Drei Irrtümer und ihre Folgen
Samstag, 16. Mai 2026 von Adelinde
Die Philosophin
Mathilde Ludendorff:
weist in ihrer Schrift „Wahn und seine Wirklichkeit“* auf „drei verhängnisvolle Irrtümer der Menschen“ hin, die leider noch heute ihr Unwesen in den Men-schenseelen treiben:
Drei verhängnisvolle Irrtümer der Menschen haben die Völker
– der Freiheit beraubt, haben sie unter Priestertyrannei schmachten lassen,
– haben ihnen die Zuversicht zur eigenen Kraft,
– die Verantwortung, erhaben über allen Lohn- und Strafgedanken, ein Gottgleichnis aus der eigenen Seele zu gestalten,
– und haben ihnen endlich auch die Pflichten für das unsterbliche Volk genommen.
Sie haben nicht nur das Leben des Einzelnen nur allzu oft sinnwidrig gestaltet, nein, auch die Lebenskraft der unsterblichen Völker bedroht.
Fast zwangsläufig verfiel die Mehrheit der Menschen, als Naturerkenntnis noch versagt war, den drei folgenschweren Irrtümern.
Priestertyrannei brauchte sie dann nur aufzugreifen und auszuschmücken, und siehe da, sie hatte statt freier, verantwortungsbe-wußter Menschen in freien Völkern eine Herde angsterfüllter, höriger Knechte.
Betrachten wir einmal diese drei verhängnis-vollen Irrtümer und ihre Folgen:
Der zum bewußten Leben fähige Mensch, der seine Persönlichkeit von der Umwelt zu son-dern vermag, kann sich mit der so klaren, stündlich durch die Erfahrung neu erwiesenen Tatsachen so schwer abfinden, daß nämlich sein persönliches bewußtes Erleben so sicher, wie es bei seiner Geburt anfing, sein Ende durch das Todesmuß findet.
Obwohl es ihm allerwärts in Überfülle er-wiesen ist, daß sein bewußtes Leben von der Lebensfähigkeit seiner Körperzellen durchaus abhängig ist, ohne diese keineswegs beste-hen könnte, verfällt er nur allzu leicht den Wunschvorstellungen, daß doch diese seine Persönlichkeit und auch die seiner Lieben mit all ihrer einmaligen Eigenart irgendwie und irgendwo nach seinem Tode in alle Ewigkeit weiterleben könne.
Die einen glauben, dies Weiterleben sei, ge-paart mit Glückseligkeit, in einem Himmel oder, gequält mit unsagbaren Qualen, in einer Hölle.
Die anderen sagen, der Mensch werde in Lebewesen der Erde oder eines Sternes nach seinem Tode wiedergeboren und schöpfen aus diesem Wahne auch Gedanken an Lohn und Strafe für Worte und Taten, also Gedan-ken an eine „ausgleichende Gerechtigkeit“.
Wie immer nun auch im Einzelnen solcher Wahn ausgestattet wird, immer wird verges-sen, daß das ewige Entschlummern im Tode ein ewiges Schwinden des persönlichen und bewußten Lebens ist, ein höchst wertvolles Können, dessen tiefen Sinn ich enthüllte.
Durch den Wahn von einem Leben nach dem Tode irgendwelcher Art legt sich nun zu-gleich auf den Menschen die Ungewißheit seines Schicksals nach der Todesstunde und mit ihr auch die Sehnsucht, sich ein gutes Los zu sichern.
Sein Gutsein erhält nun einen Zweck, und dadurch wird er von der Möglichkeit, wahrhaft gut zu sein, erbarmungslos abgetrennt; denn nur über Lohn- und Strafgedanken erhaben kann man dieses göttliche Wollen erfüllen.
Um so reifer wird er aber zur Versklavung an Okkultpriester aller Arten, die ihm ein gutes Leben nach dem Tode wollen sichern helfen.
So erhält nun das Leben vor dem Tode für alle diese Wahngläubigen statt seines tat-sächlichen göttlichen Sinnes einen künst-lichen, durch Wahnhoffnungen und Befürch-tungen erzeugten Scheinsinn: es wird Vorbereitung für das Leben nach dem Tode.
Die Okkultpriester aller Gattung haben allein schon durch diese der Leidangst, der Glücks-sehnsucht und dem Wunsche zur Unsterb-lichkeit im gleichen Maße entgegenkom-mende Wahnlehre eine gar große Aussicht, die willkommenen Vermittler eines glückli-chen Lebens nach dem Tode und hierdurch allein schon allmächtig zu werden.
