Rußland!

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Thomas Engelhardt

Einleitung

An und über Rußland scheiden sich die Geister.

Damit hier kein falscher Eindruck und kein Mißverständnis entsteht: Weder ist der Ver-fasser der nachstehenden Zusammenfas-sung Rußland-Feind noch schreibt er als Stubengelehrter.

Mehrere private Individualreisen durch und nach Rußland eröffneten ihm die übergroße Gastfreundschaft der Russen, und trotz des zwischen unseren Völkern unbarmherzig und brutal geführten Krieges 1941-1945 genie-ßen die Deutschen bei den einfachen Russen bis heute mehr als nur Respekt. Die Russen verehren uns Deutsche geradezu.

Jedoch gilt es zwischen russischem Imperi-alstreben, das sich als staatliches Handeln durch die gesamte russische Geschichte zieht (und zwar unabhängig davon, wer das Rie-senland regiert und welches politisches Sy-stem herrscht!), und dem russischen Volk zu differenzieren.

Auch ist die immer wieder kolportierte These, wonach beide Völker, die Deutschen und die Russen, wesensverwandt seien und eine ge-meinsame Seele aufweisen würden, ins Reich der Fabel zu verweisen.

Dennoch gibt es wohl kein zweites Volk in Europa, das uns Deutschen aufrichtig freund-schaftlich und mit Achtung gegenüber tritt, so man überhaupt anerkennt, daß es zwi-schen Völkern Freundschaft geben könnte.

Der nachstehende Einführungstext und die Bewertungen und Schlußfolgerungen rufen sicherlich Kritik und Gegenstimmen hervor.

Jedoch erfolgen die aufgezeigten Bewertun-gen von einem politischen Standpunkt aus. Daher noch einmal: Rußland und die Russen sind keineswegs aggressiver als andere Großmächte der Geschichte.

Insbesondere im Vergleich mit den Vereinig-ten Staaten wird deutlich, daß eher diese als „Meister des Krieges und der Vernichtung“ anzusprechen und zu klassifizieren sind.

Oder, um es anders auszudrücken: Der Krieg ist ein Meister aus den USA. Die Liste der von den Vereinigten Staaten zu verantwortenden Kriege und militärischen Interventionen ist umfangreicher (NB. Auch diese Liste liegt als Erarbeitung vor. Th. E.)

Uns Deutschen wird bis heute unterstellt, ganz besonders kriegslüstern, kriegerisch und für andere Völker gefährlich handelnd, weil stets expansiv ausgerichtet gewesen zu sein.

Nichts falscher als das! Aber lesen und ur-teilen Sie selbst. Für Fragen steht der Bear-beiter der Darstellung selbstverständlich zur Verfügung.

Anmerkungen zu Rußland. Die Kriege Rußlands im 18., 19. und 20. Jahrhundert

Im national-patriotischen Lager Bundes-deutschlands sind Ansichten verbreitet, Ruß-land könnte möglicherweise einen Beitrag zur Befreiung Deutschlands aus US-amerikani-scher Vormundschaft und Kontrolle leisten.

Die Verfechter dieser Meinung verkennen da-bei, daß Politik in erster Linie Interessen-wahrnehmung ist. Darüber hinaus werden mangelnde Geschichtskenntnisse offenbar.

Rußland war in seiner Geschichte nie zu Konsens, Ausgleich und Kooperation bereit. Russische Politik basierte vielmehr stets auf eigener Stärke und Überlegenheit.

Aus russischer Sicht sicherlich vorteilhaft wäre ein Herausbrechen des bundesdeut-schen Staates aus dem westlichen Macht-block.

Eine Aufgabe der Mitgliedschaft im NATO-Paktsystem stellt für den BRD-Staat keine Option dar. Die sog. Westbindung ist oberste Staatsraison. Für Deutschland wäre es der erste Schritt auf dem Wege der Wiedererlan-gung der vollständigen Souveränität.

Voraussetzung eines Austritts aus dem Nord-atlantikpakt wäre jedoch ein alternatives Si-cherheits- und Bündniskonzept, basierend auf einer von gegenseitiger Achtung domi-nierten Zusammenarbeit mit Rußland.

Eine deutsch-russische Verständigung muß vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen gemeinsamen Geschichte jedoch problema-tisch erscheinen. In der gegenwärtigen Ver-fassung kann Deutschland auch kein wirkli-cher Partner für Rußland sein. Aus der Sicht Rußlands taugen die Deutschen auch  nicht zum Juniorpartner.

Für die Deutschen muß hieraus folgen, daß die  Selbstbefreiung alternativlos ist. Ein dann möglich (und auch notwendig) erscheinendes neues europäisches Bündnissystem, eine Eu-ropäische Eidgenossenschaft,  wäre in der Lage, mit Rußland auf gleicher Augenhöhe zu verhandeln und zu einem Ausgleich zu kom-men, d. h. zu einer dauerhaften Verständi-gung zu gelangen.

In den Jahrzehnten nach dem Großen Krieg, der heute noch als II. Weltkrieg bezeichnet wird, wurde allgemein geurteilt:

„Amerika raubt den Völkern die Seele, Rußland raubt den Völkern die Freiheit“.

Diese zusammenfassende Feststellung gilt bis heute.

In der Geschichtsschreibung nahezu völlig unbeachtet bleibt dennoch die aggressive Politik und die stets expansive Ausrichtung Rußlands in den vergangenen zweieinhalb Jahrhunderten.

