Wortkünstler Goethe macht eine Zeugenaussage im Mordfall Schiller

Lang, lang ist’s her, was soll uns ein geheimnisvoller Mordfall vom Mai des Jahres 1805 heute noch bewegen? Doch es handelt sich beim Opfer um keinen Geringeren als Friedrich Schiller.

Der teure Name
Rührt jede Brust mit neuem Grame,

heißt es in Schillers Ballade Die Kraniche des Ibykus, in der der antike Mordfall des griechischen Dichters Ibykus geschildert wird.

Scharaden im Faust, der Tragödie 2. Teil, von Goethe

Was Spielerei mit Wörtern, Silben, Buchstaben sein kann, eine Scharade, verwendet Goethe im Faust II, um im Mordfall Schiller in versteckter Form eine Zeugenaussage zu machen.

Das verdeutlichte kürzlich Armin Risi in der Zeitschrift mysterie 1/11, nachdem aber bereits Studienrat Dr. H. Kaben die betreffenden Verse auf Scharaden untersucht und u. a. der Arzt Henning Fikentscher eine gründliche, umfassende Recherche des Mordfalles in Buchform abgeliefert hatte.

Unter der Überschrift, die auch die berühmte Ballade von Schiller trägt,

DIE KRANICHE DES IBYKUS,

womit Goethe unmittelbar auf Schiller hinweist, schreibt Goethe die Verse:

Mordgeschrei und Sterbeklagen!
Ängstlich Flügelflatterschlagen!
Welch ein Ächzen, welch Gestöhn
Dringt herauf zu unsern Höhn!
Alle sind sie schon ertötet,
See von ihrem Blut geröthet.
Mißgestaltete Begierde
Raubt des Reihers edle Zierde.
Weht sie doch schon auf dem Helme
Dieser Fettbauch-Krummbein-Schelme.
Ihr Genossen unsres Heeres,
Reihenwanderer des Meeres,
Euch berufen wir zur Rache
In so nahverwandter Sache.
Keiner spare Kraft und Blut,
Ewige Feindschaft dieser Brut!

Die 5 Verse unter der Zeile „Mordgeschrei und Sterbeklagen“ lassen sich restlos in Scharaden auflösen. Es bleibt kein Buchstabe übrig, und jede Zeile ergibt einen Hinweis auf die Ermordung Schillers. Das macht Armin Risi deutlich:

1. Zeile: Ängstlich Flügelflatterschlagen

aengstlich fluegelflatterschlagen > Schiller
bleiben die Buchstaben: aengst ch fluegelflatt agen > Fluch gegen
bleiben die Buchstaben: aengst elflatt a > Engel
bleiben die Buchstaben: ast flatt a > Fatalstat (= Mord)

Fatalstat: Fluch gegen Engel Schiller

2. Zeile: Welch ein Ächzen, welch Gestöhn

welch ein aechzen, welch gestoehn > Welche gesehn
in aechzen, welch to > lechzen
in a we ch to > Aconit weh

Welche Aconit gesehn, wehlechzen

3. Zeile: Dringt herauf zu unsern Höhn

dringt herauf zu unsern hoehn > Gift
dr n herau zu unsern hoehn > Herz Haus
dr n u unern oehn > und Urne
rn oehn > er ohn’n

Gift: er ohn’ Herz und Urnenhaus

4. Zeile: Alle sind sie schon ertötet

alle sind sie schon ertötet > Schiller
a e snd sie on tötet > sie töteten
a s d on > so da n

So töteten sie da Schillern

Armin Risi bemerkt hierzu,

wie Goethe den verborgenen Satz konstruierte, indem er das künstliche Wort „ertötet“ schuf. Ohne Verschlüsselung hätte er einfach „getötet“ schreiben können. Er benötigte die Buchstaben „er“ jedoch für die Codierung des Namens von Schiller!

5. Zeile: See von ihrem Blut geröthet

see von ihrem blut geroethet > Goethe
see von ihrem blut ert > Blut Ehre von
see im rt > ist Meer

Goethe: Ehre ist Meer von Blut

Goethe verrät also verschlüsselt in einer Scharade:

Fatalstat: Fluch gegen Engel Schiller.
Welche Aconit gesehn, wehlechzen.
Gift: er ohn’ Herz und Urnenhaus,
So töteten sie da Schillern.
Goethe: Ehre ist Meer von Blut

Über

Aconit – Aconitum napellus, Eisenhut –

lesen wir bei Wikipedia:

Der Blaue Eisenhut ist eine jener Giftpflanzen, deren Substanzen während Jahrhunderten für Morde eingesetzt wurden.

