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„Die Muse im Gulag“ (Hein Mayer)

In unserer Welt der „einzigrichtigen, alleinselig-machenden“ Ideologien sucht man die Freiwilligkeit vergeblich. Du sollst zu deinem und aller Glück gezwungen werden. 

Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt (Goethe, Erlkönig).

So schmachteten die Freigeister, wenn das Regime sie gefaßt hatte, in den „Engelsburgen“ und anderen zahlreichen Verließen oder wie in der Sowjetunion im „Gulag“.

Hier im Gulag waren die Gefangenen wenigstens in zahlreicher Gesellschaft, nicht wie anderweitig jah-relang in Einzelhaft wie Giordano Bruno im modri-gen, lichtlosen Kerker der Engelsburg in Rom. Und was hatten die Frauen – der „Hexerei“ verdächtig – in den Folterkellern und danach auf den Scheiterhaufen zu erdulden.

Was für Schicksale! Und das zugunsten von „Rechtgläubigkeit“ auf dem Wege zur „allein-seligmachenden Kirche“, zum „Arbeiter-Paradies“ oder zum „Messianischen Reich“, und obwohl den wohl keiner von den Gefangenen freiwillig betreten hatte.

Im Gulag schliefen sie z.B. mit 16 Mann in einem für 4 Mann vorgesehenen Raum. Einer atmete unmittel-bar den Atem des Nebenliegenden ein. Jede Bewe-gung eines Einzelnen mußte in der Enge von allen mitvollzogen werden. War da an Schlaf zu denken? Wie gerädert trottete man am nächsten Morgen wieder zur Zwangs-Schwerstarbeit, bei viel zu geringer Nahrungsmenge hungernd.

Der Gulag mit seiner Schwerarbeit, Hungersnot und Hoffnungslosigkeit war körperlich nicht anders als seelisch tödlich für Abertausende Kriegsgefangene.

Jedoch Hein Mayer erzählt aus eigenem Erleben in seinem Buch „Die Muse im Gulag“ – gutgelaunt – von außergewöhnlichen Verhältnissen, die die Gefange-nen sich erkämpft und ihr seelisches Überleben ermöglicht hatten.

War es zunächst zu Weihnachten das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“, das einer spontan angestimmt hatte und in das in Minutenschnelle das ganze Lager einstimmte und die Gemüte aufhellte, so gingen die erfindungsreichen, künstlerisch hochbegabten, im Lager schmachtenden Männer bald dazu über, richtige Konzertveranstaltungen aufzubauen – aus dem Nichts.

Die Schergen, die die Männer zu beaufsichtigten, d.h. niederzuhalten hatten, versuchten in großer Sorge diesen Ausbruch seelischer Befreiung zu beenden. Sie waren die Mächtigeren, Bewaffnete gegen Unbewaffnete.

Ihre „Moral“ richtete sich nicht nach einem im Men-schen beheimateten Rechts-Empfinden, sondern allein nach der ihnen gestellten Aufgabe der Men-schenunterdrückung. Sehr schnell schwiegen die Sänger. Aber in ihrem Elend war in ihnen aufgebro-chen, was sie vor dem Krieg einst gepflegt hatten: das seelische Drängen zur Kultur.

Die Sportler unter den deutschen Zwangs-arbeitern aktivierten Freiwillige, die nach Feierabend den Platz planierten, auf dem die verhaßten Zählappelle stattfanden und erwei-terten ihn bis an die östliche Lagergrenze zu einem passablen Fußballplatz.

Wenn dieser auch nicht der vollen Länge und Breite internationaler Normen entsprach, so paßte er doch zu dem geringeren Laufver-mögen der durch langen Gefängnisaufenthalt geschwächten Stürmer. Zwei Tore wurden aufgebaut, und die Bewacher staunten nicht schlecht, wo Balken und Farbe wohl herge-kommen sein mochten.

Anfangs spielte man mit reduzierten Mann-schaften in Fantasietrikots und unmöglichen Stiefeln, doch es war schon zu beobachten, daß einige Könner unter den Mannschaften waren. Selbst den Posten auf den Türmen wurde die Zeit nicht lang, und man hörte sie gelegentlich auch mit „Dawai! Dawai“ die Stürmer anfeuern oder mit einem lauten „GOL! GOL!“ Beifall spenden, wenn ein Tor gefallen war.

