Wie war das eigentlich in München 1938
Dienstag, 22. Oktober 2024 von Adelinde |
Eskalation oder De-Eskalation: Die Münchner Konferenz vom September 1938
Zu diesem Thema veröffentlicht
Dr. Gunther Kümel
in Folge 4/5-2024 der Zeitschrift „Volk in Bewe-gung“ seine bereits im Weltnetz erschienene jetzt auch bei Adelinde willkommene Abhandlung.
Was ergab die Münchner Konferenz am 29. Septem-ber 1938 und wie reagierten die Völker darauf?
Die Tschechei (CSR) war ein nach dem Ersten Weltkrieg von Frankreich und England künst-lich zusammengeschusterter Vielvölkerstaat aus Tschechen, 3,5 Millionen Deutschen, Slowaken, Ungarn, Ukrainern, einigen weni-gen Polen und Rumänen sowie kleinen sla-wischen Völkchen (Slonzaken, Hultschiner), die sich den Deutschen zugehörig fühlten.
Karte: Sprachverteilung in der Tschechoslowakei um 1930. Mariusz Pazdziora, WIKI Commons
Violett = deutsch, rot = tschechisch, rosa = slowakisch, orange = polnisch, gelb = ukrainisch, grün = ungarischDie einzelnen Völkerschaften in der CSR hatten meist keinen Bezug zu den anderen, historisch und kulturell waren sie einander fremd, wurden in diesen Staat hineingezwun-gen, teils mit brutaler Gewalt.
Gefragt wurde keiner. Zum Beispiel hatten die Hultschiner sogar selbst eine Volksabstim-mung organisiert, in der sie sich zu 99 % für die Angliederung an Deutschland ausspra-chen.
Die Deutschen, „Altösterreicher“ und 1918 Angehörige des Nachfolgestaates Deutsch-österreich, protestierten in riesigen Demon-strationszügen friedlich gegen den Zwang.
Die Protestzüge wurden von den Tschechen zusammengeschossen. Die Einheimischen beklagten 56 Tote und Hunderte Verletzte.
England und Frankreich dekretierten den-noch, gegen den ausdrücklichen Protest der Betroffenen, den Anschluß der deutschen Gebiete, und des Hultschiner Ländchens an den Kunststaat.
Besonders Frankreich verfolgte die Politik, rund um Deutschland und Österreich Staaten mit großen deutschen Minderheiten in ge-schlossenen Siedlungsgebieten zu errichten, in denen jeweils eine Zentralmacht autoritär die Staatsführung beanspruchte.
Der britische Premier Lloyd George warnte ausdrücklich vor dieser Politik. Ziel der französischen Bestrebungen war die Einkrei-sung und politische Eindämmung der Deut-schen, was durch ein Netz von Militärbünd-nissen realisiert wurde. In Polen etwa lebten kaum über 50% ethnischer Polen neben Deutschen, Ukrainern, Weißrussen, Großrus-sen, Litauern, Kaschuben und Oberschlesiern.
Das Volk der Kaschuben hatte sich jahrhun-dertelang gegen die Übergriffe der Polen zur Wehr gesetzt, betrachtete sich als Glied des deutschen Volkes und pflegte (ähnlich wie die Masuren, Lausitzer und Oberschlesier) nur als Haussprache ein slawisches Idiom.
In Jugoslawien unterdrückte eine Minderheit von 23 % Serben große Volksgruppen von Kroaten, Slowenen, Ungarn, Albanern, Bosniern, Mazedoniern und Deutschen.
Die größte Volksgruppe der CSR (Tschechen) machte nicht einmal die Hälfte der Bevölke-rung aus. Sie errichteten aber unter Masaryk und Beneš eine chauvinistische, sehr autori-täre Zentral-Herrschaft, die die anderen Völker im Staat existenzgefährdend benach-teiligte und zu entnationalisieren versuchte.
Clemenceau hatte zwar ein weitgehendes Minderheiten-Schutzabkommen durchge-setzt, aber die Tschechen brachen es syste-matisch und kündigten es bald. Deshalb standen alle Minderheiten der Zentralmacht höchst skeptisch gegenüber.
Außenpolitisch räumte die CSR der UdSSR einen erheblichen militärischen Einfluß auf dieses mitteleuropäische Land ein (Schultze-Rhonhof, „Das tschechisch-deutsche Drama 1918–1939“).
