Feed für
Beiträge
Kommentare

Thomas Engelhardt 

erinnert:

Ein Denkmal steht im Walde.
Ein altes Grenzdenkmal in Ostpreußen

Grenzstein in Ostrokollen (Wikipedia)

Eingedenk des bekann-ten deutschen Volks-liedes „Ein Männlein steht im Walde …“ könnte man heute auch ein Lied „Ein Denkmal steht im Walde“ an-stimmen.[1]

Auch dieses wäre heute ein Rätsel-Lied. Denn mit Begriffen wie Ost-preußen oder etwa dem Vertrag von Melnosee aus dem Jahre 1422 können die wenigsten Deutschen heute noch etwas anfangen.

Im masurischen (um nicht zu sagen „polni-schen“) Teil Ostpreußens steht bis heute ein alter in herzoglich-preußischer Zeit als Grenzsäule errichteter Markstein, der an dieser Stelle die zum Zeitpunkt der Errichtung der Grenzsäule schon jahrhundertealte Grenze kennzeichnete.

Die alte Grenzsäule aus dem Jahr 1545 findet man an der südöstlichen (bis 1939 deutsch-polnischen) Grenze der Altprovinz Ostpreu-ßen, etwa 190 Kilometer südöstlich der Pro-vinzhauptstadt Königsberg i. O. gelegen und 15 Kilometer von der Kreisstadt Lyck entfernt.

Die Ostrokollnische Grenzsäule[2]

In der Nähe der herzoglich-preußischen Grenz- und Zollstation Prostken[3] sowie des königlich-polnischen Grenzortes Bogusze[4] ließ Herzog Albrecht im Jahr 1545 den da-mals als „Ostrokollnische Grenzsäule“ be-zeichneten Markstein (Grenzmal) errichten, um den Grenzverlauf zu markieren, der im Frieden von Melnosee[5] 1422 festgeschrie-ben, 1525 im Frieden mit König Sigismund I. anerkannt, aber erst danach in langwierigen Verhandlungen genau fixiert und markiert worden war.

1545  befand sich an der Stelle des Grenzmals bzw. Marksteins das Dreiländereck zwischen dem her-zoglichen Preußen, dem Großfür-stentum Litauen und dem Herzog-tum Masowien, das kurz zuvor vom Königreich Polen annektiert worden war.

Die Grenzsäule enthält neben der In-schrifttafel die Wappen des Herzogtums Preußens sowie von Groß-Litauen. Die östliche und die südliche Grenze des späteren Ostpreußen gehörte in den Jahr-hunderten danach zu den stabilsten und dauerhaftesten Grenzen in Europa und war bis 1945 die älteste Grenze des Deutschen Reiches.

Diese südliche Grenze der Provinz Ostpreu-ßens verlief von Soldau[6] bis zum Dreilän-dereck Prostken und galt seit dem Vertrag von Kalisch im Jahr 1343 bis 1945, minde-stens also 602 Jahre lang, nach anderer Auffassung sogar 629 Jahre lang seit dem Jahr 1326!

Dieser Grenzverlauf zwischen dem Königreich Polen und dem Herzogtum Preußen bestand bereits seit dem Vertrag von Kalisch im Jahre 1343 und war, neben der spanisch-portugie-sischen Grenze, der dauerhafteste Grenzver-lauf in Europa und hatte mehr als 600 Jahre Bestand.[7]

Interessanterweise haben die polnischen Behörden dieses Grenzdenkmal[8] nach 1945 nicht geschleift. Andere Zeugen der deut-schen Vergangenheit wurden unbarmherzig ausgelöscht, abgeräumt, abgerissen.

Andererseits fand im Nachkriegspolen ein Prozeß statt, der im Westen heute als „kul-turelle Aneignung“ bezeichnet und in der Regel nicht nur sanktioniert und kritisiert, sondern heftigst bekämpft wird.

Möglicherweise weil die kulturelle Aneignung deutschen Kulturgutes nach 1945 so pro-blemlos vor sich ging und sich als erfolgreich erwies ließ man das Grenzdenkmal unweit des ostpreußischen Ortes Prostken[9] stehen. Oder man hat es in den ersten Jahrzehnten nach 1945 schlichtweg übersehen oder ver-gessen. Heute gilt es als Teil des kulturellen Erbes in Polen.

Das Grenzdenkmal steht mitten in der Landschaft, abgesehen von der Höhe (6 Meter) unscheinbar an einem Waldrand, umgeben von Büschen, Wiesen, Feldern.

Etwa 15 Kilometer südlich der ostpreußischen Stadt Lyck (1945 umbenannt in Ełk) führte unmittelbar in dem 1910 etwa 2.700 Ein-wohner umfassenden Prostken[10] die von Lyck (heute Ełk) herkommende Straße hinüber ins Polnische ins nahe Grajewo und von dort weiter nach Warschau.

