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Auch Japan bekam “sein” Siegertribunal

Lore Waldvogel

stellt in diesem Gastbeitrag die herausragenden Rechtsauffassungen des

Völkerrechtsexperten Radhabinod Pal

vor. Eingehend zeigt sie die Parallelen der Behandlung Deutschlands und Japans nach 1945.

Radhabinod Pal aber wurde – wie Wikipedia schreibt –

1946 … als Vertreter Indiens zum Richter am Internationalen Militärgerichtshof für den Fernen Osten berufen, der für die Durchführung der Tokioter Prozesse gegen Verantwortliche der Kaiserlich Japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg und besonders im Pazifikkrieg zuständig war.

Dabei erreichte sein Votum besondere Aufmerksamkeit:

Während bei der Verkündung am 12. November 1948 als Urteil das Mehrheitsvotum von den Richtern aus den USA, Großbritannien, der Sowjetunion, der Republik China, Kanada und Neuseeland angenommen wurde und die Richter aus den Niederlanden, Frankreich, Indien, Philippinen und Australien einzelne Minderheitsvoten veröffentlichten, wurde besonders sein Freispruchsvotum für alle Angeklagten bekannt.

Pal kritisierte in seiner 1.235-seitigen Rechtsansicht, daß nur Japaner angeklagt wurden und über diese ausschließlich von ihren Gegnern gerichtet wurde, und warf den Prozessen damit Siegerjustiz vor, daß das Grundprinzip der Unschuldsvermutung nicht zur Anwendung kam, bereitwillig auch Hörensagen als Beweis akzeptiert wurde, sowie daß zum Zeitpunkt der Taten die Hauptanklagepunkte des Führens eines Angriffskrieges bzw. „Verbrechens gegen den Frieden“ nicht strafbar waren (nulla poena sine lege).[1]

Die Veröffentlichung seines Votums wurde in Japan von den Besatzungsmächten verboten.

Soweit Wikipedia, und nun der Text von Lore Waldvogel:

Gedenkstein für Radhabinod Pal im Yasukuni-Schrein (2005) (Bild: Wikipedia)

Radhabinod Pal und die Tokio Prozesse: eine (fast) vergessene Geschichte

Der indische Richter und Völkerrechtsexperte Radhabinod Pal stellte die Siegerjustiz der Alliierten in Japan bloß — außerhalb Japans hat jedoch kaum jemand von ihm gehört.

Am 12. November 1948 verkündeten die Alliierten das Urteil:

von 25 Angeklagten wurden sieben zum Tode verurteilt, darunter Japans Premierminister während des Zweiten Weltkriegs, Tojo Hideki. Sein Selbstmordversuch in amerikanischer Gefangenschaft im Jahr 1945 war gescheitert, und so mußte er das Kriegstribunal von Anfang bis Ende über sich ergehen lassen.

Die Vorlage für den Internationalen Militärgerichtshof für den Fernen Osten, auch bekannt unter dem Namen „Tokio Prozesse“   (東京裁判 – Tokio Saiban, 1946-1948), bildeten die Nürnberger Prozesse.

Ähnliche Dinge, die man den Deutschen vorgeworfen hatte, wurden nun auf Japan übertragen. Den Angeklagten wurde vorgehalten, sie hätten eine Verschwörung gegen den Weltfrieden, Mord sowie Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen.

Zwei Anklagepunkte wurden aus Mangel an Beweisen nicht verhandelt: die „Invasion in Thailand“ und die „Verschwörung von Japan, Italien und Deutschland um Weltherrschaft“.

Einige Kommissionsmitglieder, insbesondere der Holländer Bert Röling und der Franzose Henri Bernard, brachten Einwände zu einzelnen Vorwürfen vor.

Nur der aus Kalkutta stammende Richter Radhabinod Pal, der Indien vertrat, erklärte sich mit keinem der Anklagepunkte einverstanden.

Er lehnte die gesamte Vorgehensweise der Alliierten in diesem Militärtribunal als willkürliche Siegerjustiz ab, weil sie mit Gerechtigkeit nichts zu tun hatte und das Völkerrecht mit Füßen trat. In seiner 1.235 Seiten umfassenden, in geschliffenem Englisch verfaßten Schrift plädierte er für Freispruch aller Angeklagten.

Die Alliierten waren entsetzt: Wie hatte das passieren können? Wie war ein solcher Mann in die Kommission gelangt? Die Sache war umso peinlicher, als der Inder der Einzige in der Kommission war, der sich mit Völkerrecht auskannte.

Pal wurde überstimmt. Die Todesurteile wurden am 23. Dezember 1948, dem 15. Geburtstag des heute amtierenden Kaisers Akihito, vollstreckt.

Einer Legende zufolge hinterließ Tojo Hideki noch kurz vor seiner Hinrichtung ein Haiku zu Ehren des indischen Richters. Auf dem Gelände des berühmten Yasukuni-Schreins, wo japanische Kriegsgefallene geehrt werden, wurde auch ein Monument zu Ehren Radhabinod Pals errichtet — allerdings erst nach dessen Ableben. Der Kaiser hatte ihm aber noch ein Jahr vor seinem Tod den Orden des geheiligten Schatzes verliehen (1966).

Die Gebetshalle (haiden) des Yasukuni-Schreins, an der Vorderseite hängt das Nationale und Kaiserliche Siegel Japans (Text und bild: Wikipedia)

Die Alliierten versuchten mit aller Macht, das abweichende Urteil Pals vor der Welt geheim zu halten. Lange Zeit wußte weder die japanische noch die amerikanische Öffentlichkeit davon.

In Japan wurde die Publikation der Schrift von den amerikanischen Besatzern verboten. Die geplante Versenkung im „Erinnerungsloch“ (George Orwell) gelang aber nicht vollständig.

Heute kann man das Buch von der Homepage der japanischen „Gesellschaft für die Verbreitung historischer Tatsachen“ (Society for the Dissemination of Historical Fact) herunterladen.

Der amtierende Ministerpräsident Japans, Shinzo Abe, der sich auch Geschichtsrevisionisten als Regierungsberater gestattet, reiste bei einem Staatsbesuch in Indien im Jahr 2007 eigens nach Kalkutta, um sich mit Pals Sohn Prasanto zu treffen.

Die Kritik blieb nicht aus: den Japanern wird ohnehin ständig vorgeworfen, sie zeigten nicht genügend Reue für ihre Untaten, sie sollten sich gefälligst ein Beispiel an den Deutschen nehmen.

Man unterstellte außerdem, daß Abe dieses Treffen als Ersatz für einen Besuch beim Yasukuni-Schrein anberaumt hatte — der Ort in der Hauptstadt Tokio, an dem die Japaner ihre Kriegsgefallenen einschließlich ihrer sog. „Kriegsverbrecher“ ehren. Abe hat den Yasukuni-Schrein, der als Pilgerstätte für japanische Nationalisten gilt, bislang nicht offiziell besucht, aus Rücksicht auf die diplomatischen Beziehungen zu Korea und China. Es wird aber gemunkelt, daß er den Schrein inoffiziell aufsucht.

In Indien, wo man heute den amerikanischen Traum träumt, erinnert man sich kaum noch an den mutigen Landsmann. Für japanische Revisionisten ist die Schrift The Dissentient Judgment of Justice Pal (Das Sondervotum des Richters Pal) eine Goldgrube.

Hierzulande ist sie weitgehend unbekannt. Und das, obwohl uns Pals sezierender Blick auf die völkerrechtliche Argumentationsbasis der Ankläger bei den Tokio Prozessen auch Einiges über die Geisteshaltung der Alliierten bei den Nürnberger Prozessen verrät.

Die Gnadenlosigkeit der Sieger

Pal weist in seiner Schrift mehrfach darauf hin, daß unsere Wahrnehmung häufig auf „Illusionen“ beruht, daß wir vielleicht nur „träumen“ — und impliziert damit, daß harte Urteile zu vermeiden sind.

Der Begriff maya, der Schleier der Täuschung, ist ein zentraler Begriff im Hinduismus, der die Begrenztheit der menschlichen Wahrnehmung und das (Selbst-)Täuschungsvermögen des Geistes berücksichtigt. Die Vorstellung, daß unsere sichtbare Welt von Göttern geträumt wird, geht auf ein altes indisches Epos zurück, den Traum des Gottes Vishnu.

Neben den völkerrechtlichen Widersprüchen war es auch die völlige Abwesenheit einer gnädigen Gesinnung, die Pal empörte: die rachsüchtigen Anklagereden seien zwar unterhaltsam, aber wenig informativ und von emotionsgeladenen Gemeinplätzen durchdrungen gewesen.

Was die Welt nach diesen Katastrophen bräuchte, seien aber nicht Selbstgerechtigkeit und Rachedurst, sondern „Großherzigkeit und verständnisvolle Barmherzigkeit“ („generous magnanimity and understanding charity“, 700). Er fand, es sollte niemandem gestattet sein, den Namen der Justitia anzurufen, um eine Racheorgie zu rechtfertigen.

Der japanische Anglistik-Professor und Kulturhistoriker Shoichi Watanabe, der Pals Kernthesen in einem Buch zusammengefaßt und erläutert hat, legt nach:

Noch das europäische Mittelalter kannte mehr Humanität.

Ritterlichkeit („chivalry“), der Ehrenkodex in der militärischen Auseinandersetzung im Mittelalter, sei ein Merkmal zivilisierten Bewußtseins. Diese und andere gute europäische Eigenschaften hätten die Puritaner über Bord geworfen, als sie nach Amerika auswanderten:

Amerika war eine Nation, die von den Puritanern begründet wurde, und die Puritaner waren im Wesentlichen eine radikalprotestantische Sekte. Sie betrachteten Europas Mittelalter als finsteres Zeitalter („the dark ages“), und wußten mit seinen Traditionen nichts anzufangen.

Die Begründer Amerikas kappten ihre europäischen Wurzeln endgültig mit dem Unabhängigkeitskrieg. Die Amerikaner waren so darauf erpicht, etwas Neues zu erschaffen, daß sie darüber ihre europäische Vergangenheit größtenteils vergaßen.

Ein gewisser Sinn für Ritterlichkeit ging verloren.

Der Begriff der Ritterlichkeit entwickelte sich im Mittelalter und erlebte damals seine Blütezeit. Ritterlichkeit verlangte, daß man seinen Gegner als ebenbürtig betrachtete; aber die amerikanischen Einwanderer betrachteten die Indianer nicht als ebenbürtig.

Mit der Mißachtung des Mittelalters ging die Mißachtung der Ritterlichkeit einher, und das Ergebnis ist die Auflösung dieses Geistes und der damit einhergehenden Werte. (Watanabe, S. 4)

Watanabe lenkt hier die Aufmerksamkeit auf die ethische und kulturelle Prägung führender alliierter Mächte, die bei Pal angedeutet wird. Zu Recht:

Tatsächlich ist die Abwesenheit von Gnade und ein ausgeprägter Rachegeist, der sich in sadistischen Straffantasien, Gewaltvoyeurismus und Gut-Böse-Dichotomien äußert, eine auffällige Begleiterscheinung des calvinistischen Glaubens, der sich vor allem in England, Amerika, Schottland, Holland und der Schweiz ausbreitete, natürlich auch in den englischsprachigen Kolonien Australien und Neuseeland und zeitweise auch in Frankreich (Hugenotten).

In der anglistischen Forschung ist bekannt, daß sich mit der erstarkenden

Präsenz des Calvinismus im 17. und 18. Jahrhundert in England

auch die Rechtsprechung veränderte, und daß man jetzt strenger über Verbrechen und Disziplinierung durch Gewalt nachdachte: Die ersten „Zuchthäuser“ entstanden im calvinistisch geprägten Holland und in England.

Das hat nicht zuletzt etwas zu tun mit Calvins Gottesbild, das sich — anders als das Gottesbild Luthers — vornehmlich aus dem Alten Testament herleitet. Calvinistische Theologen werden deshalb nicht müde zu betonen, daß Gott den Sünder „haßt“.

Hinzu kommt die Doktrin vom ewigen Ratschluß Gottes: Der Glaube an die eigene Auserwähltheit und an die ewige Verdammnis der Sünder, die keine Reue, kein Gebet und kein reinigendes Fegefeuer jemals aus ihrer Verstoßenheit erlösen können.

Aus der Konstellation dieser Glaubenssätze ergibt sich eine ethische Matrix, die es beinah unmöglich macht, einen straffällig Gewordenen zu begnadigen. Der alttestamentarische Rachegott hat christlichen Theologen seit jeher zu schaffen gemacht. Deutsche Theologen des 19. Jahrhundert lasen die Fluchpsalmen im Alten Testament als Relikte ritueller Verfluchung im antiken Judentum und lehnten dieses Erbe als barbarisch ab.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die theatrale Darbietung sowohl der Nürnberger als auch der Tokioter Prozesse, die Zeitgenossen auffiel. Das amerikanische Time Magazine nannte das Tribunal im fernen Osten eine drittklassige Version der „Nürnberg Show“, obwohl man die Räume sorgfältig dekoriert und mit Jupiterlampen für die Presse ausgestattet hatte, die dem Ganzen das Erscheinungsbild einer „Hollywood Premiere“ verliehen (Time, 24).

Selbst der Holländer Bert Röling fühlte sich insgesamt zu oft an Hollywood erinnert (Cryer, 46).

Die Theatralität von Bestrafung ist ebenfalls eine auffällige Begleiterscheinung der Theologie Calvins. Und das, obwohl Calvin das Theater radikal ablehnte. Genauso wie Bilder, einschließlich Sprachbilder und die menschliche Vorstellungskraft, galt ihm das Theater als Nährboden für die Sünde.

Wenn es um die Bestrafung von Sündern ging, sollten Prediger diese aber gerne mit allen Mitteln der Rhetorik bildhaft ausgestalten, um sie der Gemeinde lebendig vor Augen zu führen und sie die wahre Gottesfurcht zu lehren.

