Malwida von Meysenbug – die große Zeitzeugin der 1848er Revolution – 3. Teil
Samstag, 3. Februar 2024 von Adelinde |
„Aber der Kampf wurde alle Tage schwerer“,
berichtet Malwida von Meysenbug. Mit ihrem von zu Hause abwesenden Vater hatte sie versucht, brieflich ihre Gedanken zur politischen Lage zu erörtern. Aber er hatte darauf nicht geantwortet,
„da er diese Dinge als außerhalb der weiblichen Sphäre liegend betrachtete.“
Tief in ihrem Stolz traf sie die Entdeckung, daß er glaubte, ihre politische Einstellung sei nicht das Ergebnis ihres eigenen Beobachtens und Denkens, sondern auf den
beklagenswerthen Einfluß der „unglücklichen Neigung“ für einen Menschen mit excentri-schen und falschen Ansichten,
also auf Althaus zurückzuführen, und die Kluft zwischen ihr und dem Elternhaus wurde tiefer und breiter.
Bemerkenswert an dieser Stelle ist vielleicht, daß ihr Vater Freimaurer war und nach Meinung von Malwida „die höchsten Grade des Ordens erreicht“ hatte.
Malwida aber war allmählich gar
im offenen Krieg mit der Welt, in der sie erzogen worden war … Ich hatte den Kampf der Freiheit gegen die absolute Autorität begonnen.
Ihr Freiheitswollen ist so klar, daß sie ihren Freund „mehr als einmal“ – wie sie schreibt – zurückhalten mußte,
„wenn er schwören wollte, daß seine Neigung (zu ihr) ewig sein werde. Ich begriff es nicht, daß eine Liebe wie die unsere enden könne, und wenn sie es konnte, wozu half dann ein Schwur?“
Und sie endete dann später auch tatsächlich – wegen seiner Untreue.
Als nach dem Tode des Vaters bei der Testaments-eröffnung klar wurde, daß das Vermögen viel kleiner war als erwartet, stieg in ihr der Gedanke auf, „selbst ihr Brod erwerben“ zu müssen. Von den Brüdern abhängig zu werden, fiel ihr nicht ein.
Ich fing ohnehin an zu fühlen, daß ich nicht lange mehr mit denen würde leben können, welche meine heiligsten Überzeugungen für falsch hielten. Aber zu gleicher Zeit stand ich betroffen vor der Frage: „Was thun, um mir mein Brod selbst zu erwerben?“ …
Ich hatte viel gedacht … viel gelesen. Aber wußte ich eine Sache so gründlich, um darauf meine Unabhängigkeit zu stützen? Hatte ich eine Fachkenntnis irgend einer Art? Ich fühlte das Ungenügende meiner Erziehung mit tiefer Pein.
Wir befinden uns nun mit Malwida von Meysenbug im Jahr 1848!
Während so der Horizont meines Lebens düster und verschleiert war, fing derjenige der Völker an, sich aufzuhellen. Die Zeitun-gen brachten die Nachricht von Bewegungen in Sicilien und Neapel.
Der harte und verdummende Despotismus, der auf jenen schönen Ländern lastete, schien plötzlich still zu stehen, und ein neues Leben schien bereits aufzublühen.
Meysenbug läßt uns ihre Begeisterung miterleben, wenn sie berichtet:
„Die Nachrichten von der Pariser Revolution am 24. Februar waren angekommen! Mein Herz klopfte vor Freude.
Die Monarchie gestürzt, die Republik erklärt, ein provisorisches Gouvernement, das einen berühmten Dichter und einen einfachen Arbeiter zu Mitgliedern zählte – es schien ein himmlischer Traum, und war doch Wirklich-keit. Nur wenig Blut war für so hohen Preis vergossen worden …“

Erstürmung der Barrikade an der Konstablerwache in Frankfurt am Main am 18. September 1848 durch preußisches Militär, Lithographie von E. G. May nach einer Zeichnung von Jean Nicolas Ventadour (Wikipedia)
Malwidas Angehörigen mag die Erinnerung an die Greuel der Französischen Revolution von 1789 wieder vor Augen gestanden haben, ihrem Stand würde es jetzt auch in Deutschland an den Kragen gehen. Sie selbst erleidet nun – wie sie berichtet –
„Todesqual, mein Glück nicht zeigen zu dürfen, meine Erregung in mein Herz verschließen zu müssen, es zu sehen, daß man um mich her da, wo ich nur Hoffnungen sah, großes Unglück erwartete!“
Die Familie war nach Frankfurt am Main umgezogen. Von dort berichtet Malwida, was sie als nun 32-Jährige miterlebte:
Der elektrische Strom verbreitete sich bald in allen Richtungen. Deutschland, welches so fest eingeschlafen schien, erbebte wie von einem unterirdischen Feuer …
Der Fürst der politischen Finsternis, Metter-nich, war entflohn! Die Grundlagen des Despotismus schienen überall zu wanken.
