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Tangaloa – das große Sehnen

Wer kennt es nicht, das große Sehnen

nach dem fernen Geliebten, das Sehnen nach Widerhall, Freundschaft, Liebe, das große Sehnen nach Heimat, Harmonie, nach Vollkommenheit, Vollendung, das Sehnen nach Schönheit, Erkenntnis, Gerechtigkeit und Freiheit?

Was ist die Trauer anderes als das gemütstiefe Sehnen nach Verweilen eines Vergangenen, das einst Heimat bedeutete?

Was ist dieses große zehrende Sehnen? Wohin führt es uns? Lebt es in allen Menschen? Lebt es auch in der übrigen Schöpfung? War es gar der Antrieb zum Werden in der gesamten Schöpfungsgeschichte des Alls?

Das große Sehnen – Tangaloa –

schuf die Welt, antwortete auch Kifanga, die samoanische Häuptlingstochter von Fangatonga auf die Frage ihres deutschen Freundes Emil Reche. (1)

Und wer war es, der sich sehnte?

fragte der Deutsche sie weiter.

Das große Sehnen war es. – Und wonach sehnte es sich? –  Sich selbst zu schaffen … sich selbst zu singen in tausendfältigem Akkord.

An anderer Stelle sagt sie ihm die Weisheit über das Göttliche:

Es ist ewig, aber nicht ein Ewiges. (2)

Wie der Gesang, die Musik ein Gleichnis des Ewigen ist, das von der Veränderung, vom Wandel lebt, so offenbart sich auch das Ewige nicht als ein Ewiges, ehern Unwandelbares, sondern zeigt sich als Lebensstrom in unendlicher Mannigfaltigkeit seines Ausdrucks.

Ein Volk in der Einheit seiner Urkultur

Mit den Samoanern stellt uns Emil Reche in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Volk vor, das damals noch ganz seiner eigenen, in Jahrtausenden entwickelten Urkultur lebte, obwohl christliche Mission und europäische Zivilisation durch die Kolonialmächte Deutschland und Großbritannien auch in Samoa schon ihr Zerstörungswerk begonnen hatten.

Buchtitel Kifanga

Titelbild des Buches von E. Reche

So haben wir das Glück, durch einen deutschen Zeitzeugen lebendigen Einblick zu erhalten in die Kultur eines noch lebenden Urvolkes, ohne uns wie bei untergegangenen Kulturen anhand von kläglichen Überresten, die wir aus der Erde kratzen, oder spärlichen Zeugenberichten mit viel Phantasie Bilder zusammensetzen zu müssen, die, durch die Brille unserer Vorurteile gesehen und gezeichnet, wahrscheinlich mit der gewesenen Wirklichkeit nicht viel gemein haben.

So berichtet Emil Reche, das Volk der Samoaner meine,

daß die geistigen Kräfte sich über das Weib vererben, daß sie also die Tochter in der Geschlechterfolge weitergibt, und so wird denn nach Landessitte der Häuptlingsrang in der weiblichen Linie vererbt.

Das erinnert ihn an Berichte wie vielleicht die von Tacitus über die einst hohe Stellung der Frau bei unseren germanischen Vorfahren, die auch die Weisheit der Seherinnen hoch achteten:

War’s nicht, wie in der Väter längstvergangener Zeit, die ihren Gottgedanken nicht in steinerne Tempelmauern noch in rauschender Kirchenzeremonien äußerliche Pracht hineinzwängen mochten? Die ihr sehnendes Herz hinaustrugen in das tiefe Schweigen ihrer heiligen Eichen und ihrer dunklen Wälder stille Einsamkeit. War’s nicht wie einst, daß wir’s empfanden: Die tiefere Innigkeit des weiblichen Gemütes, wo Innigkeit allein nur fühlt, was einzig nur zu fühlen ist? Daß wir’s empfanden als etwas Heiliges um das rechte Weib …

Der später sich durchsetzende Patriarchalismus verschüttete dieses Empfinden. Im Mantel der abrahamitischen Religionen brachte er eine andere Sicht auf die Frau.

Samoa aber war um 1920 herum von diesen Religionen – zumindest in der Person der Häuptlingstochter Kifanga – noch unversehrt. Kifanga weiß trotz ihrer Jugend schon zu sagen:

Tangaloa, das große Sehnen, sehnte sich nach sich selbst, will sich selbst schaffen, sich selbst singen.

Die Häuptlingstocher wählt ihren Gatten

Reche erklärt seinem deutschen Gesprächspartner:

Die Häuptlingstochter wählt sich also den Gatten und nach Art ihrer Erziehung und den herrschenden Anschauungen im Elternhaus gemäß immer nur den kühnsten, tapfersten, geistig und körperlich hervorragendsten Mann, wobei die Wahl bei der vorhandenen gleichen Erziehung und Weltanschauung auf der anderen Seite meist auf den Sohn eines benachbarten Häuptlingsgeschlechtes fällt.

