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Wikingerschiff

Besitz stirbt,
Sippen sterben,
du selbst stirbst wie sie;
eins weiß ich,
das ewig lebt:
der Toten Tatenruhm.
Edda

Mit dem Archeologen Dr. Wolf-Dieter Tempel auf den Spuren der Wikinger

Dr. Tempel an einem Stein, Schloß Krageholm Ystad

Dr. Tempel an einem ungewöhnlichen Stein am Schloß Krageholm bei Ystad

- so fuhr unsere Reisegruppe durch Dänemark, Schweden und Norwegen. Wir besichtigten – unter anderen schönen geschichtsträchtigen Objekten – Runenstein um Runenstein und Wikinger-Grabanlage um Wikinger-Grabanlage.

Beeindruckend und zu mancherlei Gedankensplittern Anlaß!

Krageholm bei Ystad

Im nebenstehenden Bild sehen wir unseren Reiseleiter an einem Stein auf dem Schloßgelände Krageholm in der Nähe der südschwedischen Stadt Ystad. Der Stein unterscheidet sich von den üblichen Runensteinen in Skandinavien: Denn er enthält keine Inschrift, wohl aber

das Bild eines Mannes, der ein Kreuz trägt, vermutlich einen christlichen Geistlichen.

Der Priester ist deutlicher zu sehen in diesem Ausschnitt aus einem Foto Dr. Tempels

Der Priester ist deutlicher zu sehen in diesem Ausschnitt aus einem Foto Dr. Tempels

Ungewöhnlich ist einerseits die fehlende Inschrift, andererseits war es aber auch nicht üblich, Geistlichen noch einen Runenstein zu setzen.

So Dr. Tempel, der es – wohltuend streng wissenschaftlich – unterließ, nun über die Bedeutung des ungewöhnlichen Bildsteines zu spekulieren. Der Kunststil des Bildes paßt jedoch zu dem der Runensteine aus der Kulturepoche der Wikinger. Und die traten in der Geschichte um etwa 800 bis 1000 kämpfend auf, als das Christentum vom Süden Europas her immer weiter nach Norden vordrang.

Schloß Krageholm Ystad

Schloß Krageholm bei Ystad

Die ältesten Runensteine findet man auf der Insel Gotland. Sie stammen aus dem 6., vielleicht schon dem letzten Abschnitt des 5. Jahrhunderts und enthalten bereits Bild und Ornamentschmuck. Die jüngeren Runensteine Schwedens, Norwegens und Dänemarks zeigen meist nur ein Schriftband, das oft durch Reptilienkopf und Schwanz als Schlange anzusprechen ist. Nach Einführung des Christentums lebt die Sitte, Runensteine aufzustellen, weiter, wobei die Christen meist ein Kreuz in die Mitte der Steinfläche ritzen ließen. (Dr. Tempel)

Runenstein am Schloß Krageholm

Runenstein am Schloß Krageholm

Und so war im Park des Adelssitzes Krageholm ein zweiter Stein zu besichtigen, ein Runenstein. Die Aufschrift heißt in deutscher Übersetzung:

Tonna setzte diesen Stein für Bram, seinen Kameraden (make), zusammen mit seinem Sohn Asgöt. Er (Bram) war der beste unter den Bauern und gab mildtätig Speisen.

Ein Gedenkstein also für einen hervorragenden Mann. Daß er neben seinem Beruf als Bauer auch ein Krieger gewesen wäre, wird nicht gesagt. Dr. Tempel erklärt:

Aufrecht stehende Steine mit Runeninschriften sind in ganz Skandinavien zu finden. In der Regel sind sie Gedenksteine für verstorbene Männer, ganz selten auch für Frauen.

Sölvesborg St. Nikolai

Sölvesborg St. Nikolai

Kalkmalereien in der St. Nicolai-Kirche zu Sölvesborg

Kalkmalereien aus dem 14. Jh. in der St. Nicolai-Kirche zu Sölvesborg

Sölvesborg

Ebenso befindet sich in der St. Nicolai-Kirche der südschwedischen Stadt Sölvesborg ein Gedenkstein für einen Mann, dem nicht Kriegsruhm nachgesagt wird. Auch er wird gelobt für weises Handeln daheim, und zwar bei der Eingemeindung Ortsfremder. Gleichzeitig werden möglichen Frevlern des Denkmals harte Strafen angedroht. Der Text lautet zu Deutsch:

Den neuen Bauern, den neuen Fremdlingen gab Haduwulf ein gutes Jahr. Hariwolf für … ist jetzt Schutz. Tiefe Geheimnisse habe ich hier verborgen: Maßlos in Bosheit, dem Zaubertod verfallen, der dieses Denkmal zerstört.

Runenstein Sölvesborg

Runenstein in Sölvesborg

Dr. Tempel erklärt:

Ein Kleinfürst oder Häuptling Haduwolf hat fremde Bauern aufgenommen und ihnen zu guten Ernten verholfen. Zu seinem Gedenken ist der Stein errichtet worden. Sein Sohn oder Verwandter Hariwolf läßt danach einer Sache oder Person (nicht mehr lesbar), wahrscheinlich ebenso den Neusiedlern, seinen Schutz angedeihen.

Auf die einstige religiöse Heiligkeit der Runen deutet die Inschrift auf einem  Stein in Björketorp hin, der eine ähnliche Drohformel enthält und von “Glanzrunen” spricht, Runen, die den Glanz des Himmels tragen:

Der Glanzrunen Reihe barg ich hier, Zauberrunen. Durch Argheit rastlos, draußen (in der Fremde) ist eines tückischen Todes, wer dieses (den Runenstein) zerstört.

Ledberg bei Linköping

Runenstein auf dem Kirchhof von Ledberg

Runenstein auf dem Kirchhof von Ledberg

Ob Krieger geehrt oder der Ragnarök-Mythos vom Weltenuntergang mit dem Fenriswolf erzählt wird auf dem Runen- und Bildstein in Ledberg, wissen wir nicht. Der Stein

trägt auf zwei Seiten Bilder von Kriegern, einem Wikingerschiff und Tieren, darunter einen Wolf mit weit aufgerissenem Maul, das um die Beine eines der “Kriegers” greift, als wolle er die Person verschlingen.

Einige schwedische Forscher wollen darin Szenen aus dem Weltuntergangsmythos erkennen, wo der Fenriswolf den Gott Odin verschlingt … Es fehlen jedoch … die typischen Attribute des Gottes …

Auf einer der Schmalseiten des Steins befindet sich die Ritzung eines Kreuzes, das Wurzeln wie ein Lebensbaum aufweist.

Ledberg KreuzseiteEs ist möglicherweise nachträglich angebracht worden, um den Stein zu christianisieren. Es kann aber auch durchaus sein, daß in der Übergangszeit heidnische und christliche Überlieferungen von denselben Personen geglaubt, erzählt oder abgebildet wurden. (Dr. Tempel)

Im Staatlichen Historischen Museum Stockholm

sind mehrere Bildsteine der Wikingerzeit von der Insel Gotland zu betrachten. Stockholm 3StockholmStockholm 4Stockhom 2Stockhom 5

Die Steine stammen aus der Zeit von 400 bis 1000 n. Chr. Sie bilden eine völlig eigene Gruppe der Gedenksteine, die früher beginnt als die sonst üblichen Runensteine Skandinaviens.

Dargestellt ist sehr häufig im unteren Teil ein Schiff, das wohl anzeigt, daß der Stein einem Seefahrer gewidmet ist.

Im oberen Teil sind oft Szenen aus den Götter- und Heldensagen zu sehen.

Stockholm GotlandStockholm Ziertiere

Diese Bildsteine – nur wenige enthalten auch Runen – stellen offenbar, und zwar sehr kunstvoll und sehr ästhetisch, die alten Mythen dar. Deutlich erkennbar ist Odin auf seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir.

Odin auf Sleipnir (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Sleipnir)

Odin auf Sleipnir (Teilfoto aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Sleipnir)

Bei dem Stein mit dem Reiter (unten) könnte es sich aber um einen Gedenkstein für einen Krieger-Helden handeln, der mit Lanze, Schwert und Schild in den Kampf reitet.

Stockholm Krieger

Schloß Gripsholm

Schloß Gripsholm

Der Ingvar-Stein im Schloßpark von Gripsholm

Seine Inschrift lautet:

Tola ließ diesen Stein errichten für ihren Sohn Harald, Ingvars Bruder. Sie fuhren mannhaft fern nach Gold, und gaben im Osten dem Adler Futter. Sie starben südwärts in Serkland.

Gripsholm, Ingvar-Stein

Gripsholm, Ingvar-Stein

Hier erfahren wir von dem berühmten Wikingerzug des  Ingvar nach Osten. Seine Mutter Tola setzte den Stein und berichtet von den  “mannhaften” Handels-Kriegern, die im Osten – makaber! – dem Adler Futter gaben, d. h. Menschen töteten, die sich ihnen im Serkland (Sarazenenland?) wohl entgegengestellt hatten. Dabei fanden die Ostlandfahrer selbst den Tod.

Allein 25 Runensteine in Schweden erzählen von diesem Wikingerzug des Ingvar.

Ostland-Fahrer

Von rund 2500 schwedichen Runeninschriften der Wikingerzeit und des Mittelalters lassen sich über 100 den “Ostfahrerinschriften” zurechnen, deren zentrales Verbreitungsgebiet nördlich und südlich des Mälarsees liegt. Durch die erwähnten Ortsnamen erschließen diese Runensteine den enormen Aktionsradius der Skandinavier nach Osten,

schreibt Christiane Zimmermann in ihrem Artikel “Sie starben im Osten” in der Zeitschrift “Archeologie in Deutschland” 4/2000 und fügt eine Karte der diesbezüglichen Runensteine bei:

Karte Runensteine

Sie berichtet weiter:

Über Zweck, Verlauf und Risiken der Fahrten gen Osten informieren die Runensteine nur selten. Zu den Ausnahmen zählt der … Stein von Mervalla, der von Sveins zahlreichen Fahrten die Dúna hinauf nach Sœmgallir berichtet. Mit seinem Handelsschiff (knorr) mußte er dabei auch das gefährliche Kap Domesnes umsegeln.

Nach Osten, austr, ging auch die Fahrt der Söhne Ingigers, der Brüder von Styrlög und Holm. Muttzer und Brüder, bereits zu Christen geworden, setzten ihnen je einen Gedenkstein:

Styrlög und Holm errichteten diese Steine für ihre Brüder, dem Weg am nächsten. Sie starben auf dem Austrvegr, Thorkel und Styrbjörn, die vornehmen und mutigen Männer. Ingigerd ließ einen weiteren Stein errichten, im Gedenken an ihre Söhne, ein Monument für alle sichtbar. Gott helfe ihrer Seele. Thorir ritzte (dies).

“Für alle sichtbar” waren sie denn auch an ihren Standorten an Brücken, Furten und Straßen.

Die Inschriften folgen einem immer gleichen Schema: Sie geben an, wer den Stein für wen gestiftet hat, in welchem (Verwandtschaft-)Verhältnis sie zueinander standen und für welche  Leistungen die Toten geehrt werden. Oft liest man auch den Namen dessen, der die Runen geritzt hat. Genauere Angaben – vor allem für die Gründe der Fahrten – fehlen zumeist.

Neben der verbreitetsten sehr allgemeinen Angabe “austr” findet sich allerdings auch hin und wieder die Formel “austr í Grikkjum” (”im Osten bei den Griechen”). Zimmermann erklärt:

Sie verweist ihrerseits auf das Gebiet des byzantinischen Kaisers, um den sich die berühmte skandinavische Warägerleibgarde (væringjar) scharte. In den Norden des Austrvegr weist dagegen die Formulierung austr í Garðum, die das Gebiet um Holmgarðr, nördlich und südlich des Ilmensees bezeichnet.

Auf der Karte ist Garðar eingetragen, heute ein Teil von Rußland. Die Autorin berichtet weiter:

Der Ortsname Holmgarðr selbst, der vermutlich ebenso für das ältere Gorodischtsche wie für das jüngere Nowgorod verwendet wurde, erscheint in nur drei Runeninschriften.

Weitere Reiseziele, die in den heutigen baltischen Staaten lokalisiert werden können, sind Eystland, Virland, Lifland und Vindøy, womit sowohl der Fluß als auch der Hafen in dessen Mündungsbereich gemeint sein kann.

