„Die Muse im Gulag“ – 3. Teil
Montag, 10. August 2026 von Adelinde
Welch ein Buch! Welche Nachrichten aus dem Gulag von Stalingrad! Man kann nicht aufhören, davon zu be-richten und die erstaunlichen, nie für möglich gehaltenen Entwicklungen, die Hein Mayer erlebt hat und in seinem Buch „Die Muse im Gulag“ aus eigenem Erleben schildert.
Doris Mahlberg bemerkt zu Recht in ihrem Leserbrief:
„Ob es für die Frauen nach all der Schinderei, nach Prügel, Mißhandlung und Vergewalti-gungen auch Kammermusik, Geigenspiel, Tänze und Fußballspiele gab, weiß ich nicht.“
Wird es wohl nicht gegeben haben, liebe Doris. Wo-von der Hein Mayer in seinem Buch „Die Muse im Gulag“ erzählt, das war in Stalingrad, und es handelt sich um ein reines Männerlager.
Es ist bekannt, daß es Frauen weit schlechter erging als Männern, eben weil sie Frauen waren, Menschen, die man sexuell nutzen und wegen ihrer Unterlegenheit an Muskelstärke leicht überwältigen konnte.
Ehrlose Nationen, die sich von Leuten wie Ilja Ehrenburg dazu aufhetzen ließen und sich damit jeder eigenen Würde entkleideten und ehrlos wie entartete Tiere auf ihre Opfer losgingen. Wäre einem deutschen Soldaten nicht möglich gewesen.
Daher die Erkenntnis und Feststellung General Pattons, die Deutschen seien das einzige anständige Volk in Europa. Niemals auch haben Deutsche eine andere Nation derart grundlos verleumdet, wie wir Deutschen von unseren – gar nicht mehr geheimen – Erzfeinden verleumdet worden sind und weiter verleumdet werden, und ein großer Teil des Volkes das auch noch glaubt und nachplappert.
Was aus dem Gulag von Stalingrad verlautet, zeigt, welch eine erfindungsreiche, bewunderte Kultur-nation die Deutschen waren. Hier soll weiter davon berichtet werden:
Auch Pakete liefen nun regelmäßig ein, und die kontrollierenden Sowjets waren erstaunt, was aus den Paketen zu Tage kam. Sogar ein Original-Fußball, signiert mit den Namen Fritz und Otmar Walters …
Als ein Paket an einen unserer Musiker Hans Angermann aus Sachsen kontrolliert wurde, kamen zwei Stapel Notenpapier hervor. „Stoi takoi“ (Was ist das) – „Bumaga verbotten“ rief der Kontrolleur, ein Feldwebel, von den Ge-fangenen aus unerfindlichen Gründen nur „Scheiße-Meise“ genannt:
„Was Noten?“ Angermann: „Klassik“. Der Kontrolleur: „Kaki Klassik“ – „Nu, Weber, Mozart i drugi (und andere)“. Darauf wieder der Kontrolleur: „Wot Betthoffen“ und schon ahmte er musikalisch nach: „Tatata-Tamm“, was uns Umstehende erstaunte, denn für so gebildet hielten wir „Scheiße-Meise“ gar nicht.
Als der zweite Stapel zum Vorschein kam, erklärte Angermann, daß das Jazz sei. Und da alles protokolliert werden mußte, sagte „Scheiße-Meise“ zu seinem Helfer gewandt: Schreiben! „1 Kilogramm Betthoffen i (und) 1 Kilogramm Jazz“.
Wir hatten also Noten und brauchten uns nicht alles aus dem Gedächtnis aufzuschrei-ben und zu instrumentieren, wir wurden „werkgerechter“.
Auch die Instrumentierung der Notenvorlagen für die einzelnen Instrumente und die Ver-vielfältigung, das ging nun schon alles viel schneller vonstatten, denn die Musikdar-bietungen übten auch einen Sog auf die wenigen Kundigen aus, die nicht nur Noten schreiben konnten, sondern die auch noch handwerklich geschickt waren, die Zement-tüten auf den Baustellen bargen, das Papier vorsichtig wuschen und auch noch glätteten, das heißt im Wäschelager plätteten.
Und die ohne zusätzliche Einweisung auch die Notenschlüssel und die Noten von der ganzen bis zur zweiunddreißigstel beherrschten.
Und nun kommt wieder ein Beispiel des vom Ausland bewunderten deutschen Erfindergeistes, der aus Schrott wertvolle Gebrauchsgegenstände hervorzau-berte:
Apropos, Bügeleisen gab es natürlich nicht. Auch diese wurden erst von den Gefangenen aus Stücken von alten Eisenbahnschienen auf den Baustellen mit dem Schneidbrenner herausgeschnitten. In Werkstätten wurden dann Henkel angeschweißt und der Boden geschliffen. Zum Plätten wurden sie vorher ganz in das Feuer gelegt, das Griffstück mit Lappen umwickelt und der Ruß vom glatten Boden gewischt …
In all der Not waren die Pakete aus der Heimat ein Trost. Aber welch ein Heldentum unserer deutschen Soldaten auch hier! Als ein Paket mit Fußballstiefeln angekommen war, erweckten die Stollen an den Sohlen das Mißtrauen der Russen. Der Aufseher
betrachtete das Objekt von allen Seiten mit ernster Miene und hielt die Stollen wohl für Mordwerkzeuge, die gegen die Bewacher eingesetzt werden könnten, und ordnete mit gravitätischer Miene die Konfiszierung an.
Im großen Erdbunker, der eigens für die in steigendem Maße anrollenden Paketsendun-gen aus der Heimat hergerichtet war, befan-den sich zu dieser Zeit mehrere Fußballer, und das waren inzwischen auch „studierte“ Gefangene. Sie legten wortkarg Protest ein, der sich lawinenartig auf die anderen Gefangenen übertrug.