Die Stütze des Absolutismus, die Militär-macht, schien unvermögend vor der Begeisterung der Völker, die für ihre Rechte aufstanden. Die drei glorreichen Märztage in Berlin bewiesen es. …
Die Nachricht, daß ein deutsches Vorparla-ment sich in Frankfurt versammeln werde, erfüllte mich mit namenloser Freude. Die Stadt war in einer grenzenlosen Aufregung …
Draußen hörte man Waffengeklirr, denn die Bürger eilten in das nahe Zeughaus, um sich zu bewaffnen. Mir war todesfreudig zu Mute.
Ich hätte gewünscht, daß der Feind draußen vor dem Thore der kleinen Kirche gestanden hätte, und daß wir Alle hinausgezogen wären, Luther’s Choral singend, um für die Freiheit zu kämpfen oder zu sterben. –
… Ich mischte mich unter die Volkshaufen, welche fortwährend die Straßen füllten. Ich teilte ihre Freude, als man die dreifarbige Fahne auf dem Palais in der Eschenheimer Gasse anpflanzte, wo der deutsche Bund so lange nicht zum Heile, sondern zum Unheile Deutschlands, getagt hatte …
Auch im Theater erschienen die Schillerschen Dramen wieder, die lange von den deutschen Bühnen verbannt gewesen waren. Ich wohnte der ersten Aufführung von Don Carlos bei.
Es war, als finge man jetzt erst an, den edelsten der deutschen Dichter zu be-greifen, als spräche seine große Seele jetzt zum ersten Mal zu dem erwachenden Vaterland.
In der Scene, wo Posa für die unterdrückten Niederlande Freiheit erbittet und mit dem Zauber seiner schönen Seele sogar des Despoten Herz bewegt, brach der Jubel in unbändiger Weise aus.
Zu gleicher Zeit tönte Freudengeschrei von der Straße her. Alles fragte nach der Ursache; die Antwort wurde laut von Jemand aus dem Parterre verkündet; es zogen eben einige Männer des Vorparlaments in die Stadt ein, welche Jahre lang Märtyrer ihrer freien Ansichten gewesen waren.
Das Volk hatte ihnen die Pferde abgespannt und zog sie im Triumph durch die Straßen. Ein Rausch des Entzückens war in Aller Herzen.
Sie schildert dann das herrliche Wetter und die vielen Blumen, mit denen die Stadt geschmückt war, und
„die Eisenbahnen, die Dampfschiffe, mit Fahnen und Blumen geschmückt,“ die „unaufhörlich Scharen fröhlicher Pilger“ heranbrachten, so daß in Frankfurt so viele Menschen versammelt waren, „wie selbst in den Tagen des Ruhmes bei den Kaiserwahlen nicht.“
… In dem alten Kaisersaale sollte das Vorparlament sich constituiren, seinen Präsidenten wählen und von da sich in die Paulskirche begeben, die in Eile für die Sitzungen zubereitet war.
Endlich nahte der Zug der Abgeordneten, die, je zwei und zwei, auf dem offen gehaltenen Pfad entblößten Hauptes und nach allen Seiten die jubelnde Menge grüßend zum Römer gingen.
Vor allen wurden die Männer aus Baden mit freudigem Zuruf begrüßt, die schon lange als Vorkämpfer einer freieren Zukunft bekannt waren.“
Doch Meysenbug überlegt auch:
Wohl mochte auch die Furcht manches Herz bewegen, aber sie schwieg vor der Freuden-fülle des Tages, und die Bosheit stand, im Stillen lauernd, um ihr geheimes und gefährliches Spinnennetz zu weben, in welchem die sorglos Freudigen und die übereilt Sicheren zur bestimmten Stunde wieder gefangen werden sollten.
