Ein Schicksal, das das sowjetische Militärregime in seiner ganzen Grausamkeit kennzeichnet – 2. Teil
Freitag, 21. März 2025 von Adelinde |
Wolfgang Lehmann
berichtet weiter aus seiner Jugendzeit unter stalinscher Gewaltherrschaft:
Im Sowjet-KZ Ketschendorf
Wir Insassen
Etwa Mitte November wurde ich zusammen mit anderen Häftlingen, zu denen auch Ulli gehörte, auf Lastkraftwagen verladen. Nach längerer Fahrstrecke wurden wir ausgeladen und waren – was ich erst viel später erfuhr – im Speziallager (so nannten es die Sowjets und die ganz Genauen unter den Deutschen heutzutage auch) Ketschendorf. Ich nenne es dagegen KZ, denn nur darunter verstehen unbefangene Leser heutzutage, was sich dahinter verbarg.
Heinz Liebscher war nicht mit uns nach Ket-schendorf gekommen. Er tauchte nie mehr auf. Vermutlich ist er in Cottbus umgebracht worden. Eine andere Erklärung gibt es nicht! 2016 erzählte mir bei einem Besuch in Groß-räschen mein Schicksalsgefährte Alfred Hubein (*1927), daß in Cottbus Todesurteile vollstreckt wurden.
Im Laufe der Zeit fanden sich immer mehr Jungen aus Großräschen im Lager ein. Die ersten waren schon im Sommer 1945 ver-haftet worden, die letzten im Frühjahr 1946. Nach meiner Übersicht wurden damals in Großräschen 90 % der Jungen zwischen 15 und 18 Jahren verhaftet. Mehr als die Hälfte kehrte nicht zurück.
Die Errichtung und Funktionsweise des Lagers
Dieses Lager war von den Sowjets schon im April 1945, also noch kurz vor Ende der Kampfhandlungen, in der Wohnsiedlung der Deutschen Reifenwerke in Fürstenwalde ein-gerichtet worden. Sie war 1940 für ca. 500 Einwohner errichtet worden. Im Frühjahr 1946 waren etwa 10 500 Menschen darin eingepfercht.
Wie bereits angemerkt, mußten im April 1945 die Bewohner auf der Stelle ihre Wohnungen verlassen. Gerade was sie tragen konnten, hatten sie mitnehmen dürfen. Mit dem Mobi-liar wurde ein Panzergraben, das waren etwa 4 m tiefe Gräben mit schrägen Böschungen, welche die Fahrt der Panzer verhindern soll-ten, zugefüllt. Es wurde erzählt, ein Häftling habe seine eigene Wohnung auf diese Weise freimachen müssen.
Die Siedlung bestand aus Mehrfamilien-Wohnhäusern und Reihenhäusern. Umgeben war das Lager mit einem hohen Bretterzaun, in dem in Abständen Wachtürme eingeglie-dert waren. Stacheldrahtzäune davor und dahinter dienten zur weiteren Absicherung, wobei im äußeren Zwischenraum scharfge-machte Hunde liefen. Nachts waren die Ab-sperrungen durch Scheinwerfer angestrahlt. Jegliche Flucht sollte unmöglich sein.
Im Lager waren einige kleine Häuser noch einmal mit hohen Stacheldrahtzäunen um-geben, das war der ‚Frauenzwinger’, in dem Mädchen und Frauen eingesperrt waren. Darunter war Marianne Simson, eine bekann-te Filmschauspielerin, die ich selbst dort gesehen habe. Sehen konnten wir uns, aber miteinander zu sprechen, war strengstens verboten.
Wir Jugendlichen waren in einem 8-Famili-enhaus untergebracht, das im Höhepunkt der Belegung etwa Anfang 1946 ungefähr 1200(!) Jungen aufnehmen mußte. Die jüngsten wa-ren 12 und 13 Jahre. Es gab zwei Eingänge, nach denen gleich eine Treppe zum Keller führte. Meine erste Schlafstätte war im rech-ten Eingang auf der Kellertreppe die 3. Betonstufe von oben.
Mein Trauma
Als ich im August 1991 zum ersten Mal wieder das Lager besuchte (in der DDR wäre das sehr gefährlich gewesen, weil man das Bestehen eines solchen Lagers leugnete, nach dem Mauerfall hatte ich nicht gleich die Kraft dazu) und mich auf diese Stufe setzte, bekam ich einen Nervenzusammenbruch. Das Trau-ma meiner Gefangenschaft werde ich wohl nie loswerden.
