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Ilse Behrens (4)

Alexandria, die ukrainische Helferin der Deutschen

Ilse Behrens ist dem Tod noch einmal von der Schippe gerutscht. Mit knapper Not hat sie ihre Typhus-Erkrankung überwunden. Nun ist sie so entkräftet, daß sie nicht auf den eigenen Beinen stehen kann.

Stalingrad Ende 1942.

Die Ukrainerin Alexandria, die wie viele ihrer Landsleute die Deutsche Wehrmacht als Befreierin von der Schreckensherrschaft des Stalinismus begrüßt und sich ihr angeschlossen hat, unterhält sich mit Ilse Behrens.

Sie ist von Charkow mit der Einheit in die Steppe gezogen. Sie hat den ganzen mühevollen Einsatz bis heute mit scheinbar unerschöpflichen körperlichen Kräften, zuverlässig und unverdrossen mitgemacht und steht nun vor der Frage, was mit ihr und all den treuen Helferinnen aus der Ukraine geschehen soll, wenn wir zurückgehen müßten.

Aber ihr junges Gesicht zeigt keine Sorge. Sie plaudert in einem bezaubernden Deutsch-Russisch – (wie schnell sie alle Deutsch gelernt haben) kindhaft und eifrig mit mir. Ganz besonders gilt ihr Interesse Deutschland und immer wieder Deutschland. Oh, oh, ihr ganzes Gesicht ist ein einziges Staunen, ihre Augen lassen – groß und glänzend vor Spannung – nicht von meinem Gesicht los, wenn ich ihre tausend Fragen nach Deutschland zu beantworten versuche.

Eine große Vorliebe hegt sie für mein Nähetui aus rotem Leder. Scheu und bewundernd streichen ihre Finger darüber hin: “Was ihr in Deutschland alles habt!” Ich möchte es ihr schenken – “zum Abschied, Alexandria!” Oho, ich komme aber schön an. Ihre Augen blitzen, und sie weicht fast bis zur Tür zurück: “Njet, njet!” Und ich bin ganz verlegen.

“Alexandria, wirst Du mit uns laufen, wenn Deine Leute kommen?” “Nix meine Leute!” Sie hat schon wieder böse Augen. Ich frage: “Sag, kommst du mit?” “Ich weiß nicht!” Sie zuckt die Achseln und blickt rätselhaft zum Fenster hin. “Sie werden Euch etwas tun, weil Ihr uns geholfen habt!” dringe ich in sie. Ihr Mund krümmt sich leicht, Verachtung? Ratlosigkeit? Sie atmet tief: “Nitschewo!” Wieder ein leises Achselzucken, dann läßt sie ihre Arme fallen und steht mit ihrem leicht zur Seite geneigten Köpfchen unendlich verloren und fremdartig im Raum. Ach kleine Alexandria! (…)

13. Dezember 1942

Das Wetter ist immer noch trübe und neblig, und die Luftwaffe kann nicht in die Erdkämpfe eingreifen. Gibt es noch eine Hilfe für uns – für Stalingrad? Feldmarschall Paulus soll auch in dem Kessel sein. Wie mag es wohl in Deutschland aussehen?

Wenn ich doch bald fahren könnte.

Seit September haben wir keine Post mehr bekommen.

Nachts.

BuchtitelIch bin von einem seltsamen Geräusch aufgewacht, das von der Straße herkommen muß. Es hält nun schon seit Stunden an, und ich kann mir nicht erklären, was es bedeutet. Irgendetwas Beunruhigendes, Unheimliches geht davon aus. Das klingt wie das Schaben vieler Füße. Ich kann nicht wieder einschlafen. Meine Kerze blakt. Wenn nur erst Tag wäre. –

14. Dezember.

Mein Gott, das waren Rumänen heute nacht! Rumänen, die rannten, rannten, als folgte der Russe ihnen unmittelbar auf den Fersen. Irgendwo vorn muß eine Panik ausgebrochen sein. Vemutlich ist dem Russen ein Durchbruch gelungen, und nun jagen sie um ihr Leben. (…)

Es ist noch ein Lazarettzug durchgekommen. Wir sollen noch im Laufe der Nacht verladen werden, damit der Zug nach Möglichkeit vor dem Hellwerden wieder abfahren kann. Nun kommen wir doch noch fort. Aber das Lazarett! Der Stabsarzt war noch einmal bei mir. Ich bedankte mich zum dritten Mal, und er wünschte mir nun schon dreimal “alles Gute”.

Neben der Überbelastung, Sorge und Spannung lag Güte auf seinem Gesicht. Er hatte sich schon zur Tür gewandt, da kam er noch einmal zurück: “Schwester Ilse, wir möchten Sie wieder anfordern, wenn Sie ganz gesund sind natürlich, und sich gründlich erholt haben. Wollen Sie zu uns zurückkommen?”

