Betrachtungen über Polen
Freitag, 18. September 2026 von Adelinde
Thomas Engelhardt
Weshalb ich keinen Frieden mit Polen finden kann. – Betrachtungen über Polen (14.09.2026)
Ende August begab sich der hier Berichtende erstmalig nach 25 Jahren wieder auf eine Fahrt nach Polen. Aber an dieser Stelle muß bereits der erste Einschub erfolgen. Polen. Was ist Polen?
Die Fahrt ging nach und durch Pommern. Die frühere preußische Provinz Pommern gehört heute zur polnischen Woiwodschaft West-pommern (województwo zachodniopomor-skie).
Diese ist knapp 23.000 km² groß und umfaßt den größten Teil des ehemaligen Landesteils Hinterpommern der deutschen Ostprovinz Pommern[1] (Fläche 1905 30.500 km², davon Hinterpommern 23.000 km²).
In Kolberg ergaben sich zufällig zwei äußerst aufschlußreiche Unterhaltungen mit des Deutschen mächtigen Polinnen. Die eine betreibt unweit Kolbergs einen ausgezeichnet angelegten Golfplatz mitsamt Restauration.
Die andere vermietet in Henkenhagen (Ustronie Morskie) bei Kolberg Ferienap-partements und im benachbarten Ziegen-hagen (Sianożęty) einen privaten Campingplatz.
Ohne das Gespräch gezielt auf das Thema der Vertreibung und des Landraubs gebracht zu haben, ergab sich aber im Verlauf der Unter-haltung eben dieses Thema. Ausgangspunkt war die Frage, woher die Vorfahren stammen.
Die Golfplatzbesitzerin antwortete auf die entsprechende Frage, Vater und Großvater würden aus Elbląg (Elbing) stammen. Die Frau war augenscheinlich Mitte/Ende 50. Also wird nachgehakt und gefragt, woher die Vorfahren stammen.
Denn Elbinger konnte zumindest der Großva-ter nicht gewesen sein. Elbing (1939 83.000 Einwohner) war eine zu 100 % deutsche Stadt. Die Vorfahren der Polin waren vor 1945 in Ostpolen, im Raum Lemberg (polnisch Lwow) ansässig und wurden 1945 von den Sowjets vertrieben (NB. Die Vertreibung der Polen aus Ostpolen erfolgte nach dem gleichen Muster wie die Vertreibung der Deutschen aus den deutschen Ostgebieten; schnell, chaotisch, ungeordnet, ohne Mitnahme von Hab und Gut, ohne Ziel und ohne jedwede Hilfe).
Interessant war aber der Fortgang des Gesprächs.
„Wir haben mehr verloren als wir bekommen haben“.
Die gute Frau wollte auf die Tatsache ver-weisen, daß Polen mit dem Verlust von 200.000 km² Landesfläche im Osten mit „nur“ rund 100.350 km²[2] deutschen Territoriums [3] entschädigt wurde. Die Geschichtsschrei-bung bezeichnet nämlichen Vorgang heute euphemistisch als „Westverschiebung“ Polens.
Unberücksichtigt bleiben dabei aber die tatsächlichen Zahlen und Fakten. Ostpolen stellte anders als Ostdeutschland kein ethnisch homogenes Territorium dar.
Das Polen der Zwischenkriegszeit war infolge der zusammengeraubten und 1920/1922 im Westen und im Osten annektierten Territorien ein Vielvölkerstaat (Deutsche, Kaschuben, Tschechen, Juden, Ruthenen, Boíken, Lem-ken, Huzulen, Russinen, Weißrussen, Ukrai-ner, Poleschuken, Litauer).
Insbesondere der ostpolnische Landesteil der 2. Polnischen Republik war gemischtsprachig und die Polen, die auf dem Lande oft Groß-grundbesitzer waren und in den Städten zur Oberschicht gehörten, waren in Ostpolen eine Minderheit.
Mit Vilnius (Wilna), Grodno, Lemberg und Tarnopol verloren die Polen im Osten vier Großstädte.
Diese waren jedoch hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, ihrer Einwoh-nerzahl, ihrer Infrastruktur nicht mit den deutschen Städten Stettin, Danzig, Breslau, Elbing, Beuthen, Gleiwitz und Hindenburg vergleichbar.
In Ostpolen lebten 1945 insgesamt nur etwa 3,5 Mill. Polen (in den polnischen Ostgebie-ten machten die Polen in dieser multi-eth-nischen Region 1939 etwa 40 % der damals insgesamt 13 Mill. Einwohner aus (davon 5 bis 5,5 Millionen Polen).
Infolge Krieg, Abwanderungen, Deporta-tionen durch die Sowjetmacht (Ostpolen fiel 1939 an die UdSSR und wurde annektiert), Flucht und Vertreibung war diese Zahl bis Anfang 1945 auf 3,5 Mill. abgesunken). 1944–1947 wurden von den sowjetischen Behörden etwa 1,7 Mill. Polen vertrieben.
1945 wurde der größte Teil dieser polnischen Vertriebenen aus Litauen, Weißrußland und der Ukraine in den deutschen Ostgebieten angesiedelt. Jeweils Mehrere Hunderttausend Polen verblieben nach den sowjetischen Ver-treibungen jedoch in den ab 1945 zu Litauen, Weißrußland und der Ukraine gehörenden ostpolnischen Heimatgebieten.
Bis heute hält sich aber insbesondere auch in der BRD die alte Mär, 1945 hätte faktisch ein Bevölkerungstransfer stattgefunden. Ost-deutsche wären vertrieben und ausgesiedelt worden, Ostpolen hätten stattdessen von diesen Gebieten Besitz ergriffen. Diese These entbehrt jedoch völlig den Tatsachen.
Richtig ist vielmehr, daß Ostdeutschland mehrheitlich von Polen besiedelt wurde, die aus den unmittelbar benachbarten polnischen Grenzgebieten[4] Pommerns, Schlesien und Ostpreußens sowie aus Zentralpolen, darun-ter aus Warschau, Lodz und Kielce stammten.[5]
Die Bevölkerungsdichte Polens (einschließlich des minderbesiedelten Ostpolen) betrug 1938 89 Einw./km², in Ostpolen lag die Einwohnerdichte dagegen bei nur 65 Einw/km².
Im westlichen Landesteil Polens (1939 189.000 km²) lebten im Jahr 1939 knapp 22 Mill. Menschen, in der Mehrheit (abgesehen von den Angehörigen der deutschen Min-derheit in den Annexionsgebieten sowie der Ukrainer und Russinen in Galizien waren das mehrheitlich Polen).
Die Bevölkerungsdichte in diesem westlichen Landesteil betrug vor Ausbruch des II. Welt-krieges 116 Einw./km². Sie änderte sich bis Kriegsende 1945 nicht wesentlich.
Die Bevölkerungsdichte in den deutschen Ostgebieten erreichte 1940 den Wert von 84 Einw./km² (im Reichsgebiet insgesamt stattdessen jedoch 147 Einw./km²).
