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Roswitha Leonhard-Gundel

fährt in ihrem Vortrag über

„Das alte Europa und der Apfel“

fort. Sie erzählt drei Märchen, in denen der Apfel eine Rolle spielt, darüber hinaus aber das

Anliegen vieler Märchen

gezeigt wird:

Gutes tun um des Guten willen.

Wahrhaft gut im Sinne der Schöpfung handelt nur, wer es ohne Schielen auf Lohn oder Angst vor Strafe tut.

So ist in vielen Märchen der „Dummling“ ein solch wahrhaft guter, ja erfolgreicher Mensch, weil er ohne jede Hintergedanken an die Bewältigung seiner Aufgaben geht. Die „Weltklugen“ finden ihn dumm, gehen aber in ihrer Zweckgefesseltheit am wahren Leben vorbei und bleiben innerlich arm.

Roswitha gibt einen Auszug wieder aus dem Märchen „Frau Holle“, KHM Nr. 24, und bemerkt vorweg:

Es ist eines der bekanntesten Volksmärchen und auch bei Kindern sehr beliebt. Daß es nicht einfach „Die Holle“ lautet, sondern Frau Holle, weist darauf hin, welch hohe Stellung sie innehatte, denn „Frau“ war eine Ehren-benennung und kommt von „Freya“.

Eine Nebenbemerkung sei erlaubt: Was sich heute in einer sog. „feministischen Politik“ an Frauen tum-melt, ist das Gegenteil dessen, was unsere Vorfahren in der Frau verehrten!

Diese „weiblichen“ „Young-Global-Leaders“-Figuren ohne Leistungsnachweise in ihren Karrieren befeuern die neue Frauenverachtung, wobei die ihnen „eben-bürtigen“ Männer als Männer ungeschoren bleiben.

Frauen wie Männer haben die Freiheit der Wahl jedweder Seelenhaltung bei sich selbst.

Roswitha:

Freya und Holle wurden bei den Germanen als göttliche – weiblich waltende Kräfte – hoch-verehrt.

Leben und Tod, das „Wasser des Lebens“, die Fruchtbarkeit bei Mensch, Tier und Pflanze sah man von weiblichem Wesen durchwirkt.

Der Sagen-Forscher Karl Paetow drückt es in seinem Werk „Frau Holle“ so aus:

„Aus ihrem Verhalten kann man das Sittengesetz unseres Volkes ablesen; denn sie ist Hüterin und Richterin, sie lenkt die Liebe und stiftet die Ehe. Den reinen Herzen ist sie helfend nah, den unreinen wird sie zum Verhängnis.“ (S. 136)

Von ihrem Namen werden die Begriffe hold, Unhold, hel = die Unterwelt, Helm = etwas verdecken, und Hölle abgeleitet. Hölle heißt im Althochdeutschen hellia, im Englischen hell.

Das ist das Reich der Erneuerung und Wiedergeburt alles Lebens. Auch im Märchen sehen wir Frau Holle als „Alte“ in der Unterwelt. Jung steigt sie im Frühling wieder auf. Die einen sehen in der „Ostara“ die wieder junge Holle, die andern in der Gestalt der „Goldmarie“.

Frau Holle wurde später zu Zeiten der Christianisierung als böses Wesen dargestellt, das mit … wehenden Haaren in den 12 heiligen Nächten durch die Lüfte braust. Ihr freundliches, holdes Aussehen, wird durch die Fremdlehre in ein finsteres, erschrek-kendes verfälscht.

Das Mädchen, das später die „Goldmarie“ wird, war in seiner Herzensangst in den Brunnen gesprungen, um die Spule zu holen, die ihr entglitten war. Nachdem es erwacht war, sah es zuerst eine blühende Wiese. Dann einen Backofen …

„Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel und rief ihm zu: ,Ach, schüttel mich, ach schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.‘ Da schüttelte es den Baum, daß die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zu-sammengelegt hatte, ging es wieder weiter.“ (Brüder Grimm)

Mit einer Selbstverständlichkeit ergreift Gold-marie auch hier die Gelegenheit, die Gesetze der Natur und die daraus erstehenden Auf-gaben selbstlos zu erfüllen, wie es der Jahreslauf verlangt.