Wie auch heute die Bosheit im „Stillen“ lauert, die Ereignisse umlügt und die belogenen Massen auf die Straßen treibt.
Als vom großen Fenster des Römer der Name des Präsidenten des Vorparlaments ausgerufen wurde,
ein Name, der Allen, welche die Freiheit liebten, bekannt und lieb war,
– es handelt sich um Carl Joseph Anton Mittermaier – da blieb kein Auge trocken:
Wer hätte nicht gehofft, daß das deutsche Volk, das Volk ernster Denker, so unter-richtet, so ruhig besonnen, mündig sei und die Verantwortlichkeit für seine Zukunft selbst in die Hand nehmen könne?
… Niemals hatte ich Deutschland so heiß geliebt. Noch vor einigen Wochen hatte ich gewünscht, in dem sich erhebenden Italien zu sein.
Jetzt hätte ich um keinen Preis von Deutsch-land weg gemocht; ich fühlte mich mit allmächtigen Liebesbanden daran geknüpft und war überzeugt, daß nirgends die Entwicklung so vollständig und schön sein würde.
Frauen sind indes bei den Sitzungen des Vorparlamentes – auch als Zuschauerinnen – unerwünscht. Malwida kann sich in den oberen Rängen hinter Vorhängen verstecken und die Debatten der Herren Abgeordneten verfolgen. Sie schreibt:
… auf der Rednerbühne daselbst ertönten herrliche Reden, in welchen die edelsten Ansichten über die höchsten Fragen der Menschheit entwickelt wurden.
Man sah es bei dieser Gelegenheit recht, welch ein Volk von Denkern das deutsche Volk gewesen war, und wie schnell dem vorbereitenden Gedanken sich nun die Worte, ja glänzende Rednergaben zur Verfügung stellten, wie andere Völker sie erst in langer parlamentarischer Übung entwickeln.
Noch war auch jedes Herz gläubig und zwei-felte nicht, daß dieser glänzenden Reife der Anschauungen, diesem hohen Flug der Gedanken das praktische Können zur Seite stehen werde.
Die Grundrechte des deutschen Volkes erschienen, kurz, prägnant, Alles umfassend, was ein Volk braucht, um glücklich und mächtig zu werden.
Sie wurden, als Flugblätter gedruckt, durch ganz Deutschland verbreitet, und es gab fast keine Hütte, wo man sie nicht an die Wand angeschlagen und voller Hoffnung gelesen hätte. …
Die schönste der Frankfurter Verhandlungen war die über den öffentlichen Unterricht. Was Fichte und andere Patrioten einst verlangt hatten, war erfüllt, ja übertroffen …
Ein Volk von vierzig Millionen Seelen hatte nicht nur durch die Grundrechte die Garantie Alles dessen, was zu einer menschlichen Existenz gehört, erlangt, durch die Annahme der Beschlüsse über den öffentlichen Unter-richt erhielt es auch die Garantie eines geistigen Lebens durch das Mittel der Erziehung.
Wissenschaften und Künste sollten nicht mehr von den begünstigten Klassen monopolisiert werden; ihr tröstendes Licht sollte in die Hütte des Armen, wie in den Palast des Reichen, dringen.
Der Unterricht war obligatorisch. Bis zu einem gewissen Alter durften die Kinder nicht zu einer andern Arbeit als der der Schule verwendet werden …
Also erstmals: Schluß mit der Kinderarbeit! Dafür Beschulung aller Kinder in Deutschland!
Familie Meysenbug aber beschließt, Frankfurt zu verlassen. Malwida war es
wie ein Todesurtheil … Ich wußte, daß ich eine große Kraft der Entsagung besaß für Alles, was die Menschen gewöhnlich Glück nennen.
Aber dem entsagen, was das geistige Leben fördert – sich ausschließen müssen von den großen Ereignissen des Lebens der Mensch-heit, von den Eindrücken, welche uns über uns selbst und die Kleinheit der Existenz erheben – das war für mich stets der untragbarste Schmerz und schien mir die wahre Sünde wider den heiligen Geist.
Das große Recht der Individualität an Alles, was ihr nöthig ist, um Alles zu werden, was sie werden kann, stellte sich mir in bitterer Klarheit dar.
Daß es erlaubt sei, jede Autorität zu brechen, um dieses Recht zu erobern, war mir keinem Zweifel mehr unterworfen.