Immerhin aber fand dieser verhängnisvolle Irrtum noch eine Ergänzung durch einen zweiten Wahn. Die Gesetze der Menschensee-le, wie ich sie in meinen Werken nachwies, zeigen uns eine bestimmte Einbruchsmög-lichkeit in das Innenleben des Menschen durch die Mitmenschen, die noch außer all jenen gewaltigen Seelenschädigungen durch die Suggestivbehandlung besteht und eine starke Einwirkungsmöglichkeit auch von Priesterkasten auf das Einzelleben und auf alle Gebiete des Volkslebens bedeutet.
Der Mensch fühlt nämlich bei mancherlei Handlungen innere Zufriedenheit mit sich selbst, bei anderen wieder erlebt er Selbstvorwürfe und spricht dann von der „Stimme des Gewissens“ in seiner Seele.
Diese ist, wie ich nachgewiesen habe, sehr irreführend, denn Selbstvorwürfe treten nur dann auf, wenn der Mensch, den in ihm zur Stunde herrschenden Wertungen von Gut und Böse zuwiderhandelt.
Stehen seine Worte und Taten aber in Ein-klang mit denselben, so lobt ihn die Stimme des Gewissens. Hieraus ergibt sich klar, daß die Menschen über die Gewissensruhe oder Gewissensvorwürfe ihrer Mitmenschen zu bestimmen haben, denen es gelingt, ihnen ihre Werte von Gut und Böse aufzunötigen.
Wem aber sollte dies leichter möglich sein, als gerade jenen, die den Menschen Glück nach dem Tode zuzusichern verheißen, also Priesterkasten?
Die Wertungen von Gut und Böse werden in allen Völkern, die dem Wahn von einem Leben nach dem Tode verfallen sind, von Priester-kasten den Einzelnen und den Völkern gegeben.
Sie werden dem Kinde von jenen selbst oder aber von Lehrern oder Erziehern, die ent-sprechend unterwiesen waren, als unantast-bare göttliche Tatsachen übermittelt.
Damit hat also in solchen Völkern die Prie-sterkaste allerwärts und jederzeit die Mög-lichkeit, in Menschen Gewissensvorwürfe über Worte und Taten zu erzeugen, sobald die von ihnen bestimmten Wertungen über Gut und Böse nicht beachtet werden.
Nur wenige Menschen im Mittelalter, die seelisch zu stark in göttlichem Sinne waren, um Priesterwertungen in den Abgrund der Gottferne zu folgen, erhielten sich ein edles Gewissen.
Sie konnten sich nicht zu der Unmoral ver-stehen, andere Menschen zu bespitzeln, um sie dann als Ketzer oder Hexen anzuzeigen und sie so den Folterungen und den Qualen der lebendigen Verbrennung auszusetzen!
Die Mehrheit aber hatte solche Selbstän-digkeit gegenüber den gelehrten Wertungen von Gut und Böse nicht, sie nahm die prie-sterlichen Wertungen auf, war folgsam und zufrieden, ja, überzeugt, daß ihre niedrigen Anzeigen von „Ketzern und Hexen“ Edeltaten seien.
Wenn zudem obendrein eine Priesterschaft so schlau war, und sie war es meist, noch er-gänzend jedes Mißtrauen gegen die Stimme des Gewissens dadurch zu ersticken, daß sie behauptete, dies Gewissen sei ein untrüg-licher Maßstab, „die Stimme Gottes in der Menschenseele“, so saßen Priester nun sozu-sagen als Stimme Gottes in der einzelnen Seele und bestimmten das Handeln der Menschen.
Paarte sich diese Wahnlehre über die Gesetze des Gewissens dem ersten Wahn über das Leben nach dem Tode, so war durch die Ver-einigung beider Irrtümer die Versklavung der Menschenseele an eine Priesterherrschaft und alle ihre Machtziele erreicht.
Und dennoch soll noch ein dritter Wahn die Herrschaft vollenden helfen:
Immer noch gab es unzählige Menschen, die besonders in den Tagen der Jugend und den Zeiten der Gesundheit wie jener Römer sagten:
„Ich denke nicht an den Tod, solange er nicht da ist, und ist er da, dann brauche ich auch nicht an ihn zu denken, weil ich dann nicht mehr da bin.“
So wären die Priesterreiche in allen Völkern durch die Gleichgültigkeit der Jugend und der körperlich gesunden Menschen dem Tode gegenüber gefährdet gewesen.