Nicht nur die Posten spendeten Beifall, immer öfter ließen sich auch die obersten Kerker-meister des Lagers, anfangs Hauptmann Gawrilow und später Major Orlow, sehen. Der muß wohl ein Fußballbegeisterter gewesen sein.

Sonst immer mit strenger Miene, strammem Gang und in geschniegelter Uniform, vergaß er am Spielfeld alle militärischen Allüren, klatschte den fußballspielenden „Kriegsver-brechern“ Beifall, schrie „Dawai, Dawai“, um einen Spieler anzutreiben oder neuerlich sogar auf deutsch, wie die umstehenden Plennys „Tor! Tor!“ zu brüllen, glücklich, wenn ein solches gefallen war.

Wie sich Menschen doch verwandeln können – durch den Fußball, auch eine der Musen!

Die ersten Auftritte des Gesangs-Quartetts hatten erstaunliche Reaktionen zur Folge. Da meldeten sich plötzlich ein Artist, ein Kapell-meister und zwei Musiker beim Optimisten (einem Mann unter ihnen, der sich nicht unterkriegen ließ und allen – wo es ging – Mut machte), um mit ihm eine Kulturgruppe zu gründen.

Schon inspizierte man die kleine Bühne im Speisesaal und saß im winzigen Bühnenzim-mer, um Ziele abzustecken. Weil in der westlichen Freiheit die Karnevalszeit bevor-stand, meinten die beiden Kölner Max Maul und Karl Pütz, man solle zuerst eine Karne-valssitzung veranstalten, dazu brauche man kein Libretto und das „Tätä-Tätä-Tätä“, das könnten die drei Musiker schon hinkriegen.

So wurde dann ein Konzept auf Zement-sackpapier geschrieben, das der Optimist dem „Blauen“, dem (gefährlichen Aufseher) Oberleutnant Klukin, vorzulegen hatte. Die Büttenreden waren aber nur angedeutet und an Stelle des knappen „Tätä-Tätä-Tätä“ wurde nur „Musikeinlage“ hingeschrieben.

Klukin meinte nur … (Das gut sein, bald Ge-nehmigung kommen). Er konnte das Papier ja nicht lesen und mußte, möglicherweise auf höhere Weisung hin, die Muse für die Gefangenen fördern.

Nun war die Lagerleitung bemüht, enge Grenzen zu setzen und selbst die Kontrolle zu behalten.

Den Akteuren paßte das natürlich nicht, weil sie meinten, daß man sich in der Bütt, wie in Deutschland, fast alles leisten könne. Und nun mußten die drei geplanten Büttenredner erfahren, daß in der SU alles anders ist, wo man doch aus der Bütt das ganze Verurtei-lungstheater auf die humoristische, aber auch zynische Schippe hätte nehmen wollen.

Nun aber war Mäßigung geboten und ein neues Papier wurde eingereicht und genehmigt.

Jetzt wurde gebastelt und geprobt, geklaute Leisten und Dachpappe zu Kulissen geformt und bemalt, eine Bütt gebaut, und ein Schneidermeister aus Lübeck, Fritz Timm, war bemüht, aus bunten Fetzen so etwas wie Kostüme zu zaubern.

Der Lager-Elektriker, Heinz Bode, und sein Helfer aus dem Pott, Jupp Pelzer, setzten die Bühne unter Strom, es wurde eine Sprechpro-be und dann eine Generalprobe unter der Regie eines Österreichers aus Klagenfurt, Norbert Renscher, angesetzt.

Die Humoristen hatten zwar ein Konzept, aber was genau sie sagen wollten, stand noch nicht fest, sie meinten, das müsse aus der Situation heraus kommen. Na, wenn das man gut ging.

Was dem Herrn Klukin und seiner jüdischen Über-setzerin Weinstein gar nicht gefiel, war, daß der Clown in der Bütt zum Besten gegeben hatte:

Auf einer Parkbank sitzen drei Rentner, alle drei haben schon einmal „gesessen“ und fragen sich gegenseitig nach dem Warum. Sagt der eine:

„Ich habe sozialistische Kartoffeln geklaut, das gab 10 Jahre.“

Sagt der andere:

„Ich habe an der falschen Stelle gehustet, das gab 5 Jahre.“

Sagt der Letzte:

„Ich habe rein gar nichts verbrochen, das gab 25 Jahre!“

„Und alle drei“,

so sagte unter frenetischem Beifall der Gefangenen unser Karle Pütz weiter,

„kamen dann zur Sentenz, daß es ein fernes weites Land gäbe, in dem nur drei Kategorien von Menschen leben. Die erste Kategorie, das sind die, die sitzen, die zweite Kategorie, das sind die, die gesessen haben, und die dritte Kategorie, das sind die, die sitzen werden!“

Der Optimist ging einen schweren Gang, einmal, weil er ahnte, was kommen würde, und zum anderen, weil es immer unange-nehm war, zum „Blauen“ gerufen zu werden, denn das wurde natürlich beobachtet und schnell konnte einer auch unverdientermaßen in den Verdacht geraden, ein „Zuträger“ zu sein.