Prostken war bereits in königlich-preußi-scher, später auch in deutscher Zeit regulärer Grenzübergang und Zollstation.[11]

Die durch den Ort führende Straße stellte die südöstliche Route der großen von Königsberg nach Bialystok und weiter nach Grodno und Minsk laufenden Handels- und Überland-straße dar.

Der Grenzübergang, der in preußischer Zeit auch Zollstation war, wurde von Kaufleuten, Handelsherren, Kleinhändlern, Fuhrleuten und Handwerkern und Gewerbetreibenden genutzt.

In der sommerlichen Erntezeit kamen pol-nische Schnitter, darunter auch Litauer und Weißrussen über den Grenzübergang in die ostpreußische Provinz.

Verläßt man in Prostken (Prostki) die Dorf-straße und biegt in Richtung Goldenau (jetzt Kopijki) ab, erreicht man den Lyckfluß. Nach der Brücke wählt man den rechterhand ein-mündenden Feldweg, folgt diesem etwa 1 Kilometer und kommt an einen am Waldrand entlangführenden heute nahezu verwachse-nen alten Graben (auch aus der deutschen Zeit). Dieser Grenzgraben war bis 1939 die deutsch-polnische Grenze, die jedoch weitaus älter war.

An dem links in den Wald führenden Weg kann der aufmerksame Besucher noch die ehemaligen die alte Grenze markierenden Grenzsteine entdecken.

Wendet man sich dagegen nach rechts den Waldrand entlang, stößt man nach einem kurzen Wegstück auf das 6 Meter hohe Grenzdenkmal, errichtet „Zum Ewigen Ge-dächtnis“ bereits im Jahr 1545.

Das Grenzmal am Dreiländereck Preußen, Litauen, Polen[12] wurde aus groben Feld-steinen 6 Meter hoch aufgemauert und weiß verputzt und mit einer lateinischen von Georg Sabinus[13] verfaßten Inschrift versehen, die in der deutschen Übersetzung lautet:

„Einst, als Sigismund August in den vaterländischen Grenzlanden und Albrecht I. Von der Mark das Recht handhabten und jener die alten Städte des Jagiello, dieser die Macht der Preu-ßen in Frieden regierten, ward diese Säule errichtet, welche die Grenze bezeichnet und den Länderbesitz der beiden Herzöge scheidet“.

Nach 1815 stand die Grenzsäule an der Grenze zwischen Preußen und Rußland, ab 1871 verlief hier die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Rußland, ab 1918 zwischen dem Deutschen Reich und dem neu konstituierten Polen.

Zwischen 1939 bis 1941 war diese alte Gren-ze die Demarkationslinie zwischen dem Deutschen Reich und Ostpolen (von der Sowjetunion annektiert), ab 1941 ist das die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und dem deutscherseits neu geschaffenen Verwaltungsgebiet Bezirk Bialystok)[14].

____________

Anmerkungen

[1]Das von Hoffmann von Fallersleben stammende Volkslied „Ein Männlein steht im Walde“ ist ein klassisches Rätsel-Lied aus dem Jahr 1843,

[2]Benannt nach dem preußischen Ort Ostrokollen (jetzt Ostrykół, dt. Ostrokollen), 1938 umbenannt, 1938 bis 1945 Scharfenrade), jetzt zur Landgemeinde Prostken (Prostki, Woiwodschaft Ermland-Masuren). Der Ort Klein Prostken, in dessen Nähe die Grenzsäule steht, gehörte zum Kirchspiel Ostrokollen. In Polen wird das Grenz-denkmal heute als Grenzsäule bei Bogusze bezeichnet (Bogusze, deutsch  Boggusch oder Bogusche, war der Grenzort auf der polnischen (im 19. Jahrhundert russischen) Seite der Grenze).

[3]Klein Prostken, Kreis Lyck, bis 1905 Regierungsbezirk Gumbinnen, danach Regierungsbezirk Allenstein, Provinz Ostpreußen.

[4]deutsch: Boggusch oder Bogusche.

[5]Frieden von Melnosee: Der Friede vom Melnosee oder Meldensee war ein am 27. September 1422 abgeschlossener Friedensvertrag zwischen dem Deutschen Orden und dem Königreich Polen sowie dem Großfürstentum Litauen, benannt nach dem bei Melno gelegenen Melnosee im preußischen Oberland bei Graudenz. Abgeschlossen wurde der Vertrag zwischen Paul von Rusdorf, Hochmeister des Deutschen Ordens, Siegfried Lander von Spanheim, Landmeister von Livland und Eberhard von Saunsheim, Deutschmeister des Deutschen Ordens auf der einen Seite und Władysław II. Jagiełło, König von Polen, Vytautas, Großfürst von Litauen und Janusz I. Starszy und Siemowit IV., Herzöge von Masowien auf der anderen Seite. Im Vertrag, der die künftige Grenzziehung festlegte,  wurde u. a. auch die Grenze nördlich des Flusses Memel bis zur Stadt Memel festgelegt, die bis nach dem Ersten Weltkrieg Bestand haben sollte.

