zu lieben, war Bedürfen
Von Gegenliebe weggelöscht, verschwunden,
Ist Hoffnungslust zu freudigen Entwürfen,
Entschlüssen, rascher Tat sogleich gefunden!
Wenn Liebe je den Liebenden begeistet,
Ward es an mir aufs lieblichste geleistet;

Und zwar durch sie! – Wie lag ein innres Bangen
Auf Geist und Körper, unwillkommner Schwere:
Von Schauerbildern rings der Blick umfangen
Im wüsten Raum beklommner Herzensleere;
Nun dämmert Hoffnung von bekannter Schwelle,
Sie selbst erscheint in milder Sonnenhelle …

Vor ihrem Blick, wie vor der Sonne Walten,
Vor ihrem Atem, wie vor Frühlingslüften,
Zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten,
Der Selbstsinn tief in winterlichen Grüften;
Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert,
Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.

Wie tief und gottgeeint er diese Liebe erlebte, sagt er mit diesen Zeilen:

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen’s: fromm sein! – Solcher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

Und so findet das Herz in der Erfüllung seines Sehnens die Ruhe, „den Frieden Gottes“:

Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören
Den tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören.

Doch aus diesem Himmel fällt er heraus und prallt in der Erdenwirklichkeit hart auf: Auf seinen Heiratsantrag erhält er eine Absage, und in Weimar erwarten ihn Widrigkeiten und unverständiger Klatsch:

Der Kuß, der letzte, grausam süß, zerschneidend
Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen.
Nun eilt, nun stockt der Fuß, die Schwelle meidend,
Als trieb’ ein Cherub flammend ihn von hinnen;
Das Auge starrt auf düstrem Pfad verdrossen,
Es blickt zurück, die Pforte steht verschlossen.

Und nun verschlossen in sich selbst, als hätte
Dies Herz sich nie geöffnet, selige Stunden
Mit jedem Stern des Himmels um die Wette
An ihrer Seite leuchtend nicht empfunden;
Und Mißmut, Reue, Vorwurf, Sorgenschwere
Belasten’s nun in schwüler Atmosphäre.

Goethe erleidet nun die Qualen unglücklicher, weil unerfüllbarer Liebe:

Nun bin ich fern! Der jetzigen Minute,
Was ziemt denn der? Ich wüßt es nicht zu sagen;
Sie bietet mir zum Schönen manches Gute,
Das lastet nur, ich muß mich ihm entschlagen;
Mich treibt umher ein unbezwinglich Sehnen,
Da bleibt kein Rat als grenzenlose Tränen.

So quellt denn fort! und fließet unaufhaltsam;
Doch nie geläng’s, die innre Glut zu dämpfen!
Schon rast’s und reißt in meiner Brust gewaltsam,
Wo Tod und Leben grausend sich bekämpfen.
Wohl Kräuter gäb’s, des Körpers Qual zu stillen;
Allein dem Geist fehlt’s am Entschluß und Willen,

Fehlt’s am Begriff: wie sollt er sie vermissen?
Er wiederholt ihr Bild zu tausend Malen.
Das zaudert bald, bald wird es weggerissen,
Undeutlich jetzt und jetzt im reinsten Strahlen;
Wie könnte dies geringstem Troste frommen,
Die Ebb und Flut, das Gehen wie das Kommen? …

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich, und richten mich zugrunde.

Der Zusammenbruch

In seinem unerfüllten Sehnen, umgeben von einer verständnislosen Weimarer Mitwelt, erleidet Goethe einen schweren körperlichen Zusammenbruch. Marie Lavater Sloman schildert die Vorgänge in ihrer Eckermann-Biografie Der strahlende Schatten:

… unter der Gehässigkeit seiner Umwelt wurde er krank. Das Herz, die Nerven versagten, bis ein furchtbarer Blutsturz ihn an den Rand des Todes brachte. Die Törichten, sie hatten ihn zur Strecke gebracht!

Der Arzt Rehbein verordnete ein Pflaster auf die Herzseite, aber dieser kluge Mann, der die Psyche seiner Patienten ebensosehr beobachtete wie ihren Körper, unterhielt sich mit Goethe während der Arztvisiten über … Marienbad, „worüber in Goethe die angenehmsten Empfindungen geweckt zu werden scheinen“ (Eckermann).

Ein Arzt in des Wortes wahrer Bedeutung! Im heutigen medizinischen Abfertigungs- und Reparaturbetrieb der Krankenhaus-Konzerne mit ihren schulmedizinischen Schemata und Vorgaben würde man einen solchen Arzt wohl vergeblich suchen.

Balsam für die Seele bringt auch körperliche Heilung

Dr. Rehbein jedoch wußte den Weg zur Heilung: Marienbad! Hier lag Goethes derzeitiges Glück und Unglück zugleich. Hier lag seine Krankheitsursache, mit ihrer liebevollen Aufarbeitung würde die Genesung einsetzen.

Einen weiteren Arzt fand Goethe in seinem geliebten Freund Karl Friedrich Zelter, dem musikalischen Leiter der Berliner Singakademie, der so viele seiner Gedichte vertont hatte in einer Weise, deren schlichte Volksliedhaftigkeit Goethe besonders zusagte.

Zelter hatte er kurze Zeit zuvor in einem Brief vom 24.8.1823 tief in seine von Liebe erfüllte Seele blicken lassen:

Auch ist es trostlos, von politischen Dingen, wohin man auch horcht, zu vernehmen. Mich von allen solchen wie von ästhetischen Gesprächen und Vorlesungen zu befreien, hatte ich mich auf sechs Wochen einem sehr hübschen Kinde in Dienst gegeben, da ich denn von allen äußern Unbilden völlig gesichert war.

