Theosophie
Mittwoch, 3. Juni 2026 von Adelinde |
Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet.
Von den Tatsachen, die ihnen mißfallen,
wenden sie sich ab und ziehen es vor,
den Irrtum zu vergöttern,
wenn er sie zu verführen vermag.
Wer sie zu täuschen versteht,
wird leicht ihr Herr.
Wer sie aufzuklären sucht,
ist stets ihr Opfer. Gustave Le Bon
Eberhard Beißwenger
legte einst seine Gedanken zur Theosophie nieder. Sie könnten für viele Suchende wichtig sein:
Es gibt verschiedene theosophische Richtun-gen. Eine davon ist die von Rudolf Steiner begründete „Anthroposophie“.
Das grundlegende Lehrbuch Steiners trägt denselben Titel wie dieser Aufsatz:
„Theosophie“.
Mir liegt die 28. Auflage, 71.-76. Tausend, Dornach, Schweiz, 1961, vor. In ihm finden wir am Schluß der „Vorrede zur dritten Auf-lage“ auf den Seiten 14 und 15 folgende Sätze:
„Die zwingende Macht vieler Meinungen, welche man sich auf der Grundlage ,si-cherer wissenschaftlicher Erfahrungen‘ aufgebaut hat, ist für manche so groß, daß sie gar nicht anders können, als die Darstellung eines Buches, wie dieses eines ist, für bodenlosen Unsinn zu halten.
Der Darsteller übersinnlicher Erkennt-nisse kann solchen Dingen durchaus ohne alle Illusion gegenüberstehen. —
Man wird ja allerdings leicht versucht sein, von einem solchen Darsteller zu verlangen, er solle ,einwandfreie‘ Beweise für das geben, was er vorbringt.
Man bedenkt dabei nur nicht, daß man damit sich einer Täuschung hingibt. Wenn man verlangt – allerdings ohne daß man sich dessen bewußt ist -, nicht die in der Sache liegenden Beweise (anzuer-kennen), sondern diejenigen, welche man selbst anerkennen will oder anzuerken-nen in der Lage ist.
Der Verfasser dieser Schrift weiß, daß in ihr nichts steht, was nicht jeder aner-kennen kann, der auf dem Boden der Naturerkenntnis der Gegenwart steht.
Er weiß, daß man allen Anforderungen der Naturwissenschaft gerecht werden kann und gerade deswegen die Art der hier von der übersinnlichen Welt gegebe-nen Darstellung in sich gegründet finden kann.
Ja, gerade echte naturwissenschaftliche Vorstellungsart sollte sich heimisch in dieser Darstellung fühlen. Und wer so denkt, der wird sich von mancher Dis-kussion in einer Art berührt fühlen, wel-che durch das tiefwahre Goethesche Wort gekennzeichnet ist:
,Eine falsche Lehre läßt sich nicht widerlegen, denn sie ruht ja auf der Überzeugung, daß das Falsche wahr sei.‘
Diskussionen sind fruchtlos demjenigen gegenüber, der nur Beweise gelten lassen will, die in seiner Denkungsweise liegen. Wer mit dem Wesen des ,Beweisens‘ be-kannt ist, der ist sich klar darüber, daß die Menschenseele auf anderen Wegen als durch Diskussion das Wahre findet.“
Es wird überdies an anderer Stelle noch gesagt, das Buch enthalte nur von Steiner selbst Erlebtes, zu dessen Verständnis ein „Nacherleben“ nötig sei, und es wird auch wieder und wieder darauf aufmerksam ge-macht, daß den Gedankengängen nur zu folgen sei, wenn die jeweils vorhergehenden Stufen der Erkenntnis bereits erklommen seien.
Steiner lehnt also jede Beweisführung für die Richtigkeit seiner in diesem Buch aufgezeig-ten Lehre ab. Er meint, seine Feststellung (um nicht zu sagen Behauptung), daß seine Lehre wahr sei und daß ihre Wahrheit sich aus einem „Nacherleben“ ergäbe, müsse ausrei-chen.
