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Thomas Engelhardt

befaßt sich in gewohnter Gründlichkeit mit der Bevölkerungsgeschichte Deutschlands nach 1945:

Das Kriegsende 1945 stellt in der Geschichte Deutschlands in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur dar.

Nicht nur wurden die deutschen Neustämme der Schlesier, der Ostpreußen und der Pom-mern ausgelöscht.

Grundlegend verändert haben sich auch die Bevölkerungsstruktur und die demographi-sche Situation in den Aufnahmegebieten Restdeutschlands.

Die Aufnahme von Flüchtlingen und Ver-triebenen nach dem Zweiten Weltkrieg führte zu einer der größten demographischen Ver-schiebungen in der deutschen Geschichte und zu einem massiven Anstieg der Einwoh-nerzahl in den Besatzungszonen.

Die Länder, die im Verhältnis zur Einwoh-nerzahl die meisten Vertriebenen aufnahmen, waren damals Bayern, Schleswig-Holstein und das heutige Niedersachsen.

Die Bevölkerung Schleswig-Holsteins bei-spielsweise verdoppelte sich infolge der Aufnahme der Flüchtlinge und Vertriebenen nahezu. Das Land war bedingt durch seine geografische Lage 1945 ein Hauptaufnah-meland für die Vertriebenen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Schles-wig-Holstein rund eine Million Vertriebene auf, was die Bevölkerung um ca. 70 % steigerte. Im Gebiet des heutigen Nieder-sachsen wurden ca. 1,8 Millionen Ostver-triebene aufgenommen, was ca. 27 % der damaligen Bevölkerung entsprach.

Von den etwa 14 Mill. deutschen Staatsbür-gern und Angehörigen vertriebener deutsch-sprachiger Minderheiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen mussten, kamen allein 1,9 Mio. (1950) nach Bayern.

In Thüringen, bis 1945 etwa 2,1 Mill. Ein-wohner, wurden 600.000 Vertriebene auf-genommen und 2,5 Millionen deutsche Vertriebene und Flüchtlinge aus den deut-schen Ostgebieten kamen nach Nordrhein-Westfalen.

Bei der Volkszählung vom 13.09.1950 wurden im Bundesgebiet insgesamt 7.977.000 Vertriebene gezählt, d. h. fast jeder Sechste war ein Ostflüchtling bzw. Vertriebener (Gesamteinwohnerzahl in Westdeutschland 1950: 51 Mill. Einw.).[1]

Man kann den 8. Mai 1945 als das brutale Ende eines fast anderthalb Jahrhunderte tobenden immer erbitterter geführten Nationalitätenkampfes in der östlichen Völkermischzone interpretieren – eines Kampfes, den die Deutschen schließlich verloren.

Die von den deutschen Kriegsgegnern bereits in Jalta und in Teheran festgelegte „Aussied-lung“ der Ostdeutschen und der deutschen Minderheiten in Ungarn, in Rumänien, in der Slowakei, in Böhmen und Mähren (ab 1945 Tschechei bzw. Tschecho-Slowakei), in Ju-goslawien, in der Sowjetukraine und im Ge-biet des heutigen Polen weitete sich in den Jahren 1944 bis 1947 und zum Teil noch darüber hinaus aus zu einer brutal und er-barmungslos durchgeführten Vertreibung der gesamten deutschen Bevölkerung, heute ethnische Säuberung genannt.

Der Totalzusammenbruch Deutschlands 1945 ist aber zugleich auch der Schluß einer mehr als 800 Jahre währenden Entwicklung, die mit der deutschen Ostkolonisation und Ostsie-delbewegung ihren Anfang genommen hatte.

Diese Vertreibungen von etwa 16 bis 18 Millionen Deutschen, von denen jedoch 2,5 bis 3 Millionen als Opfer zu beklagen sind, stellen in der Gesamtschau ein Ereignis dar, dessen volle geschichtliche Tragweite sich heute noch einem sicheren Urteil entzieht, weil uns die geläufigen Maßstäbe der euro-päischen Geschichte dabei im Stich lassen!

Jedoch stellen wir fest, daß diese mit den Massenaustreibungen im Zusammenhang stehenden Geschehnisse und Abläufe heute, drei Generationen danach, bereits verblassen und weitestgehend vergessen sind.

Die sich im einstigen Osten Deutschlands abspielenden Katastrophen sind aus dem kollektiven Gedächtnis der Bundesdeutschen getilgt. Mehr noch. Niemand gedenkt der Millionen Opfer. Es waren nur Deutsche.