Klukin stand schon breitbeinig hinter dem Schreibtisch und klatschte zu seiner Anklage rhythmisch mit dem langen Lineal auf die Schreibtischplatte. Die Weinstein kam ge-duckt herein und setzte sich neben den Schreibtisch und übersetzte:

„Oberleutnant Klukin sagt: Die Vorstel-lung war eine faschistische Provokation, eigentlich müßte das ganze Ensemble in den Strafzug befördert werden; wenn das, was hier von den Kriegsverbrechern geboten wurde, auch noch der OPRAW-LENIE (Hauptverwaltung) zu Ohren käme, dann würde er selbst im Straflager landen.

Ab sofort ist die Wiederholung solcher Vorstellungen verboten! Verboten! Ukas! Befehl! Du verstehen? Und raus hier, dawei na robotu!“ (Los, ab an die Arbeit!)

Zwei Tage später rückte Karle Pütz, Köln, für eine Woche, wegen Verächtlichmachung der Sowjetunion in den Karzer ein, obwohl er das Land gar nicht mit Namen genannt hatte. Eine Wiederholung des Programms wurde verbo-ten. Der Conferencier Max Maul, Köln, aber fuhr erstaunlicherweise wenige Monate später mit nur vierzehn anderen Kameraden nach Hause. Sowjetwege sind rätselhaft.

Der Optimist hatte verstanden und ein Neues dazugelernt. Die Bewacher hatten mehr angst vor der nächsthöheren Instanz als vor dem Teufel, das muß man sich merken.

Nun, mit den Karnevalssitzungen war es erst einmal vorbei, aber mit dem letzten Nach-schub waren auch ein Kapellmeister, Afred Törmer, Wiesbaden, ein Pianist vom ehem. Deutschlandsender, Helmut Waldner, Berlin, angekommen, und die stürzten sich auch gleich auf das alte Klavier, welches verlassen auf der Bühne stand, stimmten es neu, er-setzten fehlende Saiten (geklauter Stahldraht aus der Fabrik „Roter Oktober“) und prälu-dierten vierhändig, daß es eine wahre Freude war.

Die Muse hatte sich mit dem Fußball, mit Musik, Musikern und Komödianten in das Lager geschlichen, und den Akteuren, wie den Zuschauern und Zuhörern war noch gar nicht bewußt, daß das zu einer ganz natür-lichen Überlebensstrategie gehörte.

Viele Gefangene hatten sich inzwischen still in den Speisesaal begeben und hörten an-dächtig zu. Wahrhaftig, es gab doch etwas anderes als die niedrdrückende Gefangen-schaft und den täglichen stumpfsinnigen Arbeitstrott.

Die Göttin Muse war im Gulag eingekehrt! Die Mutter der Muse, die Kultur war auch hier Ausdruck eines starken Lebenswillens und aus einem zarten Trieb wuchs schließlich ein mächtiger Baum.

Dann ließ sich Klukin vernehmen:

„Es ist schön, daß Ihre Leute Klavier-konzert machen möchten, aber warum nur deutsche und keine russische Musik?“

Der Optimist war vorbereitet und sagte: 

„Musik ist international: Weber ist Deutscher, Liszt ist Pole und Rilke Österreicher, das können die Beteiligten aus dem Kopfe spielen, für russische Musiker haben wir keine Noten.“

„Abber russisch Musik, serrr gutt!“

versuchte sich Klukin in primitivem Deutsch und weiter 

„habben wirr Tschaikoswki, Rachmaninoff, Prokofief, Mussorski?“

… Und weiter (zur Weinstein) „sorge Du“ (er verbesserte sich schnell), „besorgen Sie vom Direktor Theater oder Kapellmeister alte Noten aus der Stadt für Kulturgruppe Lager 362.“ 

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