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Wikingerschiff (nachgebaut), Foto im Museum von Roskilde

Wikingerschiff (nachgebaut), Foto im Museum von Roskilde

Keiner lebt ewig

Nur der Dummkopf
dünkt, ewig zu leben;
so flieht er vor seinen Feinden.
Doch das Alter
ereilt jeden,
auch wenn das Schwert ihn verschont.

Edda

Vignette

Erstaunlich in Skandinavien ist die große Zahl der noch unversehrt daliegenden Hügelgräber aus heidnischer Zeit. Besonders beeindruckend die Kette riesiger Grabhügel in

Gamla Uppsala

Grabhügel-Kette in Alt Uppsala

Grabhügel-Kette in Alt-Uppsala

Dr. Tempel berichtet:

In Alt-Uppsala und den Nachbarorten Valsgärde und Vendel liegen drei große Gruppen mit Grabhügeln aus der späten Völkerwanderungszeit und sogenannten Vendel-Zeit. In ihnen vermutet die Forschung die Gräber der bedeutendsten altschwedischen Königsfamilien aus dem Geschlecht der YNGLINGER, die uns in alten Texten aus dem 9.-12. Jahrhundert überliefert sind. Die größten der Grabhügel wurden teilweise untersucht. Sie enthielten Feuerbestattungen, die man zeitlich einordnen kann. Danach ist der Osthügel um 500 angelegt worden, der Westhügel zwischen 550 und 575.

Die besonders hohen Königsgrabhügel

Die 3 besonders hohen Königsgrabhügel

An solchen herausragenden Grabanlagen, angelegt zudem auf Anhöhen, so daß von oben auf den Grabhügeln eine weite Sicht in die Umgebung gegeben ist, werden heilige Feste gefeiert worden sein. So berichtet der Hamburger Bischof Adam von Bremen, hier in Alt-Uppsala habe 1070 ein Tempel gestanden mit den Bildnissen von Thor, Odin und Freyr. Ob Adam von Bremen allerdings selbst in Alt-Uppsala gewesen ist, kann bezweifelt werden.

Kirche von Gamla Uppsala (aus: Wikipedia)

Kirche von Gamla Uppsala (aus: Wikipedia)

Denn die Germanen kannten keine Tempel, wie sie auch keine Priester kannten. Sie verehrten ihre Götter in heiligen Hainen.

Der Standort des Tempels konnte nicht gefunden werden. Man vermutet, daß er sich neben der Kirche befand, wahrscheinlich wurde er sogar beseitigt, um die Kirche auf derselben Stelle zu errichten. (Tempel)

Denn das war gängige Praxis bei den Missionaren: Auf Plätzen, die den Heiden heilig waren, wurde eine Kirche errichtet.

Wann (hier) die allererste Kirche erbaut wurde, wissen wir nicht, aber sicher ist, daß die jetzige Kirche bereits im ersten Drittel des 12. Jahrhunderts fertig war. Sie bestand zu jener Zeit aus einem Kreuzgewölbe. Sie war Schwedens erster Dom und Sitz des Erzbischofs, bevor dieser mit dem Bau des neuen Domes nach Östra Aros, dem heutigen Uppsala, verlegt wurde. Dadurch erhielt der alte (= ‘gamla’) Platz den Namen Gamla Uppsala. (Svenska kyrkan, Gamla Uppsala Församling)

Neben dem angeblichen – sogar ganz mit Gold gedeckten – Tempel habe – so Adam von Bremen weiter – ein heiliger Baum gestanden. Dr. Tempel ist der Ansicht, der Beschreibung nach sei er eine Eibe gewesen:

Die Irminsul als Weltenbaum mit neun Ästen. Zeichnung: Marianne Klement (aus: Wikipedia)

Die Irminsul als Weltenbaum mit neun Ästen. Zeichnung: Marianne Klement (aus: Wikipedia)

Auch die Yggdrasil, der Weltenbaum der nordischen Mythologie, war vermutlich ebenso wie die Irminsul der alten Sachsen eine Eibe (nicht Esche).