Die 1945 aus den von der Sowjetunion annektierten Gebieten Ostpolens (die jedoch erst 1921 infolge des Friedens von Riga von Polen in Besitz genommen und annektiert worden waren!)[6] Vertriebenen etwa 1,7 Millionen Polen hätten 1945 problemlos im polnischen Staat aufgenommen werden können. Dessen Staatsfläche hätte (den Verlust Ostpolens eingerechnet und ohne das annektierte Ostdeutschland) etwa 189.000 km² betragen.
An dieser Stelle muß ein Vergleich einge-schoben werden. Der 1949 gegründete westdeutsche Teilstaat BRD hatte eine Fläche von 248.000 km². Mit Beginn der Staatsgrün-dung war der westdeutsche Teilstaat mit der Herausforderung konfrontiert, mehrere Millionen Vertriebene und Flüchtlinge, darunter eine wachsende Zahl auch aus der SBZ/DDR, aufzunehmen und zu integrieren.[7]
Unmittelbar bei Kriegsende und in den Fol-gemonaten und Jahren bis 1950 mußten 8 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene in den Westzonen aufgenommen werden, davon mehr als 4,5 Millionen Ostvertriebene aus den verlorenen Ostprovinzen des Deutschen Reiches sowie 3 Millionen Sudetendeutsche.
Zugleich flüchteten bis 1950 Hunderttau-sende aus der SBZ/DDR in die Westzonen bzw. nach 1949 in die BRD.[8] In der Nach-betrachtung erweist sich die Integration der Vertriebenen als Erfolgsgeschichte. Der wirtschaftliche Aufschwung Westdeutsch-lands wäre ohne dieses große Arbeits-kräftereservoir von mehreren Millionen Menschen möglicherweise nicht möglich gewesen.
Das Bevölkerungswachstum Westdeutsch-lands infolge stetiger Zuwanderung ist beeindruckend. Die Bevölkerung in West-deutschland wuchs nach 1945 massiv an. Sie stieg von rund 40 Millionen Einwohnern kurz nach Kriegsende auf etwa 50 Millionen im Jahr 1950 an.
Vor dem Hintergrund der erst 1921 erfolgten polnischen Annexion des sog. Ostpolen kann von einer angeblichen Westverschiebung Polens keine Rede sein.
Das hält Heerscharen bundesdeutscher Historiker bis heute jedoch nicht davon ab, diese These zu verbreiten, immer freilich mit dem Verweis deutscher Untaten und am polnischen Volk begangener Verbrechen.
Die von polnischen Milizen und Freischärlern 1939 und 1945 be-gangenen Verbrechen an Deutschen, die sich 1945 beim Vordringen der Roten Armee wiederholten sowie das unbarmherzige Vorgehen der Angehörigen der im Bestand der Roten Armee vorrücken-den 1. Polnischen Armee und die dabei be-gangenen Exzesse an der deutschen Zivil-bevölkerung werden dagegen unterschlagen und tabuisiert.
In den bereits erwähnten Gesprächen mit gebürtigen Polen wird immer wieder das Fehlen jeglichen Unrechtsbewußtseins of-fenbar. Jahrzehntelange Erziehung und Propaganda haben bei der Mehrheit heute lebender Polen zu einer Sichtweise und einem historischen Verständnis geführt, dem gemäß die Besitzergreifung und Annexion der deut-schen Ostgebiete und der damit verbundene Raub fremden Eigentums als ein völlig berechtigter und selbstverständlicher Vorgang angesehen wird.
Mehr noch. Im Zusammenhang mit den in jüngster Zeit bekannt gewordenen polnischen Reparationsforderungen wurden Erhebungen und Befragungen der polnischen Bevölke-rung durchgeführt. Ein erheblicher Teil der der polnischen Bevölkerung unterstützt diese völlig unangemessenen Reparations-forderungen polnischer Politiker.
Laut aktueller Umfragen (wie von SW Re-search) befürworten knapp 40 bis über 50 % der Menschen in Polen offizielle Repara-tionsforderungen an das heutige Deutsch-land. Die Zustimmung hängt dabei von der politischen Einstellung ab: Wähler der nationalkonservativen Opposition unter-stützen die Forderungen zu etwa 85 % deutlich, während Anhänger der aktuellen Regierung der Problematik meist kritischer gegenüberstehen.
Eine polnische Parlamentskommission be-zifferte die Kriegsschäden Polens 2022 auf rund 1,3 Billionen (1.300 Milliarden) Euro. Insbesondere polnische Politiker des rechten Spektrums sowie Präsident Karol Nawrocki treiben diese Forderungen aktiv voran und fordern Verhandlungen mit der BRD.
Die Reparationsforderungen sind primär politischer Natur und erwachsen aus For-derungen nach finanziellen Entschädigungen für die materiellen Schäden und Verluste infolge der fast sechsjährigen deutsche Besatzung des Landes in der Zeit des II. Weltkriegs.
Entsprechend den Festlegungen des Ab-schlußprotokolls der Potsdamer Konferenz wurden 1945 die Reparationsansprüche Polens aus dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bedient. Die Sowjet-union wie auch Polen haben im Jahr 1953 jedoch auf weitere Reparationsleistungen verzichtet. Polen hat die Wirksamkeit des Verzichts später auch mehrfach bestätigt.
Auf der Potsdamer Konferenz, auf der die neue polnische Führung lediglich Beob-achterstatus hatte, hatten die vier Sieger-mächte 1945 festgelegt, daß Reparations-ansprüche Polens und ebenso die der Sowjetunion durch Demontagen in der SBZ sowie durch die deutschen Auslandsver-mögen in Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Finnland und Österreich zu befriedigen seien.
Im Anschluß an die Konferenz der Kriegs-sieger einigten sich Washington und Moskau, daß Polen 15 % der Reparationsleistungen erhalten solle, die die SBZ insgesamt aufzubringen hatte.
Am 16. August 1945 unterzeichneten die Vertreter Moskaus und Warschaus einen Vertrag, in dem auch ein Verteilungsschlüssel definiert wurde. Gemäß den Potsdamer Vereinbarungen sollte die sowjetische Seite keine Güter als Reparationen aus den unter polnischer Verwaltung stehenden deutschen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie entnehmen.
In der Realität wurden jedoch Hunderte Eisenbahnzüge mit Fabrik-, Werkstatt- und Wohnungsausstattungen in die Sowjetunion verbracht. Überdies verlangte die Sowjet-union als Preis für den Wertzugewinn des polnischen Territoriums aufgrund der Ein-gliederung der deutschen Ostgebiete von Polen die Lieferung von Kohle zu so niedrigen Preisen, daß nicht einmal die Kosten von Abbau und Transport gedeckt waren.
Von den Reparationsleistungen an die Sowjetunion, deren Umfang mit rund drei Milliarden US-Dollar zum damaligen Kurs angegeben wurde, erhielt Polen nach Dar-stellung polnischer Historiker lediglich 7,5 %, also den Gegenwert von 231 Millionen US-$.
