Hitlers Europa, 3. Teil: Von Roosevelt zu Truman
Donnerstag, 16. Juli 2026 von Adelinde
Hier wieder aufschlußreiche Textauszüge aus Walter Post, Hitlers Europa.
Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft 1940-1945
Hitlers Europa – Amerikanische Europapolitik 1944/45
Von Roosevelt zu Truman
Der amerikanische Präsident Roosevelt hatte bei seinem Treffen mit Churchill in Casablanca im Januar 1943 die Forderung nach bedingungsloser Kapitula-tion der Achsenmächte zum offiziellen Kriegsziel der Alliierten erhoben.
Im Frühjahr 1944 versuchte die deutsche Wehr-machtsopposition über die amerikanische Geheim-dienstzentrale in der Schweiz Verhandlungen über einen Sturz des NS-Regimes und einen Separat-frieden mit den Westmächten einzuleiten, wobei gleichzeitig die deutsche Ostfront gehalten und die Sow
jetunion aus Ost- und Mitteleuropa herausgehalten werden sollte.
General Dwight D. Eisenhower, Oberbefehlshaber der angloamerikanischen Invasionstruppen, war an die-sem Angebot hochgradig interessiert, aber Roosevelt lehnte alle Verhandlungen strikt ab.
Damit vergab der Präsident die Chance, den Krieg bereits im Sommer 1944 zu amerikanischen Bedin-gungen zu beenden. Roosevelt setzte voll und ganz auf eine langfristige Zusammenarbeit mit der Sow-jetunion. Nach großzügiger Befriedigung aller Sicherheitsbedürfnisse Moskaus in Europa und im Fernen Osten würde Stalin, so hoffte Roosevelt, der amerikanischen Wirtschaft den sowjetischen Markt öffnen.
Im 19. Jahrhundert war in Nordamerika die Erobe-rung des „Wilden Westens“ mit der Erschließung des Ackerlandes, der Rohstoffquellen und der Absatz-märkte eines ganzen Kontinents einhergegangen, was der amerikanischen Wirtschaft ein schier grenzenloses Konjunkturprogramm beschert hatte.
Um die Jahrhundertwende war die Eroberung des Westens abgeschlossen, und die amerikanische Wirtschaft geriet in eine Rezession, die erst durch die riesigen Waffen- und Materialbestellungen Englands und Frankreichs im Weltkrieg 1914/18 überwunden wurde.
Die Weltwirtschaftskrise von 1929 nährte bei vielen führenden Politikern und Wirtschaftsleuten die Vor-stellung, daß diese Krise auf Dauer nur überwunden werden könne, wenn die USA erneut die Möglichkeit gewönnen, unterentwickelte Riesengebiete, diesmal jenseits der amerikanischen Grenzen, zu erschlie-ßen.
Die Sowjetunion erschien aufgrund ihrer Größe und der seit 1929 von Stalin forcierten Industrialisierung als idealer Partner für die amerikanische Wirtschaft. Die Erschließung Sibiriens weckte bei Roosevelt und vielen Wirtschaftsleuten die Vorstellung, die Erobe-rung des „Westens“ wiederholen zu können.
Der Präsident und seine Anhänger glaubten, die Durchdringung des sowjetischen Marktes durch die amerikanische Wirtschaft würde es ermöglichen, die Weltwirtschaftskrise endgültig und dauerhaft
zu überwinden.
In Fortsetzung der Ideen, die Präsident Woodrow Wilson während des Ersten Weltkrieges entwickelt hatte, strebte Roosevelt die Errichtung einer neuen Weltordnung an.
In enger Zusammenarbeit mit dem Britischen Weltreich, der Sowjetunion und China wollte Roosevelt ein neuartiges System kollektiver Sicherheit errichten, das Weltfrieden und globalen Freihandel nach amerikanischen Vorstellungen garantieren sollte.
Diese neue Weltordnung sollte in den „Vereinten Nationen“, einer Nachfolgeorganisation des ge-scheiterten Völkerbundes, einen organisatorischen Rahmen finden. Die überlegene amerikanische Wirtschaftsmacht würde über kurz oder lang eine beherrschende Rolle der Vereinigten Staaten in der internationalen Politik mit sich bringen.
Die umfangreichen amerikanischen Rüstungslie-ferungen an die Sowjetunion seit 1941 wurden bereits als Vorläufer für riesige russische Einkäufe in den USA in der Nachkriegszeit angesehen.
Ein angloamerikanischer Separatfrieden mit Deutschland und ein Heraushalten der Sowjetunion aus Mittel- und Osteuropa hätte eine Realisierung dieser Konzeption unmöglich gemacht.
Mit der politischen Zerstückelung Deutschlands und der Zerstörung großer Teile seiner Industrie hoffte Roosevelt, den sowjetischen Vorstellungen für eine europäische Nachkriegsordnung entgegenzu-kommen.