Die Sprache der Propheten des Alten Testaments, allen voran Jesaja und Jeremias, fand Calvin in dieser Hinsicht besonders vorbildlich. So nimmt es nicht Wunder, daß die bekannte Schrift eines calvinistischen Predigers in England den Titel The Theatre of God’s Judgements (1597) trug — Das Theater der Gottesurteile.

In dem Buch, das auf dem französischen Original eines Hugenotten basiert, geht es aber nicht etwa um das Jüngste Gericht, sondern um die unsichtbare Hand Gottes, die jeden Sünder noch im Diesseits seiner gerechten Strafe zuführt. Hunderte von Kriminalgeschichten aus ganz Europa wurden zu didaktischen Zwecken in den Büchern dieser radikalprotestantischen Moralisten zusammengefaßt und mit hohen Auflagen in der Bevölkerung verbreitet.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade die anglo-amerikanische Welt eine besondere Vorliebe für das sex and crime Genre entwickelte. Radhabinod Pal, der mit den literarischen Traditionen der Briten vertraut war, verglich die Tokio Prozesse mit einem „plumpen Moralitätenspiel“ (Cryer, 46). (Das morality play war ein geistliches Spiel im christlichen Mittelalter, das in der Reformationszeit noch stärker didaktische, moralisierende Züge annahm).

Der Haß der friedliebenden Welt auf die sündigen, kriegslüsternen Besiegten, Deutschland und Japan, ist auch ein wiederkehrendes Motiv in Pals Schrift. Dabei nimmt er — oft sehr kritisch — Bezug auf Juristen, die die rechtlichen und ideologischen

Grundlagen für die Nürnberger Prozesse

ausgearbeitet hatten. Darunter Dr. Sheldon Glueck („By what tribunal shall war offenders be tried?“), Robert H. Jackson („Justice Jackson“), Aron Naumowitsch Trainin („The Criminal Responsibility of the Hitlerites“), L.J.L. Oppenheim, Lord Wright, Quincey Wright, und James Fitzjames Stephen.

Letztgenannter war der Onkel der berühmten englischen Schriftstellerin Virginia Woolf. Von ihm ist der Ausspruch überliefert: „Das Strafgesetz verhält sich zur Leidenschaft der Rache wie die Ehe zum Geschlechtstrieb.“

Pal selbst fand, daß ein Militärtribunal nicht von Haß- und Rachegefühlen, sondern von dem Wunsch nach Gerechtigkeit und Aussöhnung motiviert sein sollte. Die verbreitete Haltung des sowjetischen Juristen Aron N. Trainin erschien Pal unseriös, den er wie folgt zitiert:

Die Frage der kriminellen Verantwortung der Hitleristen für die Verbrechen, die sie begangen haben, ist deshalb von allergrößter Bedeutung; sie wurde zu einem drängenden Problem, da die monströsen Verbrechen der Hitlerischen Schlächter den brennendsten und unstillbaren Haß und das Verlangen nach harter Vergeltung („thirst for severe retribution“) in den Herzen aller ehrlichen Menschen in der Welt, die Massen aller freiheitsliebenden Menschen, geweckt haben. (97)

In seinem Buch über Pal nennt Watanabe

eine weitere zivilisatorische Errungenschaft Europas,

hinter die die Alliierten mit ihrer gnadenlosen Rachejustiz zurückgefallen seien: den Westfälischen Frieden von 1648, der den 30-jährigen Krieg beendete. Watanabe impliziert, daß die Militärtribunale der Alliierten die hier niedergelegten Regelungen verletzen:

Der Vertrag beginnt damit, daß er territoriale Dispute anspricht, und besagt dann, daß Religion und Regierung zu trennen seien; er besagt auch, daß große und kleine Länder dieselben Rechte haben, und daß jede souveräne Nation Krieg führen darf. Der Vertrag legt diese Werte fest und hat sie der Nachwelt hinterlassen. Er besagt auch, daß es in einem Krieg keine gute und keine schlechte Seite gibt; nur wenn die Art der Kriegführung schlecht ist, sollte dies bestraft werden (Mißhandlung Gefangener, Töten oder Verletzen von Zivilisten etc.). (Watanabe, 4)

Watanabe fügt hinzu, daß man sich in den nachfolgenden Jahrhunderten an diese Regelung hielt, und daß man noch zu Napoleons Zeiten mehr Ritterlichkeit an den Tag gelegt hätte. Die lebenslange Verbannung des französischen Generals auf die südatlantische Insel St. Helena hatten Zeitgenossen als zu hart empfunden, man fand die britische Haltung „gnadenlos“. „Die Engländer schickten ihn zwar trotzdem ins Exil, weiter ging man aber nicht.“

„Zur damaligen Zeit hätte man es als unritterlich empfunden, einen Feind zum Tode zu verurteilen,“

so Watanabe (4). Nicht nur im Hinblick auf den Westfälischen Frieden ist auch der Anklagepunkt des „Angriffskriegs“ problematisch. Er ist auch für Pal ein Stein des Anstoßes, ebenso wie die Vorstellung, daß der Besiegte der Böse und der Sieger der Gute sei.

Ein Kriegstribunal ist dann angebracht, wenn Kriegsverbrechen begangen wurden, z.B. gegen die Zivilbevölkerung — das sah man 1648 so, und das ist auch der Standpunkt Radhabinod Pals.

Dann gehörten aber eigentlich auch die Vergehen aller Kriegsparteien, inklusive die der Sieger, auf den Tisch. Kriegführung an sich ist kein Verbrechen, zumal der Kriegführende immer behaupten wird, daß er einen Krieg zur Selbstverteidigung führte, was laut Westfälischem Frieden das Recht einer jeden souveränen Nation ist.

Mit dem 1929 unterzeichneten Kellogg-Briand-Pakt hatte sich der Völkerbund inklusive Deutsches Reich und Japan zwar verpflichtet, Streitigkeiten in Zukunft nicht mehr durch Krieg, sondern auf diplomatischem Wege zu lösen — das Recht auf Selbstverteidigung war mit dem Pakt aber weiterhin gewährleistet.

Sowohl in den Nürnberger Prozessen als auch bei den Tokio Prozessen wurde den Besiegten aus diesem Pakt ein Strick gedreht und ihre Kriegshandlungen als „Verbrechen gegen den Friedengewertet.

Besonders kritikwürdig und willkürlich erschien Pal auch die Anwendung sogenannter „ex post-facto laws“ — Gesetzen, die von den Alliierten im Nachhinein erlassen wurden und die dann die Grundlage für Anklage und Verurteilung von Handlungen stellten, die lange vor Inkrafttreten dieser Gesetze stattgefunden hatten.

Fortsetzung folgt

Quellenverzeichnis am Ende des folgenden 2. Teils des Gastbeitrags

Lore Waldvogel fährt in ihrem Gastbeirag fort:

Asiens Herrenrasse?

Johannes Calvin 1504-1564 (Bild: Wikipedia)

Den Glauben an die eigene Auserwähltheit und die besondere Rolle im göttlichen Heilsplan hat der Calvinismus aus dem Judentum übernommen — auch wenn der Calvinist bisweilen von Selbstzweifeln geplagt wird und seine Auserwähltheit in Frage stellt.

Das ist insofern von Bedeutung, als dies ein Punkt war, den die Alliierten den Japanern unterstellten. Schon in der antijapanischen Kriegspropaganda war behauptet worden, es sei eine „nationale Obsession“ der Japaner, zu glauben, ihnen stünde die Weltherrschaft zu, mit Tokio als Welthauptstadt.

In einem amerikanischen Propaganda-Film, der die Volkspsychologie der Japaner erklärt, versichert der Sprecher:

Sie glauben, es sei die Vorsehung der japanischen Kaiser, die ganze Welt zu beherrschen. Diese (göttliche) Bestimmung ihrer Erfüllung zuzuführen und alle Nationen und Völker zu zerstören, die der Erfüllung dieser Bestimmung im Weg stehen, ist die heilige Pflicht der japanischen Armee und Marine. Die japanische Armee ist eine gut trainierte, disziplinierte Streitmacht, bestehend aus Fanatikern. (https://www.youtube.com/watch?v=F1Nxz7a7T5o).

Die Darstellung dieser national-religiösen Haltung ist arg verzerrt und eine böswillige Fehlinterpretation der japanischen Überlieferung. Die Vermutung liegt nahe, daß es sich hier vielmehr um eine Projektion des eigenen Weltherrschaftsanspruchs und der eigenen Auserwähltheit handelt.

Die Behauptung bezieht sich auf das Konzept des „Hakkôichiu“, was so viel bedeutet wie „Die ganze Erde unter einem Dach“. Das stellt ungefähr denselben Weltherrschaftsanspruch dar wie der Vers „Deutschland, Deutschland über alles“: nämlich gar keinen.

Der Begriff stammt aus einem Gebet des ersten legendären japanischen Kaisers Jimmu bei der Gründung der Kaiserstadt Kashihara, das allerdings erst in der modernen Zeit verfaßt wurde. „Hakkô“ bedeutet „acht Kordeln“ und stammt ursprünglich aus dem Chinesischen; die Ziffer acht steht in Japan für alle Himmelsrichtungen, also metaphorisch gesprochen für die Welt. „Ichiu“ bedeutet „unter dem Dach eines Hauses“.

Von einem Glauben an die göttliche Vorsehung zur Weltherrschaft kann allerdings keine Rede sein: Gemeint ist damit eigentlich die harmonische, friedliche Koexistenz der Völker.

Der Begriff wurde zwar im 2. Weltkrieg auch als Propaganda-Slogan für die japanische „Kolonialisierung“ verwendet, die das Kaiserreich damals offiziell zum Schutz Asiens vor den imperialistischen West-Mächten, insbesondere Großbritannien und Holland, und vor dem Kommunismus, betrieben hatte.

Die Alliierten deuteten dies als verbrecherisches Vorherrschaftsstreben Japans — aus reinem Eigennutz, wie es aussieht: Schließlich wurden sie von den Japanern aus „ihren“ Gebieten zurückgedrängt, in denen sie sich mit Opiumkriegen und Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung lukrative Einnahmequellen erschlossen hatten.

Die Riege der alliierten zu Gericht Sitzenden bei den Tokio Prozessen (Bild: en.wikipedia.org)

Bei den Tokio Prozessen wurde den Japanern auch ihr angebliches Herrenrasse-Denken zur Last gelegt.

Die Angeklagten bei den Tokio Prozessen (Bild: Madras Courier)

Es steht außer Frage, daß die Japaner sich ihrer im Vergleich zu anderen asiatischen Völkern außergewöhnlichen Leistungsfähigkeit und Disziplin sehr bewußt sind und waren und großen Wert auf ihre Traditionen legen.

Das heißt aber noch lange nicht, daß sie sich deshalb als überlegene Rasse oder gar als „auserwähltes Volk“ mit Führungsanspruch über die ganze Welt begreifen oder je begriffen haben.

Radhabinod Pal 1886-1967 (Bild: en.wikipedia.org)

Radhabinod Pal nimmt diesen Vorwurf gründlich auseinander:

Jedes gesunde Volk sei in gewissem Maße von seiner Einzigartigkeit überzeugt, was an sich auch nicht problematisch sei, da es dem natürlichen Selbsterhaltungstrieb entspreche.

Problematisch werde es erst, wenn damit Politik gemacht würde.

Pal erinnert daran, daß ausgerechnet Japan im Jahr 1919 als erstes einen Antrag auf die rassische Gleichwertigkeit der Völker beim Völkerbund in Paris eingereicht hatte — und daß der Antrag aufgrund eines Vetos Australiens und den USA abgelehnt worden war.

Pals Herkunft macht die Diskussion um rassische Überlegenheit besonders brisant. Ihm war das Herrenrasse-Denken der britischen Kolonialherren nur allzu vertraut:

  • Seine Heimatstadt Kalkutta war bis 1911 das Zentrum der britischen Herrschaftsausübung gewesen.

  • Indiens Unabhängigkeit wurde 1947 ausgerufen, als Pal sich gerade in Japan aufhielt.

  • Famine in Indien (Bild: Wikipedia)

    Die Erinnerung an die große Hungersnot von 1943 in seiner Heimat, dem ostindischen Bundesstaat Bengalen, war ihm sicherlich noch lebendig vor Augen.

  • Der auf das politische Versagen Churchills zurückgehende Bengal Famine kostete geschätzt 1,5 – 4 Millionen Menschen das Leben.

  • Für viele Inder ist dies ein bis heute nicht verwundenes und nicht genügend anerkanntes Verbrechen der Briten an der indischen Bevölkerung, das die gefühlte Nicht-Achtung der Europäer gegenüber nicht-weißen Völkern der Welt zu bestätigen scheint.

  • Vom Holodomor weiß man in Indien natürlich noch weniger als vom Bengal Famine in Europa.

Arnold Toynbee 1889-1975 (Bild: Pinterest)

In seiner Verteidigung des gesteigerten japanischen Rassebewußtseins während des 2. Weltkriegs zitiert Pal Arnold Toynbee, dessen Ausführungen über den Herrschaftsanspruch der „englischsprachigen Protestanten“ (316) gegenüber nicht-europäischen Völkern die moralische Überlegenheit der Alliierten gegenüber den Japanern in ein äußerst fragwürdiges Licht rücken.

