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Wie wird „man“ mit einem solchen Schicksal „fertig“?

Obersturmbannführer Joachim Peiper

Joachim Peiper * 30. Januar 1915, Berlin + 13. Juli 1976, Traves (Bild: Wikipedia)

wurde 1946 von der Sieger-Justiz zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde nach 4 Jahren und 7 Monaten Haft und Warten auf die Tötung durch den Strang in eine lebenslängliche Haft-strafe umgewandelt, aus der er 1956 entlassen wurde.

1976 starb er unter „ungeklärten Umständen“ bei einem Brandanschlag auf sein Haus in Frankreich.

Aus seiner Festungshaft in Landsberg,

dem Kriegsverbrechergefängnis Nr.1 der amerika-nischen Besatzungsmacht schrieb er an einem trüben Herbsttag des Jahres 1952 seine allmählich aus dem Leid gewonnenen Erkenntnisse  nieder:

In mönchischer Klausur sitzt ein Kriegs-verbrecher auf seinem Klappbett und döst. An der Tür steht „Lebenslänglich“ und auf dem Kalender „Oktober 1952“.

Der Ofen singt, die Spinne erkundet neue Winterstellungen, und der Herbst rüttelt mit rauher Hand an den Schwedischen Gardinen.

Dreizehn Jahre getrennter Ehe, fünfmal als zum Tode verurteilte Geburtstage gefeiert und nun das achte Weihnachtsfest im Zuchthaus. Wirklich, eine sonnige Jugend.

Kein Tier dürfte man so schlecht behandeln. Überhaupt der Mensch: Welcher Opfer ist er fähig und welcher Gemeinheiten.

Wie endlos lang muß die Kette der Erfah-rungen sein, will man es auch nur annähernd ausloten. Erfahrungen mit Menschen hat die Kriegsgeneration. In Landsberg ist obendrein auch noch Zeit zum Sichten und Einordnen.

Als wir vor siebeneinhalb Jahren die Welt des Stacheldrahts zum ersten Mal betraten, waren wir wie Kinder, welche über Nacht die Mutter verloren hatten.

Aufgewachsen und erzogen unter den klaren Gesetzen der Front, fühlten wir uns außer-stande, die neuen Spielregeln zu begreifen.

Wer anfänglich noch gemeint hatte, daß einer blindwütigen Politik die Augen durch Wahr-haftigkeit zu öffnen seien, mußte bald er-fahren, daß dort nur wenig Gerechtigkeit zu erwarten ist, wo zu demagogischem Zweck eine blutrünstige Figur an die Wand gemalt werden soll.

Doch unser gutes Gewissen und unsere Ig-noranz waren grenzenlos. Der Staat hatte der Jugend ja nur die Handhabung von Waffen gelehrt. Das Verhalten gegenüber Verrat war nicht geübt worden.

Gestern noch ein Teil der großdeutschen Wehrmacht, standen wir heute gemieden und geächtet als Prügelknaben von einer heulen-den Meute umringt.

Wer bisher nur um den einen Teil des Selbsterhaltungstriebes gewußt hatte, das tapfere Zittern vor der Gefahr, konnte seine Ohren nunmehr an das „Haltet den Dieb Geschrei“ gewöhnen, mußte das Denunzian-tentum jener traurigen Gesellen kennenler-nen, die durch einen Tritt nach unten wieder nach oben kommen wollten.

Wer hat in diesen Tagen nicht an Deutschland gezweifelt, und wem verschloß der Ekel nicht den Mund?

Als sich der Lebensraum dann mählich ver-engte, von Lager über die Baracke zum Käfig, wurden wir blind für das Gemeinsame und hellsichtig für das Trennende.

Mißtrauen und seelischer Nihilismus traten an die Stelle von Kameradschaft. Jeder zeigte auf das Versagen des anderen und trug Anklagen wie Entschuldigungszettel für das eigene Verhalten vor sich her.

Der homo vulgaris hatte sich von der Kette losgerissen. Primitive Instinkte feierten ihre Befreiung von allen Hemmungen und auf dem Rest trampelten mit selbstzerstörerischer Freude wir selber noch herum.

