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Der Spiegel brachte in seiner Folge 9/2010 ein Gespräch mit dem englischen Philosophen

John Gray,

John N. Gray

John N. Gray

seines Zeichens Professor für Sozialphilosophie in Oxfort, den USA und an der London School of Economics. Beim Verlag Klett-Cotta sind zwei seiner Werke auf Deutsch erschienen mit den provokanten Titeln: “Politik der Apokalypse – wie die Religion die Welt in die Krise stürzt” und “Von Menschen und anderen Tieren – Abschied vom Humanismus”. Eine seiner Thesen:

Es gibt … keinen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit in der Art, wie Hegel und später Marx dies annahmen. Die Geschichte ist nicht die stetige Entfaltung der Vernunft.

Die Richtigkeit dieser These können wir sehr leicht erkennen, wenn wir in der neueren und weiter zurückliegenden Geschichte der Menschheit zurückschauen und das Auf und Ab des Maßes betrachten, in der die Vernunft zur Anwendung kam. Die Menschheit macht nicht grundsätzlich Fortschritte in Richtung Humanismus. Denn jedem neuen Erdenbürger ist die Wahlfreiheit mitgegeben, sein Leben im Sinne eines gedeihlichen Zusammenlebens der Menschen zu gestalten oder nicht.

Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer

Darauf hat schon

Arthur Schopenhauer

hingewiesen, und Gray meint:

Die erste und vielleicht noch immer unübertroffene Kritik des Humanismus hat Schopenhauer vorgetragen. Er glaubte nicht an die universelle Emanzipation des Menschen, wie es der Zeitgeist Mitte des 19. Jahrhunderts verhieß

und woran noch

Immanuel Kant

- halbwegs – glaubte, wenn er in seinem Essay “Zum ewigen Frieden” hofft, daß sein Ideal eines freiheitlichen Zusammenlebens der Menschen in einem Zustand öffentlichen Rechtes zwar nur möglich sei

in einer ins Unendliche fortschreitenden Annäherung, (aber dennoch) keine leere Idee, sondern eine Aufgabe (sei), die nach und nach aufgelöst, ihrem Ziele … beständig näher kommt.

Immanuel Kant 1791

Immanuel Kant 1791

Solche Hoffnungen würde Gray wohl der Kategorie “Sirenengesänge” zuweisen. Doch alle Weltverbesserer glauben an sie, und wenn die Fanatiker unter ihnen anfangen, ihre Visionen in die politische Tat umzusetzen, wird es gefährlich, wie die terroristischen Regimes aller religiösen und anderer ideologischen Couleur aller Zeiten und Völker beweisen, die zum Guten und damit zu Paradiesen des Menschheitsglückes führen wollten mit Inquisition, Denunziation, Selbstmord-, Völker- und anderen Morden und immer perfider entwickelter Kriegstechnik, bis zum heutigen Tage.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt,

der “Macher”, prägte angesichts der Visionen Willy Brandts 1980 einmal das Wort:

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.

Helmut Schmidt 1975

Helmut Schmidt 1975

16 Jahre später vermerkte er in seinem Buch “Weggefährten – Erinnerungen und Reflexionen”:

In den grundlegenden Fragen muß man naiv sein. Und ich bin der Meinung, daß die Probleme der Welt und der Menschheit ohne Idealismus nicht zu lösen sind. Gleichwohl glaube ich, daß man zugleich realistisch und pragmatisch sein sollte.

Hat er da nicht gewissermaßen unsere Bundeskanzlerin beschrieben? Über sie gehen – vor allem im Inland – selbstverständlich die Meinungen auseinander. Bereits im selben Jahr 2005, als

ANGELA MERKEL

Die Eltern Kasner

Die Eltern Kasner

Bundeskanzlerin wurde, warf der DSZ-Verlag das reißerische Pamphlet von David Korn (bewußt jüdisch klingender Tarnname?), Wem dient Merkel wirklich? auf den Markt, das Merkel als gewissenlos stromlinienförmig an das jeweilige Polit-System in Deutschland angepaßtes, machtgeiles Subjekt darzustellen versucht – ein zusammengekleistertes Mosaik aus Vermutungen, Fingerzeigen, Unterstellungen, eine Hetzschrift, die auch Merkels hochachtbare Eltern nicht verschont.

Inzwischen sind verschiedene weitere Biographien über Merkel herausgekommen wie beispielsweise die von Evelyn Roll, Die Kanzlerin – Angela Merkels Weg zur Macht. Hier schreibt eine Journalistin, die Merkel auf ihrem Weg begleitete, die sie also – und mit ihr den “permanent überhitzten Politikbetrieb” (taz) – aus der Nähe selbst erlebt hat.

Evelyn Roll gilt z. B. der Welt als “Angela Merkels beste Biographin”, und ihr Buch verdient sicher das hohe Lob, das ihr auch andere Zeitungen aussprechen. Bucvhtitel

Brandneu ist nun bei Droemer herausgekommen “Eine Biographie in Bildern”: Angela Merkel – Das Porträt, herausgegeben von Sebastian Graf von Bassewitz mit vielen wunderbar gelungenen Schnappschüssen der Fotographin Laurence Chaperon. Die Bilder sprechen für sich und geben Antwort auf die Fragen:

  1. Wer ist dieser Mensch?
  2. Was kann eine so geartete Persönlichkeit in der Politik bewirken?
  3. Was macht Politik aus diesem Menschen?

Fragen nach Visionen und Idealen bleiben dagegen weniger beantwortet, z. B.:

  • Ist ihr Einsatz für den Umweltschutz vor dem “Treibhausgas CO2″ wirklichen Idealen entsprungen?
  • Welcher Vision verdankt Deutschland Merkels bedingungslosen und bevorzugten Schutz jüdischer Interessen als “Staatsraison”?
  • u.v.a.m.
Merkel spricht Englisch mit Queen Elizabeth II.

Merkel spricht Englisch mit Queen Elizabeth II.

Merkel begrüßt in Berlin Frankreichs Staatspräsidenten mit militärischen Ehren

Merkel begrüßt in Berlin Frankreichs Staatspräsidenten Sarkozy mit militärischen Ehren

mit Putin unterhält sich Merkel auf Russisch

mit Putin unterhält sich Merkel auf Russisch

Viel jüdisches Lob

Kennt sie keine Abneigungen auch für andere von der “Vorsehung” auserwählte Visionäre wie den ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, den Kriegstreiber George W. Bush? Die Bilder, die sie und ihn nebeneinander zeigen, vermitteln den Eindruck innigster Freundschaft.

Mit welcher Philosophie erträgt sie alle, deren ideologischer Hintergrund und deren gelebte “Moral” sie eigentlich abstoßen müßten? Um auf Schopenhauer zurückzukommen: Der hebt in seinem Werk “Parerga Paralipomena”, Band II, den Chauvinismus hervor, der aus Bibelsprüchen hervorgeht, nach denen sich das jüdische Volk

einen Gott hielt, der ihm die Länder seiner Nachbarn schenkte oder verhieß, in deren Besitz es sich dann durch Rauben und Morden setzte, und dann dem Gotte einen Tempel darin baute.

Mag das heutige Israel sich äußerlich ganz und gar säkular gebärden, geleitet scheint es im Geiste von Tora und Talmud. Wie die Moslems verachten diese Gläubigen die “Ungläubigen” und handeln gegen sie rücksichtslos rassistisch

auf Jehova’s ausdrücklichen Spezialbefehl. (Schopenhauer)

Rabbi Schlomo ben Jizchak, kurz "Raschi"

Rabbi Schlomo ben Jizchak, kurz "Raschi"

Handelt die israelische Politik – besonders augenfällig gegenüber den Palästinsern – nicht getreu dem Wort Raschis, des bis heute berühmtesten Talmud-Gelehrten:

Die ganze Erde ist Gottes Eigenthum, er hat sie erschaffen, und gab sie dem, der ihm gefiel; früher hatte er das Land euch gegeben, es gefiel ihm aber, es euch wieder wegzunehmen, und es uns zu geben.

Wie vereinbart Merkel die von ihr vertretene “Staatsräson” mit den Menschenrechten, deren Einhaltung sie z. B. gegenüber China einfordert? Hat sie ganz schnell begriffen, daß – wie Bismarck sagte – Politik die Kunst des Möglichen ist, d. h. die Staatsfrau zu Kompromissen gezwungen ist, um für ihr eigenes Land soviel Frieden und Sicherheit zu gewährleisten wie möglich? Sie kann sich schließlich ihre Kontrahenten nicht aussuchen. Sie muß die nehmen, die da sind, und das Beste aus allen Gegebenheiten machen, für die sie nicht verantwortlich ist. Daß ihr das gelingt, betont

Henry Kissinger,

Henry Kissinger

Henry Kissinger

der sich im besagten Bildband zugleich zur Geopolitik äußert:

Die internationale Stellung von Deutschland ist komplexer und vielschichtiger als die von jedem anderen europäischen Land. Deutschland hat mehr Nachbarn als alle anderen Staaten. Es ist das stärkste Land in Europa, das sich aber isolieren würde, wenn es diese Stärke selbstherrlich zur Schau stellen würde.

Deutschland muß seine enge Verbundenheit zu Europa mit den Verpflichtungen gegenüber dem Atlantischen Bündnis in Einklang bringen. Es unterhält eine historisch gewachsene Beziehung zu Rußland und hat ein besonderes Interesse an Osteuropa.

Kanzlerin Angela Merkel hat alle diese politischen Strömungen mit außerordentlichem Geschick gelenkt. Ihre herausragenden Eigenschaften sind Weitsicht, stark ausgeprägtes analytisches Denken und eine unaufgeregte Entschlossenheit. Auf diese Weise hat sie Europa gestärkt und die atlantische Einheit wiederhergestellt. Zu allen strategisch wichtigen Mächten unterhält sie effektive Beziehungen, auch zu Rußland.

Charlotte Knobloch

Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland

Über die geräuschvollen Beschwerden der Zentralräte der Muslime, vor allem aber der Juden in Deutschland kann man oftmals nur den Kopf schütteln wie auch über manche Rücksicht Merkels darauf zuungunsten der Deutschen. Wenn aber erreicht ist, daß

Charlotte Knobloch

sich durch Merkel in Deutschland geborgen fühlt und das unumwunden in herzlichen Worten zum Ausdruck bringt, so ist – einerseits – auch viel gewonnen. Im Bildband lesen wir ihr Lob:

Keinen Augenblick habe ich gezögert, als das Bundeskanzleramt in meinem Büro anfragen ließ, ob ich die Kanzlerin auf ihrer Israel-Reise im März 2008 begleiten wolle.

Die Reise mit Angela Merkel war etwas ganz Besonderes für mich. Ihre Ernsthaftigkeit, ihre Solidarität, ihre Empathie und ihre Neugierde, die bei mächtigen Politikern alles andere als selbstverständlich ist, haben mich beeindruckt.

Der politische und emotionale Höhepunkt war der Auftritt der Kanzlerin vor dem israelischen Parlament, der Knesset. Angela Merkel hielt eine beachtliche und berührende Rede, die nicht ohne Grund von den Parlamentariern stehend beklatscht wurde und die auch das israelische Volk bewegte.