Nachdem sie die Brote schon gerettet hat, macht sie sich an die Apfelernte, ohne einen Lohn zu erwarten, geschweige denn eine der Früchte zu verspeisen.

Als ihre Stiefschwester erfährt, welch glückliche Er-fahrung die „Goldmarie“ bei Frau Holle gemacht hat, möchte sie das Gleiche erreichen. Voller Zweck-gedanken geht sie selbst ans Werk, herzlos, erpicht auf den erwarteten Lohn.

Sie erntet stattdessen schwarzes Pech, das sich über sie ergießt und an ihrem Leben bis ans Ende ihrer Tage haften bleibt. Welche Symbolik!

So läßt Roswitha, ehe sie mit weiteren Märchen auf-wartet, unseren Blick in eine vergangene Wirklichkeit schweifen, in der ebenfalls Heiligstes durch Selbst-sucht herabgezerrt wurde:

In der Christlichen Kunst hat es immer wieder unsere großen Maler wie z. B. Lucas Cranach gelockt, Maria mit Jesuskind und Apfel zu malen.

 

Lucas Cranach, Madonna mit dem Kind

Wenn man in diesem Gemälde nur die Mutter mit ihrem entzückenden Kind und dem Apfel betrachtet, sich voll und ganz der Kunst hin-gibt, so ist man begeistert von der Schönheit.

Sobald man aber dieses bezaubernde Bild nüchtern betrachtet, wird man feststellen, daß der wunderbare Apfel in der Hand des Sohnes liegt und später ausschließlich von Männern, sprich Kaisern, als Macht- u. Herr-schaftssymbol – noch dazu von der Kirche überreicht – mißbraucht und damit umgewer-tet wird.

Wir erinnern uns: Malus bedeutet nicht nur Apfelbaum, sondern auch schlecht, böse, übel, schlimm, untüchtig und gefährlich. (Lateinisches Wörterbuch)

So wird dieser Liebesapfel durch die Römi-sche Kirche zum „Reichsapfel“ und seither in der Hand des Mannes zum Zankapfel.

 

Heinrich II. (Bild: Leipziger Zeitung)

Einen Hinweis auf einen ersten überreichten Reichsapfel gibt es von Heinrich II., dem Urenkel von Heinrich I., dem ersten Deut-schen König, der sich größte Mühe gegeben hatte, sich nicht an die Römische Kirche zu binden.

Dieser Heinrich der II. aber war das Gegenteil, er wollte das Reich durch enge politische Verflechtungen mit Rom festigen.

Zur Krönung zog Papst Benedikt VII. mit römischen Bürgern im Gefolge im Jahr 1014 dem Kaiseranwärter Heinrich II. weit ent-gegen und bereitete ihm noch vor Rom einen feierlichen Empfang:

 

Reichsapfel (Bild: Wikipe-dia)

Der Papst hatte einen goldenen Reichsapfel – mit Edelsteinen und einem goldenen Kreuz geschmückt – für ihn anfertigen lassen.

Ein Symbol der Liebe, Weisheit und Frucht-barkeit war zu einem Symbol der eiskalten, weltweiten und menschenverachtenden Machtausübung herabgesunken, die vor Inquisition und Hexenverbrennungen nicht zurückschreckte.

Dennoch ist es den Baumeistern unserer gotischen Kirchen immer wieder gelungen, das alte heilige Weistum verborgen, verkahlt mitzuteilen.

Aus dem Buch von Rainer Schulz „Runen, Sinnbilder und Hieroglyphik“ stammt das Bild der heiligen Barbara, die auf einem Sockel steht.

Schulz hat diese lebensgroße Figur im Kunsthi-storischen Museum von Wurzen gefunden.

