Einmal Wagner und zurück – oder: „2/3 Parsifal“
Sonntag, 23. August 2026 von Adelinde
Ein Einblick in die neue Bayreuther Festspielwelt, dargestellt in selten hochwertiger Schriftstellerkunst, die sich eines selbsterlebten Niederganges deut-scher Kultur annimmt in einem „Reisebericht“:
Ernst Cran
Donnerstag, 20. August 2026, ein Ausflug auf den „Grünen Hügel“ nach Bayreuth. Eine äußere wie eine innere Reise.
Die äußere: Gut 120 km Strecke, knapp 1,5 Stunden Fahrzeit, Ankunft um 15 Uhr – eine Stunde vor Beginn der Aufführung. Versorgt mit festem und flüssigem Proviant; man will ja nicht ohne Not auf die Festspiel-Brat-wurstsemmel für 8,50 € oder die 0,1 l Pfütze Schampus für 13,- € zurückgreifen müssen. „wahnfood“ heißt das hier – „foodwahn würde auch passen. Auch „RICHARD’S SPRITZ LOUNGE“ stünde zur Auswahl; es ficht mich nicht an.
Vor dem Eingang ins Festspielhaus hat der Meister die Begegnungen mit so manchen der anderen 1.935 Karteninhaber*innen mehrer-lei „Geschlechts“ gestellt. Was wollen die hier nur alle? Was hat die denn hierher gerufen?
Ausstellungsstücke sind dabei, die wegen Unzumutbarkeit in jeder Geisterbahn als Kulisse abgelehnt worden wären. Männlein auf Weiblein umdekoriert in grellsten Stoffen und Mustern – lesbophile Greise mit grauem Schweif im Sommerröckchen, Gliedträger im besten Mannesalter im Spitzenröckchen, Frau und Tochter an der Seite.
Dazu das gockelnde Stolzieren jener, die ihre homoeske Ausrichtung alleine schon durch Gangart und Nasenhaltung kundtun. Ganz zu schweigen von all den gnadenfreien Exzentri-kern, die anscheinend aus zeitlos bestückten Kleiderschränken alles herausgewühlt haben, was mal wieder an die Luft muß; mancher scheint dem Meister wohl noch selbst die Hand geschüttelt zu haben, so fernab der Gegenwart wähnt seine Leibbestoffung.
Ein paar „Normale“ sind auch zu sehen: Die Schwarzen mit den weißen Hemden, garniert mit Fliege in dezentem Dunkel. Dazu die ein-farbigen Damen mit mehr oder weniger Schulterbedeckung – gleich welchen Falten-wurfes der Haut. Und die nicht zu wenigen, die das heutige Ereignis für ein Grillfest oder einen sommerlichen Plausch zu halten schei-nen; legerer geht’s auch im Freizeitpark nicht zu …
Dies alles flankiert den ausweiskontroll-gesicherten und kartenpersonifizierten Eingang in die Heilige Halle. Der Weg hinauf in den 2. Stock hat viele Stufen. Oben im Balkon rechts, Reihe 2. Polstersitze statt Holzgesäßdruck. Fast freier Blick auf die Bühne – von ein paar Sehverrenkungen um die Hochföhnfrisur der voran sitzenden Dame herum mal abgesehen.
Stille. In den wenigen Momenten vor Beginn des Bühnenweihfestspiels öffnen sich innere Räume: Man kam ja nicht ohne Vorbereitung und ohne Vorabinformationen hierher. Man hatte ja davon gehört, daß diese Inszenierung vor grellem Licht und drängender Buntheit nur so strotzen würde – und dazu filmische Projektionen über alles Maß hinaus.
Man hatte im Weltnetz davon gelesen, daß Zuschauer eben gerade das Zuschauen nicht mehr aushielten und kollabierten – nicht nur wegen der Hitze!
Es war ja bekannt, daß sich hier (wieder ein-mal) jemand in der Inszenierung austoben und am Meister reiben durfte; dieses Mal ein Amerikaner, Jahrgang 1969, spezialisiert auf „Gegenwartstheater, das auf improvisations-reichen Life-Performances beruht“ (Programmheft Bayreuth).
Zum letzten Mal nach der Premiere 2023 soll nun also seine Inszenierung von „Parsifal“ über die Festspielhaus-Bühne gehen. Im Interview des Nordbayerischen Kuriers vom 19. August 2026 hatte Regisseur Jay Scheib über seinen letzten Bayreuther „Parsifal“-Sommer gesprochen,
„die Möglichkeiten von KI, die Wunden unserer Zeit und ein Publikum aus Robotern“.
