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O, Brahms!

 

Das 19. Jahrhundert in Europa, namentlich in Deutschland, war geprägt von Nationalismus, Heldenverehrung, Geniekult und Frauenfeindlichkeit. Das Brahms-Denkmal in Wien ist ein Abbild davon.

Diese Art von Geniekult hatte Brahms zwar nicht zu verantworten. Aber er brachte es doch tatsächlich – ganz Kind seiner Zeit – fertig, beim Tonkünstlerfest 1887 in Köln zu verlangen, daß die Frauen ausgeschlossen würden. Clara Schumann erwähnt diese Peinlichkeit in ihrem Tagebuch:

Da wurden denn alle Damen ausgeladen, dann auf Frau Kwasts ernste Anfrage erlaubte er sie wieder, und nun wurden die Damen alle wieder eingeladen (die Frauen der Künstler), es blieben aber doch einige begreiflicherweise fort.

Wenn’s nicht so traurig wäre, man könnte sich amüsieren.

“Lieben Sie Brahms?” – Ich liebe seine Musik.

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Erich Meinecke
15 Jahre zuvor

Vielleicht hatte er sich geärgert, daß er zu einem ihm wichtigen weiblichen Kaffeekränzchen zuvor nicht eingeladen worden war, weil die Damen unter sich hatten sein wollen? – Sehr richtig, diese Sache ist sehr empörend.

(Peter Rosegger übrigens berichtet, daß Brahms einmal ohne Voranmeldung plötzlich persönlich vor seiner Haustür gestanden hatte, daß er selbst – Rosegger – aber so sehr ins Schaffen vertieft gewesen wäre, daß er die Visitenkarte gar nicht richtig wahrgenommen hätte und sich hätte verleugnen lassen. Er sollte von Brahms nie wieder etwas hören. – Und seine Töchter sollten ihm ein Leben lang vorhalten, daß er einen der größten Tonkünstler seiner Zeit von seiner Türe fortgewiesen hätte.
Aber den Stuhl, auf dem er gesessen hatte, und auf Antwort gewartet hatte, den hielt die Familie Rosegger in Ehren.)

Viel trauriger aber finde ich noch, daß heutige Tonkünstler-Feste oft weder auf Männlein noch auf Weiblein besondere Anziehungskräfte mehr ausüben, so daß niemand wohl überhaupt nur gekränkt wäre, nicht kommen zu dürfen. Gibt es die überhaupt noch in irgendeinem, dem damaligen Fest vergleichbaren Sinne?

Aber sehr richtig: Es ist empörend, was die Geschichte alles hervorgebracht hat. Und wir müssen Ihnen dankbar sein, daß Sie den Finger auf die Wunde legen. Der Geist ist fruchtbar noch!

Erich Meinecke
15 Jahre zuvor

Nein, das heißt wohl so:

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!

