Die Vertreibung der Deutschen aus Pommern
Samstag, 19. September 2026 von Adelinde
Thomas Engelhardt:
Die Vertreibung der Deutschen aus Pommern[1]
Die Vertreibung der Deutschen aus Pommern erfolgte in mehreren Phasen. Gängigen Vor-stellungen zufolge flüchteten die Einwohner der deutschen Ostprovinzen vor dem Heran-rücken der Kampftruppen der Roten Armee oder wurden unmittelbar nach der Eroberung und Besetzung durch die nachrückenden Polen vertrieben. Der Gesamtvorgang war komplizierter.
Mit dem Vorrücken der Roten Armee Anfang 1945 flohen Hunderttausende Zivilisten aus Pommern nach Vorpommern, das nördliche Brandenburg und Mecklenburg.[2]
„Seit Februar 1945 sind auch die Pom-mern auf der Flucht. Die Häfen von Stolpmünde und Rügenwalde und Kol-berg sind für Tausende die Rettung. Auf Schiffen geht es nach Westen bis Swinemünde.
Am 7. und 8. März gelingt den letzten Flüchtlingen von Stolpmünde und Rü-genwalde aus die Flucht über die Ostsee, am 18. März besetzen sowjetische und polnische Truppen nach schweren Kämpfen auch Kolberg.
Seit dem Vorstoß der sowjetischen Truppen bis an die Oder vor Stettin in den ersten Märztagen bleibt den langen Trecks aus Hinterpommern nur noch der Weg entlang der Küste über die Inseln Wollin und Usedom nach Westen.“[3]
Nach der meist spontanen und in der Regel unorganisierten Flucht[4] folgten bereits unmittelbar nach Kriegsende und im Laufe des Sommers 1945 seitens der Polen die „wilden“ Vertreibungen der verbliebenen deutschen Bevölkerung.
Die Polen schufen damit bereits vor der Potsdamer Konferenz[5] der Kriegssieger die entsprechenden Fakten. Gang und gäbe war in dieser von gewalttätigen Übergriffen, Terror, Rechtlosigkeit und unbarmherziger Gewaltanwendung geprägten Zeit die brutale Übernahme von Wohnhäusern und Bauern-höfen durch aus Zentralpolen kommende Polen und die Vertreibung der deutschen Bewohner aus ihren Häusern.[6]
Infolge der Beschlüsse der Kriegssieger in Potsdam und gestützt auf diese Festlegungen setzten im Sommer 1945 die organisierten Vertreibungsmaßnahmen der verbliebenen deutschen Bevölkerung durch die neuen polnischen Behörden ein, die bis ins Jahr 1946, teilweise sogar bis 1947 fortdauerten.
Im Sommer und Herbst 1945 wurde in der unter polnische Verwaltung gestellten Pro-vinzen Pommern der Zloty allgemein als Zahlungsmittel eingeführt. Die deutschen Ortsnamen wurden getilgt, in den Städten auch die deutschen Straßennamen beseitigt, und polnische Bezeichnungen traten an deren Stelle.
Die polnische Sprache wurde als Amtssprache obligatorisch. Infolge der Übernahme aller deutschen Vermögen durch den polnischen Staat waren die Deutschen in ihren Höfen auf dem Lande und in ihren Wohnungen in der Stadt nur noch auf Abruf geduldet, mußten teils für ihre eigenen Häuser Miete zahlen und hatten ständig damit zu rechnen, ihr formell bereits enteignetes Vermögen auch faktisch zu verlieren und ihre Wohnungen verlassen zu müssen.
Die ganze Gesetzgebung zur Enteignung des deutschen Vermögens sollte in erster Linie eine vermögensrechtliche Grundlage für die An-siedlung der Polen und die Verdrängung der Deutschen durch polnische Zivilisten schaffen.
Die Übernahme deutschen Besitzes durch polnische Zivilpersonen und deren An-siedlung in den deutschen Ostgebieten verliefen bis gegen Ende des Jahres 1945 in wenig geregelter Form und brachten die davon betroffene deutsche Bevölkerung in eine Lage, in der sie nicht mehr zwischen willkürlichen Bereicherungen und Plünde-rungen einzelner Polen und amtlichen Maßnahmen der polnischen Behörden zu unterscheiden vermochte.
Zunächst begann die polnische Besitzer-greifung in Pommern wie auch in den anderen Gebieten Ostdeutschlands damit, daß viele der polnischen Zivilarbeiter und Kriegsgefangenen, die sich bei der Eroberung durch die Rote Armee in den Dörfern und auf den Gütern in Pommern aufhielten, sich leerstehende Gehöfte oder auch Häuser in den Städten aneigneten und sich dort unter wohlwollender Duldung der Sowjets als neue Besitzer einrichteten.
Weitaus größere Bedeutung hatte es aber, daß schon unmittelbar nach der Eroberung durch die Rote Armee der Zustrom polnischer Zivilisten begann.
Noch vor der Ansiedlung der polnischen Umsiedler aus den Gebieten Ostpolens waren aus den grenznahen Gebieten Westpolens, teils auch aus den Städten Zentralpolens bereits mehrere Tausend Polen über die deutsch-polnische Grenze gekommen, um sich an dem deutschen Vermögen zu bereichern.
Der Strom dieser Polen, die schon im Frühjahr 1945 nach Pommern kamen, ergoß sich zu-nächst vor allem in die grenznahen Gebiete Pommerns sowie in die in die östlichen Kreise der Provinz, und die setzte sich im Laufe des Sommers immer weiter nach Westen fort.
Ein Teil der ins Land gekommenen Polen wollte sich, nachdem die Provisorische Re-gierung die Bevölkerung Polens zur Ansied-lung in den ostdeutschen Territorien aufge-fordert hatte, in den verlassenen Höfen der Deutschen und ihren Häusern als Ansiedler niederlassen, ein anderer Teil der polnischen Ankömmlinge bestand aber aus Spekulanten, Schiebern und Beutemachern, die nur eine günstige Chance zur Bereicherung witterten, ohne daß sie die Absicht hatten, im Lande zu bleiben.
Manche von ihnen stellten sich der Miliz zur Verfügung, andere gaben sich gegenüber den polnischen Behörden in den deutschen Orten als Ansiedler aus, gewannen auf diese Weise schnell Vermögen, das sie bald abtranspor-tierten oder verkauften, und kehrten darauf nach Polen zurück, um das gleiche Experi-ment an anderer Stelle zu wiederholen.
Anders als dieser regellose Zustrom von Menschen aus den west- und zentralpolni-schen Gebieten war die meist erst im Früh-sommer 1945 beginnende Ansiedlung von Polen, die aus den an die Sowjetunion abge-tretenen ostpolnischen Gebieten kamen, mehr oder weniger gelenkt.
Jetzt begannen die polnischen Ansiedler im Einvernehmen mit den örtlichen Verwal-tungs- und Milizbehörden die im Lande verbliebene deutsche Bevölkerung aus ihren Wohnungen und Häusern zu verweisen.
Handelte es sich um einzelne polnische An-kömmlinge, so erfolgte die Besitzergreifung von Häusern und Gehöften während jener ersten Zeit der sehr mangelhaft organisierten Ansiedlung vielfach in der Weise, daß die betreffenden Polen sich in den pommerschen Dörfern und Städten einen Hof oder ein Haus aussuchten, sich diese von den zuständigen polnischen Bürgermeistereien anweisen ließen und mit Hilfe polnischer Miliz die Deutschen aus dem gewünschten Grundstück vertrieben.
Aber auch dort, wo die polnischen Ansiedler in geschlossenen Transporten ankamen und von der polnischen Miliz in die Häuser der Deutschen eingewiesen wurden, geschah dies vielfach in der Form einer brutalen Vertrei-bung, wobei die deutschen Einwohner oft in Minutenfrist und mit nur wenigem Gepäck ihre Wohnungen verlassen mußten.
In einigen Städten und Dörfern verfuhren die polnischen Behörden noch rigoroser. Sie ließen mit Hilfe der Miliz ganze Orte vor-übergehend von der deutschen Bevölkerung räumen, und währenddessen wurde der deutsche Besitz geplündert, die wertvollen beweglichen Teile mit Lastwagen abtrans-portiert und die besten Häuser von Polen besetzt.
