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Lessing und die Religion

Je größer der Irrtum,
desto kürzer und gerader
der Weg zur Wahrheit.
Lessing

Adelinde:

Ein gewisser

R. Nies

schreibt in einem Rund-E-Brief als Christ:

… Jetzt wird das offenbar, was schon sehr lange in den Kirchen schief gelaufen ist … Ich könnte sagen, ich habe geradezu darauf gewartet.

Er spricht vom „Sonntagsschulen-Desaster“ und erwähnt die von vielen anerkannte Evolutionslehre, die mit der biblischen Schöpfungsgeschichte nicht zu vereinbaren ist.

Man kann nun ja weiterhin glauben, die ganze Schöpfung sei von einem als Person gedachten „Gott“ fertig in die Erscheinungswelt gestellt worden, auch wenn Naturforschung und Philosophie zu an-deren Ergebnissen gelangt sind, die ein wunderbares Werden bis hin zur Gottesbewußtheit des Menschen darstellt.*

*) siehe Mathilde Ludendorff „Schöpfungsgeschichte“, München 1923

Bibelgläubige Christen wissen, daß die Evolutionslehre mit der Genesis nicht zu vereinbaren ist.

Und das wissen auch Menschen, die deshalb längst den Glauben an die Bibelgeschichten hinter sich gelassen haben. Nies weiter:

Wir kommen in die Endzeit. Es wird keine echten Erweckungsbewegungen mehr geben. Die meisten, die zu Jesus gehören, sind schon bei ihm. Bibelgläubige sterben aus.

Nun wird einfach nur offenbar, was vorher auch nicht so viel anders war, aber in der Welt kaschiert war. Heute darf jeder (im Westen) aus der Kirche austreten, ohne etwas befürchten zu müssen.

Man muß begreifen, daß Kirchen menschliche Organisationen sind, und der Geist Gottes weht, wo er will.

Sehr schön zu sehen, daß dieser Christ vom Glau-bens-Fanatismus abgekommen ist und dem die Ehrlichkeit der Menschen entgegensetzt und bevorzugt:

Ich würde kein Drama daraus machen, denn es ist keines. Es ist besser, daß die Leute nicht heucheln, sondern ihren Überzeugun-gen folgen. Ein Lippenbekenntnis zu Jesus, wenn keine Überzeugung dahinter ist, schadet nur …

Gotthold Ephraim Lessing (zitatelle.blogspot.com)

Jetzt bekennt er sogar mutig, was schon Lessing und vor ihm bereits Reimarus erkannt und vertreten haben. Nies:

Die Evangelien, die von den Kirchen im Allgemeinen verkündet werden, sind in sich unstimmig, unlogisch und verbrei-ten ein Gottesbild, das man als vernünf-tiger Mensch eigentlich nicht gutheißen kann …

Da Menschen in der westlichen Ge-sellschaft zum Nachdenken erzogen werden, muß man sich nicht wundern, wenn viele Heranwachsende die Kirchenlehren ablehnen …, auch wenn das nicht bedeutet, daß sie sich nicht zu Legenden hinwenden könnten.

Ich habe eine große Zahl von Verkündigungen von sogenannten bibelgläubigen Predigern, Pastoren, etc. gehört, und sehr oft waren sie von der Art, daß man kaum zuhören konnte. Da müßte man sagen, gut, daß keine Jugend-lichen zuhören, wenn man nicht wüßte, daß Gott auch durch tote Steine seine Botschaft verkünden kann.

Kurz und ungut, ich denke, daß die Kirchen jetzt die Quittung dafür bekommen, was sie geleistet und nicht geleistet haben …

Der Geist Gottes wirkt weiter in denen, in denen er wirkt. Es gibt keinen Grund zur Trauer …

Spannend! Doch wer war Reimarus? Hat schon mal jemand von ihm gehört? Er hat seine Bibelkritik ge-schrieben und in die Schublade gelegt. Denn zu seiner Zeit wäre ein so freier Umgang mit dem Glauben – wie oben von einem Christen der heutigen Zeit dargelegt – undenkbar gewesen.

Der Fanatismus, der einst Zweifler, Selbstdenker, Ungläubige auf Scheiterhaufen verbrennen ließ, war im 18. Jahrhundert noch längst nicht abgeklungen.

Hermann Samuel Reimarus (Ölgemälde von Gerloff Hiddinga, 1749)

Lessing – selbst schon frei vom Bibelglauben – war in die Schriften des Reimarus eingeweiht und treu bemüht, sie vor der Welt der lieben Mitmenschen noch unsichtbar zu halten. Nichtsdestotrotz veröffent-lichte Lessing seine eigenen Gedanken.

An seinen christlichen Geistesfeind, den Pastor Goeze, schreibt er 1778 spöttisch:

O glückliche Zeiten, da die Geistlichkeit noch alles in allem war, – für uns dachte und für uns aß! Wie gern brächte euch der Herr Hauptpastor im Triumphe wieder zurück!

Wie gern möchte er, daß sich Deutschlands Regenten zu dieser heilsamen Absicht mit ihm vereinigten! Er predigt ihnen süß und sauer, er stellt ihnen Himmel und Hölle vor.

Nun, wenn sie nicht hören wollen, so mögen sie fühlen. Witz und Landessprache sind die Mistbeete, in welchen der Same der Rebellion so gern und so geschwind reift ...

