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Zwiespalte und keine Brücken?

Charlotte Knobloch

sieht die Brücke zwischen dem Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Vatikan zerbrochen. „Ausgerechnet der Deutsche“ auf dem Papst-Thron habe den Bruch herbeigeführt.

Sein Verbrechen: Die Aufhebung der Exkommunikation der 4 Bischöfe, die der erzkonservativen „Piusbruderschaft“ angehören, unter ihnen der aus London stammende Bischof Richard Williamson, der als „Holocaust-Leugner“ gilt.

Knobloch:

Wir haben die Rede des Papstes in Regensburg über die Muslime gehört, dann eine weitere Erklärung zur Beurteilung der protestantischen Kirche, dann die Missionierung der Juden, die tridentinische Messe – und jetzt die Rehabilitierung eines Holocaust-Leugners. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist. Der Papst ist ein hochgebildeter Mann. Er spricht das aus, was in der Kirche gedacht wird.

Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

Papst Benedikt XVI.

ist ein erzkonservativer, rückwärtsgewandter katholischer Ideologe. Aber er hat bereits wiederholt seine volle Solidarität mit den Juden bekräftigt und beteuert, gegen jegliche Leugnung des Holocaust zu sein.

Doch das genügt Frau Knobloch und einigen Rabbinern nicht. Es müßten Taten folgen: Williamson müsse zur Rechenschaft gezogen, sprich: seines Amtes enthoben werden.

Bei allem Verständnis für die Ängste von Juden: In die inneren Angelegenheiten einer Organisation, der sie nicht angehören, sollten sie sich nicht einmischen. Sie fordern den Kniefall des Papstes vor offiziellen Vertretern von Juden. So kann man keine Brücken reparieren.

Bischof Richard Williamson

ist Sohn britischer anglikanischer Eltern. Mit 30 Jahren trat er zum Katholizismus über und 2 Jahre später – 1972 – in das internationale „Priesterseminar Pius X.“ im schweizerischen Econe ein. Dort wurde er nach 4 Jahren Ausbildung von Erzbischof Marcel Lefebvre zum Priester und 1988 mit 3 weiteren Anwärtern zum Bischof geweiht.

Diese Weihen wurden gegen den Willen des damaligen Papstes Johannes Paul II. erteilt. Die „Schwere dieses Vergehens“ führte zur Exkommunikation der 4 Geweihten sowie ihrer beiden Weiher Lefebvre und Antonio de Castro Mayer.

Die Weihen selbst blieben jedoch kirchenrechtlich gültig. Die Priesterbruderschaft erkennt die Exkommunikation nicht an und waltet weiter ihres „Amtes“.

Williamson trat mit Ansichten hervor wie:

  • Frauen dürfen nicht an Universitäten studieren
  • den Menschen droht Versklavung durch „allgegenwärtige Lügen“
  • der „Polizeistaat“ ist nicht mehr weit
  • die Bush-Regierung war an der Planung des Anschlags auf die Türme des WTC am 11.9.2001 beteiligt
  • der Vatikan steht unter „satanischer Kontrolle“
  • „I believe there were no gas chambers … I think that 200 000 to 300 000 Jews perished in Nazi concentration camps … but non of them by gas chambers“ („Ich glaube, es gab dort keine Gaskammern … Ich glaube, daß 200 000 bis 300 000 Juden in den Konzentrationslagern der Nazis umgekommen sind … aber keiner von ihnen in Gaskammern.“)

Bei dieser Ansichten-Sammlung ist es schwer, die richtige Schublade für den Mann zu finden. Er scheint Versklavung abzulehnen, macht aber eine Ausnahme bei den Frauen. In welcher Gestalt erscheint ihm der Satan? Als Frau, als Modernist, als Freimaurerei?
Auf jeden Fall hat Williamson Mut, sich zur „political correctness“ querzustellen. Den Mut, sich querzustellen, hatte auch sein Lehrer

Erzbischof Marcel Lefebvre:

1986 stellte er fest:

Ich bin kein Anführer einer Bewegung, noch viel weniger das Haupt einer eigenen Kirche. Ich bin nicht, wie man unaufhörlich schreibt, „der Anführer der Traditionalisten“. Ja man ist sogar soweit gegangen, gewisse Leute als „Lefebvristen“ zu bezeichnen, als ob es sich um eine Partei oder ein eigenes theologisches Lehrsystem handelte. Das ist eine unzulässige Redeweise. Ich vertrete auf religiösem Gebiet keine persönliche Lehre. Mein ganzes Leben habe ich mich an das gehalten, was man mich auf der Schulbank des Französischen Seminars von Rom gelehrt hatte, nämlich die katholische Lehre, wie sie das Lehramt seit dem Tod des letzten Apostels, der das Ende der Offenbarung bedeutet, von Jahrhundert zu Jahrhundert überliefert hat.

Er ist also ein treuer Vertreter „ewiger, eherner Wahrheit“, die „geschrieben stehet“ wie die der kirchlichen Gewalt als einer „höchsten Gewalt“, die aber immerhin noch unter der „göttlichen Gewalt“ stehe. Die Gewalt des Papstes habe ihre Grenze am Endzweck, dem sie zu dienen habe. Wenn also ein Papst wie Paul VI. durch seinen Liberalismus der Kirche mehr Schaden zugefügt habe als die Revolution von 1789, so sei ihm die Gefolgschaft aufzukündigen.

Der blinde Gehorsam ist nicht katholisch, niemand ist der Verantwortung enthoben, wenn er Befehle einer vorgesetzten Behörde, und sei es des Papstes, befolgt, obwohl es sich erweist, daß sie dem Willen Gottes widersprechen, den wir aus der Überlieferung mit Sicherheit erkennen können.

Stolz und mutig, der Erzbischof! Aber auch hier: „Es stehet geschrieben“, das allein will er gelten lassen. Was aus dem Inneren der Menschenseele spricht – die Achtung vor der Würde des Menschen und das Streben, ihr durch die Anerkennung der Menschenrechte Schutz zu gewähren – ist dagegen nichts:

Wegen des Abfalls vom Glauben, der in Rom herrscht, müssen wir mitansehen, wie die Seelen in Massen der Hölle zustreben … Der Atheismus beruht auf der Erklärung der Menschenrechte. Die Staaten, die sich seither zu diesem offiziellen Atheismus bekennen, befinden sich in einem Zustand dauernder Todsünde … Mit Recht können wir daher sagen, daß sich diese Massen zur Hölle hinabbewegen.

Und so predigt eine wie die andere Ideologie-Gruppe von ihrer „Wahrheit“, die ihr in „Heiligen Schriften“ überliefert ist, will die eigene Wahrheit durchsetzten und reißt Brücken ab zu denen, die sich ihr nicht unterwerfen wollen.

In Deutschland und Österreich müssen sich die Gerichte mit jährlich über tausend Menschen beschäftigen, die angeklagt sind, sich öffentlich dazu bekannt zu haben, an die Tötung von 6 Millionen Juden in Gaskammern deutscher KZs nicht zu glauben. Nach deutschem Strafgesetzbuch – §130 – gilt das als Tatbestand der „Volksverhetzung“.

Hier wird also ein Nichtglaube sowie die Überprüfung (Revision) geschichtswissenschaftlicher Aussagen strafrechtlich verfolgt. Auch hier soll „Geschriebenes“ wie „eherne, ewiglich“ geltende Wahrheit bestehen bleiben. Wie zu Zeiten der Inquisition werden Abweichler aus dem Verkehr gezogen. Was hat ein Maulkorb-Paragraph mit dem demokratischen Recht auf freie Forschung und Meinungsäußerung zu tun? Welche ideologische Interessengruppe steht dahinter?

Brücken der Verständigung lassen sich nur in Freiheit bauen. Glücklicherweise gibt es überall die Selbstdenkenden, die über den Lagern stehen, so z. B.

Geoffrey Alderman.

Er schrieb am 30.10.2008 im Jewish Chronicle:

Es ist die Aufgabe der Historiker, zu prüfen, zu bestreiten und, falls nötig, das geschichtliche Wissen der Gesellschaft zu korrigieren. In diesem Verfahren sollte der Staat keine Rolle spielen, in keinster Weise.