Doch auch in den Städten, in denen keine derartigen drakonischen Maßnahmen er-griffen wurden, bewirkte die ständig stei-gende Zahl einströmender Polen, daß immer neue Straßenzüge und Stadtviertel von der deutschen Bevölkerung geräumt werden mußten, bis am Ende nur bestimmte Viertel als eine Art deutscher Ghettos übrig blieben.
Der Verlust der Heimat war damit bei den noch in den Ostprovinzen lebenden Deut-schen im Grunde schon vor der Ausweisung vollzogen.
Am stärksten setzten sich die Polen zunächst auf dem Lande fest. Dies kam vor allem da-her, daß die Hauptmasse der Ansiedler im Sommer und Herbst 1945 aus den an die Sowjetunion abgetretenen ostpolnischen, fast rein agrarischen Gebieten stammte.
Mit nur wenig Handgepäck ankommend, wurden die Ansiedler in die deutschen Dörfer eingewiesen. Etwa 1,4 Millionen Polen aus dem Gebiet ostwärts des Bug wurden bis zum Juli 1946, als die Überführung der ostpolni-schen Bevölkerung nach Westen nahezu abgeschlossen war, in die ostdeutschen Provinzen umgesiedelt.
Da sie auf die Bewirtschaftung größerer Bauerngüter im allgemeinen wenig Wert legten, führte ihre Verpflanzung nach Pommern vor allem zur Verdrängung der kleinen deutschen Bauern, die unter sow-jetischer Besatzung zwar bereits das Inventar und Vieh verloren hatten, jedoch im Besitz ihrer Höfe geblieben waren.
Diese Bauernhöfe wurden nun enteignet und von den ankommenden Polen besetzt. Be-stenfalls durften die deutschen Besitzer als Arbeitskräfte der polnischen Ansiedler zunächst noch auf ihrem Hof bleiben, in vielen Fällen wurde ihnen aber auch dies verweigert.
Sofern die polnischen Ansiedler aus Gebieten stammten, in denen es wenig Reibungsflä-chen zwischen Polen und Deutschen gegeben hatte, oder soweit sie nicht von den herr-schenden Vergeltungsgefühlen angesteckt waren, haben sie sich gegenüber den enteigneten Deutschen zum Teil durchaus freundlich gezeigt und in vielen Fällen versucht, deren Lage etwas zu erleichtern, viele der Zuwanderer aber behielten nur ihren eigenen materiellen Vorteil im Auge und gebrauchten die ent-rechteten Deutschen lediglich als kostenlose Arbeitssklaven.
Die generelle Enteignung des deutschen Vermögens und die Aneignung durch die Polen hatte bald eine völlige Verarmung und Deklassierung der deutschen Bevölkerung in den Gebieten ostwärts der Oder-Neiße-Linie zur Folge.
Die deutschen Bauern waren zu Landarbeitern bei den neuen polnischen Besitzern geworden und die Handwerksmeister zu Gehilfen bei polnischen Handwerkern.
Alle Hilfsdienste und schweren Arbeiten auf dem Lande und in der Stadt mußten von Deutschen geleistet werden, während nicht nur der Besitz, sondern auch der staatliche Rechtsschutz allein den ins Land kommenden Polen vorbehalten blieb.
Hand in Hand mit der Ausweisung der Deut-schen, die im Jahre 1946 ihren Höhepunkt erreichte, begann jetzt überall in Polen die systematische Werbung für eine Ansiedlung in den deutschen Ostgebieten, darunter auch in Pommern.
Da aus dem an die Sowjetunion abgetretenen polnischen Land jenseits des Bug nur rund 1,4 Mill. Polen repatriiert und in den deut-schen Ostgebieten angesiedelt werden konnten, richtete sich die Ansiedlungspro-paganda nun verstärkt an die Bevölkerung Zentralpolens, vor allem an die nach Kriegsende entlassenen Soldaten.
Daneben war man auch bemüht, die infolge der Kriegsereignisse und schon früher nach Mittel- und Westdeutschland sowie nach den westeuropäischen Staaten verschlagenen Polen zur Ansiedlung in den ehemaligen deutschen Ostgebieten zu bewegen.
Selbst unter den seit Generationen im rheinisch-westfälischen Industriegebiet (Ruhrgebiet) sowie in Frankreich lebenden Bergarbeitern polnischer Abstammung versuchten polnische Werbungskommis-sionen Ansiedler für die unter polnische Verwaltung gestellten deutschen Ostgebiete zu gewinnen.
Im Jahr 1946 befand sich die polnische An-siedlungsbewegung auf dem Höhepunkt. Gemäß polnischen Angaben vermehrte sich die Zahl der Polen seit der polnischen Volkszählung vom 14. Februar 1946 bis zum 1. Januar 1947 in den deutschen Ostgebieten um fast 2,5 Millionen auf insgesamt 4.584 000.
Darunter war auch rund eine Million Personen deutscher Staatsangehörigkeit, die bereits früher dort gelebt hatten und von den Polen als Autochthone reklamiert wurden, obwohl sich der größte Teil von ihnen entschieden und ausdrücklich zum Deutschtum bekannt hatte.
Von den bis Ende 1946 in den deutschen Ostgebieten angesiedelten Polen stammten rund 1,4 Millionen aus dem an Rußland ab-getretenen Ostpolen, 237 000 waren repa-triierte polnische sog. „Displaced Persons“ aus Mittel- und Westeuropa, und etwa 1,95 Millionen waren aus den zentral- und südpolnischen Wojewodschaften in die deutschen Ostgebiete umgesiedelt worden.
In den folgenden Jahren nahm die polnische Bevölkerung in den nunmehr polnisch ver-walteten deutschen Ostgebieten nur noch langsam zu. Ende 1948 überschritt die Be-völkerungszahl dort die 5- Millionengrenze, und bis 1952 hat sie sich auf rund 6 Millionen erhöht.
Berücksichtigt man, daß in dieser Zahl ca. 1 Million Personen ehemaliger deutscher Staatsangehörigkeit einbegriffen ist, die teils als Autochthone, d. h. Masuren, Ermländer, Kaschuben und Ostoberschlesier wegen ihres Dialekts oder ihrer Namensform als Polen reklamiert, teils als unabkömmliche deutsche Arbeiter nicht ausgewiesen und zur Option für Polen gezwungen worden sind, so ergibt sich, daß in den ostdeutschen unter polni-scher Verwaltung stehenden Gebieten nur rund 5 Millionen Polen angesiedelt wurden, während in den selben Gebieten vor dem Kriege rund 8,5 Millionen deutsche Staatsangehörige lebten.
Folgenden Zahlen verdeutlichen die damalige Situation in Pommern:
Hinterpommern 1939: 1,78 Mill. Einw. (Stand 17.05.1939)
Hinterpommern 1948 (Woiwodschaft Stettin): 1 Mill. Einw. (Stand 1.10.1948)
Aufschlußreich ist die polnische Darstellung und Bewertung dieser Vorgänge:
„Die Frage der Besiedlung dieser Gebiete durch das polnische Element ist eine der vornehmsten Staatsaufgaben der Gegen-wart. Sie ist auch Ausdruck der histori-schen Gerechtigkeit, die diesen Gebieten ihre legitimen Eigentümer aus der Zeit-periode zurückgibt, als erst die Funda-mente für den Bau unseres Staatswesens gelegt wurden.
Sie ist auch Ausdruck der gegenwärtigen polnischen Staatsräson hinsichtlich des Besitzes und der Behauptung dieser be-freiten (westlichen und nördlichen) Ge-biete, die uns im Laufe einiger Jahr-hunderte systematisch durch die unge-zähmte und banditenhafte germanische Habgier entrissen wurden.“[7]
Mit der Lösung der Bevölkerungsfrage im Nachkriegspolen ging die Aussiedlung der Deutschen einher. Sie verlief in einigen Etappen.
In der ersten Phase, noch vor der Potsdamer Konferenz, wurden ca. 500.000 Deutsche hauptsächlich aus den grenznahen Gebieten vertrieben, darunter aus Hinterpommern.
Diese Aktionen führte das polnische Militär im Juni und Juli 1945 durch. Zunächst wurden Listen von Deutschen angefertigt, dann war man bestrebt, sie möglichst schnell auf das westliche Ufer von Oder und Neiße abzu-schieben, wo sie sich selbst überlassen blieben.
