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Land der dunklen Wälder
Und kristallnen Seen,
Über weite Felder
Lichte Wunder gehn.

Starke Bauern schreiten
Hinter Pferd und Pflug;
Über Ackerbreiten
Streicht der Vogelzug.

Tag hat abgefangen
Über Haff und Moor.
Licht ist aufgegangen,
Steigt im Ost empor.

Und die Meere rauschen
Den Choral der Zeit.
Elche stehn und lauschen
In die Ewigkeit.

Heimat, wohlgeborgen
Zwischen Strand und Strom,
Blühe heut und morgen
Unterm Friedensdom.
Erich Hannighofer

Es war einmal …

Thomas Engelhardt

gedenkt eines Landesteiles, das – wie andere ost-deutsche Länder – nach den beiden Weltkriegen unserem Heimatland Deutschland entrissen wurde:

„Ostpreußen, das Land der Seen und Wälder“:

Eingangs eine persönliche Anmerkung.

Ostpreußen gehörte, obwohl ich dort keine Vorfahren habe (jedoch in Westpreußen!) seit meiner frühen Jugend mein besonderes In-teresse und, nachdem ich die Altprovinz intensiv bereist hatte (alle drei Teile, Masu-ren, den heute litauischen Teil, das Memel-land, und Nord-Ostpreußen) auch meine besondere Liebe.

Würden die Bundesdeutschen diese viel-gestaltigen Landschaften Ostpreußens kennenlernen, würde ihnen möglicherweise klar werden, was unserem Volk gewaltsam entrissen wurde.

Bis zur Öffnung der innerdeutschen Grenze 1989 wies am Grenz-übergang Helmstedt/Marienborn auf der westdeutschen Seite der Grenze noch ein blaues Autobahnentfer-nungsschild auf Königsberg hin! Die Ent-fernung wurde mit 786 Kilometern angegeben.

Niemand fuhr vor 1989 freilich nach Ost-preußen. Der Oblast Kaliningrad, der nördliche Teil der früheren deutschen Provinz, war in Gänze militärisches Sperrgebiet und für Touristen aus dem Westen so gut wie unzugänglich.

Der Wegweiser am Grenzkontrollpunkt war der einzige seiner Art in der ganzen Bun-desrepublik.

Aber die wenigsten Transitreisenden nach Berlin-West werden diesen Autobahn-Weg-weiser überhaupt wahrgenommen haben, stand das nervige Kontrollprocedere der DDR-Grenzpolizei doch unmittelbar bevor.

Jedoch suggerierte der Wegweiser, daß sich da irgendwo im Osten die Stadt Königsberg befände und man diese in einigen Stunden zügiger Autobahnfahrt erreichen könne!

Ein Blick zurück in die Geschichte.

Nachdem gegen Ende des II. Weltkrieges Ostpreußen von der Roten Armee erobert worden war, bildete die sowjetische Regie-rung am 7. April 1946 aus dem seit Juli 1945 bestehenden Osobnij wojennij okrug (Beson-derer Militär-Okrug)[1] die Kenigsbergskaja oblast und gliederte diesen neuen Oblast in die russischen Teilrepublik ein.[2]

Königsberg und das Königsberger Gebiet wurden am 4. Juli 1946 per Erlaß des Präsi-diums des Obersten Sowjet der UdSSR in Kaliningrad und Kaliningradskaja oblast umbenannt.[3]

Namensgeber war dabei der einen Monat zuvor verstorbene Weggefährte Stalins, Michail Kalinin († 3.06.1946), der 27 Jahre lang nominelles Staatsoberhaupt der Sowjetunion gewesen war.

Ein Jahr später, 1947, erging die Verordnung des Präsidiums des Obersten Rats der RSFSR[4] «Über die administrativ-territoriale Errichtung des Gebiets Kaliningrad» vom 25. Juli 1947.

Infolge des 1947 erlassenen Geheimbefehls des sowjetischen Ministerrats vom 11. 10. 1947 – Nr. 3547 – 1169 s „Über die Umsied-lung der Deutschen aus dem Oblast Kalinin-grad der RSFSR in die Sowjetische Besat-zungszone Deutschlands“ wurden bis 1948 insgesamt 102.125 Deutsche aus dem sow-jetischen Gebiet Ostpreußens zwangsausge-siedelt bzw. vertrieben.

