1945: Das Ende – 2. Teil
Dienstag, 5. Mai 2026 von Adelinde
Thomas Engelhardt
fährt fort:
In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai wurde die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Berlin-Karlshorst ratifiziert. Generalfeld-marschall Keitel, Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff und Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg unterzeichneten um 00:16 Uhr, also erst kurz nach Inkrafttreten, die Kapi-tulation im Hauptquartier der sowjetischen 5. Armee.
Meldung des Reichssenders Flensburg am 9. Mai 1945 (die Meldung wurde am Abend des 9. Mai um 20:03 Uhr von dem Sprecher Klaus Kahlenberg[1] über den Reichssender Flens-burg ausgestrahlt):
Anmerkung: Die Kapitulation trat bereits am 8. Mai um 23:01 Uhr in Kraft, weshalb der Bericht am nächsten Tag rückblickend fest-stellte, daß die Waffen „seit Mitternacht“ schwiegen. Nachstehend der vollständige Text der Radiomeldung:
„Aus dem Hauptquartier des Großad-mirals am 9. Mai 1945. Das Oberkom-mando der Wehrmacht gibt bekannt …“ (Reichssender Flensburg):
„20 Uhr und 3 Minuten. Reichssender Flensburg und die angeschlossenen Sender. Wir bringen heute den letzten Wehrmachtsbericht dieses Krieges.
In Ostpreußen haben deutsche Divisionen noch gestern die Weichselmündung und den Westteil der Frischen Nehrung bis zuletzt tapfer verteidigt, wobei sich die 7. Infanterie-Division besonders auszeichnete.
Dem Oberbefehlshaber, General der Panzertruppe von Saucken, wurden in Anerkennung der vorbildlichen Haltung seiner Soldaten die Brillanten zum Eichenlaub mit Schwertern zum Ritter-kreuz des Eisernen Kreuzes verliehen.
Als vorgeschobenes Bollwerk fesselten unsere Armeen in Kurland unter dem bewährten Oberbefehl des Generaloberst Hilpert monatelang überlegene sowjeti-sche Schützen- und Panzerverbände und erwarben sich in sechs großen Schlachten unvergänglichen Ruhm.
Sie haben jede vorzeitige Übergabe abgelehnt. In voller Ordnung wurden mit den nach Westen noch ausfliegenden Flugzeugen nur Versehrte und Väter kinderreicher Familien abtransportiert. Die Stäbe und Offiziere verblieben bei ihren Truppen.
Um Mitternacht wurde von deutscher Seite, entsprechend den unterzeichneten Be-dingungen, der Kampf und jede Bewegung eingestellt.
Die Verteidiger von Breslau, die über zwei Monate lang den Angriffen der Sowjets standhielten, erlagen in letzter Stunde nach heldenhaftem Kampf der feindlichen Übermacht.
Auch an der Südost- und Ostfront, von Fiume über Brünn bis an die Elbe bei Dresden, haben alle höheren Komman-dobehörden den Befehl zur Einstellung des Kampfes erhalten.
Eine tschechische Aufstandsbewegung in fast ganz Böhmen und Mähren kann die Durchführung der Kapitulationsbedin-gungen und die Nachrichtenverbindun-gen in diesem Raum gefährden.
Meldungen über die Lage bei den Heeresgruppen Löhr, Rendulic und Schörner liegen beim Oberkommando der Wehrmacht zur Stunde noch nicht vor.
Fern der Heimat haben die Verteidiger der Atlantikstützpunkte, unsere Truppen in Norwegen und die Besatzungen der Ägäischen Inseln in Gehorsam und Dis-ziplin die Waffenehre des deutschen Soldaten gewahrt.
Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen. Auf Befehl des Großadmirals hat die Wehrmacht den aussichtslos gewordenen Kampf einge-stellt. Damit ist das fast sechsjährige heldenhafte Ringen zu Ende. Es hat uns große Siege, aber auch schwere Nieder-lagen gebracht. Die deutsche Wehrmacht ist am Ende einer gewaltigen Übermacht ehrenvoll unterlegen.
Der deutsche Soldat hat, getreu seinem Eid, im höchsten Einsatz für sein Volk für immer Unvergeßliches geleistet. Die Heimat hat ihn bis zuletzt mit allen Kräften unter schwersten Opfern unter-stützt. Die einmalige Leistung von Front und Hei-mat wird in einem späteren gerechten Urteil der Geschichte ihre endgültige Würdigung finden.
Den Leistungen und Opfern der deut-schen Soldaten zu Wasser, zu Lande und in der Luft wird auch der Gegner die Achtung nicht versagen. Jeder Soldat kann deshalb die Waffen aufrecht und stolz aus der Hand legen und in den schwersten Stunden unserer Geschichte tapfer und zuversichtlich an die Arbeit gehen für das ewige Leben unseres Volkes.
Die Wehrmacht gedenkt in dieser schweren Stunde ihrer vor dem Feind gebliebenen Kameraden. Die Toten verpflichten zu bedingungsloser Treue, zu Gehorsam und Disziplin gegenüber dem aus zahllosen Wunden blutenden Vaterland.“
Der Reichssender Flensburg war eine im Hauptpostamt (heute Alte Post) in Flensburg-Jürgensby provisorisch eingerichtete Sende-station, die vom 3. bis 13. Mai 1945 auf der Mittelwellen-Frequenz 1330 kHz ein Pro-gramm mit Verlautbarungen von namhaften Mitgliedern der Regierung Dönitz (2. bis 23. Mai 1945) ausstrahlte, darunter die Verkün-dung des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa.
Die Station war „neben der in Prag die letzte dem untergehenden NS-Regime zur Verfü-gung stehende Propagandaeinrichtung“ in den Tagen nach Hitlers Selbstmord am 30. April 1945.