Aufgrund dieser Überlegungen und aufgrund seiner antideutschen Einstellung war der Präsident gegen-über den Plänen seines Finanzministers Henry Morgenthau, der Deutschland in ein politisch zersplittertes Agrarland verwandeln wollte, höchst aufgeschlossen.
Roosevelt wollte nicht wahrhaben, daß eine Durch-dringung der Sowjetunion durch amerikanische Industrieunternehmen und Banken unvermeidlich das Herrschaftsmonopol der Kommunistischen Partei in Frage gestellt hätte und deshalb für Stalin absolut inakzeptabel war.
Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 setzte der mittlerweile schwerkranke Roosevelt noch mal alles daran, die Hindernisse für eine Verwirklichung seiner großen Konzeption aus dem Weg zu
räumen.
Die Frage, wie Deutschland nach Kriegsende be-handelt werden sollte, war bis dahin ebensowenig geklärt, wie die, wo die zukünftigen Grenzen Polens verlaufen sollten.
Außerdem war es notwendig, die angloamerika-nische und die sowjetische Politik im Fernen Osten aufeinander abzustimmen.
Das Abkommen von Jalta wurde schließlich so formuliert, daß einerseits amerikanische Prinzipien wie Demokratie und freie Wahlen formell hochge-halten, andererseits aber von amerikanischer Seite eine sowjetische Vorherrschaft über Ost-Mitteleuro-pa akzeptiert wurde.
Die Begriffe „Demokratie“ und „freie Wahlen“ wurden nicht näher definiert und konnten daher auch im marxistisch-leninistischen Sinne von „Volksdemo-kratie“ ausgelegt werden, die nichts anderes als die Diktatur der kommunistischen Partei bedeutete.
Dank seiner charismatischen Persönlichkeit hatte Roosevelt die amerikanische Außenpolitik trotz seiner schweren Krankheit weitgehend nach seinen Wünschen gestalten können. Dies täuscht jedoch darüber hinweg, daß der Präsident und seine eng-sten Anhänger, die für eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion eintraten, tatsächlich nur eine Minder-heit im amerikanischen Regierungsapparat darstellten.
… Wenige Wochen nach der Konferenz von Jalta, am 12. April 1945, verstarb Roosevelt an den Folgen eines Schlaganfalls, neuer Präsident der Vereinigten Staaten wurde Harry Truman.
Damit wurde die folgenreichste Kehrtwende in der amerikanischen Politik des 20. Jahrhunderts einge-läutet.
S. 413-416
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Ein neuer Kurs gegenüber der Sowjetunion
Acht Tage nach Roosevelts Tod, am 20. April, emp-fing Truman den amerikanischen Botschafter in Moskau, Averell W. Harriman.
Harriman sah die Vereinigten Staaten mit einer „barbarischen Invasion Europas“ konfrontiert und hielt die sowjetische Herrschaft im Osten des alten Kontinents schlicht für unerträglich.
Das sowjetische System mit seiner Geheimpolizei und der Unterdrückung jeder freien Meinungsäu-ßerung stand in völligem Gegensatz zu allen politischen Prinzipien, für die die Vereinigten Staaten eintraten.
Die Moskauer Führung würde dieses System in allen von ihr kontrollierten Staaten installieren, und an-gesichts dieser „unerfreulichen Tatsachen“ hielt Harriman es für notwendig zu entscheiden, welche Haltung die USA künftig einnehmen sollten.
Der Botschafter hielt es für eine Illusion zu glauben, die Sowjetführung würde in internationalen Fragen in Übereinstimmung mit den Prinzipien der westlichen Welt handeln.
S. 416-417
Die neue amerikanische Führung drohte an einen toten Punkt zu gelangen, was dem 78-jährigen Kriegsminister Henry L. Stimson die Gelegenheit gab, seine politischen Vorstellungen einzubringen.
Stimson, ein führender amerikanischer Konservativer und der einzige Republikaner in Roosevelts demo-kratischem Kabinett, hatte bereits 1911-1913 als Kriegsminister unter Präsident William Howard Taft und 1929-1933 als Außenminister unter Präsident Herbert Hoover gedient.
… Stimson war der Überzeugung, daß ein Zusam-menbruch der europäischen Wirtschaft unver-meidlich zu Chaos, Revolution und Krieg führen würde.
„All das sind ernste Probleme, die Koordination zwischen den anglo-amerikanischen Alliierten und Rußland erfordert“,
vertraute er seinem Tagebuch an:
„Rußland wird die meisten der guten Landwirt-schaftsgebiete Mitteleuropas besetzen … Wir müssen einen Weg finden, um Rußland zum Mitmachen zu überreden.“
Die Sicherheit der Vereinigten Staaten war nach Stimsons Auffassung von stabilen Verhältnissen in Europa abhängig. Stimson befürchtete, daß Krankheiten und Hungersnöte in Mitteleuropa
„politische Revolution und kommunistische Infiltration zur Folge haben könnten“.
