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Westfälischer Friede

Thomas Engelhardt

nimmt den 30-jährigen Krieg sowie den Westfäli-schen Frieden noch einmal unter die Lupe. Hier sein Ergebnis: 

Das I. Reich, auf das sich heute so viele berufen, existierte – nurmehr dem Namen nach – bis 1806.

Das Ende hatte sich aber bereits 1803 mit dem Reichsdeputationshauptschluß ange-kündigt.

Dann sieben Jahrzehnte ein neues Interre-gnum, eine kaiserlose Zeit (es sei denn man erkennt den ab 1804 in Amt und Würden existierendenn österreichischen Kaiser an).

Deutschland verpaßte somit sieben wichtige Jahrzehnte, in denen die Vereinigten Staaten die Grundlagen schufen, um sich im 20.Jh. zur neuen Vormacht aufzuschwingen.

Frankreich und England teilten sich in diesem 19. Jh. die Welt untereinander auf. Und wir? Wir kamen zu spät.

Geschuldet war dies den drei Jahrzehnten der Erschütterungen und Zerrüttung der deut-schen Lande zwischen 1618-1648.

Von den etwa 16-20 Millionen Deutschen, die 1618 lebten, blieben am Ende 5-7 Millionen übrig (die geschätzten Zahlen gehen hier auseinander; zuweilen werden auch 4 oder 8 Millionen genannt). Zwei Drittel bis drei Vier-tel der Deutschen waren aber am Ende als Opfer zu beklagen.

In der sog. „Vernichtungsschneise“ des Dreißigjährigen Krieges, die sich vom deutschen Südwesten (Sundgau, Elsaß, Kraichgau, Hohenlohe, Mainfranken, Unterfranken, Thüringen, Anhalt, Altmark, Prignitz, Mecklenburg bis nach Vorpommern zog, lag die Verlust- und Opferquote noch ungleich höher und betrug örtlich bzw. gebietsweise bis zu 80 % und mehr!

Ohne die verheerenden Ergebnisse des Dreißigjähr. Krieges hätte die Entwicklung Deutschlands völlig anders ausgesehn.

Darin zumindest sind sich die Historiker einig.

Meine Materialsammlung zum bzw. über den Dreißigjährigen Krieg ist wesentlich umfang-reicher als die zur Geschichte Deutschlands im 20. Jh.; sie umfaßt 12 Leitzodner Material. U.a. sammle ich (bis heute) Zeitzeugenbe-richte, Ortschroniken u.ä. 

Wozu das Ganze? Die Tragödie der Geschich-te unseres Volkes liegt nicht im Jahr 1945 begründet, sondern 1648.

Wir sehen heute nur das Besatzungsregime der Jahre 1945 ff. Aber 1945 war die direkte Folge der „Westfälischer Frieden“ genannten Guillotinierung Deutschlands drei Jahrhun-derte zuvor. Nur ist das den meisten heute nicht mehr bewußt.

Aber bis heute wird der Dreißigjährige Krieg sehr unterschiedlich beleuchtet. Und nach wie vor steht die Auseinandersettung zwi-schen Katholiken und Protestanten im Focus.

Mit dem Dreißigjährigen Krieg beschäftige ich mich seit mehr als vierzig Jahren, weil viele meiner Vorfahren entweder von der heimat-lichen Scholle vertrieben wurden oder als Soldaten oder Offiziere in den verschieden-sten Armeen Dienst taten.

In den vielen Jahren der Beschäftigung mit diesem Dreißigjährigen Krieg, der eigentlich eine Abfolge von vier Einzelkriegen war, die nur mittelbar miteinander im Zusammenhang standen, wurde mir klar, daß diese dreißig Jahre Krieg nach 1648 immer wieder neu bewertet und interpretiert wurden.

Bis um 1750 dominierte im Volk die Auf-fassung, es hätte sich primär um eine konfessionelle Auseinandersetzung ge-handelt. Andere Stimmen mahnten früh, daß diese Bewertung zu einfach sei.

Denn allein das Bündnis des katholischen Frankreich mit dem protestantischen Schweden gegen Kaiser und Reich war ausreichendes Indiz, daß die Verhältnisse komplizierter waren.

Beginnend im 18. Jahrhundert wurde der Dreißigjährige Krieg nun hauptsächlich als ein Krieg raumfremder Mächte, Däne-marks, Schwedens und Frankreichs gegen das Heilige Römische Reich aufgefaßt.

Die Religion spielte dennoch eine Rolle, aber diese wurde je nach Belieben benutzt – für die eigenen Zwecke, für die Erreichung der eigenen Ziele.

Heute hat sich die Aufassung durchgesetzt, daß der Dreißigjährige Krieg in erster Linie ein Reichsverfassungskrieg gewesen sei. Der Kriegsverlauf, das Kriegsende und die Er-gebnisse des Krieges (bzw. der vier Einzel-kriege) sprechen für diese These.

Das Ziel Schwedens war eindeutig. Die Spaltung des Reiches in eine proptestantische von Schweden beherrschte Nordhälfte und ein katholisches Süddeutschland. Erst mit dem Sonderfrieden von Prag, der zum Ausscheiden Kursachsens aus dem Krieg führte, gewann der Kaiser die Handlungs-fähigkeit und seine strake Zentralstellung vorübergehend wieder zurück.