Die Vertreibung wurde von den polnischen Behörden im Einvernehmen mit den sowje-tischen Militärbehörden beschlossen. Die Vertreibungen in dieser Phase erfolgten chaotisch, hektisch und unter Gewaltan-wendung.
Der deutschen Bevölkerung war es unter keinen Umständen erlaubt, ihr Hab und Gut oder zumindest größeres Handgepäck mit-zunehmen. Unterwegs wurden alle Deutschen durchsucht und sogar der unbedeutendsten Gegenstände beraubt.
Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung im Sommer 1945 hing mit Plänen zusammen, die aus dem Kriegsdienst entlassenen polni-schen Soldaten samt ihrer Angehörigen in den neuen grenznahen Gebieten östlich der Oder anzusiedeln. Diese sollten als Wehr-siedler Schutz vor einer eventuellen erneuten deutschen Bedrohung bieten.
Im Juni 1945 wurden zwölf grenznahe Kreise als polnische Militäransiedlungsgebiete festgelegt: in Pommern: Cammin (Kamień Pomorski) – Wollin (Wolin), Greifenhagen (Gryfino), in der Neumark (Ostbrandenburg) Königsberg Nm. (Chojna), Zielenzig (Sulęcin), Reppen (Rzepin), Crossen an der Oder (Krosno Odrzańskie), Guben (Gubin), in der brandenburgischen Niederlausitz Sorau (Żary), in Niederschlesien Sagan (Żagań), Görlitz (Zgorzelec), Lauban (Lubań) und Löwenberg (Lwówek Śląski).
1948 betrug die Zahl der aus dem Kriegs-dienst entlassenen polnischen Soldaten und ihrer Familienangehörigen in diesen Kreisen mehr als 30 % der gesamten neu angesie-delten polnischen Bevölkerung.
Ein derart hoher Prozentsatz von Mili-täransiedlern in diesen Kreisen mußte sich auf die lokalen gesellschaftlichen Verhält-nisse auswirken. Einige Orte im deutsch-polnischen Grenzgebiet behielten viele Jahre lang einen halb militärischen Charakter (z.B. Göhren (Górzyn) im Kreis Crossen an der Oder (Krosno Odrzańskie), Mednitz (Miodnica) im Kreis Sorau (Żary), Gleißen (Glisno) im Kreis Zielenzig (Sulęcin), Lindenhain (früher Niemaschkleba) (Chlebowo) im Kreis Guben / Gubin).
Die demobilisierten Militärangehörigen siedelten sich nicht nur in den genannten zwölf grenznahen Kreisen, sondern auch in anderen Kreisen der ehemals deutschen Gebiete an, insbesondere Pommerns, Ostbrandenburgs und Niederschlesiens.
Bis Ende 1949 ließen sich in den gesamten sogenannten „wiedergewonnenen Gebieten“ ca. 170.000 Militärangehörige, d.h. mehr als 530.000 Personen nieder, die rund 12 % aller polnischen Ansiedler ausmachten.
Vom August bis Ende Dezember 1945 wurden 530.000 Deutsche aus den ehemals deut-schen Gebieten östlich von Oder und Neiße ausgesiedelt. 1946 betrug die Zahl der aus Polen ausgesiedelten Deutschen 1.668.000 und 1947 kamen weitere 502.000 hinzu. 140.000 Deutsche wurden in den Jahren 1948 bis 1950 ausgesiedelt.
Insgesamt wurden in den Jahren 1945 bis 1950 rund 3.200.000 Deutsche vertrieben bzw. ausgesiedelt.
Seit Februar 1946 wurden die noch in den nunmehr unter polnischer Verwaltung stehenden Gebieten verbliebenen deutschen Einwohner in die sowjetische und britische Besatzungszone ausgesiedelt.
Noch während der Kriegshandlungen 1944/1945 wurden verschiedene Kon-zeptionen polnischer Besiedlung der deut-schen Gebiete östlich der Oder und Neiße in Betracht gezogen. Man hatte polnischerseits nicht vor, eine endgültige internationale Lösung der Frage der deutschen Bevölkerung in den zu annektierenden Gebieten (Hinter-pommern, Ober- und Niederschlesien, Ostbrandenburg, Ostpreußen, Danzig, Westpreußen) abzuwarten.
Ganz im Gegenteil: Die polnischen Ansiedler in den ehemaligen deutschen Ostgebieten östlich der Oder-Neiße-Linie und die hier-durch sich ergebende Bevölkerungsstruktur sollten als Argument benutzt werden, diese Territorien dem polnischen Staat anzugliedern.
Laut Schätzungen des (polnischen) Mini-steriums für öffentliche Verwaltung vom Mai 1945 konnten in den ehemaligen deutschen Gebieten sofort rund 6 Mill. Menschen und nach der Aussiedlung der Deutschen weitere 2 Mill. angesiedelt werden.
Parallel zur Ansiedlung sollte die Aussiedlung der Deutschen aus den Ostgebieten in die sowjetische und britische Besatzungszone durchgeführt werden. All diese Maßnahmen standen miteinander in Zusammenhang und wurden am intensivsten in den Jahren 1945 bis 1947 umgesetzt.
Die wesentlichen Aufgaben, die mit der Besiedlung der sogenannten „wiederge-wonnenen Gebiete“ zusammenhingen, fielen dem polnischen „Staatlichen Repatriierungs-amt“ zu.
Diese Behörde wurde am 7. Oktober 1944 ins Leben gerufen und befaßte sich anfangs mit der Organisation der Umsiedlung und Repatriierung polnischer Bürger aus den Gebieten anderer Länder, hauptsächlich aus der Sowjetunion, nach Polen.
Im Frühjahr 1945 wurde das Repatrii-erungsamt verpflichtet, Büros in den ehemals deutschen Gebieten einzurichten.
Die erste Phase der Besiedlung sollte von Um- und Besiedlungskomitees auf zentraler, sowie auf lokaler Ebene der Wojewodschaften und Kreise, die ab Ende April 1945 nach und nach errichtet wurden, praktisch umgesetzt werden.
In den Komitees, denen Wojewoden und Stadträte vorstanden, waren politische Parteien, gesellschaftliche Vereine und Berufsorganisationen, Staatliches Repa-triierungsamt, Behörden und Ämter vertreten.
Zu ihren Aufgaben gehörten: Planung der An- und Umsiedlungsaktionen, Hilfeleistungen an das Repatriierungsamt und dessen lokale Büros bei den Umsiedlungen, Beschaffung von Transportmitteln, Verpflegung und Fi-nanzen, Ansiedlung, Aktivierung und Einbe-ziehung der lokalen Bevölkerung in Hilfeleistungen an die Ansiedlungsbehörden.
Am 13. November 1945 wurde dann das „Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete“ ins Leben gerufen, das für die Organisation der polnischen Ansiedlung in den ehemalige deutschen Ostprovinzen von besonderer Bedeutung war.
Zu dessen hauptsächlichen Aufgaben gehörte die Erarbeitung von Richtlinien für die staat-liche Politik in den faktisch bereits annek-tierten Gebieten[8], die Planung ihrer Bewirt-schaftung, die Führung einer planmäßigen Ansiedlungsaktion, die Verwaltung der neuen Gebiete und die Koordinierung der Tätig-keiten anderer Ministerien auf diesen Gebieten.
Das Wirkungsfeld des Ministeriums für die Wiedergewonnenen Gebiete ging jedoch noch darüber hinaus und umfaßte praktisch alle Bereiche des gesellschaftlichen und wirt-schaftlichen Lebens. Das Ministerium wurde zum wichtigsten Instrument des Staates, um das Tempo und das Ausmaß der polnischen Besiedlung Ostdeutschlands zu forcieren.
Die ersten polnischen Ansiedler gelangten bereits im Februar und März 1945, unmit-telbar nach Durchzug der Front, in die sogenannten „wiedergewonnenen Gebiete“. Das war die spontane Phase der Ansiedlung.
