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„Klage um Deutschland“

Thomas Engelhardt

reichte die von Friedrich Franz von Unruh* verfaßte „Klage um Deutschland“ ein. Hier ist sie mit den einleitenden Worten Engelhardts:

Einer der bedeutendsten Novellisten des 20. Jahrhunderts (1893-1986), schrieb diese Klage:

*) Friedrich Franz von Unruh wurde in Berlin geboren und wuchs in Königsberg auf. Er wurde Offizier und im Ersten Weltkrieg schwer verwundet. In der Weimarer Republik begann er zu schreiben: Novellen, Erzählungen und journalistische Arbeiten.

Ich klage um Deutschland, nicht weil es besiegt, zerstückt und entmachtet ist -,

ich klage um Deutschland, weil es sein Wesen preisgibt. Weil es, verunsichert und verstört, seine Seele verrät. Weil es, durch maßloses Unglück verwirrt, die Sternstunde der Besinnung versäumt.

Ich klage um Deutschland, weil es seine Herkunft vergißt. Um jenes Deutschland, wo Überlieferung noch ein dankbar und sorgsam gehütetes Erbe war. Wo ein Wort noch ein Wort, Recht Recht, Treue Treue, Verrat Verrat und Schande Schande war.

Wo man die dunkle Gewalt kannte, aber Kraft und Mut hatte, sie zu bestehen.

Wo Korruption fremd und Opportunismus verächtlich war.

Wo Pflicht höher stand als Genuß und Armut oder Reichtum kein Wertmaß war.

Wo noch nicht gefragt wurde: „Ist Leistung unanständig?“, sondern Leistung schwerer als Geltung wog und „Mehr sein als scheinen“ der Grundsatz einer Elite war.

Wo es galt, so zu leben, daß es beispielhaft wirkte. Wo ein Deutscher zu sein, eine Ehre im Abendland und weithin in der Welt war.

Wo es nur ein Deutschland gab und kein Herausreden auf ein „anderes“ Deutschland.

Wo Heimat und Vaterland nicht verfemte Vokabeln, sondern unantastbare Güter waren.

Wo sie zu schützen als ehrenvoll galt.

Wo der Staat noch nicht – schizophren – zum Wehrdienst aufrief und Bürgern und Feldherrn, die ihn verteidigt hatten, ihr Ansehen nahm.

Wo Nationalstolz und Weltbürgertum kein Gegensatz waren, die Besten vielmehr ihre völkische Kraft an menschliche Hochziele wandten und gerade das als Mission empfanden.

Wo auch Unglück das Band der Nation nicht riß und der Andersgesinnte mehr als Volks-bruder, denn als Klassenfeind zählte.

Wo mehr als Parteimitgliedschaft der Charakter wog.

Wo „Made in Germany“ nicht nur ein Warensiegel, sondern, bis ins hinterste Afrika, eine Wertmarke war.

Wo „deutsch“ zuverlässig, echt, unverfälscht hieß.

Wo die Urzelle der Nation, die Familie, ein Sanktum war und die „gute Ehe“ nicht spießbürgerlich, sondern vorbildlich hieß.

Wo der Dienst am Staat als verdienstlich galt und Gehorsam als ebenso selbstverständlich wie Widerstand, wenn das Gewissen in Not kam. Wo man arbeitete um der Arbeit willen und mit dem Geld nicht zu ködern war.

Wo Ehrerbietung vor Eltern und Älteren, vor Wissen und Leistung und gar großem Menschentum noch natürlich war.

Ich klage um Deutschland, das Land, in dem Dichtung und Literatur nicht Politologie, sondern Leuchtfeuer der Seele waren.

Wo man nicht Scheu trug, „deutsche“ Dich-tung zu sagen, weil das dem oder jenem als „reaktionär“ oder „restaurativ“ mißfiele.

Wo die Namen hoher Denker und Dichter und Dichterinnen, Seher und Warner gültige Namen waren, weil sie ein Echo hatten und nicht Verlegenheit oder Hohn auslösten; weil man die tiefsten Erfahrungen, Leid, Schmerz und Tröstung, Freude und Schauer des Tragischen durch sie gestaltet und so das kleine, vergängliche Dasein zur Dauer und ins Sinnbild erhöht fand; weil man ihr Wissen und Werk als unerschöpflichen Kraftquell kannte und – dank ihrem Geleit vor subversiven Mächten geschützt – sicherer über die Erde ging.

Ich klage um Deutschland, dessen Musik einen Himmel über die Völker hob und – noch nicht atonal entstellt – die Menschen ergriff, erschütterte und vereinte.

Ich klage nicht um ein fiktives, erträumtes, nie da gewesenes Land, sondern ein mit-erlebtes, das – stärker oder schwächer – im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und trotz allem und allem im Dritten Reich und danach noch vorhanden war und erst – Zug um Zug, Jahr um Jahr – entschwindet.

Ich klage – ein Lebender – namens derer, die dieses Land geliebt und – rechten oder un-rechten Meinens – für es gewirkt, gekämpft und gelitten haben und ihm bis zum Tode die Treue hielten.

Ja, ich glaube, es mischen sich in meine Klage die Stimmen aller, denen Deutschland, als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation längst versunken war, immer noch heiliges Land und mit Hölderlins Wort das „Herz der Völker“ geblieben ist.

 

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