Pal lenkt die Aufmerksamkeit hier auch auf die religiösen Grundlagen des europäischen Herrschaftsanspruchs, und zitiert aus Toynbees Werk The Study of History:

Die europäisch-stämmigen bibeltreuen Christen, die unter Nicht-Europäern siedelten, identifizierten sich unweigerlich mit Israel, dem Willen Jahwes gehorchend und das Werk des Herrn ausführend, indem sie das verheißene Land („the promised land“) in Besitz nahmen, während sie die Nicht-Europäer, die ihre Wege kreuzten, als Kanaaniter identifizierten, die der Herr seinem AUSERWÄHLTEN VOLK zur Vernichtung oder Unterwerfung anheimgegeben hatte. (316)

Das, was Luther „das gelobte Land“ nannte, heißt im Englischen „the promised land“, im Französischen „la terre promise“: das versprochene Land. (Die bis heute gebräuchlichen Bibelübersetzungen beider Nationen gehen übrigens auf Übersetzungen zurück, die von Calvinisten angefertigt wurden sogar die der französischen Katholiken).

Hier wird unmißverständlich deutlich, daß die Vorstellung von überlegenen Rassen und deren Vormachtstellung in der Welt keine japanische Erfindung war, und daß vor allem die judaisierten Völker mit ihrem Auserwähltheitsglauben in der Welt mehr Unheil angerichtet hatten als die Japaner — Unheil, für das es bislang noch keinen internationalen Prozeß gegeben hatte.

Pals Argumentation verdeutlicht, daß das ganze Verfahren auf einer eigentlich völlig inakzeptablen Doppelmoral fußte. Bei den Nürnberger Prozessen hatte der amerikanische Richter Jackson die Vorbereitung einer Nation, eine andere zu beherrschen, als „das schlimmste Verbrechen“ definiert. Pal nimmt darauf Bezug und argumentiert, wie immer gewandt und reichlich subtil:

Das mag heute so sein. Aber ich sehe nicht ein, wie man [solche Bestrebungen] vor dem zweiten Weltkrieg als Verbrechen bezeichnen kann, als kaum eine große Macht von diesem Makel frei war […] Anstatt alle mächtigen Nationen vor dem zweiten Weltkrieg für kriminell zu erklären, würde ich vorziehen zu sagen, daß sich die internationale Gemeinschaft noch nicht genügend entwickelt hatte, um diesen Makel als Verbrechen zu werten. (66)

Wieso durften die Westmächte die ganze Welt kolonialisieren und ausbeuten, ohne dafür bestraft zu werden, während Japan für seine hegemonialen Bestrebungen in einem Kriegstribunal eines Verbrechens beschuldigt wurde?

Das Massaker von Nanking

Das sogenannte Massaker von Nanking, auch bekannt unter dem Namen „The Rape of Nanjing“, ging in die Geschichtsbücher ein als eines der Hauptkriegsverbrechen der japanischen Armee. Den Protokollen der Tokio Prozesse zufolge wurden mindestens 200.000 Zivilisten und Kriegsgefangene ermordet sowie rund 20.000 Mädchen und Frauen vergewaltigt.

Die Massaker sollen am 13. Dezember 1937 nach der Besetzung der chinesischen Hauptstadt Nanking durch Truppen der Kaiserlich Japanischen Armee begonnen und sechs bis sieben Wochen angehalten haben.

Japanische Revisionisten bezweifeln heute die Fakten, die dieser Geschichte zugrunde liegen, und meinen, sie seien stark übertrieben, verzerrt dargestellt und z.T. sogar erfunden.

Die Zweifel erscheinen berechtigt, da einige Autoren bereits zugaben, Berichte und Fotos gefälscht zu haben. Auch in einem der populärsten Bücher über das Massaker, The Rape of Nanjing (1997) von der amerikanischen Chinesin Iris Chang, sollen zahlreiche Fotos gefälscht worden sein, wie Higashinakano Shudo, ein Geschichtsprofessor an der Asia University in Tokio, nachgewiesen hat. 

Auch die Aussagen der Zeitzeugen sind sehr dissonant. Neben den Opferberichten gibt es auch Aussagen von Journalisten und ehemaligen Soldaten, die damals in Nanking waren und nichts von einem Massaker mitbekommen haben.

Stattdessen gibt es viele Zeitungsberichte und Fotos von japanischen Soldaten, die bei der Einnahme von Nanking mit der chinesischen Bevölkerung kooperierten. China besteht allerdings auf der Realität der Geschichte und errichtete eine Gedenkstätte für die Opfer, die auch gerne von chinesischen Schulklassen besucht wird.

Der historische Streit um die Tatsachen des Massakers vergiftet die japanisch-chinesischen Beziehungen bis heute. Obwohl das herrschende Narrativ in Japan das sogenannte Massaker anerkennt, wirft man den Japanern vor, sie würden nicht genügend Reue zeigen.

Laut einer Umfrage ist das Erste, was man in China heute mit Japan assoziiert, das sogenannte Massaker von Nanking. Ähnlich wie der Deutsche in Hollywood-Filmen der Nachkriegszeit ausschließlich als „blonde Bestie“ dargestellt wurde, wurde auch dem Japaner in chinesischen Kung-Fu-Filmen nach 1945 die Rolle des Schurken zugewiesen — obwohl die Kriegskunst der japanischen Samurai auf eine sehr ausgefeilte, lange Tradition zurückgeht, in der Begriffe wie Ehre und „Ritterlichkeit“ — japanisch: bushido — keine Fremdwörter sind.

Radhabinod Pal äußerte ebenfalls Zweifel an der Geschichte und mahnte zur Vorsicht: Geschichten über Kriegsverbrechen eigneten sich dazu, starke Gefühle hervorzurufen und den Wunsch nach Rache zu entfachen.

Es sei aber wichtig, Ressentiments zu vermeiden und objektiv zu bleiben. Dies sei umso schwieriger, da diese Handlungen im Krieg geschahen und viele der Augenzeugen selbst emotional involviert oder voreingenommen waren. Mit anderen Worten:

Pal warnte vor emotionaler Manipulation durch Greuelpropaganda seitens interessierter Parteien. Als Beispiel führt er die Unterstellungen an, die während des 1. Weltkriegs dazu dienten, Deutschland in ein schlechtes Licht zu rücken.

Als „klassische Kriegspropagandalüge“ (605) bezeichnet Pal die von den Briten frei erfundene Episode, Deutsche würden ihre eigenen toten Soldaten auskochen und den Schweinen zum Fraß vorwerfen. Die Geschichte sollte damals „in Ägypten, Indien und generell im Osten so weit wie möglich verbreitet werden“, so die Anweisung eines Ronald McNeil an die britische Regierung, obwohl man außer einem englischen Pressebericht keinerlei faktische Grundlagen für die Behauptung hatte.

Pal zitiert außerdem den ehemaligen Richter am Ständigen Internationalen Gerichtshof John Basset Moore, der schon 1933 schrieb:

Ich glaube es gibt nur wenige Menschen, denen bekannt ist, in welchem Ausmaß Propaganda im Bereich internationale Beziehungen eingesetzt wurde.

Pal zitiert auch eine führende englische Zeitschrift, die zugab, daß

der erstaunlich effiziente britische Propagandadienst während des (ersten Welt-)Kriegs den Amerikanern die skurrilsten Märchen verkaufte, die man je ersonnen hatte. Die Bevölkerung hat sich bis heute nicht von diesen angeblichen Informationen erholt, die sie damals in vollem Umfang aufsog. (605)

Obwohl Pal (vielleicht aus taktischen Gründen) davon ausgeht, daß in Nanking schreckliche Dinge stattgefunden haben, findet er keine Hinweise darauf, daß ein solches Massaker von der Regierung gezielt angeordnet wurde. Im Gegenteil: Die Regierung scheint über die Berichte überrascht gewesen zu sein, die über die Botschaft in Shanghai nach Tokio übermittelt wurden. Die Angeklagten könnten für diese Verbrechen deshalb nicht schuldig gesprochen werden.

Pal führt außerdem alle gewaltsamen Vorfälle einzeln auf, die laut Zeugenberichten in den von Japanern besetzten Gebieten von 1942 -1945 begangen wurden, darunter Borneo, Formosa, Sumatra, Java, China und Hongkong. Mit Ausnahme der Philippinen sind diese so geringfügig (im Bereich unter 15), daß ein plötzlicher Gewaltausbruch der japanischen Armee, der in einem Massenmord mit 300.000 Opfern mündete, etwas unrealistisch erscheint.

Im philippinischen Manila hingegen soll 1945 ein ähnliches Massaker wie in Nanking stattgefunden haben („The Rape of Manila“), wobei Pal auch hier immer wieder zweifelhafte Zeugen moniert. In Manila kämpften US-amerikanische Truppen gemeinsam mit der philippinischen Armee, die unter amerikanischer Führung stand, gegen die Japaner.

Die Atombombe

Hiroshima 1945 (Bild: FAZ)

Die Atombombe erlitten zu haben ist Japans größtes Trauma. Angesichts des ungeheuerlichen Vernichtungswillens, der in dieser Art der Kriegführung zum Ausdruck kommt, sieht sich Japan nicht ausschließlich in der Rolle des Täters, sondern auch als Opfer.

Jedes Jahr finden Gedenkfeiern für den Frieden und die Toten von Hiroshima und Nagasaki statt. Bis heute haben sich die Amerikaner nicht für diese unverhältnismäßige Aggression entschuldigt.

US-Präsident Barack Obama wohnte zwar der Gedenkfeier am 71. Jahrestag des Abwurfs der Bombe in Japan bei, seine ausbleibende Entschuldigung wurde jedoch mit Bitterkeit zur Kenntnis genommen und sorgte weltweit für Entrüstung.

Unverhältnismäßig erschien diese Art der Kriegführung auch Radhabinod Pal, der den Zynismus und die Scheinheiligkeit der Alliierten vorführt. Nach dem Krieg behauptete man, die Bombe hätte auch ihr Gutes gehabt: Sie hätte der Welt vor Augen geführt, welche Zerstörung der Rassenwahn und gesteigerte Nationalgefühle nach sich zogen, und die Menschheit ein für alle Mal gelehrt, daß wir „als Menschheit eine Einheit bilden, und mit unseren Mitmenschen egal welcher Rasse, Glaube oder Hautfarbe verbunden sind, durch ein Band, das in der diabolischen Hitze der Explosionen zusammengeschweißt und unzertrennbar wurde.“

Pal meldet seine Zweifel an:

Ich bin mir nicht sicher ob die Atombomben wirklich dazu geführt haben, den Vorkriegs-Schwindel beiseite zu räumen; vielleicht träumen wir nur. […] Es besteht kein Zweifel daran, daß, wenn überhaupt irgendjemand, die internationale Gemeinschaft als Ganze krank geworden ist.

Vielleicht hat das etwas damit zu tun, daß die der internationalen Gruppe zugehörigen Nationen sich in einer Phase des Übergangs zu einer geplanten Gesellschaft („planned society“) befinden.

Aber das ist eine Frage für die Zukunft, und vielleicht ist es auch nur ein Traum. Der Traum all jener, die die Weltpolitik studieren, ist es, das komplexe Zusammenspiel der Kräfte auf ein paar wenige Grund-Konstanten und Variablen herunterzubrechen, so daß die Vergangenheit und sogar die Zukunft in einfacher Schlichtheit leicht greifbar vor uns liegen. Hoffen wir, daß sich das in der Realität umsetzen läßt.

Nagasaki 1945 (Bild: ARD)

Die Atombombe als Mittel, um die unterschiedlichen Identitäten der Völker einzuschmelzen, und den Übergang zu einer neuen Weltordnung einzuläuten? Oder was meint Pal hier mit „planned society“?

Es ist nicht die einzige Stelle, bei der man den Eindruck gewinnt, daß Pal uns durch die Blume etwas über die Nürnberger und Tokio Prozesse sagen will, das an NWO-Verschwörungstheorien erinnert: nämlich, daß die West-Alliierten und die Sowjetunion der Welt nach außen hin eine ideologische Feindschaft vorgaukelten, hinterrücks aber gemeinsame Sache machten, um eine zentralistisch organisierte, geplante Gesellschaftsordnung in der ganzen Welt vorzubereiten.

Pal erschien die Teilnahme der Sowjetunion an diesem Tribunal äußerst fragwürdig, und es ist auffällig, wie häufig und wie kritisch er den sowjetischen Juristen Aron N. Trainin erwähnt. Auf die

Verteufelung des Nationalismus

als angebliche Ursache für den Weltkrieg erwidert Pal:

So entwürdigt und verdreht der Nationalismus in seinen gegenwärtigen Manifestationen auch sein mag, er ist dennoch eine organische und nicht zwingend böse Entwicklung des politischen Lebens des Menschen. (338)

Seine Kritik am Gedanken der Zentralisierung zielt in dieselbe Richtung:

Demokratie und Zentralisierung passen nicht zusammen. Sie sind im Wesentlichen so unvereinbar wie Freiheit und Sklaverei (65).

Und noch ein weiteres schlagendes Argument führt Pal zur Verteidigung des Nationalstaates an:

Die Unterteilung der Menschheit in Nationalstaaten stammt aus einer Zeit, in der die Idee vom Weltreich („World Empire“) aufgegeben worden war, und alle Staaten einander unabhängig begegneten, ohne übergeordnete Autorität.

Die Unterteilung war unerläßlich: IHRE RECHTFERTIGUNG war, daß die Mitglieder der verschiedenen Staaten so ihre besonderen Eigenschaften und Talente zur Entfaltung bringen konnten, ohne von den widersprüchlichen Ansichten und Bestrebungen Anderer behindert zu werden, die vielleicht eine völlig andere Sicht auf die Welt hatten.

Eine solche nationale Ausprägung ist von besonderem Wert, weil das der einzige Weg ist, der es einer nationalen Gruppe mit einer durchgehenden Begabung erlaubt, ihr Eigenleben, ihre ureigenen Talente und Fähigkeiten, zur vollendeten Entfaltung zu bringen.

Es ist die Aufgabe einer nationalen Gesellschaft, jede in einem Volk innewohnende Fähigkeit zu entwickeln, und sie wird dadurch gerechtfertigt, daß sich auf diese Weise jeder überall sinnvoll einbringen kann. (60)

Ein interessantes Argument für den Nationalismus, das man vielleicht auch mal im aktuellen Diskurs anbringen könnte!