Man fühlt sich an die Hanse erinnert! Der Welthandel ist also keine Erfindung unserer Zeit, sondern eine Erscheinung aus früher Zeit der ausgreifenden nordischen Seefahrervölker. Die Wikinger trugen ihre Schiffe Richtung Osten – wenn es sein mußte – auch über Land von Fluß zu Fluß.

Gern würden wir Näheres über die Ostreisen der Wikinger erfahren, als die bisher gefundenen Runensteine in ihrer formelhaften Beschränkung aussagen. Die Autorin meint aber, daß

… die in den letzten Jahrzehnten auf russischen Fundplätzen angetroffenen Runenfunde doch hoffen (lassen), daß sich die Einblicke in das Leben der “Ostfahrer” in naher Zukunft konkretisieren und differenzieren lassen.

Dänemark zur Wikingerzeit (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Haithabu)

Dänemark zur Wikingerzeit (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Haithabu)

Jelling – Keimzelle Dänemarks

Jelling

Jelling

Die kleine Kirche von Jelling auf Jütland (rechts im Bild) steht zwischen zwei riesigen Grabhügeln. Auf dem Bild ist der nördliche, der Gormshügel – Gormshøj -, zu sehen. Dessen Gegenstück, der Südhügel, auf der andern Seite der Kirche ist nicht mit aufs Bild gekommen. Einst sah es dort wohl mal so aus, wie Henrik Rantzau es 1591 aufgezeichnet hat:

Jelling (Rantzau)

Eine merkwürdige und beeindruckende Anlage! Zu ihr gehören auch noch zwei Runensteine. Dr. Tempel stellte eine Aufriß-Zeichnung zur Verfügung:

Jelling von oben

Jelling von oben

Die eingezeichnete Schiffsform ergibt sich aus aufrecht stehenden Steinen unter dem Südhügel (r.), die darauf hindeuten, daß sich hier vor Errichtung der Kirche eine schiffsförmige Grabanlage befunden haben wird nach der Art, wie man sie in ganz Skandinavien antreffen kann. Die großen heute noch vorhandenen, so beeindruckenden Grabhügel wurden also auf einem alten – heiligen – Gräberfeld errichtet.

Runenstein Harald Blauzahns in Jelling, Vorderseite

Runenstein Harald Blauzahns in Jelling, Vorderseite

Im nördlichen Grabhügel (l.) wurde der Vater Harald Blauzahns, Gorm, der letzte heidnische König, bestattet. Bei der Ausgrabung jedoch fanden die Archeologen eine ausgeräumte Grabkammer. Dr. Tempel vermutet:

Wahrscheinlich hat sein bereits christlicher Sohn Harald den Vater in die zwischen den Grabhügeln errichtete Kirche umgebettet, die schon einen hölzernen Vorgängerbau hatte.

Runenstein Jelling Rückseite

Runenstein Jelling Rückseite

Harald Blauzahn, 958 zur Herrschaft über ganz Dänemark gelangt, nahm 965 das Christentum an und rühmt sich auf dem großen Runenstein, auf dessen Vorderseite der Gekreuzigte – noch im altnordischen Kunststil – abgebildet ist:

Harald König befahl, diese Grabmäler zu machen, nach Gorm seinem Vater und Thyra seiner Mutter, derselbe Harald, der ganz Dänemark und Norwegen gewann und die Dänen zu Christen machte.

Über seine Bedeutung erfahren wir bei Wikipedia:

Bildnis Harald Blauzahns im Dom zu Roskilde

Bildnis Harald Blauzahns im Dom zu Roskilde

Der Sohn Gorms des alten und seiner Frau Thyra Danebod fiel mehrmals in die Normandie ein, wo er 945 Richard den Furchtlosen unterstützte, indem er Ludwig IV. gefangen nahm und ihn zwang, Richards Herrschaft anzuerkennen.Er erkannte 948 die deutsche Hoheit an und gründete die BistümerÅrhus, Ripen, und Schleswig, wodurch die Christianisierung Skandinaviens begann. 950 gründete er Jomsburg (auch bekannt unter Julin, Jumne, Wollin) im späteren Pommern.

Aufgrund einer gescheiterten Rebellion gegen das Heilige Römische Reich ließ sich Harald um 960 am Poppostein taufen und bekam die Eider-Schlei-Grenze zugesprochen und damit Dänemark.

Er verbündete sich mit den Söhnen des von Håkon dem Guten vertriebenen Erik Blodøks. Nach dem Tode Håkons des Guten besetzte er Süd-Norwegen und nannte sich König von Norwegen. Er setzte die Söhne von Erik Blodøks zu Jarlen ein …

beide Runensteine in Jelling

beide Runensteine in Jelling, rechts der für Thyra

Im Südhügel gab es kein Grab. Dr. Tempel berichtet:

Man nimmt an, daß Gorm den Hügel für seine Gemahlin Thyra errichtet hat, die dann aber im Thyrahügel auf Fünen begraben sein wird.

Und so hatte Gorm für Thyra auf dem kleineren Runenstein in alter Weise einritzen lassen:

Gorm schuf diese Grabmäler nach Thyra, seiner Gemahlin, Dänemarks Zierde.

Der Leichnam Harald Blauzahns indes wurde im Dom zu Roskilde beigesetzt. Drinnen findet sich ein Bildnis von ihm (s. o.). An die ehemalige Wikingerkleidung erinnert an seinem Anzug nichts mehr.

Roskilde

Roskilde

Haitabu

Das Gelände der ehemaligen Stadt Haitabu

Das Gelände der ehemaligen Hafen-Stadt Haitabu an der Schlei (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Haithabu)

Die vier südlichsten Runensteine wurden im Umkreis von Haitabu, dem alten Schleswig im südlichsten Teil des damaligen Dänemark, gefunden.

Hier erfahren wir auf einem Runenstein am Rande des Ortes Busdorf am Fuß eines Grabhügels aus der Wikingerzeit von einer Fahrt nach Westen, offenbar nach England. Die Inschrift lautet:

Haitabu

König Sven (Gabelbart) setzte (den) Stein nach Skarthi, seinem Gefolgsmann, der gefahren war (nach) Westen und nun getötet wurde bei Haitabu.

Zusammenfassung mit Gedankensplittern

Christiane Zimmermann stellt mit Recht fest, was auch mir als Reisender aufging:

Zwar hängt das Wort “Rune” mit dem deutschen Verb “raunen” zusammen, aber was uns die wikingerzeitlichen Runensteine … mitteilen, sind alles andere als Geheimnisse. Vielmehr gewähren ihre Inschriften schlaglichtartig Einblicke in die damalige Gesellschaft mit ihren geradezu kosmopolitisch vielschichtigen Kontakten.

Darüberhinaus haben die Bodenfunde einigen Aufschluß ergeben in den Alltag, die Kleidung, die Werkzeuge, die Behausungen, die Lebensart der Wikinger. Darüber in weiteren Reiseberichten hier bei Adelinde!

Aber viele Fragen bleiben offen, vor allem die nach der Weltanschauung der damaligen Menschen und nach ihrem Befinden beim Glaubensumbruch. Wie bewerkstelligte Harald Blauzahn die Christianisierung Dänemarks? Wurde Gewalt angewendet, kam es zu Verfolgungen, Gedankenknebelung?

Zerstörten die Wikinger – wie auch die Wenden – im 9. Jahrhundert die Hammaburg, die Urzelle Hamburgs, den nördlichsten Vorposten des Christentums, weil sie den mit Feuer und Schwert vordringenden neuen Glauben abwehren wollten? Setzte sich der Glaubenskrieg, den die südlichen Germanenstämme zu durchleiden gehabt hatten, bei den Wikingern fort?

Götterdämmerung und Wolfszeit hatte die Seherin Völuspá vorausgesagt. War dieses Grauen damals tatsächlich auch über die Skandinavier gekommen? Wie die Deutschen bauten sie jedenfalls wenige Jahrhunderte nach dem Glaubensumbruch für ihren neuen Gottglauben großartige Kirchen und Dome. Zu dem beeindruckenden Bau des Doms zu Uppsala wurde 1260 der Grundstein gelegt.

Dom zu Uppsala

Dom zu Uppsala (aus: Wikipedia)

Vor 30 Jahren in Tromsö

zögerte die Inhaberin eines Textil-Ladens, uns Deutschen was zu verkaufen. Die Erinnerungen an die deutsche Besatzung waren noch zu wach und der Wille, die Deutschen als Kollektiv verantwortlich zu machen und zu bestrafen, allgegenwärtig. Sie konnte dann aber doch nicht umhin, uns ihr Angebot zu unterbreiten, freundlich sogar. – War sie durch die unmittelbare Begegnung mit uns als harmlosen deutschen Einzelpersonen dazu bereit geworden oder mehr durch ihr Gewinnstreben?

Meine Mutter trug ihre schmucke Norweger-Jacke jedenfalls fast täglich viele, viele Jahre lang.

Im Juli 2010 in Stockholm

schlenderte ich abends mit einer Gruppe Deutscher durch die Gassen der Altstadt, um noch ein nettes Lokal zu finden, wo wir den Rest des Abends hätten verbringen können, als wir durch einen plötzlich aufbrausenden Jubel von unserem Vorhaben abkamen.

Vor einem Lokal saß und stand eine Menschenmenge, die durch die weit geöffneten Fenster im Fernseher, der drinnen lief, die WM verfolgte. Auch drinnen war jeder Platz besetzt. Was hatte den Jubel verursacht? Ein Tor der Deutschen gegen Uruguay! Wer hätte das gedacht! Jubel von Menschen aus aller Welt für Deutschland!

Drinnen konnten wir noch die letzten Minuten des Spiels mitverfolgen. Als Uruguay dem deutschen Tor gefährlich wurde, zog die Zuschauermenge angstvoll zischend die Luft durch die Zähne und war erleichtert, daß es nochmal “gutgegangen” war.

3:2 für Deutschland – Glücksgefühle von Nicht-Deutschen in Stockholm!

Stockholm

Stockholm

Zu Hause angekommen, las ich

“Erinnerungsarbeit”

von Margarete Mitscherlich, ein Buch, das sie 1993 geschrieben und noch 2006 für wichtig genug gehalten hatte, in 2. Auflage erneut herauszukommen. Darin, aber schon im Untertitel – “Zur Psychoanalyse der Unfähigkeit zu trauern” -, bezieht sie sich immer wieder auf das mit ihrem Mann, Alexander Mitscherlich, gemeinsam verfaßte und 1967 herausgegebene Buch über “Die Unfähigkeit zu trauern”, die sie nach wie vor dem deutschen Volk bescheinigt.

Margarete Mitscherlichs Vater war Däne, ihre Mutter Deutsche, beide ihrem Herkunftsland gegenüber “nationalbewußt”. Sie selbst scheint es nun berechtigt zu finden,

Titelbild Mitscherlichdaß die Siegermächte sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, unter dem Eindruck bestialischer Nazi-Greuel, mit dem Gedanken getragen haben, Deutschland in den Zustand eines Agrarlandes zurückzuversetzen, damit es nie wieder in den Besitz von Macht und Mitteln komme, andere Völker mit Mord und Unterdrückung zu überziehen …

Wenn sie diesen Wunsch nicht so einseitig dem deutschen Volk gegenüber unterstützte, sondern ihn auf alle Staaten ausdehnte, gerade auch auf die “Siegermächte”, die unentwegt weiterhin schamlos andere Völker überfallen und Kriege gegen sie führen, wer wollte dann Margarete Mitscherlich widersprechen? Friedliche Agrarvölker – welch verlockende Vorstellung!

Aber die Einseitigkeit überzeugt so wenig wie die moralisch unhaltbare Zuweisung von Kollektivschuld an das gesamte deutsche Volk.

Was damit erreicht wurde, war, daß das deutsche Volk abwehrarm wurde. Es wagt sich nicht zu wehren gegen unhaltbare Zustände in seinem Land. Und Typen wie Joschka Fischer, als Außenminister der Bundesrepublik Deutschland mit “Dreck am Stecken” aus seiner Vergangenheit handzahm und den “Siegermächten” gehorsam geworden, konnte ohne Gegenwehr das rassistische Ziel verfolgen:

Deutschland muß von außen eingehegt, und innen durch Zustrom heterogenisiert, quasi verdünnt werden. (Quelle: Josef “Joschka” Fischer, Die Welt, 07. Februar 2005, Rezension des Buches von J. Fischer: “Risiko Deutschland”)

Ganz im Sinne der “Siegermächte” und unangefochten, weil anscheinend von der internationalen Herrscher-Clique geschützt, trieb dieser Mann Politik gegen das Volk, das er zu vertreten hatte. Denn, so der Sonderbeauftragte des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, Wendell Willkie, der mit Stalin über die Koordination der gemeinsamen Kriegführung gegen Deutschland zu verhandeln gehabt hatte:

Als Kriegsziel Nr. 1 hat die “Abschaffung der rassischen Exklusivität” (”abolition of racial exclusivness”) zu gelten. (Quelle: W. L. Willkie: “One World”, Simon & Schuster, New York, 1943, Hinweis in der FAZ vom 14.2.1992)

Theodor Kaufman hatte schon 1941 mit seinem Buch

Germany must perish!

solch rassistisches Ausrottungsdenken kundgetan. So lächerlich die Figur Kaufman auch sein mag, in Joschka Fischers o. a. Ausspruch zeigt sich, wie derartige primitive Machervisionen weiterhin in Hirnen von heute Einflußreichen spuken.