Im Laufe der Zeit starben aus dem angren-zenden Keller immer mehr Jungen weg, so daß ich in den Keller nachrücken konnte. Wir lagen auf dem Betonboden und in etwa 70 cm Höhe auf einer hölzernen Pritsche so eng aneinandergepreßt und auf der gleichen Seite, daß sich alle gemeinsam umdrehen mußten, wenn einer es in der Stellung vor Schmerzen nicht mehr aushalten konnte.
Es gab ja keine Matratzen oder andere Unter-lagen zum Liegen, auch zum Zudecken gab es nichts. Die keinen Mantel wie ich hatten, lagen sich bald die Haut über den Becken-knochen durch, zumal wir wegen der völlig unzureichenden „Ernährung“, die diesen Namen nicht verdiente, immer mehr abma-gerten.
So behandelten sie uns – die Zustände in Ketschendorf
Unter der Pritsche auf dem Betonboden kam noch hinzu, daß nachts Wanzen aus den Ritzen der Pritschenbretter auf die Schläfer fielen. Da lernte ich, daß Wanzen nach Mar-zipan riechen. Auch mit Läusen und Flöhen waren wir verseucht. Um die dadurch ent-stehende Seuchengefahr zu mildern, wurden uns alle Körperhaare abgeschoren.
Da die dazu benutzten Maschinen stumpf waren, schmerzte es sehr. Es war für mich auch seelisch belastend, als mir die Scham-haare abgeschnitten wurden. Die Glatze empfand ich ebenfalls als äußerst demüti-gend, was neben dem Hygienegrund von den Sowjets sicherlich beabsichtigt war.
In Abständen von einigen Wochen durften wir ins „Bad“. Das warme Wasser aus der Dusche wurde so sparsam gewährt, daß man oft nicht einmal die Seife abspülen konnte.
In dieser Zeit kam unsere Kleidung in die „Entlausung“. Dabei wurden die Sachen in Kammern mit heißer Luft behandelt, ohne daß die Wirkung allerdings durchgreifend gewesen wäre. Als Nebenwirkung fingen unsere Sachen an, langsam zu zerfallen.
Seit meiner Verhaftung hatte ich keine neue Wäsche bekommen. Gewaschen wurde sie auch nicht. Sicherlich rochen wir dadurch nicht appetitlich. Da aber alle „stanken“, fiel es nicht auf.
Irgendwie hatte ich ein Stück dünnen Kup-ferdraht aufgetrieben, den ich auf einer rauhen Betonfläche an einem Ende zu einer Spitze anschliff. Am anderen Ende gelang es mir, ein Loch zu machen. Wie ich das fertig gebracht habe, weiß ich nicht mehr, denn Werkzeuge durften wir ja nicht haben. Nun konnten wir mit dieser „Nähnadel“ unsere Wollsocken „stopfen“.
Da die Leichen nackt verscharrt wurden, kamen deren Sachen „unter die Leute“, so auch Wolle aus aufgetrennten Pullovern. Die „Löcher“ in den Socken waren inzwischen so groß geworden, daß die Instandsetzung nur am Fuß erfolgen konnte.
Krankheiten und Sterblichkeit
Durch die starke Überbelegung der Häuser waren die Sanitäreinrichtungen bald un-brauchbar geworden. So baute man vor dem Jugendhaus eine lange hölzerne Rinne, über die horizontal ein Rohr verlief, in dem in Abständen kleine Löcher waren, aus denen Wasser lief.
Bei Frost war diese „Waschanlage“ allerdings nicht benutzbar, so daß wir uns in dieser Zeit nicht waschen konnten. Zähneputzen war so-wieso nicht möglich, da niemand eine Zahn-bürste hatte. Für die Notdurft gab es den „Donnerbalken“, eine langgestreckte Grube, an deren Rand ein Rundholz etwa 60 cm über dem Boden angeordnet war, worauf man sich setzte. Papier oder andere nützliche Sachen zum Abwischen gab es nicht.
Durch diese völlig unzureichenden hygieni-schen Verhältnisse, wozu noch die äußerst karge Verpflegung kam, entwickelten sich bald Krankheiten, die zu einer hohen Sterb-lichkeit führten. Im Sommer 1946 wurden mitunter täglich mehr als 50 Tote aus dem Lager gefahren. Etwa 12.000 Menschen sind während seines Bestehens, vom April 1945 bis April 1947, durch das Lager gegangen. Man konnte sich fast ausrechnen, wann man „dran“ sein würde.
So blieb ich vom Schlimmsten verschont
Die Toten wurden nur anfangs in Einzelgrä-bern bestattet, indes bald im sogenannten Wäldchen, direkt neben der Autobahn, in Massengräbern würdelos nackt verscharrt. Eine Schicht kam auf die andere.
