Gegen das Vergessen, 3. Teil: Ostpreußen 1945

„Nimm das Recht weg –
was ist dann ein Staat noch anderes
als eine große Räuberbande?“ Augustinus

 

Unterzeichnung der “Bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht” am 8./9. Mai 1945 in Flensburg (Bild: Wikipedia)

Seit der „Bedingungslosen Kapitulation“ der deut-schen Wehrmacht 1945 ist Deutschland wehrlos der Willkür seiner Feinde ausgesetzt: unser Land, geteilt in Besatzungszonen, die sich ab 1948 als BRD und DDR den Anschein von Rechtstaaten gaben, aber keine waren, weil sich die Deutschen nicht selbst Verfassungen gegeben hatten.

Die Deutschen Ostgebiete standen unter russischer bzw. polnischer „Verwaltung“. Hier gab es für die verbliebenen Deutschen überhaupt kein Recht.

Nach der Teilwiedervereinigung verlor selbst das „Grundgesetz“ seine Bedeutung.

Rechtlos waren die deutschen Zivilisten im Bomben-hagel der Alliierten (s. Adelinde), rechtlos besonders in den fremdbestimmten Deutschen Ostgebieten.

 

Wer das Ostpreußische Tagebuch von Hans Graf von Lehndorff liest, taucht ein in die Rechtlosigkeit der besiegten Deutschen in der eigenen Heimat 1945, die – zerstört – für die Deutschen dort als Heimat nur noch in der Erinnerung lebte. Viele waren vor der Grausamkeit der Fremdmacht geflohen, unterwegs verdorben, gestorben.

Der Arzt Lehndorff hielt aus, um die Verwundeten so gut wie noch möglich zu versorgen. An seiner Seite prächtige, seelisch starke Frauen als Krankenschwe-stern und Ärztinnen. Als das Chaos, die Hungersnot, das Frieren in sowjetischen Lagern die letzten Kräfte aus dem Leib zogen, entschloß sich der völlig geschwächte nicht mehr helfen könnende Arzt zur Flucht:

Gegen zehn Uhr sind wir endlich startbereit. Viel zu dick angezogen mit Sachen, die von Toten geerbt sind, und reichlich bepackt ziehen wir los. Erika muß sich beim Gehen mit einer Hand an der Ruinenwand stützen, eine völlig groteske Flucht.

Aus den Fenstern sieht man uns kopf-schüttelnd nach. Kein Zweifel, wie es enden wird. Irgendwo am Straßenrand wird Erika liegenbleiben. Wir kennen das, überall liegen sie so.

Es bleibt nur zu hoffen, daß es noch in-nerhalb des Stadtbereichs geschehen möchte. Dann besteht wenigstens noch Aussicht, daß jemand ihr zurückhilft. Täglich fährt ein kleiner Panjewagen diesen Weg und bringt Patienten aus Schönfließ zum Krankenhaus.

Im Schneckentempo bewegen wir uns durch die mottenzerfressene Stadt. Wenig Russen nur kreuzen unseren Weg, keiner nimmt Notiz von uns. Der strömende Regen ist wieder einmal unser Bundesgenosse.

Die erste größere Klippe ist der Übergang über den Pregel. Mitten auf der Holzbrücke steht ein mongolischer Posten. Wir haben ihn schon beinah passiert, als er uns anruft und unsere Ausweise verlangt.

Wir zeigen ihm einen Zettel, auf dem in rus-sischer Sprache unsere Entlassung aus dem Krankenhaus vermerkt ist, und geben einen der Vororte als Ziel an. Das genügt ihm, und gleich darauf können wir in dem einheitlichen Häusergerippe des linken Pregelufers unter-tauchen.

Auch hier scheinen am Ende von langen Gängen, die sich in den Trümmern wie hinter Kulissen verlieren, noch Menschen zu woh-nen.

Am nächsten Anberg kann Erika nicht weiter. Sie bleibt auf einem Treppenvorsprung sitzen und ringt nach Luft. Nur einen Augenblick soll ich mich gedulden, gleich wird es wieder weitergehn.

Vor uns hält ein Lastwagen, von zwei müden Pferden gezogen. Drei alte Männer laden Teile von Schlitten und Wagen auf, die seit der Flucht am Straßenrand liegen. Sie nehmen Erika mit.