Der Hunger schwang die Peitsche, und die Menschenwürde duckte sich. Ehrwürdige Tra-dition und stolzes Standesbewußtsein ver-neigten sich vor einer Zigarettenkippe bis tief auf die Erde.

Was Wunder, daß der feindliche Vergel-tungsangriff viele schwache Stellen bei uns traf. Zwietracht und Mißtrauen sind schlechte Ratgeber im Gerichtssaal.

Indessen, die Aufgabe wäre diesmal auch so nicht zu schaffen gewesen. Zuviel Mühe hat-ten die Schlingensteller auf die Vorbereitung gewandt.

Wissend betraten wir die Arena, und schweigend standen wir drei Monate lang am Pranger. An dreimal 30 Tagen wurden wir hinterm Triumphwagen des Siegers durch die Gosse geschleift.

Dann war es endlich soweit, eine letzte Woge von Geifer fand ihre Opfer und spülte sie durch die düsteren Gefängnistore. Strandgut des Zweiten Weltkrieges!

Was die Freiheit bedeutet, lehrt erst die Unfreiheit.

Welch köstliches Geschenk dünkt sie dem Eingekerkerten. Nur wer die Freiheit je verlor, vermag zu ermessen, wie lang ein Tag ist; was es bedeutet, wenn sich der Alpdruck der Sorge und Ungewißheit für vier Jahre und sieben Monate auf unsere Angehörigen senkte.

23 Kubikmeter Atemluft wurde jedem zuge-standen. In ihnen stand von nun an das ganze Ich auf den Zehenspitzen.

Langsam wurde es stille um uns. Bis auf den ewig knurrenden Magen und den das Leben verkündenden Amselgesang am Abend und am Morgen.

Oh ihr Amseln, gibt es irgendeinen Gefangenen, der nicht neue Hoffnung von euch empfangen hätte?

Die von der Geißel des Staatsanwaltes auf-gepeitschten Nerven befreunden sich am ehesten mit der Einzelhaft. Die Fäuste öff-neten sich langsam und das wilde Aufbäumen gegen das Schicksal ließ nach.

Übrig blieb nur das Nichtbegreifen, der Schmerz um die Liebenden und das Hadern mit der Vorsehung, die uns schnöde um die ehrliche Kugel betrogen hatte. Wir lernten im Zwielicht sitzen …

Je tiefer wir sanken und je mehr die Ge-genwart verblaßte, desto näher kamen wir unseren Wurzeln, und desto stärker gewann die Vergangenheit an Leuchtkraft zurück.

Die alten Schlachtfelder wurden zum Antäus-boden und die gefallenen Kameraden zum Vorbild und zu Hütern unserer Haltung.

Die schwierige Erkenntnis begann zu däm-mern, daß das Leben nichts umsonst gibt, daß allen Schicksalsgütern insgeheim ein Preis eingezeichnet ist.

Vor dem Feinde waren aber auch die Jüngsten unter uns nie Zechpreller gewesen.

Wir saßen in Deutschlands dunkelstem Winkel und blickten zurück auf unsere sonnenüber-flutete Ikarusreise. Keiner mußte die Augen niederschlagen.

Was wogen schon die Unzulänglichkeiten und Fehler gegenüber den heißen Herzen, die wir stets und überall bereit waren, in die Waagschale zu werfen.

Übermenschen, Menschen und Untermen-schen haben unseren Weg gekreuzt, und immer erwiesen sich die Grenzen als fließend.

Je weiter wir vorstießen und uns von der Phrase entfernten, desto klarer zeigte sich, daß das Leben gleich dem Lichte aus Komplementärfarben besteht. Nicht schwarz-weiß malt es, sondern in Zwischentönen. Ganz langsam wurde es heller.

Doch wir waren jung, und Anfechtungen blieben nicht aus. Wer stirbt auch schon gern unterm Galgen?

Wir riefen Deutschland und hörten kein Echo.

Wir spielten Schach durch die Wand, lernten Fingersprache und schrieben an unseren Ne-krologen.

Dann wurden wir müde und gleichgültig und hängten mit der Hoffnung auch das Lauschen an den Nagel. Ungerecht wurden wir und bitter.

Gab es damals einen anständigen Kerl, den man nicht eingesperrt hatte oder eine Hilfsbereitschaft, die man nicht zertreten hätte?

