Stefan Scheil: „Polens Zwischenkrieg“ – Buchbesprechung von Gerhard Bracke
Samstag, 22. Juli 2023 von Adelinde |
Der Historiker Gerhard Bracke
beschenkt uns wieder einmal mit einem erhellenden Beitrag zur Aufklärung der Geschichte des 20. Jahrhunderts und zur Zerschlagung von Lügen mit dem Schwert wissenschaftlicher Geschichtsfor-schung. Er schreibt eine
Buchbesprechung über das Werk von
Stefan Scheil: „Polens Zwischenkrieg. Der Weg der Zweiten Republik von Versailles nach Gleiwitz“, Pour le Mérite 2022, 318 S. S/w. Abb., geb. im Großformat 25,95 €
Der Autor dieser bedeutsamen geschichtli-chen Untersuchung ist gegenwärtig wohl einer der profiliertesten Historiker, Dr. Stefan Scheil, bekannt durch eine Reihe verdienst-voller Arbeiten, in denen der multiperspek-tivische Ansatz über die Weltkriegsära den bestimmenden Grundsatz bildet.
Als hervorragender Kenner der polnischen Geschichte mit entsprechenden Sprachkennt-nissen wendet er sich gegen die Stereotype vom deutschen „Überfall“ am 1. September 1939, wie sie ohne die geringste Wahr-nehmung der komplexen Vorgeschichte des Konfliktes normativ üblich ist.
Detailliert wird herausgearbeitet, daß die polnische Großmachtpolitik wesentlich dazu beitrug, 1939 das Kriegsszenario überhaupt zu bewirken.
Im Vorwort gibt der Verfasser allerdings der Hoffnung Ausdruck,
„daß der künftige Stand der deutsch-polnischen Beziehungen dauerhaft eine gemeinsame Zusammenarbeit ermögli-chen wird. Die hier im folgenden aus-gebreiteten Erkenntnisse sollten dem nicht im Weg stehen.
Mir ist allerdings bewußt, daß polnische Regierungsstellen wie das Generalkonsu-lat der Republik Polen in Köln bereits Einfluß genommen haben, um deren Ver-breitung zu untergraben.
Besonders augenfällig wur-de dies Anfang 2020, als ich vom rheinland-pfälzi-schen Wissenschaftsmini-ster nach einer Intervention des polnischen General-konsuls Jakub Wawrzyniak aus dem Kuratorium der Landeszentrale für politi-sche Bildung in Rheinland-Pfalz abberufen wurde.
So etwas fällt nun allerdings in den Be-reich jener Unsitten, an denen die tat-sachengerechte Zeitgeschichtsforschung seit Jahrzehnten krankt und die es zu überwinden gilt.“ (S. 6 f.)
Einer tatsachengerechten Forschung verdankt eben das vorliegende Buch seine Entstehung, das mit einer Fülle von Quellenmaterial und Sekundärliteratur einen hohen wissenschaft-lichen Qualitätsanspruch erkennen läßt.
Daß heute Mut dazu gehört, diesen Anspruch zu vertreten, steht im Widerspruch zu der oft gepriesenen freiheitlichen Verfassungsord-nung, auf die sich deren eigentliche Gegner gern berufen.
Den zentralen Prinzipien der polnischen Politik lag, wie Scheil nachweist, die Einsicht zugrunde, daß das Versailler Friedenssystem die Fortsetzung von Konflikten in sich trug gemäß der Äußerung des französischen Generals Foch, der von einem „Waffenstillstand für zwanzig Jahre“ sprach.
Die Pariser Vorortverträge dienten offenkundig als Grundlage für eine langfristig angelegte Politik gegen die Verlierer des Weltkrieges, und danach richtete sich unter Josef Pilsudski eben auch das Staats-verständnis der Zweiten Polnischen Republik von Anfang an.
Zunächst wenden wir uns aber einem Aspekt zu, der im Zusammenhang mit den immer wieder in Zweifel gezogenen Vorgängen um die sog. „Dolchstoßlegende“ doch be-merkenswert erscheint. Stefan Scheil führt nämlich aus:
„Auch in Deutschland gab es Sozialisten, die auf jenen Krieg warteten, der ihnen endlich Gelegenheit zum Umsturz geben sollte. Wäh-rend Pilsudski heimlich Waffen sammelte, erklärte der deut-sche Sozialistenchef August Bebel gegenüber englischen Kontaktleu-ten den großen Krieg und die Niederlage Preußen-Deutschlands zur entscheiden-den Voraussetzung der deutschen Revo-lution.“ (S. 30)
„Polens Zwischenkrieg“ war nach Scheil letz-ten Endes
„ein Kampf um die Neugründung des polnischen Staates, um seine Grenzen und um seine Selbstbehauptung auf dem internationalen Parkett. Dieser Krieg fand zwischen 1918 und 1939 permanent statt, zum Teil als heißer Krieg, in manchen Phasen auch als kalter Krieg.“ (S. 11 f.)
Über die expansiven Ziele polnischerseits Richtung Deutschland besteht kein Zweifel, wenn man weiß, daß bereits zur Zeit der Weimarer Republik ein Angriffskrieg gegen das Deutsche Reich ernsthaft in Erwägung gezogen wurde. Doch damals, etwa während der Ruhrgebietsbesetzung 1923, zeigte Frankreich kein Interesse an einem Zwei-frontenkrieg.
Zum „heißen Krieg“ gegen die Sowjetunion indes schritt Polen 1920, als die Rote Armee inmitten des Bürgerkrieges noch nicht im-stande war, sich von Beginn an zur Wehr zu setzen.
Obwohl dann durch das „Wunder an der Weichsel“ am Vordringen bis Warschau ge-hindert, mußte Rußland im Frieden zu Riga 1921 doch die Ausdehnung Polens über die Curzon-Linie hinaus auf ukrainische und litauische Gebiete akzeptieren.
Polen eroberte Wilna und überließ Litauen das deutsche Memel, was so nach den Verträgen nicht vorgesehen war. Darüber hinaus wurden als Langziele Ostpreußen, Pommern, Schle-sien und die später verwirklichte „Oder-Neiße“-Linie angepeilt bzw. beansprucht.
Eine Chance zu Gebietserwer-bungen im Westen sah der pol-nische Außenminister Jósef Beck im Jahre 1936, als Hitler das entmilitarisierte Rheinland be-setzte. Doch auch diesmal dach-ten die Westmächte nicht daran, polnische Präventivkriegsabsich-ten zu unterstützen und die deutsche Rhein-landbesetzung als Anlaß zu Gegenmaßnah-men zu betrachten.
Erst der im Januar 1939 sich deutlich ab-zeichnende Kriegskurs des amerikanischen Präsidenten Roosevelt und der Politikergrup-pe um Winston Churchill versetzte Polen in die Lage,
sich sämtlichen Verständigungsbe-mühungen in der Danzig-Korridor-Frage zu verweigern und
großzügige Angebote abzulehnen, al-lein in der Hoffnung auf einen abseh-baren Krieg gegen Deutschland,
überzeugt von einem siegreichen „Marsch nach Berlin“ sowie
in der Gewißheit eines in Deutschland zu erwartenden Umsturzes.
Diese tragische Selbstüberschätzung darf beim Thema „Überfall“ nicht außer Betracht bleiben.
Polens Botschafter in Washing-ton, Jerzy Potocki, berichtete schon seit einem Jahr über die wachsende Kriegsentschlossen-heit der USA gegen Deutsch-land. Der antisemitische Tenor dieser Berichte war geeignet, sie für eine Erfindung der deut-schen Propaganda zu halten.
