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Der Historiker Gerhard Bracke* würdigt

das Werk Rolf Hochhuths „Soldaten“

 

Rolf Hochhuth (Bild: Chrismon-Evangelisch.de)

Diesen 2. Teil der Ausführungen Brackes über das Werk Hochhuths führen wir – wie in Teil 1 angekündigt – weiter mit dem Teil-Thema

Katyn

und knüpfen an den 1. Teil an, der mit dem untenstehenden Bild endete:

 

Polen graben ihre toten Landsleute aus einem der Massengräber von Katyn aus. (Bild: Wikipedia)

Anders als heute, da es der lückenlosen Haupt-strom-Propaganda darauf ankommt, alles Russische zu verteufeln und auf allen Gebieten – und sei es im Kulturbereich – zu boykottieren und auszugrenzen, verfügte Churchill anläßlich der Massengräber von Katyn, die von der Deutschen Wehrmacht entdeckt und die Morde an den Polen ihr in die Schuhe ge-schoben worden waren:

„jene Hetzkommentare gegen die Russen, die seit Aufdek-kung der Massengräber polni-scher Offiziere bei Katyn in den zahllosen Blättern der in Großbritannien lebenden Exilpolen auftauchen“, zu unterbinden. (S.64)

Vorweg die Wikipedia-Kurzinfo zum Fall „Katyn“:

Beim Massaker von Katyn … erschossen Angehörige des sowjetischen Volkskommis-sariats für Innere Angelegenheiten  (NKWD) vom 3. April bis 11. Mai 1940 etwa 4400 gefangene Polen, größtenteils Offiziere, in einem Wald bei Katyn, einem Dorf 20 Kilo-meter westlich von Smolensk. Diese Tat ge-hörte zu einer ganzen Reihe von Massen-morden, die im Frühjahr 1940 an mindestens fünf verschiedenen Orten in den Unionsrepu-bliken Rußland, Ukraine und Weißrußland an 22.000 bis 25.000 Berufs- oder Reserveoffi-zieren, Polizisten und Intellektuellen verübt wurden. Die Opfer zählten überwiegend zu den Vorkriegseliten der unabhängigen Zwei-ten Polnischen Republik. Die Entscheidung zu diesen Massenmorden fällte der sowjetische Diktator Josef Stalin, und das Politbüro der Kommunistischen Partei bestätigte die Hin-richtungsbefehle.

Und weiter bei Bracke bzw. Hochhuth:

Der Premierminister (PM Churchill) meint:

„Katyn – an diesem Leichengift kann un-ser Bündnis [mit Stalin] sterben – absurd: bedroht zu sein von einer Armee, die zerfressen von Chlorkalk seit vier Jahren die Hände in Stricken auf dem Rücken liegt, Gesichter im Schlamm, wie der Ge-nickschuß sie hinwarf, Leichen in zwölf Schichten. […]

PM außer sich: Aber das ERLAUBE ich nicht! Daß die Londoner Polen auch nur fragen, ob der Mörder ihrer Offiziere – STALIN sei.

BROOKE auflachend:

Sir! – Das ist seit Tagen die öffentliche Meinung.

PM schroff: Es  GIBT keine öffentliche – es gibt nur eine VERöffentlichte Meinung.

Aber sagen Sie das Sikorski, dem edlen … Wojwode Quichote aus dem Sjem!

Auflachen.“ (S. 65)

Der sich anschließende Dialog Churchills mit Prof. Lindemann (Cherwell) greift das Thema der

„verordneten Einäscherung von Hamburg oder Köln“ erneut auf. Cherwell „ist voll-kommen frei von der Perfidie, die aus dem nicht zu vergessenden Bekenntnis Robert Oppenheimers spricht, der den Einsatz seiner Hiroshima-Bombe auch deshalb begrüßte, weil ,wir wollten, daß es geschah, ehe der Krieg vorüber war und keine Gelegenheit mehr dazu sein würde.‘“ (S. 67)

Da durch Fakten und Originalzitate aus hi-storischen Quellen Sinnzusammenhänge gestiftet werden sollen, kam es Hochhuth nicht immer  auf Einhaltung der Chronologie an.