„Scheiße-Meise“ versuchte erfolglos Ruhe zu gebieten. Doch wie auf eine geheime Verab-redung hin verweigerten alle Paketempfänger die Annahme ihrer Pakete und verließen den Bunker. Das kostete manchen viel Überwin-dung, so kurz vor einem Segen und Gruß aus der Heimat. Doch die „studierten“ Gefange-nen wußten inzwischen, was Einigkeit im sowjetischen Alltag bewirken konnte.
Aber wie das in einem System so ist, das keine Freiheit, statt dessen Angst, Feigheit, Unterwerfung vor den Vorgesetzten kennt: Der Vorgesetzte
„eilte nach draußen zu den dort noch ver-sammelten Gefangenen und bat diese, er sagte wirklich ,Pajaulsta‘“ (Bitte), wieder hereinzukommen, er würde die Angele-genheit klären, inzwischen könnten die anderen ihre Pakete erhalten.
Doch auf diesen psychologischen Trick fielen die Gefangenen nun nicht mehr herein und verlangten lautstark die Herausgabe der Fußballstiefel.
Ergebnis:
„Futbal ladna, genehmigt“, und alle gingen zufrieden wieder in den Bunker, ihre Schätze zu bergen.
Der Fußball konnte nun in bestem Dreß vor den Zuschauern gespielt werden. Natürlich konnte sich mancher nicht verkneifen, seinem Spott freien Lauf zu lassen. Irgendwann mußte das Ventil gelüftet werden:
Im Sommer spielte man nicht nur im heißen Speisesaal, sondern auch im Freien vor dem Roten Steinbau. Damals übten sich Reinhold Glockner, Leverkusen, zusammen mit Hein Mayer, Itzehoe, als Conferenciers. Das Or-chester saß unter der Balkonüberdachung, und bei einem sogenannten Estradenkonzert machten beide Conferenciers eine Doppelansage.
Reinhard Glockner hatte anfangs mehr Lacher auf seiner Seite und Hein Mayer, der Opti-mist, versuchte das wettzumachen, landete aber schließlich im Karzer wegen eines nicht gemeldeten Wortbeitrags.
Er hatte gerade die „Diebische Elster“ von Rossini angesagt und in der Überleitung diebisch in den Zuhörerkreis gefragt, was denn der Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus sei – und gab dann selbst die Antwort:
„Im Kapitalismus wird der Mensch durch den Menschen ausgebeutet! – Und im Sozialismus ist das genau umgekehrt!“
Tags darauf muß das wohl ein „Holzauge“, so nannte man die Zuträger, die da glaubten, für besondere Leistungen in „deutsch-sowjetische Zusammenar-beit“ ein Zusatzbrot oder eine frühere Heimkehr erreichen zu können, gemeldet haben. Unser Optimist mußte also nicht nur vor Klukin treten, nein, auch Major Orlow war … beteiligt und schnarrte:
„Sie haben wohl Marx und Engels noch immer nicht begriffen, und als faschisti-scher Kriegsverbrecher wollen Sie auch noch den verwirklichten Sozialismus der freien Völker verächtlich machen und die große Sowjetunion beleidigen? Dawei na Karzer!“
Diesen „verwirklichten Sozialismus“ erleben wir heute in der BRD mit einer linientreuen Sozialisten-Handlanger-„Regierung“ und erfreuen uns der echt sozialistischen Meinungsäußerungs„freiheit“. Doch im Nachkriegs-Stalingrad hatte dann ein Kamerad
noch einen großen Chor zu leiten und der Optimist und Organisator schleppte bis zu 80 mehr oder weniger begabte Sänger an. Auch in der Muse ist Organisation fast alles.
Und so schallte dann der Pilgerchor nicht nur durch das Lager, nein, auf der anderen Seite hinter Zaun und Stacheldraht standen Hun-derte russische Zivilisten, die aus den nahen Häusern herbeigeeilt waren, und lauschten Musik und Gesang und sparten auch nicht mit lautem Beifall.
Dabei fragten wir uns, wer ist hier eigentlich eingesperrt, die da draußen oder wir hier drinnen …
Aber bei Musik und Chor allein sollte es nicht bleiben, wir wollten dramatischer werden. Nun sollte auch einmal ein Drama über die Bühne gehen. Im Bühnenzimmer meinte Dr. Wolfdietrich Kopelke, Literat und Kunstge-schichtler aus Halle an der Saale:
„Am besten ,Die Räuber‘, da könnten wir richtig loslegen oder ,Wilhelm Tell‘ oder ,Kabale und Liebe‘. Oder auch den ,Eg-mont‘ von Goethe!“
„,Na watt nun? Jöthe oder Schillern?‘ fragte der Optimist. ,Besser Schillern‘, meinte der Literat, ,paßt besser zu unserer Lage‘.“
„,Übrigens, kannst du mir auch sagen, was wäre, wenn Goethe und Schiller in sowjetischer Gefangenschaft wären?‘ ,Nee,‘ entgegnete der Optimist, ,ist auch ziemlich utopisch! Zu deren Lebzeiten gab es die ruhmreiche Sowjetunion und die Zwangsarbeiter-Lager noch nicht!‘
,Nun, ich sagte auch nur, was wäre, wenn der Goethe und der Schiller im Gulag sä-ßen. Die Antwort ist ganz einfach: Der Schiller säße im Karzer, und der Geheim-rat Goethe wäre ANTIFA-Ältester!‘
‘Ja, ein solcher Vergleich könnte stimmen‘,“
meinte Hein Mayer.