Engelhardt Teil 7
Donnerstag, 19. März 2026 von Adelinde
Thomas Engelhardt
weiter in seiner Chronik 1945:
1. Mai
Nach Hitlers Tod wird der Chef der Kriegs-marine, Großadmiral Karl Dönitz, zum letzten Reichspräsidenten ernannt. Er ruft dazu auf, den Krieg im Osten fortzuführen, um mög-lichst vielen Menschen die Flucht zu ermög-lichen.
2. Mai
In Berlin unterzeichnet Kampfkommandant General Helmuth Weidling den Kapitulations-befehl. Rund eine halbe Million deutsche Soldaten geraten in Gefangenschaft. Fast 200.000 Soldaten beider Seiten waren zuvor gefallen.
2. bis 6. Mai 1945
Es werden alle nicht mehr voll einsatzbereiten schweren Waffen sowie Nachschub-, Trans-port- und Instandsetzungseinheiten von der Front im Osten des Alpenvorlandes abgezo-gen.
Nachdem die US-Truppen die Enns erreicht hatten, kamen die Operationen der Alliierten zum Stillstand. Obwohl erste amerikanische Aufklärungseinheiten über die Enns vor-stießen, bestand keine unmittelbare Gefahr eines großen Angriffes.
Der Oberste Befehlshaber der Deutschen Wehr-macht, Admiral Dönitz, befahl deshalb, die Absetzbewegungen im Osten zu be-schleunigen. An der Niederlage gab es keine Zweifel mehr.
Die Hauptkampflinie an der Ostfront im Alpenvorland war ab dem 6. Mai 1945 nur noch stützpunktartig besetzt. Die deutschen Einheiten setzten sich Richtung Westen in Bewegung, wobei sie sich auf ein gut ausge-bautes und leistungsfähiges Straßennetz abstützen konnten.
Motorisierte Einheiten, die noch an der Frontlinie ausharrten, sollten die Absetzbe-wegungen verschleiern. Zu diesem Zeitpunkt mischten sich die Soldaten, auch jene der Waffen-SS, unter den Strom der Flüchtlinge in den Westen.
„In den drei Tagen vor der Besetzung [hier der 9. Mai; Anm.] bewegte sich auf der Straße nach Oberösterreich ein breiter Strom von Soldaten und Zivilisten mit und ohne Fahrzeug. Die abgehetzten, verwildert aussehenden Soldaten (…) boten ein Bild der Trostlosigkeit und des Jammers.“ (Zeitzeugenbericht).
5. bis 8. Mai
Kämpfe zwischen tschechischen Nichtkom-battanten und Einheiten der Deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS in Prag. Der sog. „Prager Aufstand“ begann am Morgen des 5. Mai 1945 durch eine Radio-Prokla-mation der Aufständischen.
Ihnen steht eine Übermacht von 80.000 Sol-daten der neu aufgestellten Heeresgruppe Mitte in der Umgebung Prags gegenüber. Die aufständischen Tschechen bringen dennoch halb Prag unter ihre Kontrolle. Die über die ganze Stadt verteilten deutschen Wehr-machts-Garnisonen werden eingekesselt und balagert.
Am 6. Mai beginnen die Ausschreitungen gegen und Massaker an deutschen Zivilisten (in Prag lebten 1945 noch etwa 40.000 Prag-Deutsche und etwa 160.000 aus dem Reichs-gebiet als Behördenangestellte und Verwal-tungsbeamte bzw. Familienangehörige zugewanderte Deutsche).
Daraufhin dringen gepanzerte Einheiten des neu formierten Waffen-SS-Gefechtsverbandes „Wallenstein“ unter der Führung von Carl Friedrich Graf von Pückler-Burghauss[1] in die Stadt ein.
Während des Aufstandes sowie in den darauf folgenden Tagen kommt es zu Übergriffen gegen die deutschen Zivilisten, denen in dieser 1. Phase innerhalb weniger Tage be-reits 15.000 Deutsche zum Opfer fallen.[2]
6. Mai
Bei Tangermünde gelangen tausende Sol-daten der 12. Armee Wenck über einen Behelfssteg entlang der zerstörten Elbe-brücke ans westliche Ufer. Dort werden sie von US-Truppen gefangen genommen.