Längst haben die Völker Europas ihren Chauvinismus abgelegt, längst sind Großmut und Völkerfreundschaft an dessen Stelle getreten. Jetzt aber wird es höchste Zeit, sich darauf zu besinnen, die Kulturen zu wahren.

Stockholm Stadthus

Stockholm Stadthus

In den Metropolen Skandinaviens sah ich mit Kopfschütteln, wie die weltweit ausgebreitete Einheitsbauweise, diese gestalt- und seelenlosen Glas-Stahl-Beton-Kästen – frech und rücksichtlos den Menschen vor die Nase gestellt – die Städte und Landschaften verunstalten und gemeinsam mit dem unaufhörlichen Lärm der Straße und der Welteinheits-Pop-und-Rockmusik die Lebensqualität der Menschen zutiefst beeinträchtigen.

Dabei könnten die Skandinavier so stolz sein auf ihre wirklich eigenen, so anziehenden Kulturen.

August Winnig (1)

Gibt es das doch noch, ein deutsches Nationalgefühl?

Zur Zeit ist die Fußball-Elf von Jogi Löw in Südafrika dabei, für „Deutschland“ die Weltmeisterschaft zu erkämpfen. Und Millionen Deutsche zittern um den Erfolg. Ist er eingetreten und sind „wir“ die Größten, dann jubeln die Deutschen: „Deutschland, Deutschland!“ Und alles spricht von „Wir“, als ob es die „Volksgemeinschaft“ und ein Nationalgefühl doch noch gäbe!

Denn bekanntermaßen hat es in Deutschland Tradition, kein Nationalgefühl zu bekunden. Daß das auch so bleibe, darüber wacht besonders

die sog. Antifa

(die Gruppe der „Anti-Faschisten“). Ich will ihr nicht zu nahe treten, aber mir scheint, daß sie bei ihrer Aufspürung und Verfolgung von „Faschisten“ vielfach übers Ziel hinausschießt und sich selbst faschistoid benimmt. Der große Sozialdemokrat Kurt Schumacher hat solche Leute als “rotlackierte Nazis” bezeichnet.

Der erste Schritt in die faschistoide Richtung ist immer die Selbstüberhebung über andere, daß man als „Gutmensch“, „Besitzer“ der „Wahrheit“ und Angehöriger der Gruppe der „Anständigen“ vergißt, was das Antifa-Idol Rosa Luxemburg angemahnt hat:

Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden.

Als Weltverbesserer ist man sich dann bald nicht mehr zu schade für Gesinnungsschnüffelei und Denunziantentum – Wesensmerkmale des Faschismus.

Mir scheint – nachdem, was ich bisher von der realexistierenden Antifa erfahren habe –, daß sie sich zu wenig um das Wesen des Faschismus kümmert und zu versessen auf Vokabeln reagiert, die ihr den Demokratie-Feind zu verraten scheinen, den aus der “rechten Ecke” mit dem „Deutsch-Bewußtsein“, das sie sofort mit „Rassismus“ und „Antisemitismus“ assoziiert.

Das ist reichlich oberflächlich, abgesehen von dem faschistoiden Meinungszwang, der dahinter lauert.

Diese Geisteshaltung in solcher Extremform ist auf Deutschland beschränkt und hat in Deutschland eine lange Tradition. Kein anderes Volk der Erde ist in dieser Beziehung so krank selbsthassend und neurotisch wie „die“ Deutschen in Bezug auf ihre Nation. Wie kam es nur dazu?!

August Winnig

Vor einigen Wochen bin ich auf den heute in Vergessenheit geratenen Verfasser August Winnig gestoßen und habe die spannenden Bücher dieses Vordenkers der Arbeiterbewegung verschlungen.[1] August Winnig hat einiges und Erhellendes zum Thema beizutragen.

Sein Lebenslauf in Kurzform

Er wurde am 31.03. 1878 als 12. Kind seiner Eltern in Blankenburg am Harz in ärmlichsten Verhältnissen geboren. Der Vater war wie seine Vorfahren vieler Generationen Totengräber und Glöckner der Stadt. Er starb, als August noch ein kleiner Junge war. Nun lebte er – zunächst noch mit einem seiner Brüder, dann allein mit seiner Mutter zusammen, die als “Brotträgerin” ihren kärlichen Lohn für die Familie verdiente. Schon früh beteiligte er sich am Tragen der viel zu schweren Lasten.

Mit 14 Jahren kam er aus der Volksschule und sogleich in die Maurerlehre, wurde  1895 Geselle und machte sich von 1896 bis 1898 auf die Wanderschaft.

Von 1900 bis 1902 war er Soldat in Posen, wo er sich mit dem preußischen „Drill“ anfreundete, heiratete 1903 seine Jugendliebe, wurde 1904 Gewerkschaftsbeamter im Ruhrgebiet, 1905 bis 1912 Schriftleiter der Gewerkschafts-Zeitschrift „Grundstein“ und 1913 bis 1919 Vorsitzender des Bauarbeiterverbandes.

August Winnig als Oberpräsident Ostpreußens, 1920 (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/August_Winnig)

August Winnig als Oberpräsident Ostpreußens, 1920 (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/August_Winnig)

Seit Oktober 1918 befand er sich im Auftrage des Reichs im Osten, erst als Generalbevollmächtigter in den Baltischen Ländern, dann als Gesandter in Lettland-Estland, war Reichskommissar für Westpreußen und vom 1. Juli 1919 bis 23. März 1920 Oberpräsident von Ostpreußen. Dieses Amt verlor er, weil er anläßlich des Kapp-Putsches eine Solidaritätserklärung unterschrieben hatte. Er zog nach Berlin, immatrikulierte sich 1921 an der dortigen Universität und wohnte seit 1924 als freier Schriftsteller in Potsdam.

Winnig gehörte also zu dem Jahrgang, der die schicksalhaften deutschen Umwälzungen und Katastrophen des ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hautnah miterlebt hat. Als Dabeigewesener, selbständig denkender, teils führend tätiger Deutscher und begabter Schriftsteller läßt er uns seine Zeit und den Wandel seiner eigenen Anschauungen miterleben.

Sein größter Wunsch war, daß die Arbeitermassen sich im Denken und in der Wirklichkeit vom Proletariat hin zu einem Arbeiterstand entwickeln würden, der seinen geachteten Platz im Volksganzen und die Kraft fände, das Leben des Volkes konstruktiv mitzugestalten. Dazu geht Winnig in die Tiefe des deutschen Wesens und seiner Geschichte. Aber vor allem aus eigenem Erleben der geistigen Strömungen innerhalb der Arbeiterschaft stellt er fest:

Die deutsche Arbeiterbewegung zieht nicht als ein Strom durch das Geschehen der Zeit, sondern in einer Aufgelöstheit, die dem Gesamtzustande des deutschen Lebens durchaus entspricht … (9)[2]

und betont:

„zerrissen, wie das deutsche Gesamtleben, ist auch die deutsche Arbeiterbewegung.“

Der Maurergeselle Winnig hatte sich als Autodidakt und später als Student in die europäische Bau- und Wirtschafts-Geschichte vertieft[3] und kam um 1930 zu folgenden Betrachtungen über die Ursachen der Arbeiterbewegung:

… für den Ausgang des Mittelalters, etwa für den Anfang des XV. Jahrhunderts, schätzt man die Bevölkerung des Reichs auf 12 Millionen, für Anfang des XIX. Jahrhunderts nimmt man sie auf 25 Millionen an. In vier Jahrhunderten ist also etwa eine Verdoppelung der Bevölkerungszahl eingetreten.

Nun sehen wir auf das XIX. Jahrhundert: jetzt wächst die Bevölkerung in weniger als hundert Jahren von 25 auf 50, sie wächst bald auf 60 und erreicht bis zum Weltkriege, Deutsch-Österreich eingerechnet, 75 Millionen. Im Verlaufe der ganzen biologischen Entwicklung unseres Volkes ist das ein ungewöhnlicher, ein unerhörter Vorgang; es ist ein Anschwellen der Fruchtbarkeit, ein Aufschäumen der Blutwelle, wie es in diesem Umfange sonst nicht in unserer Geschichte vorgekommen ist. (19)

In diesem – nicht zu bewältigenden – Bevölkerungszuwachs sieht Winnig den – wie er meint – unbestrittenen Grund für die Entstehung des Proletariats. Er berichtet dann von einer damals gängigen Ansicht, die sich als Irrtum herausstellen sollte:

Sobald es gelinge, die Lebensmöglichkeiten zu erweitern, werde der natürliche Vermehrungsdrang dieser Bewegung folgen. Die Bevölkerungsbewegung hänge von den ökonomischen Bedingungen des Lebens ab. (19-20)

Daß das tatsächlich ein Irrtum war, sehen wir einerseits in den heutigen kinderarmen Wohlstandsgesellschaften Europas, namentlich in Deutschland, und andererseits am Kinderreichtum der ärmsten Völker der Erde. Und so kann Winnig bereits zu seiner Zeit auf die Erscheinung hinweisen:

… Entvölkerung kündet sich in vielen Gegenden Mitteleuropas an … Diese Erscheinungen fallen in unsere Zeit, in der sich nicht nur der Weltverkehr sprunghaft weiterentwickelt, sondern zugleich die Chemie des Ackers und die Rationalisierung der Arbeit die Gütererzeugung weitersteigern und den Lebensraum des Menschen erweitern; und trotz dieser Erweiterung des Lebens- und Nahrungsraumes Stillstand und Rückgang! (21)

Zunächst aber hatte das deutsche Volk mit einem Bevölkerungsüberschuß zu kämpfen, der es nicht erlaubte, alle Menschen auf heimischem Boden in Lohn und Brot zu bringen. Deutschland kam in die Lage, sich seines Bevölkerungsproblems durch Förderung der Auswanderung zu entledigen. Der Druck aus seiner Mittellage in Europa auf seine Grenzen machte die umliegenden Völker gegen die Deutschen mißtrauisch.

Der Deutschenhaß und der deutsche Minderwertigkeitskomplex erhalten Nahrung

Winnig blickt tiefer zurück in die europäische Geschichte und entdeckt dabei weitere Ursachen für die Verachtung, die die europäischen Kulturnationen für Deutschland übrig hatten. Deutschland geriet mit seiner Fähigkeit, in der europäischen Kultur- und Wissenschafts-Entwicklung mitzuhalten, bereits ins Hintertreffen, als die Atlantik-Anlieger unter den europäischen Staaten den „großen Umschwung“ herbeiführten, der eintrat,

als der schon seit dem XIV. Jahrhundert bekannte Kompaß allgemeiner von der Schiffahrt angewendet wird, die dadurch endgültig die hohe See erobert … es beginnt zugleich das Zeitalter der Entdeckungen, die ozeanische Periode des Handels, die zu einer mächtigen Umwälzung der europäischen Machtverhältnisse führt. (64)

Bis dahin hatte deutscher Geist die europäische Welt maßgeblich befruchtet, und der

… deutsche Kaufmann, ob er in Genua oder in Bergen, in Paris oder in London oder Nowgorod seinen Geschäften nachging, blieb noch, was er war, und dachte nicht daran, sein volkseigenes deutsches Wesen zu verleugnen. Selbstbewußt blieb er bei seiner Sitte und war weit davon entfernt, seine Art für minderen Wertes als die Art der fremden Völker zu halten. (63-64)

Eigentlich können wir stolz darauf sein, an der Ausbeutung und Zerstörung der Kolonialvölker so lange Zeit nicht beteiligt gewesen zu sein. Doch Deutschland zahlt dafür – wie der Imperialist Winnig aufzeigt – einen hohen Preis. Es

… ist damit vom großen Geschehen abgedrängt, es verarmt und wird von heftigen Krisen und Kämpfen heimgesucht. Der Westen aber steigt in stolzer Linie empor. Spanien und Portugal erleben ihre große, so schnell welkende Blüte. Die Niederlande werden eine Weltmacht. Zuletzt bleibt England der Sieger im Ringen um die Vormacht im Welthandel. Neben ihm genießt Frankreich den hohen Vorzug seiner Lage, die ihm offenen Zugang zu drei Meeren bietet. (64)

Über Deutschland bricht darüber hinaus die Katastrophe des 30-jährigen Krieges von 1618 bis 1648 herein.

