Vor 103 Jahren: Mathilde Ludendorff berichtet von den „völkischen“ Bestrebungen in der Weimarer Zeit
Montag, 22. Juni 2026 von Adelinde
Adelinde
Die bedeutende, aber von nur wenigen Volksge-schwistern verstandene Philosophin und erfolg-reiche, daher gesuchte Psychiaterin Mathilde von Kemnitz, spätere Ludendorff, berichtet als Zeit-zeugin in ihren Lebenserinnerungen über die Weimarer Republik und Hitlers Aufstieg, und wir werden so manche Parallele zu unserer heutigen Zeit erkennen:
Ich sah allerdings in diesem Jahre, in dem diese römische und linksradikale Wühlarbeit im vollen Gange war, um ein katholisches Süd- und Westreich und ein bolschewisti-sches Norddeutschland des ehemaligen Deutschen Reiches entstehen zu lassen, erst so recht, wie buntgewürfelt die Reihen derer waren, die sich „völkisch“ nannten, und wie erschreckend sie hier in Bayern eben gerade von römisch Gerichteten durchsetzt waren.
Da galt es für mich denn vor allem, diejeni-gen unter den Führenden, die ich gut kannte und die etwas auf mein Urteil gaben, restlos und gründlich aufzuklären, welch ein Unheil die Schlagworte waren, und sie dann von der Dringlichkeit ebenso gründlich zu überzeu-gen, nun alle anderen völkischen Bayern von den römischen Schlagworten zu befreien.
Des öfteren bat mich auch Gottfried Feder persönlich, mit anderen zu sprechen. Dies geschah wiederholt in den Kanzleiräumen von Rechts-anwalt B. in München.
Es war schon zum allgemein überlichen Schlagwort in völ-kischen (!) Kreisen geworden, die doch zähe an deutscher Einheit hätten festhalten sollen, Deutschland könne nur gerettet werden, wenn man sich vorüber-gehend von dem „S..stall“ in Berlin trenne.
„Los von Berlin“ hieß die Parole, die mit immer wachsender Begeisterung auch von „vaterländischen“ Verbänden aufgenommen wurde.
Alle alten Ladenhüter pfäffischer Preußen-hetze waren wieder hoch in Kurs gekommen, und die Redensart
„Ein Franzose von hinten ist mir lieber als ein Preuße von vorne“
konnte man sogar von den sogenannten „völkischen“ Führern hören, als sei es die selbstverständlichste Einstellung eines deutschen Freiheitskämpfers angesichts des Versailler Diktates und der Ruhrbesetzung!
Es war, wie man so sagt, „zum Verzweifeln“. Sogar der Führer der vaterländischen Ver-bände, Prof. B., und andere Führende waren in diese Verwirrung schon hineingezogen. Aus vollem Herzen suchte ich ihnen den furchtbaren Plan „Los von Berlin“ auszureden:
„Ist eine zerbrochene Vase so schnell wieder zusammengeleimt? Und ist sie, selbst wenn dies gelingt, wieder ein Ganzes? Haben das die Krieger des Weltkrieges um das Volk verdient? Wie sagten die Preußen, als München ein ganz ähnlicher Stall in der Rätezeit war? Sagten sie da auch ,Los von Berlin‘? Nein, sie kamen, halfen und befreiten München!
Wenn es hier überhaupt einer Parole benötigt, dann soll sie doch lieber ,Auf nach Berlin‘ heißen! Ist Deutschland erst zerstückelt, wird Poincaré schon wissen, wie er sich mit den Bayern zu unterhalten hat. – Rompriester wollen Deutschland zerstückeln, wollen das Ketzerland dem Bolschewismus preisgeben!“ …
Ich hatte Eindruck gemacht und habe noch manchmal in gleichem Sinne gewirkt. Als im Sommer 1923 durch den Fuchs-Machaus-Prozeß das separatistische Treiben Roms entlarvt war und ein neuer Plan bestand, das Deutsche Kaiserreich unter dem katholischen Hause Wittelsbach wieder zu errichten, da nahmen die Römlinge gerade dieses „Auf nach Berlin“ in völlig anderem Sinne auf und suchten die Völkischen erneut zu ihren Plänen abzubiegen.
Zunächst aber hatte ich geholfen, eine ernst drohende Verwirrung zu bannen. So zu hel-fen, tat wohl in den so hoffnungslosen Tagen!
Man darf, um die damaligen Sorgen zu verstehen, nicht vergessen, daß wir dicht vor einem Versuche standen, durch Schaffung einer neuen Regierung das Volk zu retten, einem Versuche, der sogar, wie wir gleich sehen werden, seinen ersten ausschlagge-benden Schritt durch einen Verfassungsbruch der Regierung Kahr vollzog!
Und dabei dann diese Wirrnis, diese Durch-setzung völkischer Kreise mit römisch-Ge-sinnten zu sehen, das war wahrlich Anlaß zu ernster Sorge für die Zukunft.
Unter solchen Umständen war es zu begrü-ßen, daß der bekannte Fuchs-Machaus-Prozeß die separatistischen Umtriebe gerade in diesem Sommer 1923 entlarvt hatte, wenn auch sehr geschickt das meiste des Gesche-henen vor der Öffentlichkeit verborgen wurde.
Dennoch hatte der Prozeß genügend viel an den Tag gebracht! Der eine Landesverräter wurde mit zwölf Jahren Zuchthaus bestraft, der andere, der Selbstmord verübt hatte, wurde mit hohen kirchlichen Ehren beerdigt, der Rompriester Geheimtreiben war nun in letzter Stunde den bayrischen völkischen Kämpfern enthüllt.
Da trachtete der Vatikan, ahnungslose „völkische“ Menschen erst recht in römische Dienste zu stellen. Tatsächlich wurde fieberhaft von Kahr hierzu vorgearbeitet.
Der Verfassungsbruch, vor allem die Verei-digung von Reichswehrtruppen auf Bayern war der wichtigste Schritt, um einen Regie-rungssturz einzuleiten, einen Umsturz ohne viel Blutvergießen, der ein katholisches Kai-serreich mit dem Hause Wittelsbach an der Spitze unter freundlicher Einbeziehung des Kampfeifers der völkischen Kreise errichten sollte!
Das erste, was mir dabei auffiel, war, daß der Führer der vaterländischen Verbände nun tatsächlich auf einmal die Parole für feurige Reden aufnahm, die ich einst, allerdings in ganz entgegengesetztem Sinne, vorgeschla-gen hatte: „Auf nach Berlin!“
Es war auch aus allen Einzelheiten, die ich bei den Unterredungen erfuhr, klar ersichtlich, daß die völkischen Kreise nun noch weit mehr von römisch Gesinnten beeinflußt waren als in den eben überstandenen Zeiten der Blüte der separtistischen Bestrebungen in Bayern; dann konnte einem die letzte Hoffnung auf Rettung der Einheit Deutschlands vergehen!
Wenn man die Auswirkung der Forderungen des Versailler Diktates und der furchtbaren Inflation sah, die ernste Wirtschaftler als den Beginn eines unentrinnbaren wirtschaftlichen Untergangs bezeichneten, wenn man dabei die so kleine Schar zum großen Teil verwor-rener und mutloser Menschen sah, die im Gegensatz zu den meisten überhaupt noch Anteil nahmen am Schicksal des Volkes, wenn man erlebte, wie viele sich durch anders lau-tenden Wortschwall von den Mächten betören und ausnützen ließen, die eben nicht die Ein-heit, Freiheit und Stärke des Volkes erstreb-ten, dann, ja, dann wurde man anspruchslos, dann stellte man Bedenken zurück.
Wenn man erlebte, daß die Bayern wenigstens zur Zugehörigkeit zu Norddeutschland erzo-gen, ja begeistert wurden, daß so erst einmal die Grundlage geschaffen wurde, Separatis-mus und Ketzerhaß zu überwinden, so läßt es sich wohl verstehen, daß man zunächst be-grüßte, wenn berichtet wurde, der in die NSDAP eingetretene Hitler spräche zündend und entschlossen für die Einheit des deut-schen Volkes und seine Rettung.
Als Gottfried Feder wieder und wieder drängte, ich solle doch Hitler einmal sehen und beur-teilen und zu einem Parteitag (Februar 1923) kommen, lehnte ich dies zwar gründlich ab, versprach aber, mit ihm eine kleine Nachversammlung aufzusuchen.
Es waren Hitler und etwa 20 Männer versam-melt, die Gauführer der Partei waren. Er sprach zu ihnen, als stünde er dicht davor, ihnen allen hohe Stellungen im Staate zu verschaffen!
So unterstützten seine Worte noch das, was ein fataler Zug um seinen Mund an sich schon über ihn verriet. Als er nun anfing, Mussolini als einen herrlichen Helden zu rühmen, da konnte ich diesem meinem Kommen nur dadurch einen Sinn geben, daß ich eingriff und sagte:
„Mussolini hat Grausamkeiten begangen und begeht sie noch. Im deutschen Volke wird eine Bewegung nur dann Bestand haben können, wenn sie ohne derlei zur Macht kommt und sich an der Macht er-hält. Wir wollen kein zweites Mittelalter!“
Etwas überrascht blickte er auf, um dann fast schreiend zu antworten, man müsse froh sein, wenn man so Großes wie Mussolini je werde leisten können, statt sich da Kritik anzumaßen.
Mit dieser Antwort hatte er Gottfried Feder angewollt gründlicher gewarnt, als ich es je hätte tun können, und ich sagte nur noch:
„Sie werden natürlich Ihren Weg gehen, vielleicht werden Sie im Leben noch einmal an das, was ich sagte, zurück-denken.“
Zu Feder sagte ich nach unserem Weggehen:
„Hitler hat Sie ja selbst sehr gut belehrt. Sorgen Sie, daß die Nachgiebigkeit seiner Umgebung nicht wächst, denn minde-stens im gleichen Tempo wird seine Brutalität sonst wachsen!
Da er aber ein außergewöhnlicher Willensmotor ist, sehe ich in dieser Hinsicht schwarz.“
Wenige Monate darnach sollte mir eine Einladung zu Feders nach Murnau, zu der auch Hitler mit Hanfstängl gekommen war, beweisen, bis zu welchem Ausmaße zum Beispiel Regierungsrat L. die Huldigung und Vergottung schon trieb.
Doch ließ sich Hitler da noch Kritik an seinen unsinnigen Belehrungen über die Frauenbe-wegung und anderem von mir gefallen.
Ja, ich sagte ihm auch, welches Unheil es für ihn bedeuten werde, wenn er von Schmeich-lern oder von Urteilsunfähigen vergottende Worte anhören werde. Da er aber bei dieser Gelegenheit und anderwärts des öfteren zur Antwort gab:
„Ich bin nur der Trommler, das Volk leiten muß ein Größerer, dem ich nur die Wege bereiten will. Ich selbst sehne mich darnach, nach dieser Arbeit mich auf einen stillen Landsitz, wahrscheinlich nach Berchtesgaden, zurückzuziehen,“
so glaubte man ihm das so gut, wie er es sich selbst damals wohl glaubte. Aber wie leicht, wie entsetzlich leicht wird dieser Mensch zu irgendeinem Aberglauben auch an sich selbst zu leiten sein, so sorgte ich.
Doch als ich an diesem Tage dann hörte, wie er in Murnau das Volk zum Deutschsein und zum entschlossenen Handeln im Vortrag an-feuerte, sagte ich mir schließlich: Als Tromm-ler wird er also nicht schaden, sondern vielleicht helfen können.
Daß ich trotz dieses Einblickes im Herbste dieses Jahres noch einmal eine oft wiederhol-te Bitte Feders erfüllte, Hitler durch Vorlesen einer Stelle aus meinem philosophischen Werk davon zu überzeugen, daß ein klares religiöses Erkennen die Grundlage des völ-kischen Ringens sei und auch sein müsse, das habe ich mir später nicht verziehen! Ich sagte ihm:
„Ich verspreche mir davon gar nichts, der Mann kann hier gar nicht folgen.“
Aber schon, während ich das sprach, sagte ich mir, daß ich hierdurch, da ich ja wußte, daß er dicht vor einem geplanten Umsturz der Regierung stand, doch eine hohe Ver-antwortung auf mich lud und daß hier wohl Rücksichtslosigkeit gegen mich selbst notwendig sei.
So kamen sie denn beide nach Verabredung in mein Haus. Es war tatsächlich dieses Vorlesen sehr unangenehm, und ich erhielt, als ich zehn Minuten darnach abschloß, die Antwort, die noch weit aufschlußreicher war, als ich sie erwartete:
„Ein Gott, der sich so von einem Men-schen in die Karten gucken läßt, der kann mir nicht imponieren. Ich kümmere mich nicht um religiöse Fragen, sondern ich will den Kommunismus besiegen.