Das sind Sätze, wie wir sie auch von den 68ern des 20. Jahrhunderts kennen. Es sind Worte, die in ihrer gedanklichen Ungenauigkeit dem Volk den Halt an seinen Besten nehmen können. Wir haben in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts erlebt, wie Studenten ihre Professoren aus den Hörsälen führten.
In der Tat, stand die Freimaurerei mit ihrer Absicht, die Völker zu zerstören, um eine Weltdiktatur zu errichten, hinter dem klar auf Tag und Stunde angesetzten Ausbruch der Revolution in ganz Europa.
Diesen Kräften ging es in Wahrheit nicht um die göttliche Freiheit zur Entfaltung jeder Persönlichkeit, die ihre Grenze an der Freiheit aller anderen findet.
Diese Kräfte wollten den Umsturz, wollten die Völker nicht allein von Unterdrückern und Blutsaugern in Gestalt gewisser Monarchien befreien, sie wollten die Völker aller, auch ihrer tüchtigen volkserhaltenden Königshäuser, berauben.
Davon scheint Meysenbug nichts geahnt zu haben. Ihre deutsche Seele verstand unter denselben Worten etwas ganz anderes als die Völkerverderber. Sie wollte dem Volk helfen. Ihr ging es um Moral. Sie schreibt weiter:
Aber leider gehört zu der Erreichung dieser moralischen auch die öconomische Unab-hängigkeit … Zum ersten Mal stellte sich in meinen Gedanken die Not-Wendigkeit der ökonomischen Unabhängigkeit der Frau durch ihre eignen Anstrengungen fest.
Meysenbug, jetzt immerhin 32 Jahre alt, erlebt
die Tyrannei der Familie, die sich in diesem Fall noch auf den bedauernswerten Grundsatz stützte, daß die Frau nicht für sich selbst denken, sondern auf dem Platz, den ihr das Schicksal angewiesen hat, bleiben soll, einerlei ob ihre Individualität dabei untergeht oder nicht.
Die Familie macht den Fehler, stur-reaktionär am Hergebrachten zu klammern, in der Annahme, nur dieses starre Korsett halte die „Ordnung“ aufrecht.
Malwida befreit sich, indem sie zu einer Freundin nach Berlin zieht. Sie berichtet:
Die preußische Kammer in Berlin war noch der einzige leuchtende Punkt, der von der Revolution übrig war; das Frankfurter Parlament ging zu Grunde seit der Wahl des Reichsverwesers, Johann von Oesterreich.
Die Freiheit der Entwicklung war von diesem Augenblick an vorbei, und die Reaction zog mit vollen Segeln, unter dem Schutz des österreichischen Absolutismus und Jesuitismus, wieder ein. In Berlin hielt die radicale Partei noch Stand und kämpfte tapfer. …
Ich ging natürlich oft in die Kammersitzungen und wohnte Verhandlungen von höchstem Interesse sei, wo der entschiedenste Radicalismus stets den Sieg behielt.
Die Abschaffung der Todesstrafe und des Adels wurde mit großer Majorität beschlossen. Man ging viel gerader auf das Ziel los wie in Frankfurt.
Doch bald gab es Zeichen, die „einen Gewaltstreich gegen die Abgeordneten“ befürchten ließen.
Daß man die Kammer auflösen und Berlin in Belagerungszustand erklären werde, schien abgemacht, nach den Truppenmassen zu urtheilen, die zusammengezogen wurden.
Die Aufregung unter den Arbeitern und den Studenten war ungeheuer. Wir hatten uns am Nachmittag auf den Platz begeben, wo die Kammer tagte, und standen mit einer Menge Arbeitern, alles ernste, entschlossene Menschen, zusammen, denen wir mittheilten, was wir durch den Deputierten wußten.
Plötzlich ertönte militärischer Lärm, und zu gleicher Zeit rückte von mehreren Seiten her Cavallerie heran und fing an, den Platz zu besetzen.
Den Abgeordneten wurde befohlen, auseinander zu gehen, und sie, nur der Gewalt weichend, zogen nun in geordneter Procession zum Hause hinaus über den Platz, um sich dann zu vertheilen.
Es war ein trauriger Anblick, und uns Allen, die wir da standen, kochte das Blut vor Empörung und Schmerz.
Fortsetzung folgt