Alle paar Schritt wird angehalten, und ich helfe beim Aufladen des Gerümpels, so gut ich kann. Dabei schwinden meine spärlichen Kräfte, und die Aussicht, noch am gleichen Tage aus der Stadt herauszukommen, wird immer geringer. Wir haben nur den einen Vorteil, daß wir niemandem auffallen.

In der Gegend des Friedländer Tors ist eine Straße belebter. Dort stehen noch ein paar leidlich erhaltene Häuser. Russische Truppen sind gerade dabei, die Menschen heraus-zusetzen, die sich hier provisorisch einge-nistet haben.  So geht es ihnen nun schon ein halbes Jahr lang, immer von neuem.

Was sie tragen können, dürfen sie mit-nehmen. Der Rest bleibt für die Soldaten zurück, die hier einziehen wollen. Den tödlich erstarrten Gesichtern ist keine Regung mehr anzusehen.

Und wer es nicht miterlebt hat, wie die Menschen allmählich so weit herunterge-bracht worden sind, dem muß es wohl ganz in der Ordnung erscheinen, sie wie Vieh zu behandeln.

Nun stehen sie auf der Straße, Frauen un-bestimmbaren Alters, mit Säcken bekleidet, Beine und Füße unförmig geschwollen und mit Lumpen umwickelt. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als irgendwo in die Lauben der Schrebergärten zu ziehn, jetzt zum Winter.

Die Russen sehen schon gar nicht mehr hin. Vielleicht halten sie sich hier nur vorü-bergehend auf. Auch für sie gibt es wohl nirgends mehr Frieden.

An der Ausfahrt nach Löwenhagen biegt un-ser Wagen nach links ab. Er scheint zu einem Hof zu gehören, auf dem die Russen Leute zur Landarbeit zusammengezogen haben.

Wir steigen ab und gehen zu Fuß weiter. Es liegt in meiner Absicht, möglichst schnell den Teil Ostpreußens zu erreichen, der, wie wir gehört haben, den Polen überlassen worden ist. Dort glaube ich, leichter untertauchen zu können.

Gleich hinter Preußisch Eylau soll das polnische Gebiet anfangen. Genau weiß es niemand. Jedenfalls scheint es mir ratsam, zunächst in südlicher Richtung vorzustoßen. In Eylau muß man sich vorsehen, nicht in das Auffanglager zu geraten, von dem wir gehört haben. Soweit es sich vorher übersehen läßt, ist dort der gefährlichste Punkt.

Mitten im Vorort Schönfließ ist es mit Erikas Kräften endgültig vorbei. Sie sinkt auf einen Steinhaufen und kommt nicht wieder hoch. Mit Zentnerlast hängt sich noch einmal alles Elend an mich wie ein nasser Sack. Ist das nicht schlimmer als Mord, was ich hier tue?

Schon bin ich nahe daran, wieder umzu-kehren und alles Weitere über mich ergehen zu lassen. Ein Russe kommt auf uns zu. Ich denke, er wird mich festnehmen. Aber dann fragt er nur nach dem Weg und geht weiter.

Eine Weile stehe ich noch und warte, gänzlich bereit, der Übermüdung des Herzens nach-zugeben. Aber dann hat sich Erika wieder gefaßt, und was sie sagt, klingt wie ein Befehl:

„Sie müssen jetzt gehn, Herr Doktor. Ich wollte Sie nur aus der Stadt hinausbringen. Grüßen Sie die Menschen und sagen Sie ihnen, sie sollen sich besinnen, damit es ih-nen nicht auch so geht wie uns.“

Während sie noch spricht, merke ich plötz-lich, daß mir seit Tagen ein altes, herrliches Lied in den Gliedern herumspukt. „Und setzet ihr nicht das Leben ein -“. Vor kurzem habe ich es durch Zufall ganz neu entdeckt.

Was soll ich denn noch sagen oder beteuern? Worauf warte ich noch? Steht nicht schon ein Engel zwischen mir und Erika? Und langsam beginne ich zu gehen, zögernd, dann immer fester und schneller. Einmal noch sehe ich zurück – da sitzt sie aufrecht und winkt mir nach.

Es sieht aus wie Triumph.