Den antinationalen Linksliberalen von heute wird der Kopf schwirren, wenn sie hören, daß es einmal eine Zeit gab, in denen die ausgebeuteten, nicht-weißen Völker in den ehemaligen Kolonien den Nationalismus als Befreiung von den anmaßenden Welteroberungsplänen und der Fremdherrschaft der Westmächte, allen voran Englands, betrachteten.

Aus dieser Perspektive erscheint der Nationalismus doch wie ein historischer Fortschritt im besten, marxistischen Sinne — die Befreiung aus einer Situation der Unterdrückung hin zu einer gerechteren Gesellschaftsordnung?

Apropos Verschwörung: Interessant ist auch der Anklagepunkt, Japan und Deutschland hätten sich gegen den Frieden verschworen (conspiracy).

Dieser Vorwurf erschien Pal besonders absurd. Er zeigt auf, daß die japanisch-deutsche Allianz ganz überlebenspraktische, nachvollziehbare Gründe hatte. Beide Länder hatten sich nach ihrem Austritt aus dem Völkerbund weltpolitisch zunehmend isoliert gefühlt und fürchteten denselben Feind: die kommunistische Internationale.

Der Antikomintern-Pakt, den das Deutsche Reich und das Japanische Kaiserreich 1936 gemeinsam unterzeichnet hatten, war nach Pal nicht als Verschwörung oder Geheimplan zu deuten. Es gab zwar ein geheimes Zusatzabkommen, das der Anklage als Beweis für eine „Verschwörung“ diente. Dieses bezog sich aber nur auf die gemeinsame Verteidigung gegen die Sowjetunion.

Pal konnte im Wortlaut dieses Zusatzabkommens nichts Aggressives oder Verschwörerisches erkennen. Den Vorwurf, die japanische Regierung hätte vor und während der Zeit des 2. Weltkriegs einen geheimen Plan verfolgt, hatte schon der Verteidiger George Yamaoko als

eines der merkwürdigsten und unglaubhaftesten Dinge, die jemals in einem Gerichtsprozeß verhandelt worden sind (179)

bezeichnet. Als weitere Rechtfertigung für den Abwurf der Atombombe auf Zivilisten diente den Alliierten das vorgebliche Ziel, den Krieg zügig zu Ende führen zu wollen.

Pal findet diese Aussage bemerkenswert, galt den Alliierten doch bis dahin Kaiser Wilhelm II. als Inbegriff deutscher Grausamkeit. Pal zitiert einen Brief an Kaiser Franz Joseph I., in dem der deutsche Kaiser vorgeschlagen hatte, den Krieg so rasch wie möglich, innerhalb von zwei Monaten, abzuwickeln, anstatt ihn über Jahre auszudehnen — dazu sei jedes Mittel und jedes Opfer recht, inklusive Frauen, Kindern und alten Männern.

Pal wunderte sich: Wenn der Kaiser aufgrund dieser Aussage so ein Unmensch war, wie konnte man mit derselben Logik den Abwurf einer Atombombe auf japanische Frauen und Kinder rechtfertigen?

Pals Schrift schließt mit einem Zitat von Jefferson Davis, dem Führer der Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-65). Das englische Zitat ist auch auf dem Denkmal für Pal im Yasukuni-Schrein eingraviert:

Wenn die Zeit die Wogen geglättet und Vorurteile besänftigt hat,
wenn die Vernunft der Falschdarstellung die Maske vom Gesicht gerissen hat,
dann wird Justitia ihre Waagschalen ins rechte Lot bringen und verlangen,
daß der Tadel und das Lob von einst ihre Plätze tauschen.

Coda

Radhabinod Pal (1886-1967) war von 1952 bis 1966 Mitglied der Völkerrechtskommission der Vereinten Nationen.

Prasanta Pal, der Sohn Radhabinod Pals

Sein inzwischen verstorbener Sohn Prasanta verfügte in seinem Testament, daß in seinem Haus in Kalkutta eine Bibliothek zu Ehren seines Vaters eingerichtet werden soll.

Oft ist behauptet worden, daß sich Pal mit den Japanern als Leidtragende westlicher Aggression identifizierte, und daß sein Sondervotum auch als Rache an den Briten zu verstehen ist.

Es ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, daß Pal aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen in Indien weitaus kritischer eingestellt war als zum Beispiel ein Bert Röling aus Holland.

Den Vorwurf der Parteinahme wies Pal jedoch vehement zurück: Als Richter sei es ihm ausschließlich um Gerechtigkeit gegangen.

Jahre später, bei einem Besuch in Japan, war er entsetzt darüber, daß sich die Japaner, die Opfer der Atombombe geworden waren, mit Schuldgefühlen herumtrugen.

Er soll gesagt haben:

Ich kann nicht untätig danebenstehen und dabei zusehen, wie künftige Generationen japanischer Kinder mit einem schiefen Schuldgefühl belastet werden, das sie mit Unterwürfigkeit und Verfall infiziert. (https://www.youtube.com/watch?v=lVbMaJIyhKQ, 3:52)

In den von Rachsucht und einer fragwürdigen Doppelmoral getragenen Urteilen der Tokio Prozesse, die Japan anzunehmen gezwungen war, sah Pal die Ursache für einen ungesunden Schuldkomplex, der schon allein deshalb abzulehnen war, weil er auf verdrehten Tatsachen beruhte.

Aus seiner Sicht hatten die Tokio Prozesse Japan nachhaltiger geschadet als die Atombombe.

Photo taken in November 2016 shows Shoichi Watanabe, an English scholar known as a conservative opinion leader in Japan. Watanabe died of heart failure at the age of 86 at his home in Tokyo on April 17, 2017, people close to the matter said. (Kyodo)
(Photo by Kyodo News via Getty Images)

Shoichi Watanabe sieht das auch so und hofft, daß sich die ganze Welt mit Pals Schrift befaßt. Für ihn ist sie der Schlüssel zur Genesung Japans:

Wenn Japan nicht bei Pals Urteil anfängt, dann wird es sich geistig nie mehr erholen können.

(Watanabe, 119).

Quellen:

  • Radhabhinod Pal. International Military Tribunal for the Far East: Dissentient Judgment of Justice Pal. Kokusho – Kankokai, Inc., 1999.
  • Shoichi Watanabe. The Tokyo Trials and the Truth of ‘Pal’s Judgment’. Tokio: The Society for the Dissemination of Historical Fact, 2009.
  • Robert Cryer. Prosecuting International Crimes. Selectivity and the International Criminal Law Regime. Cambridge: Cambridge University Press, 2005.
  • Time Magazine. “War Crimes. Road Show”, 20. Mai 1946.
  • Society for the Dissemination of Historical Fact: http://www.sdh-fact.com/
  • Antijapanischer Propaganda-Film: https://www.youtube.com/watch?v=F1Nxz7a7T5o.
  • Zitate von Pal über Schuld: https://www.youtube.com/watch?v=lVbMaJIyhKQ.
  • Revisionistische Diskussion über Nanking zwischen Jin Matsubara (Politiker der demokratischen Partei Japans, DPJ) und Shoichi Watanabe: https://www.youtube.com/watch?v=3orlrcenBSw
  • Higashinakano Shudo. The Nanking Massacre. Fact versus Fiction. A Historian’s Quest for the Truth. Tokio: Sekai Shuppan Inc., 2005.
  • Iris Chang. The Rape of Nanking. New York: Basic Books, 1997. Übersetzungen liegen auf französisch, japanisch und chinesisch vor.

Anmerkung:

die englischsprachigen Quellen wurden von der Autorin für diesen Artikel ins Deutsche übersetzt.

Fortsetzung der Abhandlung über Viren von Karl Grampp:

Die Evolution der Viren ist eng mit der Frage verknüpft, wie das Leben entstanden ist.

Dr. rer. nat. Karin Mölling, ehemalige Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie Zürich (Bild: UZH, news.uzh.ch)

Würde die Viren-zuerst-Hypothese stimmen, wären also Viren vor den ersten Zellen entstanden, dann ständen sie am Anfang des Lebens. Ob selbst schon lebend, oder auf dem Weg dorthin, das ist die Frage.

Wir hatten schon erwähnt, daß Viren üblicherweise nicht zu den Lebewesen zählen, da sie nicht in der Lage sind, ohne lebende Zellen zu überleben. Karin Mölling sieht das anders:

Viren sind nicht tot. Sie sind jedenfalls nicht so tot wie ein Stein oder Kristall. Vereinfachend kann man sagen, alles was in der Welt der Biomoleküle kleiner ist als Viren, ist eher tot; alles was größer ist, eher lebendig. Damit befinden sich die Viren gewissermaßen an der Schnittstelle, sie sind entweder tot oder lebendig oder beides. Allerdings sehe ich da keine Singularität, keinen Punkt, sondern ein Kontinuum, einen allmäh­lichen, fließenden Übergang von einzelnen Biomolekülen bis zur Zelle. (26)

Die Definition der NASA für „Leben“ lautet nach Karin Mölling:

Leben ist ein sich selbst unterhaltendes System, das genetische Information enthält und fähig ist, darwinsche Evolution zu durchlaufen (1994).

Ein sich selbst unterhaltendes System sind Viren nicht, die anderen beiden Kriterien treffen zu.

Der feste Kristall: Einzelwesen mit Richtkraft

Dr. med. Mathilde Ludendorff (Bild: Zeichnung von Wolfgang Willrich 1947)

Was sagt die Philosophin Mathilde Ludendorff zu der Frage: Was ist Leben und wie ist es entstanden? In Übereinstimmung mit der Naturwissenschaft geht sie davon aus, daß die Organismen ein Ergebnis der Evolution sind. Ziel dieser Entwicklung war aus ihrer Sicht die Entstehung eines Lebewesens, das Gott bewußt erleben kann:

Im Anfang war der Wille Gottes zur Bewußtheit.(1)

Wir wollen hier nur die letzten Stufen zur Entstehung des ersten Lebewesens aus Sicht Mathilde Ludendorffs betrachten. Es beginnt mit dem festen Kristall.

Physikalisch gesehen ist ein Kristall ein Festkörper, dessen Bau­steine – z.B. Atome, Ionen oder Moleküle – nicht zufällig, sondern regelmäßig in einer Kristallstruktur (Raumgitter) angeordnet sind.

Aus Sicht der Philosophin war der Kristall der gewaltigste Schritt hin zum Schöpfungsziel „Bewußtheit“, denn er war das erste Einzelwesen. (1, S. 92)

fester Kristall (Bild: Scinexx)

Der feste Kristall, von dem hier zunächst ausschließlich die Rede ist, zeichnet sich durch eine Kraft aus, die erstmals nicht weltallweit, sondern in einem Einzelwesen in Erscheinung tritt: Die Richtkraft.

Sie sorgt für die gesetzmäßige Anordnung der Kristallbausteine im Kristallgitter. Wird ein Kristall in einem Mörser zerstoßen, so behalten die Bruchstücke trotzdem die typische Struktur des jeweiligen Kristalls.

Dies deutet die Philosophin als ein erstes dumpfes Erscheinen des Selbsterhaltungswillens in einem Ein­zelwesen! (1, S. 93f). Zusammenfassend drückt Mathilde Ludendorff diesen Schöpfungsschritt so aus:

Gottesbewußtheit aber bedingt vor allem Erhaltung der Eigenform des Trägers. Da ward Richtkraft im festen Kristall.

Der flüssige Kristall: Einzelwesen mit Selbsterhaltungswillen und Gestaltungskraft

Dem festen Kristall geht allerdings eine wichtige Fähigkeit ab, die ihn für das Schöpfungsziel taug­licher machen würde. Er ist starr auf die Erhaltung seiner Eigenform bedacht. Bei geringster Störung des Kristallwachstums kann er seine Idealform nur noch teilweise ausbilden.

Das ist beim flüssigen Kristall, der nächsten Schöpfungsstufe, anders. Man kann sich zunächst schwer vorstellen, wie etwas gleichzeitig kristallin und trotzdem flüssig sein kann.

Polarisationsmikroskopische Aufnahme eines Flüssigkristalls (Bild: Wikipedia.org)

Mit flüssigem Kristall ist nicht ein aufgelöster, ursprünglich fester, Kristall gemeint. Der Aggregatzustand einer flüssigkristallinen Substanz befindet sich zwischen dem einer Flüssigkeit und dem eines festen Kristalls.

Optisch zeigt er oft eine typische „Schlierentextur“ (durch Doppelbrechung des Lichtes). Eine weitverbreitete Anwendung von Flüssigkristallen sind die LCD-Bildschirme der Rechner. LCD heißt nichts anderes also Liquid Crystal Display, also Flüssigkristallbildschirm.

Philosophisch gesehen verfügt der flüssige Kristall im Gegensatz zum festen Kristall zusätzlich zur Richtkraft über Gestaltungskraft.

Dadurch kann er trotz äußerer Störeinflüsse immer wieder seine Eigenform herstellen, womit nicht seine äußere Gestalt gemeint ist – diese ist sehr wandelbar –, sondern die innere Ausrichtung seiner Moleküle (1, S. 96).

Rührt man z.B. in einem solchen flüssigen Kristall mit einer Nadel, so stellt sich bald die ursprüngliche Ordnung der Moleküle wieder her.

Aus Richtkraft und Gestaltungskraft ist der Selbsterhaltungswillen „geboren“, wie Mathilde Ludendorff schreibt.

Eine andere Art von Flüssigkristallen entsteht aus länglichen Molekülen, die ein wasserliebendes und ein fettliebendes[6] Ende besitzen. Dazu gehören z.B. Seifenmoleküle.

Bei geeigneter Konzentration können sie z.B. in Wasser Flüssigkristalle in Form von winzigen Bläschen mit einer einfachen oder doppelten Hülle ausbilden. Übt man einen mechanischen Druck auf sie aus, können sie sich verformen und anschließend wieder ihre ursprüngliche Form ein­nehmen.