Gleichviel, so mancher sägte sich los vom Stamme der Gemeinschaft, wurde Menschen-feind und weihte Hirn- und Drüsentätigkeit hinfort der Galleerzeugung. Es ist jener Typ, den man überall an dem unerschöpflichen Gedächtnis erkennt, wo es gilt, alte Ressenti-ments zu pflegen.

Andere wiederum erkannten, daß die pseu-dodemokratische Parole „Hier sind wir alle gleich“ nichts weiter als ein dummes Ge-schwätz ist, ein geradezu in den Rinnstein ziehender Rettungsring mit Bleifüllung.

Mit allen Kräften wehrten sie sich gegen die Vermessung und den steten Sog nach unten. Sie wurden zu Philosophen, versuchten durch bewußte Individualisierung und Differenzie-rung sich die innere Freiheit zu bewahren und saßen im Zuchthaus letztlich wie im Lehn-stuhl.

Am glücklichsten dran waren aber wohl jene Lebenskünstler, die ihre Weltanschauung mit der Eintagsfliege gemeinsam haben.

Wer kennt sie nicht, diese frohen Gesellen, denen der Mutterwitz auch in der faulsten Situation einen immer noch fauleren Witz ergibt?

Alle begannen wir ein ichbezogenes Eigen-leben zu führen, setzten Masken auf und fletschten die Zähne. Jeder schlug sich die Flügel wund, bis dicke Hornhaut die El-lenbogen schützte.

Wenn das Leben, getrennt von Frau und Kindern, hinter Zuchthausmauern verrinnt, ist es schwer, gerecht und objektiv zu bleiben. Junge Menschen rütteln in ohnmächtiger Wut an ihren Ketten, spürten die Kräfte schwinden und den Mut müde werden. Die Nivellierung ging um.

Die Zeit war so schwer, daß man sie schnell vergißt wie einen bösen Traum. Träge und quälend schleppte man sich dahin, trat über die Ufer und ließ sich selbst durch magische Wandeinkratzungen nicht mehr beschwören.

Die Zeitrechnung der Rasier- und Pudding-tage begann.

Was von draußen in unsere Todeszellen drang, war auch nicht dazu angetan, uns das Sterben leichter zu machen. Wir erfuhren, daß wir einer verbrecherischen Organisation an-gehörten und einem Unrechtsstaat gedient hatten.

Die Schlammflut der Enthüllungs- und Me-moirenliteratur brachte Erklärungen von Mili-tärs und Diplomaten, die absichtlich auf die Niederlage ihres Vaterlandes hingearbeitet hatten.

Man kam sich vor wie ein in einer Jau-chegrube gelandeter Decius Mus. Hinfort bestand in den düsteren Gewölben unseres Lemurenstaates keine Möglichkeit mehr für eine Besteckaufnahme.

Der einzige Festpunkt in diesem Chaos war das stille Heldentum unserer Frauen und Mütter.

Aber die Zeit trennt nicht nur, sie heilt auch zugleich. Allmählich und zaghaft begann draußen die nationale Besinnung wieder Fuß zu fassen.

Die Konjunktur der Leichenfled-derer war vorbei. Die Ordnung kam zurück und die längst erschlagen geglaubte Anständigkeit.

Und mit den ersten Spähtrupps traten die so-lange mundtot gemachten Kameraden wieder auf den Plan. Die Parias der Nachkriegszeit hatten ihrer noch ärmeren Brüder also doch nicht vergessen.

Was tat es, daß die Einsatzbereitschaft im umgekehrten Verhältnis zum früheren Dienstgrad stand? Deutschlands treueste Söhne sind meist nur aus kleinen Hütten gekommen.

Uns jedenfalls war wie einer eingeschlosse-nen Kampfgruppe, die endlich Luftversor-gung erhält, die aufatmend feststellt, daß man sie noch nicht abgeschrieben hat.

Ein kriegsblinder Panzerfunker saß in irgend-einem feuchten Keller und webte einen Kis-senbezug für seinen zu Tode verurteilten Kommandanten.

Ein Doppelamputierter trennte sich von sei-nem Lieblingsbuch, und helfende Hände rührten sich in fernen Kontinenten.