In diesem Zusammenhang ist es spannend, den Ausführungen Dr. Wolf-Dieter Tempels in seiner Abhandlung

“Die Eibe – Der Weltenbaum der Germanen”

zu folgen. Tempel weist daraufhin, daß in den Edda-Handschriften zwar von der Weltenesche die Rede ist, daß aber einige Textstellen zeigen,

daß mit dem immergrünen Baum wahrscheinlich die Eibe gemeint war.

Eibenbaum bei Wittingham, Südostschottland. Foto aus: Thomas Pakenham: Meetings with remarkable Trees (in der Abhandlung von Wolf-Dieter Tempel, Die Eibe - Der Weltenbaum der Germanen)

Eibenbaum bei Wittingham, Südostschottland. Foto aus: Thomas Pakenham: Meetings with remarkable Trees (in der Abhandlung von Wolf-Dieter Tempel, Die Eibe - Der Weltenbaum der Germanen)

Die beiden beeindruckenden Bilder von Jahrtausende alten Eiben sprechen ihre eigene Sprache.

Eibe auf dem Friedhof von Much Marcle, Westengland. Der mehr als zweitausendjährige Baum war bereits alt, als im 13. Jahrhundert die Kirche gebaut wurde. Foto aus: Thomas Pakenham: Meetings with remarkable Trees

Eibe auf dem Friedhof von Much Marcle, Westengland. Der mehr als zweitausendjährige Baum war bereits alt, als im 13. Jahrhundert die Kirche gebaut wurde. Foto aus: Thomas Pakenham: Meetings with remarkable Trees (Tempel, a. a. O.)

Wer von uns hat schon einmal einen so alten Baum mit eigenen Augen gesehen? Eher werden wir vor der Eibe als “giftigem” Baum gewarnt. Aber wußten wir auch, daß die Eibe

die sich durch langsames Wachstum und besonders hartes Holz, vor allem aber durch ein ungewöhnlich hohes Lebensalter von allen anderen Baumarten in Europa unterscheidet,

im Alter eine weitausladende lichte Krone aufweist,

die überhaupt nicht unserer heutigen Vorstellung eines hochwüchsigen, dichtbegrünten Lebensbaums entspricht (?) … Die besonders weit ausladenden Äste und Zweige des Weltenbaums werden in den Edda-Texten sogar besonders betont. Auch die Tatsache, daß einer der Runenbuchstaben den Namen nach der Eibe trägt, spricht für die Eibe als Weltenbaum.

Und Tempel kommt auf den heiligen Baum zurück, den Adam von Bremen neben dem heidnischen Tempel in Alt-Uppsala beschreibt und schließt auf eine Eibe:

Der tiefere Sinn gerade dieses Baums verstärkt sich für uns heute noch mehr, wenn wir aus der botanischen Forschung erfahren, daß die Eibe entwicklungsgeschichtlich der älteste heute noch bei uns heimische Nadelbaum und damit zugleich die älteste Baumart Mittel- und Nordeuropas ist.

… Sein besonders hartes Holz bevorzugten die Menschen seit urgeschichtlicher Zeit für die Werkzeug- und Geräteherstellung. Schon Stoßlanzen der Altsteinzeit, die früher bei Clacton an der Themse (England) und bei Lehringen im Landkreis Verden gefunden wurden, hatten Früh-Menschen bereits aus Eibenholz gefertigt. Auch der Schießbogen wurde mindestens seit der Jungsteinzeit aus Eibenholzstanden hergestellt.

Allmählich führte die vielseitige Verwendung zur Ausrottung der Eibe aus unseren Landschaften.

So ist überliefert, daß im Jahre 1588 in der Herrschaft Waldhofen in Bayern allein 10 000 große Eiben für den Verkauf nach Holland und England geschlagen wurden. Weil die giftigen Triebe für Pferde gefährlich waren, sorgten auch Bauern und Fuhrleute mit für die Ausrottung der Eiben.

Aber auf Friedhöfen finden wir sie noch,

vermutlich weil die Eibe als alter heiliger Baum traditionell auf Friedhöfen gepflanzt wurde … Ebenso standen die ersten überlieferten Weihnachtsbäume nicht in den Wohnungen, sondern auf Friedhöfen. Um diese “Weihnachtsmaien” wurde wie um den Maibaum zu Weihnachten getanzt.