Der von den Kriegsgegnern bereits lange vor Kriegsende geplante „Bevölkerungstransfer“ war ein von verschiedenen Phasen und Ab-schnitten gekennzeichneter Prozeß. Das heute mit „Flucht und Vertreibung“ bezeich-nete Gesamtgeschehen des Vertreibungs-vorgangs erweist sich bei genauerer Be-trachtung als ein vielschichtig und sich über mehrere Jahre erstreckender Vorgang.[2]

Einzelelemente waren die zuerst 1944 im Memelland und in den östlichen Kreisen Ospreußens und dann in den übrigen Ge-bieten Ostdeutschlands einsetzenden Fluchtbewegungen, dann die Maßnahmen, Ereignisverläufe und Zustände unter der sowjetischen Militärverwaltung und der beginnenden polnischen Herrschaft, die bis zur Potsdamer Konferenz vorgenommenen sog. „kalten Vertreibungen“, danach die Räumungsbefehle und Ausweisungsanord-nungen in den vom Feind besetzten Gebieten und als Schluß- und Endpunkt die Transporte der Vertriebenen in die Aufnahmegebiete der SBZ und der Westzonen.

Fand der Gesamtvorgang der Vertreibung damit seinen Abschluß? Mitnichten. Denn bis zum Jahr 1950 folgte die Auflösung und Entsiedelung der deutschen Siedlungsgebiete in den ost- und südosteuropäischen Staaten.

Darüber hinaus befanden sich noch im Jahr 1948, drei Jahre nach Kriegsende, mehr als 3,4 Millionen Deutsche in Straf-, Haft- und Zwangsarbeitslagern in Frankreich, der Sowjetunion, in Jugoslawien, Polen und der Tschechoslowakei.[3]

Deutlich gemacht werden muß infolgedessen, daß der heute vereinfachend mit „Flucht und Vertreibung“ umschriebene Gesamtvorgang vielschichtig war, ein über mehrere Jahre ver-laufender Prozeß, und gekennzeichnet von Millionen Einzelschicksalen geschlagener, gedemütigter, ausgeraubter, heimatloser, hoffnungsloser Deutscher, die alles verloren hatten, Besitz und Eigentum, die Heimat, das Dach über dem Kopf, Sicherheit und Lebens-mut und immer auch Angehörige, Eltern, Söhne und Töchter, Ehemänner und Brüder.

Die bereits im Oktober 1944 einsetzenden Flucht- und Absetzbewegungen aus dem ostpreußischen Memelland sowie den öst-lichen Landkreisen Ostpreußens[4] waren der Auftakt zu einer Massenvertreibung bisher ungeahnten Ausmaßes.

In den Folgemonaten flüchteten Millionen Deutsche aus den preußischen Ostprovinzen, die 1945 eine Bevölkerung von 9,75 Millionen Menschen umfaßten.[5]

Die Massenfluchten aus dem Osten hielten bis in die Wintermonate 1945 an. Mit Beginn der sowjetischen Oder-Weichsel-Operation am 12. Januar wurde die gesamte Bevölke-rung östlich der Oder von der Kriegsfurie erfaßt und in den Mahlstrom gerissen.

Zuerst betroffen waren die 1,1 Millionen Deutschen im Wartheland[6], im Netzedistrikt und die Ostpreußen, dann in kurzer Zeit die Ostbrandenburger und die Bevölkerung Danzig-Westpreußens sowie die Ober- und Niederschlesier.

Mit dem Angriff der Roten Armee auf den Kessel von Danzig, in dem sich Millionen Flüchtlinge befanden, erreichte die Katastro-phe im März 1945 ihren Höhepunkt.

Im Februar und März flüchteten die Bewohner Hinterpommerns und des Regierungsbezirks Schneidemühl, der brandenburgischen Neu-mark sowie Niederschlesiens.

Auf die „wilden“ Vertreibungen folgten ab Sommer 1945, nach der Potsdamer Kon-ferenz, bis 1950 sog. „geregelte Aussied-lungen“ (wörtlich: „ordnungsmäßige Über-führung deutscher Bevölkerungsteile“) der Deutschen aus den Ostgebieten, aus Polen, Ungarn und dem Sudetenland und aus der Tschechoslowakei.

Diese wurden von den Kriegssiegern auf der Potsdamer Konferenz (17.07. – 2.08.1945) beschlossen.

____________

Anmerkungen

[1]  Davon stammten: 4.541.000 oder 56,9 % aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, 1.918.000 oder 24,0 % aus der Tschechoslowakei bzw. dem ehem. Sudetenland, 650.000 oder 8,2 % aus der ehemaligen Republik Polen und der Freien Stadt Danzig, 639.000 oder 8,0 % aus Ost- und Südosteuropa.