Somit konnten

  • das Unternehmen „Gomorrha“ (Hamburg),

  • Landung der Alliierten auf Sizilien,

  • Schlacht im Kursker Bogen,

  • Sikorskis Tod,

  • der Luftangriff auf das Raketenzentrum Peenemünde (alles im Juli bzw. August 1943) durchaus mit

  • der „Hiroshima-Bombe“ vom August 1945 verknüpft werden.

Die Planung Cherwells zu

„Gomorrah“ über Hamburg!

Der wissenschaftlich argumentierende Cherwell ist der Überzeugung,

„Feuer ist DAS Element der Epoche. Mit Feuer gewinnen wir den Krieg. NICHT zielen, nicht zielen …, BRÄNDE LEGEN!“ (S. 69)

 

Cherwell Frederik Lindemann (Bild: Alchetron)

Der Professor des Flächenbombardements rechnet genau vor:

„Ich lege zugrunde eineinhalb Millionen kleinkalibriger Brandbomben, pro  Stab eins Komma sieben Kilogramm. Diese verstreut auf möglichst engem Raum der Altstadt, verursachen Kleinbrände, die binnen eines Zeitraumes, dessen Frist die atmosphärischen Voraussetzungen mit-bestimmen […] zu einer einzigen Brand-stelle verschmelzen.

Hier die brennende Innenstadt, in deren Zentrum bei Temperaturen bis zu acht-hundert Grad alsbald nicht nur sämtliche brennbaren Stoffe aufgezehrt sind, son-dern auch – das ist der Witz –  der SAU-ERSTOFF.

Vom Sauertoff aber, wie Sie wissen, hängt jeder Verbrennungsvorgang ab. Demnach: resultiert aus dem beschleu-nigt wachsenden Sauerstoffbedarf des Brandzentrum ein SOG an der Peripherie, der die Luft aus den Nachbargebieten des Stadtzentrums in zentripetaler Richtung auf das Brandzentrum zutreibt. […]

Diese Luftströme bezeichnen wir treffend als Feuerstürme. Sie fegen durch die Straßenzüge, mit Stärke und Geschwin-digkeit, die Spitzenwerte auf unserer Windskala erreichen.“

Bombermarschall Harris ließ in seinen Memo-iren ein deutsches Geheimdokument ab-drucken, in dem es heißt, daß die Feuerstür-me in Gomorra [Hamburg] eine Stundenge-schwindigkeit von zweihundertfünfzig Kilo-metern erreichen.

„Meterdicke Bäume wurden umgerissen oder entwurzelt, Menschen … bei le-bendigem Leibe in die Flammen ge-schleudert. […] Drinnen erstickten sie an Kohlenoxydgas … wahrhaftig war jeder Luftschutzraum ein Krematorium …“  (S. 74)

Und wieder

Sikorski:

Rolf Hochhuth läßt im Drama den polnischen Exilpräsidenten General Sikorksi selbst auf-treten. Als Konfliktpotential der Alliierten erwiesen sich schon vor der Entdeckung der Massengräber von Katyn die unterschiedli-chen Vorstellungen Stalins und der Exilpolen in der Frage einer künftigen Territorialent-scheidung für Osteuropa.

Sämtliche Territorialansprüche der Sowjets wies General Sikorski mit Entschiedenheit zurück. Um die Gegensätze nicht eskalieren zu lassen, empfiehlt Churchill nun im Hin-blick auf die Ermordung Tausender polni-scher Offiziere General Sikorski, wenigstens in Erwägung zu ziehen,

den Deutschen auch diese Morde zuzutrauen.

