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„Nach grüner Farb mein Herz verlangt …“

Wolf-Dieter Storl hat ein tiefschau-endes Werk über den Wald und das wunderbare Netzwerk seiner pflanz-lichen Lebewesen geschrieben. Daraus entnehme ich den folgenden Wortlaut:

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie
und grün des Lebens goldner Baum. Goethe

Grün tut gut, es ist Farbe der Hoffnung, des Frühlings, des Neubeginns, des Lebens und der Jugend. Das war sicherlich schon immer so.

Bei den meisten der alten, naturnahen Völker  sind es ein lichtvoller, grüner Wald und bunt brühende Wiesen, voller Schmetterlinge und anmutiger Tiere, die den eben Gestorbenen auf der anderen Seite grüßen.

Lediglich eine urbane Zivilisation sehnt sich nach einer „himmlischen Zitadelle“, nach dem neuen Jerusalem, wo die Straßen aus purem Gold und die Mauern aus funkelnden Edel-steinen bestehen.

Die Anderswelt der Kelten war Avalon, ein Wald, in dem fruchtbeladene Apfelbäume wachsen. Äpfel galten den europäischen Urvölkern als Symbole des Lebens; selbst die Götter brauchen ihren täglichen Apfel, um jung zu bleiben.

Bei den Germanen war das Jenseits „die grüne Aue Gottes“ (grôni godes wang). Das Wort „Wang“ hat die Bedeutung einer blumenrei-chen Waldwiese, voller duftender Kräuter, zugleich auch einer saftigen Weide für das Vieh.

Daran erinnert das Märchen der Frau Holle. Nachdem dem fleißigen Mädchen, das am Rand eines tiefen Brunnens spinnt, die Spin-del aus der Hand rutscht, stürzt es in den Schacht und landet auf einer solchen Blu-menwiese. Es hat sozusagen seinen Lebens-faden verloren und befindet sich plötzlich auf dem Totenpfad ins Jenseits, der zur alten Göttin, zur Frau Holle führt. Auch in der nordischen Poesie werden die Himmelsgefilde (himelriki) als „die grüne Heimat“ beschrieben.

In der Urzeit, ehe die wilden Asen daherge-stürmt kamen, walteten die weisheitsvollen Wanen („die Leuchtenden“), die vor allem Götter der Vegetation sind, über das Weltge-schehen. Es war ein goldenes Zeitalter, ein Äon des Friedens, der Fröhlichkeit und der Fruchtbarkeit. Eisen und Waffen gab es noch nicht, man spielte auf grünen, sonnigen Wiesen.

Freya, die Göttin der Schönheit und der Liebe, und ihr Bruder, der friedliche Freyr, gehörten zu diesem edlen Geschlecht der Wanen – ein Wort übrigens, das mit „Wonne“ verwandt ist. Noch im Mittelalter galt die Farbe der Freya, das Grün, als die Farbe der Minne.

Unsere Altvorderen lebten im Mutterrecht, das dann – wie Herman Wirth sich ausdrückte – vom „Machter-greifungs-Mann-Zeitalter“ abgelöst wurde, ganz wie die Wanen von den Asen!

Immergrüne Gewächse, Tanne, Fichte, Mistel und vor allem die Stechpalme (Hülse, Hulst-baum, Ilex aquifolia) waren den Kelten und Westgermanen heilig, da sie das Lebensgrün durch den Winter, durch die Totenzeit, tra-gen. Deswegen schmücken wir Haus und Stube noch immer mit Adventskränzen, Stechpalmen- und Tannenzweigen und einem Weihnachtsbaum, wobei letzterer zugleich den Weltenbaum symbolisiert.

Keltisch ist auch die mittelalterliche Ge-schichte vom Grünen Ritter. In den Winter-sonnwendtagen (Silvester) vom Walde her kommend, erscheint ein wild aussehender, grün gekleideter Hüne am Hof von König Artus. Der Fremde reitet eine grüne Stute, deren Zaumzeug Efeuranken sind In seiner Hand trägt er einen Stechpalmenzwei, in der anderen eine Axt. 

Als Herausforderung wirft er den Zweig auf den Boden und spricht mit dröhnender Stimme:

„Welcher Ritter hat den Mut, mit mir zu kämpfen und mir den Kopf abzuschla-gen. Im folgenden Jahr, zur selben Zeit, werde ich ihm den Kopf abschlagen!“

Keiner der Tafelrunde wagt es, den Fehde-handschuh aufzunehmen, außer der junge, unerfahrene Ritter Gawain, der sozusagen noch „grün hinter den Ohren“ war. Man befürchtet, es würde sein erster und letzter Kampf sein. Wider Erwarten gelingt es dem Grünschnabel, den Riesen zu köpfen. Dieser aber stirbt nicht, sondern lacht nur, packt seinen Kopf unter den Arm  und reitet fort.