 

Sockel, auf dem die Figur der heiligen Barbara steht, mit Apfel und 3 sechszackigen Sternen (Bild: Rainer Schulz, Runen …)

Aus der einen Sockelwand ist ein Apfel heraus-gemeißelt, umgeben von drei sechszackigen Sternen. Diese Sechsstrahligkeit ist den Germanen ein hei-liges Zeichen und setzt sich aus mehreren Darstel-lungen zusammen:

 

 

Abstrakte Darstellung des Sonnenlaufs zur Wintersonnenwende: der Bogen von Südost nach Südwest ist kurz, somit ist der Tag kurz, die Nacht lang

 

Abstrakte Darstellung der Zeit der Sommersonnenwende: der Sonnenbogen von Nordost über Süd nach Nordwest ist lang

 

Beide Sonnenbögen bildlich aufeinanderge-legt, ergeben den sechsstrahligen Stern, die Hagal-Rune

Caesar schrieb in seinem Buch „De bello Gallico“:

Die Germanen verehren die Sonne, das Feuer und den Mond. Andere Götter kennen sie nicht einmal dem Namen nach.

Roswitha:

Unbewußt beschrieb Caesar, der Geschichts-schreiber unserer damaligen Gegner, den Kern der alteuropäischen (germanischen) Kultur. Der Kern dieser uralten, selbstge-wachsenen Kultur war die Himmelskunde, das umfassende Wissen um die Bewegungen der Gestirne …

Und nun umgeben auf einem Sockel für Barbara 3 sechsstrahlige Sterne als Hagal-Runen einen Apfel, das Sinnbild der Weisheit – ein verkahltes heid-nisches Bildnis zu einer Zeit, in der heidnische Zeichen als des Teufels galten und ihre Urheber verfolgt wurden!

In dem Wort Hagal steckt das Wort hegen, die Weisen Frauen, die den Hain, Hag hegten, hießen deshalb Hage-Disen und wurden später Hexen genannt und verbrannt.

… Das sechsstrahlige Zeichen für die Haupt- und Lebensrune (Hag-All) wurde immer wieder auch in Wappen als gegenseitiges Erkennunszeichen gestaltet:

Selbst der Adler wurde sechsstrahlig dargestellt, siehe die Flügelspitzen mit dem Kopf in deren Mitte – 3 „Strahlen“ – und die Füße, die den Schweif einrahmen – nochmals 3 „Strahlen“, zusammen 6.

Doch kehren wir zurück zu den Märchen! Unsere Märchenerzählerin Roswitha wartet mit einem wei-teren Märchen auf: „Die weiße Schlange“, KHM Nr.17.

In diesem Märchen geht es darum, daß ein Jüngling sich um die Königstochter bewirbt, aber nur mit Lösung dreier Aufgaben zum Ziel käme, die ein Mensch zu lösen nicht fähig wäre. Löse er aber die Aufgaben nicht, so sei er des Todes, verfügte der König.

Dem naturverbundenen Jüngling, der auf seiner Wanderung selbstlos und ohne Lohngedanken den Tieren geholfen hatte, dem helfen nun die dank-baren Tiere:

Die Fische bringen ihm den ins Meer geworfenen Ring vom Meeresgrund herauf, die Ameisen sam-meln in der vorgegebenen Zeit restlos alle 10 Säcke voll Hirse zusammen, die die Königstochter ins Gras geschüttet hatte, die Raben holen den Apfel des Lebens fernab in einem unbekannten Land.

Königstochter und Jüngling teilen und essen den Apfel und werden von der Liebe zueinander ergriffen und miteinander verbunden.

Soll heißen: Bleiben wir unserer weisen Mutter Natur treu, leben wir – auch und gerade als Lebewesen, die vom „Apfelbaum der Erkenntnis“ gegessen haben – im Einklang mir ihr, so kann unsere von mensch-licher Raffgier und Zerstörungswut geschundene Erde, so können wir Menschen und Völker wieder zur Heilung gelangen.