[2]  Juni/Juli 1945 :  250.000  (aus Ostbrandenburg, Hinterpommern, Niederschlesien)
Sommer bis Spätherbst 1945:  400.000 (aus Pommern, Schlesien, Ostbrandenburg)
1946:  2 Mill. (aus Hinterpommern, Schlesien, südliches, polnisch verwaltetes Ostpreußen)
1947:  500.000  (aus dem sowjetisch besetzten Nord-Ostpreußen und allen Ostprovinzen)
1948:  150.000  (vornehmlich aus Nord-Ostpreußen)
1949:  150.000  (Nord-Ostpreußen und polnisch verwaltete Ostprovinzen) 1950/1951: 50.000

[3]Qu.: Gerhard Reichling: Die deutschen Vertriebenen in Zahlen. Teil I: Umsiedler, Verschleppte, Vertriebene, Aussiedler 1940–1985. 40 Jahre Eingliederung. Selbstverlag Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen Bonn 1986, S. 17 ff.]. –  Ab 1941 hatte die Sowjetunion 700.000 Rußlanddeutsche nach Sibirien und Zentralasien verschleppt und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Weitere 310.000 sog. „Reparationsverschleppte“ folgten nach Kriegsende. Von den etwa 1 Mio. Zwangsarbeitern und Deportierten kehrten bis 1950 nur 30 % zurück. [Qu.: Heinz Nawratil: Die deutschen Nachkriegsverluste. Vertreibung. Zwangsarbeit. Kriegsgefangenschaft, Stalins deutsche Kzs (überarbeitete und erweiterte Neuauflage). Graz: Ares-Verlag, 2008].

[4]Der erste sowjetische Angriff auf  Ostpreußen begann am 5.10.1944 mit der Schlacht um Memel und das Memelland (Memeler Angriffsoperation) und setzte sich am 16.10.1944 mit Vormarsch auf Gumbinnen fort (Gumbinnen-Goldaper Operation). Die Flucht im Kreis Memel beginnt am 8.10.1944. Im Süden bricht die Rote Armee am 09.10.1944 bei Heydekrug durch. Damit setzten auch die ersten Evakuierungen der Zivilbevölkerung ein. Betroffen waren zunächst das ostpreußische Memelland und die ostpreußischen Kreise Schloßberg (bis 1938 Pillkallen), Gumbinnen, Goldap u. Ebenrode (bis 1938 Stallupönen). Das Evakuierungsgebiet wurde noch im Okt. 1944  erweitert und erstreckte sich auf das gesamte Gebiet des Regierungsbezirks Gumbinnen, etwa 30 % der Fläche Ostpreußens. 600.000 Einw.  (25 % der Bevölkerung der Provinz) verließen ihre Heimat für immer. Am 18. Oktober überschritten Truppen der sowj. 11. Garde-Armee die deutsche Reichsgrenze im Raum südlich von Eydtkuhnen. Am linken Flügel der 11. Gardearmee überquerte das 36. Garde-Schützenkorps der Roten Armee die Rominte und begannen den Angriff auf Goldap. Am 23. Okt. wurden Goldap und Ebenrode von den Sowjets besetzt (Goldap konnte am 5. Nov. zurückerobert werden). Die sowjetischen Truppen setzten sich östlich einer Linie von Treuburg über Goldap und Darkehmen bis Schirwindt im deutschen Grenzgebiet fest. Nicht nur aus den im vom Feind besetzten Gebieten sondern auch aus den Kreisen Lyck, Treuburg, Angerburg, Angerapp, Insterburg, Tilsit-Ragnit und Elchniederung flüchtete die Bevölkerung Richtung Westen, vornehmlich nach Pommern und Ostbrandenburg.

[5]Ostpreußen 2,5 Mill. Ostpommern (Hinterpommern) 1,8 Mill, Ostbrandenburg 660.000, Schlesien 4,7 Mill. (Stand 1944; Qu.:  59. Zuteilungsperiode der deutschen Lebensmittelversorgung).

[6]Die Zahl der deutschen Einwohner im Reichsgau Wartheland wird in der Lit. unterschiedlich angegeben. Die Zahlenangaben bewegen sich je nach Statistik zwischen 700.000 bis 1,1 Mill. Deutschen. Im Jahr 1944 lebten etwa 750.000-900.000 Deutsche im Warthegau (die eingedeutschen bzw. rückgedeutschten Polen nicht mitgerechnet), nach anderen Angaben 900.000 bis 1,1 Million. Aus dem Altreichsgebiet siedelten sich nach 1939 fast 200.000 Deutsche neu im Wartheland an. Hinzu kamen 232.000 aus ihren Heimatgebieten ausgesiedelte Deutsche aus Osteuropa (u. a. Deutschbalten, deutsche Kolonisten aus der Sowjetunion sowie aus Südosteuropa). Die in der Deutschen Volksliste III und IV im Warteheland eingetragenen Personen flüchteten beim Vordringen der Roten Armee in der Regel nicht, wurden dann aber ebenso Opfer des sowjetischen Terrors wie auch polnischer Vergeltung und Rache.

Fortsetzung folgt

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