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Diktatur und Freiheit im Kunstbetrieb

Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt wie Fremdlinge im eigenen Hause. (Hölderlin)

Das Diktat

Wie kam es nur, daß vor 90 Jahren in der Kunst plötzlich die Formen verfielen? Wie kam es zu dem Diktat, uns als Banausen oder Schlimmeres anzusehen, wenn wir uns an das “Neue” nicht gewöhnen wollen? Wie kam es dazu, daß Hochbegabte nicht mehr wagen, mit eigenen, apollinisch gestalteten Kunstschöpfungen an die Öffentlichkeit zu treten? Warum beugen sie sich dem Diktat, nur ja nichts Schönes zu schaffen?

Wir waren im Krieg, und der Dadaismus ist heute noch für den Krieg,

sagte 1918 der Dadaisten-Führer Richard Huelsenbeck und:

Die Dinge müssen sich stoßen. Es geht noch lange nicht grausam genug zu.

Und das, obwohl der Druck des Krieges von Tag zu Tag wuchs. Die Züricher Dadaisten aber waren unerwartet fröhlich.

„Dadaismus ist deutscher Bolschewismus!“

Picasso, Frauenkopf Halmstad/Schweden (Foto: Wikipedia)

erklärte Huelsenbeck. In Rußland war da die bolschewistische Revolution bereits ausgebrochen. Vielleicht waren die Dadaisten deshalb so fröhlich, denn der Bolschewismus sollte auf ganz Europa übergreifen und vollenden, was durch den ersten Weltkrieg begonnen war: die gesamte bisherige europäische Kultur hinwegfegen.

Der Bolschewist Lunatscharski schrieb in der Proletarskaia Kultura:

Im Namen unseres Morgen wollen wir Raffael verbrennen, Sammlungen zerstören, Blüten hoher Kunst vernichten.

Die ganze europäische Kunst sei „vorbolschewistisch“, erklärte Professor Moholy-Nagy vom Bauhaus Dessau 1929 und forderte die

proletarische Diktatur in Kunstsachen,

wie es wörtlich in der Zeitschrift Deutsche Bauhütte heißt.

Der französische Kunstjünger Guillaume Apollinaire, der also Apoll in seinem Namen führt und den die Dada-Szene geradezu vergottete, ließ in Corbusiers Zeitschrift L’Esprit Nouveau verlauten:

Zerstörung, Unterdrückung der Geschichte, des dichterischen Schmerzes … der Syntax … der Satzzeichen … der Zeiten, Personen, Verben … der theatralischen Formen … der künstlerischen Erhabenheit … der Häuser … Scheiße (merde) den Kritikern, Pädagogen, Professoren … Scheiße den Historikern … Venedig … Toledo … Benares … Scheiße Bayreuth … Florenz … den Spiritualisten … Dante … Shakespeare … Goethe … Aeschylos … Fiesole … Wagner … Beethoven.

Die kommunistische Zeitschrift Kämpfer verkündet 1929:

Wir werden die Kunstwerke sowohl als Werkzeuge der Propaganda und der Unterdrückung betrachten als auch als Angriffsmittel in den Händen der neuen Macht aufsteigender Klassen.

Also: Nieder mit den schönen Künsten!

Auch Picasso beteiligte sich an der Propaganda: „Nein“, soll er laut Spiegel-Magazin gesagt haben,

die Malerei ist nicht erfunden, um Wohnungen auszuschmücken. Sie ist eine Waffe zum Angriff und zur Verteidigung gegen den Feind.

Welchen Feind?

Das Haus wird nicht mehr dieses archäische Gebilde sein, welches … zur frommen Kultur der Familie und der Rasse beigetragen hat …

war das Diktat Le Corbusiers. Werner Haftmann, ein Prominenter der abstrakten Kunst, bekannte im Jahre 1959:

Tatsächlich vollzog sich die Umgestaltung unserer Vorstellungsbilder in der Kunst (bereits) im Stichjahr 1890,

also gleich nach der Hundertjahrfeier der Französischen Revolution.

Im selben Jahr brachte die Londoner Zeitschrift Truth in ihrer Weihnachtsnummer unter der Überschrift „The Kaiser’s Dream“ das erdachte Zwiegespräch des deutschen Kaisers Wilhelm II. mit der Truth, in dem er dieser „Wahrheit“ seinen angeblichen Traum erzählt, das heißt die Zeitung legt dem Kaiser Worte in den Mund, die aussagen, was ihm, Deutschland und Europa im neuen Jahrhundert zugedacht war:

die gründliche Zerstörung der alten Verhältnisse. Und so ist es eingetroffen.

Nahum Goldmann,

junger Leiter der jüdischen Abteilung des deutschen Außenamtes im 1. Weltkrieg und späterer großer Zionistenführer, schrieb 1915:

So besteht denn die erste Aufgabe unserer Zeit in der Zerstörung: Alle sozialen Schichtungen und gesellschaftlichen Formungen, die das alte System geschaffen hat, müssen vernichtet, die einzelnen Menschen müssen aus ihren angestammten Milieus herausgerissen werden; keine Tradition darf mehr als heilig gelten; das Alter gilt nur als Zeichen der Krankheit; die Parole heißt: was war, muß weg.