Es ist gut zu wissen – für den Staat Israel und seine Menschen, für die jüdischen Bürger Deutschlands, aber auch für die jüdischen Gemeinden überall in der Diaspora -, daß wir einen derart verläßlichen Partner an unserer Seite haben. Das garantiert Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dafür danke ich ihr.

Merkel besucht eine Schule

Merkel besucht eine Schule

Andererseits fragt man sich, ob sie und ihre Landsleute den Deutschen denn nicht auch einmal etwas zurückgeben und wo sich für eine Bundeskanzlerin die Grenze befindet, jenseits derer sie ihrem Schenken auf Kosten des eigenen Volkes Einhalt gebietet.

Deutscher Altruismus

Die Gesamtschuld am 2. Weltkrieg und an den Kriegsgreueln – in der Nachkriegszeit einseitig Deutschland zugewiesen – sollte nach all den zwischenzeitlich international erbrachten Forschungsergebnissen allmählich auch von der “offiziellen” deutschen Politik differenzierter gesehen werden, als Merkel sie bei Gedenkfeiern verkündet.

Friedrich Hebbel

Friedrich Hebbel

Denn allmählich geht es um Sein oder Nichtsein eines deutschen Volkes auf seinem seit Jahrtausenden angestammten Grund und Boden. Schon Friedrich Hebbel sah die Möglichkeit voraus,

daß der Deutsche noch einmal von der Weltbühne verschwindet; denn er hat alle Eigenschaften, sich den Himmel zu erwerben, aber keine einzige, sich auf Erden zu behaupten, und alle Nationen hassen ihn wie die Bösen den Guten. Wenn es ihnen aber wirklich einmal gelingt, ihn zu verdrängen, wird ein Zustand entstehen, in dem sie ihn wieder mit den Nägeln aus dem Grabe kratzen möchten.

Das hört sich vielleicht etwas kraß an und hätte aus nichtdeutschem Mund angenehmer geklungen. Aber ist da nicht auch viel Wahres dran?

Denn erschreckend vieles befindet sich im Nachkriegs-Deutschland bis heute in nicht hinnehmbarer Unordnung. Eine Berserkerarbeit von hoher Brisanz müßte bewältigt werden, zu der “die Zeit” hoffentlich nicht erst dann als “reif” erscheint, wenn das deutsche Volk nicht mehr zu retten ist. Helmut Schmidt wagte eines der Probleme zu benennen:

Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen. (Die Zeit, Nr. 18/2004, 22. April 2004)

Er sagte aber auch:

“Heutzutage ist das wichtigste zu lernen, wie man andere Völker versteht. Und zwar nicht nur deren Musik, sondern auch ihre Philosophie, ihre Haltung, ihr Verhalten. Nur dann können sich die Nationen untereinander verstehen. (Weggefährten – Erinnerungen und Reflexionen, Siedler-Verlag Berlin 1996, S. 58)

"In einer Aids-Klinik in Kapstadt (Südafrika) hat Angela Merkel eine kleine Patientin in ihren Arm genommen."

"In einer Aids-Klinik in Kapstadt (Südafrika) hat Angela Merkel eine kleine Patientin in ihren Arm genommen."

Zu solchem Völkerverstehen gehören genau die Fähigkeiten, die Angela Merkel mitbringt. Mögen sie Schule machen auch bei denen, die gegenüber Deutschland stets nur die Hand aufhalten und Deutschlands polical correctness – zu ihrem Vorteil – scharf im Auge haben. Denn nicht wenigen Deutschen geht es mittlerweile wie Heinrich Heine:

Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.

Dennoch: Hochachtung vor einem solch uneitlen, dem Andern zugewandten, mitfühlenden, hochintelligenten Menschen, der zur Zeit unser ächzendes Staatsschiff – so gut es geht – durch die aufgewühlte See führt: die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel!

Zur Erinnerung und Aufarbeitung der Geschichte

Dresden 1945

Dresden 1945

Die systematische Zerstörung der deutschen Städte und ihrer Kultur mit der Absicht,

so viele Deutsche wie möglich zu töten (Duff Cooper, englischer Informationsminister 1940),

ist beispiellos in der Geschichte der Menschheit. Dresden war der Höhepunkt, noch überboten von der Zerstörung der japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki durch amerikanische Atombomben.

Die Angloamerikaner sind bis heute die Kriegstreiber, denen keine Lüge zu dumm ist, um die Welt von der „Notwendigkeit“ ihres Tuns zu überzeugen.

Nichts ist gut in Afghanistan,

stellte Bischöfin Käßmann fest, wobei sie den Nagel auf den Kopf traf. Dieses Wort wird sich als Schlagwort in den Sprachschatz der Deutschen einprägen.

Ulrike Meinhofs Weg ging mit der RAF in die Irre. Was sie jedoch in der

Zeitschrift KONKRET, Nr. 3 im Jahre 1965,

über das britische Massaker von Dresden schrieb, ist es wert, bei Adelinde – mit Anmerkungen in grüner Schriftfarbe – nochmals zu erscheinen:

” D r e s d e n “

Von Ulrike M. Meinhof

Vor zwanzig Jahren, am 13. und 14. Februar 1945, in der Nacht von Fastnachtdienstag auf Aschermittwoch, ist der größte Luftangriff der alliierten Bomberkommandos im Zweiten Weltkrieg auf eine deutsche Stadt geflogen worden: Der Angriff auf Dresden. Dreimal innerhalb von 14 Stunden wurde die Stadt bombardiert. Von 22 Uhr 13 bis 22 Uhr 21 dauerte der erste Schlag. Als die englischen Bomber abflogen, hinterließen sie ein Flammenmeer, das über 80 Kilometer weit den Himmel glühend machte. Der zweite Schlag erfolgte von 1 Uhr 30 bis 1 Uhr 50. Die abfliegenden Bomber haben die Feuer von Dresden über 300 Kilometer weit beobachten können. Den dritten Angriff flog ein amerikanisches Bombengeschwader am nächsten Vormittag zwischen 12 Uhr 12 und 12 Uhr 23.

Leichenberge in Dresden 1945

Leichenberge in Dresden 1945

Über 200.000 Menschen sind in den Flammen von Dresden umgekommen. (Inzwischen in der offiziellen Darstellung auf ein Zehntel heruntergedimmt.) Der Engländer David Irving (damals noch keine “Unperson” und gern gelesen auch z. B. von Helmut Kohl) schreibt in seinem Buch “Der Untergang Dresdens”:

Zum ersten Mal in der Geschichte des Krieges hatte ein Luftangriff ein Ziel so verheerend zerstört, daß es nicht genügend unverletzte Überlebende gab, um die Toten zu begraben.

  • Dresden hatte 630.000 ständige Einwohner.
  • Als es zerstört wurde, hielten sich über eine Million Menschen in dieser Stadt auf. Man schätzt 1,2 bis 1,4 Millionen.
  • Flüchtlinge aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen, Evakuierte aus Berlin und dem Rheinland, Kindertransporte, Kriegsgefangene und Fremdarbeiter.
  • Dresden war eine Sammelstelle für genesende und verwundete Soldaten.
  • Dresden hatte keine Rüstungsindustrie.
  • Dresden war eine unverteidigte Stadt ohne Luftabwehr.
  • Dresden galt in ganz Deutschland als eine Stadt, die nicht bombardiert werden würde. Es gab Gerüchte, wie: Die Engländer würden Dresden schonen, wenn Oxford nicht angegriffen würde – oder: Die Alliierten würden Dresden nach dem Krieg zur deutschen Hauptstadt machen und deshalb nicht zerstören. Es gab noch mehr Gerüchte, aber vor allem konnte sich kein Mensch vorstellen, daß
  • eine Stadt, die täglich neue Krankenhäuser und Lazarette einrichtete, in die täglich Hunderttausende von Flüchtlingen, hauptsächlich Frauen und Kinder,  einströmten, bombardiert werden würde.

Dresden hat sieben Tage und acht Nächte lang gebrannt.

Militärisch interessant an Dresden war höchstens ein größerer Güter- und Truppenumschlagbahnhof. Aber in den drei Angriffen, als man zuerst Sprengbomben abwarf, um Fenster zum Platzen zu bringen und Dächer zum Einsturz, um Dachstühle und Wohnungen den folgenden Brandbomben um so schutzloser auszuliefern, als das alles planmäßig mit höchster Präzision ablief, da wurde dieser Bahnhof kaum getroffen. Als Tage darauf Berge von Toten aufgeschichtet wurden, waren die Gleise schon wieder repariert. – Dresden hat sieben Tage und acht Nächte lang gebrannt.

Dresden 1945

Dresden 1945

Man hatte den englischen Soldaten, die die Angriffe geflogen haben, nicht die Wahrheit gesagt.

Man hat gesagt:

  • Ihre Flotte greift das Oberkommando des Heeres in Dresden an. Man hat gesagt,
  • Dresden sei ein wichtiges Nachschubzentrum für die Ostfront. Man hat gesagt,
  • das Angriffsziel sei ein Gestapo-Hauptquartier im Stadtzentrum, ein wichtiges Munitionswerk, ein großes Giftgaswerk.

Schon 1943 hatte es

in der britischen Öffentlichkeit Proteste

gegen die Bombardierung der deutschen Zivilbevölkerung gegeben.

  • Der Bischof von Chichester,
  • der Erzbischof von Canterbury,
  • der Kirchenpräsident der Church of Scotland erhoben ihre Stimme.

Ihnen aber ebenso wie einem Labour-Abgeordneten im englischen Unterhaus wurde gesagt, das sei nicht wahr, daß ein Befehl ergangen wäre, Wohngebiete statt Rüstungszentren zu zerstören. Es ist der englischen Regierung unter ihrem Premierminister Sir Winston Churchill bis zum Ende des Krieges, bis März ‘45, gelungen, den tatsächlichen, absichtlichen, planmäßigen Charakter der britischen Bombenangriffe auf deutsche Städte geheim zu halten. (Hvh. von Adelinde) Dresden war der Höhepunkt dieser Politik. Dresden ging in Schutt und Asche,

  • zwei Jahre nachdem der Ausgang des Zweiten Weltkrieges in Stalingrad entschieden worden war. Als Dresden bombardiert wurde,
  • standen die sowjetischen Truppen schon an der Oder und Neiße,
  • lag die Westfront am Rhein.

Der Oberbefehlshaber der Royal Air Force, Sir Arthur Harris,

der den Einsatz gegen Dresden geleitet hatte, ging ein Jahr danach, am 13. Februar 1946, in Southampton an Bord, um das Land zu verlassen, das nicht mehr bereit war, seine Verdienste zu würdigen.

Als die deutsche Bevölkerung die Wahrheit über Auschwitz erfuhr, erfuhr die englische Bevölkerung die Wahrheit über Dresden. Den Tätern wurde der Ruhm versagt, der ihnen von den Regierenden versprochen worden war. Hier und dort. (Der Haupt-(Schreibtisch-)Täter Winston Churchill jedoch wurde in Aachen hoch dekoriert.)