 

Bild: br.de

Im Märchen von „Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein“ wird sogar gezeigt, wie sich die Zweige des Baumes mit den Goldenen Äpfeln vor den bösen Schwestern zurückbiegen und sie keinen Apfel er-reichen lassen, während die wahrhaft Gute, Reine ohne Mühe einen Apfel pflücken kann. Das heißt:

Die Weisheit neigt sich nur der Seele zu, die sich ihr aufgeschlossen, aber zweckfrei nähert.

 

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Heinrich S.
Heinrich S.
11 Monate zuvor

Von den Großeltern einst frei und mit viel Zeit, mündlich, vorgetragen, war ich froh, als ich dann endlich später selber nachlesen konnte, wie es nun (wirklich) war, was da die Brüder Grimm, vor langer-langer Zeit, “zusammengetragen” hatten.

Fazit:
Immer gewann das Gute über das Böse in diesen Märchen:

“die Bescheidenheit über die Gier, die Unschuld über die Berechnung, das Verkannte über das Prahlerische, die Geduld über den Eifer, das Teilen über die Mißgunst. Während die realen Verhältnisse den Bauern, Fischern, Müllern, Schneidern, Mägden vermutlich nur selten überraschende Lebenswendungen bescherten, sorgten in den Märchen eben jede Menge Wunder für plötzliches Licht, späten Frieden und für Hochzeiten am Königshof.” – wie schön!!!

Ich und ganz sicherlich viele – viele andere identifizierten uns dann allzu gerne mit den Guten, die dann dafür auch noch, oftmals, fürstlich belohnt wurden.
———————————————-
Nach 1945 bis 1949 wurden u.a. die Märchen der Brüder Grimm verboten, da sie nationalistische Ideale verkörpern würden und mitverantwortlich für den Nationalsozialismus gewesen seien.

Im Alltag, heute, kommen die Märchen kaum noch vor, ebenso die Werke von Karl May und anderen, stattdessen wird auf Handys, empathielos geschossen und gebeamt, vernichtet, zerstört und zerschlagen. Umgang formt (eben) den Menschen.

Übrigens:
Eine späte Gerechtigkeit und auch Würdigung haben die Brüder Grimm dennoch erfahren, zusammen zieren sie (ikonenhaft) den letzten 1000-D-Mark-Schein.

Ein Omen???

HeinrichS.
HeinrichS.
11 Monate zuvor

Liebe Adelinde ,
danke für den Hinweis zu den „Ge-Brüdern“.

Etwas Unedles wollte ich damit  wahrlich nicht ausdrücken, über die etwas ältere Ausdrucksweise bin ich mir immer bewusst gewesen.

Wenn von Gebrüdern die Rede war dachte ich bisher immer an den Namen Grimm———- uuund an eine private Speditionsfirma, hier in Mecklenburg, die noch in den 1960er Jahren mit einem beeindruckenden ,uralten, klapprigen Vorkriegs Büssing präsent war.
Gebr.Moeller oder Müller stand auf der Abdeckplane.
 
Laut Nachschlagewerk sind““ Gebrüder (ahd. gibruoder, mhd. gebruoder, alts. gibrôðar, ags. gebrôðor) die alte pluralische Bildung sowie spätere poetische Pluralform zu dem Wort Bruder, die im wesentlichen gleichbedeutend mit „innige Brüder, enge Brüder“ ist.““
 
„innige Brüder, enge Brüder“ genau das wollte ich ausdrücken!

Wie ist das eigentlich mit Geschwister?
 
 
 
 

Ingrid Kopp
Ingrid Kopp
10 Monate zuvor

Allein schon der Begriff: “Gebrüder” ist etwas Freundliches. – Dieses und viel Weiteres aus unserer Literatur hilft und beruhigt uns heute in mancher Hinsicht. Aber noch was: Die Lektüre wirkt ja im Bewusstsein, während im Unterbewusstsein weitere Kräfte arbeiten. Was hätten sie dort für einen Sinn, wenn nicht den, uns zu bewahren?

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