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„Die Muse im Gulag“ – 2. Teil

Was Menschen Menschen antun können, wenn sie sich im Besitz der „alleinseligmachenden“ Ideo-logie sehen und diese allen Men-schen aufdrängen wollen, das zeigte die Sowjetunion den Deut-schen besonders nach Ende des 2. Weltkrieges.

Tausende deutscher Soldaten waren in den „Gulags“ festgehalten mit der Lüge, sie seien samt und son-ders „Kriegsverbrecher“. In Wirklichkeit brauchte Stalin für seine Großprojekte massenhaft Arbeits-kräfte, die bis an die Grenze zum Verhungern bei einem Minimum an Nahrung 10 bis 12 Stunden täglich für die „ruhmreiche Sowjetunion“ schufteten.

Die ausgemergelten Männer – unter ihnen hervorra-gende Wissenschaftler und Künstler – hatten sich gesagt:

Wir können an unserer Situation nichts än-dern, die anderen haben die Gewalt und die Gewehre, und da wir uns aus dieser Lage nicht selbst befreien können, so gilt es, das Beste daraus zu machen.

Es gilt zu überleben, und das gelingt nicht mit bloßem Vegetieren, wir müssen uns körperlich und geistig frisch halten, das tun wir für uns persönlich und schließlich auch für die Kameraden, die außer der Arbeitsfron nichts an geistiger Abwechslung und Erbauung haben.

Und so gewannen von Woche zu Woche die Musen EUTERPE, THALIA und TERPSICHORE (Musik, Lustspiel und Tanz = Tanz um den runden Ball) an Zulauf.

Zwei volle Fußballmannschaften waren ge-bildet, „Eintracht“ und „Fortuna“ und eine dritte „Wacker“ war im Aufbau …

Die Konzerte wirkten weiter, denn nun meldeten sich immer mehr Musiker, Schau-spieler und Laienspieler. Auch bei den Fußballern gab es einen kräftigen Zuwachs, nicht nur bei den Zuschauern, sondern auch bei den Mannschaften. Nun standen nicht nur Ersatzspieler zur Verfügung, auch der neue Verein „Wacker“ kam mächtig in Fahrt.

Und mit den Paketen aus der Heimat wurde die Ausrüstung für die Spieler immer mehr vervoll-ständigt.

… Ein ehemaliger Musikdirektor, Oberst Ernst Bode aus Stuttgart, wollte Kammermusik beisteuern, doch dazu fehlten noch Geigen. Eine ertrümmerte Geige wurde bei Aufräu-mungsarbeiten in einem verschütteten keller neben einem skelettierten deutschen Solda-ten gefunden und ins Lager verbracht …

und von

einem Instrumentenbauer – Hero Glas – aus dem Erzgebirge kunstgerecht aufgebaut.

Im Laufe des folgenden Jahres baute Hero weitere Geigen, zwei Contrabässe und eine Bratsche. Die Schnecken für die Geigen schnitzte ein Devotionalienschnitzer Vinzenz aus dem Allgäu, die für Celli und Contrabässe Horst Windemuth aus Holzappel.

Die Bespannung, die Saiten, wurden aus organisiertem Stahldraht hergestellt, wozu die Baßsaiten eigens mit Kupferdraht aus alten kriegszerstörten Elektromotoren um-wickelt wurden. Dazu hatte unser Bühnen-elektriker Heinz Bode, gemeinsam mit dem Feinmeschaniker Tone Schweisberg aus Scheidegg im Allgäu, eigens eine Wickelmaschine konstruiert.

Ein großes Problem bildeten die Geigenbö-gen. Zwar waren die hölzernen Bögen schnell geschnitzt und auch mit einer simplen Spannvorrichtung versehen, doch die Bespannung selbst war einfach nicht zu lösen, zumal Männer-Haare viel zu kurz und Frauenzöpfe nicht verfügbar waren. Doch Not macht auch erfinderisch.

Die Russen hatten auch ein Pferd ins Lager gebracht …

Dem wurde kurzerhand der Schweif bis zum Ansatz am Fleisch abgeschnitten, so daß nun die Bögen der Streichinstrumente mit Haaren versehen werden konnten.

Es geschah das, wofür die deutschen Soldaten bei den anderen Völkern berühmt waren: Sie machten aus Abfällen wertvolle Gegenstände.

Die Geigenbögen wurden immer besser und hätten damals selbst in bedeutenden Or-chestern Absatz finden können.

Dem Pferdchen sprossen glücklicherweise nach kurzer Zeit die Ersatzhaare aus dem Schwanzstummel.

Die erste Baßgeige hatte eher die Form eines Kindersarges, aber nach dem Urteil der Fach-leute war diese von exellentem Klange. Mit der wachsenden Fertigkeit der Hersteller wurden die Holzinstrumente immer edler in Form und Ton.

