Die jüdische Einwanderung und Landnahme in Palästina (Alija) – Teil 5
Mittwoch, 1. Juli 2026 von Adelinde
Thomas Engelhardt
schaut genau hin auf
die jüdische Einwanderung und Landnahme in Palästina (Alija)[1]
Während des 19. Jahrhunderts erfolgte die Einwanderung Tausender Juden aus orien-talischen Ländern wie der Türkei, Nordafrika, Irak, Persien, Buchara, Assyrien, Afghanistan, dem Kaukasus und dem Jemen, welche die Ankunft des Messias für das jüdische Jahr 5600 (= 1840) erwarteten.
1840 waren Juden bereits die größte Be-völkerungsgruppe in Jerusalem. Die Erobe-rung von Syrien durch Muhammad Ali Pascha brachte für die jüdische Bevölkerung Palä-stinas Erleichterungen, wie z. B. die Erlaub-nis, die bei einem Erdbeben 1837 zerstörten Gebäude in Safed und Tiberias wieder aufzu-bauen. Im Jahr1860 lebten etwa 12.000 Juden in Palästina.
Die erste Alija währte von 1882 bis 1903. Das Gebiet von Palästina gehörte zum Osmani-schen Reich. Mit der ersten Alija kamen etwa 30.000 Einwanderer aus Osteuropa, Ruß-land, Rumänien und dem Jemen.[2]
Es gab zwei Haupteinwanderungswellen: 1882 bis 1884 und 1890 bis 1891.
Neben 28 neuen landwirtschaftlichen Sied-lungen mit ca. 6.000 Personen wuchsen auch die städtischen Siedlungen an. So kamen je ca. 3.000 Neueinwanderer nach Haifa und Jaffa und etwa 1.000 Einwanderer nach Jerusalem.
Insgesamt gelangten während der ersten Alija etwa 35.000 Juden nach Palästina, doch fast die Hälfte unter ihnen verließ das Land wieder nach einigen Jahren.
Die zweite Alija fand von 1904 bis 1914 statt und brachte 35.000 bis 40.000 Einwanderer, vor allem aus Rußland und Polen, nach Palästina.
Die dritte Alija dauerte von 1919 bis 1923 und stellte in vielerlei Hinsicht eine Fort-setzung der zweiten dar. Sie brachte 35.000 Einwande-rer ins Land, von denen 53 Prozent aus Rußland und 36 Prozent aus Polen stammten. Die Übrigen kamen aus Litauen, Rumänien und anderen osteuropäischen Ländern.
Die vierte Alija von 1924 bis 1927 unter-schied sich in ihrer sozialen Struktur von den vorhergehenden. Sie begann Mitte des Jahres 1924 und an ihr nahmen 67.000 Einwande-rer, die Hälfte von ihnen aus Polen, teil. Auf dem Höhepunkt der vierten Alija, im Jahre 1925, kamen auf 1.000 Juden, die in Palä-stina lebten, 285 Neuankömmlinge.[3]
Die fünfte Alija erstreckte sich über den Zeitraum von 1930 bis 1939 und brachte 250.000 jüdische Einwanderer nach Palästina. Diese stammten überwiegend aus Polen, dem Deutschen Reich, Österreich, Rumänien, Griechenland, Jemen und dem Irak.
Alleine im Zeitraum 1933 bis 1936 kamen nach der nationalsozialistischen Macht-übernahme in Deutschland 164.000 Juden legal nach Palästina. Die überwiegende Mehrheit ließ sich in den Städten nieder; allein nach Tel Aviv zogen etwa die Hälfte der Einwanderer.
Die deutschen und österreichischen Juden, die über ein Viertel der Gesamteinwande-rerzahl ausmachten, trugen entscheidend zur Entwicklung des Jischuw[4] bei. Sie waren die erste größere Einwanderergruppe aus West- und Mitteleuropa.
Am Vorabend des II. Weltkrieges lebten be-reits 475.000 Juden in Palästina, die ungefähr 40 % der damaligen Gesamtbevölkerung des Landes ausmachten.
Das Hebräische war wieder zu einer im Alltag gesprochenen Sprache geworden und ein funktionierendes Schulsystem auf der Grund-lage der hebräischen Sprache war entstanden.
Am 5. Juli 1950 nahm die israelische Knes-seth als erstes Gesetz nach der jüdischen Staatsgründung 1948 das Rückkehrgesetz an. In der Zeit 1948 – 1951 kamen insgesamt 687.624 jüdische Einwanderer ins Land, ins-besondere aus Polen und Rumänien, Ägypten, Irak, sowie 123.371 aus dem Jemen, 34.547 aus der Türkei und 21.910 aus dem Iran.
Damit verdoppelte sich die jüdische Bevölke-rung in Israel gegenüber 1948 auf 1,6 Milli-onen. Auf 137 Einheimische kamen jeweils 100 Neueinwanderer.
Zwischen Juni 1949 und September 1950 kamen mit der Operation Fliegender Teppich in zunächst geheim gehaltenen Transporten etwa 49.000 Juden aus dem Jemen in den neuen Staat Israel.