Das durfte nicht sein, denn z.B. die gewalt-same Unterdrückung, das Ausrotten der Andersgläubigen, … bedarf doch gar sehr der Folgsamkeit der Jungen und gesunden Menschen.
Da mußten nun die gleiche Leidangst und Glücksehnsucht, die in jedem unvollkom-menen Menschen eine so bedeutende Machtstimme haben, die schon den Wahn vom Leben nach dem Tode unterstützt hatten, noch einmal sinnvoll herangezogen werden.
Zu solchem Zwecke war ein dritter ver-hängnisvoller Irrtum ganz ausgezeichnet geeignet und nistete sich in den Menschen aller Völker fest ein.
Es war dieser dritte Wahn besonders in jenen Zeiten so naheliegend, in der mangelnde Na-turkenntnis die Unsicherheit und die Angst vor unglücklichen Ereignissen, die in der Zukunft, aber noch vor dem Tode, den Men-schen bedrohen, noch zu steigern.
Je weniger die Gesetzmäßigkeit der Natur-kräfte erkannt war, je weniger der Mensch sie noch auswerten konnte, um so günstiger war der Boden für diesen dritten, einer Priester-kaste so sehr willkommenen, für sie so fruchtbaren Wahn, daß ein persönlicher Gott, oder persönliche Götter, oder Schicksals-mächte irgendwelcher Art die Geschicke des Einzelnen und ganzer Völker gestalten, und daß durch allerlei Opfer, Kulthandlungen, Gebete oder Übungen eine günstige Gestal-tung des Schicksals erreichbar sei.
Nun stand es im Belieben von Priestern, Handlungen und Lebensgestaltung der einzelnen Menschen und ganzer Wilker zu bestimmen, deren Innehaltung als sicherer Weg, eine günstige Schicksalsgestaltung zu erlangen, von ihnen gepriesen wurden.
Ganz zufällig dachten sie da bei der Auf-stellung solcher Vorschriften gar oft, durch sie ihre Gewaltherrschaft über die einzelnen Seelen, über die Gestaltung des kulturellen, rechtlichen und wirtschaftlichen Lebens der Völker noch zu erhöhen.
Ja, nun war ihnen durch die Ausbeutung der Schicksalsschläge als verdiente Strafe oder verdienten Lohn noch dazu die Möglichkeit gegeben, die Geschichte der Völker weit-gehend zu gestalten, ihr geschichtliches Handeln in Gegenwart und Zukunft zu bestimmen.
Darüber hinaus war nun Leben und Tod der unsterblichen Völker in ihre Hand gegeben. Sie konnten jene Völker lebens-, abwehr- und hoffnungsmatt machen, die ihrer Herr-schaft bedrohlich waren, sie konnten andere gehorsame Sklavenvölker aber vertrauensvoll, angriffsfreudig und siegessicher machen.
Die ernste Tatsache ist unbestreitbar, daß weder der einzelne Mensch noch ein ganzes Volk je hoffen dürften, frei von Tyrannei okkulter Priester und aller ihrer Ordenshelfer zu werden, wenn sie nicht an Stelle dieser gefährlichen Wahnlehren die heilige Tat-sächlichkeit setzen.
Nicht das Freiwerden von der Christenlehre also bedeutet Freiheit von Priestertyrannei, gar oft bleibt der Einzelne völlig in diesen drei Irrtümern befangen und wechselt nur die Abart der Priesterkasten.
Für seine und seines Volkes Freiheit ist es gleich, ob er christliche Priester oder theo-sophische Mahatmas, d.h. Weisen, in seiner Seele herrschen und bestimmen läßt oder sie als Vorgesetzte eines Okkultordens aner-kennt, dem er sich verpflichtet.
Gewiß läßt jede dieser Priesterkasten die drei unerläßlichen Machtstützen in etwas abge-änderter Form erscheinen, aber an dem Wahn eines weiteren Lebens nach dem Tode, an dem Wahn der untrüglichen Weisheit der Stimme des Gewissens, an dem Wahn der Schicksalsgestaltung vor dem Tode durch ewige göttliche Mächte müssen sie alle fest-halten, denn diese Lehren sind die Stützen ihrer Macht.
So bleibt denn der „Befreite“ genauso unfrei, genauso wahnbetört, genauso priesterhörig, genau so fern dem zweckerhabenen Gutsein, genau so fern dem göttlichen Sinn des Le-bens, genauso unfähig, die Pflichten an sei-nem Volke in vollem Ausmaße zu erfüllen.