Der Hörerkreis des Reichssender Flensburg war begrenzt. Zum einen lag das an der vergleichsweise schwachen Sendeleistung, zum anderen besaßen viele Menschen kein Radio mehr oder die Stromversorgung war zusammengebrochen.
Dennoch waren die Sendungen grundsätzlich im gesamten Reichsgebiet zu empfangen, wenngleich die tatsächliche Reichweite und ausreichende Empfangsqualität kaum über den Radius von Hamburg hinaus reichte.
Am 10. Mai beschlagnahmte die britische Besatzungsmacht die Sendeeinrichtungen. Ein britischer Offizier markierte die Eingangstür des Senders mit Kreide, an der fortan „Reser-ved for Information-Control“ geschrieben stand.
Dem zehn Tage währenden Sendebetrieb des Reichssenders Flensburg setzte schließlich ein Nachrichtenoffizier der britischen 159. Infanteriebrigade (159th Infantry Brigade) am 13. Mai ein Ende, in dem er den Steuerquarz ausbaute, den Starkstromanschluß versiegel-te und die Sende- und Verstärkerröhren entfernte.
Beachtenswert ist abgesehen von der als aussichtslos geltenden militärischen Ge-samtlage, daß sich am Tag der militärischen Kapitulation noch große Gebiete unter deut-scher Kontrolle befanden.
Dazu gehörte das gesamte böhmische Bek-ken, Teile von Prag, nahezu das gesamte Mähren, Norditalien, ein großer Teil Südtirols, große Teile Kroatiens (einschl. der Hauptstadt Zagreb), Istrien, Slowenien, der überwiegende Teil Österreichs (jedoch ohne das bereits sowjetisch besetzte Wien), Teile Oberbayerns , Dänemark, Ostfriesland, Westholland, die Westfriesischen Inseln, Kurland.
Mehr als 10 Millionen deutsche Soldaten standen am Vorabend des 8. Mai noch unter Waffen!
Donnerstag, d. 10. Mai 1945 (Himmelfahrtstag), achter Tag der Reichsregierung Dönitz
Die britische 11. Panzerdivision besetzt das nördliche Schleswig-Holstein. Die Engländer fordern den amtierenden Reichspräsidenten Karl Dönitz auf, die Reichskriegsflagge ein-zuholen. Seit Übernahme der Geschäftsfüh-renden Reichsregierung weht sie über dem Dienstsitz in Flensburg-Mürwik.
Generaloberst Alfred Jodl wird am selben Tage in einer Feierstunde die Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub verliehen. Das Nürnberger „Kriegsverbrecher“gericht ver-urteilt ihn Monate später zum Tode.
Freitag, d. 11. Mai 1945, neunter Tag der Reichsregierung Dönitz.
Im Flensburger Hafen, der Innenförde, liegen etwa 250 Kriegs- und Handelsschiffe und Militärboote anderer Wehrmachtsteile dicht an dicht gedrängt. Auf ihnen halten sich mehr als 25.000 deutsche Flüchtlinge aus dem Osten, Wehrmachts- und Marinesoldaten, Verwundete und Zivilisten auf, die trotz der angespannten Versorgungslage verpflegt werden müssen (Flensburg hat zu diesem Zeitpunkt 70.000 Einwohner).
Sonnabend, d. 12. Mai 1945, zehnter Tag der Reichsregierung Dönitz.
An diesem Tag trifft die sog. Alliierte Kon-trollkommission in der Fördestadt ein. Vierzehn Amerikaner und 11 Engländer beziehen auf der „Patria“ im Innenhafen von Flensburg ihre Quartiere. Einige Tage später stoßen auch die Sowjets dazu.
An diesem Sonnabend verbietet die britische Militärregierung den Unterricht an den Flensburger Schulen. In Flensburg-Mürwik wird um das deutsche „Regierungsviertel“ eine Bannmeile eingerichtet. In anderen Teilen der Stadt beginnt die Beschlagnah-mung von städtischen Villen und größeren Stadthäusern durch die Besatzungsmächte.
Sonntag, d. 13. Mai 1945, elfter Tag der Reichsregierung Dönitz.
Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel wird durch die Reichsregierung in Flensburg als Chef des Oberkommandos der Wehrmacht seines Amtes enthoben und verhaftet. Ihm folgt, eingesetzt von Karl Dönitz, General-oberst Alfred Jodl. Dieser Wechsel erfolgt nicht freiwillig. Er basiert auf der nach-drücklichen Anweisung US-Generals Eisenhower.
In der Stadt durch die Briten aufgestellte mannshohe Tafeln weisen unmißverständlich auf das Verbot aller nationalsozialistischen Organisationen und Verbände hin. Alle Ge-setze der nationalsozialistischen Regierung werden für null und nichtig erklärt.
Eine weitere Auflage verfügen die Engländer. Der Reichssender Flensburg hat mit sofor-tiger Wirkung sein Programm einzustellen. Der Reichssender Flensburg, zehn Tage im Dienst der amtierenden Geschäftsführenden Reichsregierung, wird abgeschaltet.
Montag, d. 14. Mai 1945, zwölfter Tag der Reichsregierung Dönitz.
Über dem Polizeipräsidium in Flensburg wehen die Flaggen der Siegermächte. Der deutsche Kampfkommandant von Flensburg, Kapitän zur See Wolfgang Lüth, wird in Ausübung seines Dienstes in der Nacht erschossen, als er in der Dunkelheit von einem britischen Wachposten angerufen und nach dem (britischen) Losungswort gefragt wird und nicht antworten kann. Der hoch dekorierte U-Boot-Kommandant erhält ein Staatsbegräbnis.