Alleine der letzte Begriff läßt das Blut in den (menschlichen) Adern gefrieren. Was will der eigentlich? Will der wirklich mich? Wir werden sehen …
Kurz vor dem Öffnen des Vorhangs geschieht das Unerhörte: Nach den ersten drei Tönen verschwindet alles, was nicht Wagner ist, aus den Sinnen, aus dem Raum, aus der Wirklich-keit. Diese ersten Töne alleine tragen schon durch bis zum Schluß. Sie definieren Maß und Rahmen, Inhalt und Wertigkeit von allem, was das Festspielhaus nun füllt. Hell oder dunkel, voll oder leer, dynamisch oder statisch auf der Bühne – es spielt keine Rolle.
Alleine die Tondarbietung zählt. Man kann die Augen schließen und mit Wagner alleine sein! Es ist das innerste Seelenvibrieren, das hier zum Tragen kommt. Das Ergriffensein von dem Geschaffenen, welches nicht wirklich aus dem Eigenen kommt und stammt. Es ist das Erhabene, das sich jeder Gegenwart entzieht. Jeder!
Mit offenen Augen bietet sich im ersten Auf-zug eine spärlich bestückte Bühne. Die Grals-burg. Im Grunde wohltuende Raumleere, auf der die wenigen Requisiten wahrlich zeitlos zur Geltung kommen.
Wäre da nicht das mit einer überdimensio-nalen Leinwand verkleidete hintere Bühnen-halbrund. Diese Leinwand füllt sich im Laufe der Handlung mit ebenso übergroßen leben-den Bildern einer klaffenden Leibwunde und derer handschuhfreien Versorgung und Vernähung.
Es dauert wahrlich lange, bis der Blutfluß von Amfortas so einigermaßen gestillt wird. Be-gleitend: Ein im bleichen Dress gekleideter Mann mit Kamera läuft filmend über die Bühne und liefert zusätzliche Nahbilder des Bühnengeschehens. Wohin blicken? Auf die handelnden Personen oder auf die Leinwand? Das Auge ist irritiert, doch es wird – noch – geschont.
Der 2. Aufzug räumt mit jeder Gnade auf: Die Bilder geben Gas, die Farben sprengen jegli-ches Maß, die Figuren wühlen und wälzen sich zwischen geköpftem Opfer und heillos sich windendem Parsifal durch den Raum.
Im (unterseeischen?) Reich von Klingsor – in der Höhle der Verführung und Versuchung, in der Hölle der Sinnlichkeiten brechen alle Dämme. Licht und Großbilder greifen nach den Sinnen, zehren sie aus, entmündigen sie!
Was KI hier abschießt, kann kein Menschen-hirn ertragen! Die Zauberweiber – jeglicher Haar- und Hautfarbe – dürfen schier hüllen-los nach Parsifal greifen. Verstärkt durch die final angreifende Kundry, mit der sich dann ein sich immer wieder neu entzündender Gesangsdialog entspannt.
Parsifal auf dem Weg der Erkenntnis seiner selbst und seiner Bestimmung. Vorab noch zwei der Kameramänner, die in Einzelge-schehnisse der Bühne hineinfilmen und sie überüberlebensgroß auf die Leinwände bringen.
Das Auge? Es weiß nicht, wohin. Immer wieder zieht die Leinwand es in sich hinein, weg von den verschwindend winzigen Büh-nenfiguren, die sich da auf den die Welt bedeutenden Brettern abmühen.
Die Versuchung ist zu groß, immer wieder muß ich hinsehen, in das mächtige Flache – und weg vom kümmerlich menschengroßen körperlichen Realgeschehen. Zweidimensio-nal statt dreidimensional.
Es ist wie bei einem Rock-Konzert, wo die Stars hinter ihrer Leinwandgröße schlicht verschwinden; Broadway auf dem Grünen Hügel. Nur gut, daß hier nicht auch noch alles aus dem Saal heraus per Flachtelephon abge-filmt wird. Eine Kanonade von Lichtimpulsen, zermürbend und verstörend. Hauptsache deftig und grenzüberschreitend. Klingsors Reich geht unter, Parsifal war nicht verführbar!
Das Ende des 2. Aufzugs ist auch das Ende der äußeren Reise zu Wagner! Ich bin ja nicht alleine hier. Meine Gattin sitzt neben mir – durch einen schmalen Gang von mir getrennt. Sie ist seit Längerem gesundheitlich ange-schlagen. Die Karten aber waren bestellt – und nun diese Reise. Sie hat durchgehalten – auch die vielen Stufen hinauf.
Dieser 2. Aufzug aber hat sie erschöpft. Die Aufprallheftigkeit all der Licht- und Farbim-pulse war zu dicht. Sie ist am Ende. Wir brechen ab. Die Reihen haben sich schon zur Pause gelichtet, wir warten noch ein paar Momente.