Im März 1951 brachte die Luftbrücke „Operation Esra und Nehemia“ 107.603 irakische Juden über den Iran und Zypern nach Israel. Zwischen 1955 – 1957 kamen etwa 100.000 jüdische Einwanderer (Miz-rachim)[5] aus Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen nach Israel.
1969 – 1975 wanderten etwa 100.000 Einwanderer aus der UdSSR, die vor dem verbreiteten Antisemitismus und den staatlichen Beschränkungen der Religions-ausübung flohen, nach Israel aus.
Zwischen dem 21. November 1984 und dem 5. Januar 1985 brachten die Operation Moses (Miwza Mosche) und im März 1985 die Operation Joschua etwa 8.000 äthiopische Juden nach Israel.
In der Zeit 1989 bis 1995 wanderten etwa 600.000 Einwanderer aus der Sowjetunion bzw. deren Nachfolgestaaten, vor allem aus Rußland und der Ukraine, nach Israel aus. Diese stellen heute die größte Einwanderer-gruppe in Israel.
Anhang: Zahlenangaben
Palästina 1939: Araber 68,3 %, Juden 31,7 %
Teilung Palästinas 1948: jüdisch-israelischer Anteil = 56,4 %, arabischer Anteil 42,9 % des Territoriums
Israel, Entwicklung des staatlichen Territoriums, Flächengröße:
1948: 14.900 km²
1949: 20.500 km² (Grenzziehung nach dem Waffenstillstandsvertrag 1949)[6]
2026 : 22.380 km² (besetzte bzw. von Israel kontrollierte Gebiete: 6.831 km²)[7]
Israel Bevölkerungsentwicklung:
1945 550.000 Juden in Palästina
1946 608.000 Juden in Palästina
1948 806.000
1950 1,37 Millionen
1951 1,6 Millionen
1955 1,79 Millionen
1960 2,15 Millionen
1965 2,6 Millionen
1970 3 Millionen
1975 3,49 Millionen
1980 3,9 Millionen
1985 4,26 Millionen
1990 4,82 Millionen
1995 5.61 Millionen
2000 6,3 Millionen
2010 7,7 Millionen
2020 9,3 Millionen
2023 9,8 Millionen
2025 10 Millionen
Anm.: Nach dem Zusammenbruch der Sow-jetunion wanderten 1,1 Millionen Juden aus den Nachfolgestaaten (GUS-Staaten) nach Israel aus.
Alija: Jüdische Einwanderung nach Palästina (bzw. Israel) (Ifrit-hebräisch/neuhebräisch Alija)[8]:
1948 101.800
1949 240.000
1950 170.500
1951 175.300
1952 24.600
1953 11.600
1954 18.500
1955 37.530
1956 56.330
1957 72.630
1958 27.290
1959 24.000
1960 24.700
1961 47.800
1962 61.500
1963 64.500
1964 55.000
1965 31.100
Anmerkung hierzu. Die Einwandererzahlen nach Israel vermitteln insofern ein falsches Bild, weil nach Ende des II. Weltkrieges die jüdische Auswanderung aus Europa, hier insbesondere aus dem besetzten Deutsch-land, aus Österreich, aus Polen, dem sow-jetisch besetzten Baltikum, aus der Ukraine und aus Weißrußland (seit 1944 wieder unter sowjetischer Kontrolle) hauptsächlich in die Vereinigten Staaten erfolgte. Genaue Zah-lenangaben hierzu liegen nicht vor.
Werden die Belegungszahlen der mehr als einhundert jüdischen DP-Lager in den westlichen Besatzungszonen des besetzten Deutschlands 1945/1946 zugrunde gelegt, kann jedoch eine Zahl von bis zu zwei Milli-onen Juden zugrunde gelegt werden, die bis 1950 aus Europa auswanderten.
Allein im Laufe des Jahres 1945 und noch im Frühjahr und Sommer 1946 gelangten meh-rere Hunderttausend Juden aus dem sowje-tisch besetzten Osteuropa (hauptsächlich aus Polen, dem Baltikum und aus Weißrußland und der Ukraine) in die US-amerikanischer Besatzungszone. Diese Migrationsbewegung ist belegt und dokumentiert, wird aber in der zeitgeschichtlichen Literatur kaum erwähnt.
Abschlußeinschätzung und Zusammenfassung
Aus jüdisch-israelischer Perspektive war die Einwanderung nach und die jüdische Land-nahme in Palästina eine Erfolgsgeschichte genauso wie die Staatsgründung im Jahr 1948. Diese historische Entwicklung umzu-kehren, muß zum gegenwärtigen Zeitpunkt aussichtslos erscheinen.
Seit 1948 befinden sich Israelis und Araber in einer Sackgasse. Die arabischen Palästina-Flüchtlinge und die arabischen Staaten haben mehrfach erklärt, den israelischen Fremdkör-per liquidieren zu wollen.