Karl Dönitz trifft in Kollerup (Angeln), 15 km südöstlich von Flensburg gelegen, auf dem Jakobsenhof ein. Dort haben ranghohe Offi-ziere in mehreren Räumen das Generalstabs-Hauptquartiert eingerichtet.
Bereits im September 1944 waren Soldaten in das Dorf gekommen, um Quartiere vorzube-reiten. Die Abgeschiedenheit des Ortes in der Nähe der Straße Sörup-Tarp in einer wald-reichen Umgebung bot weitgehend Schutz vor feindlichen Bombern.
Die eigentliche Zentrale befindet sich auf dem Christiansen-Hof. Von hier aus verfügte General Ernst Busch, der Oberbefehlshaber Nord, Anfang Mai die absolute Waffenruhe für alle deutschen Militärangehörigen in Nord-westdeutschland.
Wenige Tage nach der Kapitulation am 8. Mai hat Busch auf Anordnung des britischen Feldmarschalls Montgomery die Versorgung der Menschen in Schleswig-Holstein sicherzustellen.
In dieser Zeit ist Kollerup nicht nur mit mehr als 350 Offizieren und Soldaten belegt, sondern an beiden Ortsdurchfahrten sind Schlagbäume angebracht, an denen schwer bewaffnete Wachposten ihren Dienst tun.
Dienstag, d. 15. Mai 1945, dreizehnter Tag der Reichsregierung Dönitz.
An diesem Dienstag werden der Flensburger Oberbürgermeister und der Polizeipräsident von Flensburg durch die Besatzungsmacht ihrer Ämter enthoben und in Haft genommen.
Die britische Militärkommandantur und die alliierte Kontrollkommission übernehmen alle Aufgaben der städtischen Verwaltung in Flensburg. Die Post stellt ihren Dienst ein, Briefkästen werden geschlossen.
Mittwoch, d. 16. Mai 1945, vierzehnter Tag der Reichsregierung Dönitz.
Die Geschäftsführende Reichsregierung Dönitz entwickelt, die Karlshorster Kapitu-lationserklärung ausblendend, Denkschriften und entwirft Zukunftspläne für die Reorgani-sation des Deutschen Reiches.[3]
Die Bestimmungen der Karlshorster Kapitu-lationserklärung und hier besonders der Punkt 4 werden dabei nicht zur Kenntnis genommen. Mehr als 350 Personen (!) sind in der Sportschule in Flensburg-Mürwik für die amtierende Reichsregierung tätig. Jedes einzelne Ressort verfügte über bis zu 15 Beschäftigte.
Wirtschaftsminister Albert Speer, einquartiert im Glücksburger Schloß, zieht als erster die künftige Entwicklung und die politischen Realitäten erkennend die Konsequenzen und bittet um seine Entlassung. Der Großadmiral Karl Dönitz und seine engsten Vertrauten bauen jedoch darauf, daß die Kriegssieger auf eine deutsche Regierung angewiesen seien.
Um die Alliierten von der Notwendigkeit des Fortbestandes des Mürwiker Kabinetts zu überzeugen, reicht Reichsernährungsminister Herbert Backe eine Denkschrift zur Ernäh-rungslage für 60 Millionen Deutsche ein. Es stände einer der härtesten und strengsten Winter in der Geschichte Deutschlands bevor. Es fehlten Arbeitskräfte auf dem Lande, weil Millionen Männer gefallen oder in Kriegsge-fangenenlagern inhaftiert seien.
Bemerkenswert zu diesem Sachverhalt ist die Stellung-nahme von A.W. Lewis, des ent-scheidenden englischen Offiziers in der Militärverwaltung.
„Die Bevölkerung in den deutschen Städten ist für viele Monate zu einem Rattenleben verurteilt. Wir betrachten die Angelegenheit vom militärischen Stand-punkt aus.
Die Deutschen müssen noch ein hartes Leben führen, um eine Änderung zu erreichen, genauso wie die in Not gera-tene Bevölkerung Londons und aller Länder Westeuropas.
Ich werde nicht gestatten, daß die Leute in Kellern und Luftschutzräumen leben, wenn dadurch Krankheiten zu erwarten sind. Die Deutschen brauchen nicht zu glauben, daß sie Zucker, Fett und Hefe annähernd in normalen Rationen erhalten werden, aber sie werden etwas zu essen bekommen“.
Diese Auffassung des Offiziers war kennzeichnend für die britische Besatzungsmacht.
An diesem Mittwoch müssen alle in Mürwik diensttuenden deutschen Soldaten ihre Waffen an die Engländer abgeben. Den Offiziere werden ihre Waffen belassen.
Donnerstag, d. 17. Mai 1945, fünfzehnter Tag der Reichsregierung Dönitz.
In Mürwik trifft die russische Kontrollkom-mission ein. Sie verlangt von der amtierenden Regierung alle die Auskünfte, die sie bereits den Briten und Amerikanern gegenüber gegeben hat. Angeführt wird die Delegation von General Trueskow. In einem Treffen mit Generaloberst Jodl am kommenden Tag erklärt er:
„Sie kennen die Absicht Stalins aus Rundfunk und Presse. Wir haben nicht die Absicht, das deutsche Volk auszu-hungern oder auszurotten. Wir sind bestrebt, alles zu tun, um dem deutschen Volk zu helfen“.
Die von Jodl vorgetragenen Aktivitäten und Wünsche verlaufen dagegen bei diesem Gespräch ins Leere und werden abgewiesen.
In Flensburg verstärkt sich wie im gesamten besetzten Reichsgebiet die Lebensmittel-knappheit. Die Besatzungsmacht teilt nur 1.200 Kalorien täglich zu, das sind 5 Schei-ben Brot, 10 gr. Fett und ein Glas Milch.
