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Die Oberschlesische Tragödie.

Hartmut Zurek

unterrichtet als Bezirksvorsitzender der Lands-mannschaft Schlesien in Oberfranken seine Leser über das Ringen um Oberschlesien im Gedenken an den 98. Jahrestag der Volksabstimmung in Ober-schlesien am 20. März 1921:

Annaberg, was ist das? 

1919  –  Das von den Alliierten als Kriegsziel formulierte Selbstbestimmungsrecht der Völker wird von US-Präsident Wilson anders als von Lenin verstanden und praktiziert.

Die neuen Staaten Osteuropas verlangen alle Rechte für ihre eigenen Staatsvölker: die Po-len, die Tschechen, die Serben, die Rumänen. Sie verweigern aber ihren Minderheiten vor allem den langeingesessenen Deutschen das Selbstbestimmungsrecht. 

Die deutsche Armee löst sich an allen Fronten auf. Im Land beginnen soziale Auseinander-setzungen; neue und alte Parteien streiten um die Macht in der neuen Republik Deutschland.

7. Mai 1919 – Abstimmung: Soll Oberschle-sien an Polen fallen, ausgenommen das ‚Hultschiner Ländchen‘, das der Tschechoslo-wakei zugeteilt wird?

Die deutschen Oberschlesier protestieren in Massenkundgebungen gegen die Abtren-nung. Die daraufhin von der Reichsregierung verlangte Abänderung des Vertrages zugun-sten einer Volksabstimmung wird schließlich doch von den Alliierten angenommen.

Zu verdanken ist diese einzige größere Kor-rektur des Versailler Diktates dem englischen Ministerpräsidenten Lloyd George, der nach-drücklich die Selbstbestimmung auch für die Oberschlesier verlangte.

Er stand gegen den unzureichend orientierten amerikanischen Präsidenten Wilson und ge-gen den französischen Ministerpräsidenten Clemenceau, der im Interesse seiner Nation eine Schwächung Deutschlands anstrebte – zugunsten Polens, das er damit zugleich als Bollwerk gegen das bolschewistische Rußland stärken wollte.

28. Juni 1919 – In Versailles wird das „Frie-densdiktat“ unterzeichnet. Die damit zu La-sten des deutschen Oberschlesiens doku-mentierte Fehlentscheidung wird später auch von ausländischen Politikern und Historikern als ein Ausgangspunkt für das Erstarken der Sowjetunion, den Verlust der polnischen Freiheit im Zuge des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgezeit und für die weitere Bedro-hung Westeuropas angesehen.

17. August 1919  –  Der erste Aufstand.
Polen versucht mit Gewalt durch Aufstände, die Entwicklung in Oberschlesien zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Der erste Aufstand wird durch den deutschen Grenzschutz schnell beendet.

19. August 1920 – In der Nacht vom 19. auf den 20. August brach der 2. Polnische Auf-stand aus und dauerte bis zum 25. August 1920. Der zweite Aufstand wird nur noch von der deutschen Sicherheitspolizei bekämpft.

Die Verluste der deutschen Bevölkerung betragen 150 Tote. Die deutsche Siedlung Anhalt wird von den Polen niedergebrannt. Die Folgen sind u. a.: Auflösung und Ab-schiebung der verbliebenen deutschen Sicherheitspolizei durch die Franzosen, Entwaffnung der deutschen Bevölkerung, zunehmende Bedrohung und Verängstigung der Deutschen vor allem auf dem Lande.

11. Februar 1920 – Die Interalliierte Regierungs- und Plebiszitkommission übernimmt die Macht in Oberschlesien mit Sitz in Oppeln. Bereits am 27. Januar rücken französische Truppen nach Abzug des deutschen Grenzschutzes in oberschlesische Städten ein.

Insgesamt 15.000 alliierte Soldaten – 13.000 Franzosen, 2.000 Italiener und einige engli-sche Einheiten kommen in das Abstim-mungsgebiet, von dem man das der Tsche-choslowakei zugeschlagene Hultschin, die Kreise Neiße, Neustadt (Prudnik) und Falkenberg (Niemodlin) ausgeschlossen hatte.

Ihre hundertprozentige deutsche Bevölkerung hätte das Abstimmungsergebnis noch eindeu-tiger zugunsten Deutschlands entschieden.

Die leitenden deutschen Verwaltungsbeamten müssen Oberschlesien verlassen. Ein franzö-sischer General übernimmt die oberste Polizeigewalt. Die Steuerung der polnischen Aktion liegt in den Händen von Korfanty, der 1903 als erster polnischer Abgeordneter in den Deutschen Reichstag entsandt worden war.