Zurückkommen? Ich habe noch nicht ein einziges Mal daran gedacht, wie alles weiterlaufen wird, wenn ich wieder gesund bin. Meine Gedanken waren seit Wochen nur an eine einzige Sorge fixiert, wann komme ich nach Deutschland? Und nun fragte der Stabsarzt mich, ob ich einmal zur Einheit zurückkehren wolle!

Ich streifte mit einem schnellen Blick sein Gesicht. Er sah alt und gelb aus. Alle seine Sekunden des Tages gehören den kranken Soldaten und Schwestern. Ich dachte an Dr. P., der seine Leute nicht im Stich lassen konnte, an Leni, die selbstverständlich zurückkam, an alle Schwestern, die hier unerschütterlich auf dem Posten standen und mir während meiner Krankheit noch erhöhte Fürsorge und Herzlichkeit entgegen brachten. Ja, die mir mit der einfachen Geste echter Kameradschaft ihre letzten Kostbarkeiten opferten.

Plötzlich wußte ich, daß mich alles, was geschehen war, nun mehr mit der Einheit verband als nur die gemeinsame Lazarettabteilung und Feldpostnummer. Ich sah den Stabsarzt ruhig an und war ganz ehrlich, als ich sagte: “Ja, bitte fordern Sie mich wieder an.” Er reichte mir nun endgültig zum letzten Mal die Hand und ging dann schnell hinaus. Mich aber packte so etwas wie ein Abschiedsschmerz.

15. Dezember, im Lazarettzug.

Wir fahren!

Aber was war das für ein entsetzlicher Start. Die Verwundeten waren schon zum größten Teil verladen, und ich lag mit einer Diphterie-Rekonvaleszentin zusammen in einem Abteil. Wir blickten ungeduldig und unruhig zum Fenster hinaus auf den Bahnsteig. In der Luft klang das Surren von Fliegergeräuschen. Wir wußten nicht, waren es eigene oder feindliche Flieger.

Auf dem Bahnsteig herrschte die übliche Unruhe, die einmal zu Abtransporten gehört. Doch erschien sie heute gesteigert durch eine rastlose Nervosität des Zug- und Sanitätspersonals. Die Dienstgrade rannten mit erhitzten Gesichtern und dampfendem Atem, keuchend und schleppend hin und her. Die Sanitätsoffiziere gaben mit tiefernsten Gesichtern letzte Anweisungen. Ihre Bewegungen verrieten Hast und Spannung.

Am Ende des Bahnsteigs war ein großes Zelt aufgeschlagen. Es war angefüllt mit Verwundeten aus Stalingrad, die vor Stunden aus dem Kessel herausgeholt worden waren und nun hier gleich weiter verladen werden sollen. Darauf warteten wir noch.

Da – plötzlich, Einschläge! Also doch feindliche Flieger! Sie überflogen anscheinend den Flugplatz in verhältnismäßig geringer Höhe und mußten uns bald entdeckt haben. Eine verzweifelte Angst ließ uns die Köpfe in die Polster pressen: Lieber Gott, flehten unsere Herzen, nicht das noch in letzter Minute!

Und dann ein naher Einschlag – klirren von Scheiben, ein bebender Bahnsteig – Totenstille -, und dann Aufschreie so durchdringend und grauenhaft, daß ich sie wohl in meinem Leben nicht wieder vergessen werde.

Fast zur gleichen Zeit ging ein Ruck durch den Zug. War das möglich? Er fuhr einfach ab. Aber vielleicht wollte er nur aus dem Bahnhof heraus, um den Bombern als feststehendes Ziel zu entgehen. Doch sein Tempo wurde immer größer. Er raste davon, als hätte er die Verwundeten in dem Zelt vergessen und wollte nicht mehr zurückkehren.

Ach, der Zug fuhr immer weiter und weiter. Die Flieger blieben zurück. Er brauchte nicht wieder umzukehren. Eine Bombe fiel in das Zelt der gerettenten Stalingrader Soldaten.

(…)

Lublin, den 23. Dezember.

Hier sind wir nun also ausgeladen, und es gelang mir nicht zu entkommen. Ich bin Patientin eines heftig gekränkten Reservelazaretts. Heftig gekränkt, weil wir uns zu unserer Abreise kurzsichterweise einen Zeitpunkt in Rußland aussuchten, der nun das Lazarett mit seinen Weihnachtsvorbereitungen in Kollisionen bringt. So ein Reservelazarett hat seine eigene Atmosphäre – zunächst ist sie für mich noch undurchdringlich und überaus befremdend.