Die Besatzungsmacht geht verstärkt zu Razzien über. Das Stadtgebiet Flensburgs ist ebenso betroffen wie das Sammellager Meierwik (britisches DP-Lager Glücksburg-Meierwik im Kreis Schleswig-Flensburg).
Freitag, d. 18. Mai 1945, sechzehnter Tag der Reichsregierung Dönitz.
Die britische Besatzungsmacht geht verstärkt zu gezielten Verhaftungen über. Im Lazarett der Marineschule in Flensburg-Mürwik wird Alfred Rosenberg festgenommen.
Insgesamt werden von den Briten etwa 2.000 Nationalsozialisten verhaftet. Zu ihnen ge-hören höchste Parteifunktionäre, Angehörige der Geheimen Staatspolizei, der SS, des RSHA (Reichssicherheitshauptamt) und des SD. In den meisten der Fälle waren diese mit gefälschten Identitäten ausgestattet.[4]
An diesem Freitag fällt die grundsätzliche Entscheidung, der Regierung Dönitz ein Ende zu machen. Voraus gegangen ist eine Be-sprechung von Admiral Dönitz und General Jodl mit Mitgliedern des Alliierten Kontroll-rates.
Dönitz fordert bei diesem Treffen eine Ver-legung des Regierungssitzes von Flensburg in einen zentral gelegenen Raum im besetzten Reichsgebiet. Als Gründe dafür werden die ungünstige nachrichten- und verkehrstechnische Lage des Flensburger Gebietes genannt.
Die Briten konkretisieren derweil dagegen den Plan für die Verhaftung der gesamten Regierung und planen die Umsetzung durch.
Sonnabend, d. 19. Mai 1945, siebzehnter Tag der Reichsregierung Dönitz.
An diesem Sonnabend erhält Albert Speer, der frühere Reichsminister für Bewaffnung und Munition, in seinem Glücksburger Schloßquartier Besuch von zwei einfluß-reichen Amerikanern, die ihn verhören sollen. Georg Ball, später US-Außenminister sowie der Volkswirtschaftler John Galbraith. Sie sind im Auftrag von General Eisenhower über den Flugplatz Schäferhaus in Flensburg eingeflo-gen.[5]
Sonntag, d. 20. Mai. und Pfingstmontag, d. 21. Mai 1945, der achtzehnte wie neunzehnte Tag der Reichsregierung Dönitz.
Die Not und das Elend der Zehntausenden Flüchtlinge in Flensburg, darunter zahlreiche elternlose Kinder, verarmte städtische Ein-wohner, unzählige alleinstehende Frauen, deren Männer sich in Kriegsgefangenschaft befinden oder gefallen sind, nimmt unge-ahnte Ausmaße an. In Flensburg leben mittlerweile mehr als 50.000 Flüchtlinge vornehmlich aus dem deutschen Osten.
Unter englischen Offizieren wird über ein Schreiben diskutiert, das in dieser turbu-lenten Zeit der Feldmarschall Montgomery aus Kopenhagen erhalten hat. Er soll beur-teilen, ob es nicht nach der Kapitulation des Deutschen Reiches angemessen sei, daß das Nydam-Boot endlich einen ihm zustehenden Standort im südlichen Dänemark bekäme.
Die archäologische Kostbarkeit, 23 Meter lang, für eine Besatzung von 45 Männern ausgelegt, 1863 im Nydam-Moor in der Nähe von Sonderburg geborgen, ist das älteste erhaltene hochseetüchtige Ruderboot der Germanen.
Ausgegraben hatte es der Flensburger Conradt Engelhard, Lehrer an der städtischen Gelehrtenschule. Obwohl dänischer Patriot, lagerte er seinen Fund zuerst auf dem Dachboden seiner Flensburger Schule.
Schon 1864 wurde dieses Boot dann zu einem Zankapfel zwischen Dänen und Deutschen – auch wieder nach dem 1. Weltkrieg, wo es u.a. in Kiel eingelagert war. Nun startete die dänische Regierung einen erneuten Versuch, dieses archäologische Prachtstück zu erhalten, neun Tage nach Kriegsende!
Doch die Briten weisen dieses Begehen ab. Für sie war und blieb dieses Exponat ein Schlüssel für die Geschichte der Landnahme der Angeln in ihrem Land, in England. Es soll seinen Standort in Schleswig-Holstein behalten.
Am 20. Mai enden die Kämpfe zwischen Einheiten der Deutschen Wehrmacht (163. Marine-Schützenregiment), Kommandotrupps der Waffen-SS und den aufständischen Geor-giern (822. Georgisches Infanteriebataillon [6]).
Dienstag, d. 22. Mai 1945, zwanzigster Tag der Reichsregierung Dönitz.
Am Nachmittag dieses Tages wird der Schlußakkord für die Reichsregierung Dönitz eingeläutet. Der amtierenden Reichsregie-rung soll ein Ende gemacht werden.
Die drei ranghöchsten Offiziere Karl Dönitz, Alfred Jodl und Hans-Georg von Friedeburg werden aufgefordert, am kommenden Tag um 9.30 Uhr an der Blücherbrücke in Flensburg zu erscheinen. Die Besprechung werde auf der „Patria“ stattfinden.
Der 50-jährige Hans-Georg von Friedeburg, Nachfolger von Dönitz als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, wird dieser „Einladung“ nicht Folge leisten. Er entzieht sich der dro-henden Verhaftung und verbleibt in der Ma-rineschule Mürwik. Bevor er mit Gift Suizid verübt, legt er alle Orden und Auszeich-nungen an.
Mittwoch, d. 23. Mai 1945, einundzwanzigster Tag der Reichsregierung Dönitz.