Völlig gleichgültig für sein oder seines Volkes Schicksal ist es, ob er etwa eine Rune oder einen Heiligen verehrt und ihnen Machtein-flüsse auf sein oder seines Volkes Geschick zumutet, ob er durch eine Wallfahrt oder durch eine Yogaübung Zusammenhang mit dem Göttlichen zu finden hofft, ob er in einem Himmel oder in Walhall oder in einem Lebewesen sein persönliches Leben nach dem Tode weiterzuleben glaubt, ob er die Moral-gebote christlicher oder buddhistischer Priester für die untrügliche Stimme Gottes in seiner Brust hält, oder ob er wähnt, sein Erbgut sei ein göttlicher, untrüglicher Leit-stern in seiner Seele zum Einklang mit dem Göttlichen.
Der Weg zur Freiheit von Priestertyrannei führt für den einzelnen Menschen und für ganze Völker über die Grundwahrheiten, die ich in meinen Werken erwiesen habe.
Die drei verhängnisvollen Irrtümer müssen erst weggeräumt sein in der Seele, ehe sie überhaupt fähig wird, Gotterkenntnis in sich entstehen zu lassen.
Die Wahrheit, die diesen verhängnisvollen Irrtümern gegenübergestellt wird, macht Priestertyrannei unmöglich. Und kündet:
– Das bewußte Leben des einzelnen Men-schen schwindet für immer in der Stunde des Todes.
– Nur vor dem Tod kann er den göttlichen Sinn seines Lebens erfüllen und auf die Umwelt in Wort und Tat ausstrahlen.
– Die Stimme des Gewissens ist nicht un-trügliche Gottesstimme, sie kündet der Seele nur den Einklang oder den Widerspruch ihres Denkens, Fühlens und Handelns mit den zur Zeit in ihren herrschenden Meinungen von Gut und Böse.
Der schlechteste Mensch kann also bei sei-nem gottfernen Tun unter Umständen ein sehr gutes Gewissen haben.
Das Schicksal des Einzelnen und der Völker wird nicht von göttlichen Mächten gestaltet, sondern von den unerbittlichen herrschenden Naturgesetzen und zudem von Menschen.
Je gottnäher der einzelne Mensch ist, um so mehr göttliche Kräfte strahlt seine Antwort auf das Schicksal aus und läßt es so für sich und sein Volk sinnvoll werden.
Von solchem Boden der Wahrheit aus, völlig erhaben über Glücksehnsucht und Leidangst, kann der Mensch zur Gotterkenntnis hinfin-den, die in meinen Werken nur ein Gleichnis in Worten gefunden hat.
Leidangst und Glücksehnsucht aber machen Menschen völlig unfähig, den göttlichen Sinn des Lebens zu erfüllen, und liefern ihn grau-sam der stumpfen Gleichgültigkeit in gött-lichen Fragen oder aber irgendeiner Priester-tyrannei aus.
*) Mathilde Ludendorff, Wahn und seine Wirklichkeit, 1938
Liebe Adelinde,
es tut mir leid, aber Frau Mathilde Ludendorff hat – was die Frage der Religionswissenschaft und ähnlicher Themen angeht – in philosophischer Hinsicht auch nur plattesten Materialismus anzubieten. Und das nennt sich dann „Gotterkenntnis“. Insofern ist sie durchaus ein Kind ihrer Zeit, einer Zeit des geistlosen Materialismus. In Wirklichkeit ist ihr Weltbild nicht vollständig, bei allem vielen Guten, was sie zweifellos erkannt hat – und bei aller berechtigten Kritik an den Lügen des Jahwismus. Tatsächlich ist jede Seele in der Lage, eigenständig Gott zu erkennen, sowohl in sich selbst als auch in anderen wie auch in der gesamten Natur. Diese letztgenannte Fähigkeit ist gerade das, was den deutschen Geist – und die deutsche Seele – auszeichnet. Aber auch andere Völker und Kulturen konnten sich zu dieser Erkenntnis aufschwingen. Dahinter steht ein dem Menschen eigentümliches und angeborenes Verlangen, was freilich von bestimmten Priesterkasten und okkulten Hierarchien zu eigennützigen Zwecken ausgenutzt wurde und wird. Ihr Hauptwerkzeug dafür ist – wie Frau Ludendorff richtig erkannt hat – der unsägliche Schuldkult, der freilich nur für die Nichtmitglieder besagter Kasten und Hierarchien gilt. Darüber hinaus gibt es auch die Lügen und den Selbstbetrug des Materialismus, die nicht weniger dumm, wahlweise niederträchtig sind. Das beste Beispiel hierfür ist der heutige Zeitgeist. Typischerweise wird gerade auch diese Form des Materialismus von den hintergründigen, okkulten Hierarchien gelenkt. Man kontrolliert eben gerne beide Seiten. Kennen wir ja irgendwie.