Die religiöse Frage ist leicht durch ein paar moderne zugkräftige Christusfilme erledigt. Ihre Zwillinge imponieren mir mehr als ihre Bücher.“*
*Mathilde Ludendorff war Mutter einer Tochter und eines Zwillingspaares Söhne.
Entsetzt muß ich ausgesehen haben, als mir diese Antwort ausgesprochen wurde, denn meine Tochter sah es mir an.
„Ich weiß nun,“ antwortete ich ihr, „daß andere Menschen unser Volk retten müssen!“
Andere? Welche andere? fragte ich mich, schon während ich diese Worte sagte …
Ein dumpfer Druck der Sorge lag seit jenem Tage auf mir, der nicht durch den Beweis gemindert wurde, daß Hitler Zusammen-künfte mit den Patres des St. Annaklosters hatte …
Bald darauf kam es zur ersten Zusammenkunft mit Erich Ludendorff.
Während des ganzen Weltkrieges hatte ich mit Bewunderung der Feldherrnleistung Ludendorffs gegenübergestanden.
Da ich als Ärztin der Offiziersgenesungs-heime viel mit Gene-ralstabsoffizieren über die einzelnen Kriegshandlungen gesprochen hatte, so blickte ich tiefer als mancher andere Laie in die ungeheure Leistung dieses Mannes.
Und nach dem Zusammenbruch hatte ich erst recht seinem Wirken aus tiefem Herzen aus der Ferne zu danken gewußt!
Sie wollte sich ihm nicht aufdrängen. Sie sann:
Am besten blieb es nur bei diesem einen kurzen Besuch. Es verbanden mich zu wertvolle Erinnerungen an diesen Namen Ludendorff, zu tiefer Dank für unsterbliche Leistungen in und nach dem Kriege. Ich wollte sie mir nicht gefährden, wollte keinen Schatten auf sie fallen lassen.
Und wie ich nun durch die Ludwigstraße nach der Friedrichstraße ging, ließ ich alle diese Erinnerungen, die an seinen Namen gebun-den waren, wieder in mir lebendig werden. Jene Bekanntmachung der Erstürmung Lüttichs …
Der jubelnde Tag von Tannenberg, dann die Masurenschlacht, die ich in Tirol feierte, dann alle die unzähligen weitern Siege, die in wortknappen, so klaren, so gehaltvollen, den Gegner so ritterlich achtenden, so würdigen Heeresberichten von Ludendorff alle die Jahre täglich gemeldet wurden, dann die düsteren Tage der Gerüchte von Ludendorffs Nerven-zusammenbruch und der Tatsache seiner Entlassung.
Dann dachte ich daran, wie in das düstere Elend des Volkes … ein erstes Licht auf-flammte, das an diesen Namen geknüpft war.
Das war ein Brief ihrer Mutter mit einer Beilage,
die die Vernehmung Hindenburgs und Ludendorffs vor dem Untersuchungsaus-schluß in Berlin unter Leitung des Juden Gothein enthielt. Es wurde dort von ihnen verlangt, sie sollten sich vor diesem Aus-schuß gegen die Anklage verteidigen, den deutschen Zusammenbruch verursacht zu haben. (!) …
Ihr war es nicht lieb,
am anderen Tage Ludendorff persönlich gegenüberzustehen:
Menschen, die so Großes geleistet haben, sind viel zu sehr daran gewöhnt, Unterwür-figkeit oder doch völliges Erlöschen der eigenen Person bei den anderen Menschen zu erfahren. Anderes erleben sie nur bei eitlen, selbstüberheblichen, sich selbst überschät-zenden Hohlköpfen.
Wann hätten sie je Gelegenheit, Persön-lichkeiten vor sich zu haben? Diese drängen sich nicht auf, diese meiden die so vielfältig Beanspruchten, diese lieben die Einsamkeit und begeben sich nur unter Menschen, um ihnen zu helfen. Die Großen aber brauchen Dienste anderer, keine Hilfe.
In der Hoffnung, mit diesem umfangreichen Zitat etwas Licht auf damals tätig Gewordene zu werfen, habe ich mir die Mühe gemacht, den Text abzu-schreiben und bei Adelinde den Lesern vorzulegen.



Ein Blick zurück in eine Zeit von Niedergeschlagenheit, Verwirrung, Aufbruch und Klärung – gesehen mit den Augen einer nah Involvierten!