So steht die uralte Eibe des englischen Dorfes Much Marcle auch auf einem Friedhof. Das deutet darauf hin, daß wie in Alt-Uppsala auch an anderen Orten in ganz Nordeuropa nordische Völker ihre Ahnen und somit ihre Toten ehrten und in ihre Feiern einbezogen.

Bei der Rieseneibe in Wittingham sieht man, wie die Eibe geradezu eine Halle bildet:

Unter den weit ausladenden, herunterhängenden Ästen und Zweigen bildet die 41 m breite Krone einen großen kuppelartigen Hohlraum rings um den … knapp 4 m dicken Stamm.

… Der Sage nach ruht auch die Gemahlin des Sachsenanführers Widukind unter einer gewaltigen Eibe im Pfarrgarten zu Elm im Kreis Osnabrück.

Dr. Tempel weiß von weiteren uralten Eiben zu berichten:

… Die älteste Eibe Deutschlands steht bei Balderschwang im Allgäu. Nach einem Zeitungsbericht schätzt man ihr Alter auf 3000 bis 4000 Jahre. Das wird ein Druckfehler oder eine Fehleinschätzung sein. Doch in Hermersdorf bei Laubahn in Schlesien stand und steht vielleicht noch eine 15 m hohe Eibe mit 5 Meter Stammumfang, deren Alter von Fachleuten auf 1400 bis 1500 Jahre geschätzt wurde. Eine noch ältere Eibe von 2 m Durchmesser und etwa 2000 Jahre Alter steht in Krombach im Sudentenland. Daß diese Schätzung zutreffen kann, beweist der Fund eines Eibenstammes in einem Oldenburger Moor mit 2 m Stärke, an dem man rund 2000 Jahresringe zählte.

Yggdrasil und Irminsul

In dem Wort Yggdrasil und in dem Wort Irminsul finden wir das Wort Säule.

Dieser Wortstamm ist nur in germanischen Sprachen nachweisbar … Dieses Heiligtum (die Irminsul) der alten Sachsen war entweder eine Kultsäule, die den Weltenbaum symbolisierte oder vielleicht auch eine lebende heilige Eibe.

Tempel kennt ein hessisches Kinderlied, in dem der Weltenbaum ähnlich wie in der Lieder-Edda angesprochen ist:

Mimameide
steht auf der Heide,
hat ein grün’s Röcklein an,
sitzen drei Jungfern dran.

In der Lieder-Edda, Fjolswid 13 ff lesen wir:

Wie heißt der Baum, der mit breiten Ästen
die weite Welt überwölbt?
Mimameid heißt er, kein Mensch weiß,
aus welchen Wurzeln er wuchs.
Niemand ahnt, was ihn niederstreckt,
nicht Feuer fällt ihn, noch Stahl …

Wie heißt der Hahn, der da sitzt im hohen Baume
und ganz von Gold erglänzt?
Widofnir heißt er,
im Wetterglanz steht er
auf Mimameids Geäst …

Tempel dazu:

Hier sehen wir den Ursprung des goldenen Wetterhahns unserer Kirchen, der im frühen Christentum außerhalb der germanischen Länder kein Vorbild hat.

Auf der Spitze des Heiligtums, der Eibe, an dessen Wurzeln die drei Nornen ihre Schicksalsfäden spinnen, sitzt der goldene Wetterhahn, und so übernimmt auch ihn die siegreiche Christen-Mission, die triumphierend ihre Kirchen auf die von ihr zerstörten alten heiligen Stätten der Heiden setzte so, wie sie die alten Jahreszeitenfeste in ihrem Sinne umdeutete.

Der Wetterhahn auf den Kirchen ist also ein Überbleibsel aus heidnischer Zeit. Ist sich die Geistlichkeit, die doch das Heidentum so verabscheut, dessen bewußt?