Deutschlands Niedergang … vollendet sich in einem furchtbaren Kulturzusammenbruch, der fast zwei Drittel seiner Menschen und Tausende von Siedlungen verschlingt, der seine Felder verwüstet, seine Schätze zum Raube ungezählter Feinde werden läßt und den Bevölkerungsrest einer hoffnungslosen Verwilderung überantwortet. (64)

Sicher ist August Winnig zuzustimmen, wenn er über die folgenden 300 Jahre sagt:

Nur eine solch beispiellose Katastrophe macht die folgende Entwicklung erklärlich. Der große Abstand von der Kultur des Westens mußte sich dem deutschen Bewußtsein einprägen und im Geistigen eine neue Beziehung schaffen. Man mußte in so vielen Stücken von vorn anfangen. Die Sorge um die Beschaffung der einfachsten Lebensnotdurft füllte die Deutschen aus. Hier war kein Sinn für die Künste und Wissenschaften möglich. Dürftige Reste der einstigen hohen Kultur hatten sich nur bei wenigen Fürstenhöfen und Universitäten erhalten. Es galt nicht zu philosophieren und zu dichten, sondern verwildertes Land neu urbar zu machen und niedergebrannte Dörfer und Städte wieder aufzubauen.

Das geschah um die gleiche Zeit, wo sich in den westlichen Ländern ein bürgerlich bestimmtes geistiges Leben immer reicher entfaltete. Dort vollendete jetzt der Bürger seinen Aufstieg … In den Westländern trat der Bürger seine Herrschaft an, in Deutschland mußte er sich tiefer als je zuvor unter der Hand des Fürstentums beugen.

Aus dieser Lage entwickelte sich das deutsche Minderwertigkeitsgefühl … Der Westen wird das Vorbild der Deutschen, und der Deutsche gerät in eine zunehmende geistige Abhängigkeit von seinem Vorbilde … Man kann diese Schwächung der inneren Kräfte zahlenmäßig feststellen, nämlich beim Verhalten der deutschen Sprache zu den eindringenden Fremdwörtern … Mit den fremden Ausdrücken übernimmt der Deutsche fremde Sitten und Trachten, fremden Kunstgeschmack und schließlich auch fremde Denkart, fremde Werte und Ideale. Das volkseigene Wesen der Deutschen wird so schwach, daß die Gebildeten die deutsche Sprache meiden. Die Höfe und ihr Anhang sprechen französisch, die Gelehrten Latein; deutsch ist nur noch die Sprache des niederen Volkes. (64-65)

Wer sich selbst verachtet, wird verachtet.

Das deutsche geistige Leben war seit jener Zeit in zwei Ströme geteilt.

Es gab diese schmachvolle Ausländerei, und es gab neben ihr ein von den härteren Kräften bewahrtes Deutschbewußtsein. (65)

Was nottat, war einerseits generell ein Umdenken, war Besinnung auf sich selbst, auf die eigenen Kräfte und vor allem auf die neuentstandenen eigenen Verhältnisse. Andererseits wurde das Volk dabei in zwei Teile zerrissen:

Die Konservativen hielten an den Werten fest, die das innere Wesen des Lebens betrafen wie das menschliche Bedürfnis nach Gemeinschaft (Nation), nach Bezug zum Göttlichen, wobei sie gleichzeitig an überkommenen Formen und Einrichtungen klammerten wie an „Thron und Altar“ und damit ihre Position schwächten, die sich mit den neuen Erkenntnissen der Wissenschaft oft nicht mehr vereinbaren ließen und sich überlebt hatten .

In der Arbeiterbewegung, die nun aufkam, bedeutete die konservative Haltung, daß angestrebt wurde, was auch Winnigs Sehnen war: daß die Arbeiterschaft sich aus ihrer Lage als außerhalb des Staates stehende, ja gegen ihn gerichtete graue, gesichtslose Masse, aus ihrem Dasein als „Proletariat“ zu einem achtbaren Stand und damit Teil des Gesamtvolkes mauserte.

Demgegenüber befand sich in scharfem Gegensatz der Marxismus mit seinem Materialismus, dem „innere Werte“ nichts, Nützlichkeitsdenken dagegen alles galten, und der den gewaltsamen Umsturz als unausweichlich ansah und eine derartige Revolution wollte.

Dies beeindruckt den bildungsfernen Arbeiter, der sich nun von intellektuellen Gedankengebern dieser Art führen läßt. Es ist das Neue, es erscheint als hoffnungsvolles Licht am Ende des Tunnels. Die reine Vernunft hat sich zur geistigen Alleinherrschaft erhoben mit ihrer Forderung nach Beweisen für alles, auch für das, was die Seele angeht.

Der Konservativismus dagegen hängt am Alten, an Bewährtem wie Abgelebtem, erscheint rückwärtsgewandt und kann für seine Anhänglichkeit an seelische Werte und deren Gültigkeit für den Menschen keine Beweise anführen. Im Konservativen sträubt sich alles dagegen, dem Materialismus den Platz einzuräumen, den die Materialisten und Nihilisten, den die Marxisten fordern. Denn:

Dem Materialismus ist die Welt an sich notwendig ohne Sinn. Dieses gewaltige Weltwesen mit seiner unergründlichen Ordnung und Größe ist ihm ein sinnlos Seiendes. Es ist da, weil es da ist. Das Dasein der Welt hat keinen Grund – es ist ein Zufall. (26)

Weltanschauungen kommen und vergehen

Weltanschauungen müssen sich gefallen lassen, was Winnig als ihr Schicksal sieht:

Eine Weltanschauung überlebt sich, und daran geht sie zugrunde. Das Leben, das zum Welthintergrunde gehört und darum in seinem Wesen nicht erklärt werden kann, bildet in uns die Möglichkeiten und schließlich das Verlangen nach einer neuen Weltschau. Sobald das Verlangen wach wird, beginnt die alte Weltanschauung schwach und krank zu werden.

Dann kommen ihre Beschützer und Verteidiger ihr zu Hilfe und beweisen schreibend und redend ihre Richtigkeit und lamentieren gegen die neue Schau. Dann sprechen sie vom Glauben der Väter und fordern Treue. Die Leute hören sie an und sagen: ihr habt Recht. Aber sie glauben ihnen nicht mehr. Sie können nicht.

Nicht die Menschen entscheiden, was sie glauben wollen; sondern das Leben, das unbekannte Es in ihnen, zwingt sie, anzunehmen oder zu verwerfen. Ist es erst so weit, so ist die alte Weltanschauung verloren. Dann rettet sie keiner mehr. Dann stirbt sie. Sie stirbt am neuen Leben. Ihr Überwinder ist nicht der Professor X, der das große Werk gegen sie geschrieben hat, obwohl ihn die Historiker mit diesem Ruhme bekleiden, sondern ein Anonymus – das unbekannte Es. (25)

Das Christentum ist in seiner altüberbrachten Form nicht mehr zu halten. Die evangelische Kirche hat sich rechtzeitig von innen heraus im Einklang mit der Aufklärung reformiert, nachdem sich das Alte, das unglaubwürdig und unannehmbar Gewordene überlebt hatte. Sie tat gut daran. Denn auf diese Weise konnte sie den Wesensgehalt des menschenfreundlichen Teils der Lehren Jesu vor dem Untergang retten.

Vor allem Menschen wie z. B. Dorothee Sölle, die durch ihren tätigen Einsatz ein eindrucksvolles Glaubensbekenntnis ablegten, haben ihren Teil zu diesem Rettungswerk beigetragen. Sie und solche unkonventionell auftretenden Menschen wie Margot Käßmann als Bischöfin brachten ihren Beitrag auch zur Überwindung des hierarchischen Herrschaftssystems alter Prägung.

Aber die Kirche wird dranbleiben müssen und weiter über ihre Glaubensinhalte und die Sprache nachdenken müssen, in der sie die Menschen anspricht, wenn ihre Schäflein nicht nur zu Festtagen und Musikveranstaltungen die schönen Kirchenräume bevölkern sollen. Da sind Auseinandersetzungen zwischen konservativ und revolutionär Denkenden innerhalb dieser altüberbrachten Weltanschauung gut vorstellbar.

Wie viel schroffer aber stehen sich Konservative und Revolutionäre in der Arbeiterbewegung gegenüber! Winnig hält mit seiner vernichtenden Kritik dem Marxismus gegenüber nicht hinterm Berg:

Es mag wohl nie eine Weltvorstellung gegeben haben, die so armselig und flach war, wie dieser Materialismus. In ihm ist die äußerste Niedrigkeit menschlicher Weltdeutung zum Ereignis geworden … Wo der Mensch seine innere Beziehung zum Welthintergrunde zerstört, beginnt er das Werk der Selbstvernichtung. (28-29)

Dem von Marx als einzigen Antrieb des Menschen angenommenen Eigennutz setzt Winnig entgegen:

… alles menschliche Leben beruht auf Gemeinschaft … Gemeinschaft heißt Einordnung, und es hat noch keine Einordnung gegeben, die nicht zugleich Unterordnung wäre … Alle europäischen Länder, in denen der Materialismus die herrschende Lebenslehre wurde, stehen seit Jahrzehnten in einer Krisis der Gemeinschaft, die ganz sinnenfällig zu einem Kräfteschwund des Gemeinschaftsgeistes führt … der Geist des Anspruchs beherrscht das Leben … Das gesamte Denken und Trachten unserer Zeit ist auf die Steigerung der Vorteile gerichtet. (29-30)

Wie  kennzeichnet er damit zugleich, woran auch unsere Zeit krankt. Alles schaut aufs Geld. Für Geld verrät der Mensch den Menschen und sich selbst, seinen innersten Kern, den wir heute Menschenwürde nennen, den man früher in den Begriff Ehre miteinbezog.

Die Ehre, die ein metaphysischer Wert ist, für die der Mensch früherer Zeiten Gut und Leben gab, ist durch die materialistische Lebenslehre ein rückständiger Begriff geworden, über den man wegwerfend lächelt, den man unter Umständen bekämpft … Die Herrschaft der materialistischen Lebenslehre führt unerbittlich zu einer Profanierung des Lebens, sie bedeutet einen sittlichen Abstieg des Menschen. Das zeigt sich in der Toleranz, mit der man ehrlose Handlungen beurteilt. (30)

Das können wir Heutigen sicher nur bestätigen, wenn wir auch mit dem, was früher alles als ehrenrührig angesehen wurde, längst nicht übereinzustimmen brauchen. Der lächerlichen Beispiele gibt es die Hülle und Fülle. Ich halte aber August Winnig zugute, daß er unter dem Begriff „Ehre“ die Menschenwürde im Blick hatte.

An ein natürliches Schwinden alter Anschauungen aber dachten Marx und seine von ihm beeinflußten Anhänger nicht. Winnig erwähnt „ein kommunistisches Blatt“, das im Januar 1930 geschrieben habe:

“Wir werden nicht den Weg der S.P.D. gehen, den Weg des Kompromisses, sondern den russischen Weg, den Weg der restlosen Vernichtung.” Darauf geschieht nichts,

bemerkt Winnig dazu. Und im selben Jahr bietet sich ihm ein

… Bild der Arbeiterbewegung, wie es nicht für Erneuerung und Verjüngung der Gemeinschaft (spricht), sondern eher für Auflösung und Vernichtung. Wo sich die Arbeiterbewegung am stärksten zusammenballt, ist sie der Machtgeber aller auflösenden, aller gemeinschaftsfeindlichen Kräfte … Wir beobachten nicht eine Bildung neuer Werte und Ideale, sondern nur eine Zerstörung der überkommenen. (34)

Im Grunde stehen sich

Handwerksgeselle und ungelernter Fabrikarbeiter

innerhalb der Arbeiterbewegung gegenüber. Der Handwerksgeselle übersieht seine Arbeit und erkennt in ihr einen Sinn, fühlt sich verantwortlich und ordnet sich in eine überschaubare Gemeinschaft ein. In der Masse der Fabrikarbeiter – zumindest bei den damaligen Arbeitsverhältnissen – hat der Einzelne kein Gesicht. Bei der Aufteilung der Arbeitsgänge in kleinste Schritte entsteht für den Einzelnen geisttötende Einförmigkeit. Er wird selbst zum Schräubchen an einer unüberblickbaren Maschinerie, verliert nur allzu leicht das Werkstück als Ganzes aus den Augen, achtet den Wert der eigenen Handlangung gering und weiß sich fürs Ganze zu wenig verantwortlich.