Eine vergleichbare flüssigkristalline Grundstruktur (Lipiddoppelschicht) haben alle biologi­schen Membranen, die lebende Zellen und deren Organellen umhüllen. Mathilde Ludendorff faßt den Evolutionsschritt zu den Flüssigkristallen in den Worten zusammen:

Nun erst ist der Wille zur Erhaltung der Eigenform vollkommen verwirklicht, denn es ward Gestaltungskraft im flüssigen Kristalle, und so ward das Einzelwesen und mit ihm der Selbsterhaltungswille geschaffen. (1, S. 97)

Das Kolloid: Sterbfähiges Einzelwesen mit Wahlkraft

Der nächste Schritt aus philosophischer Sicht ist die Fähigkeit eines solchen Einzelwesens, andere Stoffe aufnehmen zu können, also eine Wahlkraft zu zeigen. Eine Fähigkeit, die der flüssige Kristall noch nicht zeigt. Dieser entledigt sich aller fremden Substanzen. Mathilde Ludendorff schreibt:

Mit anderen Worten, unsere Philosophie weiß, daß ein Flüssigkeitströpfchen, welches Gestaltungskraft in sich birgt wie der flüssige Kristall, aber überdies durch Wahlkraft in bestimmten Fällen Verbindung mit der Umwelt ermöglicht, die Brücke zur ersten lebenden Zelle bildet. (1, S. 107)

Kolloidkristall (Bild: 22b73f054b9b9c5a52c0a161d9114e38-microscope-pictures-the-human-body. pinterest.com)

Physikalisch betrachtet, entspricht ein solches Gebilde einem kolloidalen System.

Kolloide sind Teil­chen von 1 Nanometer (nm) bis 1 Mikrometer (µm) Größe, die in einem Trägermedium fein verteilt sind und „in Schwebe“ gehalten werden[7].

Die Teilchen und das Trägermedium können fest, flüssig oder gasförmig sein. Ein einzelnes Kolloid kann wiederum aus vielen kleinen Teilchen zusammen­gesetzt sein.

Im Vergleich zu echten Lösungen sind die Teilchen in kolloidalen Lösungen viel größer. Scheint Licht durch ein solches Kolloid hindurch, wird es in typischer Art und Weise gestreut (Tyndall-Effekt). Löst man z.B. Seife in Wasser auf, entstehen die schon erwähnten Flüssigkristall­bläschen, die in ihrer Gesamtheit ein kolloidales System bilden.

Auch viele biologische Systeme sind kolloidaler Natur:

  • Rote Blutkörperchen im Blutplasma,

  • Viren,

  • Bakterien und

  • Proteine (8).

  • Milch und selbst

  • Gummibärchen gehören ebenfalls dazu!

Die Grundsubstanz der Zellen, das Protoplasma (auch Zytoplasma genannt), kann man als ein kolloidales System auffassen. Sein Hauptbestandteil sind Eiweißkolloide.

Bei hinreichend hoher Konzentration können die Schwebeteilchen in einem kolloida­len System eine netzartige Struktur bilden (Gel) oder sich sogar auf regelmäßig angeordnete Gitter­plätze begeben. Die Kolloide kristallisieren, es ist ein kolloidaler Kristall entstanden (9).

Sind in einem solchen Fall Eiweiße die Teilchen des kolloidalen Systems, spricht man auch von einem Eiweiß­kristall.

Zusammenfassend kann man sagen, daß in der belebten Natur die meisten chemischen Reak­tionen in kolloiden Lösungen verlaufen, selbst Verwitterungsvorgänge und das Festhalten von Boden­feuchtigkeit im Ackerboden erfolgen durch Kolloide (Bodenkolloide).

Eine maßgebliche Ursache für diese grundlegende Bedeutung kolloidaler Systeme in der Natur ist die ungeheuer große Oberfläche, die die in „Schwebe“ gehaltenen kolloidalen Teilchen zusammen bilden. Dies begünstigt Wechsel­wirkungen mannigfaltiger Art zwischen verschiedenen Stoffen.

Kolloidale Lösungen besitzen die Eigenschaft, andere Substanzen in kolloidale Lösung zu überführen.

Es ist beim Kolloid also keine Rede mehr von einer Abgrenzung zur Außenwelt, um die stoffliche Einheitlichkeit zu bewahren.

Philosophisch gesehen ist dies eine Auswirkung der Wahlkraft im Kolloid.

Ein fester Kristall kann nur in engbegrenztem Umfang fremde Bausteine als „Verunreini­gung“ in sein Kristallgitter aufnehmen und einen Mischkristall bilden.

Auch ein einfacher flüssiger Kristall sondert sich von fremden Stoffen ab.

Erst die Zustandsform des Kolloids ermöglicht es, fremde Stoffe zu „dulden“.

Das Beispiel der biologischen Membranen (Lipiddoppelschicht) kann die Zusammenhänge veranschaulichen:

Die Membran kann man, wie beschrieben, als Flüssigkristall auffassen:

Ihre Molekülanordnung läßt das Wirken der Richtkraft erkennen und ihre „Flexibilität“ auf äußeren Druck die Gestaltungskraft. Die in die Membran eingelagerten, aus Eiweißen bestehenden, Poren sind ein Ausdruck der Wahlkraft. Über sie können Substanzen ins Zellinnere aufgenommen werden (10).

Solche kolloidalen Gebilde, die in der „Schöpfungsgeschichte“ Mathilde Ludendorffs mit den Begriffen „kolloidales Wesen“, „Kolloidtröpfchen“, „Kolloidkristall“ oder „Eiweißkristall bezeichnet werden, sind nun also nach Mathilde Ludendorff die Vorstufen des ersten Lebewesens (1, S. 109f).

Den Begriff Kolloid verwendet sie nicht für das einzelne kolloidale Teilchen, sondern für das ganze kolloidale System aus Teilchen und flüssigem Trägermedium.

Eine philosophisch wesentliche Eigenschaft dieser kolloidalen Vorstufen zum ersten Lebewesen haben wir noch nicht erwähnt. Die schon erwähnten Bläschen mit Lipiddoppelmembranen und auf- bzw. eingelagerten Eiweißen, verlieren ihre Fähigkeit, ausgewählte Stoffe aufzunehmen, wenn die Eiweiße durch Hitze oder Säuren zerstört (denaturiert) werden (10).

Die philosophische Deutung dieses Vorganges nach Mathilde Ludendorff:

Ein solches organisches Kolloid lebt, ohne jedoch alle Eigenschaften von echten Lebewesen zu zeigen. Es kann daher auch sterben, wenn es seine Wahlkraft und seinen Selbsterhaltungswillen verliert. Diese Todmöglichkeit war somit gesichert, bevor das erste Lebewesen geschaffen war, was nach Mathilde Ludendorff eine wichtige Voraussetzung für die Errei­chung des Schöpfungszieles war.

Ewiges Leben eines bewußten Lebewesens ist mit göttlicher Voll­kommenheit nicht vereinbar.

In der knappen Wortgestaltung der Philosophin lautet dieser Vorgang:

Gottesbewußtheit aber bedingt Wahlverbindung des Trägers.

Da ward Wahlkraft im Einzelwesen und mit ihr Todmöglichkeit. (1, S. 109)

Einordnung der Viren in die Welt der flüssigen Kristalle und Kolloide: Vorstufen zum Lebewesen?

Wir haben nun einen langen Ausflug in die Welt der festen und flüssigen Kristalle und lebenden Kolloide gemacht. „Worin besteht nun der Zusammenhang mit den Viren?“, werden Sie sich schon lange fragen.

In einer Fußnote der „Schöpfungsgeschichte“ in der Ausgabe von 1954 schreibt Mathilde Ludendorff:

„Im Jahre 1923 sah ich also in einem Kolloid- oder Eiweißkristall die Vorstufe zum ersten Lebewesen. Im Jahre 1936 meldete die Presse, daß der Amerikaner Stanley „Eiweißkristalle“ als Krankheitserreger entdeckt hat, die er auch „Ultralebewesen“, Vorstufen der Bakterien nennt.

Es wird für alle Zukunft wichtig sein, daß die Entdeckung dieser Zwischenstufe von der Philosophie zuerst gemacht wurde. Allerdings hat Stanley nur den Virus, ein zum Parasiten der Lebewesen ent­artetes Kolloidkristall gefunden, und beschrieben, während Ernst Haeckel – wie ich 10 Jahre nach Erscheinen dieses Werkes erfuhr – eine „Biokristall“ benannte Übergangsform beschrieben hat.“

Mathilde Ludendorff betont hier, daß sie als Philosophin unabhängig und vor der Naturwissenschaft die Existenz solcher Vorstufen der ersten Lebewesen vorhergesagt hat. Tatsächlich hatte Haeckel noch vor ihr von einem „Biokristall“ gesprochen, was sie allerdings erst viel später erfahren hatte.

Es ist zu beachten, daß Mathilde Ludendorff damals die Kolloide bzw. Kolloidkristalle im allgemeinen, nicht aber die Viren im besonderen als Vorstufe der ersten lebenden Zelle ansah. Diese wurden damals wie z.T. noch heute, als Parasiten bezeichnet.

Wie gezeigt wurde, könnten aber tatsächlich Kolloide in Form von Viren die ersten Vorstufen gewesen sein. Was weder Mathilde Ludendorff noch Wendell M. Stanley damals wußten:

Tabakmosaikvirus (Bild: Wikipedia)

Das Tabakmosaikvirus (TMV), von dem hier die Rede ist, besteht nicht nur aus Eiweiß, sondern enthält, wie jedes Virus, ein Stückchen Nukleinsäure, in diesem Fall RNS. Es handelt sich also nicht um einen reinen Eiweißkristall.

Vergleichen wir diese Aussage Mathilde Ludendorffs mit dem folgenden Zitat der Virologin Karin Mölling:

TMV kristallisiert praktisch von alleine und liefert damit ein Beispiel für die höchst effi­ziente Selbstorganisation von Viren. Für deren Strukturaufklärung erhielt Wendell M. Stanley aus New York 1946 den Nobelpreis. Er zeigte auch, daß das Virus sogar als Kristall noch infektiös ist.

Das ist ein schönes Beispiel für die Nähe von toter kristalliner und biologischer lebendiger Natur – am Beispiel eines Virus. (1, S. 196).

Vor Jahrzehnten bereits hatte sich Mathilde Ludendorff gegen die Vorstellung gewandt, daß sich zwischen „Substanz“ und Lebewesen eine unüberbrückbare Kluft befände (1, S. 84, 5, S. 94).

Auch nach Ansicht von Karin Mölling bewegen wir uns bei den Viren in einem Übergangsfeld vom Anorganischen hin zum Organischen, zum Lebendigen.

Kristallähnliche Formen sind bei Viren weit­verbreitet. Dabei muß man mehrere Ebenen unterscheiden: Ein ganzes Virus (Viruspartikel) kann eine kristallform aufweisen. Der Tabakmosaikvirus bildet z.B. eine stäbchenförmige Struktur. Die Eiweiß­hüllen (Kapside) vieler anderer Viren besitzen eine ikosaedrische Symmetrie (Zwanzigflächner) oder lassen sich auf eine solche Grundform zurückführen.

Die Lipiddoppelmembran eines einzelnen behüllten Virus kann außerdem als ein Flüssigkristall aufgefaßt werden, aber auch viele Viren zusam­men können in einem Dispersionsmedium eine flüssigkristalline Lösung bzw. eine kolloidale Lösung bilden. Das Tabakmosaikvirus ein schönes Beispiel dafür.

Zur Erinnerung: Viele Viren liegen genau in der geeigneten Größenordnung, um kolloidale Eigenschaften zu zeigen (1 nm bis 1 µm). Manche Viren sind gerade aufgrund ihres flüssigkristallinen Verhaltens und ihrer kolloidalen Eigenschaften zu beliebten Modellsystemen für technische Anwendungen geworden (11).

Schließlich wäre zu fragen, ob nicht auch das Innere eines Virus, ähnlich dem Protoplasma einer Zelle, kolloidale Eigenschaften haben kann.

Wo wäre hier eine unüberbrückbare Kluft zu den höheren Stufen, zur lebenden Zelle?

können wir mit den Worten Mathilde Ludendorffs fragen (5, S. 100).

Komplexe Flüssigkeiten und weiche Materie

An dieser Stelle ist eine grundsätzliche Bemerkung zur Benennung der angesprochenen Erscheinungs­formen angebracht. Die Begriffe Flüssigkristall, Kolloid und Eiweiß lassen sich in der Natur nicht immer scharf voneinander trennen, was die Begriffsbestimmung erschwert.

In der neueren Forschung spricht man häufig übergreifend von „komplexen Flüssigkeiten“ oder „weicher Materie“, wenn von flüssigen Kristallen, Kolloiden, Makromolekülen, Amphiphilen[8] und Polymeren[9] die Rede ist.

Kenn­zeichnend ist bei allen ein komplexer Aufbau und eine große Zahl an Freiheitsgraden (d.h. sie können sich in vielfältiger Weise bewegen, mit anderen Teilchen kooperieren und sich selbst organisieren).

Durch äußere Kräfte lassen sie sich leicht verformen – sie sind “weich”. Außerdem weisen weiche Materialien im Nanometer- bis Mikrometerbereich Struktur auf, das heißt, die Baueinheiten sind zwischen einem Millionstel und einigen Tausendstel Millimeter klein.

Proteine sind Bilderbuch­beispiele für weiche Materie. Sie besitzen Eigenschaften von Kolloiden, Polymeren und Amphiphilen. Sie spielen nicht umsonst eine tragende Rolle in allen Lebewesen!