Benachrichtigungen an Angehörige gab es nicht, auch keinen sonstigen Nachrichten-austausch. Das blieb sogar nach der Auf-lösung des Lagers im April 1947 so.
Ich bekam zwischen den Fingern und den Zehen kleine Bläschen, deren zunächst helle Flüssigkeit sich schnell zu gelblichem Eiter verwandelte, verbunden mit sehr starkem Juckreiz. Bei dem stumpfsinnigen Vorsichhin-Dösen hatte ich nur einen Wunsch:
Wenn ich entlassen sein würde, wollte ich mich zu Hause mit der größten Lust völlig blutig kratzen! Im Lager habe ich allerdings mit eisernem Willen das Kratzenwollen unter-drücken können, denn leicht wurden die Keime auch auf andere Körperstellen übertra-gen und bildeten dann große Geschwüre.
Vom Gedenken an die Ketschendorfer in der DDR und nach dem Mauerfall
In der DDR-Zeit wurde das Lager selbstver-ständlich verschwiegen. Als man 1952 beim Bau von Garagen auf die Knochen der Mas-sengräber stieß, hieß es von offizieller Seite, das seien Kriegstote.
Durch den Einsatz des damaligen Pfarrers Ernst Teichmann wurden die Gebeine von mehr als 4600 Toten auf den großen Kriegs-opferfriedhof in Halbe umgebettet, auf dem inzwischen mehr als 28.000 Tote ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Erst im Mai 2004 wurden dort 49 Granittafeln mit den Namen von 4621 Toten des Ket-schendorfer Lagers in einem Festakt feierlich geweiht. Sie haben damit ihre Namen wieder-bekommen, die Angehörigen einen Platz zum Trauern. Allerdings ruht im „Wäldchen“ nach wie vor eine unbekannte Anzahl von Toten.
Die Folter des Nichts-tun-Dürfens
Die Insassen des Lagers waren vollständig von allen Nachrichtenverbindungen nach und von außen abgeschnitten. Einzig das Glok-ken-geläut der nahegelegenen Kirche war eine Verbindung von außen, die von den Sowjets nicht auch noch unterbunden wurde.
Von den Erwachsenen durften einige inner-halb, seltener auch außerhalb des Lagers, dann aber unter strenger abschirmender Bewachung, arbeiten. Außer einem war allen Jugendlichen das Arbeiten verwehrt. Er hieß Adolf Lebküchler (*1929), stammte aus Lemberg und sprach perfekt russisch. Somit wurde er als Melder zur sowjetischen Kom-mandantur außerhalb des Lagers eingesetzt.
Zudem durften wir täglich nur eine Stunde auf einem freien Platz umhergehen, und zwar nur wir allein. Die Männerhäuser hatten zu anderer Zeit „Ausgang“. Mit den Frauen und Mädchen kamen wir sowieso nicht zusam-men.
Dieses Nichts-tun-Dürfen war neben dem Hunger und Durst sowie den katastrophalen hygienischen Verhältnissen mit das Schlimm-ste. Jegliche Schreibsachen waren strengstens verboten. Die meisten der Jungen dämmerten so dahin. Meinen Freund Ulli bewunderte ich ob seiner Balladenkenntnisse. Er konnte nicht nur Schillers „Glocke“ vollständig aufsagen, sondern noch viele andere Gedichte.
Das Ketschendorfer Schicksal einiger Kameraden
Durch Zufall erfuhr ich, daß ein guter Freund meines Vaters, Erich Wilde aus unserem Nach-barort Grube Ilse, auch im Lager war. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, warum er verhaftet worden war. Eigentlich ist das aber auch unwichtig, denn um in einem sowjetischen KZ zu sein, bedurfte es keines Grundes.
So war der Jüngste im Jugendhaus 12 Jahre alt und hatte nur eine kurze Hose und ein kurzärmliges Hemd an, als er im Sommer 1945 von der Straße weg verhaftet wurde. In dieser Kleidung mußte er die täglichen stun-denlangen Zählappelle überstehen, auch im Winter bei starker Kälte. Wenn wir ihn dabei nicht zwischen uns genommen hätten, wäre er erfroren.
Man hatte ihn mitgenommen, weil in einem Transport einer geflohen war. Nun stimmte die Zahl wieder, und nur darauf kam es an.
Günter Ziegenhorn, ein Junge in meinem Alter aus unserem Nachbardorf Bückgen, fuhr im Sommer 1945 mit dem Fahrrad nach Cottbus, um nach seinen Großeltern zu schauen. Er ist dort nicht angekommen und nach Hause auch nicht zurückgekehrt. Am 31. Juli 1946 ist er in Ketschendorf umgekommen.