Die Berechnungen der polnischen Parla-mentskommission bezüglich der aktuellen Reparationsforderungen erscheinen wenig transparent, insbesondere weil die Berech-nungsgrundlagen und -prinzipien unbekannt sind.
Vor mehr als acht Jahrzehnten eingetretene Kriegsschäden heute zu berechnen, muß naturgemäß schwerfallen. Grundlage der Berechnung könnte – wenn überhaupt – nur der zeitgenössische Wert sein, nicht die eingetretene theoretische Wertsteigerung bzw. der Verlust nach heutiger Rechnung.
Eines wurde immerhin bekannt. Die Polen beziehen in ihre Reparationsrechnung auch die in den deutschen Ostgebieten identifi-zierten Kriegsschäden und infolge der Kriegshandlungen eingetretenen materiellen Verluste (Gebäude, Industrieanlagen, Verkehrswege etc.) ein. (sic.)
Also, noch einmal wiederholt. Bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung wird dein Eigentum beschädigt, einer der Kontrahenten stiehlt es dir im weiteren Verlauf und an-schließend wirst du zum Schadensersatz verpflichtet. Nichts anderes geschieht hier.
Polen annektierte 1945 (einschl. des Territoriums der Freien Stadt Danzig) insgesamt 103.788 km², das sind mehr als zehn Millionen Hektar (10.378.800 ha).
Insgesamt verlor Deutschland 1945 etwa 25 % der landwirtschaftlichen Anbau- und Ackerflächen, von denen Polen den größten Teil übernahm. Legt man diese Ackerflächen Ostdeutschlands (ohne Nordostpreußen) zugrunde, eignete sich Polen 5,1 Millionen ha landwirtschaftliche Nutzflächen an.[9]
Im Bundesdurchschnitt kostete ein Hektar (ha) Ackerland im Jahr 2024 rund 42.800 Euro.Legt man diesen heutigen Durchschnittswert zugrunde, beträgt allein der Bodenwert dieser heute von Polen genutzten landwirtschaft-lichen Anbauflächen mehr als 218,3 Milliarden Euro.
Im Jahr 1939 betrug die Gesamtfläche der Forsten und Wälder in den deutschen Ost-gebieten (in den Grenzen von 1937) rund 2,7 Millionen Hektar (ca. 27.000 km²).[10] Polen übernahm 1945 (einschl. des polnischen Teils von Ostpreußen) 2,42 Mill. ha Forsten und Wälder.
Ein Hektar (ha) Wald kostet heute in Deutschland im Durchschnitt 10.000 bis 15.000 Euro.
Alter Laubwaldbestand mit gutem Holzbe-stand kann bis zu 50.000 bis 60.000 Euro oder mehr kosten. Legt man den Durch-schnittspreis zugrunde, beträgt der Wert der heute in den früheren deutschen Ostgebieten bestehenden Forsten und Wälder (rund 2,7 Millionen ha) zwischen 27 Milliarden bis 40,5 Milliarden Euro.
Entsprechend ließen sich weitere Berech-nungen durchführen (Seen und Teiche, Straßen, Eisenbahnlinien, Brückenbauwerke usw.).
Im heutigen Polen liegen Deutschlands einst größte Seen (der Spirdingsee 114 km², der Mauersee 104 km²). Die Zahl aller Seen in Ostdeutschland ist kaum zu beziffern.
In den ehemaligen deutschen Ostgebieten (vor allem Ostpreußen mit Masuren, Pommern und der Neumark) gab es zehntausende Seen, sehr oft glaziären Ursprungs. Allein in der Masurischen Seenplatte lassen sich mehr als 2.700 größere natürliche Seen (und über tausend kleinere) nachweisen.
In der gesamten ehemaligen Provinz Ostpreußen befinden sich insgesamt mehrere tausend stehende Gewässer. Hier wertermittelnde Berechnungen vorzunehmen, muß angesichts der Rahmenbedingungen aussichtslos scheinen. Und letztlich unnütz. Weil die normative Kraft des Faktischen die Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts unmöglich macht.
Oben wurde bereits auf die Haltlosigkeit eines Vergleichs zwischen Ostdeutschland (103.800km²) und Ostpolen (200.000 km²) hingewiesen. Die in jeder Hinsicht (wirt-schaftliche Entwicklung, Straßenwesen, Eisenbahnverbindungen usw.) unterschiedlich entwickelten Territorien machen einen direkten Vergleich unmöglich.
Das Eisenbahnverkehrswesen in den deut-schen Ostgebieten entsprach dem mitteleu-ropäischen Standard und war äußerst dicht. Die Gesamtlänge des ostdeutschen Schie-nennetzes (Haupt- und Nebenbahnen)[11] umfaßte 13.000 km und unter Einschluß der Kleinbahnen etwa 15.000 Kilometer.
Der Anteil der Hauptbahnen lag bei 30 bis 40 % dieses Eisenbahnnetzes, was einer ge-schätzten Gesamtlänge nur der Hauptbahn-strecken von ca. 4.000 bis 5.500 km in den Ostprovinzen entspricht (Stand 1940).[12]
Die Gesamtlänge aller Eisenbahnlinien (Haupt- und Nebenbahnen) in Ostpolen betrug demgegenüber etwa 5.500 km (Stand 1939). Wohlgemerkt in einem doppelt so großen Territorium wie Ostdeutschland.
Ähnlich gelagert war die Entwicklung des Straßen-wesens. Während in Ostdeutschland das Gros der Überlandstraßen gepflastert war (die Reichsstraßen waren für den modernen Verkehr ausgelegt und nahezu durchgehend modernisiert), war der allgemeine Straßen-zustand in Ostpolen desolat.
Der überwiegende Teil der ostpolnischen Straßen war unbefestigt oder nur einseitig befestigt und mit sog. Sommerwegen ausgestattet.
Die durchschnittliche Netzdichte für befe-stigte Staats- und Kreisstraßen lag im Deutschen Reich im Jahr 1939 bei etwa 40 bis 50 km pro 100 km². Für die deutschen Ostgebiete ergibt sich für das gesamte Straßensystem eine Länge von ca. 45.000 bis 55.000 Kilometern (überörtliche Straßen ohne einfache Gemeindewege). Rechnet man die unbefestigten Orts- und Gemeindewege hinzu, betrug das gesamte Wegenetz ein Vielfaches (schätzungsweise über 150.000 km).
Das Rückgrat des deutschen Fernverkehrs waren die Reichsstraßen. Die Nummern 111 bis 165 waren ab 1934 speziell für die Ver-bindungen in den Ostgebieten reserviert. Alleine diese Haupt-achsen (inklusive der durchgehenden Ost-West-Magistralen wie der Reichsstraße 1 von Berlin nach Eydt-kuhnen) machten im deutschen Osten eine Länge von rund 5.000 bis 6.000 Kilometern aus.