In Dresden ist der Anti-Hitler-Krieg zu dem entartet,

was man zu bekämpfen vorgab (in England wurden durchaus auch die wahren Absichten der britischen Führung verkündet, nachzulesen bei Adelinde) und wohl auch bekämpft hatte: Zu Barbarei und Unmenschlichkeit, für die es keine Rechtfertigung gibt.

  • Wenn es eines Beweises bedürfte, daß es den gerechten Krieg nicht gibt – Dresden wäre der Beweis.
  • Wenn es eines Beweises bedürfte, daß der Verteidigungsfall zwangsläufig zu Aggression entartet – Dresden wäre der Beweis.
  • Wenn es eines Beweises bedürfte, daß die Völker von den kriegführenden Regierungen selbst mißbraucht werden – Dresden wäre der Beweis.
  • Daß an der Bahre Sir Winston Churchills das Stichwort Dresden nicht gefallen ist, legt den Verdacht nahe, Dresden sollte immer noch dem Volk angelastet werden, das doch selbst betrogen worden ist.
  • Es ist der gleiche Takt, den die Bundesregierung praktiziert, wenn sie die Verjährungsfrist für in der NS-Zeit begangenen Mord nicht aufhebt.

Wer die Täter nicht denunziert, denunziert aber die Völker.

aus: Ulrike Marie Meinhof: “Die Würde des Menschen ist antastbar.”
Aufsätze und Polemiken. – Wagenbach-Verlag, Berlin, 1986.

Johannes Brahms – Fortsetzung

FREUNDE UND FREUNDINNEN

Brahms ist der eingefleischteste Egoist, den man sich denken kann, ohne daß er es selbst wüßte,

stellte der junge Joseph Joachim schon bald nach dem gegenseitigen Kennenlernen fest,

wie denn überhaupt alles bei ihm in unmittelbarer Genialität echt unbesorgt aus seiner sanguinischen Natur herausquillt – bisweilen mit einer Rücksichtslosigkeit, die verletzt ….

Zwei Jahre später meint er:

Er hat zwei Naturen, eine kindlich geniale … und eine dämonisch auflauernde, die, bei kalter Temperatur von außen, in pedantisch prosaische Herrschsucht überschlägt …

Sein Detmolder Musizierfreund Hermann von Meysenbug schreibt:

Eine unbeirrt aufs Ziel steuernde Willenskraft trat in Brahms’ Wesen … hervor. Auch in seinen Äußerlichkeiten, seinem Gange, seinem Blick, seinen Bewegungen war nie irgendwelche Unsicherheit zu bemerken, es gab kein Zögern und kein Zweifeln. … in seinem Benehmen zeigten sich bei aller Bescheidenheit des Auftretens die Sicherheit und Festigkeit eines Mannes, der weiß, was er will.

Agathe von Siebold

Agathe von Siebold

Das muß auch

Agathe von Siebold

erfahren. Brahms verliebt sich in die Sängerin, komponiert mehrere Liebeslieder und genießt in den Sommermonaten des Jahres 1858 in Göttingen eine überaus glückliche Zeit in Agathes Nähe. Zurück in Detmold stürzt er sich in die Arbeit und kehrt „hochgestimmt“ am Neujahrstag 1859 wieder nach Göttingen zurück. Überglücklich an der Seite Agathes kauft er zwei Ringe. Der Freundeskreis, die Eltern Siebold und vor allem Agathe erwarten nun den Heiratsantrag.

Ich liebe Dich! Ich muß Dich wiedersehen! Aber Fesseln tragen kann ich nicht,

gibt er ihr statt dessen schriftlich.

Ihrer Tochter hinterläßt Agathe später – sie ist längst mit einem anderen Mann verheiratet – Aufzeichnungen, in denen es heißt:

Da kämpfte das Mädchen einen harten Kampf …, die Liebe wollte ihn um jeden Preis halten, komme, was da wolle, die Ehre, die Pflicht gebot zu entsagen, und die Pflicht und die Ehre siegten. Das Mädchen schrieb den Scheidebrief und weinte, weinte jahrelang um ihr gestorbenes Glück.

Julie Schumann

Julie Schumann

Als die Schumann-Tochter

Julie

heiratet, legt sich auf Johannes Brahms’ Seele eine tiefe Verstimmung. Clara Schumann lädt ihn nicht mehr zum Essen ein, weil seine schlechte Laune nicht zu ertragen ist.

Für Julie schwärmte er schon seit der Zeit, wo sie als sechzehnjähriges Mädchen die Mutter auf einer Konzertreise nach Hamburg begleitete. Seine Bewunderung steigerte sich in dem Maße, als Julie sich immer reizender entwickelte, und gerade in dem Sommer 1869, wo sie verlobt war und von hinreißender Fröhlichkeit übersprudelte, sah ich Brahms’ Augen oft in hellem Leuchten an ihr hangen,

schreibt Eugenie Schumann.

Die Brahms’sche Art eines „Heiratsantrags“ erleben wir in einem Brief des Jahres 1868 an Clara Schumann, als solcher für Außenstehende kaum, für Clara Schumann jedoch klar erkennbar. Er bedauert die Kränklichkeit Juliens und schreibt einige Zeilen weiter unten:

… ich hätte doch an Deiner Stelle noch eine tröstliche Hoffnung. Kann nur nicht wohl mit Dir darüber plaudern. Ich bin jetzt sehr in Versuchung, mir in Wien eine unmöblierte Wohnung zu nehmen, das heißt Entschluß fassen!

Er spricht von Julie und im selben Atemzug von der Gründung eines Haushaltes und bekräftigt den Zusammenhang noch:

Wie viel wäre es mir wert zu wissen, ob Du nicht bald mehr oder weniger dahin überzusiedeln denkst. Ich meine, es spricht vieles dafür, und im nächsten Jahr scheint mir gerade ein passender Zeitpunkt für Dich gekommen zu sein.

Der Rat, den er Clara Schumann anschließend gibt, scheint in dem Zusammenhang nicht allein altruistische, sondern handfeste egoistische Gründe zu haben:

Trotzdem … möchte ich Dich immer bitten, daran zu denken, daß Dein unruhiges Leben mit der Zeit aufhören muß. Es darf Dir nur ein Grund gelten, und der gilt für alle und für mich! Ob Du nötig hast, für Dich in dieser Weise Geld zu verdienen …

Clara Schumann ist empört, bevormundet er sie doch nicht nur, sondern ordnet ihre Konzerttätigkeit falsch ein:

Du scheinst eigentlich auch in der Einbildung zu leben, ich hätte wohl eigentlich genug und reiste nur noch zu meinem Vergnügen. Solche Anstrengungen mutet man sich aber denn doch nicht zum Vergnügen zu. Abgesehen aber davon, so wäre doch wohl jetzt, inmitten meiner größten und erfolgreichsten Tätigkeit, kaum der Zeitpunkt, mich, wie Du mir rätst, von der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Julie Schumann heiratet einen italienischen Grafen. Sie hat wohl nie andere als rein freundschaftliche Gefühle für Brahms gehegt.

Hermine Spies 1880

Hermine Spies 1880

1883 verliebt sich der 50-Jährige noch einmal, diesmal in die 26-jährige Konzertsängerin von europäischem Rang, von unvergleichlicher Gestaltungskraft und Ausstrahlung

Hermine Spies,

die als die Interpretin des deutschen Liedes gilt. Auch Brahms stellt sie über alle anderen Interpreten seiner Lieder.

Von einer gesellschaftlichen Veranstaltung hält Hermine Spies in ihrem Tagebuch fest:

Später bei Tisch, wo ich neben ihm saß, war er höchst amüsant, stieß mit mir an. “Auf Ihren Schwiegervater” sagte er, und gleich hinterdrein, als ich ein wenig zögere, zur Gesellschaft gewandt: “Sie besinnt sich, ob der Brahms noch einen Vater hat.” Alles lacht natürlich und ich mit.

Das war wieder die Brahms’sche Art, recht „taktvoll“ in Worten Gefühle zum Ausdruck zu bringen! Seine Zuneigung zu Hermine Spies spiegelt sich eher in seiner Musik wider, in neuen Liedern, in der Violinsonate A-Dur op. 100, in seiner 3. Symphonie, die er in dieser Zeit komponiert. An eine Freundin schreibt Hermine Spies:

Kennen Sie ein Lied von ihm – Frühlingslied von Geibel … Sehen Sie sich das herrliche Lied bald an! O, wie es darin singt und klingt und jubelt, das heißt in der Begleitung, und die Singstimme darüber klagt und weint. Das ist der ganze traurige, wehmütige Brahms. Und ich kann das Lied noch lange nicht vorsingen, weil mir die Tränen die Stimme verschnüren.

Der Text der letzten Strophe lautet:

Welch ein Sehnen, welch ein Träumen,
Ach, du möchtest vorm Verglühn
Mit den Blumen, mit den Bäumen
Altes Herz noch einmal blühn.

Bei gemeinsamen Aufführungen fühlt sie sich bei Brahms wohlaufgehoben:

Mit dem Gefühl eines mächtigen Schutzes sah sie den kommenden Ereignissen entgegen,

berichtet aus Wien ihre Schwester Minna Spies, ihre ständige Begleiterin und Beschützerin.

Doch beide – Hermine Spies wie Johannes Brahms – behalten ihre künstlerische, vor allem ihre Reise-Freiheit. Beiden Künstlernaturen widerstrebt das Leben „auf Achse“, im Trubel der Großstädte und in den Konzertsälen mit den vielen Menschen, denen sie sich zu präsentieren haben. Aber es gehört zu ihrem Beruf.

Und so bleibt ihnen die Sehnsucht nach der Stille. Ist die erfüllt, nutzt Brahms die Zurückgezogenheit zum Schaffen neuer Werke, Spies zum Auswählen und Einstudieren neuer Lieder. 1890 heiratet Hermine Spies einen Amtsrichter, zieht sich völlig in ihre „weibliche“ Aufgabe als Hausfrau zurück und stirbt drei Jahre später 36-jährig.

Fritz Simrock

Fritz Simrock

Trotz aller Verstimmtheiten und Zerwürfnisse hängt Brahms an seinen Freunden und Freundinnen lebenslang. Sein

Verleger Fritz Simrock

ist sein Beichtvater und Vermögensverwalter, dem er uneingeschränktes Vertrauen schenkt. Simrock zahlt Preise für Brahms’ Werke in einer Höhe, von der Beethoven, Schubert, Schumann nicht zu träumen gewagt hätten.