Dr. Tempel hat im Prosatext der jüngeren Edda, Gylfaginning 15-16, noch eine weitere Beschreibung des Weltenbaumes gefunden:

Wo ist die Hauptstätte oder heilige Stätte der Götter? – Sie befindet sich an der Eibe Yggdrasil, wo die Asen alle Tage Beratung halten sollen … Die Eibe ist der größte und beste aller Bäume. Ihre Zweige erstrecken sich über alle Welt und ragen über den Himmel empor. Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht und verbreiten sich sehr weit …

Der Autor weist daraufhin, daß die Seherin den Weltenbaum schon vor der gesamten Schöpfung dagewesen sieht, der auch nach ihrem Untergang bestehen bleiben wird. Im Toben des Weltuntergangs – so der Seherin Gesicht

… bebt Yggdrasils Eibe,
doch sie hält stand …

Der Mythos vom Weltenbaum ist uralt, war weit verbreitet bis nach Indien und Persien und enthält in seiner Symbolik tiefe Weisheit. Die gezielte Zerstörung der Irminsul durch Karl den Großen muß die Menschen des damaligen Nordens in ihrer Menschenwürde und ihren Herzen zutiefst getroffen haben.

Von da ab trat ein, was die Seherin vorausgeahnt hatte:

Die gesamte Gesittung der nordischen Völker – die heidnischen Sachsen z. B. hatten 500 Jahre lang keinen Krieg gekannt – geriet aus den Fugen:

Brüder schlagen dann,
morden einander;
Schwestersöhne
verderben Verwandtschaft;
wüst ist die Welt,
voll Hurerei; ‘s ist
Beilzeit, Schwertzeit,
zerschmetterte Schilde,
Windzeit, Wolfszeit,
bis einstürzt die Welt –
nicht ein Mann will
den anderen schonen.

Verlust der Freiheit und Eigenständigkeit

1152 wurde Alt-Uppsala unter dem Schweden-(Svea-)König Erik Erzbischofssitz. Erik selbst wurde später (um 1300) für seinen Kreuzzug gegen Finnland, das noch heidnisch gewesen war, heilig gesprochen!

Alt-Uppsala war nach bisherigen Kenntnissen und nach Ausgrabungsbefunden keine große Siedlung, sondern nur Königssitz und Heiligtum bzw. Erzbischofssitz.

1215 wurde der Erzbischofssitz nach Genehmigung des Papstes (!) an einen anderen Ort verlegt, der den Namen Uppsala bekommen sollte: die heutige Stadt Uppsala. (Tempel)

Die Völker hatten – nach schweren Kämpfen und Demütigungen – ihre Landeshoheit an eine ferne, fremde – überstaatliche – Macht abgeliefert und waren zu deren Untertanen herunterkommen.

Steinsetzung in Schiffsform bei Kaseberga an der Südküste Schwedens

Das Gräberfeld von Kåseberga

Im nebenstehenden Bild läßt sich vielleicht die Wikinger-Schiffsform der Steinsetzung – der Ales-Steine – erahnen, die  bei Kåseberga an der Südküste Schwedens an landschaftlich herausragender Stelle zu finden ist.

Die Mittelachse der Anlage ist exakt von NW nach SO ausgerichtet. Das entspricht dem Sonnenaufgangspunkt zur Sommersonnenwende und dem Sonnenuntergangspunkt zur Wintersonnenwende,

berichtet Dr. Tempel.

Südküste Schwedens

Südküste Schwedens

Von der Seeseite haben wir die Gesamtanlage leider nicht betrachten können. Von dort aus sei das “steinerne Schiff” besonders eindrucksvoll zu sehen.

Nach der Form der Steine und der Gesamtanlage ist sie wikingerzeitlich (800-1000). Ausgrabungen haben allerdings noch nicht stattgefunden. Es gab zwar bereits in der Bronzezeit schiffsförmige Steinsetzungen um Gräber.

Gräberfeld bei Kaseberga

Steinsetzung bei Kåseberga

Der Zufallsfund eines Urnengrabes aus der Zeit um 500 v. Chr. und eine Feuerstelle aus der Jungsteinzeit (um 3500 v. Chr.) zwischen den Ales-Steinen gehören aber offensichtlich nicht zum Schiffsgrab. Sie zeigen nur an, daß hier schon in früheren Epochen Menschen gelebt und Tote bestattet haben …

58 eindrucksvolle große Steine sind in dem Monument verbaut worden, das von Bug zu Heck 67 m lang ist. Die Steine sind in der Mitte etwa mannshoch und steigen zum Heck auf 2,50 m an, zum Bug auf 3,30 m. (Tempel)

Der Steilhang zur Ostsee herunter am Platz der Steinsetzung von Kaseberga

Der Steilhang zur Ostsee hinunter am Platz der Steinsetzung von Kåseberga

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