US-General Eisenhower legt Wert darauf, die Gefangennahme der letzten deutschen Re-gierung als Spektakel für die Weltöffent-lichkeit zu inszenieren. Die besiegten Deutschen sollen vorgeführt und gedemütigt werden.
Dafür werden– extra aus Paris – an die 80 Reporter, Fotografen und Kamerateams eingeflogen, die die Festnahme von Albert Speer, Karl Dönitz und Alfred Jodl doku-mentieren und aller Welt verkünden werden. Bewußt sollen die legitimen Repräsentanten des Reichs gedemütigt werden.
Die Kriegssieger veranstalten „großes Thea-ter“. Nicht nur die Mitglieder der letzten Reichsregierung müssen sich peinlichen Untersuchungen vor laufender Kamera unterziehen, auch für die Soldaten der Sonderzone Flensburg heißt es:
„Hose runter, Hände hoch“.
Unter starker Bewachung werden die drei hochrangigen Offiziere vom Sonderbezirk Mürwik zum Flensburger Polizeipräsidium gefahren. Dort findet eine weitere körperliche Untersuchung statt, anschließend erfolgt im Innenhof des Präsidiums das „Kreuzfeuer“ der Fotografen.
Würde und Anstand werden den letzten Verantwortlichen, den Unbelehrbaren, mit Absicht genommen. Darüber beschwerte sich Karl Dönitz aus der Haft in einem Brief am 26. Mai gegenüber Montgomery.
„Ohne jede Rücksicht auf meinen Dienstgrad mußte ich mich einer entehrenden Leibesvisitation unter-ziehen. Aus meinem Privatgepäck wurde auch mein Marschallstab entnommen, dieses Ehrenzeichen eines Soldaten! Ich bringe Ihnen diese diffamierenden Vorkommisse mit der Aufforderung zur Kenntnis, daß eine Rückgabe meines Marschallstabes erfolgen wird“.
Dazu kommt es nicht, die Briten behalten die Kriegsbeute. Diese Siegestrophäe hat ihren Platz im Regimentsmuseum der King’s Shropshire Light Infantry in der Nähe von London gefunden. Auch die erbeutete Reichskriegsflagge ist dort ausgestellt.
Zusammen mit der Reichsregierung werden nicht nur die Offiziere des OKW verhaftet, sondern weitere 420 hohe Offiziere und Beamte. Der Schlußpunkt an diesem sonnigen Mittwoch soll aller Welt zeigen, daß das Deutsche Reich aufgehört hat zu existieren. Im Innenhof des Flensburger Polizeiprä-sidiums geht das Dritte Reich endgültig zu Ende.
Die 21 Tage der Regierung Dönitz in Flens-burg und das Ende der Reichsregierung sind mehr als nur eine Fußnote in der Geschichte. Die Kriegssieger demonstrierten in Flensburg ihren sich bereits in der Kapitulationsurkunde vom 8. Mai in Berlin-Karlshorst erklärten Willen, Deutschland, wie es die Zeitzeugen noch kannten, vollkommen zu zerschmettern.
Die Meldungen des Reichssenders Flensburg vom 8. und vom 9. Mai wurden nicht in allen Teilen des Reiches gehört, in anderen deut-schen Landesteilen und ebenso in den noch von deutschen Truppen gehaltenen Gebieten, darunter in Kurland, in Böhmen im Raum Pilsen und insbesondere in Prag wurden diese Radiomeldungen als Feindpropaganda und als Versuch, die deutschen Truppen in die Irre zu führen und zu demoralisieren, bewertet.
Aus diesem Grund wurden an vielen Orten die Abwehrkämpfe gegen die Invasoren aus Un-kenntnis fortgesetzt, zum Teil aber auch bewußt mißachtet. Das betraf insbesondere auch Einheiten ausländischer Wehrmachts-verbände sowie der internationalen Waffen-SS.
Militärisch waren diesen letzten Gefechten kein Erfolg mehr beschieden. Offiziell war der Zweite Weltkrieg in Europa zwar am 8. Mai beendet. Die tatsächlichen Kapitulationen der verstreuten deutschen Truppen verzögerten sich aber.
So strecken die Soldaten der Heeresgruppe Mitte in Böhmen (unter dem Befehl von Feldmarschall Ferdinand Schörner) erst am 10. und 11. Mai ihre Waffen. Ebenfalls erst am 10. Mai kapitulieren die 200.000 Soldaten der Heeresgruppe Kurland. Am 11. Mai kapi-tuliert die „Festung“ Dünkirchen in Südflan-dern (Französisch-Flandern).
Ebenfalls am 11. Mai findet die Schlacht bei Sliwitz (östlich von Příbram), etwa 60 Kilo-meter südwestlich von Prag, statt. Es ist die letzte große Schlacht des II. Weltkriegs auf dem europäischen Kriegsschauplatz. Die deutschen Truppen kapitulieren am 12. Mai gegenüber der Roten Armee.[7]
Zu einem weiteren schweren und verlust-reichen Rückzugsgefecht kam es am 14. und 15. Mai in der Schlacht von Poljana an der slowenisch-österreichischen Grenze.
Die Armee Saucken in Ostpreußen kapitu-lierte sogar erst am 14. Mai, nachdem sie bis dahin entgegen der Kapitulationsbestim-mungen und unter sowjetischem Beschuß weitere Abtransporte ins Reich durchgeführt hatte und diese deckte.
Erst am 16. Mai werden die deutschen Besatzungstruppen auf den zur britischen Krone gehörenden Kanalinseln entwaffnet.
Auf der niederländischen Insel Texel toben die Kämpfe zwischen Wehrmachtseinheiten und ehemaligen georgischen Verbündeten, die angesichts des verlorenen Krieges die Seiten wechselten.