1916 trat in einem Züricher Lokal, der sogenannten Meierei,

der Dada-Generalstab

zusammen. Er bestand aus lauter Leuten, die ihre Staatsangehörigkeit gewechselt hatten,

Papierschweizer und Papierdeutsche,

nannte der Schweizer Architekt Alexander von Senger sie. Zu gleicher Zeit tagte das Revolutionskomitee Lenin, Trotzki, Parvus Helphand und Bela Khun in der Schweiz, um unter anderem

Rußland totzuschlagen,

wie Le Corbusier damals geschrieben habe, berichtet Senger.

Lenin sah den Weltkrieg als

Hebel für eine allgemeine proletarische Revolution

und war bestrebt,

den Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln,

schreibt der Brockhaus.

Nur von Internationale zu Internationale, nur zwischen Zürich und Moskau kann die Einheitsfront des Proletariats gegründet werden,

habe Otto Bauer auf einem marxistischen Parteitag in Wien erklärt, schreibt Senger und meint:

So war es durchaus logisch, daß den Gründerplänen der Bolschewisten das Signal für die europäische Revolution von Zürich aus gegeben werden sollte, und zwar durch die Proklamierung der ,Helvetischen Republik des Sowjet’. Zürich und Moskau waren als scharfe Arme einer Zange gedacht, die Mitteleuropa zerreißen würde.

Kishon

Wer kennt nicht das Märchen von Hans-Christian Andersen:

Des Kaisers neue Kleider!

Ephraim Kishon (Foto: Wikipedia)

Ephraim Kishon hat sich als das „Kind“ betätigt, das wie im Märchen ruft:

Der Kaiser ist nackt!

Mit mehreren Büchern nimmt er den „Kunst“-Betrieb mitsamt der „Kunst“-Mafia und ihrer sprachlich verquasten Selbstbeweihräucherung auf die Schippe. Ein Lesevergnügen der besonderen Art. Er stellt in seinem Buch Picassos süße Rache auch etliche Werke der alten und neuen Zeit gegenüber.

… das ist die größte Sünde der modernen Kunst: Sie ignoriert, ja verachtet das Publikum. Und so wurde nicht nur die Schönheit aus der Kunst vertrieben, sondern auch die Liebe zu ihr. Schuld daran sind die gebildeten Aufgeklärten, die sich nicht trauen, endlich den Mund aufzumachen … Aber leider lastet die Schuld an diesem gigantischen Bluff, am weltweiten Terror des modernen Establishments auch auf den schmalen Schultern des breiten Publikums. Sie lieben bereits den „Großen Fettstuhl“.

Kishon meint aber,

der Tag (könne) nicht mehr weit sein, (an dem) aus gequälter Bürgerseele (der Aufschrei) Wir sind das Volk! Wir wollen wieder Kunst!

erschallen werde.

Sie werden die Museen und Galerien vom Schrott und vom Schund befreien und die selbsternannten Päpste von den Thronen stürzen.

Die geniale Pianistin

Hélène Grimaud

schreibt in ihrem Buch Wolfssonate:

Hélène Grimaud

Das göttliche Bewußtsein komponiert die apollinische Musik; und sobald sie ertönt, erhält die Welt die Vollkommenheit wieder, und mit ihr die Harmonie … das Toben unterwirft sich der regelmäßigen Ordnung des Takts, die Gegensätze verbinden sich im Akkord. Die Musik ist die Waffe Apollons, der die Regeln aufstellt, das Richtige, das Notwendige und die Zukunft kennt; sie erzieht uns, die Sterblichen.

Grimaud widmet sich daher der tonalen Musik, nicht der atonalen. Als sie als Studentin im Pariser Konservatorium zur Prüfung in der Kategorie B, moderne Komponisten, mit Rachmaninow aufwartete, war man empört. Rachmaninow, geboren 1873, bestorben 1943, war ein Musiker aus neuer Zeit. Aber er hat nie anders als tonal komponiert.

Das sind Musiker und Musikerinnen, die auf den Betrug von „des Kaisers neuen Kleidern“ nicht hereinfallen und denen es nicht darauf ankommt, für „klug“ im Sinne der Betrüger zu gelten. Sie sind dem Göttlichen, dem apollinischen Maß, tief verbunden und gehen als Unabhängige, als innerlich freie, selbstbewußte Künstler und Künstlerinnen ihren Weg, wenn auch von der Mitwelt nur zu oft verkannt, und

leben in der Welt wie Fremdlinge im eigenen Haus. (Hölderlin)

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1 Kommentar
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Anna
2 Jahre zuvor

Interessant, dass Personen, die Papierschweizer und Papierdeutsche genannt wurden, ihre Staatsangehörigkeit gewechselt hatten. Es gibt ja so manche Überlieferung von Alexander von Senger. Es war keine leichte Zeit für die Kunst.

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