Das gesamte Gebiet wurde zu einem Mili-tärsperrbezirk erklärt, in den selbst Sow-jetbürger nur mit Sondergenehmigung, Dienstauftrag oder militärischem Marsch-befehl einreisen konnten.

Insgesamt 2.280 Dörfer und Ortschaften wurden nicht wieder besiedelt und existieren seither nicht mehr, die übrigen 2.520 Ort-schaften erhielten neue russische Namen, die meist keinen Bezug zu den alten deutschen Ortsnamen mehr besaßen (beispielsweise Schelesnodoroschny (Eisenbahnstadt) für Gerdauen, Matrossowo (Matrosendorf) für Gilge, Slawsk (ruhmreicher Ort) für Heinrichswalde).

Zum Teil erhielten Gruppen von benachbart liegenden Dörfern einen gemeinsamen neuen Namen. Neue Namen wurden für die weiteren größeren Städte vergeben, z. B. Selenogradsk (Grüne Stadt) für Cranz oder Sowetsk (Stadt des Rätesystems) für Tilsit.

Der Kaliningrader Oblast, das nördliche Ostpreußen, nimmt mit 15.000 km² etwas weniger als die Hälfte der früheren Provinz Ostpreußen (in den Grenzen von 1937) ein.[5] 

Der Oblast hat heute ca. 950.000 Einwohner davon etwa 80 % Russen, 10 % Weißrussen, 5 % Ukrainer. In Königsberg (Kalingrad) leben ca. 450.000 Einwohner, hinzu kamen (ge-schätzt) im Oblast in der sowjetischen Zeit mehr als 200.000 Militärangehörige, darunter auch im Kriegshafen Pillau (jetzt Baltijsk), dem Haupthafen der russischen Ostseeflotte (Baltische Flotte).

Die schönsten und auch die außergewöhn-lichsten Landschaften Altdeutschlands finden wir dort im Osten. Die beiden großen Haffge-wässer, die beiden Nehrungen (Frische und Kurische Nehrung), die ostpreußische Nie-derung, die großen Seen.

 

Kurische Nehrung (Wikipedia)

Deutschlands einst größte Binnenseen, abgesehen vom Bodensee, finden wir in Ostpreußen, den Mauersee (104 km²), den Spirdingsee (113 km²).

Ebenso Deutschlands einst größte Forsten bzw. Wälder in Ostpreußen: die Johannis-burger Heide (1.000 km²), einst neben der Tucheler Heide (3.200 km²) in Westpreußen das größte geschlossene Waldgebiet Deutschlands, sowie die (durch die Sowjets quer durch Ostpreußen gezogene Gewalt-grenze geteilte) Rominter Heide (insgesamt 400 km²)[6], davon liegen 2/3 im russischen Teil.

In Ostpreußen finden wir auch das außerge-wöhnliche Mündungsdelta der Memel mit ihren Mündungs-armen Gilge, Ruß-Strom, Atmath und Skirwiet.

Kurische Nehrung (Karte von 1802; Wikipedia)

Die Memel und das Memeldelta gehört zu den schönsten Flußlandschaften Europas. Das Memel-Delta beginnt etwa 50 km vor dem Kurischen Haff mit der Tung des Mutterstromes in den nördlichen Rußstrom (lit. Rusnė) und die südliche Gilge (jetzt russ. Matrosovka, lit. Gilija).

Die beiden teilen sich das Wasser der Memel etwa im Verhältnis 4 : 1, das heißt der Ruß-Strom ist der bei weitem größere Flußarm. Auf Höhe des heute litauischen Städtchens Rusnė (dtsch. Russ, fr. auch Ruß) teilt sich dann auch der Russ-Strom, und zwar in die beiden Hauptmündungs-arme Atmath (lit. Atmata) und Skirwiét (lit. Skirvytė) sowie die kleinere Pokallna (lit. Pakalnė) als dritten Arm.

Die beiden Hauptmündungsarme umschlie-ßen in einem Halbkreis eine 46 km² große Delta-Insel, den so genannten „Russer Wasserwinkel“. Dieser wird außer von der Pokallna noch von einer Vielzahl weiterer Gewässerarme durchzogen.

In den Kartenwerken des 20. Jahrhunderts tragen 25 bis 30 dieser kleinen Mündungsarme auch einen eigenen Namen.