6. Mai
Die Verteidiger Breslaus kapitulieren vor der erdrückenden sowjetischen Übermacht. In der seit dem 15. Februar eingekesselten und be-lagerten Stadt harren noch 80.000 Deutsche aus (Breslau hatte 1944 620.000 Einwohner).
6. April
Der Georgieraufstand auf der westfriesischen Nordseeinsel Texel mündet in die letzte Schlacht des Zweiten Weltkrieges. Der Auf-stand beginnt am 6. April und endet erst am 20. Mai. Er beginnt als Revolte von georgi-schen Angehörigen der Deutschen Wehr-macht gegen die deutschen Soldaten auf der niederländischen Insel Texel (Georgisches Infanteriebataillon 822 „Königin Tamar“, einer Einheit der Georgischen Legion der Ostlegionen).
In der Nacht vom 5. auf den 6. April erhoben sich die Georgier gegen die Deutschen, da sie mit dem deutschen Kommandanten Klaus Breitner an die Front zum Kampf gegen die Alliierten verlegt werden sollen, und über-nehmen für kurze Zeit die Kontrolle über die Insel Texel. Allein in dieser Nacht werden etwa 400 Deutsche ermordet – zumeist im Schlaf erstochen.
Zur deutschen Verstärkungwird das Marine-Schützenregiment 163 der 16. Marine-Infanterie-Division auf Texel verlegt und beginnt unter Einsatz von Panzern, die vom niederländischen Festland herangeführt werden, eine Gegenoffensive.
Nach einigen Wochen zähen Kampfes wird die Insel durch die Wehrmacht wieder deutscher Kontrolle unterworfen. Während des Auf-stands kommen etwa 2000 Wehrmachtssol-daten, 565 Georgier und 120 einheimische Niederländer ums Leben.
Die Zerstörungen infolge der Kämpfe sind gewaltig. Dutzende Bauernhöfe gehen in Flammen auf. Das Blutvergießen hält auch nach der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht in Dänemark und den Nieder-landen (5. Mai) und der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht (8. Mai) an.
Nachdem unter Vermittlung des niederlän-dischen Widerstands auf der Insel eine Form von „Waffenstillstand“ zwischen Deutschen und Georgiern erreicht wird, gelingt es letztlich den kanadischen Truppen, am 20. Mai „Europas letztes Schlachtfeld“ zu befrieden.
6. bis 11. Mai
Im Zuge der sog. Prager Operation besetzt die Rote Armee ganz Sachsen, überschreitet das Erzgebirge und fällt in das Böhmische Becken ein. Die noch intakte und kampffähige deutsche Heeresgruppe Mitte[3] wird im Raum östlich von Prag durch drei sowjetische Heersgruppen (Fronten) eingekesselt und zur Kapitulation gezwungen. Etwa 2 Millionen sowjetische Soldaten der
1. Ukrainischen Front, der 2. und der 4. Uk-rainischen Front (insgesamt 2.000 Panzer, 30.500 Geschütze, 3.000 Flugzeuge) kreisen die Heeresgruppe Mitte und die 8. Armee der Heeresgruppe Ostmark[4] (insgesamt 900.000 Soldaten, 9.700 Geschütze, 300 Panzer) ein (die tschechische Hauptstadt Prag wird am 9. Mai von den Sowjets besetzt).
Obwohl die Deutsche Wehrmacht bereits am 7. Mai gegenüber den westlichen Alliierten kapituliert, kämpfen die eingeschlossenen deutschen Verbände gegen die Rote Armee weiter. Einerseits wurde die offizielle Radio-meldung der deutschen Kapitulation von Generalsfeldmarschall Schörner, seit dem 30. April Oberbefehshaber der Deutschen Wehr-macht, als falsch deklariert, anderseits ver-sucht jeder deutsche Soldat, der sowjetischen Gefangenschaft zu entgehen.
Ohne Chance, aus dem Kessel zu entkom-men, müssen die immer enger zusammen-gedrängten deutschen Truppen der Hee-resgruppe Mitte am 10. und 11. Mai nordöstlich von Prag kapitulieren und geraten in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Die Sowjets machten nach eigenen Angaben 860.000 Gefangene und erbeuten 9.500 Geschütze, 1.800 Panzer und 1.100 Flugzeuge.