Brahms wird vermögend. Doch seine bescheidene Lebensweise ändert er nicht. Er greift seinen Angehörigen bis an deren Lebensende finanziell unter die Arme, ermuntert sie, sich ein schönes Leben zu machen, ja, nötigt ihnen sein Geld förmlich auf, denn auch sie sind zu bescheiden, um Johannes um Geld zu bitten, geschweige denn ihn auszunutzen. Als Simrock ihm 1895 einmal beichten muß, von Brahms’ Vermögen 20 000 Mark verspekuliert zu haben, antwortet Brahms:

Des berühmten Bankrotts wegen mache aber keinen unnützen Spektakel – das wäre vor allem, wenn Du mir den Schaden – lächerlich! – … Selbstverständlich habe ich – außer wenn ich Dir schrieb – keinen Augenblick an die Sache gedacht! Nur eines hätte sie mir ärgerlich machen können: wenn ich selbst nämlich schuld wäre, den Ankauf solcher Papiere selbst gewünscht hätte! … Hat sich ein guter Freund geirrt, so tut er mir mehr leid als ich mir – nein, nur er, – …

Ein besonders enges Verhältnis hat er zu dem norddeutschen Dichter

Klaus Groth.

Klaus Groth

Klaus Groth (Allers, Kunsthalle Kiel)

Der widmet in seinen „Memoiren“ ein Kapitel Johannes Brahms. Ihm ist

deutlich geworden, wie wenig man immer noch über Brahms, seine Persönlichkeit und sein inneres Wesen Bescheid weiß; es kommt mir so vor, als wäre ich selbst vielleicht einer der wenigen, denen er rücksichtslos sein Inneres aufgeschlossen haben mag …

Man spricht von seiner ungeselligen Natur, er sei deshalb einsam durchs Leben gewandelt. Dies ist natürlich nur halb wahr. Oberflächliche Bekanntschaften haßte er. Schmeichler duldete er nicht. Aber sonst war er so freundlich und so bedürftig nach Freundschaft und Liebe wie jeder ordentliche, tieffühlende Mensch …

Wo er im behaglichen Familienkreise bei Konzertreisen oder zu Besuchen einige Zeit weilen konnte, merkte man es seinem ganzen Wesen an, wie gern er weilte und wie ungern er wieder in seine Einsamkeit hinausging. So beim Musikdirektor Reinthaler in Bremen, dessen Frau er verehrte, so bei mir im Hause, auch meine Frau liebte er, und mit meinen Kindern spielte er, als wären es seine eigenen oder verwandte.

Brahms’ Liebe zu Kindern beobachtete Groth auch an andern Orten, wie z. B. in Thun in der Schweiz, einem Ort, in dem Brahms oft weilt und viele Werke komponiert:

Er hatte eine eigene Art, mit ihnen zu verkehren, sie zu necken und zu beschenken, und ich sah bald, wenn wir bei unseren Wegen das Städtchen berührten, daß er sozusagen der allgemeine Kinderonkel war.

Brahms habe sich dennoch nicht verheiraten wollen, weil er dann „für den Tag“ in der Musik hätte arbeiten müssen mit Stundengeben und dergleichen. Er habe das Opfer gebracht,

einsam fortzuleben, um ganz seiner Kunst leben zu können, die für ihn ein Heiligtum war.

Bei mir (in Kiel) kam und wohnte Brahms öfter, oft acht bis vierzehn Tage oder länger; es war ein höchst behaglicher Verkehr mit ihm. Er war mit allem zufrieden, nur nicht mit unserm Wetter …

Und Groth berichtet von seinen „kindlichen Tafelfreuden“: Pfannkuchen mit Bickbeeren wie bei Muttern in Hamburg, wohin er zu deren Lebzeiten in vielen Briefen auch mit „Johannisbeergrütze“ und „Eierpunsch“ gelockt worden war.

Brahms-Karikatur

Brahms-Karikatur

Morgens um 5 Uhr ist Brahms schon auf seiner Wanderung durch Wald und Flur, nachdem er seinen geliebten Kaffee getrunken und sich seine Zigarre in Brand gesteckt hat. Auf den Morgenwanderungen kommen ihm seine musikalischen Einfälle.

Er kann aufs Essen auch ganz verzichten, erzählt er Groth:

Wenn ich in einem Konzerte auftrete, so faste ich den Tag.

Bei einem Spaziergang begegnen sie Carl Loewe am Arm eines Matrosen. Carl Loewe ist nach einem Schlaganfall von Stettin zu seiner Tochter nach Kiel gezogen. Groth fragt Brahms:

Du, kennst Du den Mann, der Dir eben vorbeiging, den alten großen schönen Mann? Das ist Loewe.

Brahms habe sich umgewandt „mit offenbar großem Interesse“. Brahms schlägt vor, Loewe zu besuchen. Dem sind Groth und Brahms „augenscheinlich ganz unbekannte Größen“. Die Tochter fragt

wohlwollend den neben ihr sitzenden Brahms: “Spielen Sie auch Klavier?”, worauf Johannes in seiner Manier ganz bescheiden antwortete: “Ein wenig.“

1889 fährt Groth nach Thun.

Groth und Brahms

Groth und Brahms

So fragte ich denn gleich beim Eintritt ins Hotel nach seiner Wohnung. Mein freundlicher Wirt zeigte sie mir mit einer Handbewegung: “Dort oben hin in dem Hause am Ufer mit der großen Tanne … dort wohnt er schon mehrere Jahre oben bei einem kleinen Krämer, dem Haus und Laden gehört. Er ist hier, der Doktor, schon seit einiger Zeit. Wenn Sie die Straße hinab spazieren, begegnet er Ihnen vielleicht, ein kleiner dicker Mann, hat gewöhnlich den Hut ab in der Hand.”

… Es war ein unscheinbares Haus, in das ich eintrat und … eine dämmerige Treppe hinaufstieg. Da hörte ich denn schon gleich die mir so wohlbekannte, liebe rauhe Stimme meines Freundes nicht gerade im freundlichen Tone herunterrufen, denn er haßte Störungen durch zudringlichen Besuch. “Wer ist da? ist da jemand?”, und ich sah gegen das Dämmerlicht sein Gesicht, umrahmt vom prächtigen hellblonden Haupthaar und dem starken Vollbart, sich prüfend mir entgegenneigen … er war sehr kurzsichtig …, indem ich ihm zurief: “Ich bin es!” Da seh’ ich noch, wie er erstaunend seine beiden Arme immer höher hob und endlich, mir die Hand entgegenstreckend, freudig rief: “Du bist es! Wo kommst Du denn her? Wie schön ist es!” – Ach ja! wie war es schön!

Von Klaus Groth hat Brahms etliche Gedichte vertont, doch nie ein plattdeutsches.

Ich sprach ihm einst direkt darüber meine Verwunderung aus. Darauf antwortete er: “Das geht nicht, ich kann es nicht, Plattdeutsch steht mir zu nahe, das ist noch etwas anderes für mich als Sprache. Ich habe es versucht, es geht nicht.“

DIE HEIMAT

Zu Hause bei den Eltern wurde plattdeutsch gesprochen. Dieser seiner Muttersprache war er offenbar so tief im Gemüt verbunden wie seinen Eltern und wie seiner

Geburts- und Heimatstadt Hamburg.

1859 ist Brahms mit seinem Klavierkonzert d-moll im Gewandhaus Leipzig durchgefallen. Eisiges Schweigen, niemand spricht mit ihm. Auch die Kritik ist niederschmetternd. Dem Werk wird attestiert:

Öde und Dürre, die wahrhaft trostlos ist, die Gedanken schleichen sich matt und siechhaft dahin, oder sie bäumen sich in fieberkranker Aufgeregtheit in die Höhe … dieses Würgen und Wühlen, dieses Zerren und Ziehen … muß man über eine Dreiviertelstunde lang ertragen! …

Aber Brahms läßt sich nicht unterkriegen. An Joachim schreibt er:

Trotz alledem wird das Konzert noch einmal gefallen, wenn ich seinen Körperbau gebessert habe, und ein zweites soll schon anders lauten. Ich glaube, es ist das Beste, was einem passieren kann; das zwingt die Gedanken, sich zusammenzunehmen und steigert den Mut …

Eine andere Niederlage dieser Lebenszeit ist die geplatzte Verlobung mit Agathe Siebold. Brahms kehrt zurück nach Hamburg zu den Eltern.

1860 bekommt er das Angebot, sein Klavierkonzert im „Großen Wörmerschen Saal“ in Hamburg aufzuführen. Sein Vater sitzt am Kontrabaß im Orchester. Mutter und Schwester erwarten im Zuhörerraum Konzert und Auftritt ihres Johannes, der am Flügel Platz nimmt. Die Aufführung erhält freundlichen Beifall und Brahms’ Anschlag großes Lob:

Haben Sie noch nie durchs Ohr erfahren, was “ein schöner Anschlag” heißt? Wir würden Ihnen raten … Brahms zu hören,

heißt es in der Berliner Musikzeitung.

Vier Tage danach führt das Hamburger Philharmonische Orchester das neueste Werk von Brahms auf: die Serenade D-Dur für acht Soloinstrumente op. 11.

Die Serenade ist gestern vor fast 1200 Menschen gespielt worden … Im Konzert schlug’s ordentlich durch. Es wurde so lange mit den Händen gearbeitet, bis ich hinunter und vor ging,

berichtet Brahms Clara Schumann. Wer hätte dem vielgeschmähten Hamburger Konzertpublikum eine so große Begeisterungsfähigkeit zugetraut! – Oder redet Brahms sich die nur schön?

Brahms und Stockhausen

Brahms und Stockhausen

Er gewinnt neue Freunde, darunter den Bariton-Sänger Stockhausen. Mit ihm tritt er in Hamburg auf. Sie ernten viel Beifall. Für diesen Sänger komponiert Brahms etliche Lieder, die sie gemeinsam uraufführen.

Gelegentlich einer Hochzeit, bei der er in einer Motette die Orgel spielt, begeistert er sich für die drei mitwirkenden Sängerinnen. Daraus entwickelt sich ein Frauenchor.

… ich möchte mich eigentlich hier recht einleben, ich bin ganz Hamburger,

schreibt er an Joachim. Er komponiert etliche Lieder für dreistimmigen Frauenchor und entwickelt auch seine Fähigkeiten als Dirigent.

Brahms muß zurück nach Detmold. Das dortige Hoforchester und der Chor enttäuschen ihn in ihrer Einstellung zur Musik.

O meine lieben Mädchen, wo seid Ihr!

sehnt er sich nach seinem Hamburger Frauenchor.

Fuhlentwiete 1889

Fuhlentwiete 1889

Wieder in Hamburg, wo die Eltern ihm in ihrer Wohnung in der Fuhlentwiete ein Zimmer zur Verfügung gestellt haben, bemerkt er bald, daß er zu wenig Ruhe zum Komponieren findet. Er zieht um nach dem nahegelegenen – späteren Hamburger Stadtteil – Hamm. Dort entstehen neben anderen Werken die berühmten „Variationen und Fuge über ein Thema von Händel“ für Klavier op. 24. Bereits hier zeigt sich seine Meisterschaft in der Kunst der sogenannten sich „entwickelnden Variation“, bei der er das Thema fortlaufend dadurch umgestaltet, daß er die Einzelmotive umbildet, und so Variation für Variation eigene Struktur und eigenen Ausdruck erhält.

Blankenese 1827 (Pincerno)

Blankenese 1827 (Pincerno)

Auch das schöne Blankenese an der Elbe – heute in den Stadtstaat Hamburg eingemeindet – ist zeitweilig sein Wohnsitz gewesen.