Als Opposition zur staatstragenden tsche-chischen Partei von Beneš (der „nationalso-zialistischen Partei der CSR“) etablierten sich Parteien der Deutschen, die sich schließlich unter dem Druck des Staates zu einer Ge-samtpartei zusammenschlossen; ihr Vorsit-zender wurde der Turnlehrer Konrad Henlein.
Henlein wandte sich an England und Frank-reich, intervenierte immer wieder bei Churchill, Vansittart und einer Reihe anderer hochrangiger britischer Politiker. Als dies wenig Erfolg brachte, wandte er sich zuletzt an Hitler.
Schließlich erkannten die Regierungen von Frankreich und England, daß die Unterdrük-kung der Deutschen in der CSR einen Grad erreicht hatte, der mit dem normalen Leben in Europa nicht mehr zu vereinbaren war.
Sie machten die erzwungene Angliederung der deutschen Gebiete von 1918/19 rück-gängig und entwickeln einen Plan zur Rück-Abtrennung der mehrheitlich von Deutschen bewohnten Gebiete Böhmens und Mährens und ihre Angliederung an Deutschland. Die CSR akzeptiert diesen Plan schließlich (DBFP, 3.series, Volume II, Doc.1005).
Auf der Konferenz von München werden nur noch die technischen Details der Übergabe der Gebiete besprochen. Der Münchner Ver-trag beginnt entsprechend mit den Worten:
„Deutschland, das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien sind unter Berück-sichtigung des Abkommens, das hin-sichtlich der Abtretung des sudeten-deutschen Gebietes bereits grundsätzlich erzielt wurde, … übereingekommen, …“
Nun fordern aber alle anderen Minderheiten ebenfalls „LOS von PRAG!“, der Staat zerfällt sehr schnell. Die Polen bezeichnen die Slonzaken kurzerhand zu ethnischen Polen und erzwingen von der CSR die Abtretung ihres Industriegebietes Teschen durch Kriegsdrohung und Ultimatum und fordern weitere Landstriche; Ungarn marschiert ein und gliedert die ungarischen Gebiete der Slowakei wieder Ungarn an.
Tschechen, Slowaken und Ukrainer befürch-ten weitere Angriffe der Nachbarstaaten (und der UdSSR !) und wenden sich in getrennten Demarchen an Deutschland, sie wollen „deut-schen Schutz“, also den Protektorats-Status. Hitler lehnt das Ersuchen der Ukrainer ab, offensichtlich hat er keine Pläne, „die Ukraine zu erobern“.
Er akzeptiert das Ersuchen der Slowakei. Dann kündigt sich der Präsident der verblie-benen Tschechei, Hacha, an. Er ist bekannt dafür, daß er eine Selbständigkeit von Böhmen und Mähren für eine schlechte Lösung hält.
Das deutsche Außenministerium wendet sich an England (Konsultativ-Abkommen). Chamberlain erklärt das „Desinteressement“ Englands, Hitler habe „freie Hand“ (DBFP IV, No332).
Hacha verhandelt mit Hitler einen Protekto-ratsvertrag und akzeptiert nolens volens die militärische Besetzung des Landes. Dies ist für Deutschland von existentieller Bedeutung, da Stalin offensichtlich erwägt, Böhmen und Mähren zu besetzen.
Rumänien gewährt ihm zwar keine Durch-marschrechte, die UdSSR hat jedoch umfas-sende Landungsrechte für Militärflugzeuge auf böhmischen Flugplätzen. Diese Gefahr hat wohl auch Chamberlain zu seiner Politik der freien Hand motiviert.
Die Tschechei prosperiert unter dem deut-schen Protektorat. Die Tschechen zählen zu den wenigen Europäern, die im WKII nicht als Soldaten an die Fronten müssen. Die 1000 Jahre alte Zusammenarbeit zwischen Deut-schen und Tschechen im Kurfürstentum und Königreich Böhmen erwacht wieder. Wirt-schaft und Handel blühen, es gibt keine Versuche, Deutsche einzusiedeln oder die Autonomie der tschechischen Kultur zu verletzen.
Die Tschechen sind zufrieden und koope-rieren vollkommen mit den Deutschen. Dies läßt die Briten nicht ruhen. Bewaffnete Agenten werden mit dem Fallschirm abge-setzt und führen einen erfolgreichen Mord-anschlag auf den Chef der Protektoratsver-waltung durch. Tschechische Polizei erschießt die Männer der Ortschaft Lidice, die die Agenten unterstützt haben.