Aber – ich werde überschüttet mit Äpfeln und Schokolade. Mein Gott – Schokolade und Äpfel – mein Gott! Außerdem gibt es Bohnenkaffee, schwarzen Tee, Omelettes aus richtigen Eiern, und Geflügel. Ich kann haben, was ich mag. Und ich mag nichts. Ich blicke niedergedrückt zum Fenster, auf die fremde Stadt, hinaus, und morgen ist Heiligabend. Sie sollten mich doch ziehen lassen.

Lublin ist eine unruhige Stadt. Unter der scheinbar gleichmütigen Oberfläche des alltäglichen Straßenbildes kocht und brodelt es. Die Ghettos sind voll von Haß und Vergeltungsplänen. Unsichtbare Fäden wirken unermüdlich an einem gefährlichen Netz. Natürlich sind die Polen völlig über die Stalingrader Situation informiert. Die Auswirkungen unserer Niederlage bestimmen die Haltung der polnischen Bevölkrung. Keiner geht gern am Abend allein durch die Straßen. Alle deutschen Frauen sind gewarnt worden, auch am Tage nicht ohne Begleitung hinauszugehen. Viele Deutsche sind schon spurlos und lautlos verschwunden.

Ach, und diese graue lustlose Atmosphäre des Lazarettes! Sie haben doch hier ein durchaus erträgliches Maß an Arbeit, haben Kaffee, Schokolade, Obst und Eier für ihre Patienten. Wenn sie am Schalter knipsen, flammt das Licht der elektrischen Birnen auf, wenn sie den Wasserhahn aufdrehen, läuft frisches, trinkbares Wasser in unbegrenzten Mengen heraus. (Ein Bild, das uns alle einmal in unseren Fieberträumen quälte). Sie haben so etwas wie eine geregelte Freizeit, nie Fliegeralarm und kaum Ungeziefer. Aber niemand ist zufrieden.

Vielleicht kommt das von der Zwitterstellung des Lazarettes. Hier ist nicht mehr die Heimat und noch lange nicht die Front. Und doch umgibt sie ein fremdes und ungastliches Land. Vielleicht ist ihre Unlustigkeit zu begreifen, aber sie dürfte sich nicht so stark den Patienten mitteilen.

Mit unbestimmter Traurigkeit gehen meine Gedanken immer wieder über das bleiche, weite Land zu meiner Einheit zurück. Ich kann es selber nicht begreifen; aber statt froh und dankbar zu sein, daß ich nun hier bin, wünsche ich mir beinahe, dort bei ihnen zu sein. Ich glaube, unser Heimatgefühl wird nicht ausschließlich von der geographischen Umgebung, sondern von der Gesinnung unserer Umgebung bestimmt.

(…)

26. Dezember.

(…)

Der Hamburger D-Zug ist fort. Aber um 24.00 Uhr kommt noch ein Personenzug, der sieben Stunden bis Hamburg fährt. Was bedeuten noch sieben Stunden, wenn man gelernt hat, die Reisedauer mindestens nach Tagen zu berechnen!

Als der Zug herandampft und alles zu den Koffern, Skiern, Karabinern, Ruck- und Seesäcken, Holzkisten und Pappkartons greift, überfällt mich plötzlich tiefste Mutlosigkeit, und mein Herz fängt an zu rasen, niemals wird es mir gelingen, bei dieser Menschenmenge in den ohnehin schon überfüllten Zug hineinzugelangen.

Doch ehe die Wagen noch zum Stillstand kommen, werden die Türen aufgerissen, die Menschenmauer preßt mich in ein Abteil hinein; mein Koffer bekommt einen auffordernden Stoß, und, wie um das Maß der Wunder vollzumachen, jemand zerrt mich auf eine Bank! Und da sitze ich nun in dem überheizten Zuge, der fauchend Berlin hinter sich läßt.

Um mich herum schwirren Hamburger Laute, und der geliebte singende Tonfall dringt durch meine Ohren tief in mein Herz hinein. Ich sehe lauter kräftige, gesunde, gesunde Soldaten. Nirgends ein Verband, eine Brille, ein leerer Ärmel. Sie haben alle heile Glieder, frohe Augen und warme erwartungsfreudige Gesichter. Das gibt es also noch. Das gibt es also wirklich noch – denke ich benommen und glücklich. Und plötzlich bin ich müde, unsagbar müde. Mein Kopf sinkt leise auf die Seite, findet etwas Weiches zum Anlehnen, und ohne, daß ich es recht bemerke, bin ich eingeschlafen.

Als ich die Augen wieder öffne, begegnen mir viele ruhige Blicke, die mich grüßen. Neben mir sitzt ein Soldat stocksteif, und ich bemerke zu meiner Bestürzung, daß mein Kopf an seiner Schulter ruht. Ich bringe ihn verwirrt von dort fort und entschuldige mich. Er aber sagt mit einem stillen guten Lächeln:

“Wer aus Rußland kommt, ist müde!” –

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