Ich meine aber, daß dies nicht ausreicht, um eine Gewähr dafür zu bieten, daß uns nicht „bodenloser Unsinn“ geboten werden kann. Wir wollen darum die Aussagen aus obigem Zitat Steiners sachlich überprüfen, wobei wir auch noch einiges dessen berücksichtigen wollen, was Steiner in dem vorliegenden Buch lehrt.
Weisheit oder „bodenloser Unsinn“?
Es ist sicher richtig, daß bei einer Erkenntnis, bei der das Folgende auf bereits gewonnenen Erkenntnissen aufbaut, nicht willkürlich etwas herausgegriffen werden kann. Man muß das Vorhergehende wissen, ehe man weiter-schreiten darf.
Nach Steiner gibt es „übersinnliche Erkennt-nisse“, die nur ganz wenige gewinnen kön-nen, die aber meist erst selbst „eingeweiht“ wurden, die nun aber ihrerseits wieder an-dere Menschen, jedoch auch nur in unter-schiedlichen Graden, „einweihen“ können.
Um zu diesen „übersinnlichen Erkenntnissen“ kommen zu können, ist also kein Wissen im Sinne unserer Wissenschaften, sondern eine „Einweihung“ erforderlich.
Eine Überzeugung aber, die sich nicht auf Wissen gründet, nennt man gemeinhin „Glauben“ im Sinne des „Für-wahr-Haltens“. Doch prüfen wir, ob es möglich ist, Wissen von etwas zu erlangen, das nicht mit den Sinnen wahrzunehmen ist.
Die menschliche Vernunft kann nur, das hat Immanuel Kant nachgewiesen, die Welt der Erscheinungen ergründen. Versucht sie Aussagen über das Wesen der Dinge zu machen, so irrt sie zwangsläufig.
Trotzdem aber besteht hier eine Möglichkeit, zu Erkenntnissen zu kommen, und Steiner hat sie auch richtig benannt:
Über das (seelische) Erleben ist es dem Men-schen sehr wohl möglich, zu Erkenntnissen über das Wesen der Dinge, oder besser: über das Wesen der Erscheinungswelt zu kommen, gehört doch der Mensch selbst dieser Welt der Erscheinungen an und ist – wiederum nach Kant – das Bewußtsein dieser Welt der Erscheinungen, d. h. des gesamten Kosmos.
Sollen die im Erleben gewonnenen Erkennt-nisse aber anderen mitgeteilt werden, so muß man sich hierzu der Sprache bedienen, die aber ihrerseits in ihren Begriffen ausschließ-lich der Welt der Erscheinungen entnommen ist.
Es ist also nötig, durch die Art der Darstel-lung zu einem „Nacherleben“ anzuregen. Wir können also auch darin, daß ein „Nacher-leben“ nötig sei, Steiner durchaus zustim-men, was wir aber schärfstens zurückweisen müssen, ist eine Ablehnung, ja Verspottung der Forderung nach Beweisen für das als Erkenntnis Ausgegebene.
Gerade das Anregen zum „Nacherleben“ ist sehr wichtig. Es muß hierzu vom gesicherten Wissen ausgegangen werden, wobei zunächst also die Vernunft angesprochen und bis an ihre Grenzen vorgedrungen wird.
Damit werden „Leitern“* errichtet, von deren freien Enden sich die Seele des Menschen im Erleben über die Grenzen der Vernunft erheben kann.
*) Bild, das Mathilde Ludendorff in ihrem Werk „Selbstschöpfung“ verwendet.
Ein solches Erleben wird dann dem gesi-cherten Wissen der Vernunft nicht nur nicht widersprechen – wie es Steiner wünscht -, sondern mit ihm in vollem Einklang stehen.
Überdies ist es mit dieser Art des Hinführens zur Erkenntnis möglich, auch gleichzeitig den „in der Sache liegenden Beweis“ für die Wahr-heit des Erlebten zu erbringen.