Schon fordert uns die wachhabende junge Dame auf, den Saal zu verlassen. Ich erkläre die Situation. „Möchten Sie eine Ärztin?“ Möchten wir nicht. „Möchten Sie einen Schluck Wasser?“ Möchten wir. Im Gang auf einem Klappstuhl ruht meine Frau aus. „Das kommt bei dieser Aufführung häufig vor“, erklärt uns die Türwächterin. „Das ist wegen der Reizüberflutung“, fährt sie fort. Ich weiß Bescheid.
Draußen suchen wir uns eine ruhige Stelle, während alles zu den Tränk- und Fütter-stellen strebt. Eine „Zigarette danach“. Und der Entschluß: Wir fahren heim. Der 3. Auf-zug findet ohne uns statt.
Und ich? Habe ich ab jetzt etwas verpaßt? Fahre ich ohne den ganzen Wagner zurück? Mir fällt Parsifals Entscheidung ein: Er ent-geht der Versuchung, er entflieht der Ver-führung – um der Erlösung willen, um der Beendigung des Leides willen.
Darf ich diesen Gedanken weiterdenken? Darf ich mir sagen: ‚Ich entgehe der Verführung, um alles in der Welt den 3. Aufzug noch se-hen zu wollen; statt dessen beende ich das Leiden meiner Gattin, die nur noch eines will: Nach Hause!
Man hätte sie womöglich „fitspritzen“ können, man hätte sie während des 3. Aufzugs an geeigneter Stelle rasten lassen können. Und ich wär da oben gesessen – immer mit einem halben Herzen oder mehr bei ihr – und nicht bei Wagner. Zwei halbe Sachen sind nicht immer eine ganze!
Es ist gut so. Um 22 Uhr sind wir wieder daheim – just in jenen Minuten, in denen in Bayreuth der Vorhang fällt und die Applaus-Orgien beginnen …
Die äußere Reise ist zu Ende. Und die innere? Sie hat ihre Krönung längst erfahren, auch ohne die Inthronisation Parsifals. Sie hat ihre Fülle längst ausgeschöpft; der Gral ist wieder und weiterhin in Kraft.
Und dieses Eine ist – schon seit den ersten 3 Tönen des Bühnenweihefestspieles – unver-brüchlich klar: Wagners Werk widersteht allen Entstellungen, allen Verderbtheiten, allen Verunstaltungen. Wagner widersteht allen und allem!
Er ist da und bleibt da – in jedem seiner Klänge, die er in diesen – eigens für Parsifal geschaffenen – Raum hineinschickt. Kein Dirigent, kein Regisseur kann daran rütteln. Es ist eine Pilgerreise, wenn es eine rechte Reise ist. Alles andere ist verzichtbar.
Ich habe den Herzensatem dessen und derer gespürt, die Wagner heute als Instrument gedient haben. Ich habe das inhaliert und in meine seelischen Kapillare strömen lassen. Dort bleibt es beheimatet – bis der nächste pilgerliche Atemzug es weiter bereichert.
Von dem römischen Philosophenkaiser Marc Aurel (161-180) habe ich folgenden Gedan-ken über die Entwicklung der Theaterkultur seiner Zeit kennengelernt:
„Zuerst brachte man tragische Schau-spiele auf die Bühne, um an den Lauf des Schicksals zu gemahnen, zu zeigen, daß es so kommen mußte, wie es kam, und daß man sich über die Dinge, die uns auf der Bühne in eine gehobene Stimmung versetzen, nicht aufzuregen braucht, wenn sie uns auf der größeren Bühne des Lebens begegnen.
… Nach dem tragischen Schauspiel kam die alte Komödie auf die Bühne, die durch ihren Freimut die Zuschauer erzog und sie gerade durch die offene Sprache mit besonderem Erfolge an schlichte An-spruchslosigkeit gemahnte …
Zu welchem Zweck brachte man nach der alten die mittlere und schließlich die neue Komödie auf die Bühne, die bald zu jener Kunstrichtung entartete, die das Leben lediglich kopiert? Es lohnt sich, darüber nachzudenken“ („Selbstbetrach-tungen“ XI, 6)!
Das Leben lediglich kopieren – darin er-schöpfen sich die „Künste“ jener, die auf Effekt statt auf Verstehen setzen, auf Krawall statt auf Verständlichkeit, auf Flachheit statt auf Tiefgang, auf Ruhm statt auf Heilung.
Auf einer Parkbank vor dem Festspielhaus sagte ein älteres Ehepaar in der zweiten Pause ob des eben Erlebten zueinander:
„Da hätten wir auch gleich fernsehen können!“
Das nenne ich Weisheit. Danke, Richard Wagner – für den Unterschied – und auf Wiedersehen!