Mußte der schwache Hoffnungsfunke nicht erneut aufflammen? Eine unsinnige Zeit be-gann ihren Sinn zu erhalten.

Wir waren durch ständige Prügel so trotzig und störrisch geworden, daß der Verei-sungsprozeß fast nicht mehr rückgängig ge-macht werden konnte.

Nun spürten wir plötzlich wieder den be-glückenden Atem warmer Frontkamerad-schaft, wurden gewahr, daß draußen nicht nur die Prämierung des Gemeinen und die Verächtlichmachung aller Werte galt.

Ein neues Verständnis für die Schwierigkeiten des Lebens vor den Toren begann, und aufhörte der Glaube, daß Landsberg der Mit-telpunkt der Welt sei.

Durch Druck und Gärung fanden wir zur To-leranz. Und es mag wohl sein, daß darin der Gewinn der verlorenen Jahre liegt. Darin, daß wir erst bis in die schwer zugänglichen Be-zirke der Selbsterkenntnis vordringen muß-ten, ehe wir die menschliche Unzuläng-lichkeit fanden. Daß wir auf schwere Weise lernen mußten, uns zu beneiden.

Nun kam uns in unserem Kampf um die Wahrheit und um das Wesentliche die Rela-tivität erst ganz zum Bewußtsein, das Sub-jektive des Blickwinkels.

Nach harter Lehrzeit wurde aus Engstirnigkeit Gesamtschau, wir warfen die Scheuklappen ab.

Während das bisher Sinnlose unserer Lei-denszeit sich solcherart fast unmerklich in Deutung und aufkeimende Erkenntnis um-setzte, ging auch draußen die große Wand-lung vor sich, erhielt der große Opfergang unseres Volkes seine sichtbare Rechtferti-gung.

Wo wäre heute das zerrissene Abendland oh-ne jene aus der Geschichte nicht mehr weg-zudenkenden Deiche aus deutschen Leibern?

Vom Kaukasus bis nach Finnmarken verläuft in weitem Zirkelschlag die Linie der abend-ländischen Gefechtsposten. Vertreter unseres gesamten Kulturkreises halten stumm die Wacht.

Und wenn ihre Grabhügel auch eingeebnet sind und viele Länder sich noch heute ihrer edelsten Söhne schämen, so ist es doch einzig dieser Avantgarde der Europaidee zu danken, wenn Dschingis Khans Erben ihre Panzer noch nicht am Atlantik in die Schwemme fahren.

Laßt uns ihretwegen den Groll begraben, Ka-meraden. Die Geschichte wird gerechter rich-ten als blindwütige Zeitgenossen. Die Gefahr ist so drohend und die Not so groß, daß niemand sich dem Ruf versagen darf.

Vergeßt nicht, daß in den Kadern der Waffen SS die ersten Europäer gefallen sind, daß die Nachkriegserschlagenen zumeist aus unseren Reihen stammten und nur wegen ihres Glaubens an die Unteilbarkeit des Abend-landes zu Freiwild wurden.

Seid dieser Blutzeugen eingedenk. Bleibt nicht auf halbem Wege stehen.

Der Europagedanke ist das einzige politische Ideal, für das zu kämpfen heute noch lohnt. Nie waren wir seiner Verwirklichung näher.

Packt die Lüge an der Gurgel, schlagt der Verleumdung ins Gesicht, helft den Nachbarn und der Kriegerwitwe.

Wenn jeder zu sich und den einfachen Werten zurückfindet, dem Egoismus abschwört, aus der Armut eine Ethik macht und sich erneut der Gemeinschaft verantwortlich fühlt, dann kriegen wir auch diesmal den Karren aus dem Dreck, sind die Dämme aufgerichtet, wenn die Sturmflut kommt.

Im Kriege galten unsere stolzen Divisionen als krisenfest. Den Gefängnisbütteln aller Länder sind wir durch Standhaftigkeit ein Be-griff geworden.

Mögen unsere Kinder dereinst von uns sagen können, daß wir auch im Unglück nicht kleiner waren als unser Schicksal, daß wir selbst in der Diaspora den Sauerteig für Versöhnung und europäisches Denken ab-gaben.

Ich grüße alle, die im Kerker frei geblieben sind.

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