Sie kam den organisierten Maßnahmen der Behörden zuvor und war völlig ungeregelt. Die Um- und Neuansiedler kamen vorwie-gend aus den grenznahen polnischen Ge-bieten und besetzten die ehemals deutschen Höfe und Häuser. Noch früher tauchten hier Gruppen von Polen auf, die aus der Kriegs-gefangenschaft und aus Arbeitslagern im besetzten Deutschland zurückkehrten.
Direkt hinter der Front war darüber hinaus auch eine große Zahl von Plünderern und deklassierten Elementen den Fronttruppen gefolgt, um den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung und die beginnende Entvölkerung auszunutzen und deutsches Eigentum zu rauben.
Der Raub von Eigentum war in den ehe-maligen deutschen Gebieten allgegenwärtig und trug wesentlich zur Zerstreuung und Zerstörung der hier befindlichen Güter bei. Nach der Durchforstung des Gebietes trans-portierten die polnischen Plünderer die geraubten Güter in ihre Wohnorte, meistens nach Zentralpolen, ab.
Noch größere Verwüstung verursachten die sowjetischen Truppen. In den ersten Monaten nach der Eroberung der deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße betrieben die sowjetischen Truppen einen unkontrollierten und systematischen Raub jedweder Güter.
Ganze Fabriken wurden demontiert und in die Sowjetunion verfrachtet, bewegliche Güter, Rohstoffe, Bodenerzeugnisse und Kunstwerke wurden geraubt. Deutsche Güter wurden zum großen Teil sinnlos und unwiderruflich zerstört.
Die polnische Ansiedlung in den ehemals deutschen Gebieten muß nach ihrem Verlauf in Städten und Dörfern differenziert werden. Man kann sie auch unter dem Aspekt der Herkunftsorte der polnischen Ansiedler unterscheiden:
So kann beispielsweise die Ansiedlung von aus der Sowjetunion umgesiedelten Polen (Repatriierte) anders betrachtet werden als die aus den an die Sowjetunion gefallenen Gebieten Ostpolens oder die Unsiedlung der Polen aus den ehemals polnischen Ostge-bieten, die Ansiedlung anderer Repatriierter und Reemigranten, d.h. derjenigen, die vor Kriegsbeginn 1939 außerhalb Polens gelebt hatten.
Die entschieden größte Gruppe der Ansiedler in den sogenannten „wiedergewonnenen Gebieten“ jedoch waren Polen aus Zentral-polen[9] und Umsiedler sowie Repatrianten aus der Sowjetunion.
Die Ansiedlung der polnischen Umsiedler aus Zentralpolen in den ehemaligen deutschen Gebieten nahm nach der deutschen Kapitu-lation im Mai 1945 sprunghaft zu.
Ansiedler aus den entfernter gelegenen Wojewodschaften (u.a. aus der Wojewod-schaft Rzeszów, Krakau, Kielce) kamen mit eingesetzten Pendelzügen. Diejenigen, die aus den grenznahen Vorkriegsgebieten Polens kamen, benutzten Lastwagen, Pferdewagen oder wanderten sogar zu Fuß.
Bis Ende 1945 gelangten so 1.630.838 Menschen aus Zentralpolen, die meisten aus der Wojewodschaft Warschau (369.067), Krakau (256.192) und Lodz (228.680) in die ehemaligen deutschen Ostprovinzen.
Seit Frühling 1945 kamen auch Transporte mit polnischen Ansiedlern aus den der Sowjetunion einverleibten Territorien in die ehemals deutschen Gebiete. Die ersten Umsiedler und Repatrianten von jenseits des Bug siedelten sich im März und April im Oppelner Schlesien an.
Ab Mai wurden sie auch nach Pommern, Ermland, Masuren und ins Lebuser Land geleitet. Bis Ende 1945 wurden in den ehemals deutschen Gebieten insgesamt 400.138 Umsiedler aus dem ehemaligen polnischen Osten angesiedelt. Die meisten ließen sich auf dem Land nieder und übernahmen die dortigen Höfe.
Die polnischen Neuansiedler betonten die allgemein guten Lebensbedingungen – trotz der Kriegszerstörungen – in den ehemaligen deutschen Gebieten. Fast jeder konnte ein Haus und ausreichend Boden zugewiesen bekommen, andere erhielten Wohnungen in der Stadt und Arbeit in der Industrie.
Allgemein wies man auf die besseren Lebensbedingungen im Vergleich zu den früheren Wohnorten hin, auch wenn die Ankömmlinge aus dem ehemaligen Osten Polens sich nach ihrer Heimat sehnten und daran glaubten, dorthin zurückkehren zu können.
Die Zahl der polnischen Bevölkerung in den sogenannten „wiedergewonnenen Gebieten“ stieg seit Februar 1946 nach der Aussiedlung der deutschen Bevölkerung weiter an. Die Ansiedler besetzten die von den Deutschen verlassenen Höfe und die städtischen Wohnungen.
Es war an der Tagesordnung, die Deutschen unter Gewaltanwendung aus ihren Häusern und Wohnungen zu vertreiben. Oft wurden sogar mehrere deutsche Familien in einem Wohnraum zusammengepfercht. Die Ansied-ler übernahmen das Hab und Gut der Deutschen.
Ende 1946 riß die massenhafte Welle der polnischen Ansiedler ab. Die Ansied-lungsmöglichkeiten schrumpften zusammen. Die besten Höfe sowie Wohnungen in den Städten waren bereits besetzt. Frei blieben nur stark zerstörte Bestände, in denen sich anfangs die Ankömmlinge nicht hatten niederlassen wollen, da sie andere Wahlmöglichkeiten hatten.
Ende 1946 gab es in vielen Gegenden der ehemals deutschen Gebiete nur noch geringe Ansiedlungsmöglichkeiten. Zur Ansiedlung waren nur noch große Ländereien von mehr als 100 ha Boden vorgesehen, die zuvor geteilt werden sollten.
Freie Bauernhöfe und städtische Wohnungen gab es dagegen zu dieser Zeit noch in Pom-mern. Insgesamt waren die an Polen gefal-lenen Gebiete jedoch nach wie vor unterbevölkert.
In den Jahren 1946 und 1947 hat sich die nationale Bevölkerungsstruktur in den ehe-mals deut-schen Gebieten, die von Polen faktisch annektiert worden waren, vollständig verändert.
Die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung, die Anerkennung einer Million ehemaliger deutscher Staatsbürger als Polen und die Ankunft der polnischen Neuansiedler führte dazu, daß Mitte 1947 in den sogenannten „wiedergewonnenen Gebieten“ bereits 5,24 Mill. Einwohner lebten, davon 4,98 Mill. polnischer Herkunft.
Eine große Gruppe unter den Umsiedlern und Repatriierten aus der Sowjetunion, die sich in den sogenannten „wiedergewonnenen Ge-bieten“ niederließen, waren Juden. Zahlen-mäßig waren sie am stärksten in Nieder-schlesien und Pommern vertreten.
Die meisten von ihnen blieben nur kurz in den neuen Wohnorten und entschlossen sich relativ schnell, weiter zu ziehen, meistens ins Ausland (in der Regel über den Umweg des besetzten Deutschland).
Mitte 1946 lebten in Niederschlesien etwa 80.000 und in Pommern etwa 30.000 Juden, hauptsächlich in Stettin und Swinemünde. Nach einem Jahr gingen diese Zahlen bis auf die Hälfte zurück. In den Folgejahren nahm die Zahl der Juden in Polen, auch in den ehe-mals deutschen Gebieten, kontinuierlich weiter ab.
1947 wurden im Rahmen der Aktion „Weichsel” nahezu 150.000 Personen, nach anderen Angaben sogar 200.000 ukraini-scher Herkunft in die sogenannten wieder-gewonnenen Gebiete zwangsumgesiedelt. Bis dahin hatten sie im polnischen Südosten, in den Wojewodschaften Rzeszów, Lublin und Krakau, gelebt. Eine verhältnismäßig große Gruppe von ihnen gelangte auch nach Pommern.
In den Jahren 1948 und 1949 entschied sich nur noch eine geringe Anzahl polnischer Ansiedler, in die sogenannten „wiedergewon-nenen Gebiete“ umzusiedeln. Innerhalb dieser zwei Jahre kamen insgesamt knapp 400.000 Menschen polnischer Herkunft in diese Territorien.
