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Sehr ermutigend, das über 700 Seiten starke Werk von General Gerd Schultze-Rhonhof „Der Krieg, der viele Väter hatte“ in die Hand zu nehmen, zu studieren und sich damit auseinanderzusetzen, ist die hier folgende

Aufzeichnung seines überschaubaren Aufbaues.

Auch dies verdanken wir

Gerhard Bracke

Das mit Quellenverzeichnis, Personenverzeichnis und Sachregister etwas über 700 Seiten umfassende Werk selbst weist einen ungewöhnlichen Aufbau auf, der eine spannende Lektüre garantiert.

Anders als heute allgemein üblich läßt Teil 1 die „Vorgeschichte“ nicht mit Hitlers Außenpolitik beginnen, sondern mit den Spannungen und Vorkriegskrisen, die zum Ersten Weltkrieg und zum System der Pariser Vorortverträge geführt haben.

Diese Entwicklung wird auf knapp 100 Seiten akribisch nachgezeichnet, um die Voraussetzungen zu begründen,  ohne die sämtliche daraus resultierenden Problemfelder und Spannungen der Zwischenkriegszeit in Europa nicht erklärbar wären.

Teil 2 befaßt sich mit den „Jahren der Anschlüsse“ unter Berück-sichtigung aller Interdependenzen.

Dann untersucht Teil 3 die Frage der Wiederaufrüstung zwischen 1918 und 1939 im Kontext der allgemeinen europäischen Geschichte.

Der 4. Teil geht unter dem Kapitel „Hitlers Kriegsankündigungen bis 1939“ quellenkritisch auf die bekannten und immer wieder zitierten sog. „Schlüsseldokumente“ ein.

Schließlich nimmt in Teil 5 „Der Weg in den deutsch-polnisch-sowjetischen Krieg“ mit etwa 200 Seiten einen historisch berechtigten breiten Raum ein, wobei die unterschiedlichsten Beziehungen, Problemkreise und Aspekte einer sorgfältigen Analyse unterzogen werden. Die Zuspitzung der Lage und der Verlauf der letzten Woche vor Kriegsausbruch werden genau nachgewiesen.

Die Schlußbetrachtung (Teil 6) nimmt als Fazit keinerlei Rücksicht auf die gängigen Klischees von der Alleinkriegsschuld Deutschlands und die daraus abgeleiteten geschichtspolitischen Dogmen. Vielmehr wird sachlich und klar analysiert, was nach Lage der Quellen und Fakten um der historischen Wahrheit willen sowie im Sinne Rankes nicht verschwiegen werden darf:

  • Englands Beitrag zum Kriegsausbruch (6½ Seiten)

  • Frankreichs Beitrag zum Kriegsausbruch (3 Seiten)

  • Polens Beitrag zum Kriegsausbruch (3 Seiten)

  • Der Beitrag der Sowjetunion zum Kriegsausbruch (über 2 Seiten)

  • Der Beitrag der USA zum Kriegsausbruch (4 Seiten)

  • Deutschlands Beitrag zum Kriegsausbruch (2 Seiten)

Äußerlich weist der jeweilige Seitenumfang auf die Gewichtung der Schuldanteile (hier „Beiträge“ genannt) zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hin, und es zeigt sich deutlich, daß der Anteil Englands und der späteren Supermacht USA, sogar des  polnischen Staates  wesentlich größer war als der des Deutschen Reiches.

Schultze-Rhonhofs Bilanz zeigt „ein Deutschland, das dieses Einvernehmen (mit Polen) sucht und nicht erreicht und zum Schluß den Krieg eröffnet“[1] Nichts davon ist im Bewußtsein der Öffentlichket gegenwärtig, nur die verlogene Mär vom „Überfall“ auf ein friedfertiges Volk und die Geschichtsklitterung, die Polen ausschließlich als „Opfer“ der Deutschen betrachtet.

Wie eine hilflose Abwehr gegen streng geschichtswissenschaftlich gewonnene Erkenntnisse wirken die üblichen „Revisionismus“-Vorwürfe, als ob wissenschaftlicher Fortschritt ohne Revisionsbereitschaft gegenüber veralteten Hypothesen überhaupt möglich wäre!

Revisionismus ist im Gegenteil ein unabdingbares Wissenschaftsprinzip. Denn das macht Wissenschaft eigentlich aus: das vermeintlich Gewisse immer wieder zu hinterfragen.