Am 6. Februar 1945 hatte ein 800 Mann starkes, georgisches Bataillon ein kauka-sisches Bataillon auf Texel abgelöst. Davor waren diese Soldaten auf dem niederlän-dischen Festland in Zandvoort stationiert.
Auf Texel ist darüber hinaus auch ein etwa 1.200 Mann umfassendes deutsches Bataillon stationiert. Als sich die militärische Nieder-lage abzeichnet, rekrutierte die Deutsche Wehrmacht Ersatztruppen und Freiwillige auch aus Kriegsgefangenen von der Ostfront.
Hierzu gehörte das 822. Georgisches In-fanteriebataillon[8] (unter dem deutschen Kommandanten Klaus Breitner), das am 6. Februar auf die Texel verlegt wurde. Es setzte sich aus 800 Georgiern und 400 Deutschen zusammen.
Am 6. April sollte dieses Bataillon abziehen, um im Osten der Niederlande bei Arnheim gegen die Alliierten eingesetzt zu werden. Die vorbereitete Revolte der Georgier begann am 6. April um 1 Uhr nachts, unter der Lei-tung des georgischen Standortkomman-danten Schalwa Loladze[9].
Im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht ist dem Lagebuch für den 8. April 1945 zu entnehmen:
„Auf der Insel Texel ist ein Aufstand ausgebrochen. Die Aufständischen wurden zusammengedrückt; jedoch ist das Rahmenpersonal getötet worden. Trotz starken Artl.-Feuers [Artille-riefeuers] kam der Gegner von Süden nicht viel vor. Die Tätigkeit der Terroristen nimmt zu.“[10]
In den frühen Morgenstunden waren bereits 450 Deutsche ermordet worden – zumeist im Schlaf.
Zur deutschen Verstärkung wurde das 163. Marine-Schützenregiment eingesetzt, das mit Hilfe von Panzern vom niederländischen Festland aus eine Gegenoffensive begann. Nach einigen Wochen zähen Kampfes konnte diese Insel unter Kontrolle gebracht werden. Bei den harten und unbarmherzig auch mit Gefechtsfeldwaffen geführten Kämpfen kamen insgesamt 565 Georgier, 120 Texeler Einwohner und etwa 800 deutsche Soldaten ums Leben.[11]
Die Schäden auf der Insel waren gewaltig. Kein Stein blieb auf dem anderen. Obwohl die Deutsche Wehrmacht bereits am 5. Mai be-dingungslos kapituliert hatte, dauerten die militärischen Auseinandersetzungen auf Texel noch bis zum 20. Mai.
Der Georgieraufstand wird daher auch als „Europas letztes Schlachtfeld“ des II. Welt-krieges bezeichnet. Überlebt haben die Kämpfe nur 228 Georgier.
Als am 20. Mai kanadische Einheiten des I. Kanadischen Armeekorps die niederländische Insel besetzten, endete der von den Inselbe-wohnern Texels auch „Russenkrieg“ (nieder-ländisch Russenoorlog) genannte „Georgische Aufstand“ gegen die Wehrmacht.
Mehr als fünf Jahre lang hatte die westfrie-sische Nordseeinsel bis dahin unter deut-scher Besatzung gestanden, die am 18. Mai 1940 eine Ortskommandantur auf Texel eingerichtet hatte. Der bis zum 20. Mai anhaltende militärische Aufstand der „Geor-gischen Legion“ gegen die Deutschen war die letzte militärische Auseinandersetzung des Zweiten Weltkriegs in Europa.[12]
Die letzten einsatzfähigen und frei operie-renden Einheiten der Wehrmacht streckten wie folgt die Waffen: die U-Boote U 234 Mitte Mai 1945, U 530 im Juli 1945, U 977 im August 1945 sowie der Wettertrupp Haude-gen im September 1945:
Als letzte deutsche Soldaten überhaupt gehen am 4. September 1945 – also fast vier Monate nach der bedingungslosen Kapitulation – die Angehörigen dieses Meteorologen-Trupps auf dem zu Norwegen gehörenden Spitzber-gen-Archipel in alliierte Kriegsgefangen-schaft.
Deutlich gemacht werden sollte die Dramatik der letzten Tage und Wochen des Großen Krieges.
Sein Ausgang leitete den Niedergang unseres Vaterlandes ein. Das Ziel der Kriegsgegner war nach eigenem Bekunden, Deutschland zu zerschmettern. Militärisch wurden die Deut-schen 1945 guillotiniert und als Großmacht ausgeschaltet, als politischer Faktor in Euro-pa und als Konkurrent marginalisiert.
Quellen und Literatur
Percy El Schramm: Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Wehrmachtführungsstab) 1944-1945, Teilband 2. Eine Dokumentation (Zweiter Halbband, Bd. 4, 1. Januar 1944 – 22. Mai 1945), Bonn: Bernard & Graefe, [o. J.; ca. 1980] (Sonderausgabe, Studienausgabe),
ebd. Lagebuch 1.- 19. April 1945 (unvollständig), S. 1215 ff. u. Anhang Die letzten Wehrmachtsberichte (18. April – 9. Mai 1945, d. h. bis zum Ende), S. 1252 ff.
Endkampf in Berlin:
Heinz Rein: Finale Berlin. Berlin: Dietz-Verlag, 1947 (Neuausgabe, Büchergilde Gutenberg 1980).
Erich Kuby: Die Russen in Berlin 1945. München: Scherz Verlag, 1965.
Peter Gosztony (Hrsg.): Der Kampf um Berlin in Augenzeugenberichten. Düsseldorf: Karl Rauch Verlag, 1970 (Nachauflage München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1985).