Am 3. Dezember 1950 fand in Polen bereits die zweite Volkszählung nach dem Krieg statt. Laut Ergebnis dieser Volkszählung lebten in den ehemals deutschen Gebieten 5.967.000 Menschen, darunter 3.093.700 auf dem Lande und 2.874.300 in den Städten.
Knapp 2,5 Mill. der neuen Bewohnern in den sogenannten „wiedergewonnenen Gebieten“ stammten aus den alten Gebieten (vorwie-gend aus den Wojewodschaften Warschau, Lodz, Rzeszów, Posen, Kielce und Krakau) und 1.332.000 kamen aus dem ehemaligen von der Sowjetunion annektierten polnischen Osten.
Insgesamt blieben die ehemals deutschen Gebiete aber im Vergleich zur Vorkriegszeit unterbevölkert. Es lebten hier rund 2,5 Mill. Menschen weniger als zu deutscher Zeit. Die Ursachen der Unterbevölkerung waren komplex.
Einerseits fehlte es an Menschen, die man in diesen Gebieten hätte ansiedeln können, andererseits verweigerten die sowjetischen Behörden einigen Millionen Polen die Rück-kehr nach Polen. Darüber hinaus wollten viele Polen, die nach dem Krieg im Westen geblie-ben waren, nicht nach Polen zurückkehren, was hauptsächlich mit dem neuen politischen System zusammenhing.
Die Aufnahme der Vertriebenen aus Pommern
Die Herkunftsgebiete der insgesamt rund 8 Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1950 in den Westzonen bzw. dem späteren Bundesgebiet (BRD) Aufnahme fanden, lassen sich im We-sentlichen in drei geografische Großräume unterteilen.
Die größte Gruppe (über 4,5 Millionen Vertriebene) stammte aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten östlich der Oder-Neiße-Linie. Eine weitere große Gruppe bildeten die etwa 3 Millionen Sudeten-deutschen und der anderen deutschen Minderheitengruppen[10] aus der Tsche-choslowakei, gefolgt von den vertriebenen Angehörigen der deutschen Minderheiten-gruppen aus Ost-, Zentral- und Südosteuropa.
Aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten stammten 56 % der in die Westzonen ge-langten Vertriebenen, 25 % waren vertriebene Sudetendeutsche, und 19 % stammten aus anderen Gebieten.
Schlesien: Mit weit über 3 Millionen stellten die Schlesier die größte Gruppe aller Ver-triebenen im Bundesgebiet. Ein Großteil von ihnen wurde in der britischen und amerika-nischen Besatzungszone (ins-besondere in Niedersachsen, Bayern und Nordrhein-Westfalen) angesiedelt.
Aus den böhmischen und mährischen Gebieten der Tschechoslowakei gelangten knapp 2 Millionen vertriebene Deutsche in die Westzonen (in der Hauptsache aus Prag und dem Sudetenland Vertriebene). Aufnahme fanden diese aufgrund der geografischen Nähe mehrheitlich in den späteren Bundes-ländern Bayern und Hessen.
Aus Ostpreußen gelangten zwischen 1945 bis 1947 insgesamt etwa 1,9 Millionen Einwoh-ner in den Westen (SBZ und Westzonen).[11] Entgegen anders lautenden Darstellungen nach 1945 hatten die staatlichen Behörden und Parteidienststellen entsprechend einer Weisung des Gauleiters und Oberpräsidenten Erich Koch ab März 1944 die Ausreise von nicht kriegswichtigen Zivilisten aus Ostpreu-ßen verfügt, so daß die Bevölkerung Ostpreu-ßens zwischen März 1944 und Ende 1944 von etwa 2,4 Millionen Menschen auf 1,75 Millionen zurückging.[12]
Mehrere Hunderttausend Ostpreußen flüch-teten 1945 über den Seeweg nach Schleswig-Holstein und Niedersachsen.[13] Bei Kriegs-ende (Ende April/Angang Mai) hielten sich noch 600.000 Ostpreußen in der Provinz auf.[14]
Infolge von 200.000 Rückkehrern aus den Fluchtorten in Westpreußen und Pommern erhöhte sich die Zahl der deutschen Ein-wohner in Ostpreußen bis Sommer 1945 auf 800.000 (in Königsberg lebten zum Zeitpunkt der Kapitulation der Stadt am 9. April 1945 noch 110.000 Einwohner; von diesen lebten im Herbst 1945 noch 50.000 und im Frühjahr 1946 noch 32.000).
Von den im Sommer 1945 sich noch aufhal-tenden 800.000 Einwohnern überlebten bis Ende 1946 nur etwa 400.000 bis 450.000.
Bedingt durch den Zusammenbruch der Versorgung und die systematische Demon-tage der Landwirtschaft starben nach dem offiziellen Kriegsende im Mai 1945 Zehn-tausende deutscher Zivilisten.
Zwischen 1945 und 1947 starben mehr als 300.000, möglicherweise aber auch bis zu 500.000 der zurückgebliebenen oder in die Provinz zurückgekehrten Einwohner Ost-preußens, durch direkte Kriegseinwirkungen, infolge von Seuchen, Hunger, Zwangsarbeit oder in den Lagern der Sowjets.
Die im sowjetisch besetzten Norden der Pro-vinz (jetzt Oblast Kaliningrad) verbliebenen bzw. zurückgehaltenen Deutschen litten nach Kriegsende unter extremem Hunger, einer Typhusepidemie und mangelnder medizini-scher Versorgung, was vor allem in den Jah-ren 1945 bis 1947 zu einer katastrophalen Sterblichkeit führte.[15]
Hinterpommern und Ostbrandenburg: Aus den Gebieten östlich der Oder flüchteten oder wurden ca. 1,8 Millionen Menschen vertrie-ben. Sie verteilten sich insbesondere auf die norddeutsch Länder (Mecklenburg, Nieder-sachsen, Schleswig-Holstein).
Danzig-Westpreußen und Wartheland (Posen): Die Zahl der 1945 im Gebiet des Reichsgaus Danzig-Westpreußen (einschl. des Gebietes der bis 1939 existierenden Freien Stadt Danzig) und des Reichsgau Wartheland lebenden Deutschen betrug ca. 2 bis 2,2 Millionen.[16]
Geschätzt wird, daß insgesamt nur etwa 800.000 Deutschen die Flucht aus diesen Gebieten gelang.[17]
Erhebungen zu den Opferzahlen in der Nachkriegszeit blieben unvollständig. Aus-gegangen wird aber von Opferzahlen von mehr als 800.000, möglicherweise auch einer Million Toten.
Ende 1944 hielten sich noch 2 Mill. Deutsche im Territorium beider Reichsgaue auf, davon in Danzig (Gebiet des ehem. Freistaats) 420.000.[18] D. h. abzüglich der Einwohner-schaft Danzigs kann die Zahl der Deutschen im Gebiet der Reichsgaue Danzig-Westpreu-ßen und Wartheland Ende 1944 mit 1,61 Mill. beziffert werden.[19]
Nach der Flucht eines Teils der deutschen Bevölkerung verblieben bei Kriegsende ca. 800.000 in diesen Gebieten.[20] Der größere Teil der sich nach Kriegsende im Gebiet der beiden bis 1945 existierenden Reichsgauen noch aufhaltenden oder zurückgehaltenen etwa 800.000 Deutschen wurde Opfer des sowjetischen Besatzungsterrors, erlag ge-walttätigen Übergriffen der Sowjets und der polnischen Milizen und Sicherheitsdienste, die systematische Verhaftungen vornahmen.
Ein großer Teil der Zivilisten wurde zur Zwangsarbeit verpflichtet oder in die Sowjetunion deportiert.
In den Nachkriegsstatistiken des Bundes als auch der Vertriebenenverbände bleiben diese Deutschen aber sehr oft ungenannt, weil sich die Zahlen der deutschen Heimatvertriebe-nen in der Regel auschließlich auf die deutschen Ostgebiete nach dem Gebietsstand vom 31.12.1937 und das Sudetenland beziehen.
In einigen Zahlenaufstellungen wird die Zahl der Vertriebenen aus den beiden genannten Reichsgauen unter dem Stichwort „Deutsche aus Polen“ genannt. Das aber ist deshalb unzutreffend, weil beide Reichsgaue nach 1939 einen erheblichen Zuzug von Deutschen
aus dem Altreichsgebiet als auch von deut-schen Um- und Zuzüglern (Vertrags- und Administrativ-umsiedler) erfuhren.Diese heterogen zusammengesetzte deutsche Bevölkerung als Polendeutsche (oder Deut-sche aus Polen) zu deklarieren, entbehrt daher völlig der Tatsachen.