Das Reichsautobahnnetz befand sich noch im Aufbau, auch in Ostdeutschland. Die wichtig-sten, teilweise fertiggestellten oder einbahnig befahrbaren Strecken (Berlin-Stettin-Königs-berg, genannt „Berlinka“ und die schlesische Autobahn-Strecke nach Breslau) hatten zu-sammen eine Länge von rund 400 km.
Demgegenüber war das Straßenverkehr-ssystem in Ostpolen rückständig und unterentwickelt.
In den ostpolnischen Gebieten, die im Sep-tember 1939 von der Sowjetunion besetzt wurden, betrug die Gesamtlänge der befe-stigten Straßen (überwiegend Hartschotter-straßen und wenige asphaltierte Straßen) schätzungsweise etwa 3.000 bis 4.000 Kilometer.
Unbefestigte Erd- und Feldwege, die den überwiegenden Teil des dortigen Verkehrs-netzes ausmachten, sind in dieser Zahl nicht enthalten.
In der gesamten Zweiten Polnischen Republik existierten 1939 offiziell 63.169 km befe-stigte Straßen. Im westlichen bis 1920 zu Preußen (Provinzen Posen und Westpreußen) gehörenden polnischen Staatsgebiet exi-stierte ein sehr dichtes und gut ausgebautes Netz mit einer Dichte von rund 29,9 km befestigten Straßen pro 100 km².
In Zentralpolen (ehemals russisches Kern-gebiet) lag die mittlere Netzdichte der Straßen bei ca. 8,4 km pro 100 km².
In Ostpolen dagegen lagen völlig andere Verhältnisse vor: Das Straßenwesen in Ost-polen war äußerst schwach entwickelt und wies eine Straßendichte von nur 1,5 bis 2 km pro 100 km² auf.
In den weitläufigen ostpolnischen Woiwod-schaften wie Polesien bestanden weite Teile der Infrastruktur nur aus sandigen Wegen und Knüppeldämmen durch die dortigen Sumpfgebiete.
Das kaum entwickelte Straßenwesen in Ostpolen und das allgemeine strukturelle Gefälle auch innerhalb Polens (und in be-sonderer Weise gegenüber den Verhältnissen im Deutschen Reich) hält die heutige Gene-ration in Polen nicht davon ab, beständig den Verlust dieser Gebiete im Osten zu beklagen.
Deutlich gemacht werden soll lediglich, wie anmaßend und zugleich völlig gegenstands-los die heutigen polnischen Forderungen angesichts der Realitäten sind.
Die BRD könnte und müßte eine Gegenrech-nung aufmachen und von Polen eine Ent-schädigung für die geraubten Milliardenwerte einfordern. Freilich könnten dann aber auch andere Staaten ermuntert werden, mehr als achtzig Jahre nach dem Krieg finanzielle Forderungen gegenüber der BRD zu erheben.
Kann Polen als Raubstaat bezeichnet werden? Ja, sicherlich. Aber das hilft nicht weiter. Um eigene Rechte durchsetzen zu können und vermeintliches oder tatsächliches Unrecht wieder gutzumachen, sind zwei Dinge erfor-derlich, der Wille dazu und die Macht, die eigenen Ansprüche durchzusetzen.
Die bundesdeutsche Bevölkerung hat stattdessen aber entschieden, sich von der Weltbühne zu verabschieden. Dieses Volk erscheint heute kraftlos und seelenlos.
Ostdeutschland ist der Masse unbekannt. Urlaub macht man in Polen und in Masuren, nicht in Hinterpommern und in Ostpreußen.
Verpönte Bezeichnungen, die bundesdeut-sche Touristen vermeiden. Mit Eifer bemühen sich die bundesdeutschen Wohlstandstouri-sten, die deutschen Städte- und Ortsnamen nicht zu verwenden.
Letztlich wird hier eine Verhaltensweise deutlich, die die deutsch-polnischen Bezie-hungen seit dem Mittelalter prägten. In der Gesamtschau haben sich die westslawischen Polen den Deutschen gegenüber immer als durchsetzungsfähiger erwiesen. Diese These wird auf Widerspruch stoßen, kann aber belegt werden.
Durch die Jahrhunderte gemeinsamen oder nachbarschaftlichen Zusammenlebens läßt sich feststellen, daß überwiegender Weise nicht die Deutschen Polen assimilierten, sondern in Polen ansässige oder dorthin ausgewanderte Deutsche polonisiert (und ebenso katholisiert) wurden.
Heute wird davon ausgegangen, daß ein etwa Drittel der Polen deutschstämmig ist, d. h. irgendwann unter der Vorfahrenreihe in den letzten 500-600 Jahren ein Deutscher nach-gewiesen werden kann.
Im gegebenen Zusammenhang ist jedoch zu berücksichtigen, daß Polen in nahezu seiner gesamten Geschichte ein Vielvölkerstaat war und in der Zeit des Bestehens der Lubliner Union (ab 1569) das Untertanenverhältnis gegenüber dem polnischen König primäre Bedeutung hatte.
Eine Zugehörigkeit zu einer Nation war in diesem Sinne zweitrangig. Ein National-bewußtsein wie heute war damals unbekannt, in den deutschsprachigen Ländern ebenso wie im historischen Polen.
Krakau: Nach der Neugründung Krakaus nach Magdeburger Recht (1257) wanderten viele deutsche Handwerker und Kaufleute ein. Bis ins 16. Jahrhundert hinein wurde im Stadtrat und in der Marienkirche Deutsch gesprochen und geschrieben. Es handelte sich um ein schlesisch geprägtes Ostmitteldeutsch (Frühneuhochdeutsch).
Nach der Niederschlagung des Aufstands des Vogtes Albert (einer Rebellion der überwie-gend deutschen Krakauer Bürgerschaft gegen den polnischen Herzog Władysław I. Ellen-lang im Jahre 1312) nutzten die Truppen des Herzogs eine vierteilige Wortfolge, um deut-sche Rebellen von der polnischen Bevölke-rung zu unterscheiden.
Jeder Verdächtige mußte die folgenden vier polnischen Wörter fehlerfrei aussprechen: Soczewica, koło, miele, młyn! (deutsch: Linse, Rad, mahlt, Mühle). Für deutsche Mutter-sprachler war dieser Satz eine extreme phonetische Hürde und nicht zu bewältigen. Wer die Wörter nicht akzentfrei und korrekt aussprechen konnte, wurde als deutscher Aufständischer identifiziert.[13]
Laut dem „Rocznik Krasińskich“ (einer polni-schen Chronik aus dem 16. Jahrhundert) wurden diejenigen, die am Test scheiterten, umgehend hingerichtet oder aus der Stadt vertrieben.[14]
Infolge des gescheiterten Aufstands verlor die deutsche Oberschicht in Krakau dauerhaft ihre politischen Privilegien, und die Stadtbü-cher wurden schrittweise von der deutschen auf die lateinische (und später polnische) Sprache umgestellt.
Im 14. und 15. Jahrhundert bildete sich im Patriziat der Stadt dennoch eine bedeutende deutschsprachige Minderheit heraus. Doku-mente, Urkunden und der Stadtrat wurden zeitweise stark von der deutschen Sprache und dem deutschen Recht beeinflußt.