Alleine der größere Ruß-Strom weist insge-samt dreizehn einzelne Mündungsarme auf, darunter die

  • Ackminge

  • Skirwiet

  • Warruss

  • Neukuppstrom

  • Russneit

  • Ulm

  • Atmath

Wer kennt hier und heute noch diese Ge-wässernamen, wer hat diese Flußlandschaften gesehen?

Die Memel bildet ein in Europa (neben dem Donau- und Wolgadelta) einzigartiges Mün-dungsdelta. Nachdem bereits bei Tilsit süd-westlich die Gilge, einer der Mündungsarme abzweigt, markiert der Hauptstrom, ab dieser Stelle Ruß-Strom genannt, bis zur Ortschaft Ruß (jetzt das zum litauischen Memelland gehörende Rusne) die heutige Grenze.

Danach zweigt er sich erneut mehrfach auf und das eigentliche, heute als Schutzgebiet ausgewiesene Memel-Delta beginnt.

Die Atmath (lit. Atmata), der nördlichste Mündungsarm, gilt als Hauptstrom und ist offizielle Wasserstraße, der südlichste Arm, die Skirwieth oder Skirwiet (lit. Skirvytė) bildet dann den weiteren (heutigen) Grenz-verlauf zwischen dem russisch besetzten Teil der Altprovinz und dem jetzt zu Litauen gehörenden Memelland.

Alle Mündungsarme münden schließlich in das Kurische Haff, einst mit seinen 1.584 km² eines der größten Binnengewässer Deutsch-lands (ein zur Ostsee gehörendes Haffge-wässer) und dreimal so groß wie der Boden-see (zum Vergleich: das Stettiner bzw. das Oderhaff hat eine Ausdehnung von 900 km²).

Vor dem II. Weltkrieg waren mehr als 100 Fischkutter auf dem überaus fischreichen Kurischen Haff unterwegs, mehr als an der gesamten heutigen bundesdeutschen Nordseeküste!

Ostpreußen war aber nicht nur das Land der Seen und der Wälder. Die Provinz war in der deutschen Zeit auch landwirtschaftliches Überschußgebiet und die Kornkammer des Deutschen Reiches!

Die Reichshauptstadt wurde zu einem großen Teil über die Ostbahn mit landwirtschaftli-chen Produkten aus Ostpreußen versorgt.

Ebenso hatte Ostpreußen für die deutsche Pferdezucht herausragende Bedeutung (Stichwort Trakehner) und die Herdbuchzucht der ostpreußischen Rinderrassen war weit über die Grenzen der Provinz von Bedeutung!

Um die Züchtung der besten Rinder systema-tisch und effizient zu bewerkstelligen, wurde 1882 die „Ostpreußische Holländer Herd-buchgesellschaft“ gegründet. Die Holländer tauchen deshalb im Namen auf, weil die Tiere aus Holland mit ihrem Wuchs und ihren Milchleistungsqualitäten zunächst die Basis für die Züchtung bildeten.

Der Rinderbestand in Ostpreußen erhöhte sich dank der gezielten Aktivitäten der Ost-preußischen Holländer Herdbuchgesellschaft von 1882 bis 1939 um mehr als 50 % auf 1,4 Millionen Tiere bei wesentlich gesteigerter Qualität. 

Die Rekordkuh „Quappe“ vom Gut Palmnicken lieferte in einem Jahr 14.708 kg Milch und der Rekordbulle „Neptun“ brachte 1.250 kg auf die Waage.  

1939 gehörten der Ostpreußischen Herd-buchgesellschaft 4.731 Mitglieder an, zu denen 304.261 Herdbuchtiere gehörten. Das waren seinerzeit 22,3 % des gesamten Rinderbestandes der Provinz!

Die ostpreußische Herdbuchgesellschaft zählte zuletzt, im Jahr 1942, über 6.000 Mitglieder und war damit die größte Züchtervereinigung Europas.

Viele dieser wertvollen Rinder mußten im Krieg notgeschlachtet werden, wurden abtransportiert oder wurden infolge der Kriegshandlungen bei der Besetzung der Provinz durch die Rote Armee massenhaft getötet.

Der größte Teil des ostpreußischen Vieh-bestandes aber wurde 1945 von den Sowjets ins eigene Hinterland weggetrieben. So brutal endete der Stolz vieler Generationen ostpreu-ßischer Landwirte und Rinderzüchter.[7]

Alles vorbei, alles verloren.