Es gibt viele Menschen, die durch eigene Erfahrungen zu einem vollständigeren Erkennen des Naturganzen und damit auch ihrer selbst gelangt sind. Dies eröffnet ihnen zugleich die Realität eines spirituellen Kosmos, der ganz anders ist, als es uns der herrschende Materialismus oder die verflachende Rhetorik dogmatischer Schulen und Schuldkulte aufzunötigen versucht. Daß viele sog. Religionen durchaus einen Teil richtiger Erkenntnisse in ihren dogmatischen Systemen integriert haben, macht sie freilich nicht glaubwürdiger. Entscheidend ist die Schwächung und Niederhaltung der Massen durch Unwissenheit, Angstgefühle und Schuld. Gewisse Teilwahrheiten, die in all diesen Kulten durchaus vorhanden sind, dienen nur dazu, die Menschen in einem gezielt geschaffenen System geistiger Verwirrung und materieller Versklavung gefangen zu halten.
Im übrigen sind auch Völker sterblich, sie haben einen Anfang und folglich auch eine Ende. Selbst die Götter sind nicht ewig. Nur die höhere Bestimmung des Menschen verleiht ihm die Kraft, der Vergänglichkeit, ja der Flüchtigkeit aller Erscheinungen mit Gelassenheit gegenüberzutreten, ja selbst sein Leben zu opfern, in der Gewißheit, daß zwar alle Erscheinungen vergänglich, das Leben selbst aber und die dahinter stehende Kraft unvergänglich sind.
Lieber Wolf, aus Ihren Worten ist ersichtlich, daß Sie die Philosophie Mathilde Ludendorffs wohl nicht selbst gelesen haben. Sonst könnten Sie nicht zu Ihrem völlig danebengehenden Urteil über einen „Materialismus“ bei M.L. gelangen mit Ihren Worten:
„auch nur plattesten Materialismus anzubieten. Und das nennt sich dann „Gotterkenntnis“.“
Ich war mir dessen bewußt, daß solche schlimmen Fehlurteile kommen würden, wenn ich so einen Beitrag von ML brächte. Man kann dem nicht abhelfen, wenn man die erlösende Philosophie der großen Denkerin nicht überhaupt völlig verschweigen und der Menschheit vorenthalten will.
In der Hitlerzeit wurde sie pöbelhaft mit Dreck beworfen. „Mathilde verrecke“! schmierte die SA an die öffentlichen Wände. Dies Niveau berührte sie nicht. Sie wäre weiterhin darüber erhaben, wenn sie denn noch unter uns Lebenden wäre.
Jeder muß wissen, wie er es mit der Wahrheit halten will, das ist die Freiheit eines jeden. Mich jedenfalls muß niemand von den Unwissenden über die Philosophie Mathilde Ludendorffs belehren. Ich kenne sie zu gut.
Liebe Adelinde,
ich wollte Frau Ludendorff keineswegs durchgängig „platten Materialismus“ unterstellen, dennoch vertritt sie eine durchaus materialistische Auffassung in Bezug auf den menschlichen Geist und die Funktion unseres Gehirns. Denn der Geist stirbt nicht mit dem Gehirn. Genau das ist Materialismus typischer Prägung.
Ich habe mich mit Menschen, die Nahtoderlebnisse hatten, unterhalten, und bin durchaus zu einer anderen Auffassung gelangt. Aufschlußreich hierzu ist übrigens z.B. die Lektüre der Schweizer Ärztin Elisabeth Kübler-Ross. Auch andere Ärzte haben Ähnliches zu dem Phänomen der Nahtoderlebnisse berichtet. Hierbei geht es darum, daß Menschen im Sterbeprozeß Dinge ihrer äußeren Umgebung wahrgenommen haben, die sie gar nicht wahrgenommen haben konnten, weil sie bereits im Koma lagen. So z.B. konnten sie wahrnehmen, was in anderen Räumen geschah (Was sich dann im Nachhinein bestätigte). Plötzlich war für sie die Materie nicht mehr fest, sondern durchlässig, während sich ihr Körper weiterhin in dem Raum, bzw. in ihrem Krankenzimmer befand. Geist ist folglich nicht an Materie, und damit auch nicht ans Gehirn gebunden.