Die Bürgerschaft Krakaus (um 1500 30.000 Einw.) bestand um 1500 dennoch zu großen Teilen aus polnischen und deutschen Ein-wohnern, während der Hof und die Gelehrten Latein benutzten.
Im Alltag kam es zu einer starken Vermi-schung. Ein typischer Krakauer Marktstand auf dem Hauptmarkt (Rynek) bot ein gänzlich zweisprachiges Bild: Deutsche Kaufleute übernahmen polnische Begriffe, während das Polnische (bis heute) viele deutsche Lehnwör-ter aus dieser Epoche aufweist (wie ratusz für Rathaus oder rynek für Ring/Marktplatz).
Um 1500 erreichte der deutsche Einfluß seinen Höhepunkt, nahm danach jedoch durch die Assimilation der deutschen (bzw. deutsch-sprachigen) Bürger und das Er-starken polnischen Nationalbewußtseins ab.
Nach dem 2. Thorner Frieden (19. Okt. 1466) fielen das Pommerellen, das Kulmerland und das ostpreußische Ermland faktisch an Polen. Die genannten (deutschsprachigen) Territo-rien unterstellten sich unter der Bedingung der Autonomie als „Preußen Königlichen An-teils“ der Krone Polens[15], d.h. dem König persönlich, ebenso die bereits 1454 abge-fallenen Hansestädte des Preußischen Bundes, Danzig, Elbing und Thorn, die seit 1457 autonome Stadtrepubliken waren.
Insbesondere das seit der deutschen Ost-siedelbewegung deutschsprachige Pom-merellen (Westpreußen) erlag in den nächsten dreihundert Jahren weitestgehend der Polo-nisierung. Im Zuge dieses Vorgangs wurden die deutschen Familiennamen entweder polonisiert oder direkt ins Polnische über-tragen. Der größte Teil der Bevölkerung Pommerellens (Kleinpommern) war ur-sprünglich deutsch (bzw. deutschsprachig).
Ein ähnlich verlaufender Vorgang wiederholte sich nach der Einwanderung der etwa 70.000 protestantischen Glaubensflüchtlinge aus Schlesien nach der habsburgischen Gegenre-formation (ab 1664 Kirchenreduktion in Schlesien).
Etwa ein Drittel der damals 600.000 evange-lischen Schlesier wurde nach 1664 vertrieben und ein Drittel dieser 200.000 Vertriebenen wandte sich in das benachbarte, damals als liberal und tolerant geltende Königreich Po-len. In Polen erlagen die Exulanten innerhalb von drei Generationen der Polonisierung und (unter Aufgabe ihres evangelischen Glaubens) der Rekatholisierung!
Ein weiteres Beispiel sind die berühmten Bamberger. Die sogenannten Posener Bamberger (polnisch „Bambrzy“) sind die Nachfahren deutscher Einwanderer aus der Region Bamberg. Diese besiedelten im 18. Jahrhundert Dörfer rund um die Stadt Posen (Poznań), nachdem Kriege und Seuchen die gesamte Region entvölkert hatten.
Rund 500 katholische Siedler (ca. 100 Familien) waren ab 1719 aus Franken nach Großpolen ausgewandert. Die Posener Bam-berger wurden innerhalb weniger Genera-tionen vollkommen assimiliert, hielten jedoch an ihren Bräuchen und ihrer Volkskultur fest.
Die Nachfahren reflektierten sich selbst als Polen, nicht als Deutsche oder Deutschstäm-mige (!). Die kleine Volksgruppe ist faktisch vollständig im Polentum aufgegangen.
Derartige Assimilierungstendenzen lassen sich in nahezu allen Siedlungsgebieten der Auslandsdeutschen im historischen Polen nachweisen, insbesondere aber in Galizien, im Cholmer Land und im Narewgebiet. Diese Assimilierungsvorgänge wurden in den 1930er-Jahren intensiv untersucht und dokumentiert und die Forschungsergebnisse publiziert.
Daß andererseits auch Polen der Germani-sierung erlagen und eingedeutscht wurden, ist kein Gegenbeleg zur vorgenannten These. Die Zahl der assimilierten Polen (beispiels-weise die Ruhrgebietspolen) blieb relativ überschaubar. 1910 wird diese mit etwa einer halben Million angegeben.
Assimilierte Polen ließen sich ebenso in Oberschlesien nachweisen. Deren Nachkom-men stellen dort heute die deutsche Min-derheit. Für Oberschlesien werden heute 145.000 Deutsche und etwa 300.000–350.000 Deutschstämmige angegeben.
Ein weiteres Beispiel assimilierter Slawen im Deutschen Reich sind die Slowinzen und Leba-Kaschuben in Hinterpommern, die zu Beginn des 20. Jh. bereits weitestgehend assimiliert waren (im Gegensatz zu diesen blieben die westpreußischen Kaschuben ihrer Sprache, ihrem katholischen Glauben und ihrer Volkskultur verhaftet).
Völlig im deutschen Volk aufgegangen sind auch die ostpreußischen, ursprünglich polnisch-stämmigen Masuren. Diese spra-chen im Alltag Masurisch, einen westsla-wischen Dialekt polnischer Herkunft, ver-wandt mit dem Masowischen, jedoch mit erheblichen Einflüssen aus dem Altpreu-ßischen und dem Deutschen.
Da die Bewohner Masurens zu Ostpreußen gehörten, war die Amtssprache und die Sprache in Schulen und Kirchen Deutsch, weshalb die meisten Masuren im Alltag zweisprachig aufwuchsen.
Aus der Vergangenheit wieder ein Sprung in die Gegenwart! Die hier vorliegende Darstel-lung belegt die infolge der Annexion Ost-deutschlands seitens des polnischen Staates belasteten Beziehungen beider Staaten und Völker.
Polen war 1945 jedoch nicht nur Verschiebe-masse, sondern, gestützt auf die Teilnahme Hunderttausender polnischer Soldaten im Krieg gegen Deutschland[16], aktiver politischer Akteur.
Ausreichende Belege stützen die These, daß Polen bereits in der Zwischenkriegszeit eine Erweiterung polnischen Territoriums und die Verschiebung der Westgrenze über die Oder hinaus in die Langzeitplanungen einbezogen hatte.
Insbesondere politische Vorfeldorganisa-tionen wie der in Warschau ansässige West-markenverein waren in der Vorkriegszeit in dieser Richtung politisch und propagandi-stisch aktiv gewesen.
In eigener Selbstüberschätzung und in Verkennung der eigenen Kräfte war Polen mit Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges 1939 gewillt, bis Berlin zu marschieren und die Deutschen zu massiven Gebietsabtretun-gen zu zwingen. Die Westmächte hatten Polen törichterweise mit den entsprechenden Garantieerklärungen ausgestattet.[17]
Das allein war die Ursache, weshalb sich der deutsch-polnische Krieg zum Weltkrieg ausweiten konnte. Nach dem II. Weltkrieg fand hier im Interesse der Kriegssieger die entsprechende Umdeutung statt.