Daß die Araber sich mehrheitlich weigern, den Staat Israel auf Dauer zu akzeptieren, ist nachvollziehbar. Ebenso verständlich ist, daß die Israelis ihrerseits, solange die Araber auf ihrem Standpunkt verharren, nicht zu Maß-nahmen bereit sind, mit denen das Unrecht, das sie den Palästina-Arabern angetan ha-ben, wiedergutgemacht werden könnte.
Eine Lösung des arabisch-israelischen Konflikts ist derzeit also nicht in Sicht. Im Gegenteil.
Erster Schritt einer Lösung müßte der Rück-zug Israels aus den besetzten Gebieten sein, d.h. Israel müßte zum Verzicht bereit sein. Der jüdische Staat müßte alle Ansprüche auf Gebiete jenseits der Waffenstillstandslinie von 1949 aufgeben (was selbstverständlich die Räumung aller jenseits dieser Linie lie-genden Territorien bedeutet, die im Juni 1967 besetzt worden sind), und es müßte aktiv zur Entschädigung und zur der Rückführung der arabischen Palästina-Flüchtlinge bereit sein und aktiv daran mitwirken.
Auch das ist derzeit nicht zu erkennen. Ganz im Gegenteil. Der Verlauf der bekannten Ge-schichte belegt, daß der bestehende Konflikt mit der endgültigen Vernichtung einer der beiden Parteien enden wird.
Ein palästinensisches Volk (bzw. korrekter ein arabisches Volk von Palästina) existiert be-reits nicht mehr. Israel könnte sein Langzeit-Ziel demzufolge erreicht haben. Aber das Pendel kann in der nächsten Generation be-reits umschlagen. Es wirkt das altbekannte Gesetz der Zahlen.
Die Nachkommen der palästinensischen Flüchtlinge und Vertriebenen leben beute mit jeweils unterschiedlichem Status in mehreren Ländern. Die israelischen Araber (bzw. ara-bischen Israelis) sind gegenüber den Palästi-nensern im Gaza-Streifen und im Westjor-danland in gewisser Weise privilegiert. Sie sind als israelische Staatsbürger formal gleichberechtigt, werden jedoch strukturell benachteiligt.
Die im Libanon und in Syrien lebenden Pa-lästinenser[9] fristen bis heute überwiegend eine prekäre Existenz als Flüchtlinge und Vertriebene. Weitestgehend integriert sind die in Jordanien lebenden etwa 3 Millionen Palästinenser (Flüchtlinge aus Palästina und deren Nachkommen). Die Gesamtzahl der Palästinenser wird mit 9,5 bis 14 Millionen angegeben.
Nach Jahrzehnten israelischer Kriege, israeli-scher Gewalt und Unterdrückung ist die künftige Sicherheit des jüdischen Staates keineswegs mehr sicher. Wenn sich die Araber des Nahen Ostens verbünden, endet die Geschichte des Unrechts- und Terror-staates Israel. Dann würde sich die jüdische Prophezeiung des Vierten Churbans selbst erfüllen und ein von ihrem Gott Jahwe ab-gefallenes Volk erneut zerstreut werden.
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Anmerkungen
[1]Alija (auch Aliyah). Das hebräische Wort Alija für „Aufsteigen, Hinaufziehen“ bezeichnete im antiken Judentum die Wallfahrt gläubiger Juden zum Jerusalemer Tempel an einem der drei jährlichen Wallfahrtsfeste Pessach, Schawuot und Sukkot. Das Aufsteigen bezog sich auf das hochgelegene Bergland Judäas und besonders auf den etwa 800 m hoch gelegenen Tempelberg, den Zion.
[2]Noam Zadoff: Geschichte Israels. Von der Staatsgründung bis zur Gegenwart. München: C.H. Beck, 2020, S. 14.
[3]Qu.: Noam Zadoff: Geschichte Israels. Von der Staatsgründung bis zur Gegenwart. München: C.H. Beck, 2020, S. 18.
[4]Mit Jischuw (hebräisch für „bewohntes Land/Siedlung“) wird die jüdische Bevölkerung und das jüdische Gemein-wesen in Palästina vor der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 bezeichnet.
[5]Mizrachim = Juden nichtsephardischer Abkunft aus Vorderasien und Nordafrika (z. B. Marokko, Irak, Syrien und Persien) und deren Nachkommen.
[6]Grenzziehung entlang der Waffenstillstands-Linien („Green Line“).
[7]Als israelisch besetzte Gebiete werden diejenigen Gebiete unter israelischer Kontrolle bezeichnet, die außerhalb der 1949 mit seinen Nachbarn geschlossenen Waffenstillstands-Linien Israels liegen. Vom Internationalen Gerichtshof (IGH), der UNO und anderen internationalen Organisationen sowie vielen Regierungen werden sie als besetzte Gebiete bewertet, während Israel diese Gebiete im Fall Ostjerusalems und der Golanhöhen als Israel zugehörig und sonst als „umstrittene Gebiete“ mit offenem Anspruch betrachtet. Der Internationale Gerichtshof erklärte die Besetzung der palästinensischen Gebiete 2024 in einem nicht bindenden Rechtsgutachten für völkerrechtswidrig.
[8]Vgl. Fußn. 54.
[9]Libanon: 400.000, Syrien: 400.000.