Lessing wußte als schöpferischer Mensch, daß das Genie, aber auch alle selbstdenkenden Menschen Anweisungen von den kirchlichen Kanzeln für sich nicht gelten lassen, sondern sich ihre eigenen Ge-danken machen und ihre eigenen Wege gehen, wie er in seinem Vierzeiler zum Ausdruck bringt:

Ein Geist, den die Natur zum Mustergeist beschloß,
Ist, was er ist, durch sich, wird ohne Regeln groß.
Er geht, so kühn er geht, auch ohne Weiser sicher,
Er schöpfet aus sich selbst. Er ist sich Schul‘ und Bücher.

Was man in den Bibeltexten schmerzlich vermißt, das ist die Liebe zum Schönen. Lessing:

Nur mißverstandene Religion kann uns von dem Schönen entfernen: und es ist ein Beweis für die wahre, für die richtig verstandene wahre Religion, wenn sie uns überall auf das Schöne zurückbringt.

Angesichts der Verfolgung Andersdenkender – Ket-zer genannt – durch Vertreter der Bibelreligion in den vergangenen Jahrhunderten und Behandlung mit Folter und lebendigem Verbrennen auf Scheiterhau-fen stellt Lessing die Frage:

Was ist ein Ketzer?

um gleich darauf zu antworten:

Es ist ein Mensch, der mit seinen eigenen Augen wenigstens sehen wollte. Die Frage ist nur, ob es gute Augen gewesen. Ja, in gewis-sen Jahrhunderten ist der Name Ketzer die größte Empfehlung, die von einem Gelehrten auf die Nachwelt gebracht werden könne …

Lessing weist auf die barbarische Grausamkeit der christlichen Verfolger, der Theologen, hin und meint:

Welch ein Glück, daß die Zeiten vorbei sind, in welchen solche Gesinnungen Religion und Frömmigkeit hießen! daß sie wenigstens un-ter dem Himmel vorbei sind, unter welchem wir leben! Aber welch ein demütigender Ge-danke, wenn es möglich wäre, daß sie auch unter diesem Himmel einmal wieder kommen könnten!

Mathilde Ludendorff weist darauf hin, daß er seinen Kampf focht

… mit den orthodoxen Pastoren, der für das Deutsche Volk eine noch stärkere Nachwir-kung haben sollte als der Kampf Luthers gegen Rom. Luther blieb an der Bibel als der alleinigen Gottoffenbarung haften, ihr Wort war ihm „Wort Gottes“, das die Menschen „stahn lassen“ sollten. Er band durch seine deutsche Sprache, in die er die Bibel über-setzt hatte, das Deutsche Volk fest an die Juden, an das Buch der Juden …

Lessing aber hat zum ersten Mal vor allem Volke Bruchstücke eines Deutsches Werkes, das nie gedruckt war und auch heute noch nicht gedruckt wurde, veröffentlicht, das mit deutschen Moralwertungen und klarer Ver-nunft an die Beurteilung der ganzen Bibel herantrat, Buch für Buch unerbittlich be-leuchtet und verurteilt hat …

Lessings Tat war das erste Rütteln an der protestantischen und katholischen Priester-tyrannei in Deutschland. Es wurde durch des großen Königs** Abschaffung der Folter und gebotener Duldung aller religiösen Bekennt-nisse sinnvoll ergänzt.

**) (Friedrich der Große)

Man muß die Allmacht der Priesterkaste beider christlichen Konfessionen beachten, die zu der Zeit noch bestand, als Lessing diese Tat vollführte und als er mit der glei-chen Wahrheitsliebe und Offenheit, die die Fragmente des veröffentlichten Werkes aus-zeichnen, nun die widerlichen, gehässigen, listreichen und schmähsüchtigen orthodoxen Priester vor allem Volke abwehrte.

Sie konnten sich damals, noch wohl gehütet von den Thronen, mit Ausnahme des preußi-schen Thrones, alles gegen freie Deutsche leisten.

Ehe wir uns die Tragweite des großen, noch heute verborgenen Werkes des damals schon verstorbenen Rektors H. S. Reimarus (1694 bis 1768) in Hamburg: „Apologia oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ vor Augen führen, wollen wir uns vergegenwärtigen, in welcher seelischen Einstellung Lessing war, als er dieses, in der Familie Reimarus verborgene Geistesgut, in Hamburg einsehen durfte.

Lessing war schon in jungen Jahren von den Dogmen der Kirche völlig frei geworden. Er hätte ebenso wie Schiller dessen Worte sprechen können, er gehöre aus Religion keiner der herrschenden Religionen an.***

Der Lessing-Biograf Stahr berichtet:

Hatte er doch, als man ihm erzählte, daß der Geistliche von St. Sulpiz den sterbenden Voltaire in seiner Todesstunde noch mit Ermahnungen heimgesucht habe, zu einem Freunde halb scherzend halb ernsthaft gesagt:

„Wenn sie mich sterben sehen, so rufen sie mir den Notar herbei, damit ich erklären kann, daß ich in keiner der herrschenden Religionen sterbe.“

***) Schillers Bekenntnis zur Religion hier nochmals wörtlich:

Welche Religion ich bekenne?
Keine von allen, die du mir nennst.
Und warum keine? Aus Religion.

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