In völliger Umkehrung der Tatsachen wurde nicht die 2. Polnische Republik der Zwi-schenkriegszeit, sondern das nationalsozia-listische Deutschland für eine aggressive Außenpolitik verantwortlich gemacht.
Aber nicht Deutschland hatte nach dem I. Weltkrieg benachbarte Territorien annektiert, sondern Polen.[18] Nicht Deutschland hatte mit Nachbarstaaten Krieg geführt, sondern Polen.[19] Im Frieden von Riga (18. März 1921) teilten Polen und Sowjetrußland die Ukraine und Weißrußland untereinander auf.[20] Nicht Deutschland marschierte in der Zwischenkriegszeit in andere Staaten ein, sondern Polen.[21]
Das Deutsche Reich verfolgte vor 1939 eine Politik des Ausgleichs mit Polen. Die Rück-gewinnung des polnischen Korridorgebietes, des Gebietes der ehemaligen preußischen Provinz Westpreußen, stand nicht auf der politischen Agenda der Regierung des Kabinetts Hitler.
Verhandlungen mit Polen und alle Vorschläge der Reichsregierung zielten allein auf die Herstellung exterritorialer und sicherer Ver-bindungswege zwischen dem Reichsgebiet und Ostpreußen[22], die Lösung der Danzig-Frage[23] sowie des Schutzes der deutschen Volksgruppe im polnischen Staatsgebiet.[24]
Auch gemäß heutigen Grundsätzen waren diese Forderungen Deutschlands gerechtfer-tigt und konnten keinen Anlaß für einen Krieg bieten.
Die weitere Entwicklung und das Ende sind bekannt. Letztlich erreichte Polen 1945 alle seine bereits vor 1939 formulierten Ziele. Aber noch vor Kriegsende wurden die Polen übermütig.
Die von den Kriegssiegern an der Oder-Neiße-Linie festgelegte Grenze genügte den Polen nicht.
Die neue Warschauer Regierung forderte bei Kriegsende die Abtretung der gesamten Insel Usedom sowie des Stettiner Gebietes. Im Auf-trag der neuen kommunistischen Regierung in Warschau[25] wurde Anfang Juli 1945 Zygmunt Berling, der Kommandeur der 1. Polnischen Armee, die an der Eroberung Ostdeutschlands und Berlins teilgenommen hatte, bei Stalin vorstellig und forderte eine Korrektur der Oder-Grenze und die Einbe-ziehung Stettins in den polnischen Machtbereich.[26]
Am 3. Juli 1945 erging die sowjetische Entscheidung hinsichtlich Stettins. Stettin wurde den Polen überlassen.[27] Die Abtretung Usedoms lehnten die Sowjets jedoch ab.
Daß es den Polen 1945 nicht nur um die seelische Selbstbehauptung als Nation aus einer jahrhundertelangen Geschichte heraus ging, die die Existenz dieser Nation immer wieder negierte, sondern auch um fremde Rechte und Gebiete, die ihnen in keiner Hinsicht zustanden, und daß für sie die Oder-Neiße-Linie mehr als nur ein Symbol der nationalen Erneuerung und geistigen Existenz der polnischen Nation war, wurde in den weitergehenden territorialen Forderun-gen deutlich.
Die angestrebte deutsch-polnische Demar-kationslinie sollte weit westlich der heutigen deutsch-polnischen Grenze hinaus verlaufen.[28] Eben diese Tatsache aber wird durch die Geschichtsschreibung unterschlagen und die Annexion Ostdeutschlands einzig als gerech-te Entschädigung Polens und als Ergebnis des II. Weltkrieges erklärt.
Die handfesten expansiven Bestrebungen des kommunistisch orientierten Nachkriegspo-lens mündeten am 5. November 1947 in einem handstreichartig durchgeführten militärischen Überfall polnischer Milizen und anderer bewaffneter Verbände im Bereich der unteren Oder.
In unverkennbarer Absicht wurde die westlich der Oder verlaufende Hohensaaten-Fried-richsthaler Wasserstraße im Bereich Gartz/Schwedt bis östlich Angermünde unter Kon-trolle gebracht. Der gesamte besetzte Gebietsstreifen war bis zu 10 km breit und etwa 50 km lang.
Die SMAD[29] leitete die entsprechenden Gegenmaßnahmen ein, örtlich kam es zu einzelnen Scharmützeln mit sowjetischen Kräften. Auf Weisung aus Moskau mußten sich die Polen auf die Ausgangsstellungen zurückziehen und ihre Ambitionen aufgeben.
Der gesamte Vorgang findet in der vorlie-genden zeitgeschichtlichen Literatur keine Erwähnung und wird bis heute unterschlagen und tabuisiert. Zeitzeugen der Ereignisse bestätigten jedoch die Einzelheiten des damaligen polnischen Vorgehens.
Eine Rückgewinnung Ostdeutschlands muß derzeit aus mehreren Gründen aussichtslos erscheinen:
Noch immer befinden wir uns in der Nach-periode des II. Weltkrieges. Die Nachkriegs-ordnung erscheint zementiert. Grundlage dieser Nachkriegsordnung war die Nieder-werfung des Deutschen Reiches und die Ausschaltung als Ordnungsmacht in der Mitte des Kontinents.
Erst wenn diese Nachkriegsordnung gegen-standslos wird und zerfällt, ergeben sich neue geopolitische Ausgangsbedingungen. Ein Zusammengehen Deutschlands und Rußlands könnte völlig neue Wege weisen, andererseits aber auch die alten Konflikte wieder aufleben lassen.
Mehrmals in der Geschichte war Polen geteilt und büßte sogar seine Unabhängigkeit ein.[30] Eine 5. Polnische Teilung muß nicht ausgeschlossen werden, falls die politischen Rahmenbedingungen dies erfordern und zulassen.
Die Durchsetzung eigener politischer und territorialer Interessen auch mittels Anwen-dung militärischer Gewalt zeigen die Er-eignisse der seit dem II. Weltkrieg vergan-genen achtzig Jahre. Israel beispielsweise gründet seine territorialen Forderungen gegenüber den arabischen Nachbarstaaten auf eine 2000jährige Geschichte!
Andererseits fehlt im heutigen Deutschland jedes Interesse, Ostdeutschland wieder in den deutschen Staatsverband einzubeziehen. Die früheren deutschen Ostgebiete sind viel-mehr völlig aus dem kollektiven Bewußtsein der Deutschen getilgt.
Dabei läge unter bestimmten Umständen unter Abwägung aller Interessen ein fried-licher Ausgleich mit Polen theoretisch durchaus im Bereich des Möglichen. Andro-hung oder gar Anwendung militärischer Gewalt würde demzufolge durchaus nicht die Ultima Ratio sein.