Er hielt es für „lebenswichtig“, Westeuropa davor zu bewahren, daß es
„durch Mangel zur Revolution oder zum Kommunismus getrieben wird“,
und er folgerte, daß
„ein wirtschaftlich gefestigtes Europa … eine der stärksten Garantieen für Sicherheit und andau-ernden Frieden ist, die wir (die Vereinigten Staaten) zu erreichen hoffen können.“
Bereits im Oktober 1943 hatte Stimson die Notwen-digkeit des wirtschaftlichen Wiederaufbaus und der Wiederbelebung des freien Handelsaustauschs betont:
„Mitteleuropa muß nach dem Krieg zu essen haben. Es muß von Zöllen befreit sein, um sich ernähren zu können.“
Führende Politiker, die das nicht einsahen, hatten
„offenbar keine Ahnung von der zugrunde lie-genden Notwendigkeit ordentlicher wirtschaft-licher Regelungen für einen dauerhaften Frieden.“
Stimson hatte sich deshalb energisch gegen den Plan Morgenthaus ausgesprochen, der darauf abzielte, große Teile der deutschen Industrie zu zerstören. Stimson fürchtete die Folgen der Ausschaltung eines so wichtigen Faktors in der europäischen Wirtschaft.
Morgenthaus Ratschläge anzunehmen, so argumen-tierte er, würde eine
„Vergiftung der Quellen“ mit sich bringen, „aus denen wir hoffen, den künftigen Weltfrieden zu erhalten“.
Er machte ausdrücklich darauf aufmerksam, daß Methoden
„wirtschaftlicher Unterdrückung … Kriege nicht verhindern; sie tragen zur Erzeugung von Kriegen bei“.
Statt einen solchen Plan zu befolgen, wäre es klug, Deutschlands Industrie unter sorgsamer Kontrolle wiederaufzubauen.
„Wir sollten die (deutsche) Leistungsfähigkeit für die Hilfe bei der Wiederherstellung stabiler Ver-hältnisse in Europa und der Welt nicht ausschalten.“
S. 418-420
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Auf dem Weg zum Kalten Krieg
Die Hoffnungen Roosevelts und der „New Dealers“ auf eine langfristige Zusammenarbeit mit der Sow-jetunion und auf die Öffnung des russischen Marktes erwiesen sich als ebenso illusionär wie die Erwartung einer neuen Weltordnung unter amerikanischer Füh-rung, deren Rahmen die 1942 gegründeten Verein-ten Nationen bilden sollten.
Der Politik von Truman und Byrnes, die Sowjetunion durch Einsatz der Atombombe als psychologisches Druckmittel aus Mittel- und Osteuropa wieder hin-auszudrängen, und damit Roosevelts Zugeständnisse von Jalta rückgängig zu machen, blieb ohne Erfolg.
Der Versuch, den Krieg gegen Japan zu beenden, bevor die Rote Armee in Nordchina einmarschierte und dort die Grundlagen für ein kommunistisches China errichtete, scheiterte, und die amerikanische Chinapolitik endete 1949 in einem Desaster.
Dagegen war der Politik Trumans gegenüber West-europa und dem westlichen Teil Deutschlands ein voller Erfolg beschieden. Nachdem Außenminiuster Byrnes am 6. September 1946 in Stuttgart die neue amerikanische Deutschlandpolitik öffentlich verkün-det hatte, und nachdem dieser Ankündigung durch Währungsreform, Marschall-Plan, Berliner Luftbrücke und Gründung der Bundesrepublik handfeste Taten gefolgt waren, ging die überwältigende Mehrheit der Deutschen mit fliegenden Fahnen in das Lager Amerikas über.
Die amerikanischen Entscheidungen zum Wiederauf-bau der deutschen und der europäischen Wirtschaft und das Beharren der Sowjetunion auf ihren 1945 errungenen Besitzstand führten jedoch folgerich-tig zur Spaltung Deutschlands und Europas in eine östliche und eine westlicher Hälfte.
S. 433/434
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Textauszüge aus:
Walter Post, Hitlers Europa. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft 1940-1945
Druffel & Vowinckel 2011, 496 S., ISBN 978-3-8061-1213-9
Komisch, vor 100 Jahren war da schon von einem neuen europäischen Gedanken die Rede. Waren Adenauer, De Gaulle, Schumacher, Hallstein, u.a., infiziert? Ja, das „Kerneuropa“ muß sich finden! Die überseeische Dominanz reicht längst. Der uns von interessierten Kreisen medial und politisch „raufgeplauderte“ Feind ist uns als Nachbar wohlgesonnen. Intelligenz und Ressourcen dürfen nicht zusammenkommen, so der Wunsch einer auserwählten Gruppe.
Gruß
Manfred Ritter