Für DemokratInnen eigentlich eine Selbstverständlichkeit, Frau Knobloch!

Die deutsche Justizministerin

Brigitte Zypries

aber will das „Leugnen des Holocaust“ und den „Antisemitismus“ nun sogar europaweit unter Strafe stellen. Das verbittet sich Gerard Menuhin, der Sohn des berühmten jüdischen Geigers, als ein wirklich judenfeindliches Unterfangen. Denn sie scheine mit ihrem Juden-Beschützer-Syndrom davon auszugehen,

wir litten unabwendbarerweise an „jüdischer Paranoja“ … Für wie realitätsfern halten Sie uns eigentlich? Trotz der täglichen Angstmacherei durch unzählige mit Antisemitismusüberwachung und -bekämpfung befaßte Stellen fühlt sich wahrscheinlich keiner der (von der Jewish Virtual Library 2005 zurückhaltend auf 1.121.000 bezifferten) Juden in EU-Europa von Holocaustleugnern bedroht. Von Einbrechern vielleicht. Von Ihrem Großen Lauschangriff möglicherweise, der Ihnen immerhin den „Big Brother Award“ 2004 einbrachte. Aber nicht von Holocaustleugnern.

Daß die Herabminderung der Opferzahl die jüdischen Herzen beleidigt, kann ich angesichts z. B. der Herabminderung der Opferzahl des Angriffs 1945 auf Dresden nur zu gut verstehen. Ebenso schneidet es mir ins Herz, in ein deutsches Herz also in diesem Fall, wenn den Ostvertriebenen hämisch die Schuld an ihrem erlittenen Unglück und Elend zugeschoben wird, und das von Deutschen!

Dazu ein anderer Jude, Victor Zander, der am 4.9.03 in einem Leserbrief an die FAZ seinen Abscheu vor solchem Tun bekundete:

Es ist fatal: Die Deutschen sehen nie den eigenen Schmerz, sondern immer nur den Schmerz anderer.

Er bezieht sich auf die Leiden der vielen Millionen Deutschen im und nach dem 2. Weltkrieg, an die hierzulande zu erinnern bedeutet, Gefahr zu laufen, in die Schublade mit der Aufschrift „Pariatum Rechtsextremismus“ geworfen zu werden:

Wie weit muß ein Volk seine Würde verloren haben, daß es nicht mehr den Anstand hat, zu seiner Geschichte zu stehen. Wie schrecklich ist das Fühlen eines Volkes, das es nicht wagt, seine Toten zu beweinen! Deutschlands Regierung und die angeblichen Vertreter verweigern ihm noch 58 Jahre nach dem ostdeutschen Genozid die Trauer um Millionen Tote und Vertriebene. Es darf nicht einmal historisch aufgearbeitet werden, was vor 58 Jahren an Mord, Vergewaltigung, Vertreibung und sonstigem Elend über ein Drittel des Landes hereinbrach. War das Wüten der Sieger so furchtbar, daß die Greueltaten unausgesprochen bleiben müssen? Wie Kleinkinder befragen deutsche Repräsentanten ihre Nachbarn, ob sie erlauben, daß und wie Deutsche ihre Opfer beklagen. Jene, die für den Massenmord und die Vertreibung im Osten Deutschlands Mitverantwortung tragen, sollen ihre Zustimmung geben, wie das deutsche Volk mit seinen Toten und deren Angehörigen umgeht. Wo bleibt das Schamgefühl?

Wie wahr! Welche Brücken schlagen hier frei und normal denkende Juden!
Es nützt nichts, Herr Lefebvre, die „satanischen“ Menschenrechte, die Geistesfreiheit, das Über-den-Ideologien-Stehen und der aus der Menschenwürde geborene Anstand allein sind es, die die Menschen befähigen, Brücken zu schlagen und Mauern niederzureißen.

Ideologien aller Couleur und ihre PriesterInnen sind von gestern. Den Menschenrechten gehört die Zukunft.

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