Schiller-Wörter, Schiller-Worte
Donnerstag, 5. November 2009 von Adelinde |
Hätten Sie’s gewußt,
daß diese zusammengesetzten Hauptwörter von Schiller erfunden wurden?
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Friedrich Schiller
Erfindungsgeist
- Farbenfeuer
- Fehlschlag
- Fürstengunst
- Gaukelbild
- Gewissensmacht
- Inhaltsverzeichnis
- Kindersinn
- Kunstfleiß
- Menschenforscher
- Schattenbild
- Schwerkraft
- Schuldbuch,
- Seelenfriede
- Selbstverteidigung
- Sprachgewalt
- Weltmann
- Weltordnung
- Wohllaut
Welche Farbigkeit! Genauso die Eigenschaftswörter:
- entnervt
- inhaltsschwer
- leichtgeschürzt
- riesengroß
- rohherzig
- scharfsichtig
- schutzlos
- seelenvoll
- selbstzufrieden
- spiegelrein
- tatenvoll
- welterhaltend
- wildbewegt
Auch „abhärten“ und uns „gütlich tun“ können wir uns seit Schiller auf Deutsch.
Viele neue deutsche Wörter hat Schiller auch in Anlehnung an andere Sprachen erfunden:
- Landenge (aus griech. Isthmus)
- Sinnenwelt (aus lat. realitas, Realität)
- Glückspilz (aus frz. parvenu)
- Mißstimmung (aus frz. discordance)
Besser bekannt als von Schiller stammend sind die
Redensarten:
- Die Axt im Haus erspart den Zimmermann. (Wilhelm Tell)
- Der kluge Mann baut vor. (Wilhelm Tell)
- Dem Manne kann geholfen werden. (Die Räuber)
- Früh übt sich, was ein Meister werden will. (Wilhelm Tell)
- Ich kenne meine Pappenheimer! (Wallenstein)
- Spät kommt ihr, doch ihr kommt. (Wallenstein)
- Durch diese hohle Gasse muß er kommen! (Wilhelm Tell)
- Was ist der langen Rede kurzer Sinn? (Wallenstein – Piccolomini)
- Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar. (Das Lied von der Glocke)
- Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens! (Die Jungfrau von Orléans)
- Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt! (Wilhelm Tell)
Der Dichter der Freiheit:
Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd‘ er in Ketten geboren. (Don Carlos)
Sire, geben Sie Gedankenfreiheit! (Marquis Posa gegenüber dem spanischen König im Don Carlos).
Wohingegen Schiller den Kardinal im Don Carlos angesichts der Ketzerverbrennungen seinen Seelentod offenbaren läßt:
Der Verwesung lieber als der Freiheit!
Überhaupt – die christliche Moral:
Was soll auch der Plunder in einer Kirche? Sie tragen’s dem Schöpfer zu, der über den Trödelkram lacht, und seine Geschöpfe dürfen verhungern …
Da donnern sie Sanftmut und Duldung aus ihren Wolken und bringen dem Gott der Liebe Menschenopfer wie einem feuerarmigen Moloch, predigen Liebe des Nächsten und fluchen den achtzigjährigen Blinden von ihren Türen weg, stürmen wider den Geiz und haben Peru um goldner Spangen willen entvölkert und die Heiden wie Zugvieh vor ihre Wagen gespannt.
Thomas Mann hebt in seinem „Versuch über Schiller“ (Silberburg-Verlag) hervor:
Er war nicht vorsichtig und hat aus Liebe zu den Göttern Griechenlands das Ärgernis nicht gescheut, seine Abneigung kundzugeben gegen den christlichen Eingott, der, freundlos, ohne Bruder, ohne Gleichen, auf Saturnus‘ umgestürztem Throne herrscht.
Und Thomas Mann zitiert Schiller:
Da die Götter menschlicher noch waren,
Waren Menschen göttlicher.
Daher verrät Schiller im Aphorismus „Mein Glaube“:
Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst! – Und warum keine? – Aus Religion.