Deshalb mahnte der Historiker Prof. Dr. Hellmut Diwald in seinem Buch „Deutschland einig Vaterland – Geschichte unserer Gegenwart“ (1990):

„Es geht darum, daß wir uns künftig keine Diskussion jener historischen Fragen, die mit dem Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg zusammenhängen, verbieten lassen – selbst wenn man sich dabei so tückische Attribute wie ‘faschistoid’ oder ‘neonazistisch’ einhandelt. Das sollte man wegen der historischen Wahrheit in Kauf nehmen, zumal die Zeiten, da sich unsere Geschichts-schreibung kritiklos der westalliierten Sicht angebiedert hat, abgelaufen sind.“[2]

Und der als anerkannter Buchautor einst so erfolgreiche, bei seinem allzu frühen Tod 1993 ebenso von geschichtspolitischen Kreisen geschmähte Geschichtswissenschaftler zitiert den amerikanischen Historiker Harry Elmer Barnes von der Columbia University New York mit den Worten:

„Obwohl eindeutig auf dokumentarischer Grundlage bewiesen worden ist, daß Hitler nicht verantwortlicher – wenn überhaupt verantwortlich – für den Krieg von 1939 gewesen ist als der Kaiser es 1914 war, stützte man sich nach 1945 in Deutsch-land auf das Verdikt der deutschen Alleinschuld, das von der Wahrheit ebenso weit entfernt liegt wie die Kriegs-schuldklausel  des Versailler Vertrages.

Das Kriegsschuldbewußtsein (nach 1945) stellt einen Fall von geradezu  unbegreiflicher Selbstbezichtigungssucht ohnegleichen in der Geschichte der Menschheit dar. …“

Der Historiker muß nach Diwalds Worten das Recht haben, die Darstellung von Sachverhalten zu überprüfen. „Er muß die Freiheit besitzen, sich mit den Fakten selbst zu beschäftigen.“ (a.a.O., S. 80) General Schultze-Rhonhof hat diese Freiheit für sich in Anspruch genommen, aber auch das Recht, die Ergebnisse seiner unabhängigen Forschungen zu veröffentlichen.

Obwohl geschichtswissenschaftlich durch neuere Quellenforschung widerlegt, gehört zu den langlebigsten, da geschichtspolitisch gepflegten Legenden des Zweiten Weltkrieges die Vorgeschichte des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Diwald stellte deshalb klar:

„Von der Eroberung des ‘Lebensraumes im Osten’ für Deutschland über den ideologischen ‘Existenzkampf gegen den Bolschewismus’  bis hin zu den Hitler unterstellten Welteroberungsplänen und der ‘Ausbreitung der germanischen Herrenrasse’ wurde jedes Argument mobilisiert, um auch diesen Angriff in die Reihe der kriminellen Exzesse Hitlers und des Dritten Reiches einzuordnen.

Die Literatur dazu ist kaum noch zu überblicken, noch weniger sind die Schlußfolgerungen aufzulisten, die aus diesem ‘Überfall’ des hemmungslos aggressiven Deutschlands auf die friedliebende, ahnungslose und treu zu den Abmachungen des Hitler-Stalin-Paktes stehende Sowjetunion gezogen wurden. […]

Stalin hatte alles Interesse daran, diese Version zu verbreiten und die in der Tat fürchterlichen Leiden Rußlands im Zweiten Weltkrieg ausschließlich den Deutschen aufzubürden. Damit wurden die russischen Entscheidungen in Jalta und Potsdam sowie die Behandlung Deutschlands in den Jahrzehnten nach 1945 bis in unsere neun-ziger Jahre gerechtfertigt.“[3]

[Anm.: Die auf umfangreichem Quellenmaterial aus Moskauer Archiven gestützte wichtige Forschungsarbeit von Bernd Schwipper, „Deutschland im Visier Stalins“, Gilching 2015,  3. Aufl. 2018, war zur Zeit des Vortrags noch nicht erschienen]

Doch in einem Punkt sollte Hellmut Diwald nicht recht behalten, nämlich in der Zuversicht, daß „die Zeiten, da sich unsere Geschichts-schreibung kritiklos der westalliierten Sicht angebiedert hat, abgelaufen sind.“