Wenn also Steiner behauptet, man könne solche Beweise nicht fordern, so zeigt er damit nur, daß er diesen Weg des Führens zur Erkenntnis nicht kennt, nicht gehen will oder nicht gehen kann, weil seine „Erkenntnisse“ mit dem gesicherten Wissen unserer Wis-senschaften in keiner Weise verbunden sind.
Jeder Versuch aber, Erkenntnisse, die aus dem Erleben gewonnen wurden, ohne Ver-bindung mit unserem Vernunftwissen über-mitteln zu wollen, wird zwangsläufig zum Mißverstehen oder, was noch schlimmer ist, zur Suggestion führen.
Wer sich als Mensch mit gesundem Men-schenverstand dazu überreden läßt, auf die ganz selbstverständliche Forderung nach einem Beweis für angebliche Erkenntnisse zu verzichten und überdies die Unterstellung Steiners, man wolle nur Beweise hören, die einem genehm seien – das aber heißt nichts anderes, als man sei nicht willens, wahrhaftig zu sein -, nicht schärfstens zurückweist, der hat damit den Willen, sich „bodenlosem Un-sinn“ zu widersetzen, bereits aufgegeben.
Ja, er wird noch, da er doch nicht als dumm erscheinen will, sich all das geschilderte angebliche Erleben selbst suggerieren und zwar so lange, bis er das erwünschte „Nach-erleben“, d. h. die entsprechenden Gesichts- und Gehörs-Halluzinationen hat.
Steiner bestreitet selbstverständlich diesen Erfolg seiner Lehre. Bestreiten kann man alles, wenn man sich mit einem geschickten Trick der Beweislast für das als „Wissen“ Ausgegebene entledigt hat.
Steiner hat sich aber nicht nur der Beweislast entledigt, er hat den Leser auch noch vor „bodenlosem Unsinn“ gewarnt! Vergegen-wärtigen wir uns, in welchen Zusammenhang Steiner das Goethewort stellt:
„Eine falsche Lehre läßt sich nicht widerlegen, denn sie ruht ja auf der Überzeugung, daß das Falsche wahr sei.“
Von dem hier ausgesprochenen Gedanken soll nun der Leser des Steinerschen Buches bei „mancher Diskussion“ sich „berührt fühlen“. Das aber heißt doch nichts anderes als:
Wenn auch die Lehre falsch ist, was tuts, es kann dies doch niemand denen beweisen, die daran glauben!
Wollte also Steiner sagen: Wer auf meine Lehre einmal hereingefallen ist, bleibt ihr für immer verhaftet, er ist aber selbst daran schuld, ich habe gewarnt? Dann wäre er ein bewußter Täuscher! Wie aber soll man das, was Steiner hier ausführte, anders deuten?
Es gibt aber zum Glück außer der bereits gezeigten noch eine Möglichkeit, die Rich-tigkeit von Erkenntnissen zu beweisen, die durch unmittelbares, spontanes Erleben gewonnen wurden.
Steiners Ablehnung von Beweisen ist also in keiner Weise mehr haltbar. Auf Erkenntnissen aufbauend, die durch Erleben gewonnen wurden, wird die Vernunft Zusammenhänge in der Welt der Erscheinungen klären und hierdurch zu weiteren Erkenntnissen auch auf dem Gebiet der Vernunft führen können.
All dies derart gewonnene Wissen muß sich aber im täglichen Leben für jedermann er-kennbar bewahrheiten. Nach Erkenntnissen aber, die auch in der materiellen Welt wei-terführen, sucht man bei Steiner vergebens.
Nur „Eingeweihte“ verstehen alles, und so manches, was von ihm behauptet wird, widerspricht jeglicher Erfahrung. Wie alle okkulten Richtungen, so lehnt auch Steiner unter Berufung auf seine „höheren Einsichten“ jede Kritik an seiner Lehre ab.