Dagegen kann Winnig von einer Erscheinungsform des jungen Fabrikarbeiters seiner Zeit aus eigener Anschauung berichten:

Wo eine Fabrik eingerichtet wurde, fand sie selten in unmittelbarer Nähe die Arbeitskräfte, die sie brauchte … Der auf dem Lande und in den Kleinstädten entstehende und sich mehrende Bevölkerungsüberschuß war ihr Werbefeld … Sie kamen von der ländlichen Scholle und aus den Gassen der Klein- und Landstädte, wo das Brot für die sich mehrende Menge von Jahr zu Jahr knapper wurde. Sie lösten sich von ihren Orten, um der Enge und Dürftigkeit zu entfliehen, in der es kein Vorwärtskommen, keinen Aufstieg, sondern nur den täglichen Kampf mit der Armut gab … Es waren vermutlich die Beweglichsten und Mutigsten, die sich entschlossen, es mit der Fabrikarbeit zu versuchen. Die Schwächlichen und Zaghaften blieben zurück.

Ich habe Vorgänge dieser Art noch miterlebt und beobachtet und weiß, was sich hier begab. Ich sehe die Jugendgenossen, die aus meiner Heimat und den umliegenden Dörfern nach den Fabrikorten gingen, und kann darüber sprechen, was der Wandel für sie bedeutete. Diese Menschen suchten ein reichlicheres Brot und fanden es. Wenn sie auf einen kurzen Sonntagsbesuch zurückkamen, so trugen sie neue Anzüge, bunte Schlipse und blanke Uhrketten, und das Geld saß ihnen lose in der Tasche. Sie wußten erstaunliche Dinge aus der Fabrik zu erzählen. Aber wovon sie auch sprachen, sie taten es in einem neuen Ton. Es gab eigentlich nichts, wovon sie nicht wegwerfend gesprochen hätten, ob es nun ihre Aufseher und Meister, ihre Kameraden oder die Mädchen ihrer neuen Bekanntschaft waren. Sie hatten etwas verloren, was sie vorher gehabt hatten, mag man es nun Gemüt oder Anständigkeit oder Respekt nennen. Sie sahen nun feiner aus als früher, aber was in den bessern Kleidern steckte, war nicht besser, sondern schlechter geworden. (44)

Der Handwerksgeselle wehrt sich gegen diese Entwicklung. Doch vor

… dieser Wirtschaftsgesinnung, die uns der Westen über die Grenze schickt, die wir von der englischen Nationalökonomie und vom französischen Materialismus übernehmen – vor dieser Wirtschaftsgesinnung, die die Lehre aufbringt, daß die Arbeitskraft eine Ware sei (wodurch auch der Mensch zur Ware werden muß), kann sich die innere Haltung des Gesellen nicht behaupten. Er … verteidigt seinen Rang, aber er kann nicht verhindern, daß er schließlich doch in die Masse hinabgedrückt wird. (41)

Mögen sich die Ungelernten durch den in der Fabrik empfangenen Lohn erhöht gefühlt haben – der Handwerksgeselle fühlte sich erniedrigt:

Der proletarische Mensch – so nennen wir den erniedrigten Handarbeiter; denn eine Erniedrigung ist es, was der Mensch über sich ergehen lassen mußte, der sich der Fabrik auslieferte. Dieser Mensch des Dorfes und der Kleinstadt gab etwas auf, was er in der Welt der frühkapitalistischen Fabrik nicht wiederfand, nämlich seine Gemeinschaft … Er suchte Wärme und fand den eiskalten Eigennutz der neuen Wirtschaftsgesinnung.

Der alte Handwerker hätte nie ein kapitalistischer Unternehmer werden können. Dem war die Arbeit ein Amt, ein Auftrag, ein Dienst gewesen … Es war eine neue Auffassung der Arbeit aufgekommen, die im innersten Grunde der Arbeit feindlich war, weil sie den Sinn der Arbeit erniedrigte. (45)

Wir wissen es längst: Die kapitalistische Raffgier macht(e) vor nichts Halt:

… es ging jetzt nicht mehr um den gemeinen Nutzen, sondern um den Gewinn des Unternehmers und der Unternehmung, und zwar ausschließlich um ihn … Die Arbeit hatte jede Beziehung zu einem sittlichen Gesetz verloren. Die Schändung der Landschaft und die Zerstörung des Stadtbildes durch die Fabrikbauten, die Verschmutzung der Flüsse durch die Abfälle und Abwässer der Fabriken sind ein Ausdruck der neuen Auffassung, die sich mit einer unerhörten Frechheit und Gewaltsamkeit durchsetzte … Die Arbeit wurde jetzt der Fluch der Armut. Sie verlor den Sinn des Amtes und Dienstes, sie verlor ihre Beziehung zum Welthintergrunde, sie verlor ihre Ehre. Sie war mit dem Siege der neuen Auffassung ein degradierender Zwang geworden. (46)

Auch das Leben der Familie wurde zweitrangig, die Fabrik ging vor. Bis heute leiden wir darunter.

Der Frauenbewegung wird angelastet, daß zu wenige Kinder geboren werden, besonders qualifizierte Frauen bleiben häufig kinderlos. An der Misere hat aber nicht die Frauen-Emanzipation Schuld, sondern der Umstand, daß sich die Familie nach dem Wirtschaftsunternehmen zu richten hat und nicht umgekehrt das gesamte Wirtschaftsleben auf die Bedürfnisse der Familien Rücksicht nimmt.

… was mit seiner Familie geschah, dies alles ging die Fabrik nichts an und kümmerte sie nicht. Nicht das Geschöpf war ihr wesentlich, sondern nur seine Nützlichkeit. (47)

Die Gegenpole Weitling und Marx

August Winnig sieht in den beiden Vordenkern der Arbeiterbewegung Wilhelm Weitling und Karl Marx weltanschauliche Gegenpole, die die deutsche Arbeiterschaft in zwei Lager gespalten hätten, wobei das marxistische Lager den Sieg davontrug.

Wilhelm Weitling (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Weitling)

Wilhelm Weitling (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Weitling)

… nicht der Handwerksgeselle Weitling, sondern der jüdische Intellektuelle Marx (wurde) der Lehrer und Bildner der deutschen Arbeiterbewegung … Dieser Vorgang ist ein Schicksal geworden. Schon am Anfange der Arbeiterbewegung steht dieser Gegensatz: Arbeiter und Intellektueller, und schon der erste Zusammenstoß dieser beiden grundverschiedenen Wesenheiten ging so aus, wie er später immer wieder ausgegangen ist: immer wieder unterlag der Arbeiter dem Intellektuellen; immer wieder wurde der Arbeiter, wenn er die Hand noch der Führung seiner Bewegung ausstreckte, vom Intellektuellen zurückgedrängt. (52)

… Weitling hatte die Vision seines Standes, er sah ihn in Schmutz und Staub am Boden, sah ihn verachtet und in Elend und Lastern verkommen. “Es jammerte mich des Volkes.” Es war das Mitfühlen und Mitleiden, es war eine heiße Liebe zu den Armen und Elenden, denen er, der selber nicht im Elend steckte, der es aber doch wohl auch schon gespürt hatte, sich durch das Schicksal verbunden fühlte; eine heiße Liebe, die in diesem Falle mit einem heißen, heiligen Zorn einhergehen mußte … (52-53)

Karl Marx dagegen sieht er als „scharfen Denker“ und „furchtbaren Hasser“:

Karl Marx (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Marx)

Karl Marx (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Marx)

Marx hatte zum Arbeiter gar keine innere Beziehung … Das soziale Mitleid, also das, was wir heute unter sozialem Gefühl verstehen, hat Marx nie empfunden. Er fühlte nicht mit dem Arbeiter. Er wandte sich ihm und seiner Bewegung nicht zu, weil etwa sein Herz für den Arbeiter geschlagen hätte, er wandte sich an den Arbeiter nur, weil er ihn brauchte. Er brauchte ein Werkzeug seines Hasses. Er brauchte die Riesenkraft, die seinen furchtbaren Haß in die Welt tragen konnte …

Der Haß, aus welchem Marx lebte, richtete sich grundsätzlich gegen jede Autorität – seine eigene ausgenommen. Er haßte den Staat, haßte die Religion, er haßte jeden höhern Wert, der als solcher anerkannt wurde. Sein Kampf galt jeder inneren Bindung des Menschen durch die Mächte des Glaubens und des Herkommens. Er war in allem Revolutionär, aber er war es aus Haß. (53)

August Winnig glaubt, der Marx’sche Haß entstamme dessen unterdrücktem Judentum:

Dieser Haß läßt sich nicht ohne sein Judentum erklären. Marx … sah die Eigenschaften des Juden so deutlich, wie alles, was gedanklich zu erfassen war. Aber er sah den Juden auch so einseitig ökonomisch, wie es seinem Denken entsprach. Man kann nicht sagen, ob Marx sich selber noch als Jude gefühlt hat. Jene Zeit sah den Unterschied zwischen den Juden und ihren Wirtsvölkern im religiösen Bekenntnis – und Marx war ja getauft. Aber sein inneres Verhältnis zur deutschen Umwelt wurde durchaus von den Rückgefühlen des staats- und heimatlosen Volkes bestimmt. (53)

Winnig sieht in Marx einen

der flachsten Denker seines Jahrhunderts … Der Marxschen und marxistischen Geschichtsauffassung fehlt das, was in diesem Falle Tiefe wäre. Sie sieht in der Welt nur eine Kraft wirksam, nur das Streben der Individuen nach dem dinglichen Nutzen. Das ökonomische Interesse ist ihr der Schlüssel aller Zeiten und Zonen … (55)

Wie kam es nun zur Vorherrschaft des Marxismus, der sich für so viele Völker so verhängnisvoll auswirken sollte? Winnig erklärt sich dies Phänomen gerade aus der marxistischen Oberflächlichkeit. Durch sie

… konnte Marx das Welt- und Geschichtsbild der Primitiven schaffen und, indem er dieses Bild der Masse aufdrängte, eine geschichtlich wirksame Macht werden …

Der nach Erkenntnissen hungernde Arbeiter sah hier den dunkeln und verworrenen Lauf des großen Geschehens durch eine einfache Formel belichtet und erklärt … Das Gefühl der Überlegenheit des Marxisten, seine Gepflogenheit, auf alle anderen Betrachtungsweisen geringschätzig herabzublicken – diese Art des Primitiven ist mir nicht fremd geblieben. Hier war Klarheit und Sicherheit, und sie waren leicht zu erwerben – es gehörte wirklich nicht viel dazu; das mußte gerade den um die große Einsicht ringenden Arbeiter mächtig anziehen. (55)

Auch er selbst, so bekennt er freimütig, hatte sich vom Marxismus zunächst einnehmen lassen. Durch eigenes Erleben, Beobachten und Nachdenken hat er später seinen Weg gefunden, der in die Abkehr von seiner sozialdemokratischen Partei mündete.

Winnig faßt nun die gegensätzlichen Weltanschauungen der Symbolgestalten Weitling und Marx zusammen (57):

  • Der eine war heiß, der andere war kalt.
  • Den einen trieben Mitleid und Liebe vorwärts. Der andere war nur vom Hasse bewegt.
  • Der eine wollte eine neue Welt schaffen. Der andere wollte eine Welt zerstören.
  • Der eine war der erste Vorbote eines jugendlichen Volkstums. Der andere war ein Zerfallprodukt der alten Bildungsschicht.

Weitling ging als Verlierer von der politischen Bühne, Marx triumphierte.

Für Weitlings Einsatz für den Arbeiter als Menschen habe Marx nichts als Hohn übrig gehabt und es mit Ausdrücken wie „Geschwätz“ und „Liebessabbelei“ abgetan, so Winnig, der Marx denn auch als „die geistige Überfremdung der deutschen Arbeiterbewegung“ empfindet.