Was nicht sein kann, was nicht sein darf

Um ja keinen Zweifel am Übereifer ihrer demokratischen Wohlanständigkeit aufkommen zu lassen, geraten selbst renommierte Fachhistoriker von Rang wie Prof. Dr. Michael Salewski in die Versuchung politischer Geschichtsklitterung. Jedenfalls ließ er seine Festansprache in der Paulskirche zu Frankfurt am Main am 14. Juni 2008, „160 Jahre Marine zwischen Volk und Staat“, nicht nur darin gipfeln, die Marine im Zusammenhang mit den Flottenbauplänen der Kaiserzeit in monokausaler Blickverengung als „Kriegstreiberin“ zu bezeichnen, sondern in der Behauptung:

„Zum Dritten war die Marine bereit, das nationalsozialistische kontinentale Vernichtungskonzept im Osten Europas zu tolerieren, denn Hitler korrumpierte die Marine, indem er ihr versprach, nach Abschluß der kontinentalen Expansion binnen weniger Jahre, Raeder meinte spätestens ab 1949, die Weltherrschaft anzustreben. Träger dieses Anspruchs aber sollten nicht Heer und Luftwaffe, sondern eine aufgeblasene Marine sein. […]

Perversion kann man viertens auch darin sehen, daß die Kriegs-marineführung alle alten Traditionen, nach denen sich die deutschen Marinen ‘nach England’ zu richten hatten, weil dieses über die reichhaltigste maritime Erfahrung verfügte, zugunsten eines maßlosen Konzepts über Bord gab. Das widersprach allen Lehren der Geschichte.

Und schließlich, trauriger Höhepunkt: die Verschmelzung des absolut Bösen mit der personell höchsten Spitze der Marine: Nicht Hitler, Dönitz war der letzte ‘Führer’ des ‘Dritten Reiches’. Die Marine war 1945 so entsetzlich diskreditiert, wie noch nie in ihrer Geschichte.“ [4]

Alles, was Sie bereits über den Umgang von PC-Historikern mit den Quellen  und deren geschichtspolitische Schlußfolgerungen gehört haben, gestützt auf die Erfahrungen Schultze-Rhonhofs mit dieser Zunft, hier wird es nochmals „Ereignis“.

Hier handelt es sich in der Tat, um den Ausdruck des Festredners zu verwenden, um eine „Perversion“, eine Perversion geschichtswissen-schaftlicher Würdigung. 

Großadmiral Karl Dönitz (Bild: pinterest)

Ergänzt wird diese ungeheuerliche Herabwürdigung des Großadmirals Karl Dönitz, dessen Marine gegen Kriegsende mehr als zwei Millionen Deutsche in einer geschichtlich beispiellosen Rettungsaktion die Flucht über die Ostsee ermöglichte, durch eine adäquate Lobhudelei zur anderen Seite, durch einen Hinweis auf „England als Beispiel“:

„Trotz der tödlichen Bedrohung der Insel seit der Niederlage Frankreichs im Juni 1940 hielt sie an ihren demokratisch-liberalen Idealen fest, wußte diese aber mit dem Prinzip von Macht und Führung durch die Obrigkeit zu verbinden, dafür steht die Gestalt von Winston Churchill, der bereits im Ersten Weltkrieg bewiesen hatte, wessen ein demokratisch-liberales maritimes Großreich fähig war.“ (ebd.)

Nein, die Zeiten kritikloser Anbiederung an die Sicht westalliierter Geschichts-schreibung sind noch längst nicht vorbei.

Deshalb gilt es mehr denn je, die eigene Sicht auf dem Fundament zuverlässiger Quellen und gesicherter Fakten  nicht durch geschichtspolitische Indoktri-nationen vernebeln zu lassen. Das Material ist aufbereitet!

Die Bewahrung der Grundsätze geschichtswissenschaftlicher Sachlichkeit dient zugleich der Bewahrung von Menschenwürde und bedeutet Achtung vor der Leistung geschichtlicher Persönlichkeiten, hat mit Aufrichtigkeit, Redlichkeit und dem unbestechlichen Willen zur Wahrhaftigkeit im Sinne Leopold von Rankes und nicht zuletzt mit der Verantwortung des Forschers gegenüber kommenden Generationen des eigenen Volkes zu tun.

[1]a.a.O., S. 539

[2]Hellmut Diwald: Deutschland einig Vaterland – Geschichte unserer Gegenwart      Ullstein 1990, S. 78

[3]a.a.O.., S. 80 f.

[4]Michael Salewski: 160 Jahre Marine zwischen Volk und Staat, Sonderdruck zum MARINE FORUM  Heft 7/8 -2008, S. 3

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