Aber selbst auf den Gedenkstelen der Ge-dächtnisstätte e.V. in Guthmannhausen (Thüringen) werden leider nicht zutreffende Zahlenangaben genannt: Westpreußen und Posen 117.000 Tote und 619.000 Vertrie-bene. Diese Angaben sind nicht korrekt, abgesehen davon existierten bis 1945 keine Länder oder Provinzen Westpreußen bzw. Posen.
Die Zahl der Deutschen in beiden 1939 gebildeten Reichsgauen ist bekannt.[21]
Reichsgau Danzig-Westpreußen 1944 1,1 Mill. Deutsche (1944)
Reichsgau Wartheland 750.000–900.000 Deutsche (1944) (nach anderen Angaben 1 Mill.)
Die bundesdeutsche Nachkriegsstatistik wie auch die der Vertriebenenverbände, u.a. Heimatortskarteien bezifferten die Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen aus Danzig, Posen (= Wartheland) und Westpreußen mit insgesamt 1,16 Millionen.
In anderen Nachkriegsveröffentlichungen und Darstellungen zur Vertriebenenproblematik werden für Danzig (Gebiet der Freien Stadt) und das benachbarte gemischtsprachige Korridorgebiet (bis 1920 Provinz Westpreu-ßen, 1939-1945 Reichsgau Westpreußen) 650.000 deutsche Vertriebene genannt.[22]
Berücksichtigt man die entsprechenden Bevölkerungszahlen vor 1945[23] kommt man mittels Hochrechnungen und Zahlen-vergleichen auf die entsprechenden Angaben.
Beide hier genannte Zahlen 1,16 Mill. und 0,65 Mill. widersprechen einander nicht.
Unbekannt bleiben im gegebenen Zusam-menhang dennoch die Gesamtopferzahlen deutscher Zivilisten in den genannten Okkupationsgebieten nach der Besetzung durch die Sowjets und der Vereinnahmung durch die Polen.
Heimatgebiete in Südost- und Osteuropa.
Eine nicht zu vernachlässigende und relativ große Gruppe der Vertriebenen stellen die 750.000 bis 900.000 Deutschen aus den Heimatgebieten in Südost- und Osteuropa dar. Diese stammten aus ihren historischen deutschen Siedlungsgebieten in Jugoslawien (Donauschwaben, Banater Schwaben), in Rumänien (Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben), und in Ungarn.
Deutlich gemacht werden sollte, wie komplex das Thema der deutschen Heimatvertrie-benen an und für sich ist. Die Mehrheit der Bundesdeutschen weiß in der Regel nichts über diese Vorgänge, kennt weder Zahlen noch Fakten.
Das Statistische Bundesamt erfaßte im Jahr 1950 einen Vertriebenenanteil an der Ge-samtbevölkerung in der BRD von 16,1 %. Die Aufnahmequoten waren wegen der unglei-chen Zuweisung der Alliierten und der unterschiedlich starken Kriegszerstörungen der Städte regional extrem ungleich verteilt (in Prozent Anteil an allen insgesamt etwa 8 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen in der BRD[24]):
Schleswig-Holstein : 33,0 % (Ostpreußen, Pommern)
Niedersachsen : 27,2 % (Schlesier, Ostpreußen)
Bayern : 21,1 % (Sudetendeutsche, Schlesier)
Hessen : 16,5 % (Sudetendeutsche)
Baden-Württemberg : 13,5 % (Sudetendeutsche, Donauschwaben)
Nordrhein-Westfalen : 10,4 % (Schlesier)[25]Eine nicht unbedeutende Frage ist das Schicksal der Pommern nach der Vertreibung aus der Heimat. Diese sollen auch im Mittelpunkt dieser Betrachtung stehen.
Von den 1939 1,8 Millionen in Hinterpom-mern lebenden Einwohnern gelang bis zur Besetzung des Territoriums durch die Rote Armee etwa 800-000–900.000 die Flucht, etwa 500.000 kamen ums Leben und etwa eine halbe Million Einwohner blieben, weil zu spät geflüchtet, auf dem Flüchtlingstreck überrollt oder wegen Verhinderung oder Aussichtslosigkeit der Flucht, zurück.
Insgesamt hielten sich im April/Mai 1945 etwa eine Million Deutsche in Pommern auf, davon mindestens 500.000 Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen.[26]
Bis zum Sommer 1945 (jedoch noch vor der Abriegelung und militärischen Sicherung der neuen polnischen Westgrenze an der De-markationslinie an der Unteren Oder/Oder-Neiße-Linie) kehrten im Mai und Juni etwa 150.000 nach Vorpommern und Mecklenburg geflüchtete Pommern in ihre Heimatorte in Hinterpommern zurück.[27]
Im Spätsommer 1945 lebten 1 Million Deutsche (überwiegend einheimische Pommern) in der besetzten Provinz.[28]
Aufgrund der unmittelbar gegebenen Nachbarschaft hatte sich die Hauptflucht-richtung der Pommern in das angrenzende Vorpommern und nach Mecklenburg, zum Teil auch in das südliche Brandenburg erstreckt.
Ein großer Teil dieser Flüchtlinge verblieb dauerhaft in der SBZ (bzw. in der späteren DDR), wo sie offiziell als „Umsiedler“ bezeichnet wurden.
Hunderttausende Ostflüchtlinge und Ver-triebene flüchteten im Laufe der Nach-kriegsjahre jedoch weiter in die westlichen Besat-zungszonen, die Pommern insbesondere nach Niedersachsen, oder sie wurden im Zuge der alliierten Transport- und Verteilungsmaßnahmen dorthin umgelenkt.
Die damals gegebene Situation läßt sich durch die vorliegenden Zahlen belegen. Im Jahr 1946 lebten 973.487 „Umsiedler“[29] – wie die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) offiziell genannt wurden[30] – im damaligen Land Mecklenburg[31] (Mecklenburg-Vor-pommern). Das war ein Anteil von 44 % der damaligen Bevölkerung Mecklenburgs.[32]
Damit verzeichnete diese Region im Vergleich zu allen anderen Ländern in der SBZ den prozentual höchsten Anteil an Vertriebenen. Die Mehrheit der in Mecklenburg Gestran-deten stammte aus Hinterpommern und aus Ostpreußen.
Die vertriebenen Pommern (aus Hinter-pommern und Stettin sowie dem sog. Stettiner Zipfel)[33] machten 1946 in Mecklenburg(-Vorpommern) einen Anteil von 40 % aller in diesem Land bis zu diesem Zeitpunkt aufgenommenen Vertriebenen aus dem deutschen Osten aus (insges. 389.500).[34]
Die Lage im benachbarten Niedersachsen war vergleichbar. Laut der amtlichen Volkszäh-lung vom 29. Oktober 1946 wies das neu gegründete Land eine Gesamteinwohnerzahl von 6.432.793 auf.