Er ist ein deutsches Verhängnis, er ist die furchtbarste Seite des deutschen Schicksals. Die Arbeiterbewegung anderer Länder kennt dieses Schicksal nicht. (58)

Und er fügt noch einen weiteren Gesichtspunkt hinzu (61):

Für die deutsche Arbeiterbewegung wurde es schlechthin entscheidend, daß ihre treibenden Kräfte sich nicht mit der eigentlichen Oberschicht, sondern mit dem Abfall der Oberschicht berührten. Es war nicht der echte Bürger, der dem aufwärtsdrängenden Arbeiter seine Bildungsgüter gab, sondern der seiner Herkunft untreu gewordene, aus der bürgerlichen Geisteswelt ausgebrochene Bürger. Nicht der mit seiner Lebensordnung festverbundene, von ihren Werten und Idealen erfüllte Bürger wurde in Deutschland der Lehrer und Bildner der Arbeiterbewegung, sondern der abgefallene Bürger, der jenen Werten und Idealen den Krieg erklärt hatte – der Mensch ohne geistige Heimat. Dieser prägte das innere Gesicht der deutschen Arbeiterbewegung, und dieses Gesicht war nun den bleibenden Werten, die jeder Stand dem nachfolgenden übermittelt, abgekehrt.

Was der deutsche Arbeiter nicht empfing, das war das Gefühl der Verbundenheit mit seinem Volkstum, mit der Geschichte seiner Volksgemeinschaft. Das blieb ihm vorenthalten. Denn so kenntnisreich seine Lehrer auch waren: dies konnten sie ihm nicht geben, weil sie es selber nicht hatten. Die Verneinung der volkhaften Schicksalsverbundenheit, die Ablehnung und Leugnung der vom volkhaften Bewußtsein geformten Werte und Ideale war im Grunde das, was sie vom Stande ihrer Herkunft trennte. Gerade dadurch unterschieden sie sich von der Gemeinschaft, die sie verlassen hatten, daß sie deren Ideale zersetzten und dem Spott preisgaben. Volk, Staat und Vaterland, Glaube, Frömmigkeit, Ehrfurcht und Sitte waren für sie Ideologien, geschaffen, um die dumme Masse damit zu betören und im Zaum zu halten. Die Auflösung dieser Werte war ihnen daher eine Aufgabe von besonderer Bedeutung, und wo sie sich an den Arbeiter wenden, steht ihnen diese Aufgabe vor Augen.

Winnigs Vision, daß die Arbeiterbewegung zu einem Berufsstand, zu einer tragenden Säule des Volkes geworden wäre, dies, so Winnig, sei die „Sendung des deutschen Arbeiters“ gewesen. Doch dem entging

innerhalb seiner Bewegung, also dort, wo er sich auf seine geschichtliche Sendung vorbereitete, diese Erziehung zum Volksbewußtsein. (61)

Und nun kehren wir zur „Antifa“ unserer Tage zurück:

Was an ihm (dem deutschen Arbeiter) geschah, war das Gegenteil: man rottete aus, was etwa an Keimen eines solchen Bewußtseins in ihm vorhanden war. Man nannte es damals Patriotismus. Der Kampf gegen die patriotische Gefühls- und Betrachtungsweise wurde als eine unerläßliche Selbstverständlichkeit angesehen. (61-62)

Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Im Gegenteil: Inzwischen hat sich der  „Hitlerismus“ in unserem Land ereignet und jenem Kampf enormen Auftrieb gegeben, indem Verbrechen – im Namen des deutschen Volkes und einer „nationalen“ Idee begangen – tagtäglich der Fernsehöffentlichkeit vor Augen geführt, die des Marxismus jedoch weitgehend verschwiegen werden.


[1] wie: Frührot – Ein Buch von Heimat und Jugend, Hamburg 1950; Das Reich als Republik, Stuttgart/Berlin 1930; Vom Proletariat zum Arbeitertum, Hamburg 1930; Der weite Weg, Hamburg 1932; Heimkehr, Hamburg 1935; Der Arbeiter im Dritten Reich, Berlin 1934; Europa – Gedanken eines Deutschen, Berlin 1937; Rund um Hitler – Aus zwanzig Jahren – Erfahrungen und Erinnerungen, 1946 (ohne Verlagsangabe); Die Hand Gottes, Hamburg 1948

[2] Alle Zitate, wenn nicht ausdrücklich anders vermerkt, sind dem Werk „Vom Proletariat zum Arbeitertum“ entnommen; Seitenzahlen in Klammern.

[3] In seinem Buch „Der Deutsche Ritterorden und seine Burgen“, Königstein/Taunus und Leipzig 1939, legt er Zeugnis ab von seinem Geschichtswissen und seiner Einstellung zur Christianisierung und Eroberung des Ostens.

Fortsetzung der Geschichtsbetrachtung

von Gerhard Bracke

Plan “Weserübung”

Großadmiral Raeder (aus: Boehm, Norwegen zwischen England und Deutschland. Das Foto hatte Raeder einst dem Verfasser gewidmet.)

Großadmiral Raeder (aus: Boehm, Norwegen zwischen England und Deutschland. Das Foto hatte Raeder einst dem Verfasser gewidmet.)

Auf deutscher Seite betonte dagegen am 23.2.1940 Großadmiral Raeder im Vortrag bei Hitler, daß die Neutralität Norwegens am wünschenswertesten sei, daß es jedoch unmöglich sein würde, die Engländer aus einem von ihnen besetzten Norwegen hinauszudrängen. Innerhalb der SKL (Seekriegsleitung) waren nämlich die Ansichten hinsichtlich einer Invasion in Norwegen durchaus geteilt. Die Überlegung stand ebenso im Raum, ob es nicht besser sei, abzuwarten und den Gegner das Odium der Aggression auf sich nehmen zu lassen, um danach mit militärischer Kraft die Räumung des Landes von den Alliierten zu erzwingen. Raeder selbst war stets überzeugt von der bevorstehenden Aktion der Westmächte und der Notwendigkeit, ihr zuvorzukommen. Wörtlich erklärte er am 23. Februar 40:

Untragbar ist die Besetzung Norwegens durch England. Denn sie ist nicht rückgängig zu machen…22

Daher begann am 24.2.1940 die Ausarbeitung des Planes „Weserübung“, den Hitler am 1.3.40 billigte, ohne den Zeitpunkt festzulegen. Das bedeutete: kein endgültiger Beschluß, sondern nur ein Plan, wenn es die Lage in Skandinavien erfordert.23

Die Bereitstellung britisch-französischer Expeditionstruppen war Anfang März 1940 beendet, und am 2.3.40 boten die Alliierten Norwegen und Schweden eine militärische Garantie im Falle des deutschen Angriffs an. Beide Regierungen lehnten wiederum ab. Am selben Tag beschloß Daladier, ohne die englische Regierung zu konsultieren, die Entsendung von 50 000 Freiwilligen und 100 Bombern nach Finnland.

Aufgrund alarmierender Nachrichten befahl Hitler am 4. März 1940, die Vorbereitung für „Weserübung“ zu beschleunigen.

Zwei Tage vor Beendigung des russisch-finnischen Winterkrieges bestätigte Premierminister Chamberlain am 10.3.40 amtlich die Hilfeleistung für Finnland, falls Rußlands Forderungen bei den Friedensverhandlungen zu hoch ausfielen. Um den

Friedensschluß zwischen Finnland und Rußland

zu verhindern, gab Churchill in Paris gemeinsam mit Daladier dem finnischen Gesandten das Versprechen sofortiger Hilfe.

Die alliierte Forderung an Norwegen und Schweden auf Durchmarsch nach Finnland am 11./12. März 40 wurde erneut abgelehnt, da am 12. März 1940 zwischen Finnland und Rußland der Friedensschluß zustande kam.

An diesem 12. März beschloß das Britische Kabinett für den 20. März Landungen in Norwegen, verschob jedoch die Ausführung wegen des finnisch-russischen Friedensschlusses.

In Frankreich wurde die Regierung Daladier am 21. März 1940 gestürzt, der Nachfolger Reynaud zur Bildung einer neuen Regierung aufgefordert mit dem Ziel einer energischen Kriegführung einschließlich der skandinavischen Unternehmung.

Der Ob.d.M. Großadmiral Raeder unterbreitete Hitler am 26. März 40 den Vorschlag, die Operation „Weserübung“ am 7. April durchzuführen. Hitler befahl daraufhin die Durchführung, behielt sich den Tag aber noch vor.

Churchill kündigt Verschärfung der Kriegführung an

Auf alliierter Seite faßte der Oberste Kriegsrat zwei Tage später (am 28.) den endgültigen Beschluß, am 5. April 1940 in norwegischen Hoheitsgewässern Minen zu legen (Deckname für den Plan: „Wilfred“) und Stützpunkte in Norwegen selbst zu bilden sowie das Auslaufen von Transportern dafür ebenfalls für den 5.4. vorzusehen (Deckname des Planes „R4“). Das spätere Abriegeln von Lulea am Bottnischen Meerbusen bedeutete klar die Ausdehnung des Kriegsschauplatzes über Schweden hin.

Die Situation spitzte sich dramatisch zu, als Churchill am 31.3.40 im Rundfunk eine Verschärfung der Kriegführung ankündigte und Chamberlain am 2.4.40 eine Rede im gleichen Sinne hielt.

Erst an diesem 2. April 1940 befahl Hitler die Durchführung der Operation „Weserübung“ für den 9.4.40.

Einen Tag später (3.4.40) forderte Churchill im Rundfunk erneut die Neutralen auf, ihre die Deutschen begünstigende Haltung aufzugeben, während Chamberlain am 4.4.40 im Unterhaus siegessicher verkündete:

Hitler hat den Anschluß verpaßt. 24

In einer Note an Norwegen und Schweden vom 5.4.40 behielten sich die Alliierten das Recht vor, alle Maßnahmen gegen die deutsche Erzzufuhr zu ergreifen. Aber noch am selben Tag teilte das Britische Oberkommando dem Französischen Oberkommando die Verschiebung der Unternehmung auf den 8.4.mit. Der Grund der Verzögerung lag darin, daß Churchill in Paris mit dem französischen Kabinett über ein gleichzeitiges Verminen des Rheins verhandelte, das Kabinett aber aus Sorge vor Vergeltung ablehnte.

Beginn des Krieges um Norwegen

Am 7. April 1940 befanden sich sämtliche deutschen Kriegsschiffe und Transporter der 1. Staffel gemäß „Weserübung“ in See, und zur gleichen Zeit erfolgte die Einschiffung von Expeditionstruppen auf englischen Kriegsschiffen und Transportern, lief ein englischer Verband für das Minenunternehmen „Wilfred“ aus. Nachdem aber die englische Luftaufklärung einen deutschen Flottenverband am Ausgang des Skagerrak mit nördlichem Kurs gemeldet hatte, erging der Befehl für die Ausschiffung der englischen Truppen von den Kriegsschiffen. Zugleich lief die Homefleet gegen den deutschen Verband aus.

Am nächsten Tag versicherte der englische Militärattaché in Oslo dem norwegischen Außenminister , englische Seestreitkräfte seien im Anmarsch nach Kattegat zum Kampf gegen deutsche Schiffe. Und

an diesem 8. April 1940 legten englische Streitkräfte zwei Minenfelder in norwegischen Hoheitsgewässern,

und das ohne den Widerstand seitens anwesender norwegischer Streitkräfte. Allerdings gaben die Alliierten der norwegischen Regierung die Lage der Minenfelder bekannt.

Seit dem 9. April 1940 wurde die Operation „Weserübung“ planmäßig durchgeführt.

Wenden wir uns aber zunächst einmal der Auswertung der chronologischen Abfolge der dramatischen Ereignisse zu. Hermann Boehm, zugleich ein maßgeblicher Zeitzeuge, setzt sich in seinem Buch auch kritisch mit englischen Kriegshistorikern auseinander. Es geht um die Darstellung der Norwegen-Besetzung in „The Campaigne in Norway,“ Her Majesty’s Stationery Office London 1952 von T. K. Derry und Roskill:„The War at Sea 1939-1945“ Volume I, Her Majesty’s Stationery Office London 1954.