Goethe nennt Schiller einen „Engel“

Schillers Ballade Die Kraniche des Ibykus handelt erstens ebenfalls von einem gotterfüllten Dichter, der ermordet wird:

Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
Der auf Korinthus’ Landesenge
Der Griechen Stämme froh vereint,
Zog Ibykus, der Götterfreund.
Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
Der Lieder süßen Mund Apoll,
So wandert’ er, an leichtem Stabe,
Aus Rhegium, des Gottes voll.

Zum zweiten hebt

Thomas Mann

in seinem Buch Versuch über Schiller 1955 –

Zum 150. Todestag des Dichters – seinem Andenken in Liebe gewidmet –

die Stelle im Faust II hervor, wo Goethe von Herkules spricht:

Von Herkules willst nichts erwähnen?

läßt Goethe Faust den Zentaur Chiron fragen, der soeben „die Tüchtigsten“ unter „den heroischen Gestalten“ genannt, aber Herkules unerwähnt gelassen hat. Wörtlich:

FAUST :

Von Herkules willst nichts erwähnen?

CHIRON :

Oh weh! Errege nicht mein Sehnen …
Ich hatte Phöbus nie gesehn,
Noch Ares, Hermes, wie sie heißen;
Da sah ich mir vor Augen stehn,
Was alle Menschen göttlich preisen.
So war er ein geborner König,
Als Jüngling herrlichst anzuschaun;
Dem ältern Bruder untertänig
Und auch den allerliebsten Fraun.
Den zweiten zeugt nicht Gäa wieder,
Nicht führt ihn Hebe himmelein;
Vergebens mühen sich die Lieder,
Vergebens quälen sie den Stein.

Dazu bemerkt Thomas Mann:

Wer ist dieser Herkules, um den sich vergebens die Lieder mühen, um den „sie vergebens den Stein quälen“? Man glaubt es zu wissen, man weiß es.

Und daß Goethe den verewigten Freund im Bilde des Herkules, des zu den Göttern erhobenen Mannes der zwölf Taten sah, läßt vermuten, daß er von dem Traume wußte, den Schiller lange gehegt hat: dem Traum einer olympischen Idylle, welche die himmlische Hochzeit des Sohnes des Zeus und der Alkmene mit Hebe, der trankspendenden Göttin der Jugend hätte behandeln sollen, und die dem Dichter „als Höchstes“ vorschwebte. (Hrvh. von Adelinde)

Goethe wußte also von der Sehnsucht Schillers nach dem Höchsten.

Bei all der Geheimniskrämerei werden in der Scharaden-Strophe wohl noch

weitere Stellen von Bedeutung für die Zeugenaussage Goethes

sein. Für mich ergeben sich die Fragen:

  • Ist der „Reiher“ der Dichter, der Verse aneinander reiht?
  • Wer sind die „Fettbauch-Krummbein-Schelme“, die Goethe als Mörder hinstellt, sie sich obendrein mit des „Reihers“ „edler Zierde“ auf ihrem Helm schmücken?
  • Sind die „Reihenwanderer des Meeres“ die ziehenden Kraniche, die in Schillers Ballade Zeugen des Mordfalles sind und die „Rache“ – die Zuführung der Mörder zu ihrer Strafe – auslösen, nachdem der Name ihres Opfers „wie im Meere Well auf Well“ „von Mund zu Munde schnell“ durchs Theaterrund von Korinth gelaufen war? Die betreffenden Strophen lauten bei Schiller:

Da hört man auf den höchsten Stufen
Auf einmal eine Stimme rufen:
„Sieh da! Sieh da, Timotheus,
Die Kraniche des Ibykus!“ –
Und finster plötzlich wird der Himmel,
Und über dem Theater hin
Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel
Ein Kranichheer vorüberziehn.

„Des Ibykus!“ – Der teure Name
Rührt jede Brust mit neuem Grame,
Und, wie im Meere Well auf Well,
So läuft’s von Mund zu Munde schnell:
„Des Ibykus, den wir beweinen,
Den eine Mörderhand erschlug!
Was ist’s mit dem? Was kann er meinen?
Was ist’s mit diesem Kranichzug?“ –

Und lauter immer wird die Frage,
Und ahnend fliegt’s mit Blitzesschlage
Durch alle Herzen. „Gebet acht!
Das ist der Eumeniden Macht!
Der fromme Dichter wird gerochen,
Der Mörder bietet selbst sich dar!
Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
Und ihn, an den’s gerichtet war.“

Doch dem war kaum das Wort entfahren,
Möcht er’s im Busen gern bewahren;
Umsonst, der schreckenbleiche Mund
Macht schnell die Schuldbewußten kund.
Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
Die Szene wird zum Tribunal,
Und es gestehn die Bösewichter,
Getroffen von der Rache Strahl.