Die rund 1,6 Mill. Flüchtlinge und Vertrie-benen in Niedersachsen machten etwa 25 % der Gesamtbevölkerung aus. In den Folge-jahren stieg diese Zahl durch anhaltende Zuzüge von Vertriebenen (aus Hinterpom-mern bis 1946/1947) und organisierte Transporte bis 1950 noch auf rund 1,85 Millionen Personen an (ca. 27 % der Bevölkerung Niedersachsens).[35]
1950 lebten 6.797.379 Menschen in Nie-dersachsen, ein Drittel der Bevölkerung machten die Heimatvertriebenen aus.[36]
Die Zahl der aus Pommern stammenden Flüchtlinge und Vertriebenen in Nieder-sachsen kann auf 370.437 bezifffert werden.[37] D. h. ein Fünftel der früheren Einwohner Hinterpommern waren in das am 1. Novem-ber 1946 von den britischen Besatzungsbehörden neugegründete Land Niedersachsen gelangt.[38]
Auch in Schleswig-Holstein stieg im Jahr 1945 die Einwohnerzahl der damaligen preußischen Provinz[39] infolge von Flucht und Vertreibung sprunghaft an. Während vor dem Krieg 1939 etwa 1,6 Millionen Menschen in Schleswig-Holstein lebten, wuchs die Bevölkerung durch die Hunderttausende aufgenommenen Flüchtlinge, Vertriebenen und Evakuierten bis 1946/1948 auf 2,6 bis 2,7 Millionen an.[40]
Im Frühjahr und Sommer 1945 strömten im Zuge des Zusammenbruchs des Deutschen Reiches massenhaft Vertriebene und Flücht-linge aus den deutschen Ostgebieten nach Schleswig-Holstein, allein von März bis Juni 1945 fast 700.000.[41]
Die Bevölkerungszahl Schleswig-Holsteins stieg zwischen 1939 und 1948 von 1,6 Mio. auf knapp 2,7 Mio. Menschen an. Die Zu-nahme betrug fast 1,1 Mill. Personen bzw. 69 %. Anfang 1948 waren unter den Einwohnern des Landes mehr als 1,1 Mill. Flüchtlinge, Vertriebene und Evakuierte.[42]
Der Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug rund 43 %.[43] Die Kriegstoten berücksich-tigt, hieß das, daß auf vier Einheimische drei neu Hinzugezogene kamen. Kein Land in den drei westlichen Zonen hatte einen auch nur annähernd vergleichbar hohen Zuzug zu verzeichnen: Niedersachsen etwa die Hälfte, Bayern ein Drittel, Nordrhein-Westfalen nicht einmal ein Zehntel dessen, was das nördlichste Land aufwies.
Von den mehr als 1 Million Vertriebenen und Flüchtlinge in Schleswig-Holstein (Stand Ende 1945)[44] stammten 350.000 bis 400.000 aus Pommern, die überwiegende Zahl aus Hinterpommern, ein geringerer Teil aus Vor-pommern.[45] Bis 1960 verließen 400.000 Heimatvertriebene Schleswig-Holstein und wanderten in andere Bundesländer, haupt-sächlich nach Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, ab.[46]
Größere Gruppen vertriebener Pommern gelangten auch in die preußische Provinz Sachsen, das spätere Sachsen-Anhalt.[47]
Insgesamt kamen 1945/1946 etwa 1 Million Vertriebene nach Sachsen-Anhalt. Im Jahr 1938, bei der letzten Volkszählung vor dem Krieg auf dem Territorium des heutigen Sachsen-Anhalt, lebten etwa 3,9 Millionen Menschen in diesem Territorium (ohne das Land Anhalt).[48] Bei der Volkszählung 1952 wurden ebenfalls vier Millionen Einwohner gezählt.[49] Jeder vierte Bewohner war jedoch ein Vertriebener oder Flüchtling.
Die Hauptmasse der in Sachsen-Anhalt aufgenommen Vertriebenen stammte aus Schlesien, Ostbrandenburg (400.000), Ostpreußen und zum Teil auch aus Hinterpommern.
Nachstehend seien die Vertriebenenzahlen aus Pommern noch einmal zusammengefaßt:
Mecklenburg-(Vorpommern)[50] 389.500
Niedersachsen 370.500
Schleswig-Holstein: 350.000–400.000_________________
Anmerkungen
[1]Unter Verwendung eines Textes von Czesław Osękowski: Zur polnischen Besiedlung der ehemals deutschen Gebiete nach dem Zweiten Weltkrieg (in der dt. Übersetzung von Ewa Czerwiakowski). In: http://www.transodra-online.net
[2]Teils ohne, teils mit Räumungserlaubnis staatlicher Dienststellen bzw. der örtlicher Parteidienststellen versuchten unmittelbar vor dem Heranrücken der Roten Armee Hunderttausende Bewohner Pommerns, den Sowjets zu entkommen. Im allgemeinen Chaos wurden ungezählte sich in der Regel von Süden nach Norden (!) bewegende Flüchtlingstrecks und Eisenbahnzüge durch die sowjetischen Truppen überrollt. Da der Weg nach Westen bereits gesperrt war erstreckte sich Anfang März die allgemeine Fluchtrichtung in Pommern in Richtung Norden auf die Küste zu sowie nach Nordosten!
[3]Qu.: Flucht aus Pommern (Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung) . Online-Ressource: https://www.flucht-vertreibung-versoehnung.de/de/flucht-aus-pommern
[4]Auch im Gebiet der Provinz Pommern wurden seitens der Parteidienststellen und Behörden im Interesse der Landesverteidigung Räumungsverbote erlassen, die das Gros der Bewohner von einer rechtzeitigen Flucht abge-halten hatte oder diese Flucht sogar verhinderte.
[5]17. Juli–2. August 1945.
[6]Lit.: Gerhard Doliesen: Die deutschen Ostgebiete im Jahre 1945 als Ziel von Siedlern aus Zentralpolen (hrsg. v. Nordost-Institut, Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e. V., Lüneburg), Lüneburg 2014.
[7]Auszug aus einem Schreiben des Staatlichen Repatriierungsamtes [Państwowy Urząd Repatriacyjny/PUR] an den Vorsitzenden der polnischen Bauernpartei v. 23.01.1946, Gesamtwortlaut in: Gerhard Doliesen, Die deutschen Ostgebiete im Jahre 1945 als Ziel von Siedlern aus Zentralpolen, Lüneburg 2014, S. 95.
[8]Formal standen die deutschen Ostgebiete lediglich unter polnischer „Verwaltung“.
[9]Gerhard Doliesen: Die deutschen Ostgebiete im Jahre 1945 als Ziel von Siedlern aus Zentralpolen. Quellen aus Lodz und Krakau (hrsg. Nordost-Institut, Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e. V., Lüneburg), Lüneburg 2014.
[10]Sudetendeutsche, Prager Deutsche, Brünner Deutsche, Iglauer Deutsche, Deutsch-Mährer (Schönhengstgau).
[11]Etwa 600.000 Ostpreußen kamen auf der Flucht oder im Verlauf der Eroberung der Provinz durch die Rote Armee ums Leben. Im Jahr 1944 hatte die Provinz etwa 2,65 Mill. Einw. Bis Ende 1944 sank die Einwohnerzahl aufgrund der staatlich verfügten Evakuierungsmaßnahmen auf ca. 1,75 Mill.
[12]Qu.: Ralf Meindl: Ostpreußens Gauleiter. Erich Koch – eine politische Biographie. Osnabrück 2007.
[13]Seenotrettung (Verwundeten- und Flüchtlingstransporte über die Ostsee) von etwa 1 Mill. Ostflüchtlingen mittels Schiffstransporten (Unternehmen Hannibal) unter Leitung von Konteradmiral Conrad Engelhardt. Die Evakuierungen erfolgten aus den Seehäfen Pillau, Danzig, Gotenhafen, Kolberg, Hela (Putziger Nehrung), Königsberg (Ostpr.), Elbing, Libau (Lettland), Memel usw.
[14]Im Zuge der Eroberung Ostpreußens durch die Rote Armee sowie während der Flucht wurden etwa 300.000 Einwohner Ostpreußens Opfer der Kriegshandlungen und gewalttätigen Übergriffe. Schätzungsweise. Die Zahl derer, die erfroren, verhungerten, bei Infanterie- oder Tieffliegerangriffen starben oder auf der Flucht beim Einbrechen des Eises auf dem Frischen Haff sowie bei Schiffsuntergängen in der Ostsee den Tod erlitten ist nicht zu beziffern. Alle Angaben zu den Opferzahlen beruhen auf Schätzungen.
[15]Rudolf Neumann: Ostpreußen nach 1945. In: Zeitschrift für Ostforschung (Jahrgang 1, Heft 4). – Ders.: Ostpreußen unter polnischer und sowjetischer Verwaltung. Frankfurt/Main: Metzner, 1955.