Es gibt auch Mischsysteme aus verschiedenen Formen von weicher Materie. Dazu gehören z.B. die hochkomplexen biologischen Membranen (12). Das meiste davon war zu Lebzeiten Mathilde Ludendorffs noch völlig unbekannt, daher ist ein Abgleich ihrer Aussagen in den Werken „Schöpfungsgeschichte“ und „Wunder der Biologie“ mit der aktuellen Forschung nicht immer einfach.

Sollte die derzeitige Theorie, nach der am Beginn des Lebens eine RNS-Welt und nicht eine Protein­welt stand, richtig sein, wäre womöglich nicht der Proteinkristall, sondern der RNS-Kristall die Vor­stufe des ersten Lebewesens gewesen. Allerdings gehören auch die Nukleinsäuren als Polymere zu der „weichen Materie“ und damit in das Übergangsfeld von Kolloiden, flüssigen Kristallen usw.

An der grundsätzlichen Abfolge der Schöpfungsstufen Kristall – flüssiger Kristall – Kolloid und den sie kenn­zeichnenden Willensäußerungen würde sich also nichts ändern.

Viren: Lebewesen ja oder nein?

Halten wir fest: Sowohl Mathilde Ludendorff als auch Karin Mölling siedeln Viren bzw. Gebilde, die kolloidale Eigenschaften besitzen, im Übergangsbereich zum ersten Lebewesen an.

Was ist nun das Kennzeichen eines echten Lebewesens?

Nach Mathilde Ludendorff unterscheidet erst die Tatkraft das Lebewesen von den Vorstufen. In der Biologie wird meist nicht von Tat, sondern von Reaktion gesprochen: Ein Lebewesen kann auf einen Umweltreiz reagieren.

In engem Wechselspiel mit dem Willen zum Wandel, der der Tatkraft zugrunde liegt, ist der Wille zum Verweilen. Beide halten sich sozusagen in Schach, so daß aus der Tat die Tatbereitschaft und aus der Fähigkeit zum Verweilen oder zum Wiederholen die Wiederholungsbereitschaft wird. Sie dienen beide dem beherrschenden Willen, dem Selbsterhaltungswillen. (1, S. 113)

Diese Dreierstruktur ist das einfachste Bild einer Seele und damit das Kennzeichen von Lebewesen.

Zeigen nun Viren diesen neu erwachten Willen zur Tatkraft bzw. diese Seelenstruktur? In der Schöp­fungsgeschichte schildert Mathilde Ludendorff, wie oben beschrieben, die Abfolge der Schöpfungs­schritte in ihrer zeitlichen Reihenfolge. Als Vorstufe der ersten Lebewesen nannte sie den Kolloid­kristall. Seine Gestaltungskraft ermöglicht ihm, seine Eigenform zu bewahren und seine Wahlkraft ermöglicht, Fremdstoffe im Kolloid in der Schwebe zu halten. Mehr vermag er noch nicht. Daher schreibt sie:

Ja, nun will uns jenes Kolloidwesen eher tot als lebendig bedünken, denn wir vermissen die Vollentfaltung dieser Gestaltungskraft und Wahlkraft zur – Tatkraft! (1, S. 110)

Wenn man sich nun jedoch vergegenwärtigt, welche Wirkung ein Virus in einer Zelle entfaltet (man erinnere sich an den Vermehrungskreislauf), fällt es schwer, nicht an eine Tatkraft zu denken. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Schöpfungsgeschichte war dies noch nicht bekannt.

In ihrem Jahre später erschienen Werk „Wunder der Biologie im Lichte der Gotterkenntnis meiner Werke“, wirft Mathilde Ludendorff daher selbst die Frage auf, ob diese neu entdeckten Aktivitäten der Viren nicht ein Wider­spruch zu ihrer früheren Aussage wäre (5, S. 103).

Sie verweist darauf, daß sich ein göttlicher Wille in einer Vorstufe häufig erst matt enthüllt. Mit ihrer früheren Formulierung, daß der Kolloidkristall noch keine Vollentfaltung der Tatkraft zeigt, trägt sie diesem Umstand Rechnung. Er zeigt schon Ansätze zur Tatkraft, aber eben noch keine Vollentfaltung. Die Viren zeigen dies sehr anschaulich: Außerhalb einer lebenden Zelle verfügen sie nur über Gestaltungs- und Wahlkraft. Innerhalb der lebenden Zellen aber tritt erstmals so etwas wie Tatkraft in Erscheinung. Vergleichen wir, was der Evolutionsbiologe und Mediziner Frank dazu schreibt:

Außerhalb seines Wirts mag ein Virus leblos wirken, aber sobald es in eine Wirtszelle eindringt, erwacht es (…) zum Leben. Und was für ein außergewöhnliches Leben es führt! Hier im Umfeld seiner Wirtszelle, entfaltet es seine einzigartige Fähigkeit, die Macht über das Wirtsgenom zu übernehmen und dieses Genom so zu steuern, daß es neue Viren produziert. (6).

Es handelt sich bei den Viren also tatsächlich um Grenzgänger zwischen belebter und unbelebter Materie.

Bakterien: Lebewesen mit Selbsterhaltungswillen, Wiederholungsbereitschaft und Tatbereitschaft

Nach allem was wir gesehen haben, kann man also Viren bzw. virusähnliche, kolloidale Gebilde mit Fug und Recht als eine Vorstufe in den Übergangsbereich zum ersten Lebewesen einordnen. Zu den ersten, unstrittig als Lebewesen zu bezeichnenden Wesen gehören die Bakterien[10].

Sie zeigen genau den erwähnten grundlegenden Aufbau der ersten Seele aus Selbsterhaltungswillen, Wiederholungs­bereitschaft und Tatbereitschaft (1, S. 114).

Die Wahlkraft zeigt sich durch die Fähigkeit, ausgewählte Stoffe durch die umhüllende Zellmembran aufzunehmen. Die Tatkraft kann sich in vielerlei Weise äußern. Sie ermöglicht z.B., die aufgenommenen Stoffe, die man üblicherweise als Nahrung bezeich­net, in körpereigene Stoffe oder Energie umzuwandeln. Bei Nervenzellen zeigt sich die Tatkraft in der Fähigkeit, elektrische Reize weiterzuleiten.

Der Wille zum Verweilen äußert sich in der Biologie sehr augenfällig als die Fähigkeit zur Vererbung. All dies faßt Mathilde Ludendorff in den beiden Sätzen zusammen:  

Gottesbewußtheit aber bedingt Willen zum Wandel und Verweilungswillen im Träger. Da ward das tatbereite, erbweise Lebewesen. (1, S. 115)

Zusammenfassung

Viren sind mehr als nur Krankheitserreger. Das ist ganz offensichtlich. Sie sind allgegenwärtig und besiedeln alle Lebensräume. Sie sind Symbionten, d.h. sie leben zu gegenseitigem Nutzen auf das Engste mit anderen Lebewesen zusammen und sie sind wichtige Bestandteile von Ökosystemen.

Die Aufdeckung ihrer Struktur und ihrer Vermehrungszyklen ist eine großartige Forschungsleistung.

Völlig unterschätzt wurde auch die evolutionsbiologische Bedeutung der Viren. Sie spielten mit hoher Wahrscheinlichkeit eine wichtige Rolle in der Evolution, indem sie einen vielfältigen Erbgutaustausch zwischen verschiedenen Arten von Lebewesen ermöglichten und so ganz neue Wege in der Evolution eröffneten.

Ihr Ursprung reicht bis zu den Anfängen des Lebens zurück. Die Mehrzahl der Wissen­schaftler geht nach wie von der klassischen Virendefinition aus, wonach die Viren keine Lebewesen sind, da sie zwingend parasitär auf lebende Zellen angewiesen sind.

Es gibt aber immer mehr Hin­weise, die diese klassische Definition in Frage stellen. Der Streit zeigt:

Lebendiges und Nichtlebendi­ges läßt sich nicht so einfach voneinander unterscheiden,

wie es auf den ersten Blick erscheint. Es handelt sich um einen fließenden Übergang.

Die Philosophin Mathilde Ludendorff geht in ihrem 1923 erschienenen Werk „Schöpfungsgeschichte“ ausführlich auf diese aktuell diskutierten Fragen ein. Sie beschreibt ausführlich die Stufen der Schöpfung bis hin zum ersten echten Lebewesen.

Das erste Einzelwesen ist der feste Kristall, der sich durch seine Richtkraft auszeichnet und erste Ansätze eines Selbsterhaltungswillens zeigt.

Ihm folgt der flüssige Kristall, in dem zum ersten Mal die Gestaltungskraft auftaucht.

Auf der nächsten Stufe, den Kolloiden, kommt die Wahlkraft hinzu, die es ermöglicht, in vielfältiger Form fremde Stoffe aufzunehmen. Mit ihnen kommt auch die Todmöglichkeit in die Welt.

Anorganische und organische Welt sind keineswegs scharf voneinander getrennt, wie die organischen Flüssigkristalle bzw. die organischen Kolloide, zu denen auch die Kolloid- bzw. Eiweiß- und Nukleinsäurekristalle gehören, zeigen.

Viren wie das Tabakmosaikvirus gehören in diese Zwischenwelt.

Mathilde Ludendorff kennzeichnet ein Lebewesen aus philosophischer Sicht durch den Vollbesitz der Tatkraft und einer Seelenstruktur aus Selbsterhaltungswillen, Wiederholungsbereitschaft und Tatbereitschaft.

Viren zeigen bereits erste Ansätze von Tatkraft.

Außerhalb der Zelle weisen sie nur Gestaltungs- und Wahlkraft auf, erst innerhalb der Wirtszellen erwachen sie sozusagen zum Leben und zeigen in ihrem Vermehrungskreislauf Ansätze zur Tatkraft, indem sie die Zelle für ihre Zwecke einspannen.

Eindeutig zu den Lebewesen gehören die Bakterien. Sie besitzen (wie alle Zellen) als äußere Hülle eine Lipiddoppelmembran. Diese sind Paradebeispiele für Flüssigkristalle und Kolloide. Sie zeigen Gestaltungskraft bei äußerem Druck und sie zeigen Wahlkraft bei der Aufnahme von fremden Substanzen über Proteinporen in die Zelle. Ihre Tatkraft kommt z.B. bei der der Weiterleitung der elektrischen Erregung zum Ausdruck.

Mathilde Ludendorff sieht die Kolloidkristalle als Vorstufen zum ersten echten Lebewesen an, wobei sie Viren als zum Parasiten der Lebewesen entartete Kolloidkristalle bezeichnet. Daß Viren heute ausschließlich auf lebende Zellen zur Fortpflanzung angewiesen sind, ist unstrittig. Immer mehr Virologen stellen jedoch die Viren selbst an den Beginn des Lebens.

Demnach wären sie ursprünglich zellähnliche Gebilde gewesen, die erst im Laufe der Evolution ihre Selbständigkeit verloren hätten.

Wie auch immer der Streit ausgeht: Viren können als Grenzgänger zwischen lebender und toter Materie betrachtet werden.

Wie wir sehen, ist die „Schöpfungsgeschichte“ Mathilde Ludendorffs zwar ein ziemlich altes Buch, aber ihr Inhalt könnte aktueller nicht sein!

Quellenverzeichnis

  1. Ludendorff, M. (1954): Schöpfungsgeschichte. – Erstausgabe 1923. Pähl: Hohe Warte. 159 S.
  2. Hoffmann, C., Rockstroh, J.K. (Hrsg.): HIV 2016/2017. www.hivbuch.de. Hamburg: Medizin Fokus Verlag. 712 S.
  3. Global Hepatitis Report 2017, http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/255016/1/9789241565455-eng.pdf)
  4. Mölling, K. (2015): Supermacht des Lebens. Reise in die erstaunliche Welt der Viren. – München: C.H. Beck. 318 S.
  5. Ludendorff, M. (1950): Wunder der Biologie im Lichte der Gotterkenntnis meiner Werke. – 1. Band. Stuttgart: Hohe Warte. 362 S.
  6. Ryan, F. (2009): Virolution. Die Macht der Viren in der Evolution. – Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.
  7. Nasir, A., Caetano-Anollés, G. (2015): A phylogenomic data-driven exploration of viral origins and evolution. – Sci. Adv. 2015;1:e1500527: 1-24
  8. https://www.colloids.uni-freiburg.de/Methoden/dispersionen
  9. http://www.weltderphysik.de/gebiet/theorie/symmetrien/kolloidale-kristalle-und-kugel­packungen/
  10. Adam, G. (o.J.): Stufen der Schöpfungsgeschichte in der molekularen Biologe. Unveröffentlich­tes Manuskript.
  11. http://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de/5954/
  12. http://www.fz-juelich.de/ics/ics-2/DE/UeberUns/Organisation/organisation_node.html

6] Wasserliebend = hydrophil, fettliebend = lipophil

[7] Der Begriff Kolloid gilt eigentlich für das einzelne (kolloidale) Teilchen im Trägermedium, wird z.T. aber auch für Teilchen und Trägermedium zusammen verwendet (so auch von Mathilde Ludendorff). Kolloidales Teilchen und Trägermedium werden auch als kolloidales System, kolloidale Suspension, … bezeichnet.

[8] Amphiphile sind Substanzen, die sowohl in Wasser als auch in Fett löslich sind (vereinfacht)

[9] Polymere sind chemische Stoffe, die aus vielen gleichen Einheiten zusammengebaut sind (z.B. Eiweiße oder Nukleinsäuren)

[10] von Mathilde Ludendorff gemäß dem damaligen Sprachgebrauch noch als Spaltpilze bezeichnet. Sie haben mit Pilzen jedoch nichts zu tun.

Der Naturwissenschaftler Karl Grampp

veröffentlichte in der Zeitschrift „Die Deutsche Volkshochschule“, 9/18, den nachfolgenden Beitrag, mit dem er anschaulich sowohl aus naturwissenschaftlicher als auch philosophischer Sicht den Übergang zum Leben aufzeigt. Ein spannender Vorgang in der Evolution! Hier der Text:

Einleitung

Was sind Viren? Ein amerikanischer Virenforscher beantwortete diese Frage einmal so: „Viren sind schlechte Nachrichten in Eiweiß verpackt“. Damit spielt er auf die Rolle der Viren als Krankheits­erreger an.

Diese Sichtweise dürfte die Mehrheit der Menschen teilen, da sich die Viren für sie nur dann bemerkbar machen, wenn sie sie mit so lästigen Beschwerden wie Schnupfen und Herpes­bläschen oder so todbringenden Krankheiten wie Aids oder Ebola bedrohen. Inwieweit diese Sicht­weise gerechtfertigt ist, darum soll es in diesem Eintrag unter anderem gehen.

Das Wissen über Viren hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen.

Es ist für jeden an der Natur interessierten Menschen begeisternd, was für eine geheimnisvolle Welt sich hier auftut.

Viele Viren sind heute in allen Einzel­heiten, bis hinab auf die molekulare Ebene, erforscht. Dazu gehört ihr genauer Aufbau, die Art und Weise, wie sie in menschliche Zellen eindringen, sich dort vermehren und dann wieder ausgeschleust werden. Einige dieser Erkenntnisse werfen ein ganz neues Licht auf den Ablauf der Evolution und die bisher unterschätzte Rolle der Viren dabei.

Unsere Betrachtung über die Viren führt aber auch zu ganz grundsätzlichen Fragen. Viren gelten üblicherweise nicht als Lebewesen, jedoch gerät in jüngster Zeit auch dieser Standpunkt ins Wanken. Leben sie vielleicht doch?

Wodurch sind überhaupt Lebewesen als solche gekennzeichnet?

Damit ist eine weitere Frage verknüpft:

Wie erfolgte in der Evolution der Übergang zum Leben? Was haben Viren damit zu tun? Es gibt eine Philosophin, [Mathilde Ludendorff], die in enger Fühlung zur Biologie diesen Fragen nachgegangen ist. Ihr einschlägiges Werk „Schöpfungsgeschichte“ ist 1923 erstmals erschienen (1). Das ist 95 Jahre her – viel zu alt, um sich damit zu befassen? Lassen Sie sich überraschen:

Viren haben es in sich – sowohl aus biologischer als auch aus philosophischer Sicht!

Was sind Viren?

Zunächst einmal sind sie sehr sehr klein! Sie gelangen ungehindert selbst durch die äußerst fein­porigen Filter, die Bakterien zurückhalten. Die kleinsten bekannten Viren haben gerade einmal einen Durchmesser von 20 Nanometern. 1 Nanometer ist 1 Millionstel Millimeter! Daher können Viren i.d.R. nur mit einem Elektronenmikroskop sichtbar gemacht werden. Nur die größten Vertreter sind gerade noch unter dem Lichtmikroskop zu erkennen.

Bild: Wikimedia Commons

Im einfachsten Fall bestehen Viren aus einer Eiweißhülle (Kapsid), welche das Erbgut des Virus umhüllt. Das Erbgut kann, wie bei den Pflanzen und Tieren als Desoxyribonukleinsäure (DNS) vorliegen oder als Ribonukleinsäure (RNS).

„Behüllte“ Viren besitzen außer der Eiweißhülle auch noch eine Membran aus sogenannten Lipiden als äußerste Schicht. Sie zeigt den gleichen Aufbau wie bei allen Tier- und Pflanzenzellen. Das Erbgut, die Gene, enthält die Information zur Erzeugung von viruseigenen Eiweißen (genauer gesagt für die Reihenfolge der Aminosäuren, aus denen die Eiweiße zusammengesetzt werden).

Die kleinsten Viren enthalten gerade einmal die Information für 2-4 Eiweiße, die größten für mehr als 2500. Das Fehlen einer bestimmten Eigenschaft ist für das Wesen der Viren von ganz entscheidender Bedeutung:

Sie haben keinen eigenen Stoffwechsel und können sich nicht aus eigener Kraft vermehren.

Sie sind dazu auf die Hilfe von Zellen anderer Lebewesen angewiesen. Um sich zu vermehren, müssen sie andere Zellen infizieren, um sie dann zu manipulieren, man könnte auch sagen umzuprogrammieren, damit die Zellen mit ihren zelleigenen Werkzeugen in den Dienst des Virus treten.

Eine kurze Definition von Viren lautet daher: Es sind infektiöse, sich ausschließlich mit Hilfe anderer Zellen fortpflanzende, Parasiten. Dies ist der wesentliche Grund, warum sie üblicherweise nicht zu den Lebewesen gezählt werden.

Vermehrungskreislauf

Die Aufklärung des Infektionszyklus, also des Kreislaufes vom Andocken des Virus auf der Ober­fläche einer Wirtszelle bis zum Ausschleusen der neu erzeugten Viruspartikel aus der Zelle ist eine Großtat der Virusforscher.

Besonders eindrucksvoll ist die Erforschung des HI-Virus, umgangs­sprachlich als Aids-Virus bezeichnet. Erst 1981 wurde Aids als eigenständige Krankheit anerkannt. Zwei Jahre später wurde das Virus erstmals beschrieben.

Innerhalb weniger Jahre gelang es, das Virus zu isolieren, seinen genauen Aufbau zu erforschen und auf dieser Grundlage hervorragend wirksame und gut verträgliche Medikamente zu entwickeln. Diese führen zwar noch nicht zu einer endgültigen Heilung, ermöglichen aber infizierten Menschen eine fast normale Lebenserwartung.

Man kennt heute alle Gene und alle Proteine des Virus.

Man weiß genau, an welchen Oberflächenstrukturen der Zelle das Virus andockt, wie es eindringt, ausgepackt wird, wie seine als RNS vorliegende Erbinformation in DNS (die Sprache der Zelle) übersetzt wird, wie dann diese DNS in den Zellkern eingeschleust und in das Erbgut der Wirtszelle eingebaut wird. Dort wird sie wie die zelleigene Erbinformation abge­lesen, erneut in Form von RNS aus dem Zellkern herausbefördert, um an den Ribosomen als Vorlage für die Erzeugung von Viruseiweißen zu dienen.

Vielfach vermehrtes Viruserbgut und zugehörige Viruseiweiße werden wieder zu vollständigen Viruspartikeln zusammengesetzt und verlassen die Zelle, indem sie ein Stück der Zellmembran als Hülle „mitnehmen“. Da man diesen Zyklus bis auf die molekulare Ebene hinab kennt, war es möglich, gezielt Medikamente zu entwickeln, die an verschie­denen Stellen diesen Kreislauf unterbrechen können.

Bedeutung als Krankheitserreger

Wir haben darüber gesprochen, daß Viren üblicherweise als Krankheitserreger wahrgenommen werden. Das kommt nicht von ungefähr. Ende 2014 waren z.B. 36,9 Mio. Menschen mit HIV infiziert. 1,2 Mio. starben alleine im Jahr 2014 daran (2). Bis heute sind ungefähr 39 Mio. Menschen daran gestorben (Wikipedia).

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, daß 71 Mio. Menschen mit HCV, dem Erreger der chronischen Hepatitis[1] C und 257 Mio. mit HBV, dem Erreger der chronischen Hepa­titis B infiziert sind. 2015 sind schätzungsweise 1,34 Mio. Menschen an einer durch Viren verursach­ten chronischen Leberentzündung gestorben (3). Der Spanischen Grippe erlagen zwischen 1918 und 1920 zwischen 25 und knapp 50 Mio. Menschen (Wikipedia).

Viren können auch Krebs erzeugen. Für die Entdeckung des Zusammenhanges zwischen Gebärmutterhalskrebs und Humanen Papillomaviren erhielt der deutsche Forscher zur Hausen 2008 den Nobelpeis für Medizin. Viren können also Krank­heitserreger sein – zweifellos trotzdem wäre unser Bild von ihnen grob verfälscht, wenn wir uns auf diese Sichtweise beschränken würden.

Viren sind viel mehr als nur Feinde von anderen Lebewesen.

Wenden wir uns daher einem neuen, spannenden und überraschenden Bild der Viren zu.

Das neue Bild der Viren

Häufigkeit von Viren

  • Wie viele Menschen gibt es? Rechnen wir der Einfachheit halber großzügig mit einer Zahl von 10 Mrd. (genau genommen sind es „erst“ 7,74 Mrd.). Das sind 1010 oder eine 1 mit 10 Nullen.

  • Wie viele Sterne gibt es am Himmel? Rund 1025, also eine 1 gefolgt von 25 Nullen.

  • Bakterien sind es noch mehr: 1031.

  • Und Viren? 1033!

Den Angaben der international bekannten deutschen Virologin Karin Mölling[2] zufolge, gibt es also mehr Viren als Bakterien und sogar mehr Viren als Sterne. Würde man alle Viren aneinanderreihen, käme man auf eine Strecke von 10 Mio. km (4). Zum Vergleich: Der Durchmesser der Sonne beträgt nur 1,4 Mio. km.

Natürlich sind das alles außerordentlich grobe Schätzungen, auf ein paar Nullen hin oder her soll es hier nicht ankommen. Der Punkt ist: Viren sind nicht ein paar exotische winzige Gebilde, die man sich zufällig irgendwo aufschnappt und an denen man, wenn man Pech hat, auch sterben kann.

Viren sind überall und man ahnt vielleicht jetzt schon, daß ihre Bedeutung eine ganz andere ist, als nur Auslöser von Krankheiten zu sein. Wenn Viren überall zu finden sind und Pflanze, Tier und Mensch i.d.R. trotzdem gesund ihr Dasein verbringen, dann heißt das: Die weitaus größte Zahl der Viren können keine Krankheitserreger sein!

Mikrobiom: Lebensgemeinschaft mit Viren, Bakterien, Pilzen

Ein überraschendes Ergebnis des “Human Genom Projektes (der vollständigen Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes) war, daß das menschliche Erbgut ungefähr zur Hälfte viralen Ursprungs ist[3]! (4) Auch andere Lebewesen enthalten mehr oder weniger große Mengen an viralem Erbgut.

Auf und im Menschen lebt ein Vielfaches mehr an Bakterienzellen und noch viel mehr an Viren als wir selbst Körperzellen besitzen, und dabei sind die Pilze noch gar nicht berücksichtigt! Die Gesamt­heit aller Mikroorganismen auf einem Körper wird als Mikrobiom bezeichnet.

2012 wurden die neuen Erkenntnisse zum Mikrobiom von „Nature“, einer der führenden naturwissenschaftlichen Fachzeit­schriften, als einer der 10 wichtigsten wissenschaftlichen Durchbrüche bezeichnet (4).

„Der Mensch ist ein Superorganismus, ein komplexes Ökosystem“, schreibt Karin Mölling. Wir leben alle weit­gehend friedlich mit diesen Mitbewohnern, die Krankheit ist der Ausnahmefall, nicht die Regel.

Und nicht nur das: Wir sind für ein gesundes Leben auf diese Mitbewohner angewiesen! An dieser Stelle möchte ich auf die philosophische Deutung solches friedlichen Zusammenlebens in der Natur hin­weisen.

In „Wunder der Biologie“ (Bd. 1) widmet Mathilde Ludendorff ein ganzes Kapitel diesem Thema (5). Es heißt „Lebensgemeinschaften bezeugen das Weltbild der Schöpfungsgeschichte“. Darin verweist sie auf die Vollkommenheit des Selbsterhaltungswillens bei allen Lebewesen außer dem Menschen. Dieser vollkommene Selbsterhaltungswillen will nur die Selbsterhaltung, nicht Vernich­tung und Beherrschung eines Gegners. Die Erscheinungswelt zeigt ein Töten unter den Lebewesen, wenn es die Selbsterhaltung erfordert, darüber hinaus herrscht jedoch Harmonie im Weltall. Mathilde Ludendorff spricht von einer Einheit der Lebewesen in der Vielheit. Eine schöne Übereinstimmung von Virologie und Philosophie!

Viren als Symbionten

Viren nicht als Parasiten, sondern als „Nützlinge“, das ist ein ungewöhnlicher Gedanke. Folgendes Beispiel zeigt die Wirklichkeit dieses neuen Bildes der Viren:

HIV ist deshalb so gefährlich, weil es in der Lage ist, das Immunsystem des Körpers zu unterdrücken. Man spricht deshalb von der Immun­schwächekrankheit Aids. Ein Unterdrücken der Immunabwehr kann aber auch sinnvoll sein, wenn es z.B. darum geht, daß eine Mutter den im Mutterkuchen (Plazenta) sich einnistenden und heranwach­senden Embryo nicht abstößt. Wie ist diese Fähigkeit in der Evolution entstanden?

Ein mit dem HIV verwandtes Virus[4] übertrug einst die genetische Information für ein Protein seiner Virushülle an seinen Wirt. Dieses Protein führt heute im Mutterkuchen zu einer örtlichen Immunschwäche und ermöglicht so das Aufwachsen des Keimes (4)!

Es gibt weitere Bespiele für solche endogenen, also fest ins Wirtsgenom eingebauten, ehemaligen Virusgene, die nun wichtige Aufgaben für den Wirt erfüllen. Dazu gehört das Keratin-Gen, das für Haut und Augen wichtig ist, Gene für das Immun­system, Gene für das Parathormon aus den Nebenschilddrüsen oder ein Gen für den Stärkeabbau (6).

Es gibt Hinweise darauf, daß auch die genetische Information für das Sehpigment in unseren Seh­zellen von Viren „erfunden“ wurde (4). Aufgrund solcher Fälle vertreten einige Forscher die Ansicht, daß Viren auch Symbionten sein können. Der Biologe und Mediziner Frank Ryan schrieb ein ganzes Buch dazu (6). Er schildert darin ein besonders eindrucksvolles Beispiel, das in der naturwissen­schaftlichen Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde. Unter dem Titel „Ein Virus in einem Pilz in einer Pflanze: Für thermische Toleranz ist eine Dreiersymbiose nötig“, wird beschrieben, wie ein Virus einen Pilz infiziert, der wiederum eine Hirsepflanze infiziert. Dadurch erträgt die Pflanze hohe Temperaturen. Dies ist aber nur der Fall, wenn Pilz und Virus beteiligt sind!

„Springende Gene“

Ein Ergebnis des Human Genom Projects war der hohe Anteil viraler Gene in unserem Erbgut. Es gab aber noch weitere Überraschungen. Das menschliche Erbgut zeichnet sich nicht durch besonders viele Gene aus, im Gegenteil, sondern durch die größere Länge der Gene und ihre starke Kombinierbarkeit.

Ermöglicht wurde dieses Kombinieren ursprünglich durch das Springen von Genen. Es gibt tatsächlich bestimmte Gene, die an andere Stellen im Erbgut springen können! Man spricht daher auch von „springenden Genen“[5].

Da dieses Springen jedoch auch gefährlich für die Zelle sein kann, muß es streng kontrolliert werden, daher sind im heutigen Erbgut des Menschen nur noch wenige solche Elemente zum Springen fähig.

Es gibt ein schönes Beispiel für dieses Phänomen beim Mais, bei dem es auch entdeckt wurde: Die verschieden gefärbten Maiskörner an ein und demselben Maiskolben sind auf springende Gene zurückzuführen (4)! Was hat das mit unserem Thema zu tun? Es spricht vieles dafür, daß die springenden Gene ursprünglich von Viren stammen.

Die Besonderheit des mensch­lichen Erbgutes, daß verschiedene Gene miteinander kombiniert werden können, haben wir also ver­mutlich den Viren zu verdanken!

Vielfalt der Viren: Von Bakteriophagen bis Riesenviren

Bakteriophagen (Bild: Wikimedia Commons)

Die Vielfalt der Viren ist ungeheuer groß: Es gibt Viren, die nur 10 Gene besitzen (z.B. das Aids-Virus) und es gibt Viren, die bis zu 2500 Gene ihr Eigen nennen (zur Erinnerung: Der Mensch hat ungefähr 22000 Gene).

Es gibt Viren, die die Zelle überhaupt nicht mehr verlassen und solche, die nicht einmal mehr das Erbgut ihres Wirts verlassen. Sie werden als Endoviren bezeichnet.

Es ist schon lange bekannt, daß auch Bakterien von Viren befallen werden können. Man nennt diese Viren „Bakteriophagen“, was „Bakterienfresser“ bedeutet. Manche sehen aus wie Mondlandefähren.

„Ein Schluck Ostseewasser enthält 100 Mio. bis 1 Mrd. Phagen“, schreibt Karin Mölling. Im Jahr 2008 gab es eine weitere Überraschung: Es wurde erstmals ein Virus entdeckt, das andere Viren enthält! Ein Riesenvirus, Mimivirus genannt, kann viele kleine „Sputnik-Viren“ enthalten.

Damit sind wir bei einer neuen Virusgruppe angelangt, deren Entdeckung viel Aufsehen erregte: Die Entdeckung von Riesenviren oder Gigaviren (auch als Amöbenviren bezeichnet, weil sie in Amöben vorkommen).

Oben wurde erwähnt, daß Viren typischerweise Bakterienfilter ungehindert passieren können. Das konnte der niederländische Biologe Martinus Beijerinck in seinen berühmten Versuchen an Tabakpflanzen bzw. dem Tabakmosaikvirus zeigen.

Tabakmosaikviren (Bild: Wikipedia)

Heute kennt man Viren, die sogar größer sind als manche Bakterien. Ihr Erbgut enthält die Information für rund 1000 Proteine. Beim kleinsten Bakterium sind es gerade einmal 482 Proteine.

Einige dieser Gigaviren enthalten sogar Gene für die Proteinsynthese, was bisher undenkbar war (4). Wir erinnern uns: Viren besitzen zwar die genetische Information für die Reihenfolge der Aminosäuren, aus denen die Virusproteine zusammengesetzt sind, nicht aber für den Herstellungsvorgang selbst.

Um die Virusproteine zusammenbauen zu können, sind sie auf die Hilfe der Wirtszellen angewiesen. Bei den Riesenviren könnte es sich um eine Übergangs­form zu den Bakterien handeln, die schon „fast“ in der Lage sind, ihre eigenen Eiweiße herzustellen. Da Viren nach gängiger Definition nicht als lebendig gelten, hieße das gleichzeitig, daß sie am Über­gang zum Leben anzusiedeln wären. Dazu kommen wir noch.

Viren im Ökosystem

Man sieht, das bisherige Weltbild über die Viren bedarf dringend einer Erweiterung. Am Ende dieses Abschnittes zeige ich noch ein Beispiel für die Rolle der Viren in unserer makroskopischen Welt, auf der Ebene ganzer Ökosysteme.

Was haben die Kreidefelsen von Rügen mit Viren zu tun? Die Felsen bestehen aus den Gehäusen von unzähligen abgestorbenen Kalkalgen, z.B. der hübschen kleinen Alge Emiliania huxleyi. Und wer brachte sie zum Absterben? Das waren die Viren, genauer gesagt das Phycodna-Virus. Es lebt in den Kalkalgen und bringt sie unter bestimmten Umständen zum Absterben.

Ein ähnliches Phänomen kann man auch heutzutage in der Ostsee beobachten. Durch die Über­düngung des Meeres kommt es dort immer häufiger zu Massenvermehrungen von Algen und zur Bildung kilometergroßer grün-, rot- oder braungefärbter Algenteppiche. Es kommt zu Platz- und Nährstoffmangel, die Gigaviren in den Algen werden aktiviert und zerstören diese. Es bilden sich weiße Schlieren, die sogar aus dem Weltall zu sehen sind. Kleine Ursache – große Wirkung!

Bedeutung der Viren für die Evolution der Arten

Es gibt mehrere Theorien zur Entstehung von Viren. Die gängigste ist die „Zelle-zuerst-Hypothese“. Demnach wären Viren Gebilde, die in Zellen entstanden sind, ein Stück Erbgut „gestohlen“ hätten und irgendwann ausgeschleust wurden, wobei sie noch ein Stück der Zellmembran „mitgehen“ ließen, um sie sich als Mantel umzuhängen.

Karin Mölling vertritt dagegen die „Virus-zuerst-Hypothese“. Dem­nach hätten Viren mitgewirkt, die ersten zellulären Lebewesen aufzubauen. Die allgemeine Entwick­lung sei vom Einfachen zum Komplizierten gelaufen, also vom Virus zur Zelle. Erst später seien die Viren zu Parasiten geworden. Sie hätten Aufgaben an den Wirt delegiert und seien von ihm abhängig geworden. Sie schreibt:

Alle heutigen Viren brauchen eine Wirtszelle zur Vermehrung. Dabei liegt die Betonung auf heute, aber ob das immer so war, ist die Frage.

Sie meint, daß die ersten Viren und die ersten Zellen einander sehr ähnlich sahen, es waren einfache Säckchen aus Lipidmembranen, die ein paar Biomoleküle enthielten. Vielleicht erübrige sich die Frage, ob so ein Gebilde eine Zelle oder ein Virus sei?

Der amerikanische Virologe Luis P. Villarreal weist auf folgenden Punkt hin: Die Genome der Viren haben keine große Ähnlichkeit mit den Genomen der Zellen, es gibt viel mehr Virusgene als Zellgene. Die große Mehrheit der Virusgene kommt weder in Bakterien noch in Pflanzen oder Tieren oder irgendwelchen anderen Wirten vor.

Das bedeutet, daß Viren imstande sind, aus sich heraus komplexe Gene zu erschaffen. (zit. nach 4).

Das spricht gegen eine Abstam­mung der Viren von lebenden Zellen. Einer amerikanischen Forschergruppe zufolge waren die Viren ursprünglich einfache zelluläre Gebilde (7). Aus diesen gingen alle heutigen Domänen des Lebens hervor: Archäen, Bakterien und Organismen mit echtem Zellkern: Pilze, Pflanzen und Tiere.

Als die Viren zu einer parasitären Lebensweise übergingen, verloren sie immer mehr ihrer Zellausstattung, bis sie schließlich völlig auf ihren Wirtsorganismus angewiesen waren.

Die Riesenviren wären nach dieser Auffassung noch die ursprünglichsten, am wenigsten reduzierten Viren.

In heutigen Zellen ist die DNS der Speicher der genetischen Information. Die RNS hilft, diese Infor­mation verfügbar zu machen. Viele Forscher gehen heute davon aus, daß am Beginn der biologischen Evolution eine RNS-Welt bestand, d.h. zuerst die RNS da war und dann erst die DNS. Aus Platz­gründen kann dies nicht näher ausgeführt werden, wichtig ist in unserem Zusammenhang nur, daß eine solche RNS-Welt gut zu der Virus-zuerst-Hypothese passen würde.

Es gibt RNS, die sich wie ein Virus verhält, aber keine Hülle besitzt und daher traditionell nicht als Virus bezeichnet wird: Man nennt sie Viroide, also virusähnliche Gebilde. Sie können Pflanzen infizieren, sich vermehren und Krankheiten auslösen, genau wie Viren. Karin Mölling hält sie für die ältesten Vertreter und Über­bleibsel der RNS-Welt. Übrigens: Viroide sind keine seltenen Exoten: Wir essen sie täglich mit unserem Salat!

Viren sind die Evolutionsmaschinen der Zellen. Viren sind die Triebkräfte der Evolution. Sie sind Erfinder, Probierer von Möglichkeiten, sie sind Anfänger des Lebens,

schreibt die Virologin.

Dies hängt u.a. mit dem Phänomen des horizontalen Gentransfers zusammen. Gene können nicht nur an die Nachkommen derselben Art weitergegeben werden (vertikal), sondern auch an andere Arten (hori­zontal). Bei Bakterien und Viren ist dies besonders ausgeprägt.

Wir hatten schon erwähnt, daß unser eigenes Erbgut ungefähr zur Hälfte aus ehemaligem Viruserbgut stammt. Ein Beispiel wie man sich einen Beitrag der Viren zur Evolution bestimmter Arten vorstellen kann, haben wir schon kennen­gelernt:

Die Fähigkeit der Plazentatiere (die Mehrzahl der Säugetiere), ihre Embryonen nicht abzu­stoßen, stammt von Viren. Ein französischer Forscher hat aus solchen „fossilen“ Virussequenzen in unserem Erbgut ein funktionsfähiges Virus zusammengebaut. Karin Mölling:

… das zusammenge­bastelte Virus war infektiös, es konnte Zellen infizieren und sich vermehren. Dies war ein schlagender Beweis, daß die toten endogenen Retroviren im Erbgut des Menschen von richtigen Viren abstammen. Es war die Auferstehung eines „Toten“, das war unheimlich!

Es wäre einen Aufschrei der Zeitge­nossen wert gewesen, daß da ein Virus nach 35 Millionen Jahren reaktiviert worden war und wieder anstecken konnte.

Das Virus war gleichsam auferstanden aus der Asche, daher erhielt es sinniger­weise den Namen Phönix!

Eine Virusinfektion ist für das Erbgut ein großer Innovationsschub, da kommt mit einem Schwung ein Satz an Genen zum vorhandenen Erbgut hinzu. (Mölling)

Die Virus-zuerst-Hypothese und die Bedeutung der Viren für die Evolution anderer Arten sind noch nicht allgemein anerkannt, aber sie sind Gegenstand der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion.

Fortsetzung folgt

Quellenverzeichnis

  1. Ludendorff, M. (1954): Schöpfungsgeschichte. – Erstausgabe 1923. Pähl: Hohe Warte. 159 S.
  2. Hoffmann, C., Rockstroh, J.K. (Hrsg.): HIV 2016/2017. www.hivbuch.de. Hamburg: Medizin Fokus Verlag. 712 S.
  3. Global Hepatitis Report 2017, http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/255016/1/9789241565455-eng.pdf)
  4. Mölling, K. (2015): Supermacht des Lebens. Reise in die erstaunliche Welt der Viren. – München: C.H. Beck. 318 S.
  5. Ludendorff, M. (1950): Wunder der Biologie im Lichte der Gotterkenntnis meiner Werke. – 1. Band. Stuttgart: Hohe Warte. 362 S.
  6. Ryan, F. (2009): Virolution. Die Macht der Viren in der Evolution. – Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.
  7. Nasir, A., Caetano-Anollés, G. (2015): A phylogenomic data-driven exploration of viral origins and evolution. – Sci. Adv. 2015;1:e1500527: 1-24
  8. https://www.colloids.uni-freiburg.de/Methoden/dispersionen
  9. http://www.weltderphysik.de/gebiet/theorie/symmetrien/kolloidale-kristalle-und-kugel­packungen/
  10. Adam, G. (o.J.): Stufen der Schöpfungsgeschichte in der molekularen Biologe. Unveröffentlich­tes Manuskript.
  11. http://tuprints.ulb.tu-darmstadt.de/5954/
  12. http://www.fz-juelich.de/ics/ics-2/DE/UeberUns/Organisation/organisation_node.html

[1] Hepatitis = Leberentzündung

[2] Sie forschte u.a. an der Universität von Kalifornien (Berkeley), am Max-Planck-Institut für Virologie in Tübingen und als Professorin an der Universität in Zürich. Sie entdeckte u.a. ein wichtiges Virusenzym und lieferte wichtige Beiträge zur Erforschung krebsauslösender (Virus-) Gene.

[3] Unser Erbgut enthält auch Erbgut von Bakterien, Pilzen und sogar Pflanzen! (4)

[4] aus der Gruppe der Retroviren

[5] Auch als (Retro-) Transposons bezeichnet

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