Im 2. Aufzug des „Tell“ läßt er den Stauffacher ausrufen:
Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht. Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, wenn unerträglich wird die Last – greift er hinauf getrosten Mutes in den Himmel und holt herunter seine ewgen Rechte, die droben hangen unveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst …
Schiller bekannte:
Freimaurer: Initiation eines „Suchenden“. Kupferstich, 1745 in Frankreich, aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Freimaurerei
Bin kein Maurer, kein Illuminat.
So meinte er natürlich nicht die Logenbrüder, als er den Rütlischwur formulierte, aber sicherlich die Schwestern des Volkes beim „Volk von Brüdern“ mit:
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als in Knechtschaft leben …
Diese Worte erinnern an das stolze Friesenwort „Lever dod as Slav“. Im „Wallenstein“ heißt es entsprechend:
Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein.
Im „Fiesco“:
Ketten von Stahl oder Seide – es sind Ketten.
Im „Tell“ stärkt er den Schwachen den Rücken:
Verbunden werden auch die Schwachen mächtig,
und mahnt:
Was auch draus werde – steh zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz. Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, das halte fest mit deinem ganzen Herzen, hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft!
Worte des Philosophen
Der moralisch gebildete Mensch, und nur dieser, ist ganz frei,
lesen wir in den „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Aber vor allem – und da hat Berhold Brecht vielleicht bei ihm gelernt (wenn auch sprachlich tief unter Schiller formulierend: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“):
Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und sich satt gegessen hat, aber er muß warm wohnen und satt zu essen haben, wenn sich die bessere Natur in ihm regen soll.
Dann erst wird er daran gehen:
Der Mensch, in dem einmal das Gefühl für Schönheit, für Wohlklang und Ebenmaß rege und herrschend geworden ist, kann nicht ruhen, bis er alles um sich in Einheit auflöst, alle Bruchstücke ganz macht, alles Mangelhafte vollendet oder, was ebensoviel sagt, bis er alle Formen um sich her der vollkommendsten nähert.
Dem Berthold Brecht hätte Schiller als Gleichgesinntem bezüglich dessen Wortwahl vielleicht entgegengehalten:
Die Wahrheit ist vorhanden für den Weisen,
Die Schönheit für ein fühlend Herz. Sie beide
Gehören für einander. Diesen Glauben
Soll mir kein feiges Vorurteil zerstören.
Thomas Mann, der Schillers
hoch-gewählte, hoch-genaue Worte
bewundert, zitiert Goethe, der von Schiller sagte:
Er mocht sich stellen, wie er wollte, er konnte gar nichts machen, was nicht immer bei weitem größer herauskam als das Beste der Neueren; ja, wenn Schiller sich die Nägel beschnitt, war er größer als diese Herren.
So ist es kein Wunder, wenn Schiller die Künstler mahnt:
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!
Er verheißt:
Laßt uns Schönheit und Freude pflanzen, so ernten wir Schönheit und Freude.
Der Sinn des Daseins scheint ihm:
Wie das ganze Naturgebäude nur darum vorhanden zu sein scheint, um den höchsten aller Zwecke, der das Gute ist, möglich zu machen …
und findet:
Nichts führt zum Guten, was nicht natürlich ist.
In seinem Gedicht „Das Glück“ stellt er jedoch fest:
Vor Unwürdigem kann dich der Wille, der ernste, bewahren,
Alles Höchste, es kommt frei von den Göttern herab …
Mit andern Worten, das göttliche Schöpferische oder schöpferische Göttliche im Menschen läßt sich nicht herbeizitieren, es kommt „von selbst“.
Das Universum ist ein Gedanke Gottes,
heißt es an anderer Stelle und:
Die Liebe ist die Leiter, worauf wir emporklimmen zur Gottähnlichkeit.
Unsterblich ist das Leben, nicht aber die Leben, doch:
Unsterblichkeit: Über den Tod erschrickst Du? Du wünschest unsterblich zu leben? Leb‘ im Ganzen! Wenn du lange dahin bist, es bleibt.
(Die meisten Schillerwörter und -worte trug Adelinde-Autorin Elke Reisenbichler bei, die wiederum einen Großteil bei Gudrun Luh-Hardegg in deren Buch „Von der Schönheit unserer Sprache“ fand.)