Tony Le Tissier : Der Kampf um Berlin 1945. Von den Seelower Höhen zur Reichskanzlei. Bechtermünz Verlag (Lizenz Ullstein), 1997.
Karl Bahm: Berlin 1945. Die letzte Schlacht des Dritten Reichs. Klagenfurt: Kaiser Verlag, 2002.
Antony Beevor: Berlin 1945 – Das Ende. München: Bertelsmann, 2002.
Flensburg und Regierung Dönitz:
Julius Bogensee: Als der Krieg in Flensburg ankam. Flensborg Avis (Ausgabe vom 4. Mai 1985), Flensburg 1985. Flensburg in der Zeit des Nationalsozialismus. Flensburg 1983. (Schrift der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte e.V. Nr. 32, Sept./Okt. 1983).
Gerhard Paul, Broder Schwensen: Mai 45 (Hrsg. Flensburger Stadtgeschichte), Flensburg, 2015.
Stephan Richter, Artikelserie zum Kriegsende, Teile 1-12 (Flensburger Tageblatt, Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag), Flensburg Mai 2015.
Anhang
Am 8.Mai 1945 unterschrieb Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in Berlin-Karlshorst die Kapitulationsurkunde (wörtlich im Original in deutscher Sprache: „KAPITULATIONSERKLÄRUNG“ genannt) (Militärische Kapitulationsurkunde [vom 8. Mai 1945]),
1. Wir, die hier Unterzeichneten, die wir im Auftrage der Oberkommandos der Deutschen Wehrmacht handeln, über-geben hiermit bedingungslos dem Obersten Befehlshaber der Alliierten Expeditionsstreitkräfte und gleichzeitig dem Oberkommando der Roten Armee alle gegenwärtig unter deutschem Befehl stehenden Streitkräfte zu Lande, zu Wasser und in der Luft.
2. Das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht wird unverzüglich allen deutschen Land-, See- und Luftstreit-kräften und allen unter deutschem Befehl stehenden Streitkräften den Befehl geben, die Kampfhandlungen um 23.01 Uhr mitteleuropäischer Zeit am 8. Mai 1945 einzustellen, in den Stellungen zu verbleiben, die sie in diesem Zeitpunkt innehaben, und sich vollständig zu entwaffnen, indem sie ihre Waffen und Ausrüstung den örtlichen alliierten Be-fehlshabern oder den von den Vertretern der obersten alliierten Militärführungen bestimmten Offizieren übergeben. Kein Schiff, Seefahrzeug oder Flugzeug irgendeiner Art darf zerstört werden, noch dürfen Schiffsrümpfe, maschinelle Einrichtungen oder Geräte, Maschinen irgendwelcher Art, Waffen, Apparaturen und alle technischen Mittel zur Fortsetzung des Krieges im allgemeinen beschädigt werden.
3. Das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht wird unverzüglich den zu-ständigen Befehlshabern alle von dem Ober–sten Befehlshabern der Alliierten Expeditionsstreitkräfte und dem Ober-kommando der Roten Armee erlassenen zusätzlichen Befehle weitergeben und deren Durchführung sicherstellen.
4. Die Kapitulationserklärung stellt kein Präjudiz für an ihre Stelle tretende all-gemeine Kapitulationsbestimmungen dar, die durch die Vereinten Nationen oder in deren Namen festgesetzt werden und Deutschland und die Deutsche Wehrmacht als Ganzes betreffen werden.
5. Im Falle, daß das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht oder irgendwelche unter seinem Befehl stehenden Streit-kräfte es versäumen sollten, sich gemäß den Bestimmungen dieser Kapitulations-erklärung zu verhalten, werden der Oberste Befehlshaber der Alliierten Expe-ditionsstreitkräfte und das Oberkom-mando der Roten Armee alle diejenigen Straf- und anderen Maßnahmen ergrei-fen, die sie als zweckmäßig erachten.
6. Diese Erklärung ist in englischer, russischer und deutscher Sprache aufgesetzt. Allein maßgebend sind die englische und die russische Fassung.
Unterzeichnet zu Berlin, am 8. Mai 1945
gez. v. FRIEDEBURG
gez. KEITEL
gez. STUMPFF
Für das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht
In Gegenwart von:
Für den Obersten Befehlshaber der Alliierten Expeditionsstreitkräfte gez. A. W. TEDDER
Für das Oberkommando der Roten Armee gez. G. ZHUKOV
Bei der Unterzeichnung waren als Zeugen auch zugegen:
General, Oberstkommandierender der Ersten Französischen Armee gez. J. DE LATTRE-TASSIGNY
Kommandierender General der Strategischen Luftstreitkräfte der Vereinigten Staaten gez. CARL SPAATZ
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Sie liegen im Westen und Osten
Sie liegen im Westen und Osten,
sie liegen in aller Welt.
Und ihre Helme verrosten.
Und Kreuz und Hügel zerfällt.
Sie liegen verscharrt und versunken.
Im Massengrab und im Meer.
Aber es leben Halunken,
die ziehen noch über sie her!
Heut tobt man mit frechem Gebaren
durch Flitter und Lüge und Glanz.
Sie fielen mit 18 Jahren –
in einem anderen Tanz!
Heut macht man mit funkelndem Wagen
und Dünkel und Mammon „Staat“…!
Sie starben an vielen Tagen
noch hinter dem Stacheldraht!
Sie waren nicht ausgezogen
um Beute und schnöden Gewinn:
Was heute verlacht und verlogen:
Es hatte für sie einen Sinn!
Sie hatten ihr junges Leben
nicht weniger lieb – als die
heut höhnen: Es hinzugeben sei reine Idiotie!
Sie konnten nicht demonstrieren:
Mehr Freizeit bei höherem Lohn!
Sie mußten ins Feld marschieren.