So hat sich auch aufgrund sowjetischer Einflußnahme nach 1945 nicht nur in der Bundesrepublik eine Auffassung durchsetzen können, der gemäß ein auf Landraub und Expansion ausgerichtetes Deutsches Reich in verbrecherischer Art und Weise und unter Bruch des zwischen beiden Mächten 1939 abgeschlossenen Nichtangriffsvertrages v. 23. Aug. 1939[1] eine „friedliebende“ Sowjet-union „überfallen“ hätte.

Bei genauerer Betrachtung erweist sich eine solche Geschichtsinterpretation freilich als Chimäre, um nicht zu sagen als Geschichts-klitterung. Denn in der Regel bleiben die bis 1941 erfolgten sowjetischen Aggressionen und Annexionen unberücksichtigt, fallen der Nachrichtenunterdrückung anheim.

Nur diese Entwicklungen und die Abfolge der Einzelereignisse führen aber zum Verständnis einer im Frühjahr 1941 von den Führungs-persönlichkeiten Deutschlands als alternativ-los erscheinenden Entscheidung, die militäri-sche Macht der Sowjetunion zu brechen, das Regime Stalins zu liquidieren und Vorausset-zungen zu schaffen, den europäischen Teil Rußlands in den geplanten Großeuropäischen Wirtschaftsraum zu integrieren.[2]

Mit dem Verlust des Großen Krieges im Mai 1945 begannen die Invasionsmächte, die Geschichte in ihrem Sinne umzuschreiben. Dem entspricht die heute gegebene staats-rechtliche Lage Deutschlands, die nur als verheerend und aussichtslos zu charakte-risieren ist.

Deutschland befindet sich in einem raben-schwarzen Loch nationaler Knechtseligkeit. Im Zentrum Berlins soll ein abstruses „Denk-mal“ an einen Vorgang erinnern, der allen-falls eine Fußnote in den Geschichtsbüchern verdienen würde.

Und die Siegesdenkmäler der östlichen Macht mitten in Berlin und an vielen anderen Orten sind Beleg, wie sehr die Deutschen den Ideo-logien der Invasionsmächte erlegen sind, die heute als „Befreier“ gelten sollen.

Ein Bundespräsident entblödete sich vor we-nigen Jahren nicht, „zum Gedenken an die sowjetischen Befreier“ an einem dieser zen-tralen Ehrenmale einen Kranz abzulegen. Im Bewußtsein der bundesdeutschen Bevölke-rung veränderten sich Rußland und die Sow-jetunion zu Friedensmächten.

Auch die Greueltaten der primitiven Soldateska der Roten Armee an der deutschen Zivilbevölkerung, besonders an den Frauen, sind heute nur noch bei den heimattreuen Deutsch- und Geschichtsbewußten Thema, in den Hauptstrom-Medien aber nirgends in Deutschland.

Die Kriegsfurie des Jahres 1945, die sowjeti-schen Konzentrationslager, die Deportatio-nen von Millionen Deutschen sind aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen getilgt.

Dieses Bild eines dem Frieden verpflichteten Rußland (das dem eines vorgeblich friedli-chen und sanftmütigen russischen Volkes entspricht)[3], das Bild einer friedliebenden Sowjetunion gilt es entsprechend den histo-rischen Tatsachen zu korrigieren.

Fortsetzung folgt

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Anmerkungen

[1]  Nichtangriffsvertrages v. 23. Aug. 1939, ratifiziert am 24.08.1939 in Moskau. Diesem heute meist als Molotow-Ribbentrop-Pakt oder auch als Hitler-Stalin-Pakt verächtlich gemachten bilaterale Vertrag folgte der am 28. Sept. 1939 abgeschlossene Deutsch-Sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag (ratifiziert am 15. Dez. 1939),  der ein Zusatzprotokoll zur gegenseitigen Abgrenzung der jeweiligen Interessengebiete beinhaltete (nicht – wie immer behauptet – die Aufteilung Polens, die sich  jedoch aus dem Vertragsinhalt zwangsläufig ergeben sollte).

Aufgrund dieses Vertrages wurde eine Korrektur der vereinbarten Demarkationslinie festgelegt. Infolgedessen fiel Litauen in die Interessenzone der Sowjetunion. Das geheime Zusatzprotokoll hatte „für den Fall einer territorial-    politischen Umgestaltung“ vorgesehen, den westlichen Teil  des polnischen Staates sowie Litauen der deutschen Interessensphäre zuzuordnen, Ostpolen, Finnland, Estland, Lettland und das zu Rumänien gehörende Bessarabien dagegen der sowjetischen Kontrolle.

Im September 1939, nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, kam es jedoch zu einer Revision dieses deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages sowie einer Abänderung der Interessenzonen. Litauen gelangte dadurch in das Interessengebiet der Sowjetunion.

[Die Verträge wurden  im Reichsgesetzblatt veröffentlicht : RGBl  1939 II, S. 968 f. u. RGBl. 1940 II, S. 4 f.].

[2]  1941 erfolgte in Dresden die Gründung des Instituts für europäische Großraumwirtschaft unter der Leitung von Werner Daitz (* 1884, † 1945), zunächst als „Zentralinstitut für nationale Wirtschaftsplanung und Großraum   wirtschaft e.V., ab 1942  Zentralforschungsinstitut für nationale Wirtschaftsordnung und Großraumwirtschaft.

Bereits 1938 hatte W. Daitz die Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft mit Sitz in Dresden gegründet.

[3]  Oft zu hören und zu lesen ist auch von der Seelenverwandtschaft der Deutschen und der Russen. Diese Legende läßt sich durch nichts begründen.