Selbst wenn sich aber die politischen Rah-menbedingungen ändern würden, bliebe offen, ob und inwieweit Deutschland und die Deutschen den politischen Willen und die Durchsetzungskraft aufbringen würden, diese Nachkriegsordnung infrage zu stellen und eine Revision der Ergebnisse des II. Welt-krieges vorzunehmen.
Alle in diese Richtung gehenden Überle-gungen müssen in der derzeitigen Situation als Hirngespinste gelten. 1989 hätte, wenn-gleich auch nur theoretisch, die Chance eines deutsch-polnischen Ausgleichs bestanden. Jedoch waren beide deutsche Staaten keine politischen Akteure.
Die Voraussetzung der Zustimmung der Alliierten zum Beitritt der DDR zum Gel-tungsbereich des Grundgesetzes, heute als sog. Wiedervereinigung bezeichnet, war die Anerkennung der Nachkriegsordnung sowie der bestehenden Staatsgrenzen, insbesonde-re der deutsch-polnischen Grenze an der Oder-Neiße-Linie.
Insofern müssen alle Betrachtungen über Ergebnisse möglicher Verhandlungsversuche hinsichtlich von Grenzveränderungen als spekulativ interpretiert werden.
Einige Überlegungen gingen seinerzeit bei-spielsweise in die Richtung, zumindest die Grenzziehung an der Unteren Oder zu korrigieren und des westlich der Oder gelegenen Teil Stettins zurückzugewinnen (ohne die am östlichen Oderufer gelegenen Stadtteile, hier insbesondere Altdamm sowie die Hafenanlagen und Industriegebiete).
Um das zu erreichen, hätte sich die BRD beispielsweise verpflichten können, auf der östlichen Oderseite eine komplette Neustadt Stettin zu bauen, um die Polen entsprechend zu befriedigen.
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Anmerkungen
[1]Zur heutigen Woiwodschaft Westpommern gehören auch ostbrandenburgische und grenzmärkisch-posen-westpreußische Gebietsteile. Die Woiwodschaftsgrenzen entsprechen weitestgehend der Provinzgrenze Pommerns im Jahr 1938 (nach Angliederung der Grenzmark-Posen-Westpreußen).
[2]Anderen Berechnungen zufolge (unter Einbeziehung des Gebietes der Freien Stadt Danzig) fielen 103.788 km² an den polnischen Staat.
[3]Ostpreußen (einschl. Regierungsbez. Westpreußen; jedoch ohne Memelland u. Nordostpreußen/Oblast Kaliningrad) 21.869 km², Pommern (Hinterpommern u. Stettiner Zipfel) 31.500 km², Schlesien (abzügl. des bei Deutschland verbleibenden Landesteils (1.340 km²) 35.660 km², Ostbrandenburg 11.329 km²).
[4]Die deutsch-polnische Grenze der Zwischenkriegszeit hatte eine Länge von mehr als 1.900 km (!). Vgl. Dagmara Jajesniak, Uwe Rada. Die vergessene Grenze. Berlin: be.bra Verlag, 2018.
[5]Gerhard Doliesen: Die deutschen Ostgebiete im Jahre 1945 als Ziel von Siedlern aus Zentralpolen. Quellen aus Lodz und Krakau (hrsg. Nordost-Institut, Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e. V., Lüneburg), Lüneburg 2014.
[6]Der Frieden von Riga legte die polnische Ostgrenze weit östlich der von den Westmächten vorgeschlagenen Curzon-Linie fest. Dadurch fielen große Gebiete im heutigen Belarus (Weißrußland) und in der Ukraine mit beträchtlichen belarussischen und ukrainischen Minderheiten an den polnischen Staat.
[7]Die Flüchtlinge aus der SBZ bzw. ab 1949 aus der DR wurden Zonenflüchtlinge genannt. Darunter waren jedich mehrere Hunderttausend, die 1945 und in den Folgejahren als Vertriebene und Flüchtlinge in die SBZ gelangt waren, insgesamt 4,5 Mill. In den westdt. Statistiken wurden diese ehem. Ostflüchtlinge jedoch nicht als Ver-triebene aus den Ostgebieten registriert sondern als Zonenflüchtlinge.
[8]Zum Vergeich: Bevölkerung BRD 1950: 48 Mill. Einw., DDR 18,3 Mill. (einschl. Ostberlin), BRD 1960 53,3 Mill. Einw., DDR 16,1 Mill. Einw.
[9]Die landwirtschaftlichen Nutzflächen in Ostdeutschland 1944: Ostpreußen: ca. 2,5 Millionen ha, Schlesien (Nieder- und Oberschlesien): ca. 2,0 Millionen ha, Pommern (Hinterpommern): ca. 1,1 Millionen ha, Ostbrandenburg (Neu-mark): ca. 0,4 Millionen ha.
[10]Ostpreußen : 660.000 ha (darunter die größten Wälder Deutschlands, wichtige Großwaldgebiete wie die Rominter Heide und die Johannisburger Heide), Waldanteil Nordostpreußen: 280.000 ha), Schlesien 1,05 Mill. ha, Hinterpommern 680.000 ha, Ostbrandenburg 310.000 ha.
[11]Reichsbahndirektionen Frankfurt/Oder, Breslau, Oppeln Stettin, Königsberg/Ostpr.
[12]Die Reichsbahndirektion Osten (Sitz: Frankfurt/Oder) umfaßte die Grenzmark Posen-Westpreußen (ab 1938 zu Pommern) und Ostbrandenburg). Im Jahr 1937 wies sie ein Schienennetz von 2.427 km auf, wovon exakt 934 km Hauptbahnen (davon 761 km zweigleisig). Die Reichsbahndirektion Königsberg (Ostpreußen) umfaßte das ostpreußische Kernnetz (inklusive der preußischen Ostbahn mit 740 km Gesamtlänge) wies eine Gesamtlänge von mehr als 3.000 km auf , wovon etwa ein Drittel auf Hauptbahnen entfielen.
[13]Diese Sprachprobe von 1312 wird als Krakauer Schibboleth bezeichnet. Ein Schibboleth ist eine sprachliche Besonderheit, durch die sich ein Sprecher einer sozialen Gruppe oder einer Region zuordnen läßt. Die Besonderheiten leiten sich vom Dialekt oder Akzent des Sprechers her. Festgestellt werden soll, ob jemand diese sprachliche Besonderheit beherrscht.
[14]Dieser Vorgang aus dem Jahre 1312 ist Beleg, daß die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe auch im mittelalterlichen Polen von hinreichender Bedeutung war.
[15]Der größte Teil des späteren Ostpreußen (ohne das Ermland) bildete dagegen „Preußen herzoglichen Anteils“. Dieses Herzogtum Preußen ging aus dem östlichen Teil des ehemaligen Deutschordensstaates hervor der 1525 durch die Säkularisation unter Albrecht von Brandenburg-Ansbach in ein weltliches, lutherisches Herzogtum unter polnischer Lehnshoheit umgewandelt wurde. Hauptstadt und Residenz war Königsberg.