Todesmeldungen an Angehörige gab es nicht. Viele haben erst nach dem Zusammenbruch der DDR vom Tode ihres Angehörigen erfah-ren. So nahm ich im Frühjahr 2001 an der Ge-burtstagsfeier meines Studienfreundes Lothar Wildau in Finsterwalde teil.
Am Tische sitzend sprach mich eine Frau vorsichtig von hinten an, sie habe von mei-nem Schicksal gehört. Der ältere Bruder ihres Mannes sei 1945 auch abgeholt worden. Bis heute haben sie keine verläßliche Nachricht über seinen Verbleib. Ob ich mich mit ihrem Mann unterhalten wolle. Selbstverständlich habe ich das gern getan.
In den mir vorliegenden Totenlisten des Ketschendorfer Lagers, die nach dem Zu-sammenbruch der DDR an die damals ge-gründete Lagergemeinschaft gelangten und übersetzt wurden, fand ich den Eintrag über Hans-Dieter Liefring, Jahrgang 1929, in Ketschendorf umgekommen am 12. Mai 1946.
Der Vater hatte sich in der DDR-Zeit verge-bens um Aufklärung bemüht. Dabei war er in einer Gastwirtschaft einmal mit zwei Volks-polizisten aneinandergeraten, die ihn an-zeigten. Daraufhin wurde er zu 1 Jahr Ge-fängnis verurteilt.
Nach der Hälfte legte man ihm nahe, ein Gnadengesuch zu stellen. Er aber lehnte ab und saß seine „Strafe“ hocherhobenen Hauptes bis zum Ende ab. Leider hat er die Gewißheit über das Schicksal seines Sohnes nicht mehr erlebt.
2003 vermittelte ich einer weiteren Familie in Finsterwalde ebenfalls aus den Totenlisten das Sterbedatum ihres Angehörigen. Im Zu-sammenhang mit der Ketschendorf-Ausstel-lung im Februar 2009 in Rimbach konnte ich zwei Männern das Schicksal ihres umgekom-menen Vaters erhellen. Diese Schicksale scheinen uns bis zu unserem Lebensende zu begleiten.
Erich Wilde aus Grube Ilse
Erich Wilde aus unserem Nachbarort Grube Ilse-Bückgen war seit 1919 von Anfang an der Vorsitzende unseres Fußballvereines „FC Alemannia“ in Großräschen und nach meiner Erinnerung in keiner NS-Gliederung Mitglied gewesen. Irgendwie hatte ich, wie erwähnt, erfahren, daß er sich ebenfalls im Lager be-finde. Ich wollte ihn unbedingt sehen, obwohl es uns Jugendlichen streng verboten war, uns unter die Männer zu mischen.
Mein Vater war Vorstandsmitglied gewesen, und ich hatte selbstverständlich auch dort Fußball gespielt. Wo ein Wille ist, ist meistens auch ein Weg. Also schlich ich mich immer aus unserem Haus, wenn sein Haus „Aus-gang“ hatte.
Etwa je fünf Personen in einer Reihe gingen dabei in einem großen Kreis auf einem Sandplatz hinter den Männerhäusern umher. Etliche Männer hatten Decken über die Schultern gehängt, so daß ich kleiner Knirps darunter verschwinden konnte.
Dabei schmiedeten wir Pläne, was wir alles unternehmen wollten, wenn wir wieder in die Freiheit gelangen sollten. Denn daß dies kommen werde, dessen waren wir uns sicher, war doch nicht ein einziger „Ketschendorfer“ verurteilt.
Wir stellten uns vor, was wir wann und wie kochen wollten, lernten eifrig Kochrezepte auswendig; bei unseren stets knurrenden Mägen eine besonders verlockende Aussicht. Erich Wilde sagte, wir würden jeden Feiertag nachholen und dabei sagen, heute sei dieser und morgen jener Feiertag.
Leider gingen seine Pläne nicht in Erfüllung, denn am 20. April 1946 brachte ein furcht-bares Leiden, das durch keine Medikamente gelindert wurde, in Ketschendorf seinem Leben das Ende. Selbst mir als Beteiligtem fällt es schwer, mir heute vorzustellen, in welch einer entsetzlichen Lage sich die Menschen befanden, bis der Tod sie erlöste.
Selten konnte jemand Trost spenden, weil alle ums Überleben kämpften. Oft war der nebenan liegende Nachbar früh tot, wurde vor die Tür gelegt, wo ihn das Leichenkom-mando einsammelte.