Im Sommer 1862 entschließt er sich, für einige Zeit in die „Musikhauptstadt“ Wien zu gehen. Schon bald interessiert man sich dort für seine Werke. Sie werden aufgeführt. Nach anfänglicher Skepsis des Wiener Publikums ist es der legendäre Eduard Hanslick, der das junge Genie zu würdigen weiß und ihm in der „Wiener Presse“ glänzende Kritiken schreibt.

Dennoch bleibt Brahms’ Augenmerk auf Hamburg gerichtet. Er hofft, die Nachfolge von Wilhelm Grund, dem Dirigenten der Sing-Akademie und des Hamburger Philharmonischen Orchesters, antreten zu dürfen. Doch die Wahl des beschlußfassenden Ausschusses fällt auf den begabten und beliebten Sänger, Chorleiter und Dirigenten Julius Stockhausen, seinen Freund, dessen Ausstrahlung der des spröden Brahms überlegen ist.

Brahms ist tief getroffen. Eine Illusionsblase ist dem Wirklichkeitsfremden zerplatzt, der offensichtlich das Verhältnis der Hamburger zu ihm bisher völlig falsch eingeschätzt hat. Bitter klagt er Clara Schumann sein Leid:

Nun kommt dieser feindliche Freund und stößt mich für – immer wohl, fort. Wie selten findet sich für unsereinen eine bleibende Stätte, wie gern hätte ich sie in der Vaterstadt gefunden!

Den Freund trifft jedoch keine Schuld. Ohne zu bedenken, wie er selbst dazu beiträgt, heimatliche Bindungen zu verlieren, fährt er in seiner Klage fort:

Du hast an Deinem Mann erlebt und weißt …, daß sie uns am liebsten ganz loslassen und allein in der leeren Weite herumfliegen lassen. Und doch möchte man gebunden sein und erwerben, was das Leben zum Leben macht, … Tätigkeit im regen Verein mit andern und im lebendigen Verkehr, Familienglück, wer ist so wenig Mensch, daß er die Sehnsucht danach nicht empfindet?

Seine Sprödigkeit nimmt zu. Mit den Worten:

Wenn ich jemanden von den Anwesenden zu beleidigen vergessen habe, so bitte ich dies zu verzeihen!

soll er sich einmal von einer Gesellschaft verabschiedet haben.

Doch in Wien geht es mit seiner Karriere voran. Sporadisch kommt er noch nach Hamburg, aber

der Süden wird mehr und mehr seine zweite Heimat.

Die Sommermonate verbringt er oft in Mürzzuschlag in der Steiermark, Bad Ischl im Salzkammergut, Thun in der Schweiz, achtmal reist er mit Freunden nach Italien, und 1870 weilt er in Tutzing. An seinen Freund, den Chefdirigenten der Münchener Hofoper Hermann Levi, schreibt er:

Tutzing 1860

Tutzing 1860

Tutzing ist weit schöner, als wir uns neulich vorstellen konnten. – Eben hatten wir ein prachtvolles Gewitter, der See fast schwarz, … für gewöhnlich ist er blau, doch schöner, tiefer blau als der Himmel. Dazu die Kette schneebedeckter Berge – man sieht sich nicht satt.

In Tutzing vollendet er seine ersten beiden „gültigen“ Streichquartette in c-Moll und a-Moll, an denen er schon mehrere Jahre gearbeitet und nachdem er 20 vorher komponierte Streichquartette vernichtet hat.

Besonders deutlich hören wir

sein vaterländisches Herz

während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 schlagen. In seinen Briefen von Salzburg und Wien an den Vater in Hamburg lesen wir immer wieder seine Anteilnahme:

… warte begierig darauf, daß die Franzosen gute Schläge kriegen. Ich höre, daß in Hamburg auch viel Soldaten sind und alle Leute Einquartierung haben …

Die Elterngeneration hatte die „Franzosenzeit“ miterlebt. Das Trauma wirkt noch bis in seine Zeit nach.

Heute ist die erste Siegesnachricht gekommen. Ob Ihr da oben wohl auch etwas erlebt? Ich möchte gar zu gern in Deutschland jetzt sein; man ist hier so draußen, und es geht einen doch an. Kann man auch nicht mitschießen, so möchte man doch die Soldaten-Landsleute sehen und zu Hause sein, wenn Sieg verkündet wird. Wie sieht denn die Elbe aus? Ist sie verschanzt und gegen französische Schiffe vorgesorgt?

Der Krieg wird Euch wohl keinen Schaden mehr tun, möge er nur jetzt so viel Nutzen schaffen, als er einstweilen Unglück anrichtet,

hofft er Ende August 1870. Und schon im Oktober meint er:

Ihr habt wohl oft großen Siegesjubel? Wie gern wäre ich dabei – wenn es mir nur bis zur Zurückkunft der Soldaten möglich würde, die Reise nach Deutschland zu machen.

Im Dezember fragt er den Vater:

Habt Ihr denn auch eine Fahne oder illuminiert Ihr oft? Hier muß ich mich leider ziemlich allein freuen, wenn die Deutschen siegen.

Baden-Baden um 1900

Baden-Baden um 1900

Von Baden-Baden aus, wo er in Clara Schumanns Nähe oft vorübergehend wohnt und wohin er seinen Vater einlädt, hat er das Schießen auf Straßburg gehört und schreibt nach Kriegsende befriedigt:

… von den Bergen könntest Du dann hinaussehen auf den Rhein und auf das schöne Elsaß, das wir den Franzosen jetzt glücklich wieder abgenommen haben.

Brahms schreibt sein „Triumphlied“, das er später als „Kaiser-Schmarrn“ und „Schreistück“ selbst verspottet. Der erste Chor darin habe ihn „unglaubliche Überwindung“ gekostet, gesteht er Reinthaler, und Simrock schreibt er:

Das Triumphlied werden Sie vermutlich für eine neueste Seeschlange halten! Mir würde es auch am liebsten sein, wenn Sie sobald nicht von der wirklichen Existenz überzeugt würden. Aber es ist anders beschlossen und das Ungetüm wird ans Land geschafft, daß sie es besehen können.

Es ist wohl ein wenig auch das Produkt des damaligen Hurra-Patriotismus. An Kaiser Wilhelm I., dem er das „Triumphlied“ widmet, schreibt er:

Allerdurchlauchtigster
Großmächtigster
Allergnädigster Kaiser und Herr:
Die Errungenschaften der letzten Jahre sind so groß und herrlich, daß es demjenigen, dem es nicht vergönnt war, die gewaltigen Kämpfe für Deutschlands Größe mitzukämpfen, um so mehr ein Herzensbedürfnis sein muß, zu sagen und zu zeigen: wie beglückt er sich fühlt, diese große Zeit erlebt zu haben. Durchaus gedrängt von diesen lebhaften Gefühlen des Danks und der Freude, habe ich versucht, ihnen in der Komposition eines Triumphliedes Ausdruck zu geben …

ZEITGENÖSSISCHE MUSIKERKOLLEGEN

Klaus Groth erzählt:

Über Musik und Musiker wurde natürlich viel gesprochen, Brahms kannte, wie mir schien, fast die ganze musikalische Literatur, und sein Urteil war auch über neuere Erscheinungen immer milde und anerkennend, wo es irgend möglich war. Man weiß ja, daß er Anton Dvořák aus der Verborgenheit geradezu herausgezogen hat. Seine Landsleute, das edle Kulturvolk der Tschechen, hatte ihn auf einem kümmerlichen Kirchdorf als Organist sitzen und hätte ihn ohne deutsche Anerkennung verkümmern lassen.

Anders erging es einem jungen Musiker, dem „Komponisten S. in Wien“, wie Klaus Groth berichtet. Seine Nachbarin, die Schwester des Komponisten S., habe ihm eine Begebenheit mit Brahms erzählt:

Mein Bruder hatte eine Oper komponiert, die Brahms für gut erklärt. Mein Bruder konnte sie natürlich schwer an einem Theater unterbringen und sagte eines Tages zu Brahms: “Vielleicht kann es mir in Dresden gelingen.” – “Gehen Sie doch hin!” erklärte ihm Brahms, “und versuchen Sie es.” – “Ach ja”, sagte S., “ich täte es gerne; aber die Sache ist mir zu kostspielig.” Brahms hörte mit Kopfschütteln zu, als S. ihm die verschiedenen Ausgaben vor- und zusammenrechnete. Am anderen Tage nun kam er zu dem Komponisten mit der verrechneten Geldsumme und sagte: “Sie können mir das gelegentlich wiedergeben.“

Er schenkte, ohne zu beschämen.

An der berüchtigten

Kampagne

zwischen den Vertretern der „Neudeutschen Schule“ wie Liszt, Wagner, Berlioz und den „Konservativen“, die der „absoluten Musik“ treu bleiben, Clara Schumann, Joachim, Hanslick, Max Bruch, Brahms tut sich Letzterer besonders hervor. Er empfiehlt, sich auf Liszt zu konzentrieren:

Beklage ich bloß die “Verirrungen” …, so beklage ich Wagner, Berlioz, alle Möglichen. Wie wir schreiben und abfertigen, kann man nur Liszt’sche Sudeleien abfertigen. Über “Verirrungen” kann man debattieren und sich streiten. Aber wir können und brauchen uns durchaus solchem Scheißzeug gegenüber auf keine wissenschaftlichen Erörterungen einzulassen!

Er unterschreibt die angreifende Erklärung, die in der Berliner Musikzeitung Echo erscheinen wird, gemeinsam mit Joseph Joachim und zwei weiteren Musikern und liefert damit der Gegenpartei Gelegenheit, mit der schärferen Waffe, dem Spott, zurückzuschießen. Dabei wird Schumanns unvergessenes Lob für Brahms „Neue Bahnen“ als Munition verwendet, wenn die Gegenerklärung genüßlich unterschrieben wird mit:

Die Redaktion der Auskunftsmusik J. Geiger. Hans Neubahn. Pantoffel…mann. Packe. Krethi und Plethi.

Die „neudeutschen Zukunftsmusiker“ haben die Lacher auf ihrer Seite. Brahms hat den Schaden, nimmt die Niederlage hin und hält sich in Zukunft mit Aussagen in der Öffentlichkeit betont zurück. Er weiß jetzt, daß er bei seinem Bekanntheitsgrad jederzeit Gefahr läuft, durch die Presse gezogen zu werden.

Klaus Groth meint, der Haß der Wagnerianer habe auch nach Brahms Tod noch nicht nachgelassen, obwohl Brahms mit keinem Wort mehr einem „gerechten Zorn“ darüber Luft gemacht habe, nicht einmal ihm, dem vertrauten Freund, gegenüber. Als sie gemeinsam in der Zeitung eine „etwas mißfällige Kritik über Wagner“ lesen, habe Brahms gesagt:

Und für jede solche Äußerung hält man mich als den eigentlichen Urheber, und ich kenne Wagner besser als sie alle!