26. April 1920Polen greift die Ukraine an und erobert Kiew am 7. Mai 1920, am 9. Oktober die Stadt Wilna in Litauen. Im Vertrag von Riga, vom 18. März 1921 verlegt Polen seine Grenzen über 150 km nach dem Osten.

Polen ist mit fast allen seinen Nachbarn verfeindet (Ausnahme: Rumänien und Lettland).

15. Juli 1920 – Polen nimmt in seine Verfassung Bestimmungen über eine autonome Wojewodschaft Schlesien auf.

16. November 1920 – über 90 Prozent votierten dafür: Oberschlesien soll weiter eine eigene preußische Provinz bleiben.

30.Dezember 1920 – Für die Abstimmung wird als wahlberechtigt erklärt:

a) wer 20 Jahre alt ist,
b) in Oberschlesien lebt oder dort geboren ist,
c) nicht in Oberschlesien geboren ist, aber vor dem 1. 1. 1904 zugezogen ist.

1921 – Mit Jahresbeginn verstärken beide Seiten ihre Propaganda, die vom Plakat bis zur Kirchenkanzel reicht. Polen verspricht den Bauern eigenes Land aus dem zu enteignenden deutschen Grundbesitz, den Arbeitern die Sozialisierung der deutschen Gruben und Industriebetriebe. Beamten und Lehrern werden leitende Stellen in Aussicht gestellt, der Jugend Befreiung vom polni-schen Militärdienst zugesagt.

Deutschland erinnert an den Aufstieg Ober-schlesiens durch seine Zugehörigkeit zu Preußen und warnt vor dem unvermeidlichen Absinken des Lebensstandards bei einem Übergang an Polen.

20. März 1921 – Tag der Abstimmung. Noch bis Mitternacht hat der polnische Terror ge-wütet. Aus dem Reich, teilweise sogar aus dem Ausland, kommen etwa 170.000 gebür-tige Oberschlesier, um ihr Wahlrecht auszuüben.

An dem relativ ruhig verlaufenden Ab-stimmungstag gehen 97 Prozent der Berechtigten zur Urne.

Abgegebene Stimmen: 1.190.225/Von den 1.186.342 gültigen Stimmen entfielen 
auf Polen             479.349,
auf Deutschland 706 993. 

Alle Städte hatten deutsche Mehrheiten – so z.B. Kattowitz 22.774 deutsch, 3.900 polnisch.

Um trotz der negativen Wahlentscheidung für Polen zu einem polnischen Erfolg zu kommen und die bestimmenden Interalliierten zu be-eindrucken, greift Polen zu Gewalt und Terror. Ein dritter Aufstand wird entfacht.

3. Mai 1921Der dritte polnische Aufstand – In der Nacht greifen die sogenannten Insur-genten (Eindringlinge) schlagartig nach einem detailliert vorbereiteten Plan wieder zu den Waffen und besetzen Oberschlesien etwa bis zur Oderlinie.

Über die Grenze rollen aus Polen Panzerzüge mit Bewaffneten und Kriegsmaterial.

Die Städte im Industriegebiet, die wie z. B. Beuthen, Oberschlesien, keine französischen Stadtkommandanten haben, bleiben als eingeschlossene, kaum verteidigte Inseln unbesetzt.

Die französischen Truppen tun praktisch nichts gegen die Insurgenten zum Schutz der deutschen Bevölkerung. Ihre Untätigkeit ist Anlaß für Lloyd George, nun sechs englische Bataillone nach Oberschlesien zu entsenden, wobei es dabei zu … erheblichen  Verlusten kam: über 40 Tote und hundert Verwundete.

Bei Aufstandsbeginn gibt es nur eine schwache örtliche deutsche Abwehr. Oberschlesiens Not widerhallt im ganzen Reich. Sehr schnell entsteht, verstärkt durch Freiwillige aus ganz Deutschland, aus allen Ständen und Stämmen – so aus Bayern – Miesbach – das Freikorps Oberland, das 52 Gefallene zu beklagen hat.

Jedes Jahr wird in Schliersee, Obb. am Weinberg, der Opfer in einem Feldgottes-dienst gedacht. Allerdings hat eine dort ansässige linksradikale Gruppe in letzter Zeit das Gedenken permanent massiv gestört, weil aus deren Sicht das Gedenken an die im Kampf um die damalige Befreiung Oberschle-siens Gefallenen aus ideologischen Gründen nicht in ihr Konzept paßt. So mußte leider eine Ausweichmöglichkeit gefunden werden.