Überhaupt, was ist Materie?
Hierzu hat Goethe, der ja auch Naturforscher war, uns einen bekannten koan-ähnlichen Aphorismus überlassen. Der lautet:
„Wollet beim Naturbetrachten
Eines für das andere achten:
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen,
Denn was innen ist, ist außen.“
Was meint Goethe denn mit „nichts“`? Offensichtlich geht es hier um den Begriff der „festen“ Materie. Diese existiert offensichtlich gar nicht, d.h. in ihr existiert anscheinend gar nicht das „Atomos“, das Unteilbare, d.h. der kleinste Baustein der Materie, sofern man darunter etwas Festes versteht, sondern man kann, quasi bis ins Unendliche, die Materie weiter aufspalten, wenn man dazu auch immer mehr Energie benötigt. Interessant war, daß, bei den Experimenten im subatomaren Bereich, die Erwartungen der Prozeßbeobachter offensichtlich den Ausgang des Experimentes beeinflußten.
Das erklärt zwar immer noch nicht, was der Geist ist, aber er ist keineswegs identisch mit dem, was wir Gehirn nennen, und offensichtlich von diesem sogar unabhängig. Man könnte auch sagen, die Übergänge zwischen Geist, Energie und Materie sind durchaus fließend. Geist selbst scheint eine Art Energie darzustellen (siehe die Beeinflußbarkeit der Experimente im subatomaren Bereich durch die Erwartungen der Experimentatoren).
Was Tod und Sterben angeht gibt es daher durchaus verschiedene Ansichten. Ich fand an einer Brücke z.B. folgenden Spruch:
„Merke wohl die ernsten Worte:
Von der Stunde, von dem Orte
Treibt dich eingepflanzter Drang.
Tod ist Leben, Sterben Pforte,
Alles ist nur Übergang.“
Und Hermann Hesse sagt in seinem bekannten Gedicht „Stufen“:
„…Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden;
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!“
Alles nur Worte des Wahns? Nach der Lektüre von Kübler-Ross und nebenbei auch eigenen Erlebnissen, wage ich an solchen Aussagen zu zweifeln.
Übrigens wurde erst im Jahre 553 unserer Zeitrechnung, auf dem Zweiten Konzil von Byzanz bzw. Konstantinopel, aus politischen Gründen die Lehre von der Reinkarnation im Christentum verworfen. Bis dahin hatte sie Gültigkeit. Auch interessant, wie ich finde.
Lieber Wolf,
das hab ich mir schon gedacht: Es stört Sie, daß mit dem Tod der Gehirnzellen das Leben der Seele eines Menschen zu Ende sein soll. Das kommt Ihnen materialistisch vor.
Die Philosophie Mathilde Ludendorffs aber zeichnet sich u.a. auch dadurch aus, daß sie naturwissenschaftliche Erkenntnisse und die Erkenntnis Kants berücksichtigt, daß die menschliche „reine Vernunft“ das Erkenntnisorgan des Menschen für die Wahrnehmung der Erscheinungswelt darstellt und somit der Mensch das „Bewußtsein der Welt“ sei.
Mathilde Ludendorff „ergänzte“: Der Mensch mit seinem „gottahnenden Ich“ ist das Bewußtsein Gottes, das mit der Evolution angestrebt wurde, wie man an den jeweils erreichten „Schritten“ ablesen kann. Sie sieht – und wer wollte ihr da widersprechen – bei allem Anfang der Schöpfung den Willen zur Erkenntnis, der die Evolution antrieb, nach Erkenntnis des Göttlichen seiner selbst. Dieser Wille durchwebt das Weltall und somit auch Sie und mich.
Diese Tatsache beinhaltet zugleich die Ablehnung von okkulten Anschauungen. Daß beim Sterbeprozeß und damit bei den noch lebenden Zellen Bilder entstehen können, wer von uns mitten im Leben Stehenden will das leugnen. Aber diese „Nahtod-Erlebnisse“ sind kein Beweis für ein Weiterleben mit toten Zellen. Jene Nahtod-Erlebnisse werden mit dem endgültigen Tod dann auch erlöschen. Dies zeigt keinen „Materialismus“, sondern schlicht und einfach die Erkenntnis dessen, was ist.