Ein ganzes Kapitel von „Polens Zwischenkrieg“ ist übrigens dem „Antisemitismus in der Zweiten Republik“ gewidmet. Nach 1945 wagte es praktisch
„kein Historiker mit Lehrstuhl an einer Universität, diese Berichte zu berücksich-tigen. Gelegentlich wurden sie immerhin erwähnt, aber dann regelmäßig im näch-sten Atemzug in Zweifel gezogen.
Es konnten offenkundig alle Seiten in-tellektuell und politisch gut damit leben, daß es eine politische Vorgeschichte des 1. September 1939 auch unter aktiver Beteiligung US-amerikanischer und pol-nischer Kräfte angeblich nicht gegeben hatte. [….]
Die internationale, große Gemeinschaft des Totschweigens historischer Fakten … ist weiterhin eine wirksame Tatsache“,
stellt Stefan Scheil fest. (S. 194 f.)
Zur Vorgeschichte gehören insbesondere De-portationen, Verfolgungen, Entrechtungen und Ermordungen von Deutschen in ganz Polen. Ein Rundschreiben aus dem War-schauer Innenministerium vom 15. Juni 1939 erinnerte z. B. daran:
„Die Auflösung des Deutschtums in Polen sei das wichtigste Ziel der polnischen Minderheitenpolitik … Daher bestehe die Notwendigkeit einer allmählichen Liqui-dierung der deutschen Wirtschaft …“ (S. 237)
Der deutsche Angriff auf Polen am 1. September 1939 erfolg-te, nachdem alle Verständi-gungsversuche schließlich mit großzügigen Angeboten, alle Vermittlungsbemühungen auch unter Einsatz von Lon-don- und Berlinflügen des schwedischen Industriellen Birger Dahlerus gescheitert waren und nachdem der polnische Bot-schafter in Berlin aus Warschau die Weisung erhalten hatte, sich auf keine Verhandlungen einzulassen.
Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges war jedoch eine Folge des britischen Garantie-versprechens für Polen auch für den Fall eines polnischen Angriffs auf Deutschland, das die Kriegserklärung Englands und Frankreichs an Deutschland am 3. September 1939 ermöglichte.
Diese Entscheidung der Westmächte brachte den Polen zwar keinen Nutzen, feuerte aber zumindest deren Siegeszuversicht an („Auf nach Berlin!“) Am selben Tag verkündete Churchill im britischen Rundfunk:
„Dies ist ein englischer Krieg, und sein Ziel ist die Vernichtung Deutschlands!“
Was nun die dogmatisch fixierte „Alleinschuld Deutschlands“ am Zweiten Weltkrieg betrifft, so reduziert sich im Grunde alles auf das verhängnisvolle Ver-sagen des „Führers“ Adolf Hitler, weder Stalins arglistiges Doppelspiel noch die inszenierte Falle der Westmächte erkannt zu haben, die nur auf den ersten Schuß lauerten.
So wurden das deutsche Volk und im Zuge der alliierten Kriegsausweitungsstrategie auch andere Völker in Tod und Verderben und Deutschland schließlich in den Unter-gang gestürzt.
Zwei Jahre zuvor (1937) hatte der Feldherr General Erich Ludendorff den „Führer“ ein-dringlich gewarnt, jemals einen Krieg zu beginnen, denn jeder Krieg würde sich zu einem Weltkrieg ausweiten.
Das Werk des Historikers Stefan Scheil enthält viele Abbildungen, vor allem aufschlußreiche Faksimiles der Karten mit polnischen Expan-sionsansprüchen sowie eine umfangreiche Zeittafel mit entsprechenden Bildnachweisen, insbesondere ein überwältigendes Quellen- und Literaturverzeichnis.
Gerade im Hinblick auf das allgemeine Mu-sterbeispiel historischer Unkenntnis, wenn es um die Ursachen des 2. Weltkrieges geht, sei die Lektüre von „Polens Zwischenkrieg“ un-bedingt empfohlen zu sachgerechter Orien-tierung und eigener Wissensvertiefung.