Die Landschaften Ostpreußens waren viel-gestaltig wie in keiner anderen Provinz Preußens bzw. Deutschlands.

 

Oberlandkanal mit seinem technischen Meisterwerk: EIN Gefährt über Wasser und Land (Bild Trolleygirl)

Zu nennen wäre

– das ostpreußische Oberland,

– das liebliche Masuren im südlichen Teil der Provinz mit seinen großen Seen (Löwentinsee, Dargeinensee, Dobensee usw.),

– das Ermland mit seinem eigenwilligen der Besiedlungsgeschichte geschuldeten mittel-deutschen Dialekt,

– die sich über mehr als 25 km erstreckenden Seesker Höhen (mit ihren immerhin nahezu 300 Meter hohen erreichenden Höhenzügen) im Südosten der Provinz,

– das nördlich der Provinzhauptstadt gele-gene Samland mit seiner Steilküste an der Ostsee und den großen Bernsteinabbau-gebieten,

– das seichte nur 5 Meter tiefe Frische Haff (838 km²),

– das größere Kurische Haff (1.538 km²) und die beiden einzigartigen Nehrungen,

– die bewaldete Frische Nehrung und

– die sich durch ihre berühmten Sanddünen auszeichnende Kurische Nehrung,

– das Niederungsgebiet und das Memel-Delta sowie das nordöstliche Memelland (bis zur kleinen Ortschaft „Nimmersatt, wo das Reich ein Ende hat“)!

Eine gewisse Besonderheit stellt die (jetzt nicht mehr existierende) Ortschaft Narmeln auf der Frischen Nehrung dar. Die historische Grenze zwischen Ost- und Westpreußen verlief zwischen Narmeln und der Narmelner Düne.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war Narmeln der einzige Ort Westpreußens, den die Sowjetunion unter ihre eigene Verwaltung stellte, statt diesen wie das gesamte übrige Westpreußen Polen zu überlassen.

Interessant ist auch ein Flächengrößen-Vergleich. Der von der Sowjetunion bereits 1945 förmlich annektierte Teil Ostpreu-ßens[8] umfaßt eine Fläche von 15.000 km².[9] Das entspricht annähernd der Fläche des heutigen Bundeslandes Thüringen (16.200 km²) oder Schleswig-Holsteins (15.800 km²).

Die Stadt Königsberg i. O. und die ehemalige Provinz Ostpreußen

Fährt man heute durch die Altprovinz, erinnert nur noch wenig an die frühere deutsche Zeit!

Das heutige Zentrum der russischen Stadt Kaliningrad, die ihr einst deutsches Gepräge nahezu völlig eingebüßt hat, liegt von der alten Stadtmitte Königsbergs fast zwei Kilometer entfernt.

 

„Umwandlung“ Königsbergs zu Kaliningrad (Bild: Momentos del Pasado)

Den heutigen Besuchern wird das meistens gar nicht bewußt, weil sie die frühere Stadt-struktur nicht kennen! Die Ruinen der ehe-maligen Königsberger Innenstadt wurden in den Nachkriegsjahren großflächig abgeräumt und das weitläufige, planierte Areal zu Grün- und Freiflächen umgewandelt oder mit Hochhaussiedlungen in Plattenbauweise bebaut.

Das früher dicht bebaute Stadtzentrum aus Vorkriegszeiten besteht heute aus Parks, breiten Fahrstraßen (russisch: Prospekten) und Freiflächen, z. B. dem Platz, an dem früher das Königsberger Schloß stand, und nur noch einem einzigen Gebäude: dem alten Königsberger Dom auf der Dominsel.

Ansonsten wurden zu sowjetischer Zeit alle kriegszerstörten Gebäude abgetragen und auf den Freiflächen konforme Plattenbauten errichtet. An den weniger zerstörten Stadt-rändern wurde die erhaltene Bausubstanz geschont und teilweise auch wiederherge-stellt oder die Baulücken durch Neubauten ergänzt.

Das heutige Stadtzentrum Kaliningrads liegt  jedoch mehrere Hundert Meter (fast 2 Kilo-meter!) von der alten Stadtmitte Königsbergs entfernt, im Nordwesten der früheren Altstadt.

Diese neue Stadtmitte der jetzt russischen, völlig veränderten Stadt ist heute der jetzige Siegesplatz, früher war das der Hansaplatz, an dem sich Theater, der ehemalige Nord-bahnhof, die Stadtverwaltung, viele Geschäfte und die russisch-orthodoxe Christ-Erlöser-Kathedrale befinden.