Der oberschlesische Selbstschutz stand unter der Führung des Generals a. D. Karl Höfer, geboren 1862 in Pleß, Oberschlesien. Etwa 5.000 Menschen kamen bei den drei Aufstän-den ums Leben. – Nur die linksgerichteten deutschen Kreise erblicken im Selbstschutz eine „Reaktion“!

21. Mai 1921 – Nach Festigung seiner Ver-bände – etwa 20.000 Mann gegenüber der doppelten Anzahl polnischer Aufständischer – wird der Selbstschutz offensiv und stürmt den Annaberg, den Symbolberg Oberschlesiens. 

Politische Überlegungen und französische Intervention verhindern eine militärische Ausnutzung der polnischen Niederlage zu einer von der Truppe geforderten Fortset-zung des Vormarsches in Richtung Gleiwitz, um die eingeschlossenen Städte des Industriegebietes zu befreien.

Der französische kommandierende General Le Rond erzwingt schließlich im Auftrag von Paris den Rückzug und die Auflösung des Selbstschutzes und auch der Insurgenten-verbände.

Der englische Repräsentant, Oberst Percival, tritt aus Protest gegen das einseitige Ver-halten von Le Rond von seinem Posten zurück.

20. Okt. 1921Die Botschafterkonferenz in Paris übermittelt der Deutschen Reichsregie-rung den Entschluß der Regierungen Frank-reichs, Großbritanniens, Italiens und Japans – nach Einholung eines Gutachtens des Völkerbundes – Oberschlesien zu teilen.

Angeschlossen sind detaillierte Anweisungen, um die amputierten Teile, vor allem das oberschlesische Industriegebiet, am Leben zu erhalten. Eine gemischte Kommission soll Streitfragen regeln und die Minderheiten schützen.

An Polen fallen durch diese Teilung:

53 von 67 Steinkohlen-Bergwerken, alle 12 Eisenerzgruben,
11 von 16 Zink- und Bleierzgruben, alle 22 Zinkhütten,
23 von 37 Hochöfen,
9 von 25 Stahl- und Walzwerken
9 von 14 Gießereien.

Mit ihrer vom japanischen Vertreter verkün-deten Entscheidung, das gewachsene Ober-schlesien gegen den Mehrheitswillen zu teilen, setzt die Interalliierte Botschafterkon-ferenz Meilensteine auf den Weg, der in den folgenden Jahren Deutschland, Polen und Europa ins Verderben geführt hat.

1922 – Am 15. Mai schlossen Deutschland und Polen in Genf den ihnen auferlegten Vertrag.

Kartographische Übersicht nach Kreisen der Ergebnisse der Volksabstimmung in Oberschlesien 1921, in Verbindung mit der Bevölkerungsverteilung sowie der Sprachensituation laut amtlicher preußischer Statistik in der Provinz Schlesien im Jahr 1905/06

Vor der Ratifikation verwahrten sich die Reichsregierung und der Reichstag feierlich gegen die Anerkennung der Rechtmäßigkeit der Teilung. (Vergleiche 1990!)

Ab 15. Juni übernehmen das Deutsche Reich und Polen die ihnen zugesprochenen Gebiete.

Seit dem Jahr 1163 hatte sich der schlesisch–oberschlesische Raum als Einheit entwickelt. Seit 1335 – 24. August – Vertrag zu Trent-schin – gehörte dieser Raum zum deutschen Reichsgebiet.

Durch den Bruch des Selbstbestimmungs-rechts wurden in dem Polen zugeschlagenen Teil Oberschlesiens über 400.000 Deutsche willkürlich zu polnischen Staatsbürgern ge-macht, die als Minderheit fortan allen Schikanen bis hin zu Gewalttätigkeiten ausgesetzt waren und deren Proteste weder bei der polnischen Regierung noch bei den Siegermächten des I. Weltkrieges Gehör fanden.

Die vertraglich zugesicherten Minderheits-rechte wurden nicht eingehalten und standen nur auf dem Papier. Infolge der Drangsal flüchteten aus dem abgetrennten Teil Ober-schlesiens über 100.000 Deutsche, die im Reichsgebiet Aufnahme fanden.

Während im polnisch gewordenen Ober-schlesien die Partei- und Volkstumskämpfe in unverminderter Schärfe fortgesetzt wurden und die früher hochstehende Industrie bei-nahe zum Erliegen kam, erlebte die deutsche Provinz Oberschlesien, das Restoberschle-sien, einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung.

Ihre meist bodenwüchsige Führung verstand es mit ihrer Versöhnungspolitik, auch die zeit-weise polnisch gesinnt gewesenen Bevölkerungsteile zu befrieden und zu aktiver Mitarbeit am deutschen Aufbau zu gewinnen.                                                                                                                       

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