… Ernst Bode hatte man einen schönen Taktstock zugeordnet, den Toni Schweins-berger extra aus einem geklauten Alumini-umstab auf der kleinen Drehbank gedrechselt hatte. Die Geiger stimmten noch kurz ein, da erhob Ernst Bode nach dem obligatorischen dreimaligen Klopfn auf das in den Werkstät-ten kunstvoll aus altem Munitionskisten hergestellte Dirigentenpult den Taktstock.

Und schon schwang sich die Muse in den Raum, und der Widerhall klassischer Musik verzauberte die in doppeltem Sinne hungrigen Gefangenen.

… Es gab eine erste und eine zweite Vor-stellung, und danach hatte sich dann die allgemeine Einstellung zur Selbstverwaltung dieses Zwangsarbeiterlagers und zur freien (betont deutschen) Kulturarbeit im Lager gewaltig zum Positiven gewandelt.

Inzwischen waren auch neue Kameraden aus Sibirien, aus Workuta gekommen, die den Unterschied vom sibirischen Lager zu hier als einen Übergang vom Vorhof der Hölle in einen Garten Eden empfanden. Auch neue Musiker hatten sich eingefunden.

… Bis in die Nacht probten die Musiker, die vorher 10-12 Stunden schwer auf den Baustellen geschuftet hatten.

… Da passierte Schlimmer. Auf dem Weg von der Baustelle zurück ins Lager hatte ein russischer Postenführer befohlen, daß ein Gefangener seinen elzmantel schleppen sollte, was dieser verweigerte, da befahl er der ganzen Kolonne „Hinlegen“, was keiner tat.

In seiner Wut und um sich Gehör zu ver-schaffen, riß er sein Gewehr von der Schulter, wiederholte seinen Befehl „Hinlegen“, was wiederum keiner tat. Auf das Höchste gereizt, schoß er einfach in die Mannschaft hinein, und mit einem Schuß fuekeb zwei Kameraden tödlich getroffen zu Boden …

Das ganze Lager war im Aufruhr, als die Rückkehrer den Vorfall meldeten. In der Dämmerung hatte ein späterer Oberst der Bundeswehr, Fritz Ochsenkühn, Gunzen-hausen, an die Frontseite des Speisesaals mit schwarzer Farbe zwei große Kreuze gemalt, und im Speisesaal waren durch Messerschnit-te die Gesichter auf den großen Ölbildern von Stalin und Lenin zerfetzt worden …

Ein anderer Kamerad kam auf den Mann mit dem Schnitzmesser zu:

Deine Wut kann ich verstehen, mir geht es nicht anders, doch mit der Zerstörung von Bildern bewegen wir nichts, sondern eher das Gegenteil von dem, was wir wollen! … ich lasse die Bilder heute Nacht noch flicken.

Das war sicher gut geraten. Und langsam konnten die Proben der „Kulturgruppe“ wieder aufgenommen werden.

Ein Dichter war aufgetaucht, jener Wolfdiet-rich Kopelke, der auch noch ein sehr guter Bariton war, und der sang dann zu einem weiteren Matinee mit Bravour die Arie des Sarastro aus Mozarts „Zauberflöte ,O Isis und Osiris‘“ und weiter „In diesen heilgen Hallen kennt man die Rache nicht …“

An den zerschnittenen und wieder verklebten Bildern von Stalin und Lenin

gingen Russen wie auch die Gefangenen … völlig achtlos vorrüber.

Als nun eines Tages der Aufseher Klukin durch den Speisesaal ging, guckte er, was er sonst nie tat, diesmal auf die Bilder und rief sogleich nach dem Optimisten.

Was denn mit den Bildern geschehen sei? forschte er. Der Optimist setzte das dümmste Gesicht auf, welches ihm zur Verfügung stand, und sagte knapp: „Wieso?“ Klukin: „Na, da ist doch was verändert worden!“ Der Optimist: „Nein, niemals! Ich habe mich schon immer gewundert, daß man so häßliche Bilder von den größten Leuten der Weltgeschichte hier aufgehängt hat!“

Klukin verließ wortlos den Saal. Fall erledigt. Grenzen der Macht gezeigt!

… Belehrungen in Sachen kommunistischer Ideologie, das brauchten die widerrechtlich verurteilten duetschen Wandsarbeiter wahrlich nicht.

Die meisten hatten schon mehr als fünf Jahre deutlichen Anschauungsunterricht genossen die Altgefangenne unter ihnen sogar schon neun Jahre und alle Umerziehungsversuche, einschließlich der einer lächerlichen und oft gefährlichen ANTIFA, hatten den größten und tödlichsten Irrtum einer politischen Heilslehre ad absurdum geführt.

Fortsetzung folgt

 

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