Nun aber doch das eigentlich Wunderbarste! Die ungeheure Gewalt der Musik auf mich in diesen Tagen! Die Stimme der Milder, das Klangreiche der Szymanowska, falteten mich auseinander, wie man eine geballte Faust freundlich flach läßt. Zu einiger Erklärung sag’ ich mir: du hast seit zwei Jahren und länger gar keine Musik gehört (außer Hummeln zweimal), und so hat sich dieses Organ, insofern es in dir ist, zugeschlossen und abgesondert; nun fällt die Himmlische auf einmal über dich her, durch Vermittlung großer Talente, und übt ihre ganze Gewalt über dich aus, tritt in alle ihre Rechte und weckt die Gesamtheit eingeschlummerter Erinnerungen.

Wie schön, wie notwendig wäre es nun, daß ich an Deiner Seite zu verweilen Gelegenheit fänd’! Du würdest mich durch allmähliche Leitung und Prüfung von einer krankhaften Reizbarkeit heilen, die denn doch eigentlich als die Ursache jenes Phänomens anzusehen ist, und mich nach und nach fähig machen, die ganze Fülle der schönsten Offenbarung Gottes in mich aufzunehmen.

Die Liebe hatte seine Seele aufgeschlossen, und nun konnte die Musik – zu der Zeit besonders die Beethovens – als „Offenbarung Gottes“ in sie einströmen. Die „krankhafte Reizbarkeit“ war zu dem Zeitpunkt noch die unerfüllte Hoffnung auf dauernde Zweisamkeit mit Ulrike von Levetzow. Wenig später sollte dann die Zerstörung dieser Hoffnung Goethes Liebesunglück und Krankheit herbeiführen. Bei Sloman lesen wir:

Und nun hatte die auseinandergefaltete Hand sich wieder verkrampft, schlimmer denn je vorher, aber Zelter kam und spendete aus eigenem vielgeprüftem Herzen Beruhigung. Sogar Erheiterung; wußte er doch in seiner „buschikosen“ Art die ganze Welt Berlins vor Goethes Ohren vorbeizuführen …

Der alte Freund verstand es, die größte Bitterkeit aus seinem Herzen zu vertreiben. Ein Nachklang dieser Tage ertönt aus einem Brief Goethes an Zelter vom 9. Januar 1824, wenn er dem Freunde schreibt:

„So war mir denn auch deine liebe Gegenwart in meinem peinlichen Zustande abermals höchst erquickend; ich fühlte es und weiß es, und es freut mich, daß die andern es auch anerkennen, die niemals recht begreifen, was ein Mensch dem andern sein kann …“

Goethe vertraute Zelter bei seinem Besuch auch seine Marienbader Elegie an, die seine Liebesfreuden und -leiden offenbaren. Er schreibt Zelter weiter:

Daß du mir die Mitteilung des Gedichtes durch innige Teilnahme so treulich wiedergabst, war eigentlich nur eine Wiederholung dessen, was du durch deine Kompositionen mir so lange her verleihest; aber es war doch eigen, daß du lesen und wieder lesen mochtest, mir durch dein gefühlvolles sanftes Organ mehrmals vernehmen ließest, was mir in einem Grade lieb ist, den ich mir selbst nicht gestehen mag, und was mir denn doch jetzt noch mehr angehört, da ich fühle, daß du dir’s eigen gemacht hast. Ich darf es nicht aus Händen geben, aber lebten wir zusammen, so müßtest du mir’s so lange vorlesen und vorsingen, bis du’s auswendig könntest.

Goethe fand nun wieder Ruhe und Heilung.

Nachts schlief er wieder in seinem Bett, anstatt keuchend und hustend aufrecht im Lehnstuhl zu sitzen …

Sein körperliches Leiden verschwand mit der Genesung seiner aufgewühlten Seele. Und die genas durch das liebevolle Verstehen seiner Ärzte Dr. Rehbein und Karl Friedrich Zelter.

Ein beeindruckendes Zeugnis der Einheit von Leib und Seele!

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5 Comments
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Elke
Elke
11 Jahre zuvor

Nun, Herr Hape,

was wäre denn das “Hamer- Problem”? Eine schwere Revierangst scheint Goethe erlitten zu haben durch die ganze Häme in Weimar, welche in den Bronchien Zellabbau bewirkte.

Goethe bekam ja in Weimar sichtlich keine Luft mehr, wo er doch solche Anfeindungen gar nicht gewohnt war. Es fehlte ihm nun auch die sprichwörtliche Luft zum Leben, die ein Liebender in ausreichender Menge nur in der Nähe der Geliebten findet. Die Bronchien erweiterten sich, damit mehr Luft in die Lunge könne. Ein Sinnvolles Biologisches Sonderprogramm des Körpers setzte ein.

Nach Abklingen des Konflikts reagierten die Bronchien mit starker Verschleimung, dadurch Verengung (Atelektase) der Bronchien durch die Heilungsschwellung, daher die Luftnot bei Nacht. Und durch den Husten mußte natürlich der Schleim wieder aus der Lunge befördert werden.

Ein ganz sinnvoller Vorgang, natürlich lästig für den Betroffenen, aber umso leichter zu ertragen, wenn man – heute – um den Sinn dieser niemals bösartigen körperlichen Vorgänge weiß.

Inga Nomm
Inga Nomm
10 Jahre zuvor

Was ist ein Grabesel?

Ron
Ron
4 Jahre zuvor

„Am heißen Quell verbringst du deine Tage, das regt mich auf zu innrem Zwist; / Denn wie ich dich so ganz im Herzen trage / Begreif‘ ich nicht, wie Du woanders bist.“

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