Adelinde: Der wahrheitssuchende Denker fordert von Steiners Lehre von den „Erzengeln“ beispielsweise den Beweis, daß solche gestaltgewordenen Geistwe-sen uns Menschen in der Erscheinungswelt um-schweben, obwohl diese Annahme die heiligen Naturgesetze übergeht, die uns Lebewesen die Zuverlässigkeit der Natur sichern. Einen solchen Beweis aber kann man bei „Erzengeln“ nun einmal nicht führen. Denn:
Wenn schon Erscheinungsformen als gegeben an-genommern werden, dann müssen sie eben auch mit den Gesetzen der Erscheinungswelt übereinstimmen. Da sie diese Forderung nicht erfüllen, sind Steiners „Erzengel“ als wahrheitswidrige Fantasiegebilde entlarvt.
Nichtsdestotrotz belieben Gläubige dieser Art diejenigen des Matrialismus zu bezichtigen, die die „höheren Einsichten“ der „Eingeweihten“ nicht als solche anerkennen. Die Naturgesetze indes sind Zeugen göttlicher Weisheit und Ordnung.
Mit all seinen Behauptungen glaubt Steiner, sich einen Freibrief ausgestellt zu haben, uns vorsetzen zu können, was er will, sofern es nur dem durchschnittlich geringen Wissen der Menschen nicht widerspricht. Auf diese Weise kann man über das „Jenseitige“, das „Übersinnliche“ den Menschen leicht „bo-denlosen Unsinn“ vorphantasieren!
Zugegeben, das Wissen ist noch sehr jung, daß tatsächlich über das Erleben Erkenntnisse vom Wesen der Erscheinungswelt gewonnen werden können und die Art ihrer unantast-baren Übermittlung.
Beim Erscheinen der ersten Auflagen des Steinerschen Buches war es noch nicht gewonnen. Den Nachweis darüber führte Mathilde Ludendorff in ihren philosophischen Werken*.
*) Verlag von Bebenburg, 8121 Pähl. Verlag Hohe Warte.
Alle Behauptungen der verschiedenen Religionen, Sekten und Glaubensrichtungen einschließlich der atheistischen Weltan-schauungen, die entweder vorgeben, daß irgendwann einmal irgendeinem besonders Begnadeten das offenbart oder von einem Menschen „erlebt“ worden sei, was sie lehren,
– und es bedürfe für dessen Wahrheit keines Beweises,
– oder die jede Möglichkeit ablehnen, Erkenntnisse vom Wesen der Dinge erlangen zu können,
– oder die – trotz Kant – meinen, die Vernunft sei hierfür zuständig,
sind damit als Irrtum erwiesen.
Nach dieser Klarstellung können wir das Buch ruhig beiseite legen, sofern wir nicht Lust verspüren sollten, einmal festzustellen, was alles hier den Menschen als „höhere Weisheit“ zugemutet wird, und was sie sich alles bieten lassen.
Leider kann ich eine solche Untersuchung aus Raummangel nicht durchführen. Wir würden dabei allerdings sehen, daß es sich bei Stei-ner nicht durchwegs um „bodenlosen Unsinn“ handelt, sondern daß in ihn auch wirkliche Weisheiten eingestreut sind, etwas, was bei allen Religionen und auch beim Dialektischen Materialismus festzustellen ist.
Würden sie alle nur „bodenlosen Unsinn“ lehren, so wäre ihr Bestehen über Jahrtau-sende auch gar nicht begreiflich, und im Fall der Anthroposophie auch nicht, daß ihr so viele „Gebildete“ anhängen.
Die Weisheiten aber, die enthalten sind, entstammen tatsächlichem „Erleben“, während alles übrige einem Scheinerleben entspringt, das auf suggestivem Weg herbeigeführt wurde.
(Quelle: „Mein Standpunkt“ Folge 5 vom Mai 1967. Verlag Mein Standpunkt, Herausgeber Hans Dirks, Westerstede.)