Nun muß man wissen, wie Mathilde Ludendorff aufgrund der erkannten Evolution, während der das unerbittliche Todesmuß erlangt ist, dieses Todesmuß vom „Standpunkt“ des Göttlichen einordnet. Denn gerade das Todesmuß war ja erst mit der Entwicklung der Mehrzeller geworden. Einzeller sind „potentiell“ unsterblich. Sie teilen sich ohne Zellverlust, leben also weiter bis ins Unendliche, wenn sie nicht durch irgendeine Gefahr von außen getroffen doch sterben müssen.
Das Wissen um das eigene Todesmuß gibt dem menschlichen Dasein einen besonderen Wertgehalt. Jetzt, in deiner begrenzten Lebenszeit, kannst Du Deinen Lebenssinn erfüllen, kannst Deine in Dich gelegten Gottkräfte, d.h. das Gute, Wahre und Schöne sowie die Menschenliebe entfalten und auf die Welt ausstrahlen, sie damit verschönen.
Der Gedanke an ein Leben „nach dem Tode“ dagegen kann dazu verführen, die Verantwortung für den Wert des eigenen begrenzten Lebens zu verkennen und das Leben sinnlos dahintendeln zu lassen. Wenn du aber weißt, hier und jetzt und nur hier und jetzt ist die Zeit Deiner Lebensgestaltung, kann die eigene Verantwortung für sein Leben wachsen.
Für mich im 91. Lebensjahr winkt „Freund Hein“ als gütige Erlösung von allem „Schmerz und Lust“, wie Goethes Mutter dichtete und fortfuhr: „Süßer Friede komm, ach komm in meine Brust“. Wie froh kann man sein, nicht immer und ewig weiterleben zu müssen. Die gottverbundenen Augenblicke im Leben sind wie „Ewigkeiten“. Und Mutter Natur – das sehen wir überall in ihrer Erscheinungswelt – will nicht immer Dasselbe, sie will die Mannigfaltigkeit. Darum muß das Eine sterben, um dem nächsten Andern das Feld zu räumen.
Es ist alles so sinnvoll. Wenn noch so berühmte Männer da was anderes meinen, seien ihnen diesbezügliche Fantasien gegönnt, aber mit der Wahrheit haben sie – vor allem ihre Auslegungen – letztlich nichts gemein. Unsere Menschenwelt ist angefüllt mit Okkultismus aller Art, weil die göttliche Wirklichkeit mißachtet wird. Welch eine Erlösung ist da die Erkenntnis einer klardenkenden Philosophin. In ihrem Werk „Triumph des Unsterblichkeitwillens“ gibt es ein Kapitel mit der Überschrift „Erkenntnis Erlösung“. So ist es, für mich waren die in der Philosophie Mathilde Ludendorffs gegebenen Erkenntnisse in der Tat Erlösung. Aber nicht jeder, bzw. erfahrungsgemäß sehr sehr wenige Menschen plagen sich in der Jugend mit der Frage nach dem Sinn des Lebens wie ich. Dann kam die Erlösung durch Erkenntnis.
Ach, liebe Adelinde,
ich kenne diese ganzen Diskussionen durchaus zur Genüge. Es verlangt freilich eine heroische Haltung, seine Menschlichkeit nicht zu verlieren, obwohl bei der Aussicht, daß dies das einzige Leben sein soll, was der Individualseele angeblich zur Verfügung steht, so mancher sagen könnte: Dann nehme ich mir eben das, was ich vom Leben kriegen kann, egal über wieviel Leichen ich dabei gehen muß! Es gilt dann nämlich einzig und allein das brutale Recht des Gerisseneren und des Stärkeren. So sieht im Umkehrschluß die Moral vieler Menschen aus, besonders unserer lieben ‚Auserwählten‘, anstatt der sicher edlen Aufforderung zu genügen, ihr Lernpensum an Gotterkenntnis in den wenigen Jahren ihrer irdischen Existenz zu schaffen, vor allem mit der damit verbundenen Aussicht, dann ohnehin zu den Verlierern des Lebens zählen zu müssen. Gewiß, die Wertmaßstäbe der einzelnen Menschen, das Leben betreffend, sind durchaus unterschiedlich, und meine persönlichen Werte sehen definitiv anders aus, als die oben beschriebenen. Man kann – so meine Erfahrung – bei der umgekehrten Annahme im Gegenteil viel entspannter und auch spielerischer seinem Lebensweg folgen, gerade auch als fortgesetztem Lernprozeß, der selbstverständlich auch Irrtümer und Sackgassen enthält. Dies setzt allerdings voraus, daß man dann auch die Hinweise ernst nimmt, die das Leben selbst auf unserem Weg verstreut, daß namentlich das von Dir bevorzugte Diktum so nicht stimmen kann und daß da definitiv noch etwas anderes ist – sofern man es sehen will. Doch was hilft es!? Ein jeder folgt verständlicherweise seinem eigenen Willen und Erkenntnisvermögen. Nun ja, wie so oft, das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt. Und meistens hat das Herz recht, denn es kann weiter sehen als unser begrenzter Intellekt. Dennoch müssen sich Herz und Verstand keineswegs gegenseitig ausschließen.