Mit dem Doppelfrieden von Münster und Osnabrück aber hörte das Reich faktisch auf zu bestehen. Zwar existierten noch Institu-tionen des Reiches wie zum Beispiel (ab 1663) der Immerwährende Reichstag mit seinem Sitz in Regensburg oder etwa das Reichskammergericht.

Das Reich als Staatskörper aber war machtlos und kraftlos geworden. Der Kaiser thronte über einem Verbund von Einzelstaaten, für die das Reich nur noch eine lose Klammer war. Politisch war das Reich nun auch, ver-fassungsmäßig festgeschrieben, in einen losen Staatenbund verwandelt worden, un-fähig zu politischem Handeln.

Die großen Fürsten des Reiches waren nun souveräne, oft vom Ausland abhängige Potentaten.

Die Schweiz und die Niederlande schieden endgültig aus dem Reichsverband aus. Der religiöse Zweispalt im Reich wurde zemen-tiert.

Die sittliche Verwilderung war allgemein, die Wirtschaft und die Finanzen der Städte und Länder war zerrüttet. Schweden hatte große Gebiete Norddeutschlands besetzt und glie-derte diese Gebiete (Bistum Verden, Stift Bremen, Vorpommern, Hansestadt Wismar) in seinen Reichsverband ein und wurde neuer Reichsstand.

Die Hansestadt Wismar und Umgebung blie-ben formal bis 1803 schwedisch, nominell sogar bis 1903 (!). Das deutsche Elsaß wurde endgültig von Frankreich annektiert.

Der Dreißigjährige Krieg endete aber keineswegs mit dem berühmten Westfä-lischen Frieden. Dieser stellte nach heutigen Kriterien allenfalls einen allgemeinen Waf-fenstillstand dar, einen Vorfrieden, auf dem sich die ausländischen Mächte ihre Rechte und Machtansprüche im Reich sicherten.

Der tatsächliche Friedensschluß erfolgte erst zwei Jahre später mit dem Reichs-Friedens-Rezeß Friedensexekutionshauptrezess) vom 16. Junijul. / 26. Juni 1650greg.

Bis zu diesem Zeitpunkt standen die fremden Truppen im Land, Spanier, Franzosen, Schweden, Kroaten, Italiener, Wallonen, Holländer.

Die Schweden demobilisierten ihre ange-worbenen Soldaten (80 % von diesen waren Deutsche!) noch im Sommer 1650. Für die Entlassungsgelder für die Soldaten und Offiziere der schwedischen Armee mußten die Stände des Reiches aufkommen!

Die Franzosen blieben sogar noch über das Jahr 1650 hinaus in den von ihnen besetzten festen Plätzen, Garnisonen und Territorien.

Nach 1650 bestand das Reich aus 300 größeren und kleineren weltlichen sowie geistlichen Landesherrschaften (Fürsten-tümer, Herzogtümer, Bistümer) und Reichs-städten, die alle besaßen Sitz und Stimme im Immerwährenden Reichstag, ab 1663 in Regensburg.

Dieser Reichstag aber beruhte auf einem Gesandschaftssystem und war im Grunde genommen politisch bedeutungslos, weil das Reich als Ganzes kaum handlungsfähig war, denn im Westfälischen Frieden hatten die Reichsstände das Recht auf eigene Landes-hoheit und eigene Bündnispolitik erhalten, wodurch das Reich zu einem lockeren Staatenbund und Flickenteppich wurde.

Diese Unfähigkeit zu politischem Handeln war auch der Hauptgrund, weshalb Frankreich seine Ostgrenze auf Kosten des Reichs ver-schieben konnte (Stichwort Raubkriege Frankreichs 1688-1697).

Die Not und das Elend wurde im Dreißigjäh-rigen Krieg nicht in erster Linie und allein durch die Katholische Liga und kaiserliche Armeen verschuldet, sondern durch die im Lande operierenden fremden Armeen (Franzosen, Spanier, Kroaten, Schweden, Dänen, Finnen, Polen, Schotten, Wallonen).

Aber insbesondere in den protestantischen Gebieten hält sich bis heute diese Ge-schichtsüberlieferung, die katholischen Heere (Liga, Kaiser, ausländische Truppen) wären besonders unbarmherzig und brutal vorgegangen.

Nochmal zum Kaiser. Die Lesart, wonach die Habsburger primär nur Rom verpflichtet gewesen wären, ist mir bekannt. Doch so einfach ist es nicht und war es auch nicht.

Berücksichtigt werden muß, daß der dyna-stische Hochadel nicht in nationalen Kategorien dachte und noch weniger handelte.

Auch die Habsburger waren zuerst sich selbst gegenüber verpflichtet. Auf dieser Grundlage wurde Politik, wurde Machtpolitik betrieben.

Aber in der Person des Kaisers manifestierte sich das Reich. Ihn, den Kaiser, zu schwä-chen, war das Ziel der ausländischen Mächte.

Und mit dem Westfälischen Doppelfrieden erreichten sie ihr Ziel. So machtlos wie der Kaiser nun war, so machtlos war das Reich.

Und der Verfall des Reiches, der politische Niedergang, schritt nun, in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts und im folgenden 18. Jahr-hundert um so schneller fort. Der weitere Verlauf ist bekannt.

Der 2. Dreißigjährige Krieg von 1914-1945 stellt insofern nur die zwangsläufige Folge einer Ereigniskette dar, die 1618 begann und 1918 nur unterbrochen wurde. Historisch betrachtet leben wir Heutigen in der Nachpe-riode dieses 2. Dreißigjährigen Krieges.

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