Die Situation auf dem platten Land, in der Provinz erweist sich als noch weitaus deso-later, im Ganzen gesehen als verheerend. Allein im russisch besetzten Teil sind mehr 2.280 Ortschaften (!) vollständig verschwunden!

Sehr oft sieht man statt früherer Kirchen nur noch Steinhaufen, und Schuttberge erinnern in den früheren stolzen Bauerndörfern an die ehemaligen Bauernhöfe.

Ansehnliche frühere Kreisstädte sind auf unansehnliche marode Siedlungen herabge-sunken (Wehlau) oder sie sind nahezu völlig zerstört (Heiligenbeil, Pillkallen bzw. Schloßberg).

Fährt man in diese früheren Städte hinein, sieht man nur noch den gepflasterten Marktplatz und die breiten mit Granitplatten ausgelegten Bürgersteige oder auch nur noch Stein- und Trümmerhaufen …

Ansonsten dominiert heute im russischen Teil im größten Teil der Provinz, jedenfalls auf dem platten Land, überwiegend nur Verfall, Armut, Agonie, um nicht zu sagen gänzliche Verwahrlosung. Verwahrlosung der Ortschaf-ten, Verwahrlosung der einstigen Infrastruk-tur, Verwahrlosung aber auch des Ackerlan-des, der Wiesen und Weiden.

Einige wenige Ausnahmen gibt es. Haselberg (bis 1938 Lasdehnen) etwa. Haselberg blieb 1945 weitestgehend unzerstört und ist heute regionaler Verwaltungssitz (Sitz eines russi-schen Raijons, d. h. Kreises: Raijon Krasno-snamensk) im Osten des Oblast Kaliningrad, wohingegen die ehemalige Kreisstadt Schloß-berg (bis 1938 Pillkallen) heute eher dörfli-chen Charakter aufweist!

Der ehemalige Landkreis Heiligenbeil bei-spielsweise zählt zu den vormals deutschen Regionen, in denen nach 1945 die meisten Ortschaften untergegangen sind. Der Kreis hatte 1939 zwei Städte und 111 Gemeinden.

Königsberg und Heiligenbeil am Frischen Haff (Bild: flickfiver.com)

Nach Angaben des Heimatkreises Heiligenbeil können davon heute knapp 100 (!) als nicht mehr existent gelten – einschließlich der frü-heren Stadt Zinten (heute nur noch eine arm-selige Siedlung, die man noch nicht einmal als „Dorf“ bezeichnen könnte).

Sehr viele Ortschaften in Ostpreußen wurden nach 1945 dem Erdboden gleichgemacht. Im Grenzsaum der polnisch-russischen Demar-kationslinie sind 100 % aller Orte vollständig verschwunden, abgerissen, eingeebnet wor-den. Im gesamten russischen Teil betrifft das mehr als  80 % aller früher zu deutscher Zeit existierenden Ortschaften!

So sind zum Beispiel die historischen Fi-scherdörfer am Frischen Haff  nahezu alle vollständig untergegangen (ebenso die kleinen Fischerorte am südlichen Ufer des Kurischen Haffs).

Alle zehn Kirchen im jetzt russischen Teil des Landkreises Heiligenbeil wurden zerstört, gesprengt, vernichtet.

Die Kreisstadt Heiligenbeil hatte im Jahr 1939 hatte 12.100 Einwohner, im Oktober 1944 waren es 16.000.

Die zerstörte Innenstadt wurde vollkommen abplaniert und bis heute Brachland. Alle öffentlichen Bauwerke wurden abgetragen, Fundamente von einigen Häusern und Straßenzügen sind heute noch erkennbar.

Nordwestlich der alten deutschen Kreisstadt entstand die neue russische Stadt Mamono-wo, die heute von etwa 8.000 Russen be-wohnt wird. Mamonowo ist der einzige Ort von Bedeutung im ehemaligen Kreis Heili-genbeil, während die meisten übrigen Dörfer des ehemaligen Landkreises auf russischer Seite gänzlich aufgelöst worden sind.