Besonders wenn Du Dich auf den Gedanken der Evolution der Seele beziehst, gerätst Du unvermeidlich in unlösbare Widersprüche. Wer schafft denn schon sein Lernpensum in einer einzigen Inkarnation? Wenn Du es schaffst: Gratulation! Und was ist dann mit der göttlichen Gerechtigkeit, sofern es überhaupt einen Gott gibt? Denn die einen leben in Saus und Braus, und es kümmert sie überhaupt nicht ihr Mitmensch, geschweige denn die ebenfalls beseelte Welt der Tiere und Pflanzen, während die anderen darben und leiden. Sicher, das Leben ist ein ewiger Kampf, aber was ist mit der Seele, die nach Ewigkeit verlangt? Sollten uns unsere Wünsche und Sehnsüchte derartig täuschen oder uns – im Gegenteil – nicht etwas Wichtiges sagen? Übrigens handelt es sich hier um ein angeborenes Verhalten und keineswegs um ein erworbenes! Und das sagt mehr als jede angebliche Wissenschaft, auch wenn diese sich – mit dem Verweis auf den Selbsterhaltungstrieb, den jede Seinsgattung kennt – leider und unnötigerweise nur selbst begrenzt. Hier ist eindeutig mehr im Spiel, und man kann die nötigen Hinweise finden und auch wissenschaftlich erforschen, wenn man denn möchte; denn Hinweise gibt es genug. Mein Beispiel mit den sog. Nahtoderlebnissen ist ja bloß eines von sehr vielen Gebieten, auf denen sich zu forschen lohnen würde, und die uns lehren, daß die Art, wie wir den Kosmos sehen, durchaus begrenzt ist.
Wenn es uns darüber hinaus verlangt, Gott zu erkennen, sollten wir mit unserem begrenzenden Denken vielleicht einmal entschieden aufhören und, statt die wichtigen Einzelheiten mit den üblichen oberflächlichen Erklärungen abzutun, sich gerade diese Einzelheiten einmal etwas näher anschauen. Es könnte sich lohnen!
Im übrigen: Gerade die Natur lehrt uns jedes Jahr aufs neue das Gesetz der Wiedergeburt. Aber wie so oft stehen wir blind vor dem, was vor aller Augen liegt, weil der menschliche Verstand – von der Grobstofflichkeit der Materie geblendet – sich der an sich einfachen Erkenntnis verweigert.
Lieber Wolf, da kann ich natürlich nicht schweigen, wenn ich auch bei so vielen Worten passe, vielleicht nur dies Eine:
„… aber was ist mit der Seele, die nach Ewigkeit verlangt?“
Eine gute Frage, denn die Seele hat ja gerade die Fähigkeit, einzutauchen in die Zeitlosigkeit. So kann sie ein reiches Leben erleben trotz der Zeit-Begrenztheit ihres Urgrundes, der Gehirnzellen. Sie hat Teil an der göttlichen Unendlichkeit.
Liebe Adelinde,
dem letzten kann ich durchaus zustimmen. Wir erleben immer wieder in unserem Leben besondere Momente der Freude oder außergewöhnliche kontemplative Bewußtseinszustände, die uns – wenn auch vielleicht nur für kurze Augenblicke – einen Einblick in einen anderen Seinszustand gewähren. Doch leider sind diese Momente sehr flüchtig und nicht auf Dauer. Aber wir können sie als Trittsteine auf unserem Weg durch die „Sumpf“gebiete der Materie nehmen hin zur Erkenntnis des Göttlichen und Ewigen in uns selbst und um uns herum. Wie sagte Nietzsche in seinem Zarathustra so treffend: „…doch alle Lust will Ewigkeit.“ Doch mit der Freude ist auch das Weh verbunden. Dennoch: Die Freude ist stärker und läßt hoffen, denn sie ist die eigentliche Kraft die das All bewegt.