Diese Ausführungen des englischen Historikers (Derry, bemerkt Boehm dazu) erweisen klar, daß auf alliierter Seite ein nach Stunden und Tagen abgestimmter Plan für die Besetzung Norwegens bestand, zeitlich aufs engste verbunden mit dem Minenlegen in norwegischen Gewässern, wobei das Erkennen einer deutschen Reaktion auf letztere Maßnahme in dieser kurzen Zwischenzeit überhaupt nicht möglich war. Die Darstellung in den beiden amtlichen Werken, welche der deutschen Kriegführung die Ausweitung des Kampfes auf Norwegen zuzuschieben versucht, ist also unannehmbar und wird durch eigene Eingeständnisse widerlegt. Sie ist offenbar durch politische Rücksichten bestimmt.25

Für Boehm ergibt sich aus den Darstellungen aber eine klare Schlußfolgerung:

Ein Plan von der Kühnheit, wie ihn die deutsche Seekriegführung durchführte, wurde einfach nicht für möglich gehalten. … Der Stoß der deutschen Seekriegführung in Gebiete, die die britische Flotte beherrschte, durchkreuzte die sonst ohne Zweifel eingetretene Durchführung von ‘Plan R 4′, weil man auf englischer Seite ein Risiko wie die Deutschen nicht eingehen wollte.(25)

Churchills “Gewissen”

Als Ergebnis faßt Generaladmiral Boehm, der übrigens als junger Offizier bereits 1916 an der Skagerrak-Schlacht teilgenommen hatte, daher zusammen:

Es kann nicht der geringste Zweifel darin bestehen, daß bei den Alliierten die feste Absicht einer Besetzung Norwegens bestand, – zwar in der Hoffnung, daß kein Widerstand geleistet würde, aber ebenso in dem Willen, die Aktion auch mit Waffengewalt durchzuführen. Ebenso bestand klar der Plan einer Ausweitung des Krieges über schwedisches Gebiet hin, wobei in Kenntnis der neutralen Haltung Schwedens mit schweren Kämpfen gerechnet werden mußte. Die treibende Kraft aber dabei war Churchill, der den Anspruch auf ein behauptetes Recht, sich über die zwischen den Völkern getroffenen Vereinbarungen und bindenden Regeln hinwegzusetzen, mit folgenden Worten in seiner Denkschrift an das Kabinett vom 16.12.1939 zu rechtfertigen glaubt:

„Unser Gewissen ist unser oberster Richter … Als tatsächliche Vertreter der Prinzipien des Völkerbundes haben wir das Recht, ja die Pflicht, vorübergehend die Gültigkeit gerade der Gesetze aufzuheben, denen wir wieder Geltung und Sicherheit verschaffen wollen.“26

Liddell Hart zum Thema “Nürnberger Tribunal”

Aufschlußreich ist das Urteil des bekannten englischen Militärschriftstellers Liddell Hart in einem Artikel „Geheimnisse um den Angriff auf Norwegen“:

Es ist schwer zu verstehen, wie die Regierungen von Britannien und Frankreich die Stirn hatten, die Planung und Durchführung der Invasion Norwegens in die Reihe der Anklagen bei den Nürnberger Verfahren aufzunehmen …27

Auf der anderen Seite haben die Nürnberger Tribunale

es ängstliche vermieden, sich auf den unsicheren Grund der Forschung nach den Kriegsursachen zu begeben,

wie Rechtsanwalt Otto Kranzbühler, der Verteidiger von Großadmiral Dönitz, betonte.

Vor dem Internationalen Militärtribunal war der Verteidigung die Erwähnung des Versailler Vertrages ausdrücklich verboten.28

“Die Reichsregierung hat diese Entwicklung nicht gewollt.”

Wenden wir uns einmal den Gründen zu, weshalb Hitler lange Zeit dagegen war, eine Besetzung Norwegens auch nur als Eventualität zu erwägen.

Die der deutschen überlegene englische Flotte hatte von Kriegsbeginn an Deutschland vom Überseehandel abgeschnürt. Nur zwei Seewege blieben noch: die Ostsee, über die Schiffsladungen aus der nun befreundeten Sowjetunion eintrafen, und entlang der norwegischen Küste für Zufuhren aus dem russischen Eismeerhafen Murmansk und die noch wichtigeren schwedischen Eisenerzlieferungen aus den Gruben von Kiruna und Gällivarek über den norwegischen Hafen Narvik.

Wenn Norwegen nicht mehr neutral wäre, sei es infolge einer deutschen Besetzung, könnte die schwache deutsche Flotte die deutschen Handelsschiffe kaum wirksam vor dem Zugriff der britischen Flotte schützen. Das war eine ganz pragmatische Sichtweise. Dagegen zielten die alliierten Planungen gerade darauf ab, Hitler zum Handeln zu nötigen.

Als das „Unternehmen Weserübung“ anlief, war, um das Hinterland zu sichern, zugleich die Besetzung Dänemarks unvermeidbar. Aber beide Länder wurden nicht als Feindstaaten betrachtet, vielmehr hoffte die Reichsregierung bei ihrer Reaktion auf die Bedrohung von Norden in dieser militärstrategischen Notlage auf eine friedliche Besetzung.

Ein Memorandum der Reichsregierung an die norwegische Regierung vom 9. April 1940 wurde vom deutschen Gesandten in Oslo, Dr. Bräuer, in der Frühe des Tages der norwegischen Regierung überreicht.29

Nach ausführlichen Erklärungen zur Entstehung der gegenwärtigen Kriegslage mit entsprechenden Hinweisen , daß die norwegische Regierung den bisherigen Übergriffen Englands keinen Widerstand entgegengesetzt und schwerste Eingriffe in die Hoheitsrechte … geduldet habe, heißt es dann wörtlich:

In dieser entscheidenden Phase des dem deutschen Volke von England und Frankreich aufgezwungenen Existenzkampfes kann die Reichsregierung aber unter keinen Umständen dulden, daß Skandinavien von den Westmächten zum Kriegsschauplatz gegen Deutschland gemacht und das norwegische Volk, sei es direkt oder indirekt, zum Krieg gegen Deutschland mißbraucht wird.

Deutschland ist nicht gewillt, eine solche Verwirklichung der Pläne seiner Gegner untätig abzuwarten oder hinzunehmen. Die Reichsregierung hat daher mit dem heutigen Tage bestimmte militärische Operationen eingeleitet, die zur Besetzung strategisch wichtiger Punkte auf norwegischem Staatsgebiet führen werden. Die Reichsregierung übernimmt damit während dieses Krieges den Schutz des Königreiches Norwegen. Sie ist entschlossen, von jetzt ab mit ihren Machtmitteln den Frieden im Norden gegen jeden englisch-französischen Angriff zu verteidigen und endgültig sicherzustellen.

Die Reichsregierung hat diese Entwicklung nicht gewollt. Die Verantwortung hierfür tragen allein England und Frankreich. [...]

Die deutschen Truppen betreten den norwegischen Boden daher nicht in  feindseliger Gesinnung. [...]

Die Reichsregierung erwartet daher, daß die Königlich Norwegische Regierung und das norwegische Volk dem deutschen Vorgehen Verständnis entgegenbringen und ihm keinerlei Widerstand entgegensetzen. [...]

Ein gleichlautendes Memorandum vom gleichen Tage wurde der dänischen Regierung überreicht.

Reibungslos und beinahe ohne jeden Widerstand verlief die Besetzung Dänemarks.

In Kopenhagen regelten bereits am frühen Morgen neben dänischen Polizisten deutsche Soldaten an den Straßenkreuzungen den Verkehr.

Dagegen stieß die Besetzung in Norwegen auf teilweise harten Widerstand. In der Dröbak-Enge des Oslo-Fjords wurde der Schwere Kreuzer „Blücher“ versenkt, vor Bergen der Leichte Kreuzer „Karlsruhe“ durch Torpedos schwer getroffen. Dennoch gelangen die Landungen überall, konnten die deutschen Truppen den Weg ins Landesinnere antreten. Vor Lillehammer kam es zum erstenmal in diesem Krieg zum Gefecht mit englischen Truppen, denn inzwischen waren die Alliierten an drei Stellen in Norwegens ebenfalls an Land gegangen.

Zu wirklich schweren, lange andauernden Kämpfen kam es nur in Narvik.

Zehn deutsche Zerstörer, die Gebirgstruppen unter Führung des Generals Eduard Dietl zu diesem nördlichen Hafen bringen sollten, waren wegen des weiten Anmarschweges schon Tage vor den anderen Schiffsgruppen aufgebrochen, die ganze Zeit stürmischem Wetter ausgesetzt.

Von allen Häfen Norwegens war, abgesehen von dem tapferen, aber unglücklichen Einsatz zweier norwegischer Küstenpanzerschiffe, der geringste Widerstand geleistet worden. Doch es sollte um Narvik der schwerste Kampf im Norwegenfeldzug entbrennen. Das isolierte Narvik galt der britischen Flotte als bester Angriffspunkt, weshalb die bereits auf englischen Zerstörern eingeschifften Truppen kurzfristig wieder ausgeschifft worden waren.

Deutscherseits sah man diese Gefahr und gab den eigenen Narvik-Zerstörern strikten Befehl, sofort nach dem Ausladen der Gebirgsjäger Treibstoff zu ergänzen und wieder auszulaufen. Die deutsche Kriegsmarine verfügte nur über 22 Zerstörer, und davon saßen nun zehn, die modernsten überhaupt, in der Falle Narvik.

Da nur ein Treibstoffversorger bereit lag – die anderen waren unterwegs von britischen Seestreitkräften versenkt worden – , dauerte die Ölübernahme viel zu lange. Am 10. April lagen die Zerstörer immer noch im Erzhafen, als die englische Zerstörerflotte, begleitet vom Schlachtschiff „Warspite“, sich im Fjord dem Narviker Hafen näherte.

Infolge unglücklicher Umstände traf der massive Feuerüberfall der Briten die Deutschen völlig überraschend. Fünf feindliche Zerstörer liefen direkt in den Hafen ein, und auf Anhieb wurden 27 Schiffe aller Nationen vernichtet, darunter die zwei gerade beim Tanker liegenden Zerstörer und dieser selbst. Unter den Gefallenen befand sich der deutsche Flottenchef, Kommodore Bonte.

Beim Angriff in einem Nebenfjord auf fünf deutsche Zerstörer gingen auch zwei britische Zerstörer unter (neben zwei deutschen), zwei weitere wurden schwer beschädigt.

Am 13. April brach das Unheil über die deutschen Zerstörer vollends herein. Ohne Rücksicht auf die hohe Überlegenheit der gegnerischen Flotte griffen sie verzweifelt und tapfer an, aber einer nach dem anderen wurde vernichtet. Das Ausnutzen ihrer Beweglichkeit und Schnelligkeit war in den engen Binnengewässern unmöglich, wo sie den schweren 38-cm-Geschützen des Schlachtschiffes „Warspite“ fast hilflos ausgeliefert waren.

Die 2100 überlebenden Marinekameraden verstärkten an Land die Gebirgsjäger General Dietls.

Mit historischer Genauigkeit

schildert Captain Peter Dickens in seiner beiden Seiten gerecht werdenden Dokumentation „Brennpunkt Erzhafen Narvik“ die Seegefechte bei Narvik. Übersetzt wurde das verdienstvolle Buch aus dem Englischen von Kapitän z.S. Hans Dehnert, der selbst als Torpedooffizier an Bord des deutschen Zerstörers „Diether von Roeder“ am Kampf um Narvik teilgenommen hatte und somit Zeitzeuge war. Der mit ihm befreundete Verfasser urteilt:

Das Risiko wurde klar erkannt, aber die zwingende Notwendigkeit einer Sicherung Norwegens war so stark, daß nötigenfalls sogar ein Verlust von nicht weniger als der Hälfte der Überwasserstreitkräfte bei Erfolg des Unternehmens als gerechtfertigt angesehen wurde. Was sich der Welt daher weithin als ein brutaler Übergriff gegenüber einem friedlichen, unschuldigen und wehrlosen Neutralen darstellte, hielten die Deutschen für lebenswichtig zur Verteidigung ihres Vaterlandes gegen die gnadenlose und unmenschliche britische Blockade.30

Am gleichen Tage landeten außerdem starke britische Seestreitkräfte in Harstad auf den Narvik vorgelagerten Lofoten-Inseln.

Ebenso landeten Engländer und Franzosen in Mittelnorwegen, in Andalsnes und Namsos, um von Norden und Süden das deutschbesetzte Trondheim zu erobern. Nach geringen Anfangserfolgen warfen die deutschen Truppen sie trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit zurück. Geschlagen begannen die Engländer am 28. April mit der Räumung von Namsos, am 30. April auch von Andalsnes. Bei Trondheim zerbrach zugleich der letzte Widerstand norwegischer Truppen.

Andererseits zwangen die seit dem 12. Mai vor Narvik versammelten englischen und französischen Truppen Dietls Gebirgsjäger und die Seeleute, am 28. Mai Narvik zu räumen. Erst der Sieg über Frankreich entschied zugleich über die endgültige Inbesitznahme von Narvik durch die deutsche Wehrmacht.