  • Will Goethe mit der Zeile „ohn Herz und Urnengrab“ sagen, daß Schillers Leiche das Herz entnommen und sie dann in einem Massengrab, in der Weimarer Fürstengruft, dem „Kassengewölbe“, versenkt worden war?
  • In so „nahverwandter Sache“ wünscht Goethe „ewige Feindschaft dieser Brut“ der „Fettbauch-Krummbein-Schelme“? „Keiner spare Kraft und Blut“. Hatte Goethe die von ihm geforderte Kraft, den Mut, sich dem Treiben entgegenzustellen? Warum versteckt er sich hinter Scharaden?

Der Hinweis Thomas Manns auf den Zusammenhang der Stellen in Faust II mit Schiller brachte den

Arzt Henning Fikentscher

auf die Spur, selbst weiterzuforschen. Das bezeugt er in seinem Buch Zur Ermordung Friedrich Schillers – Der heutige Stand der Forschung über Friedrich Schillers sterbliche Reste und die Ursachen seines Todes: Er

… wäre kaum ohne den Fingerzeig Thomas Manns auf den Gedanken gekommen, daß Goethe just in der Chironszene Schiller verschlüsselt haben konnte. Einmal darauf gelenkt, ergab die Nachprüfung, daß 157 Verse sich auf Schiller zu beziehen scheinen.

Die Entdeckung, daß Goethe sogar das Gift nannte, mit dem Schiller beseitigt worden sein soll, stammte von den Kollegen und Internisten Dr. med. D. Kerner und Dr. med. G. Duda.

Die Leugner des Schillermordes berufen sich auf den Obduktionsbericht des Dr. Huschke.

Dessen Schlußfolgerung wurde in die Welt gesetzt und bis heute wiederholt:

Bei diesen Umständen muß man sich wundern, daß der arme Mann so lange hat leben können.

Was hatte Dr. Huschke herausgefunden? Er schreibt:

1. Die Rippenknorpel waren durchgängig und zwar sehr stark verknöchert.

2. Die linke Lunge mit der Pleura in dieser ganzen Brusthöhle und mit dem Herzbeutel so ligamentartig verbunden, daß diese Verwachsungen kaum mit dem Messer gut zu trennen waren. Diese Lunge selbst war faul, brandig und wie man sah, schon längst desorganisiert.

3. Die rechte Lunge war besser, aber doch durch und durch mit Eiterpunkten versehen. Sie sah wie Marmor, und bei dem Drucke kamen an allen Orten Eiterpunkte zum Vorschein.

4. Das Herz stellte einen leeren Beutel vor und hatte sehr viele Runzeln, war häutig ohne Muskelsubstanz. Diesen häutigen Sack konnte man in kleine Stücke zerflocken.

5. Die Leber natürlich, nur die Ränder brandig.

6. Die Gallenblase noch einmal so groß als im natürlichen Zustande. Die Blase von Galle strotzend.

7. Die Milz um zwei Dritteile größer als im natürlichen Zustande.

8. Der vordere konkave Rand der Leber mit allen nahe liegenden Theilen bis zum Rückgrat verwachsen.

9. Die linke und rechte Niere in ihrer Substanz aufgelöst und völig verwachsen.

10. Auf der rechten Seite alle Därme mit dem Peritonäum verwachsen, nicht so stark auf der linken Seite.

11. Urinblase und Magen waren allein natürlich.

Die Schlußfolgerung für mich ist: Mit einem derartigen Zustand der Innereien, besonders mit einem leeren, muskellosen Herzbeutel, der sich „in kleine Stücke zerflocken“ läßt, kann kein Mensch leben. Schiller aber soll damit jahrelang seine bedeutenden Werke geschaffen haben, allein – wie „ehrfürchtig“ geraunt wird – „aus der Kraft seines Geistes“?

Bei aller Liebe: Das ist auch bei einem Dichter wie Schiller ein Ding der Unmöglichkeit.

Wer war dieser Dr. Wilhelm Huschke?

Schiller war erkrankt und gestorben zu einem Zeitpunkt, als sein langjähriger Hausarzt Dr. Stark verreist war. Statt seiner erschien – ungerufen – Dr. Huschke zur Leichenbeschau. Diesen Arzt hatte die Familie Schiller nie zu Rate gezogen.