Ähnlich die Situation im ehemaligen heute auf Polen und den russischen Oblast aufge-teilten Kreis Goldap. Der ehemalige Landkreis Goldap (995 km²) lag im Osten der Provinz Ostpreußen. Genau wie der Landkreis Heili-genbeil im Westen der Provinz wurde er 1945 zwischen der Sowjetunion und Polen geteilt. Die Grenze verläuft  wie mit dem Lineal gezogen quer durch das frühere Kreisgebiet.

Der Kreis Goldap umfaßte am 1. Januar 1945 die Kreisstadt Goldap und 171 weitere Ge-meinden. 1939 betrug die Einwohnerzahl des Kreises 45.887.

Am 21. Oktober 1944 wurden die Einwohner von Stadt und Landkreis Hals über Kopf eva-kuiert. Am folgenden Tag besetzte die Rote Armee Goldap. Nach schweren Kämpfen gelang es der Wehrmacht noch einmal, die Stadt zurückzugewinnen. Am 18. Januar 1945 eroberten die sowjetischen Truppen die nun zu 90 % zerstörte Stadt endgültig.

Auf der polnischer Seite des ehemaligen Landkreises wurden 50 % der verlassenen Ortschaften nicht mehr neu besiedelt, auf russi-scher Seite waren es 80 % , im russischen Grenzgebiet zu Polen 100 %.

Verschwunden! (Bild: Ostpreußisches Landesmuseum)

Von den einstmals 224 Kirchen in Nord-Ostpreußen (jetzt Oblast Kaliningrad) sind 91 vollständig verschwunden, 67 Gotteshäuser befinden sich im Zustand stark fortge-schrittener Zerstörung, nachdem sie, oft bereits teilzerstört, jahrzehntelang ungenutzt geblieben und dem Verfall preisgegeben waren.

Ungeachtet dieser gravierenden Verände-rungen  auch im Landschaftsbild (ehemalige Wiesen und Weiden sind größtenteils ver-buscht, Felder und Äcker versumpft, die Wälder dagegen meist urwüchsig und unberührt weil nicht bewirtschaftet) stößt man sowohl im polnischen als auch im russisch besetzten Teil Ostpreußens auf die früheren deutschen Hinterlassenschaften. Spurensuche in Ostpreußen ist interessant und lohnt allemal.

Einige der herausragenden insbesondere auch ingenieurtechnischen Leistungen seien genannt.

  • Oberländischer Kanal 1*

  • der Eisenbahnviadukt von Staatshausen2*

  • Masurischer Kanal 3*

  • Reichsautobahn Elbing-Königsberg (RAB Strecke Nr. 56; 97 km) (als Teil der geplanten Reichsautobahn Berlin-Königsberg) (die Verlängerung der Reichsautobahn von Königsberg nach Insterburg und bis zur Reichsgrenze in Eydtkau (bis 1938 Eydtkuhnen) (155 km) und mit einem Abzweig von Insterburg nach Tilsit (60 km) war geplant und teilweise projektiert bzw. Anfang 1939 bereits in Bau).

Andere technische und infrastrukturelle Re-likte lassen sich überall in der Provinz finden, darunter alte Bahndämme, Ruinen von Stra-ßenbrücken, ehemalige Eisenbahnbrücken.

Mit der Teilung Ostpreußens wurden auch nahezu alle einst bestehenden Eisenbahn-linien, die die Provinz erschlossen, demon-tiert und der Zugverkehr eingestellt. Das betrifft namentlich die Eisenbahnlinien, die durch die neue Grenzziehung und die Auf-spaltung der Provinz unterbrochen wurden. 4*

Flucht übers Haff 1945

__________________

Anmerkungen

1*  Der Oberländische Kanal, auch Oberlandkanal, Kanal Elbing-Osterode oder Elbing-Oberländischer Kanal genannt, verläuft im ostpreußischen Oberland. Gebaut wurde der Kanal in der Zeit von 1844 bis 1860 unter der Leitung des königlich preußischen Baurats Georg Steenke aus Königsberg. Er hat eine Länge von 130 Kilometern und verbindet über den Drausensee die frühere westpreußische Metropole Elbing mit Deutsch Eylau.

Eine technische Besonderheit sind die fünf Rollberge, auf denen die Kanalschiffe zur Bewältigung des Höhenunterschieds von 99 Metern auf Schienenwagen über Land transportiert werden. Es sind als Standseilbahnen, die von Wasserrädern und Gegengewichten angetrieben werden.

2* Der Eisenbahnviadukt überbrückt etwa 20 km östlich von Goldap das Tal der Blinde. Die Bahnstrecke von Goldap nach Gumbinnen wurde nach 1945 komplett abgebaut, der Zugverkehr war durch die neue polnisch-sowjetische Grenze unterbrochen. Der Viadukt ist 178 m lang und 36 m hoch.

3* Der Masurische Kanal ist eine 50 km lange, jedoch nicht fertiggestellte Wasserstraße, die eine    schiffbare Verbindung zwischen den masurischen Seen (Mauersee, Spirdingsee) und Königsberg  herstellen sollte (Gesamtlänge des Wasserwegs insgesamt ca. 150 km).  Infolge der gewaltsamen Teilung Ostpreußens liegt der 29,97 km lange nördliche Teil des Kanals heute im russischen Teil. Der 20,43 km lange südliche Teil befindet sich auf jetzt polnischem Gebiet in Masuren. Auch die einzige fertiggestellte Schleuse des Masurischen Kanals liegt im polnischen Teil (Oberschleuse Fürstenau (poln. Śluza Leśniewo Górne), Unterschleuse Fürstenau (poln. Śluza Leśniewo Dolne).

Andere noch zu besichtigende nicht fertiggestellte Schleusen sind die Schleuse Sandhof (jetzt Śluza Piaski) im polnischen und die Schleuse Georgenfelde (russ. Озерки, Oserki) im russischen Teil. Der Schiffsverkehr sollte perspektivisch von Königsberg über den Pregel und die Alle bis Allenburg und dann über den Kanal erfolgen. Insgesamt zehn Schleusenanlagen waren projektiert, davon die Schleuse Fürstenau (poln. Śluza Leśniewo Górne) als zehnte und letzte Schleuse des Kanalprojekts. Diese sollte mit einer Fallhöhe von 17 m die größte Schleuse des Kanals werden.

4*  Ein Beispiel: Die Bahnlinie Königsberg-Gerdauen-Nordenburg-Angerburg (einst 130 km) wurde wenige Kilometer nach Nordenburg unterbrochen. Neben der Straßenbrücke zwischen Gerdauen und Nordenburg (russ. Крылово, Krylowo) (ehemalige Reichsstraße 131) findet man die Überreste der ehemaligen Eisenbahnbrücke. Diese Beispiele ließen sich fortführen. Alle großen einst von der Provinzhauptstadt ausgehenden Bahnlinien existieren nicht mehr, wurden abgebaut oder der Zugverkehr eingestellt (Königsberg-Zinten-Mehlsack; Königsberg-Heiligenbeil-Braunsberg-Elbing; Königsberg-Deutsch Eylau-Bartenstein-Rastenburg-Lötzen-Lyck, Königsberg-Insterburg-Gumbinnen-Eydtkuhnen (Reichsgrenze), Graudenz-Allenstein-Insterburg-Tilsit.

Um eine Größenentfernung anzugeben. Die Bahnlinie Königsberg-Lyck quer durch Ostpreußen war 180 Kilometer lang!

[1]   Die formale Eingliederung Nordostpreußens in die UdSSR erfolgte bereits am 17. Oktober 1945.

[2]   Ukas (Erlaß, Dekret) des Präsidiums des Obersten Sowjet vom 7. April 1946.

[3]   Ukas (Erlaß, Dekret) des Präsidiums des Obersten Sowjet vom 4. Juli 1946.

[4]   RSFSR = Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik.

[5]Ostpreußen 36.990 km².

[6]Die Kernzone der an ihren Rändern teilweise aufgelassenen Rominter Heide umfasst 210 km².

[7]Qu.: Hans Bloech: Ostpreußens Landwirtschaft. (hrsg. von der Landsmannschaft Ostpreußen, Abt. Kultur). [Hamburg] : 1988, S. 94.

[8]Die Annexion Nord-Ostpreußens durch die UdSSR erfolgte am 17. Oktober 1945, die Eingliederung in die Russische Sowjetrepublik jedoch erst am 7. April 1946 (Ukas des Präsidiums des Obersten Sowjet vom 7. April 1946 bzw. Ukas des Präsidiums des Obersten Sowjet vom 4. Juli 1946).

[9]Ostpreußen: 37.000 km² (bis 1918), 36.890 km² (einschl. Regierungsbezirk Westpreußen (Marienwerder), jedoch ohne Memelland und das Soldauer Gebiet) 36.890 km².

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