Meine Begegnung mit Hans Blücher
Weil ich mich unerlaubterweise in den Män-nerrundgang geschlichen hatte, wurde ich verhaftet. Ein Mitgefangener hatte mich ver-raten, um welchen Preis weiß ich nicht. Nach kurzem Verhör – ich konnte ja nichts zu meiner Entlastung vortragen – wurde ich zu 3 Wochen verschärftem Karzer verurteilt.
Ich kam in einen Keller, in dem schon etliche Männer waren, wo wir auf dem Betonboden lagen und schlafen mußten. Einmal am Tag gab es Wassersuppe, eine Scheibe Brot, einen Eßlöffel Zucker und einen Becher Tee.
Wenn ich heutzutage immer lese und höre, man solle am Tag mindestens 2 Liter trinken, möglichst 3, dann frage ich mich, wie wir das damals ausgehalten haben, denn auch außer-halb des Karzers gab es nicht einmal 1 Liter zu trinken, und auf der späteren Fahrt nach Sibirien erst recht nicht.
Meine drei Wochen wären wohl schier un-erträglich geworden, wenn unter den Män-nern nicht Hans Blücher aus Spremberg gewesen wäre. Unermüdlich erzählte er uns aus seinem unglaublich interessanten Leben.
Ich vermute, er wird um 1900 geboren sein. Denn nach Ende des ersten Weltkrieges, als in Deutschland durch die Schikanen des Versail-ler Diktates die Wirtschaft sich nur langsam erholen konnte, schickte ihn sein Vater nach Südamerika, damit er dort versuchen sollte, Geschäfte anzubahnen.
Er war damals ein noch sehr junger Mann mit wenigen Lebenserfahrungen. Das bunte Le-ben in einer Hafenstadt mit seinen verfüh-rerischen Verlockungen zog ihn in seinen Bann. Da gesellte sich ein älterer deutsch-sprechender Mann zu ihm, der ihn wie ein Schatten begleitete.
Jung wie er war, hatten es Hans Blücher die „leichten“ Mädchen angetan. Aber er kam nie „zum Zuge“. Immer war sein Begleiter irgend-wie im Wege. Später war ihm klar geworden, daß der ihn durch sein Verhalten davor be-wahrt hatte, sich eine böse Geschlechts-krankheit einzufangen.
Dann erinnere ich mich genau, wie uns Hans Blücher von seinen Erfahrungen in exotischen Gaststätten berichtete. Von solchen Sachen hatte ich noch nie gehört. Es war für mich so spannend, daß ich alle Einzelheiten im Ge-dächtnis behalten habe.
Er hatte in so einer ein Gericht bestellt, ohne zu wissen, was es war. Da kam dann der Kellner und forderte ihn auf mitzukommen. Inmitten der Gaststätte gab es eine Art The-ke, hinter der Köche die bestellten Speisen zubereiteten. Das war eigentlich eine gute Sache, denn man konnte zusehen, was einem dann vorgesetzt wurde.
Mulmig zumute wurde es ihm aber, als er sah, wie für ihn aus einem Körbchen Raupen herausgenommen wurden, die sich als Sei-denraupen herausstellten. Der Koch nahm eine mit der linken Hand, setzte mit der rechten ein Holzstäbchen an deren Kopf, und mit einem Ruck wurde die Raupe umgedreht und das Innere nach außen gekehrt. Die Hülle wurde gesäubert und mit einer pikanten Fül-lung versehen, ehe die Raupe dann geröstet wurde.
Da alles sehr sauber zugegangen war, über-wand er seine Abneigung und langte zu. Es schmeckte vorzüglich, wie er uns versicherte.
An diese Begebenheit mußte ich immer den-ken, wenn ich viel später in die Gelegenheit kam, auch einmal für mich ausgefallene Speisen zu essen. Ich habe mich dann leichter überwunden und fast immer die gleiche Er-fahrung wie Hans Blücher gemacht.
Mit seinem nicht unterzukriegenden Lebens-mut hat er uns nicht nur den Karzeraufenthalt erträglicher gemacht, sondern auch Mut mit-gegeben, die gesamte Gefangenschaft zu überstehen.
Damals war ich ein bißchen stolz, mit so einem bedeutenden Mann zusammen im Karzer zu sein. Erst 2004 habe ich erfahren, daß Hans Blücher die Gefangenschaft über-lebt hat und nach seiner Entlassung in die Bundesrepublik gegangen war.
Er war beim damaligen Familienminister Würmeling als Fahrer tätig; er, der einst Besitzer einer bedeutenden Fabrik gewesen war.