Er achtet aus seiner Sachkenntnis Wagners Musik hoch. Wagner hingegen läßt sich über die Musik Brahms’ in seiner Schrift Über die Anwendung der Musik auf das Drama etwa so aus:

Es ging und geht in unseren Symphonien … jetzt weltschmerzlich und katastrophös her; wir sind düster und grimmig, dann wieder muthig und kühn, wir sehnen uns nach der Verwirklichung von Jugendträumen; dämonische Hindernisse belästigen uns, wir brüten, rasen wohl auch: da wird endlich dem Weltschmerz der Zahn ausgerissen; nun lachen wir und zeigen humoristisch die gewonnene Weltzahnlücke, tüchtig, derb, bieder, ungarisch oder schottisch, – leider für andere langweilig …

Karikatur: Hanslick beweihräuchert Brahms

Karikatur: Hanslick beweihräuchert Brahms

Der Brahms-Freund Hanslick hat 1879 Wagners „Ring der Nibelungen“ erlitten und schreibt:

Ja, eine Marter ist’s, durch fünf Stunden eine teils armselige, teils widerwärtige Handlung wie “Siegfried” oder “Rheingold” in einem entsetzlichen Deutsch von abgedankten Göttern, häßlichen Zwergen und lächerlichen Zaubertieren mühsam sich fortschleppen zu sehen …

Usw. Im Kampf für das „Gute“ und gegen das „Verderbliche“ menschelte es heftig unter den damaligen Musikgrößen.

Eine besondere Freundschaft aber verband Brahms mit Johann Strauß. In Wien sagte er zu Groth und anderen Begleitern:

„Sie müssen notwendig noch Freitag nach dem Volksgarten; dort dirigiert Johann Strauß seine Walzer.” Ich bemerkte ihm darauf: “Du, ich will Dir gestehen, ich bin ein großer Verehrer von Strauß”, worauf er antwortete: “Ich auch, das ist ein ganzer Meister; der ist in der Orchestrik ein solcher Meister, daß dem Hörer nie ein Ton verloren geht, von welchem Instrumente es auch sei.“

Strauß und Brahms

Strauß und Brahms

Eine andere Anekdote gibt Groth wieder, die ihm erzählt worden ist: Brahms hört im Straußschen Landhaus Musik von Strauß, von diesem und seiner Frau als Pianistin vorgetragen.

Nach Beendigung wurde er Brahms gewahr und entschuldigte sich in echter wienerischer Art: “Ach, was haben Sie da für Zeug gehört, aber nun kommen Sie, setzen Sie sich hin, spielen Sie uns ein ordentliches Musikstück, ein »Fugerl« …” Brahms ließ sich nicht lange bitten, setzte sich ans Klavier, spielte einige fugenartige Einleitungssätze, und plötzlich rauschte “die schöne blaue Donau” prächtig dahin, und ein Straußwalzer nach dem anderen folgte ihr. Beim Aufhören standen dem bewegten, gemütlichen Wiener fast die Tränen in den Augen, und er rief: “Ja, das sind holt meine Walzer, habe sie nie so schön g’hört.“

SCHLUßBETRACHTUNG

Johannes Brahms hat sein Inneres im Umgang mit Menschen mehr und mehr abgeschirmt. Gefühle in Worten zu zeigen, lag ihm nicht. Eher neigte er dazu, darüber zu spotten.

Brahms 1879

Brahms 1879

Seine einstmals schlanke, lichte Jugendgestalt wurde dick, sein Gesicht verbarg er ab seinem 46. Lebensjahr unter einem wildwuchernden Vollbart. Von seinen kompositorischen Entwürfen ist fast nichts seinen „Säuberungen“ entgangen, so daß uns der Blick in seine Werkstatt verwehrt ist. Bei seinem Tode am 3. April 1897 hinterläßt er einen aufgeräumten Nachlaß. Seinem Eigenleben nachzuspüren hat er seinen Biografen schwer, wenn nicht gar unmöglich gemacht.

So wurden die Wissenslücken mit Legenden und Vermutungen gegensätzlichster Art ausgefüllt. Besonders sein schwer durchschaubares Verhältnis zu Clara Schumann und deren Verhältnis zu Robert Schumann wird in unterschiedlichster Weise „gesehen“ und bewertet.

Doch: Was geht uns das auch eigentlich an? Brahms zeigt sich der Nachwelt in seinem „Heiligtum“, der Musik. Hier im Reich des Absoluten trifft er sich mit Verstehenden. Die große französische Pianistin Hélène Grimaud empfindet das deutlich:

Ich hatte das Gefühl, die Werke wiederzuentdecken, obwohl ich sie noch nie gespielt und auch noch nie zuvor gehört hatte. Ich wurde dieses unglaubliche Gefühl von Vertrautheit im Sinne von etwas, das einem nahe ist, das wie für einen gemacht ist, nicht los. …

Was ich an der Musik von Brahms so besonders liebe, ist das, was sie mit jedem Ton erzählt: ein bewußt zurückgezogenes, ausschließlich dem Wesentlichen gewidmetes Leben.

Schrifttum
1. Bichel, Ulf und Reinhard Goltz Hrg., Klaus Groth Memoiren, Boyens 2005
2. Gal, Hans Hrg., Brahms Briefe, Fischer 1979
3. Grimaud, Hélène, Wolfssonate, München 2003
4. Gutiérrez-Denhoff, Martella, Johannes Brahms in Bonn, Bonn 1997
5. Höcker, Karla, Clara Schumann, dtv junior, 3. Auflage 1981
6. Kornemann, Matthias, Johannes Brahms, Hamburg 2006
7. Korff, Malte, Johannes Brahms, Leben und Werk, dtv Premium 2008
8. Litzmann, Berthold Hrg., Clara Schumann – Johannes Brahms Briefe Bd. 1 und 2, Georg Olms Verlag 1989
9. May, Florence, Johannes Brahms, Leipzig 1925
10. Moser, Andreas Hrg., Johannes Brahms im Briefwechsel mit Joseph Joachim, Berlin 1908
11. Müller von Asow, Erich H., Johannes Brahms und Mathilde Wesendonck ein Brief-wechsel, Wien 1943
12. Reich, Nancy B., Clara Schumann, rororo 1997
13. Riemann Brockhaus Musiklexikon 1978
14. Schumann, Eugenie, Erinnerungen, Stuttgart 1927
15. Stephenson, Kurt Hrg., Johannes Brahms in seiner Familie, Der Briefwechsel, Ham-burg 1973

Johannes Brahms – 1. Teil

Johannes Brahms 1874

Johannes Brahms 1874

Für uns war er das Urbild eines aufrechten deutschen Mannes, der nie etwas andres scheinen wollte, als er war. Seine wenigen Fehler lagen an der Oberfläche. Unbekümmert trug er sie zur Schau, es der Welt überlassend, den leichten Schleier zu heben und darunter das Herz von lauterem Gold zu entdecken,

schreibt Eugenie Schumann, die jüngste Tochter Clara und Robert Schumanns, in ihrem Buch „Erinnerungen“. Sie hatte Johannes Brahms lange Jahre hindurch aus nächster Nähe erlebt.

Für uns Nachgeborene grenzt es an Vermessenheit, den Musiker darstellen zu wollen, ohne gleichzeitig seine Musik vorzuführen. Denn seine Musik ist es, die uns sein Wesen noch am ehesten zu offenbaren vermag. Gleichzeitig entlastet mich Brahms des Vorwurfs, nicht bereit zu sein, hier seine Musik zu besprechen und in eine Stilkategorie einzuordnen, schreibt er doch selbst an Clara Schumann:

Sie wissen, ich liebe es durchaus nicht, Musiker und ihre “Tendenzen” zu besprechen, “zu analysieren”.

DIE WURZELN

Johannes Brahms wurde am 7. Mai 1833 in Hamburg geboren, in einer der ärmsten, düstersten Gegenden der Stadt,

im „Gängeviertel“, Specksgang 24.

Sein Vater Johann Jakob stammte aus Heide in Dithmarschen. Als Musiker, der mehrere Instrumente spielen konnte, übersiedelte er nach Hamburg, um sich dort als Musikant durchzuschlagen.

Gängeviertel 1893

Gängeviertel 1893

In der Ulricusstraße betreiben zwei Schwestern einen kleinen Kurzwaren-Laden und vermieten Schlafstellen. Die ältere von beiden, Johanna Henrike Christiane Nissen, ist nebenbei Näherin und bereitet das Essen für die Mieter. Sie hinkt ein bißchen.

Acht Tage, nachdem Johann Jakob bei den Schwestern Unterkommen und Behaglichkeit gefunden hat, macht der stets Kurzentschlossene Christiane einen Heiratsantrag. Sie ist 17 Jahre älter als er und schenkt in der Folgezeit ihren drei Kindern Elise, Johannes und Fritz das Leben.

Mit Fleiß versucht die Familie, sich über Wasser zu halten. Der Verdienst für ihre Mühen ist gering. Der Vater hat zwar 1830 eine Hornistenstelle in der Bürgerwehr erhalten und tritt 10 Jahre später als Kontrabassist in ein Sextett ein, das im vornehmen

Alsterpavillon 1841

Alsterpavillon 1841

Alsterpavillon am Jungfernstieg Unterhaltungsmusik spielt, doch die Bezahlung ist gering und unregelmäßig, denn der Lohn wird bei den Gästen eingesammelt, richtet sich also jeweils nach deren Zahl. Später steigt Johann Jakob zum Orchestermusiker auf.

Dammtorwall 1880

Dammtorwall 1880

Er zwingt seine Familie zu häufigen Umzügen, die jedesmal in eine komfortablere, aber auch teurere Wohnung führen. Im Specksgang verbringt Johannes Brahms nur die ersten sechs Monate seines Lebens. Die wichtige Entwicklungszeit seiner Jugend – vom 9. bis zum 17. Lebensjahr – wohnt er mit seiner Familie am Dammtorwall 29, einer lichteren Hamburger Wohngegend.

Früh erkennen die Eltern die musikalische Begabung ihres Johannes. Er bekommt Klavierunterricht bei Cossel, später bei Marxsen. Beide sind rührend um den musikalischen Fortschritt des Hochbegabten bemüht.

Ein Jahr nach dem großen Hamburger Brand tritt der zehnjährige Johannes 1843 das erstemal als Klavierspieler in einem öffentlichen Konzert auf. 12-jährig beginnt er aus eigenem Willen, sich das gesamte klassische Klavier-Repertoire einzuüben. Marxsen erteilt ihm Unterricht in Komposition und Kontrapunkt. Brahms schreibt seine ersten Stücke.

Beim Aufspielen des Vaters in den Kneipen der Umgebung springt er mit ein, um zum Unterhalt der Familie beizutragen. Das Milieu kann den ernsten, in sich gekehrten Jungen nicht herabziehen, wenn es seiner jungen Seele auch schwer zu schaffen macht, wie er später einmal erzählen wird. Schutzschild seiner Seele werden die Gemütstiefe und Herzensgüte seiner Mutter gewesen sein. Die zahlreichen Gedichte, die sie kennt, legen den Grund zu seiner Liebe zum Volkslied. In Übereinstimmung mit dem Jugendfreund, Dirigenten und Komponisten Albert Dietrich meint der Biograf Malte Korff:

Das Brahms’sche Werk ist generell vom deutschen Volkslied, seiner Schlichtheit, seiner tiefen Innigkeit und Naturverbundenheit inspiriert.