[16]Allein am Sturm auf die Reichshauptstadt hatten 180.000 polnische Soldaten teilgenommen. Die Zahl überstieg die Zahl der deutschen Verteidiger bei weitem.
[17]Als britisch-französische Garantieerklärung wird das formelle Versprechen Großbritanniens und Frankreichs vom 31. März 1939 bezeichnet, die Unabhängigkeit Polens gegen die aggressive Expansionspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands militärisch zu schützen. Sie markiert das offizielle Ende der britischen Appeasement-Politik (Beschwichtigungspolitik) unter Premierminister Neville Chamberlain. Chamberlain erklärte vor dem britischen Unterhaus, dßs Großbritannien und Frankreich Polen „Beistand in jeglicher Form“ leisten würden, falls dessen Unabhängigkeit bedroht würde und die polnische Regierung sich gezwungen sähe, diese Bedrohung militärisch abzuwehren.
[18]Polen annektierte 1920 mehr als 46.000 km². Am 10. Januar 1920 trat der Versailler Zwangsvertrag in Kraft. Deutschland musste dabei den größten Teil der Provinz Posen (ca. 26.000 km²) und den sog. Polnischen Korridor in Westpreußen (ca. 15.865 km²) sowie das Soldauer Ländchen an Polen abtreten. Insgesamt betrug die am 10. Januar 1920 an Polen übergangene Fläche rund 46.000 bis 47.000 Quadratkilometer. Das 1922 an Polen abgetretene Gebiet in Oberschlesien (auch als Ostoberschlesien bekannt) umfasste eine Fläche von 3.214 km². Dies entsprach etwa 30 % des gesamten oberschlesischen Abstimmungsgebiets. Obwohl es der flächenmäßig kleinere Teil war, umfasste das Abtretungsgebiet den Großteil des wirtschaftlich bedeutenden oberschlesischen Industrie- und Kohlereviers (darunter Städte wie Kattowitz und Königshütte) sowie rund 890.000 bis knapp 1 Million Einwohner. Die Übergabe wurde durch das Deutsch-polnische Abkommen über das Deutsch-Polnische Abkommen über Oberschlesien v. 15. Mai 1922 geregelt.
[19]Polnisch-Sowjetischer Krieg 1919-1920 (Waffenstillstand am 18. Oktober 1920, 18. März 1921 Frieden von Riga.
[20]Die polnische Grenze verlief nun weit östlich der Curzon-Linie, stellenweise bis zu 250 km östlich des geschlossenen polnischen Sprach- bzw. Siedlungsgebietes. In großen Teilen der abgetretenen Territorien lebten mehrheitlich jeweils Ukrainer bzw. Weißrussen und damit waren dort polnischsprachige Einwohner in der Minderheit. Die mit dem Vertrag in den polnischen Staat integrierten Gebiete waren ethnisch sehr heterogen. Während sich in den Großstädten, wie z. B. In Lwow und Wilna (Vilnius) eine polnische Mehrheit lebte, bildeten auf dem Lande Ukrainer, Weißrussen und Litauer Litauer die Mehrheit.
[21] Während des Polnisch-Sowjetischen Krieges wurde das Gebiet Mittellitauen (mit Wilna/Vilnius), das zuvor von der Roten Armee eingenommen worden war, von polnischen Armeeeinheiten besetzt. Unter deren Schutz riefen polnische Aktivisten die „Republik „Mittellitauen“ aus. Am 11. April 1922 wurde Mittellitauen von Polen annektiert. Litauen erkannte diese Entwicklung nicht an und brach die diplomatischen Beziehungen zu Polen ab.
[22] Die Verhandlungen über exterritoriale Verbindungen nach Ostpreußen fanden im Frühjahr 1939 statt. Das national-sozialistische Deutsche Reich forderte von Polen den Bau einer exterritorialen Reichsautobahn und einer zweigleisigen Eisenbahnlinie durch den Polnischen Korridor, um die durch den Versailler Vertrag abgetrennte Exklave
Ostpreußen wieder direkt und unter deutscher Hoheit an das Gebiet des Deutschen Reiches anzubinden. Warschau lehnte die Abtretung von Souveränitätsrechten und den Bau dieser exterritorialen Zonen ab, da man darin eine Gefährdung der eigenen staatlichen Unabhängigkeit sah. Großbritannien sicherte Polen daraufhin Garantien zu.[23] Der Freistaat Danzig (korrekt: Freie Stadt Danzig) umfaßte die Städte Danzig, Zoppot, Praust, Tiegenhof u. Neuteich sowie ein dazugehöriges Landgebiet mit insges. 252 Landgemeinden. Fläche : 1.893 km² (mit Hafengewässern 1.966 km²); 403.000 Einw.. 95 % der Einwohner des de jure unter Aufsucht des Völkerbundes, faktisch jedoch unter polnischer Kontrolle stehenden „Freistaats“ waren Deutsche, 3,3 % Polen, Kaschuben u. Masuren.
[24] Im Jahr 1939 lebten schätzungsweise 700.000 bis über 1 Million ethnische Deutsche als Minderheit in der 2. Polnischen Republik. Die genaue Zahl ist umstritten, da offizielle Volkszählungen je nach Definition und Region abwichen (die polnische Volkszählung von 1931 wies rund 741.000 aus, während deutsche Schätzungen für die Folgejahre von bis zu 1,1 Million oder mehr ausgingen. Zentralpolen und Lodzer Industriegebiet: ca. 360.000
Deutsche, Posen und Pommerellen: ca. 335.000, Ostoberschlesien: 350.000 Deutsche (Gesamtbev. 890.000), Wolhynien, Galizien, Narew-Gebiet, Cholmer Land: über 130.000.[25]Ab 1. Jan. 1945 Provisorische Regierung der Republik Polen unter Bolesław Bierut , ab 28. Juni 1945 Provisorische Regierung der Nationalen Einheit. An der Spitze standen Edward Osóbka-Morawski als Minister-präsident und der aus dem Londoner Exil zurückgekehrte Stanisław Mikołajczyk als Vize-Ministerpräsident.
[26]Grundlage dieses Vorstoßes war der Abkommen v. 27. Juli 1944 zwischen dem Lubliner Komitee und der UdSSR über die künftigen polnischen Nachkriegsgrenzen, das dem neuen polnischen Staat die deutsche Stadt zusicherte.
[27]Lit.: G. Eissner, Die Annexion Stettins durch Polen. In: (Zeitschrift) Außenpolitik, Nr. 7, 1966, S. 438–444. – Clemens Heitmann: Die Stettin-Frage. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung, 51 (2002), S. 25 ff.
[28]Polen forderte 1945 den Anschluß des Gebietes des 1939 aufgelösten Kreises Randow (seit 1939 größtenteils zu Stettin gehörig), den Kreis Ueckermünde, den östlichen Teil des Kreises Greifswald mit Wolgast sowie einen östlichen Streifen des Kreises Anklam.
[29]Sowjetische Militäradministration.
[30]1. polnische Teilung 1772, 2. Teilung 1793, 3. Teilung 1795, 4. Teilung 1939.