Der Grüne Ritter symbolisiert nichts anderes als die regenerierende Kraft der Natur. Jedes Jahr zur Wintersonnenwende scheint es, als wäre es mit der Vegetation zu Ende, aber jeden Frühling erneuert sie sich. Der Grüne Mann zeigt sein Laubgesicht bis zum heuti-gen Tag als Zierelement in den gotischen Kathedralen Westeuropas, etwa zu Füßen des Bamberger Reiters.

 

Bamberger Reiter (Bild „Dom Bamberg“)

Laub wächst ihm (dem grünen Mann) aus Haupt und Bart, und Blätter quellen aus seinem Mund. Es könnte gut sein, daß sich hinter der mysteriösen Gestalt der keltische Waldgott Esus  verbirgt (das erinnert an den biblischen Esau, der – im Gegensatz zu seinem hinterhältigen Bruder Jakob – im Grase liegt und träumt und nicht merkt, wie sein Bruder Jakob ihn beraubt. Eine bis heute gültige Geschichte!).

… Eines der Verdienste der heilkundi-gen Hilgegard von Bingen (1098 – 1179) war es, daß sie es verstand, das Naturwissen des einfachen Volkes mit der christlichen Lehre zu versöhnen. Auch die einheimischen Kräuter, er-klärte sie, hätten Teil an der heilsa-men, grünen Lebenskraft, an der Viriditas, nicht nur diejenigen, die in en engen, quadratischen Beeten der Klostergärten gepflanzt wurden:

„Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit, und diese ist grün.“

… Und dann gibt es ja noch in der Karwoche den Gründonnerstag, der das Ende der Fastenzeit markiert und an der letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern erinnern soll. Das „Grün“ des Gründonnerstags jedoch hatte ur-sprünglich nichts mit der Farbe des Lebens zu tun, sondern kommt vom „Greinen“ (mittelhochdeutsch grinen = weinen, wehklagen), denn nun standen Passion und Kreuzigung bevor.

Das einfache Volk machte aus diesem „Donnerstag des Greinens“ den Grün-donnerstag und knüpfte damit an alt-überliefertes, heidnisches Brauchtum an, nämlich das Sammeln der „neun“ grünen Kräuter, die als Kultspeise die vom Winter gebeutelten Menschen wieder mit dem Geist des lebenser-neuernden Frühlings verbinden sollten.

Die der Freya geweihten Kräuter wurden von den Frauen gesammelt und als Suppe oder Salat gegessen. Bis zum heutigen Tag kennt man in einigen Regionen die vitaminreiche und den Stoffwechsel anregende Gründonnerstagssuppe, die „Grüne Neune“, die „sauce verte“ der Fran-zosen, die Neunkräutersuppe und die Frankfurter Grüne Soße, die Goethe so liebte.

… Für die Muslime ist Grün die heilige Farbe. Das ist verständlich, denn in der Wüste bedeutet Grün Wasser und Leben. Indem Mohammed die Farbe mit Allah assoziierte, schaffte er für seine Anhänger eine unumstößliche Symbolik. Der Prophet soll einen grü-nen Turban getragen haben; keinem anderen, außer einem Kalifen, ist das erlaubt. Die Hamas-Kämpfer tragen dennoch grüne Stirnbänder, als Zeichen ihrer Hingabe.

Wie Mohammed benutzte auch die Umweltbewegung der Grünen seit den 1980er-Jahren die Farbe des Lebens als durchschlagkräftiges Symbol in ihrem Kampf gegen Umweltver-schmutzung, Waldsterben und atomare Aufrüstung …

Inzwischen gut in die Parteienland-schaft etabliert, gerät die Grüne Partei mit ihrer Politik pro E-Mobilität, gigantische Windräder, Pellet-Heizung oder den Anbau von Pflanzen als Rohstoffe in Monokulturen für die Biogas-Herstellung zunehmend in die Kritik von Umweltschützern. (Etscheit 2016) …

Der grüne Pflanzensaft ist ein Spie-gelbild unseres roten Blutes. Das aus einem Parphyrin-Ring bestehende Chlorophyll-Molekül ist identisch mit dem Häm(Blut)-Molekül, nur daß Chlorophyll in der Mitte des Rings ein Magnesium-Atom enthält, während das Hämoglobin ein Eisenatom enthält – aber das weiß inzwischen jedes Schulkind. (Das ist leider zu bezweifeln. Adelinde)

Das Eisen macht es möglich, daß sich unsere Seele mit dem materiellen Körper verbinden kann. Das Magne-sium dagegen erlaubt es der Seele der Pflanze, uninkarniert im ätherischen Raum zu bleiben; die Pflanzenseele umschwebt sozusagen ihren leben-digen physischen Leib, anstatt sich in ihm zu verkörpern.

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