 

PM Winston Churchill (Bild: Wikipedia)

PM aufbrausend, dann fast flehend:

WAS, General Sikorski, ist eigentlich Ihr Ziel? Geschichte SCHREIBEN: dann suchen Sie die Wahrheit! Oder Geschichte MACHEN: da zählen Tatsachen.

Exzellenz, die Toten sind sachlich, die Toten haben Zeit. Nehmen Sie sich der LEBENDEN an Ihres Volkes. Die Wahrheit entscheidet nichts.

Wäre die Wahrheit nur gefährdet: aber sie ist eine GEFAHR!  (S. 84)

Dann kommt es zur dramatischen Steigerung des Dialogs:

PM: Exzellenz – Ich bitte Sie inständig im Namen unserer gemeinsamen Pflicht:     Hitler niederzuwerfen – SCHWEIGEN Sie zu Katyn! […]

 

Wladislaw Sikorski (Bild: Enzyklopedia PWN)

Sikorski: Zu spät – es ist zu spät, Herr Churchill! – Premierminister, ich habe Ihnen namens der polnischen Regierung amtlich mitzuteilen, daß mein Botschaf-ter heute früh in Genf dem Schweizer Roten Kreuz die UNTERSUCHUNG der Gräber von Katyn –

PM schreit: Nein! Nein! Nein! Das Inter-nationale Rote Kreuz hat die Verpflich-tung zu absoluter Neutralität. Die Regie-rung Seiner Majestät wird Genf daran er-innern, daß eine Untersuchung der Mas-sengräber … sich VERBIETET, solange noch die Wälder um Smolensk von deut-schen Truppen besetzt sind –  (S. 88 f.)

Der zweite Akt schlägt sich herum mit einer Geheimdienst-„Maßnahme“, von der vielleicht deshalb bei keinem Historiker auch nur die Spur zu finden ist, weil sie erschreckender als andere der neuen Zeit bestätigt, daß der Trieb zum Bösen ein Wesenselement auch des Guten sein muß, wenn es stark sein will. (S. 94)

Das ist bereits als Anspielung auf den „Un-falltod“ Sikorskis zu verstehen!

Dann erhält Churchill die Meldung, die er als „schlimmer als ein Desaster an der Front bezeichnet“:

Cherwell: Stalin hat die Beziehungen zu Polen abgebrochen!

PM: Wie habe ich Stalin ANGEFLEHT, DIESEN Trumpf Hitler nicht zu gönnen!

Cherwell – das einzige Mal im Stück, da er tiefes Betroffensein zeigt. Er preßt sich die Worte ab:

Jetzt aber runter vom Schlitten mit dem Pollacken. (S. 108) […]

Cherwell, da PM vor Erregung nicht weitersprechen kann:

So lange DIESER Pole da ist, Sir Alan, hat Großbritannien KEINE Garantie, daß nicht der Kreml aus dem Kriege aussteigt und sich erneut mit Hitler arrangiert.

Das im Stück von Churchill an Stalin diktierte „Kabel“ stellt eine bezeichnende Aussage dar und ist wörtlich dem Schreiben Churchills an Stalin vom 27. Februar 1944 entnommen.5

PM: „Mir scheint, die Russen haben einen historisch wohlbegründeten Anspruch auf Königsberg. Die Regierung Seiner Majestät betrachtet diesen Krieg gegen die deutsche Aggression als einen drei-ßigjährigen von 1914 an …“ (S. 109)

 

Bild: Bücher.de

Im 3. Akt („Der Park“) hält Bischof Bell von Chichester, der sich öffentlich immer wieder gegen die Flächenbombardements ausge-sprochen hat, dem Kriegspremier vor, durch „Gomorrah“ in EINER Stadt mehr Menschen getötet zu haben als „Hitler bis heute insge-samt in England“.