Wiesemann, Michael
Wiesemann, Michael
15 Jahre zuvor

Tja, wenn man das heute so bedenkt – dieser Brahms, ein großer Künstler – aber doch nur ein kleines Menschlein mit groben Fehlern? Und Künstlern sagt man ja nach, sie hätten noch mehr davon als allgemein zuträglich. Künstler sind eben sehr oft Egomanen der künstlerischen Freiheit, das müssen wir eben vom Ergebnis her konzedieren und können es nicht verallgemeinernd auf die Gesellschaft übertragen. Entschuldigen soll dies nichts, es macht uns aber gelassener, oder?
Auch die englische High-Society mit ihren abgekapselten Herrenclubs, die preußischen Offizierskasinos, die geheimnisumwitterteren Freimaurerlogen, die Skatclubs, Krieger- und Schützenvereine bis ins 20. Jahrhundert hinein – alles männliche Domänen! Schadete deren Existenz den Frauen?
Wie sehr stehen sie im krassen Kontrast – und lassen sich deswegen auch nicht vergleichen – zu den damaligen großen Salons berühmter Frauen (s. z.B. Bettina von Arnim, Rahel Varnhagen oder Frau von Stein), denen geistreiche und großartige (von ars = Kunst) Männer stets willkommen waren und in denen auch erste Frauenrechtsbestrebungen erörtert wurden (Varnhagen). Auch das schadete niemanden bis auf einige erzkonservative Politiker.
In den rein männlichen Vereinigungen ging es meist (Ausnahme: Wissenschafts – und Kunstvereine) ums männliche Ego, ebenso in den weiblichen Zirkeln aller Art – vielliecht als Trotzreaktion. Diese allgemeine Tatsache der geschlechtsabhängigen Versammlungen hat seinen guten Grund in dem absolut verständlichen – jetzt aber geschlechtsunabhängigen – Bedürfnis nach Ausbruch aus dem Alltag, aus der Ehe (gilt nicht für Brahms) oder aus sonstiger Fron.
Bei dem m. W. unverheirateten Brahms gab es dieses Bedürfnis nach Ausbruch folglich nicht und es waren aller Wahrscheinlichkeit nach gewachsene Konventionen, denen er sich wenig sensibel nicht unterordnen mochte. Bei Brahms können wir überhaupt nicht von hierarschischer und geistiger Enge ausgehen. Ihn mag als Künstler etwas ganz anderes bewegt haben zu seiner negativen Entscheidung, wir wissen nur nicht, was das war. Wir können es uns aber leichter vorstellen, wenn wir das Ganze unter dem Gesichtspunkt der Funktionalität einer jeweiligen Einrichtung betrachten. Es mag dabei wohl bei ihm das Dilemma mitgespielt haben, dass Frauen einerseits – siehe auch deren kirchliche Stellung zum Thema Priesterschaft und Zölibat bis heute – in der Ansicht der maßgeblichen Hierarchen und Zeitgenossen störend im Sinne von hemmend wirken könnten, wenn es um spezifische, fachliche, hier: künstlerische Ziele und Diskussionen ging. Andererseits wurde im Manne der damaligen Zeit stets der Kavalier erwartet, der der Begleiterin aufmerksame Zuwendung schuldete. Ein Gebot der Höflichkeit (und vielleicht nicht zuletzt durch ein Suffragettentum im Übermaß beseitigt). Brahms mag es beim besagten Künstlerfest vielleicht durchaus gezielt auf eine Befreiung als Künstler von gesellschaftlichen Konventionen angekommen sein. Wir kennen das ja auch schon von Beethoven. Brahms schuf sich mit seiner rüden Ausladung der Frauen Freiraum dafür, unter Künstlern künstlerische Fachfragen und Ideen frei von anderen Rücksichtsnahmen zu erörtern, was unter Berücksichtigung der Höflichkeit nicht denkbar ist.
Im Bericht ist von einem “Fest” die Rede. Muß man dabei unbedingt von einem Ballabend ausgehen, wo Frauen nun wahrlich unentbehrlich sind? Kann es nicht nur ein gemeinsames Beisammensein Gleichgesinnter zu einem Festessen oder -vortrag gewesen sein. Die genaue Antwort auf diese Frage mag uns da weiterhelfen in der Beurteilung des Brahms’schen (Fehl-)Verhaltens.
Ganz offensichtlich aber hat das als negativ empfundene Verhalten Brahms’, wovon seine Freundin Clara Schumann berichtet, der Freundschaft zwischen beiden nicht geschadet. Eine sehr gelassene, wunderbare Frau! Leider trat sie freiwillig hinter ihrem Manne zurück, obgleich hochbegabte Musikerin und Komponistin. Sie hatte aus ihrer Haltung und ihrem Stand heraus keinen Anlaß, die Frauenfrage in den Raum zu stellen. Das betraf damals vorwiegend mehr untere Schichten, nur hatten deren Männer kein besseres Los gezogen. Das wird heute leider sehr “schwarzerisch” gemalt anders gesehen.

Mein Vorschlag: Statt in der Frauenfrage Brahms negativ zu belichten, dem unter seinem Denkmal eine Muse als Zeichen für die Zuneigung zur Kunst gelegt wurde, sollte man sich mit den Briefen der Rahel Varnhagen in der Frauenfrage beschäftigen.

