Mein Freund, der Baum
Dienstag, 19. Mai 2026 von Adelinde
Ernst Cran
erzählt uns von seinem Freund, dem Baum:
Sie stand an der letzten Weggabelung am Ortsrand – ganz oben am Hang Richtung Westen. Zwei Sackgassen enden hier – bei den letzten Häusern. Ein markanter Punkt. Steilauf in den Wald führt ein unbefestigter Pfad – neuerdings zum „Familienerholungs-pfad“ ausgebaut.
Dort oben auf dem Hochplateau, wo einst die Burg der Herren von Heideck stand, „erholen“ sich nun die „Familien“ – lärmend, müllend, trampelnd, Notdurft im WC-losen Gelände verrichtend.
Wie eine Wächterin stand sie am Eingang zu dem alledem: Jene Tanne, gewiß zwei Dut-zend Jahre alt oder mehr, hoch und gerade gewachsen – ein Ebenbild von einem Nadel-baum. Saftig dunkelgrüner Tann, allseits sich gleichmäßig ausbreitend, von edlem Wuchs und perfektem Winkelmaß. Ein Begrüßungs-mal. Ein Wahrzeichen. Ein Zeichen für die Wahrheit der Natur an der Peripherie menschlicher Bebauung.
Sie stand neben einer Straßenlaterne. Dünnes Licht dort, wo enge Wege enden. Fahle Helle dort, wo dunkler Wald schirmt. Den Lampen-pfahl bereits überragend stellte sie die Rang-ordnung sicher.
Wegweiser und Ankerpunkt für das Auge. Genußfläche für jede sich nach Ruhen sehnende Seele. Eine Schönheit!
Sie wurde gefällt – irgendwann im letzten Winter. Eine stumpfe Sägefläche zeugt noch von ihrem Standort. Plattgemacht um schnö-der Beleuchtung willen. Kerngesund hinge-richtet, weil irgendeine „Ordnung“ es so wollte.
Ein Schandfleck nun! Eine Leere, die das Auge wie in ein löchernes Nichts zieht. Sie fehlt!
Und da: Ein Stein. Ein Gedenkstein auf dem verbliebenen Baumstumpf. Die nicht gefrag-ten Nachbarn grüßen:
„Du wächst in unseren Herzen weiter!“
Eine Herzensregung. Eine Trauerbekundung. Eine Gewißheit. Und noch mehr: Jene Nach-barn – vermögende gewiß – pflanzten am Rande des „Erholungs“-Parkplatzes 7 neue Bäume; schon doppelt mannshohe Protest-zeichen gegen die Verwüstung.
7 für eine! 7, die die Eine nicht wieder-bringen. 7, die dennoch ihren Weg in die Höhe finden werden.
So muß das sein: Dem Wahn die Stirn bieten, der geistigen Hohlheit die Herzensfülle ent-gegensetzen! Gut gemacht, Linda und Georg!
Auch sie sang einst in Trauer um einen Abgesägten: Alexandra.
„Mein Freund, der Baum ist tot,
er fiel im frühen Morgenrot“.