Die sogenannte Ebenbürtigkeit ist aber keineswegs ein etwa bestehendes Familiengesetz, wie bei unseren deutschen Fürstengeschlechtern; sie … hört auf, wenn den Häuptlingssöhnen sich ein Mann aus dem Volke in den geforderten Eigenschaften überlegen erweist. Das ist immerhin selten, aber die Häuptlingstochter hat freie Wahl.

Der Samoaner vermeidet dadurch die Führerschaft eines nicht gut geratenen Sprosses aus herrschendem Hause. So werden Sie die der Häuptlingstochter von allen Seiten entgegengebrachte Achtung und die Hochachtung des Samoaners vor dem Weibe überhaupt als Trägerin der Erbeigenschaften seines Volkes verstehen.

Das samoanische Weib ist tabú, das heißt unantastbar an Leib und Leben, und so sind daher die jungen Mädchen die durch heiliges Recht von Freund und Feind in gleicher Weise geschützten Sendboten zwischen den einzelnen Stämmen und Parteien in Krieg und Frieden.

Von einem solchen Garten Eden können wir hierzulande nur träumen, wir sind längst daraus verstoßen!

Tangata

Die Samoaner nennen sich Tangata,

das Ich der Ichheit – das Einzelne der Einheit im Selbstbewußtsein (des Göttlichen).

Sie empfinden sich also als gottdurchdrungen, als Teil des Göttlichen, des großen Sehnens nach sich selbst. Welche Weisheit eines „primitiven“ Urvolkes!

Die europäischen Völker haben einen jahrtausendelangen Weg durch Fremdreligion, Glaubenszwang, Denksperren, Gottlosigkeit und Materialismus zu wissenschaftlichem Forschen der Erscheinungwelt bis an die Grenzen der Möglichkeiten vernunftmäßigen Erkennens zurückgelegt, ehe nun – wenn auch wohl nur vereinzelt – auch hier Menschen nachzuempfinden vermögen, was Kifanga von ihrem Gotterleben schildert.

O, Ihr lieben, guten Deutschen! Ihr und wir – wir gehören ja doch zueinander,

begeisterte sich Kifanga allerdings dem mitschwingenden deutschen Freund gegenüber. Sie muß Seelenverwandtschaft erspürt haben.

Der Einäugige im Felsgestein (Elisabeth Neumann-Gundrum, Europas Kultur der Großskulpturen)

Zwiegesicht im Felsgestein (Bilder: Elisabeth Neumann-Gundrum, Europas Kultur der Großskulpturen)

Zwigesicht im Felsgestein

Europäer wußten ja auch einst, wie die isländischen Sagas und die Großskulpturen der Megalithkultur bezeugen, bereits in der Steinzeit um das „innere Auge“, das das Wesen der Schöpfung erschaut.

Sie schufen Skulpturen von Menschen mit dem seherischen Blick in die Ferne, wobei nur ein Auge – das nach außen in die Welt schauende, das Auge der Vernunft – in natürlicher Form, das andere – nach innen gerichtete, das Auge der Wesensschau – als helle, sternförmig gemusterte Scheibe dargestellt wurde. Dabei wurden naturgegebene Formen an Felswänden durch Bearbeitung mit Werkzeugen verdeutlicht. (3) Auch diese Urvölker scheinen erfüllt gewesen zu sein vom großen Sehnen des Ewigen nach sich selbst, in dessen Einheit sie sich als Teil erlebten.

Ganz anders

die abrahamitischen Religionen!

Sie lehren die Völker die Gottesfurcht, das Gegenüber zu einem personifizierten „Gott“ außerhalb der Schöpfung. Als anmaßende Selbstüberhebung wird angesehen, wenn jemand behauptet, aus sich heraus das Göttliche erleben und erkennen zu können. Diese Religionen lehren die Menschen, sich als Nichtswürdige vor JHWH bzw. Allah in den Staub zu werfen und demütig auf Hilfe und Erlösung zu hoffen. Die europäischen Völker haben sich jedoch von dieser Extremform schon wieder weitgehend entfernt.

Wie wir Heidenkinder findet auch Kifanga:

… wir verstehen euch nicht, wenn ihr von euren Göttern redet, die keine Menschen sind und doch den Menschen gleich denken, fühlen und handeln – die allmächtig, allgütig und weise, eine Welt mit Menschen schufen, um sie darnach aus ihrer und ihrer eigenen Unvollkommenheit wieder befreien oder, wie ihr es nennt, erlösen zu müssen. Wir verstehen das nicht.

„Verlorenes Heidenkind!“ lautete das Urteil des christlichen Missionars.


1. Emil Reche, Kifanga – Ein Lebens- und Sittenbild des Volkes unserer ehemaligen deutschen Kolonie Samoa, 1924

2. Emil Reche, Tangaloa, 1926

3. Elisabeth Neumann-Gundrum, Europas Kultur der Groß-Skulpturen

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