BELL: Hier aus verschiedenen Berichten – erste Schätzungen, der deutschen Be-völkerung verheimlicht – , fünfundvierzig Prozent mehr weibliche als männliche Tote, zwanzig Prozent der Toten – jünger als vierzehn Jahre. […]

 

vom 24.-28. Juli 1943 auf Hamburg – Luftaufnahme der Straßen beim Gesundbrunnen: Breckelbaumspark, Ausschl„ägerweg und Eiffestraße.
Aufnahmedatum: 28.07.1943 Aufnahmeort: Hamburg

Ortsteil Hammerbrook? – wohl ein Arbeiterviertel …

PM: Die jedenfalls zielen wir an.

Mittelstandshäuser stehen zu aufgelok-kert. Da fallen drei von fünf Bomben in die Gärten.

BELL: Ah ja. In Hammerbrook verbrannte jeder dritte Bewohner oder mehr. An Außenwänden vieler Häuser fand man verkohlte Mütter mit Kindern; die hatten versucht, aus den Kellern zu entkommen und wurden zu Fackeln.

PM düster, da ihm das Zuhören schwer erträglich ist:

Asphalt plus Phosphor – ja. Cherwell kann das erklären.

BELL: Ein Arzt konstatierte – (Basler Nachrichten) – die Einäscherung in den Kellern sei oft gründlicher erfolgt als im normalen Kremierungsprozeß. […] (In Rage zu Dorland:)

EINE Frage: ist ein Pilot, der vorsätzlich Wohnzentren verbrennt, noch als SOL-DAT anzusprechen?  (S. 147) […]

PM: … Vieles muß man verschweigen, was man im Krieg getan hat. Was, Lord-ship, hinge davon ab? Der Sieg nicht. Und nur der Sieger schreibt Geschichte. … (S. 151)

 

Wir Hamburger Kinder 1943 (Bild: focus.de)

Fortsetzung folgt

____________________

Anmerkungen:

*) zuerst veröffentlicht in „Deutsche Annalen 2020“, Druffel & Vorwinckel-Verlag Gilching, Herausgegeben von Dr. Gert Sudholt

5Briefwechsel Stalins mit Churchill, Attlee, Roosevelt und Truman 1941-1945, Berlin 1961. Streng geheime und persönliche Botschaft von Herrn Winston Churchill an Marschall Stalin Nr. 243, S. 251 ff.

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markwart Cochius
10 Monate zuvor

“…vieles muß man verschweigen…”; muß man? Das Lumpenpack verschweigt es, die mit den Krawatten und weißen Hemden, die bald jeden Tag in den Zeitungen und im TV zusehen sind, heute.

Wenn all das, was heute in den sogenannten sozialen Medien alternativ zu den Mainstreat-Medien zu lesen ist – als Minimum – dann ist davon auszugehen, daß die Auseinandersetzung zwischen Rußland und der Ukraine ein ähnliches Format hat wie das hier geschilderte. Und sicherlich haben auch die sogenannten sozialen Medien nicht bis auf den schrecklichen Sumpfgrund fischen können.

Das hier zu lesen, bestätigt Friedman total, wie es Adelinde in einer voraus gegangenen Beschreibungen zu lesen war: Völker weden gegeneinander gehetzt und fast aufgerieben, Feindschaften durch gezielte Unwahrheiten heran gezüchtet und Personen, die die Wahrheit fanden und sagten, schrieben, die …”er starb an einem Herzleiden”…

Hier sind es die Polen, die Russen, und die Deutschen wurden jahrzehnte lang mit Katyn belastet. Wie werden Baerbock, Habeck und Konsorten heute an der Nase herum geführt und morgen mit Untaten beschuldigt, für die völlig andere verantwortlich sind, weil sie nicht so wollen wie es die Hintermänner, die Drahtziher wollen? Und warum? Weil eine kleine machtgierige Clique es so will; gläubig an der Isaaksegnug bei Mose 1 Kap 27, Vers 27ff festhaltend.

Und wir? Wir lassen uns für verrückt erklären, Verschwörungstheoretiker, wenn wir mit den Versen 40ff dagegen halten.

Ja, es wird der Tag kommen … Aber wer weiß wann?

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