Fikentscher:

Dr. Huschke war Leibarzt des Herzogs und Betreuer der Mitglieder der Loge Amalia.

Über die Logenzugehörigkeit des Herzogs berichtet Wikipedia:

Am 5. Februar 1782 wurde er in der Loge Amalia in Weimar Freimaurer und im Dezember desselben Jahres unter dem Namen „a Falcone albo“ Ritter der Strikten Observanz … Am 10. Februar 1783 trat er dem Illuminatenorden mit dem Namen „Aeschylus“ bei und stieg in ihm bis zum „Regenten“ auf.

Da auch Goethe dieser Loge angehörte (mehr >) – er wurde ebenfalls Illuminat -, waren somit Herzog Carl August, Goethe und Huschke Logenbrüder.

Daß Huschke in Weimar keinen besonders guten Ruf hatte, läßt Schiller in einem Brief vom 28.10.1801 an seinen Jugendfreund Dr. med. von Hoven durchblicken:

Als praktischer Arzt wäre gewiß etwas für dich zu tun, wenn es nur anginge, daß du festen Fuß bekämst. Die öffentliche Meinung ist für keinen der hiesigen Ärzte und wer es kann, läßt Dr. Stark von Jena kommen.

Charlotte Schiller war, als ihr Mann gestorben war, überdies merkwürdigerweise nicht zu Hause. Fikentscher:

Unbekannt ist der Aufenthaltsort von Charlotte Schiller, Caroline v. Wolzogen und den vier Kindern vom Vormittag des 10. Mai bis zur Nacht des 12./13. Mai. Nachweisbar ist nur, daß sie sich ab 13. Mai im Hause v. Wolzogens befanden, wo Charlotte krank darniederlag.

Unbekannt ist, wer oder was Charlotte dazu gebracht hat, das Trauerhaus und Schillers Leiche zu verlassen und zu v. Wolzogens umzuziehen.

Niemand hatte Dr. Huschke beauftragt, Schillers Leiche aufzuschneiden. Ob er sie wirklich aufgeschnitten hat, ist fraglich.

Der Sachverständige Henning Fikentscher stellt fest:

Dr. Huschkes Sektionsbericht läßt mehr Fragen offen, als er beantwortet. Eine Vollsektion in Schillers Wohn- und Schlafstube, auf dem Bett oder Sofa war gar nicht auszuführen, ohne daß die Angehörigen etwas davon bemerkten oder erfuhren.

Wo soll Dr. Huschke die Eingeweide gelassen haben? Hat er sie wieder in die Körperhöhlen zurückgelegt und vernäht, oder in die Abtrittkuhle bringen oder im Garten vergraben lassen? Mit größter Wahrscheinlichkeit war das nicht erforderlich, weil überhaupt keine Vollsektion stattgefunden hat.

Um das Herz zu entnehmen, brauchte Dr. Huschke nur vom Oberbauchschnitt einzugehen. Er drückte sich darüber so unbestimmt aus, daß nicht zu erkennen ist, wer das Herz entnahm, wer es zerpflückte, wo und wann das geschah. Die Schilderung läßt offen, daß Dr. Huschke das Herz in seiner Tasche mitnahm und daß es irgendwo anders, vielleicht auch von andern „zerstückelt” wurde.

Konnte dieser Arzt es mit seiner Berufsehre vereinbaren, sich derart bloßzustellen? Woher wollte er als Arzt, der Schiller nie vorher betreut hatte, wissen, daß dieser

lange einen elenden Körper gehabt und ungesund gewesen war?

Fikentscher recherchierte:

Während der Jahrzehnte von Dr. Huschkes Praxis hatte es unter den 7000 Einwohnern von Weimar mit rd. 4000 Todesfällen Hunderte von Kranken gegeben, die „lange einen elenden Körper gehabt und ungesund gewesen waren“, ohne daß Dr. Huschke einen davon sezierte, um die genaue Todesursache zu ergründen.

… Schiller war für Dr. Huschke kein medizinisch „interessanter Fall“. Er hat sich nicht nach dem Beginn der Krankheit erkundigt, hat dem Stuhlgang und dem tagelangen Erbrechen keine Bedeutung beigemessen, so daß er im Krankenbericht es nicht der Mühe wert hielt, es zu erwähnen. Er hat bei seiner eigenen Behandlung weder dem Wasserlassen, noch dem Stuhlgang Beachtung geschenkt, noch den Bauch untersucht, den Harn nicht begutachtet.

Fikentscher erwähnt auch die übliche Praxis, daß bei Obduktionen mindestens ein weiterer Kollege als Zeuge anwesend ist:

Meist wurde angenommen, daß der junge Dr. med. Gottfried Herder, der Sohn des Oberkonsistorialrates, Dr. Huschke bei der Sektion geholfen habe. Eine Bestätigung seiner Hilfe war von ihm nicht mehr lange zu erwarten, weil er, erst 32 Jahre alt, genau ein Jahr nach Schiller starb. Er hat nichts darüber hinterlassen.

Merkwürdig! Fikentscher weiter:

Dr. Huschke erwähnt ihn nicht, sondern gebrauchte nur das mehrdeutige Wörtchen „wir“, was der Pluralis modestiae des älteren Sprachgebrauchs sein, aber ebensogut den Hilfsdiener M. Färber bezeichnen konnte.

Da der Sektionsbericht der Krankengeschichte vollkommen widerspricht, kann er nur frei erfunden gewesen sein. Dr. Huschke hatte keinen Grund, einen Konsilarius und Mitwisser zu einer Sektion hinzuzuziehen, über die er einen Falschbericht schreiben wollte.

Es ist dagegen nicht unmöglich, daß er hinterher Dr. Gottfried Herder um kollegiale Schützenhilfe bat, seine Zeugenschaft andeutend zuzugeben, wenn er danach gefragt wurde.

Der Anschein einer Sektion durch zwei Ärzte gab dem Bericht den Anstrich eines echten Protokolls.

Die einzige schriftliche Ausfertigung des Berichts stand in dem Brief an den Herzog, und gerade hierin hütete sich Dr. Huschke, den Namen eines Mittäters zu nennen oder gar, ihn mit unterschreiben zu lassen.

Diese Tatsache, daß Huschke den Bericht ausgerechnet an den Herzog sandte, kommentiert Fikentscher mit der Feststellung:

Unbekannt ist der Grund, warum Dr. Huschke dem Herzog einen Obduktionsbefund nach Leipzig schrieb, obwohl der als Laie damit nichts anfangen konnte.

Unbekannt ist der Grund, warum Dr. Huschke den Obduktionsbericht so abfaßte, daß sich die Einzelangaben widersprachen und der Bericht im ganzen mit der Krankengeschichte unvereinbar ist. Es kann daraus kein ärztlich-wissenschaftlicher Schluß auf Schillers Todeskrankheit gezogen werden.

Dem ganzen Gerede von Schillers „lange elendem Körper“ stehen wichtige Zeugenaussagen entgegen:

1. Goethe:

Er war ein prächtiger Mensch, und bei völligen Kräften ist er von uns gegangen.

2. Charlotte Schiller

geb. von Lengefeld, am 28. April 1805, also 11 Tage vor Schillers Tod, bei Hofe:

Ich half ihn schmücken und freute mich seines gesunden Aussehens und seiner stattlichen Figur im grünen Galakleide.

Vieles gäbe es zu dem Mordfall noch zu sagen, vor allem zu den schauerlichen Berichten vom Umgang mit Gebeinen, die Schiller zugesprochen wurden, nachdem der Weimarer Bürgermeister Dr. Carl Leberecht Schwabe vor der Einebnung des Kassengewölbes 1826 Schillers Gebeine hatte retten wollen, um sie einer würdigen Beisetzung in einem Einzelgrab zuführen zu können, wie es auch all die Jahre der Wunsch Charlotte Schillers gewesen war.

Denn jetzt begann eine makabre Betrugsgeschichte, die ihresgleichen in der Geschichte der Menschheit sucht.

Wer sich näher darüber unterrichten möchte, dem sei die gründliche wissenschaftliche Recherche Henning Fikentschers zur Lektüre empfohlen, die er im o. a. Buch veröffentlicht hat.

Mich bewegt hauptsächlich noch

die merkwürdige Rolle Goethes

in dem ganzen Geschehen. Bei Wikipedia lesen wir:

Den Tod Schillers im Jahr 1805 empfand Goethe als entschiedenen Verlust. In dieser Zeit setzten ihm zudem verschiedene eigene Krankheiten (Gesichtsrose, Nierenkoliken) zu.

Sie werden in ursächlichem Zusammenhang mit dem Mord an Schiller gestanden haben. Wieviel wußte Goethe von Planung und Durchführung des Verbrechens?

Warum durchkreuzte er als Minister des Herzogs von Weimar das ehrbare Vorhaben des Bürgermeisters Schwabe, der im Einvernehmen mit der Familie Schiller bereits einen Einzelgrabplatz ausgesucht hatte und auf eigene Kosten ein Denkmal über dem Grab errichten wollte? Fikentscher:

Schwabe mußte den Schädel am 16.9.1826 an Goethe abliefern, und am 17.9. wurde der Schädel in einem Staatsakt in der Großherzoglichen Bibliothek niedergelegt.

Einige Tage danach ließ Minister Goethe durch den Prosektor Schröter/Jena die übrigen Gebeine Schillers in der Massengruft aufsammeln.

Schröter brachte es binnen weniger Stunden fertig, etwa die Hälfte der Knochen, die zu einem Skelett gehörten, zusammenzusuchen. Goethe hatte dem Prosektor einen Schädel gegeben, dessen Reinigung angeblich zwei Tage erforderte. Das war begreiflich. Schillers Schädel, den der Bürgermeister abgeliefert hatte, besaß noch das vollständige Gebiß bis auf einen fehlenden Mahlzahn.

Dem Schädel, den der Prosektor herzurichten hatte, fehlten jedoch acht Zähne, oben 6 und unten zwei, so daß Schröter 7 falsche Zähne zurechtfeilen und einsetzen mußte, um den Schädel schillerähnlich zu machen. Diese Fälschung kam erst 1961 zu Tage, als der Biologe Herbert Ullrich als Dolmetscher des sowjetischen Anthropologen Gerassimow Gelegenheit hatte, die Schillerschädel zu untersuchen.

Den Schillerschädel aus der Bibliothek hatte Goethe schon acht Tage nach der feierlichen Niederlegung an sich genommen und in seiner Wohnung verborgen, wo ihn Wilhelm v. Humboldt am 30.12. 1826 als einziger fremder Gast zu sehen bekam.

König Ludwig I. von Bayern wiederum war der einzige Fremde, dem Goethe den gefälschten Schillerschädel im Sockelkasten der Schillerbüste der Bibliothek zeigte. Goethe konnte ihm den Wunsch nicht gut abschlagen, dessen Erfüllung ungefährlich war. Der König konnte einen gefälschten Schillerschädel vom echten nicht unterscheiden.

Durch den Vorwurf König Ludwigs, daß Schillers Schädel als Schaustück „wie Münzen oder ähnliche Raritäten“ behandelt würde, sah sich der Großherzog genötigt, den Schillergebeinen einen Platz in seiner Familiengruft einzuräumen.

Am 16.12.1827 wurden sie dort in einem Staatsakt beigesetzt, wobei Bürgermeister Schwabe sich vor Verschluß des Sarges eigens überzeugte, daß auch wirklich der Schädel, den er geborgen und Goethe abgeliefert hatte, darin lag.

Vor der 3. Beisetzung Schillers in der Fürstengruft wünschte der Großherzog, daß von dem Schädel eine Gipsabformung gemacht werde. Goethe ließ durch den Former Kauffmann einen vorzüglichen Abguß des Schädels mit den gefälschten Zähnen anferigen, dessen Nachgüsse auf der ganzen Welt als “Schillerschädel” Verbreitung fanden.

Als der Schillersarg der Fürstengruft 1959 wegen angeblicher Fäulnisschäden geöffnet wurde, lag der Schädel mit den gefälschten Zähnen darin, der mit dem Kauffmannschen Gipsabguß genau übereinstimmte.

Der echte Schillerschädel ist nie wieder zum Vorschein gekommen.

Zum Verlust nicht nur des Schädels, sondern auch zahlreichen diesbezüglichen Quellenmaterials gehören auch die Lücken in Goethes Tagebuch. Zwar finden sich (nach Fikentscher)

Tagebucheintragungen über Schillers Schädel vom 24./26./27. und 28. September 1826(, die) ergeben, daß Prosektor Schröter/Jena und Museumsdiener Färber einen Schädel in den Händen hatten, daß sie 2 Tage mit dessen Reinigung zubrachten, am 27.9. damit fertig waren und einen Entgelt bekamen.

Aber:

Obwohl Goethe in seinem Tagebuch sonst jede Kleinigkeit zu vermerken pflegte, fehlen merkwürdigerweise Eintragungen

  • über den Empfang von Schillers Schädel aus Bürgermeister Schwabes Hand
  • über den Empfang der Ganzkopf-Totenmaske (Weimarer Maske),
  • über die Nicht-Teilnahme an der Beisetzung in der Bibliothek
  • über die Entwendung des Schädels aus dem Sockelkasten in der Bibliothek und dessen Verbringen in Goethes Wohnung
  • über die Herkunft des falschen Schädels mit 8 Zahnlücken
  • über den Auftrag an Prosektor Schröter, die Zahnlücken zu beseitigen,
  • über den Auftrag, Schillers Skelett in der Kassengruft zusammenzusuchen
  • über die Unterschrift unter Schröters Protokoll und die Prüfung der Knochen
  • über die Vertauschung des falschen Schädels gegen den echten vor dem 16.12.1827
  • über die Nicht-Teilnahme an der Beisetzung in der Fürstengruft
  • über die Rückvertauschung der Schädel nach dem Staatsakt vom 16.12.1827
  • über den Verbleib des echten Schillerschädels.

Auch hier die Geheimniskrämerei Goethes! Was hatte er zu verbergen? Warum hat er in diesem makabren Spiel mitgespielt? Wäre unser „Dichterfürst“ nicht viel verehrungswürdiger, wenn er wie Sapieha in Schillers Demetrius Rückgrat gezeigt, selbst “Kraft und Blut” eingesetzt und gesagt hätte:

Will sich Niemand
erheben für das Recht? Nun so will ich’s.
Zerreißen will ich das Geweb der Arglist;
Aufdecken will ich Alles, was ich weiß.

Stattdessen bastelte er weiter an seiner „Klassischen Walpurgisnacht“ mit den geheimnisvollen Scharaden des Faust II. 30 Jahre lang hat er allein an ihr gefeilt, am gesamten Faust gut 58 Jahre! Dann versiegelte er sein Werk, um der Nachwelt zu überlassen, seine Rätsel aufzulösen.

Wenden wir uns Erhebenderem zu! Hier dem vollen Wortlaut von Schillers Ballade

Die Kraniche des Ibykus

Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
Der auf Korinthus’ Landesenge
Der Griechen Stämme froh vereint,
Zog Ibykus, der Götterfreund.
Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
Der Lieder süßen Mund Apoll,
So wandert’ er, an leichtem Stabe,
Aus Rhegium, des Gottes voll.

Schon winkt auf hohem Bergesrücken
Akrokorinth des Wandrers Blicken,
Und in Poseidons Fichtenhain
Tritt er mit frommem Schauder ein.
Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme
Von Kranichen begleiten ihn,
Die fernhin nach des Südens Wärme
In graulichtem Geschwader ziehn.

„Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!
Die mir zur See Begleiter waren,
Zum guten Zeichen nehm ich euch,
Mein Los, es ist dem euren gleich.
Von fernher kommen wir gezogen
Und flehen um ein wirtlich Dach.
Sei uns der Gastliche gewogen,
Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“

Und munter fördert er die Schritte
Und sieht sich in des Waldes Mitte,
Da sperren, auf gedrangem Steg,
Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.
Zum Kampfe muß er sich bereiten,
Doch bald ermattet sinkt die Hand,
Sie hat der Leier zarte Saiten,
Doch nie des Bogens Kraft gespannt.

Er ruft die Menschen an, die Götter,
Sein Flehen dringt zu keinem Retter,
Wie weit er auch die Stimme schickt,
Nichts Lebendes wird hier erblickt.
„So muß ich hier verlassen sterben,
Auf fremdem Boden, unbeweint,
Durch böser Buben Hand verderben,
Wo auch kein Rächer mir erscheint!“

Und schwer getroffen sinkt er nieder,
Da rauscht der Kraniche Gefieder,
Er hört, schon kann er nichts mehr sehn,
Die nahen Stimmen furchtbar krähn.
„Von euch, ihr Kraniche dort oben,
Wenn keine andre Stimme spricht,
Sei meines Mordes Klag erhoben!“
Er ruft es, und sein Auge bricht.

Der nackte Leichnam wird gefunden,
Und bald, obgleich entstellt von Wunden,
Erkennt der Gastfreund in Korinth
Die Züge, die ihm teuer sind.
„Und muß ich dich so wiederfinden,
Und hoffte mit der Fichte Kranz
Des Sängers Schläfe zu umwinden,
Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!“

Und jammernd hören’s alle Gäste,
Versammelt bei Poseidons Feste,
Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,
Verloren hat ihn jedes Herz.
Und stürmend drängt sich zum Prytanen
Das Volk, es fordert seine Wut,
Zu rächen des Erschlagnen Manen,
Zu sühnen mit des Mörders Blut.

Doch wo die Spur, die aus der Menge,
Der Völker flutendem Gedränge,
Gelocket von der Spiele Pracht,
Den schwarzen Täter kenntlich macht?
Sind’s Räuber, die ihn feig erschlagen?
Tat’s neidisch ein verborgner Feind?
Nur Helios vermag’s zu sagen,
Der alles Irdische bescheint.

Er geht vielleicht mit frechem Schritte
Jetzt eben durch der Griechen Mitte,
Und während ihn die Rache sucht,
Genießt er seines Frevels Frucht.
Auf ihres eignen Tempels Schwelle
Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
Sich dreist in jene Menschenwelle,
Die dort sich zum Theater drängt.

Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
Es brechen fast der Bühne Stützen,
Herbeigeströmt von fern und nah,
Der Griechen Völker wartend da,
Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen;
Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau
In weiter stets geschweiftem Bogen
Hinauf bis in des Himmels Blau.

Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
Die gastlich hier zusammenkamen?
Von Theseus’ Stadt, von Aulis’ Strand,
Von Phokis, vom Spartanerland,
Von Asiens entlegener Küste,
Von allen Inseln kamen sie
Und horchen von dem Schaugerüste
Des Chores grauser Melodie,

Der streng und ernst, nach alter Sitte,
Mit langsam abgemessnem Schritte,
Hervortritt aus dem Hintergrund,
Umwandelnd des Theaters Rund.
So schreiten keine irdschen Weiber,
Die zeugete kein sterblich Haus!
Es steigt das Riesenmaß der Leiber
Hoch über menschliches hinaus.

Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
Sie schwingen in entfleischten Händen
Der Fackel düsterrote Glut,
In ihren Wangen fließt kein Blut.
Und wo die Haare lieblich flattern,
Um Menschenstirnen freundlich wehn,
Da sieht man Schlangen hier und Nattern
Die giftgeschwollenen Bäuche blähn.

Und schauerlich gedreht im Kreise
Beginnen sie des Hymnus Weise,
Der durch das Herz zerreißend dringt,
Die Bande um den Sünder schlingt.
Besinnungsraubend, herzbetörend
Schallt der Errinyen Gesang,
Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
Und duldet nicht der Leier Klang:

Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
Bewahrt die kindlich reine Seele!
Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
Er wandelt frei des Lebens Bahn.
Doch wehe, wehe, wer verstohlen
Des Mordes schwere Tat vollbracht,
Wir heften uns an seine Sohlen,
Das furchtbare Geschlecht der Nacht!

Und glaubt er fliehend zu entspringen,
Geflügelt sind wir da, die Schlingen
Ihm werfend um den flüchtgen Fuß,
Daß er zu Boden fallen muß.
So jagen wir ihn, ohn Ermatten,
Versöhnen kann uns keine Reu,
Ihn fort und fort bis zu den Schatten
Und geben ihn auch dort nicht frei.

So singend, tanzen sie den Reigen,
Und Stille wie des Todes Schweigen
Liegt überm ganzen Hause schwer,
Als ob die Gottheit nahe wär.
Und feierlich, nach alter Sitte
Umwandelnd des Theaters Rund
Mit langsam abgemessnem Schritte,
Verschwinden sie im Hintergrund.

Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
Noch zweifelnd jede Brust und bebet
Und huldigt der furchtbarn Macht,
Die richtend im Verborgnen wacht,
Die unerforschlich, unergründet
Des Schicksals dunklen Knäuel flicht,
Dem tiefen Herzen sich verkündet,
Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

Da hört man auf den höchsten Stufen
Auf einmal eine Stimme rufen:
„Sieh da! Sieh da, Timotheus,
Die Kraniche des Ibykus!“ –
Und finster plötzlich wird der Himmel,
Und über dem Theater hin
Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel
Ein Kranichheer vorüberziehn.

„Des Ibykus!“ – Der teure Name
Rührt jede Brust mit neuem Grame,
Und, wie im Meere Well auf Well,
So läuft’s von Mund zu Munde schnell:
„Des Ibykus, den wir beweinen,
Den eine Mörderhand erschlug!
Was ist’s mit dem? Was kann er meinen?
Was ist’s mit diesem Kranichzug?“ –

Und lauter immer wird die Frage,
Und ahnend fliegt’s mit Blitzesschlage
Durch alle Herzen. „Gebet acht!
Das ist der Eumeniden Macht!
Der fromme Dichter wird gerochen,
Der Mörder bietet selbst sich dar!
Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
Und ihn, an den’s gerichtet war.“

Doch dem war kaum das Wort entfahren,
Möcht er’s im Busen gern bewahren;
Umsonst, der schreckenbleiche Mund
Macht schnell die Schuldbewußten kund.
Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
Die Szene wird zum Tribunal,
Und es gestehn die Bösewichter,
Getroffen von der Rache Strahl.