Und Dietrich fand, daß dies „Volksliedartige“ der Brahms’schen Musik den „herzgewinnenden Zauber“ verleihe, den auch Wilhelm Furtwängler später empfinden wird. Er spricht von Brahms’ Fähigkeit,

mit und aus der großen überindividuellen Gemeinschaft des Volkes heraus zu leben und zu fühlen.

Zu seiner Mutter hat er zeitlebens ein ganz besonders inniges Verhältnis bewahrt.

Clara Schumann wird später – Brahms ist längst ein berühmter Komponist und Klaviervirtuose – in ihr Tagebuch schreiben:

Die Frau ist so prächtig! Sie gibt’s, wie sie’s hat, so einfach und gemütlich, macht gar kein Hin- und Herredens, und so hab ich’s am liebsten.

Deswegen hat sie sie als wahre Freundin auch immer einmal wieder in Hamburg besucht und bei ihr einige Tage gewohnt. Die Mutter spricht von ihr als dem „Engel“ und der „herrlichen Frau Schumann“. Und Brahms berichtet Clara Schumann später aus Hamburg:

Von Dir sprechen wir viel, sie lieben Dich alle so sehr.

Die heitere, humorvolle Mutter verbringt in Brahms Jugendzeit gern mit ihrem Johannes als ihrem lieben Gesprächspartner die Abende, wenn die Geschwister schon schlafen und der Vater auswärts musiziert.

Später wird Johannes an Clara Schumann schreiben:

Es ist so herrlich, bei den Eltern sein. Die Mutter möchte ich immer mitnehmen können.

Sein Biograf Kalbeck erhält später (1894) im Gespräch mit Brahms ein wenig Einblick in dessen Seele und hält fest:

Auch der eigenen Jugend gedachte Brahms in abgerissenen, aber innigen, aus der Tiefe des Herzens herausgeholten Worten … wie seine Eltern ihn, und wie er sie geliebt habe, wie sauer es ihnen und ihm geworden sei, sich anständig durchzubringen, welchen Demütigungen und Kränkungen er und sie in seiner Vaterstadt ausgesetzt gewesen seien …

Brahms Mutter

Brahms Mutter

Doch tiefer und offenbarer kommt seine Liebe zu seiner Mutter und seine Trauer um sie in seiner Musik zum Ausdruck wie im Adagio mesto des Horntrios op. 40, das noch 1865, in ihrem Todesjahr, entstand, und ergreifend im nachkomponierten Satz des „Deutschen Requiems“ mit dem Sopran-Solo „Ihr habt nun Traurigkeit“, zu dem der Chor leise singt:

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Als die Mutter alt geworden ist, kommt es zur Scheidung vom Vater, und wenige Monate danach stirbt die vereinsamte Frau.

Der Vater

Johann Jakob findet sehr schnell eine neue Frau, die Witwe Karoline Schnack. Noch im Todesjahr Christianes heiraten sie. Brahms ist recht froh über die Wahl seines Vaters und behält ein herzliches Verhältnis zu seiner Stiefmutter bis zu ihrem Tode.

Brahms Vater und Stiefmutter

Brahms' Vater und Stiefmutter

Die wahre Bedeutung ihres Sohnes und Bruders, des Musikers Johannes Brahms, vermag die kleinstbürgerliche Familie nicht einzuschätzen, bedauert Clara Schumann:

Wie kann es mir so leid tun, Johannes gerade von den Seinigen am wenigsten verstanden zu sehen! Mutter und Schwester ahnen nur das Außergewöhnliche in ihm, aber Vater und Bruder können nicht einmal das!

Brahms sieht das genau so, schreibt den Eltern in seinen zahlreichen Briefen kaum jemals etwas von seinen Werken, Konzerten, Erfolgen, Mißerfolgen. Gustav Jenner gegenüber kennzeichnet er seines Vaters Verständnis 1888 – wohl eher schmunzelnd:

Wenn mein Vater heute noch lebte, und ich säße etwa im Orchester am ersten Pult der zweiten Geige, so könnte ich immerhin zu ihm sagen, ich sei etwas geworden.

HINAUS IN DIE WELT!

Am 19. April 1853 begibt sich der introvertierte Johannes Brahms das erste Mal auf Reisen. Sein Begleiter ist der temperamentvolle ungarische

Geiger Eduard Reményi alias Hoffmann,

der 1849 den Revolutionswirren seiner Heimat entflohen und nach Hamburg gelangt ist. Von dessen Zigeunerweisen ist Brahms hingerissen. Sie bilden den Grundstock seiner sogenannten Ungarischen Tänze.

Brahms und Reméyi

Brahms und Reméyi

Die wirklich ursprüngliche ungarische Volksmusik ist jedoch mit der Zigeunermusik nicht gleichzusetzen. Erst Kodály und Bartók werden sie später entdecken und aus der Verborgenheit hervorholen.

Nach Winsen an der Luhe, Lüneburg, Celle, wo sie jeweils konzertieren, steuern die beiden Musiker Hannover an. Dort wirkt der berühmte Geiger Joseph Joachim als Hofkonzertmeister des Königs Georg V. Am 8. Juni spielen sie dem blinden König vor. Der Hofpianist Ehrlich berichtet:

… der Geiger gefiel sehr, der Pianist weniger; sein Scherzo war kein Hofkonzertstück.

Doch Joachim erkennt in dem befangenen Brahms das Genie. Eine lebenslange Freundschaft nimmt ihren Anfang.

Reményi und Brahms reisen weiter zu Franz Liszt nach Weimar. Der amerikanische Pianist William Mason ist Zeuge der Begegnung:

Dann endlich kam Liszt herunter. Nach allgemeiner Unterhaltung wandte er sich an Brahms und sagte: “Es interessiert uns sehr, etwas von Ihren Kompositionen zu hören. Haben Sie wohl Lust, etwas vorzuspielen?” Doch Brahms, der offensichtlich sehr nervös war, versicherte, es sei ihm völlig unmöglich, in einer solchen Verwirrung zu spielen, und er war trotz Zuredens von Liszt und Reményi nicht bereit, ans Klavier zu gehen. Liszt sah, daß so kein Weiterkommen war und ging zu dem Tisch, nahm das erste Stück, jenes unleserliche Scherzo, in die Hand und sagte: “Nun, so werde ich es spielen müssen.” Er legte die Noten auf das Pult … Ich zitterte förmlich, als Liszt das Scherzo auflegte. Er jedoch spielte es wundervoll vom Blatt und machte gleichzeitig kritische Anmerkungen zu dem Gespielten, daß Brahms verblüfft und begeistert war.

Joseph Joachim

Joseph Joachim

Die Reise endet mit dem Zerwürfnis des Musikerduos. Brahms wendet sich nach Göttingen, wo

Joseph Joachim

sich von seinen Konzertaktivitäten erholt und an der Universität Sommervorlesungen hält. Die Freunde wandern miteinander und sprechen über die verschiedenen Entwicklungsrichtungen in der Musik der neuen Zeit. Joachim nimmt Brahms mit zu studentischen Zusammenkünften, wo über Demokratie, Liberalismus und die Einheit der Nation gesprochen wird. Die Studentenlieder, die er hier hört, wird er später in seiner „Akademischen Festouvertüre“ verarbeiten.

Bei den Musizierabenden des Göttinger Musikdirektors Arnold Wehner treffen sie auch den Dichter des Liedes der Deutschen, Hoffmann von Fallersleben. Dessen Texte „Liebe und Frühling“ I und II hat Brahms schon vertont.

Nach erfolgreichem Konzert mit Joachim und Wehner legen ihm Freunde nahe,

Robert und Clara Schumann in Düsseldorf

aufzusuchen. Der schüchterne Brahms zögert, doch dann macht er sich Ende Juli auf den Weg, der ihn zur entscheidenden Wendung seines Schicksals führen wird. Joachim hält auch hier seine schützende Hand über ihn: Er empfiehlt, bei der Kölner Bankiersfamilie Deichmann einzukehren, die auch gute Beziehungen zu Schumanns unterhält.

Bei Deichmanns wird er freundlich aufgenommen und bekommt erstmals Partituren Robert Schumanns zu Gesicht, die er „kennen und lieben“ lernt, wie er Joachim begeistert schreibt.

In dem schlichten Düsseldorfer Haus der Schumanns wird er von der 12-jährigen Marie, der ältesten Tochter der Schumanns, empfangen und beim Vater Robert angemeldet. Wortkarg führt der ihn an den Flügel und fordert ihn auf zu spielen. Nach kurzer Zeit verläßt Robert das Zimmer und kommt mit seiner Frau Clara zurück:

Hier sollst du Musik hören, wie du sie noch nie gehört hast.

In dieser Atmosphäre taut der junge Mann auf. Clara Schumann schreibt in ihr Tagebuch:

Da ist wieder einmal einer, wie eigens von Gott gesandt. – Er spielte Sonaten, Scherzos etc. von sich, alles voll überschwenglicher Phantasie, Innigkeit der Empfindung und meisterlich in der Form … Es ist rührend, wenn man diesen Menschen am Klavier sieht mit seinem interessanten jugendlichen Gesicht, das sich beim Spielen ganz verklärt, seine schöne Hand, die mit der größten Leichtigkeit die größten Schwierigkeiten besiegt …

Robert Schumann 1839

Robert Schumann 1839

Brahms zieht in die Nähe der Schumanns und ist nun häufiger Gast bei ihnen. Robert Schumann sieht Brahms’ Kompositionen durch. In einer Chorprobe kündigt er den Gast an:

Da ist jemand gekommen, von dem werden wir alle Wunderdinge erleben.