[16]Im Reichsgau Danzig-Westpreußen lebten 1944 1,1 Mill. Deutsche, davon 408.000 im Territorium des ehem. Freistaats Danzig (Freie Stadt Danzig), 302.000 im Gebiet des bis 1939 zu Ostpreußen gehörenden Regierungsbezirks Marienwerder (1920-1939 ostpreußischer Regierungsbezirk Westpreußen) sowie 283.000 Deutsche im ehem. Korridorgebiet (bis 1920 Provinz Westpreußen, nach 1920 Pommerellen, zu Polen). Im Reichsgau Wartheland lebten 1944 (je nach angewendeter Statistik) 750.000–900.000 Deutsche (nach anderen Angaben 900.000–1 Mill.), davon waren 200.000 nach 1939 zugezogene Reichsdeutsche sowie etwa 232.000 deutsche Vertrags- und Administrativumsiedler aus dem Baltikum, aus der UdSSR sowie aus Bulgarien und Rumänien.
[17]Ende 1944 hatten sich aufgrund vorheriger Evakuierungen nur noch 1,6 Mill. Deutsche in beiden Reichsgauen auf- gehalten. Bei Kriegsende und noch im Sommer 1945 wurden noch 800.000 Deutsche in den vorherigen Territorien registriert.
[18]In der Stadt Danzig lebten 1944/1945 260.000 Einw.
[19]Qu.: Veränderungen des deutschen Bevölkerungsstandes östlich der Oder-Neiße-Linie, in: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße, Bd. 1, München; DTV, 1984, S. 78 E.
[20]Qu.: Ebd.
[21]Qu.: Reichsgau Wartheland, Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (Universität Oldenburg). Reichsgau Danzig-Westpreußen, ebd.
[22]Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Flüchtlinge und Vertriebene in Zahlen.
[23]Gebiet des Freistaats Danzig: 408.000, Korridorgebiet (Pommerellen) 283.000.
[24]Zeitgleich (1945-1948) wurden in der SBZ bzw. den mitteldeutschen Einzelländern 4,5 Mill. Vertriebene auf-genommen.
[25]Qu.: Vertriebene in den Bundesländern (1950 und 1961), veröffentlicht in: German History in Documents and Images, <https://germanhistorydocs.org/de/die-besatzungszeit-und-die-entstehung-zweier-staaten-1945-1961/ghdi:document-2301> [05.06.2026].
[26]Die Zahlengaben beruhen sowohl auf Schätzungen als auch auf Erhebungen nach Kriegsende. Qu.: Veränderungen des deutschen Bevölkerungsstandes östlich der Oder-Neiße-Linie, in: Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße, Bd. 1, München: DTV, 1984, S. 78 E.
[27]Qu.: Die Vertreibung (wie Anm. 10), S. 76 E.
[28]Etwa 150.000 bis 200.000 bei Kriegsende sich vorübergehend in Hinterpommern aufhaltende Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen waren in ihre Heimatorte abgezogen, so dass die Zahl von etwa 1 Million vor und nach Kriegsende weitestgehend konstant blieb.
[29]Qu.: Wolfgang Weiß: Regionaldemographie Mecklenburg-Vorpommerns von 1945 bis 1990, in: Abwanderung und Migration in Mecklenburg und Vorpommern, Wiesbaden 2004, S. 151 ff. – Ausschuss der deutschen Statistiker für die Volks- und Berufszählung 1946, Volkszählung, Tabellenteil, S. 4, Berlin1946.
[30]Am 2. Oktober 1945 diktierte die am 15. September auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration als „Zentralverwaltung für Flüchtlingswesen und Heimkehrer“ gegründete und schon zehn Tage später umbenannte „Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler“: „Fortan [ist] in unserem Sprachgebrauch nur die Rede von Umsiedlern. Die Bezeichnung Flüchtlinge oder Ausgewiesene ist nicht mehr zu gebrauchen.“
[31]Die sowjetische Besatzungsmacht ließ 1947 den Begriff „Vorpommern“ 1947 offiziell aus dem Landesnamen tilgen.
[32]Im Jahr 1939 lebten in dem Gebiet des späteren Mecklenburg-Vorpommern 1,48 Mill. Menschen (Stand 17.05.1739). Am 1. Dezember 1945 wurden genau 1.946.896 Einwohner im Land gezählt. Gegenüber 1939 war das ein Anstieg der Bevölkerung von mehr als 31 %.
[33]Der Stettiner Zipfel Vorpommerns einschließl. der Stadt Stettin weist eine Flächengröße von 930 km² auf. Dieses Gebiet westlich der Oder wurde im September 1945 durch den Schweriner Grenzvertrag durch die Sowjets an Polen übertragen. Es umfasst mit Pölitz und Neuwarp zwei Städte und insgesamt 81 Ortschaften.
[34]Angaben nach: Ausschuss der deutschen Statistiker für die Volks- und Berufszählung 1946, Volkszählung, Tabellenteil, S. 4, Berlin1946.
[35]Lothar Eichhorn: Bevölkerungsentwicklung in Niedersachsen 1946-1990. In: Statistische Monatshefte Nieder- sachsen, hrsg. vom Niedersächsisches Landesamt für Statistik, 10/2006, S. 478 ff. – Annegret Vehling: 60 Jahre Zu- wanderung. In: Ebd., S. 483–487.
[36]Statistisches Jahrbuch für Niedersachsen 1954, Volkszählung 13. September 1950, S. 10 – 11.
[37]Qu.: Amtliche Volkszählung von 1950, Zahl der Heimatvertriebenen aus Pommern.
[38]Herkunftsgebiete der in Niedersachsen aufgenommenen Flüchtlinge und Vertriebenen: Schlesien: 680.000, Ostpreußen: 450.000, Sudetenland: 180.000, Westpreußen, Danzig u. Ostbrandenburg: 170.000, Pommern: 370.500 (Qu.: Herkunft und Zahl der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen, Stand 1950).
[39]Ab 23. Aug. 1946 Land Schleswig-Holstein.
[40]Im Oktober 1946 bei der ersten Volkszählung nach dem Krieg betrug die Einwohnerzahl 2,6 Mill., 1948 dann 2,7 Mill.
[41]Willy Diercks (Hrsg.), Anke Joldrichsen, Martin Gietzelt,: Flüchtlingsland Schleswig-Holstein. Erlebnisberichte vom Neuanfang. Heide: Boyens, 1998. – Flüchtlinge in Schleswig-Holstein, Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Gesellschaft; Online-Ressource: https://geschichte-s-h.de/sh-von-a-bis-z/f/fluechtlinge/
[42]Herkunftsgebiete der Flüchtlinge und Vertriebenen in Schleswig-Holstein: Ostpreußen 400.000, Pommern 350.000, Danzig, Westpreußen, Wartheland 400.000 (Qu.: Herkunft und Zahl der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen, Stand 1950).
[43]Bevölkerungsentwicklung in Schleswig-Holstein seit Ende des Zweiten Weltkrieges. In: Statistik Nord, hrsg. v. Statistischen Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Nr. 78/2025.
[44]Bis 1949/1950 stieg diese Zahl infolge weiterer Aussiedlungen und Vertreibungen sowie Fluchten aus der SBZ (hauptsächlich aus Mecklenburg und Vorpommern) auf 1,2 Mill. an.
[45]Qu.: Flüchtlinge in Schleswig-Holstein, Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Gesellschaft; Online-Ressource: https://geschichte-s-h.de/sh-von-a-bis-z/f/fluechtlinge/
[46]Uwe Danker: Flüchtlinge und Vertriebene in Schleswig-Holstein. In: Der Schlepper, Nr. 22/23 (2003). – Flüchtlinge in Schleswig-Holstein nach dem Zweiten Weltkrieg.
[47]Juli 1945 Bildung der (1944 aufgelösten) neuen Provinz Sachsen (ohne Regierungsbezirk Erfurt), ab Okt. 1946 Provinz Sachsen-Anhalt, ab 10. Jan. 1947 (Auflösung Preußens 25. Febr. 1947) formelle Bildung des Landes, ab 21. Juli 1947 Land Sachsen-Anhalt.
[48]preußische Provinz Sachsen (ohne Regierungsbez. Erfurt): 2,99 Mill. Einw. (1939), 3,2 Mill. Einw. (1945), Freistaat Anhalt: 431.400 Einw. (1939), 690.700 Einw. (1945). Qu.: Volkszählungen v. 17.05.1939 u. 1.12.1945.
[49]Diese Zahl ist durch die Kriegsverluste (Gefallene, Zivilopfer) sowie die nach der Besetzung des Territoriums durch die Rote Armee ausgelöste Flüchtlingswelle erklärbar.
[50]Vgl. Anm. 31.