Der Vater, der Bruder, der Sohn!
Sie gingen, die Heimat zu schützen –
und haben allem entsagt.
„Was kann uns der Einsatz nützen?“
hat keiner von ihnen gefragt.
Sie haben ihr Leben und Sterben
dem Vaterlande geweiht.
Und wußten nicht, welchen Erben –
und welcher Erbärmlichkeit!
Paul Reuthe_________________
Anmerkungen[1]Klaus Kahlenberg , * 1.10.1912 Berlin, † 21.01.2006 Flensburg, Offizier der Deutschen Wehrmacht, Leutnant, Mai 1945 z. b. V. Dönitz.
[2]Nach drei Minuten Sendepause folgte eine Instrumentalfassung des Deutschlandliedes. Nach der Funkstille erklingt als letzte Musik der zweite Satz aus Joseph Haydns Streichquartett in C-Dur, dessen Melodie für die Deutsche Nationalhymne verwendet wird.
[3]Die erste von Ministerialrat a.D. Dr. Helmut Stellrecht in Flensburg verfaßte Denkschrift ist auf den 16. Mai 1945 datiert und trägt den Titel „Zur politischen Lage“. In ihr beschäftigt sich Stellrecht mit ihm wichtig erscheinenden Aspekten der außen- und innenpolitischen Lage im Mai 1945 und deren möglichen Konsequenzen.
[4]In der Zeit ab dem 3. Mai wurden als Gefährdete und von möglicher Verhaftung durch die Invasoren bedrohte Personen in Mürwik gezielt mit neuen Personalpapieren ausgestattet und mit legendierten Identitäten versehen. Es handelte sich um verdeckt durchgeführte und nachrichtendienstlich abgesicherte Aktionen.
[5]Am 23. Mai wurde Albert Speer von den Briten auf Schloß Glücksburg verhaftet. Mit den anderen Regierungs-mitgliedern, die sich im nahegelegenen Sonderbereich Mürwik in Flensburg-Mürwik befanden, wurde er nach Bad Mondorf geflogen. Da noch nicht feststand, ob er angeklagt werden sollte, wurde ihm zunächst eine privilegierte Sonderbehandlung zuteil. Er wurde im Juni in die Nähe von Paris und dann nach Kransberg gebracht und dort vernommen. Erst Ende September 1945 kam er mit den anderen Hauptkriegsverbrechern in das Nürnberger Gefängnis
[6]Georgisches Infanteriebataillon 822 „Königin Tamar“ (Wehrmachtsverband der Georgischen Legion der Ostlegionen).
[7] Die Schlacht bei Slivice war die letzte größere militärische Auseinandersetzung auf dem Gebiet der Tschechei und eine der letzten Kampfhandlungen im II. Weltkrieg. In den letzten Kriegstagen konzentrierte sich eine große Anzahl deutscher Truppen (Wehrmacht und Waffen-SS) sowie auf der Flucht befindlicher Zivilisten, darunter Beamte der Protektoratsverwaltung, einheimische deutsche Zivilisten (Sudetendeutsche, Prager Deutsche) und Angehöriger der Russischen Befreiungsarmee unter General Andrej Wlassow in der mittelböhmischen Region um Příbram. Unter ihnen befanden sich auch gut bewaffnete SS-Einheiten unter dem Kommando des Waffen-SS-Befehlshabers Pückler-Burghaus, der sich zuvor geweigert hatte, die Kapitulation zu anzuerkennen. Die sich zurückziehenden Deutschen versuchten insbesondere, dem Zugriff durch die Rote Armee zu entgehen und in amerikanische Gefangenschaft zu geraten. Da der Rückzugsweg abgeschnitten war, beschloss Pückler-Burghaus, in der Nähe von Slivice auf der Straße von Prag nach Strakonice eine Verteidigungsstellung zu errichten. Sie bestand aus drei Linien mit schwerem Gerät, darunter Panzer und Mörser. Über 6.000 Soldaten der Waffen-SS waren im Einsatz. Die Mitglieder der tschechischen Partisanengruppe Smrt fašismu (auf Deutsch: Tod dem Faschismus) und der irregulären Revolutionsgarden aus Příbram und Umgebung kämpften gegen die Übermacht, hatten aber keine Chance auf Erfolg. Der deutsche Widerstand wurde erst von Mitgliedern mehrerer sowjetischer Einheiten gebrochen, die am Ort der Kämpfe eintrafen. Sie starteten am Nachmittag des 11. Mai einen Angriff auf die deutschen Stellungen, wobei Geschütze und Entermesser sowie Panzer eingesetzt wurden. Die letzten Schüsse fielen um 3 Uhr am 12. Mai. Pückler-Burghaus unterzeichnete die Kapitulation in der Nacht des 12. Mai. Danach beging er Selbstmord.
[8]Georgisches Infanteriebataillons 822 „Königin Tamar“ (Wehrmachtsverband der Georgischen Legion der Ostlegionen).
[9]Leutnant Sjalwa Loladze, Kampfkommandant und Anführer des Georgischen Aufstands.
[10]Qu.: Percy E. Schramm (Hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht, Band 4, Halbband 2, Augsburg 2007, S. 1229 f.
[11]Nach anderen Quellen fielen bis zu 2.000 Wehrmachtssoldaten und 565 Georgier.
[12]Im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht findet sich im Lagebericht für den 7. April 1945 der erste Eintrag zum hier „Georgieraufstand“: „Kämpfe auf Texel gegen die meuternden Russen, die durch die Bevölkerung unterstützt wurden.“ Vgl.: Percy E. Schramm (Hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht, Wehrmachtführungsstab, 1. Januar 1944 – 22. Mai 1945, Band 4, Halbband 2, Augsburg 2007, S. 1228.