[6]Soldau (jetzt Działdowo). Das deutsche Soldau fiel mit dem sog. Soldauer Land bereits nach dem I. Weltkrieg an Polen. Aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags von 1919 musste Soldau zusammen mit weiteren 32 Gemeinden des Kreises Neidenburg am 10. Januar 1920 an Polen abgetreten werden. An den Volksabstimmungen in Ost- und Westpreußen nahm die Bevölkerung des sogenannten Soldauer Gebieta („Soldauer Ländchen“ oder „Soldauer Ecke“) nicht teil, da die Bahnlinie Danzig–Warschau aus geostrategischen Gründen Teil des Polnischen Korridors wurde.

[7]Heute verläuft entlang der früheren Grenze, jetzt unter Einschluss des kleinen Dorfes Bogusze (Bogusche), die innerpolnische Verwaltungsgrenze zwischen den Woiwodschaften Ermland-Masuren und Podlachien.

[8]Die polnische Bezeichnung heute lautet: Słup graniczny w Prostkach/Boguszach, benannt nach den beiden unweit gelegenen Orten Prostki u. Bogusze (deutsch: Boggusch oder Bogusche). In Polen ist das Grenzdenkmal als Grenzsäule bei Bogusze bekannt.

[9]Prostken (seit 1945 Prostki), Kreis Lyck, Ostpreußen.

[10]Prostken war in deutscher Zeit auch Endbahnhof der preußischen Südbahn. Ab Prostken verkehrten russische Züge nach Białystok und weiter nach Grodno und Brest(-Litowsk). Mit dem Bau der Südbahn, die 1871 bis Prostken verlängert worden war, veränderte sich schlagartig das Leben in dem kleinen Grenzort, in dem etwa 200 Menschen lebten. Es entstanden umfangreiche Bahnanlagen, das Hauptzollamt wurde gebaut eine Post und neue Wohngebäude für die zuziehenden Beamten, Bahnarbeiter, Kaufleute und Handwerker. Die Bevölkerungszahl vervielfachte sich dadurch auf ca. 2.500 Einw. Die ehemalige Bahnstrecke der preuß. Südbahn ist heute aufgrund der Teilung Ostpreußens in einen russischen und einen polnischen Teil unterbrochen. Im russischen besetzten Teil wird sie auf der Strecke Königsberg (Kaliningrad)-Preußisch Eylau (Bagrationowsk) betrieben.

[11]Ostpreußen lag außerhalb der Grenzen des Heiligen Römischen Reichs. Ost- und ebenso Westpreußen waren in der Zeit des von 1815 – 1866 existierenden Deutschen Bundes auch nicht Teil dieses Staatenbundes, während andere Provinzen des Königreichs Preußen Teil des Deutschen Bundes waren.

[12]Zum Zeitpunkt der Entstehung kennzeichnete der Markstein in Prostken die Grenze zwischen dem herzoglichen Preußen, dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen.

[13]Georg Sabinus (latinisiert für Georg Schuler), * 23.04.1508 Brandenburg † 2.12.1560 in Frankfurt an der Oder, Dichter u. Professor der Poesie und Beredsamkeit, Gründungsrektor der Albertus-Universität Königsberg (Albertina).

[14]Der unter deutscher Zivilverwaltung stehende Bezirk Bialystok wurde 1941 nach der Besetzung des Terr. durch die Deutsche Wehrmacht als künftiges Anschlußgebiet (geplant : Reichsgau Neuostpreußen) gegründet. Er umfasste 33.000 km² und wies eine Bevölkerung von 1,4 Mill. Einw. auf (830.000 Polen, 300.000 Weißrussen, 200.000 Ukrainer, 2.000 Deutsche, 50.000 Juden). Die Ein- und Ausreise unterlag Duchlaßschein- und Passierscheinzwang. Die deutsche Staatsgrenze blieb deutsche Binnen-, Polizei- Zoll- und Währungsgrenze. Erst seit dem 1. Januar 1942 galt als alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel die Reichsmark. Zum 1. April 1942 wurde das deutsche Post- und Fernmelderecht eingeführt. Der Bezirk Bialystok unterstand postalisch der Reichspostdirektion Gumbinnen in der Provinz Ostpreußen.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Kommentare
Inline Feedbacks
Lese alle Kommentare
0
Deine Gedanken interessieren mich, bitte teile diese mit!x