Schumann will dem jungen Komponisten „seinen ersten Gang in die Welt erleichtern“ – wie er Vater Brahms schreibt, um dem eine Freude zu machen – und lobt Brahms in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ in seinem berühmt gewordenen Artikel

„Neue Bahnen“

in den höchsten Tönen:

… Ich dachte, die Bahnen dieser Auserwählten mit der größten Teilnahme verfolgend, es würde und müsse nach solchem Vorgang einmal plötzlich Einer erscheinen, der den höchsten Ausdruck der Zeit in idealer Weise auszusprechen berufen wäre, einer, der uns die Meisterschaft nicht in stufenweiser Entfaltung brächte, sondern, wie Minerva, gleich vollkommen gepanzert aus dem Haupte des Kronion spränge. Und er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten. Er heißt Johannes Brahms, kam von Hamburg, dort in dunkler Stille schaffend …

Johannes Brahms 1853

Johannes Brahms 1853

Am Klavier sitzend, fing er an, wunderbare Regionen zu enthüllen. Wir wurden in immer zauberischere Kreise hineingezogen. Dazu kam ein ganz geniales Spiel, das aus dem Klavier ein Orchester von wehklagenden und laut jubelnden Stimmen machte. Es waren Sonaten, mehr verschleierte Sinfonien. Lieder, deren Worte man, ohne die Worte zu kennen, verstehen würde, … einzelne Klavierstücke, teils dämonischer Natur … dann Sonaten für Violine und Klavier, – Quartette für Saiteninstrumente, – und jedes so abweichend von anderen, daß sie jedes von verschiedenen Quellen zu entströmen schienen …

Wenn er seinen Zauberstab dahin senken wird, wo ihm die Mächte der Massen, im Chor und Orchester, ihre Kräfte leihen, so stehen uns noch wunderbarere Blicke in die Geheimnisse der Geisterwelt bevor. Möge ihn der höchste Genius dazu stärken, wozu die Voraussicht da ist, da ihm auch ein anderer Genius, der der Bescheidenheit, innewohnt …

Robert Schumann hat zwar die Zukunft des Künstlers richtig vorausgesagt, aber gerade dessen Bescheidenheit ist es, die ihn ob der Vorschußlorbeeren erschrecken läßt, ja, sie werden dazu beitragen, seine schöpferischen Kräfte für Jahre zu lähmen. Für „Massen“ hat er überdies bisher nichts komponiert, obwohl seine Werke für kleine Besetzung bereits teilweise enorme Dramatik und gewaltige Ausmaße aufweisen und geradezu nach großer Besetzung rufen. Er schreibt an Robert Schumann:

Sie haben mich unendlich glücklich gemacht … Gebe Gott, daß Ihnen meine Arbeiten bald den Beweis geben könnten, wie sehr Ihre Liebe und Güte mich gehoben und begeistert hat. Das öffentliche Lob, das Sie mir spendeten, wird die Erwartung des Publikums auf meine Leistungen so außerordentlich gespannt haben, daß ich nicht weiß, wie ich denselben einigermaßen gerecht werden kann …

Brahms studiert nun gemeinsam mit Joachim Kontrapunkt und beim Göttinger Musikdirektor Grimm Instrumentierung, wovon er seiner Meinung nach bisher keine Ahnung gehabt hat.

Clara!

Robert Schumann leidet zunehmend an Kopfschmerzen, Dauerton im Ohr, Halluzinationen. Am 27. Februar 1854 stürzt er sich von der Rheinbrücke, wird gerettet und in die Heilanstalt Endenich bei Bonn eingeliefert.

Clara Schumann 1853

Clara Schumann 1853

Brahms eilt zur unglücklichen Familie Schumann, um zu helfen. Er hütet die Kinder, hört zu, tröstet – ist aber längst tief ergriffen von seiner Liebe zu Clara Schumann. Ist er von ihr getrennt, empfindet er „tiefe Wehmut im Herzen“.

Ich sehne mich unendlich, Sie wiederzusehen, teuerste Frau, lassen Sie uns nicht länger als nötig warten.

Seit ich diesen herrlichen Sommer mit Ihnen verlebte …

… jedes Buch, jedes Heft, das ich von Ihnen habe, ist mir doppelt lieb, es ist mir heilig, und Sie müßten sehen, wie zärtlich ich die Bücher anfasse!

Wie lange und wie bange habe ich Ihren Brief erwartet …

O, Sie Beste der Frauen!

So singt und klingt es – voll Schmerzen – aus seinen Briefen an Clara Schumann in dieser Zeit, und mit jedem Freund möchte er über Clara „schwärmen“. Tagelang kann er nichts anderes denken als „Clara“.

Clara Schumann hat ihre Briefe aus dieser Zeit später vernichtet, wie mit Brahms verabredet. Marie hat sie in der Vernichtungsaktion aufhalten können, aber viele Briefe waren schon verloren. In ihrem Tagebuch jedoch finden sich Eintragungen, die ihre Gefühle für Brahms aufzeigen:

Dann scheint mir beim Künstler nicht das Alter, sondern, wie überhaupt bei allen Menschen, der Geist maßgebend, und so denke ich im Zusammensein mit Brahms nie an seine Jugend, sondern fühle mich durch seinen Geist immer in schönster Weise angeregt.

Oder:

Ich muß doch recht dem Himmel danken, daß er mir in meinem großen Unglück einen solchen Freund geschickt, der mich geistig nur erhebt … und mit mir fühlt, was ich leide.

Zu ihrer „innigsten Freude“ fährt der sehnsuchtsvolle Brahms der Konzertreisenden nach. Als Clara Schumann im August 1855 alle Hoffnung für Roberts Rückkehr aus der Heilanstalt aufgeben muß, zieht sie in eine Etagenwohnung um, in der auch Johannes ein Zimmer erhält.

Er übt fleißig Klavier, kommt aber in seinem kompositorischen Schaffen nicht voran. Selbstzweifel martern ihn, er fühlt den „Riesen“ Beethoven und – nach Schumanns überschwenglicher Ankündigung seiner Genialität – den Erfolgszwang „im Rücken“. Er beginnt mit der Arbeit an seiner 1. Sinfonie, deren endgültige Form er erst 1876 gefunden haben und erst dann „guten Gewissens“ der Öffentlichkeit präsentieren wird. An Clara Schumann schreibt er:

Wundere Dich nie, daß ich nicht von meinen Arbeiten schreibe. Ich mag und kann das nicht … Ich bin nie, oder nur ganz selten etwas zufrieden mit mir … Ich habe aber so wenig Lust …, über meinen Mangel an Genie und Geschick zu anderen zu lamentieren …

Robert Schumann stirbt am 29. Juli 1856 und wird tags drauf beerdigt. Clara Schumann ist nach allen seelischen und körperlichen Anstrengungen der letzten Jahre urlaubsreif. Zu fünft – mit zweien ihrer Söhne und Brahms mit seiner Schwester – geht die Reise in die Schweiz. Am Ende des Urlaubs im Oktober trennen sich ihre Wege. Clara bringt Johannes zum Zug.

… als ich zurückging, da war mir’s, als kehrte ich von einem Begräbnis zurück.

Eugenie Schumann 1871 (20-jährig)

Eugenie Schumann 1871 (20-jährig)

Dennoch: Sie bleiben Freunde bis ans Ende ihres Lebens. Brahms gehört zur Familie, in die er immer wieder aus der Fremde heimkehrt. Eugenie Schumann berichtet:

Wir ließen ihn mit uns leben, ohne ihn gerade viel zu beachten.

Marie, die älteste Schumann-Tochter, hatte sich zur Lebensaufgabe gemacht, der Mutter den Haushalt zu führen. Eugenie berichtet weiter:

Ihr freundlich gleichmäßiges Wesen, das Wohlwollen, welches sie jedem Gast entgegenbrachte, schufen eine Atmosphäre, in der alle sich wohl fühlen mußten. Und nun gar für Brahms, den geliebten Freund der Mutter, sorgte sie von der Zeit der Badener Sommer her bis zu seinem letzten Besuch in Frankfurt im Jahre 1895 mit nie erlahmender Aufmerksamkeit, ihm jedes Bedürfnis an den Augen ablesend. Er sei in bescheidenen Haushaltungen der einfachste und anspruchsloseste Gast gewesen, den man sich denken könne, sagte sie mir noch kürzlich.

Marie Schumann

Marie Schumann

… wir … waren dem Himmel dankbar, der ihr Brahms als Weggefährten geschickt hatte. Auch wußten wir, daß er trotz aller Schroffheit mit ganzer Seele an unserer Mutter hing, daß er sie liebte und verehrte wie niemanden sonst in der Welt. Über alle Verstimmungen hinüber reichten sie sich immer wieder die Hände, konnten es, weil ihre Freundschaft auf dem felsenfesten Grunde der Seelengemeinschaft, des innigsten Verständnisses in allen wichtigen Fragen der Kunst und des Lebens ruhte.

Die Verstimmungen hatten ihren Grund meistens in Brahms’ schroffem Wesen und führten bei der vielleicht übergroßen Empfindsamkeit meiner Mutter manchmal zu Mißverständnissen. Sie war ihr ganzes Leben hindurch von Liebe verwöhnt worden und hatte ein so weiches, zärtliches Herz, daß sie Unfreundlichkeit und Schroffheit von denen, die sie liebte, nicht ertrug.

Wohl verstand sie gerade in bezug auf den Künstler die Stimmungen, denen sie entsprangen, sie wußte davon aus jahrelanger Erfahrung; “sie hatte das Eisen brennen sehen”, wie Brahms ihr einmal schrieb. Sie war auch stets bereit gewesen, den Preis zu zahlen, den der Schaffende als geringen Dank für seine Gaben von der Welt zu fordern berechtigt ist, nämlich Nachsicht in den Stunden des Schaffens. Sie verstand größeres Insichgekehrtsein, Schweigsamkeit, Gereiztheit, nicht aber verstand sie, weil es ihrem eigenen Wesen so fremd war, wenn solche Stimmungen sich in persönlich kränkender Weise äußerten.

Clara Schumann leidet tief unter seinen Kränkungen.

Ich nahm, schon um sie zu trösten und zu beruhigen, bei Gelegenheit Brahms in Schutz, und da erwiderte sie mir jedesmal: “Du weißt nicht, wie er früher war, so zart und liebevoll, ein idealer Mensch.“

Eugenie versucht zu verstehen:

Wer vermag, sich in die Seele eines schaffenden Künstlers zu versetzen, der wird ihm viel verzeihen können. Ein Leben ewigen Hangens und Bangens ist es, ein Abhängigsein von der launenhaften Göttin der Inspiration; nie wird ihm Ruhe; so Herrliches er der Welt schenkt, selten darf er frei aufatmen. Kaum hat sich ein Werk dem Aufruhr seines Innern entrungen, so regen sich neue Gedanken und verlangen gebieterisch nach Luft und Licht. Und kommen dann gar Stunden des Zweifels an dem eigenen Genius, wie sie Brahms so wenig wie andern erspart geblieben sind, dann ist das Leben des Künstlers eine wahre Höllenpein.

Clara Schumann 1859

Clara Schumann 1859

Vielleicht übertreibt sie. Aber sie zeigt ein tiefblickendes Auge, wenn sie schreibt:

… beglückt hat ihn solche Schroffheit nicht; denn sie tat seinem eigenen Herzen wehe. Sie hielt ihn dauernd im Zustand der Abwehr gegen vermeintliche Eingriffe in sein Dasein und seine Unabhängigkeit … Ja, Brahms hat viel gelitten, er war eben Mensch und der menschlichsten einer unten den Menschen, aber deshalb hatten ihn auch wiederum die Menschen so lieb.

Dennoch sagten „wir Schwestern“ aus Mitgefühl für die Mutter „ihm öfters tüchtig unsere Meinung.“ Wenn jedoch jemand anderes Clara Schumann kritisierte, setzte er sich sofort für sie ein.

Ich sah Brahms so gerne an, wenn er: “Ihre Mutter” sagte. Sein Auge leuchtete dann so blau, so rein und innig. – Wir Kinder liebten an Brahms seine jugendfrische Männlichkeit, sein urdeutsches Wesen, seine Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit, die Klarheit seines Geistes, der die Dinge so hell sah und sehen ließ, vor allem aber liebten wir an ihm seine Liebe zu unserer Mutter.

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