Michael Wiesemann

Wiesemann, Michael
Wiesemann, Michael
15 Jahre zuvor

Welch’ Mann von einigem Format wird etwas gegen geistreiche oder gebildete Frauen haben? Um möglichst viel mehr davon zu bekommen, als dies leider noch Realität ist – übrigens darf man das bei den meisten Männern nicht minder wünschen – wird die Vernunft siegen müssen und die Chancengleichheit dort, wo Gleichheit denkbar ist, auch stark unterstützt werden müssen. Also: das Grundproblem ist dank der Frauenbewegung als Fakt erkannt und
kann therapiert werden. Allerdings müssen wir hier aufpassen, wer da als “helfend” unterwegs ist. Nicht jede(r) weiß die Emanzipation (lat. Befreiung) zur sozialen Unabhängigkeit vom Aufstand gegen alles Männliche einerseits und gegen alles Weibliche andererseits fein zu trennen. Auf beiden Seiten der Barrikade kämpfen auch Verbohrte. Kurz, auch hier gilt: “Alles mit Bedacht” (Lichtenberg) und Maß.
Die Emanzipationsbewegung ist zunächst einmal vorwiegend geschichtliche Reaktion auf Verhältnisse, in die beide Geschlechter hineingeboren wurden. Im Mittelalter galt das christliche Leitbild, die Frau als Partnerin im positiven Sinne (als Eva beigegeben) aufzufassen und zu ehren, bei Zweifelsfragen in der Erziehung, Lebensführung, gesellschaftlichen Einordnung und in Notlagen aber – christlich: gottgewollt, vorchristlich: schon unter den Germanen stammesgeschichtlich als “munt” (Gerichtsherr) gewachsen – galt die prinzipielle Unterordnung unter den Manneswillen, solange dieser auch die Verantwortung nach außen zu tragen hatte. Damit spiegelt sich die Sippenhoheit des germ. Stammesfürsten bis ins einzelne Familienmilieu wider.
Zwar gab es schon im Altertum Frauenbewegungen – es wäre ja auch ein Wunder, wäre das nicht der Fall gewesen. Jedoch erst mit der Aufklärung und verschärfend durch die Industriealisierung im 18., 19. und 20. Jahrhundert wurde neben der sozialen HAUPTFRAGE bzgl. der verelenden Arbeiter die ebenso bedeutsame NEBENFRAGE der noch elender betroffenen Frauen virulent. (Jene waren noch schwerer unterdrückt, hatten sie nicht einmal die Chance zu würdevoller Arbeit und Aufstieg aus eigener Kraft. Wenn es menschliche Entfremdung gröbsten Ausmaßes (außerhalb der Sklaverei) je zu beschreiben gab, dann mußte man sich nur die Lage der Durchschnittsfrau zur Zeit eines Karl Marx anschauen).
Die Reaktion auf diese Verhältnisse im 18. und 19. Jhd., nämlich der bürgerlich-soziale Befreiungsprozess, zielte verständlicherweise in erster Linie auf die allgemeine Verbesserung der Klassenlage ab, davon abgespalten und parallel entwickelte sich die Frauenbewegung, die sich die weibliche Chancengleichheit bis heute völlig zu Recht auf die Fahnen schrieb. Gleiche Chancen für Mann und Frau und nicht gegen den eigenen Mann oder die Allgemeinheit der Männer. Man dürfte in diesen Tagen auch gern ergänzen: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Es gibt also noch viel zu tun, wenn denn die Zeit dazu noch ausreichte. Meine Bedenken dazu: s. Schlußbemerkung.
Wie im Leben immer zu beobachten ist, gab es bei diesen Bestrebungen auch Irrwege, Übertreibungen bis hin zum innergesellschaftlich-friedensstörenden Geschlechterkampf. Der Weg über die antiautoritäre Erziehung der Jugend ohne jegliches Korrektiv ist m. E. ein Bespiel für diese Abweichung vom konsensfähigen Ziel: Das Leitbild ist immer noch und gerade wieder auf die Erziehung zur kritischen Mündigkeit hin gerichtet. Und diese Mündigkeit, so sie denn je erreicht werden kann im Zeitalter des homo consumtivus, könnte dazu führen, sich besserer Methoden der Arbeitsteilung in der Familie und in der Gesellschaft zu besinnen. Das Ziel ist klar, der Weg indess ganz und gar offen. Grund: Breite Schichten werden im Turbokapitalismus kaum noch Gelegenheit finden, eine freiwillige Aufteilung der Verpflichtungen vorzunehmen. Globaler Zwang in die Abhängigkeit wird sie daran hindern, wirklich frei zu werden. Weltweite Konzernoligarchien sind kein Freunde der demokratischen Freiheit oder irgendeiner parlamentarischen Kontrolle. Da wäre es schon gut, dass die Geschlechter mehr zusammenhielten und dies erkennten. Grundsätzlich ist der Feind der Frau nicht der Mann als solcher, sondern entweder die kleine Schar von Männern, die gegen demokratische Freiheiten sind oder diejenigen Frauen, die entweder aus emotionaler, narzistischer oder psychopathologischer Sicht das “Männliche” schlechthin und vorurteilbehaftet bekämpfen und die guten Seiten der Geschlechter PARTNERSCHAFT (Gegenteil: Singletum) mit dem Bade auskippen. Mit dieser sehr provokanten Sicht liege ich leider – ganz gegen meine inneren Bedürfnisse – nicht im Abseits, denn das Überhandnehmen der Eheunfähigkeiten und Scheidungen, der zerstörten Familien und der anhaltenden Verflachung der Bildung durch mediale Ablenkung bezeugt dies. Ein Quell der Emanzipation wird so gerade nicht aufgetan.

Wiesemann, Michael
Wiesemann, Michael
15 Jahre zuvor

Na, na, liebe Adelinde, ich habe da immer meine Zweifel, wenn es um Machtfragen geht. Ich habe mir mal auf der Insel Karpathos, dort in der Ortschaft Olymbus, ein Matriarchat von heute angeschaut. Nur männliche Kinder und alte Opas lebten da, die Männer waren gezwungenermaßen im Ausland und in der Familie völlig mittellos. Das waren auch alle anderen Familienangehörigen außer der Erstgeborenen (Karakaná), auch dann, wenn diese noch ein Kind war. Nein, bitte das nicht, sondern demokratische Verantwortung des jeweils Besseren, Reiferen, Erfahreneren auf freiwiliger Basis. Bei mir steht Partnnerschaft obenan, und der Bessere usw. soll’s vereinbarungsgemäß richten. Mal ist das die Frau, die auch nur Mensch ist, mal ist es der Mann, der ebenso seine Schwächen haben kann. Der Glauben an die Verbesserung der Welt durch Frauen ist mir durch die eigene Erfahrung von Kind an schnell abgewöhnt worden. Heute herrschen meine Erfahrungen vor, und die sind keineswegs alternativlos, aber immer mit demokratischer Kontrolle geschlechtsneutral verbunden. Dann regelt es sich von selbst unvoreingenommen, wer bestimmt.
Auf die Fragen an Frauen, ob sie lieber mit Männern als mit Frauen zusammenarbeiteten, erhielt ich überwiegend die Antwort, es sei leichter mit den Männern. Ich glaube, das ist empirische Wahrheit. Es gibt keinen Grund menschliche Wesen zu vergöttern oder aus dem Unterschied der Geschlechter eine Ideologie werden zu lassen.
Ich hoffe sehr, liebe Adelinde, dass Du Dich in diese Sicht hineinfühlen kannst, zumal ich Dir meine familiären Erfahrungen über zwei Generationen “Weiberherrschaft”(pardon) längst gebeichtet hatte.

Beate
13 Jahre zuvor

Welch wahres Wort, liebe Adelinde!

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