7. Mai
Die 1. Division der Russischen Befreiungs-armee (ROA), bisher Verbündete, wechselt während des Prager Aufstands am 7. Mai die Seiten und greift mit schweren Waffen die Standorte der Prager Garnison der Deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS an, beendet die Kämpfe jedoch und zieht aus Prag ab, um sich den US-Amerikanern zu ergeben. Hun-derte zurückgelassene Verletzte Angehörige der ROA werden beim Einmarsch der Roten Armee liquidiert.
8. Mai
Die Oberlausitz fällt vollständig in die Hand des Feindes. Bautzen wird von der 1. Pol-nischen Armee besetzt, Görlitz wird von der Roten Armee (52. Armee) besetzt.
8. Mai
Die Heeresgruppe Kurland mit der 16. und der 18. Armee streckt als letzter deutscher Großverband die Waffen. Fünf Schiffsge-leitzüge verlassen am 8.05. den Hafen Libau, begleitet von den letzten verbliebenen Jagdflugzeugen des JG 54.
Mit diesen letzten Transporten gelangten trotz sowjetischer Luftangriffe noch etwa 27.700 deutsche Soldaten nach Deutschland. Kurz zuvor hatte jede Division noch 125 Mann für den letzten Transport nach Deutschland melden können.
Die angeschlagene 14. Panzer-Division sowie die 11. Infanterie-Division wurden fast voll-ständig evakuiert. 42 Generäle, 8038 Offi-ziere, 181.032 Unteroffiziere und Soldaten gerieten in sowjetische Gefangenschaft.
Die etwa 14.000 lettischen Freiwilligen wur-den als „Verräter“ bestraft; Tausende von ihnen setzten als „Waldbrüder“ den be-waffneten Kampf bis 1953 fort (darunter auch eine unbekannte Anzahl deutscher Wehr-machts- und Waffen-SS Soldaten).
8. Mai
Truppen der Roten Armee erreichen Graz (Steiermark).
8. Mai
Am 8. Mai um 23:01 tritt die zuvor in Reims unterzeichnete Bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht in Kraft. Am frü-hen Morgen des 9. Mai wird sie im sowje-tischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst durch Feldmarschall Keitel wiederholt.
Mit Unterzeichnung der Kapitulations-urkunden waren die Kampfhandlungen jedoch nur offiziell beendet. Dresden wurde am 8. Mai von den sowjetischen Eroberern nahezu kampflos besetzt, nachdem sich die deutschen Truppenverbände angesichts der anrollenden ungeheuren feindlichen Über-macht in Gewaltmärschen Richtung Erzgebirgskamm abgesetzt hatten.
Am 8./9. Mai 1945 befanden sich noch große Gebiete in deutscher Hand, darunter das Kurland, große Teile Böhmens und Mährens, die Stadt Prag, Breslau, große Teile Öster-reichs und Norditaliens, Dänemark, West-holland, die west- und ostfriesischen Inseln, Norwegen.
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Anmerkungen
[1]Carl Friedrich Graf von Pückler-Burghauss, Freiherr von Groditz (* 7. Oktober 1886 in Breslau; † 12. oder 13. Mai 1945 in Rakowitz, Böhmen), Befehlshaber des neu formierten Waffen-SS-Gefechtsverbandes „Wallenstein“.
[2]Qu.: Rüdiger Overmans: „Amtlich und wissenschaftlich erarbeitet“ – Zur Diskussion über die Verluste während Flucht und Vertreibung der Deutschen aus der CSR. In: Detlef Brandes: Erzwungene Trennung. Vertreibung und Aussiedlung in und aus der Tschechoslowakei 1938-1947 im Vergleich mit Polen, Ungarn und Jugoslawien. Essen 1999, S. 149-177
Michael Schwartz: III. Ethnische „Säuberung“ als Kriegsfolge: Ursachen und Verlauf der Vertreibung der deutschen Zivilbevölkerung aus Ostdeutschland und Osteuropa 1941 bis 1950. In: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 10. Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Zweiter Halbband. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs. München 2008, S. 509-656
[3]Neu aufgestellt wurde die Heeresgruppe Mitte am 25. Januar 1945 nach dem Durchbruch der Roten Armee an der Weichsel durch die Umbenennung der Heeresgruppe A.
[4]Im April duch Umbenennung der in Ungarn vernichtend geschlagenen Heeresgruppe Süd entstanden. Oberbefehlshaber seit dem 17. Januar 1945 Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner.