Habsburg, die Türken, Frankreich, Preußen
Donnerstag, 16. Juli 2026 von Adelinde
Ein Gastbeitrag von
Dr. Walter Stolber,
in dem deutlich wird, was das „Mann-Machtergrei-fungs-Zeitalter“ (Herman Wirth) über die Völker, die nicht gefragt wurden, gebracht hat.
Heute vor 310 Jahren am 5. August 1716 besiegte Prinz Eugen von Savoyen die Türken in Peterwardein.
Immer wieder waren die Türken gegen Wien angerannt.

2. Türkische Belagerung Wiens 1683 mit 200.000 Soldaten unter dem Großwesir Kara Mustafa (Bild: Welt der Habsburger)
Er hatte sich bei der Abwehr der Türken in den Dienst der Deutschen Habsburger ge-stellt (neben den Deutschen Habsburgern gab es bekanntlich auch die Spanischen Habsbur-ger). Ein Jahr später befreite er auch Belgrad von den Türken.
Im Frieden zu Passarowitz 1718 wurde der österreichische Besitz, größte Teile von Ser-bien, samt der Kleinen Walachei und dem Banat von Temesvar, bestätigt. Dieser Frieden gilt als der glänzendste, den Österreich mit der Türkei geschlossen hat.
Der türkische Niedergang bei gleichzeitigem Aufstieg der habsburgischen Hausmacht, die Leopold I. (1658-1705) einleitete, hat sich allerdings schon früher abgezeichnet.
So spätestens seit der gescheiterten türki-schen Belagerung (der dritten und letzten) von Wien 1683, der erblichen österreichi-schen Thronfolge in Ungarn (1687 Reichstag zu Preßburg: Personalunion zwischen Österreich und Ungarn) und verschiedener siegreicher Waffengänge gegen die Türken, 1686 zu Ofen/Budapest (kaiserliche und brandenburgische Truppen) und Mohacz (Karl von Lothringen), 1691 Siege des Markgrafen Ludwig von Baden unweit Peterwardein und des Prinzen Eugen 1697 bei Zenta an der Theiß.
Im Frieden zu Karlowitz 1699 kommen Ungarn und Siebenbürgen, der größte Teil von Slavonien und Kroatien an Österreich. Seither ist der österreichisch-ungarische Staat europäische Großmacht.
Allerdings muß Österreich im Bunde mit Rußland, nach einem mißglückten Türken-krieg 1736-1739 und Aufständen von Serben und Albanern, im Frieden zu Belgrad u.a. Serbien, die Kleine Walachei und Belgrad an die Türkei zurückgeben.
Die christlichen Südslaven fangen nach die-sem Friedenschluß an, ihre Befreiung vom Türkenjoch nicht mehr von Österreich, sondern von Rußland zu erhoffen.
Rückblickend, trotz aller Rückschläge, ist die erfolgreiche Zurückdrängung der Asiaten aus Europa zweifellos eine historische Großtat, die wir weitgehend dem Hause Habsburg verdanken.
Sie entspricht auf dem Balkan wohl der Bedeutung der Reconquista auf der iberi-schen Halbinsel.
Daß die heutige Gesellschaft, beziehungswei-se ihre politische Kasten, diese Erfolge mittels überbordender Zuwanderung ins westliche Europa fahrlässig gefährden, sei hier vermerkt, ist ein besonderes Kapitel.
Die Opportunitätskosten, entgangener Nut-zen dieser Politik anderswo, sind jedoch gravierend. Anderswo, das betrifft das rest-liche, im Wesentlichen den westlichen Teil des Deutschen Reiches, die Grenzgebiete zu Frankreich. (Die Opportunitätskosten im Norden und Osten des Reiches konnte Preußen mit der zweiten Reichsgründung 1870 weitgehend zwischenzeitlich aus der Welt schaffen).
Der allerchristlichste König, so nannte sich Ludwig XIV. von Frankreich, kannte keine Skrupel, die traditionelle Politik seiner Vor-fahren fortzuführen (so z.B. Franz I., der mit Soliman II. verbündet, vier Kriege gegen Kaiser Karl V. führte), Bündnisse mit den moslemischen Türken einzugehen, um das christliche Reich entscheidend zu schwächen.
Am Ende des Dreißigjährigen Krieges, Westfälischer Friede 1648, ist die Machtstellung des Hauses Habsburg in Deutschland endgültig vernichtet.
In einer Ansammlung von Raubkriegen gegen Spanien, Holland und Deutschland zwischen 1688-1697 verheeren die Franzosen die Pfalz, zuvor hatten sie am 30. September 1681 Straßburg be-setzt, zeigen sie ihre beherrschende Stellung in Europa.
Damit ist Richelieus Ziel die Niederringung des Hauses Habsburg in Deutschland und Spanien, die Erhebung Frankreichs zur ersten Macht Europas und die Begründung der All-macht des Königs fast komplett.
Mit dem Tod Karls II. im Jahr 1700, letzter Habsburger auf dem spanischen Thron und dem verlorenen spanischen Erbfolgekrieg, wird Philipp V., Enkel Ludwig XIV., aus dem Haus der Bourbonen, König von Spanien. Allerdings sollen die Kronen Frankreichs und Spaniens niemals auf einem Haupte vereinigt sein.
Mit dem Eingreifen Englands (Marlborough), zusammen mit einer Reihe gewonnener Schlachten (u.a. durch Prinz Eugen) gegen Franzosen und verbündete Bayern, wendet sich das Blatt. Es kommt 1713 zum Frieden zu Ütrecht.
Dieser beendet fürs Erste die Vorherrschaft Frankreichs in Europa. Österreich erhält einen bedeutenden Länderzuwachs in den Nieder-landen und einen großen Teil der Herrschaft in Italien. (Kaiser Karl VI.)
Für das Deutsche Reich wird nur der Friede von Ryswyk (1697) bestätigt. Darin darf Frankreich seine elsässischen Gebietszuge-winne, einschließlich Straßburg, behalten, gibt aber Freiburg und die rechtsrheinischen, durch die Reunion angemaßten Gebiete an den Kaiser vollständig zurück.
Der Herzog von Lothringen wird wieder eingesetzt und Spanien erhält alle eroberten Gebiete, auch Luxemburg, zurück.
Abgesehen davon, daß England aufgrund seiner führenden Stellung zur See, am meisten gewinnt, von Frankreich, dessen Besitzstand im Ütrechter Vertrag in Europa unverändert bleibt, Neufundland, Neu-schottland und die Hudsonbay, von Spanien u.a. Gibraltar.
Außerdem bedingt sich England auf dreißig Jahre den Alleinhandel mit afrikanischen Negersklaven nach den spanischen Kolonien in Amerika aus.
Durch Schleichhandel begünstigt, brachte somit die englische Südseekompagnie, die auch den Negerhandel betrieb, fast die ganze Gütereinfuhr in das spanische Amerika an sich.
Somit, neben angelsächsischen kommerzi-ellen Vorlieben, zeigte sich auch damals schon die politische Konstante Englands, die mittels „counterbalancing power policy“ da-rauf abzielt, unter Beibehaltung englischer Flottenvorherrschaft jede beherrschende Kontinentalmacht in Europa a priori verhindern zu wollen.
Der Herrschaftsgewinn Österreichs in Italien (siehe oben Karl VI.), erweist sich im Friede zu Wien im Jahre 1738 als Pferdefuß für das Deutsche Reich.
Dieser Friede beendet den zweijährigen Polnischen Thronfolgekrieg. Der Pole Lesczinzki verzichtet auf den polnischen Thron. Als Entschädigung erhält er die Herzogtümer Lothringen und Bar, die nach seinem Tode Frankreich zufallen.
Der Herzog von Lothringen Franz Stephan, Gemahl der Maria Theresia, wird durch das Großherzogtum Toskana entschädigt, nachdem das Haus Medici ausgestorben war.
Österreich überläßt Neapel und Sizilien der spanischen Linie des Hauses Bourbon, erhält dafür Parma und Piacenza nach dem Aus-sterben der Farnese.
Der Wiener Friede bringt somit einen großen Erfolg für Frankreich. Das Haus Habsburg gibt wiederum deutsche Gebiete preis, diesmal um italienische Besitzungen zu retten.
In dem Masse, da sich das Haus Habsburg zunehmend als Hüter, Bewahrer und Mehrer seiner Hausmacht auf dem Balkan und in Italien sieht, vernachlässigt und entfernt sich Habsburg gleichzeitig von seiner kaiserlichen Reichsfunktion.
Deshalb obliegt es den preußischen Hohen-zollern, deutsche Interessen wieder erst-rangig zu verfolgen, was fast zwingend zur kleindeutschen Reichsgründung 1870, unter Ausschluß des Vielvölkerstaates Österreichs, führen mußte.
P.S. Nach dieser Schlußfolgerung erschließt sich die strikte Ablehnung der Habsburger durch Adolf Hitler, die er in seinem Stan-dardwerk „Mein Kampf“ als Schädlinge der deutschen Nation brandmarkte.
Diese summarische Ablehnung dürfte übertrieben sein, wohl schon deshalb, weil sich die dezidierte Habsburger Hausmacht-politik, auf Kosten des Reiches, erst nach dem Dreißigjährigen Krieg entwickelte.
W. St.