Die politische Zukunft Norwegens entwickelte sich jedoch nicht als das von Hitler erhoffte Einvernehmen mit einem unter deutschen Schutz gestellten Land.

Quisling

Vidkun Abraham Lauritz Jonssøn Quisling, ein Autogramm gebend (1943) (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Vidkun_Quisling)

Vidkun Abraham Lauritz Jonssøn Quisling, ein Autogramm gebend (1943) (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Vidkun_Quisling)

Die Flucht des norwegischen Königs und seiner Regierung veranlaßte den Staatsrat Vidkun Quisling noch am 9. April 1940 in Oslo eine provisorische Regierung zu bilden.

Der Name dieses norwegischen Patrioten, der mit seiner „Nasjonal Samling“ das Beste für sein Land anstrebte und dieses keinesfalls an Deutschland verriet, wurde zum Synonym für Landesverrat.

Quisling trat dann zwar wieder zurück und nahm erst 1942 erneut das Amt des Ministerpräsidenten an, aber seinem Wirken für Norwegen war eine persönliche Tragik beschieden. Das hatte verschiedene Gründe.31

Es sollte sich nämlich die von Hitler angeordnete „Zweigleisigkeit“ von Befugnissen der militärischen Machthaber und der zivilen Verwaltung als verhängnisvoll erweisen. Dies war nach Auffassung des ehemaligen Marineoberbefehlshabers von Norwegen, Generaladmiral Boehm,

letzten Endes von unheilvollem Einfluß auf die politische Entwicklung gewesen.32

Gemäß „Erlaß des Führers“ vom 24.4.1940 wurden, um „die öffentliche Ordnung und das öffentliche Leben sicherzustellen“, die besetzten norwegischen Gebiete einem „Reichskommissar“ unterstellt, und zum Reichskommissar ernannte Hitler den bisherigen Gauleiter und Oberpräsidenten des Rheinlandes PG Terboven. Ihm hatte Hitler bei seiner Entsendung nach Norwegen das zu erstrebende politische Ziel mit den Worten zum Ausdruck gebracht:

Sie werden mir keine größere Freude machen, als wenn Sie mir dieses Volk zu Freunden machen!33

Josef Terboven, April 1942 (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Terboven)

Josef Terboven, April 1942 (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Terboven)

Dem Reichskommissar war eine fast unbegrenzte Macht übertragen, aber vor allem auch eine staatspolitische Aufgabe von höchster Bedeutung zugewiesen, deren Lösung entscheidend sein mußte für das Verhältnis Norwegens zum Deutschen Reich. Dieser hohen Aufgabe war Terboven charakterlich keineswegs gewachsen. Boehm kennzeichnet ihn als

ehrgeizig und sehr auf seine Stellung bedacht, im Wesen eiskalt und in der Wahl seiner Mittel bei seiner Politik völlig skrupellos. [...]

Es läßt sich kaum ein krasserer Gegensatz denken als zwischen einem Manne wie Terboven und seinem politischen Gegenspieler in Norwegen, Quisling, der mit seiner großen und starken nordischen Gestalt schon rein äußerlich sich von dem Reichskommissar unterschied, vor allem aber mit seinem bedächtig abwägenden Verstande und seiner Geradheit von völlig anderer Wesensart war als Terboven mit seinem verschlagenen Intellekt…“34

Dieser Reichskommissar schadete vor allem mit seinen Gewaltakten sehr dem deutschen Ansehen und einer vernünftigen Politik des Ausgleichs. Deshalb wandte sich der Marineoberbefehlshaber in völligem Einvernehmen mit dem Ob.d.M. Großadmiral Raeder direkt an Hitler mit Beschwerden über das Verhalten Terbovens. Zwar gab sich Hitler aufgeschlossen und stellte Abhilfe in Aussicht, doch sah er aufgrund der Gesamtkriegslage (1942) offensichtlich in der Frage der Norwegen-Politik kein vordringliches Problem.

Ähnlich unentschlossen zeigte sich Hitler gegenüber dem Memorandum Quislings vom 9. Juni 1942, in dem dieser für Friedensverhandlungen zwischen Norwegen und Deutschland eintrat sowie für die Wiederherstellung der norwegischen Selbständigkeit.

Die breite Masse der Norweger

war in der ersten Zeit der Besetzung schwankend, das Ansehen der Regierung nach der Flucht erschüttert, die Mißstimmung gegen England groß. Generaladmiral a.D. Boehm beurteilt die Situation anderthalb Jahrzehnte danach so:

In jener Zeit des Sommers 1940 hatte die deutsche Politik Aussicht auf Erfolg, wenn sie klug und ehrlich handelte. Durch Unklarheit der Ziele, durch Mangel an Geradlinigkeit des Weges und durch Unaufrichtigkeit wurde das Vertrauen als Grundlage jeden politischen Erfolges erschüttert – das Verlassen des Rechtes zerstörte jede Aussicht auf gedeihliche Entwicklung. Hierin liegt der Hauptgrund des Mißerfolges – neben sonstigen Mißgriffen.35

In den 50er Jahren konnte der frühere Marineoberbefehlshaber noch beklagen, in Norwegen sei die Einsicht,

daß Deutschland aus strategischen Gründen des Krieges zu dem ihm selbst höchst unerwünschten Schritte sich gezwungen sah,

kaum vorhanden. Siebzig Jahre nach den tragischen Ereignissen muß dagegen festgestellt werden, daß in Deutschland selbst weder Einsicht noch vor allem Kenntnis vorauszusetzen sind, wie es im Frühjahr 1940 zu jener strategischen Zwangslage kam. Mit Fernsehsendungen unter der Generalschuldzuweisung „Hitlers Angriff auf Europa“ wird die allgemeine Unwissenheit aus volkspädagogischen Gründen zusätzlich bewußt gefördert.

Wer Ehrlichkeit und Klarheit erhofft,

muß heutzutage auf Bewertungen aus dem ehemaligen gegnerischen Lager zurückgreifen. Beispielsweise betonte Lord Hankey in seinem Buch „Politics, Trials and Errors“:

Wenn unsere Operation nicht aggressiv war, dann war ihre (der Deutschen), als einzige Möglichkeit, sich vor der Erdrosselung zu retten, ebenfalls nicht aggressiv. Ich war damals Mitglied des Kabinetts. Jeder wußte, daß die Deutschen es tun mußten.36

Wenn wir sie nur ergreifen, ermöglicht uns die historische Wahrheit jederzeit den Mut zum aufrechten Gang – anstelle von Demutsgesten und Betroffenheitsritualen.

Noch im März 1937 hatte General Erich Ludendorff anläßlich einer letzten Aussprache mit Hitler diesen ernsthaft davor gewarnt, sich in einen Krieg verwickeln zu lassen. Manches deutet darauf hin, daß der Diktator selbst davon überzeugt war, seine außenpolitischen Ziele ohne Krieg verwirklichen zu können. General Ludendorff jedenfalls glaubte ihm nicht.

Aber selbstbewußt äußerte Hitler am 23. Mai 1939 nach dem Zeugnis des Oberbefehlshabers des Heeres, Generalfeldmarschall v. Brauchitsch:

Ich müßte ein Idiot sein, wenn ich wegen Polen in einen Krieg schlittern würde wie die Unfähigen vom Jahre 1914. 37

Und doch trieb dieser durch Provokationen und durch die englische Haltung ständig verschärfte Konflikt mit Polen, bei dem Hitler bis zuletzt auf eine einvernehmliche Lösung hoffte, Deutschland schließlich in den Krieg, mit der englisch-französischen Kriegserklärung in den europäischen Krieg. Dieser wurde durch die Strategie der Westmächte 1940 zunächst nach Nordeuropa verlagert und aufgrund der Offensive gegen Frankreich in den Westen. Nach dem siegreichen Frankreich-Feldzug hatte jedoch Hitler die Initiative zugunsten seiner Gegner endgültig verloren, denn inzwischen hatte sich gezeigt, was Churchill voraussagte:

Hitler kann den Krieg beginnen, doch wann er beendet wird, bestimmen wir.

Die Kriegsausweitung

  • auf dem Balkan war das Ergebnis des unheilvollen Bündnisses mit dem faschistischen Italien, als Mussolini Griechenland angriff und deutsche Unterstützung brauchte.
  • Die Einbeziehung Nordafrikas als weitere Folge kam der Kriegsausweitungspolitik Englands ebenso höchst gelegen,
  • schließlich auch die erpresserische Außenpolitik Stalins, die spätestens seit dem Mototow-Besuch in Berlin im November 1940 Hitlers Entschluß zum Rußlandfeldzug auslöste. 1941 begann damit und
  • mit der Einbeziehung der USA der eigentliche Zweite Weltkrieg. Die Kriegspolitik des amerikanischen Präsidenten Roosevelt hatte ihr Ziel erreicht, denn lange vor der Kriegserklärung gab es den „undeclared war“ zur See, als Churchill und Roosevelt die „Atlantik-Charta“ formulierten und Hitler den deutschen U-Booten den Befehl erteilte, auf die Beschießung durch amerikanische Kriegsschiffe nicht zu reagieren.

Bereits der Krieg von 1939 hatte, wie Gerd Schultze-Rhonhof in seiner akribischen Arbeit nachwies, „viele Väter“, noch weniger war der Zweite Weltkrieg allein „Hitlers Krieg“, er war in erster Linie Churchills Krieg, Stalins Krieg und Roosevelts Krieg. …

Die Formel „Angriff auf Europa“ wird wissenschaftlichen Ansprüchen keinesfalls gerecht. Und auf die sollte niemals verzichtet werden.

"Deutscher Soldatenfriedhof Narvik" (1471 Gefallene des 2. Weltkrieges), Foto: H. J. Gräsing, aus: Peter Dickens, "Brennpunkt Erzhafen Narvik". Captain Peter Dickens war Urenkel des bekannten englischen Schriftstellers Charles Dickens.

"Deutscher Soldatenfriedhof Narvik" (1471 Gefallene des 2. Weltkrieges), Foto: H. J. Gräsing, aus: Peter Dickens, "Brennpunkt Erzhafen Narvik". Captain Peter Dickens war Urenkel des bekannten englischen Schriftstellers Charles Dickens.

Anmerkungen:

22 Boehm, a.a.O., S. 40 IMT Bd. XXXIV, Dok. 100C, S. 334
23 Boehm, a,a,O., S. 17
24 Boehm, a.a.O., S. 19
25 Boehm, a.a.O., S. 24
26 Boehm, a.a.O., S. 25
27 Boehm, a.a.O., S. 27
28 Otto Kranzbühler: Rückblick auf Nürnberg (1949), S. 21
29 „Völkischer Beobachter“ (VB) vom 10.April 1940, „Monatshefte für Auswärtige Politik“, Jahrg. 7 (1940), S. 347 ff.
30 Peter Dickens: Brennpunkt Erzhafen Narvik. Kampf deutscher und britischer Zerstörer um schwedisches Erz in den Fjorden Norwegens. Motorbuch Verlag Stuttgart, 1975, S. 22
31 Auf einen Einwand Adelindes bzgl. faschistoider Erlasse Quislings merkt der Verfasser G. Bracke hier an: “Mir kam es nur auf die Gegenüberstellung Quisling – Terboven an, so wie Boehm die Sache erlebt hat. Daß Quisling heute als Synonym für Verräter angesehen wird, ist mir klar. Boehm hielt ihn für einen norwegischen Patrioten, das zu betonen ist heute zwar politisch unkorrekt, sollte aber gerade deswegen auch einmal zum Ausdruck gebracht werden. Auch wenn wir das NS-Regime kritisch beurteilen oder ablehnen, sollten wir auf Gerechtigkeit im Bemühen um die Wiederherstellung des Friedens, um der geschichtlichen Wahrheit willen, nicht verzichten.”
32 Boehm, a.a.O., S. 87
33 Boehm, a.a.O., S. 92 Diese Worte hat Terboven Boehm selbst mitgeteilt.
34 Boehm, a.a.O., S. 93
35 Boehm, a.a.O., S. 174
36 Lord Hankey, a.a.O., S. 62, zit. nach Boehm, S. 179
37 IMT, Bd. XX, S. 623 Dieser Satz steht nicht im sog. Schmundt-Protokoll, jener dubiosen „Quelle“, aus der immer wieder zitiert wird, vor allem der Hitler unterstellte Satz: „Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht…“

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