Bretzenheim-Gedenken am 09. Mai 2026
Sonntag, 10. Mai 2026 von Adelinde
Und wieder war es
Ernst Cran,
der in Bretzenheim mit seinen Worten des unmenschlichen Verreckenlassens gefangener deutscher Soldaten in den Rheinwiesenlagern gedachte, des mit aller Absicht herbeigeführten Völkermordes. Er sprach:
„Der Zweite Weltkrieg war mit Abstand der schrecklichste Krieg in der Geschichte, aber was noch bevorstand … (war der) schrecklichste Frieden in der Geschichte.“
Diese Worte stammen aus dem Buch „Sommer 1945“ von Thomas Goodrich (S. 64). Der VS-amerikanische Historiker wurde bekannt durch sein auch als Dokumentarfilm erschie-nenes Buch „Höllensturm“ über die Holocaustisierung Deutschlands aus der Luft.
In „Sommer 1945“ bringt er weitere schreck-liche Wahrheiten zutage und nennt sie beim Namen: Er schildert das Wüten der alliierten „Sieger“ gegen deren Feindmächte Deutschland und Japan weit über das jeweilige Kapitulationsdatum hinaus.
„Dem schrecklichsten Krieg in der Geschichte folgte der schrecklichste Frieden in der Geschichte“.
Das Datum für den Übergang von der einen Scheußlichkeit in die andere ist für Europa – und damit für Deutschland – der 08. bzw. 09. Mai 1945. Dieses Datum jährt sich heute zum 81. Mal.
81 Jahre schon währt nun dieser „schreck-lichste Friede“, der seinen Namen doch gar nicht verdient; fehlt doch nach wie vor ein Friedensvertrag – und wer denn auch sollte diesen auf deutscher Seite unterzeichnen …
„Dem schrecklichsten Krieg in der Geschichte folgte der schrecklichste Frieden in der Geschichte“.
Zwei Bilder zu diesem Satz! Beide entstam-men sie dem „Sommer 1945“, beide zeigen sie Überlebende jenes Sommers.
Das eine Bild hier aus Deutschland, das andere aus Übersee, wo im Namen der „Befreiung“ dieselben Abartigkeiten wüteten wie hier in Europa.
Zwei Bilder – zwei Bilder aus Worten.
Das eine Bild: Die Schilderung einer Begeg-nung mit einem heimgekehrten deutschen Soldaten (Sommer 1945, S. 354/355). Das Bild eines Gezeichneten – und das Bild eines Erschreckens:
Eine Tochter stürmte eines Tages in „atemloser Erwartung“ in eine Dorfkneipe, überwältigt von der Neuigkeit, ihren Vater, den alle für tot gehalten hatten, wiederzu-finden.
Plötzlich erstarrte die Frau in ihrem Spurt:
„Ich sehe eine einsame Gestalt in einem in vager Weise einer russischen Uniform ähnelnden Gewand. Er sitzt am Tisch beim Kachelofen, wo die Stammgäste, freundschaftlich vereint, gewöhnlich Karten spielten und ihr Bier aus Krügen tranken.
Er sitzt da, ohne sich zu rühren, und der Anblick versetzt mich in einen Zustand reglosen Verharrens.
Hin und wieder erreicht ihn eine vom geöffneten Fenster her kommende leichte Brise, und er erschauert, als wäre es ein eisiger Wind.
Sein einziges anderes Lebensmerkmal ist ein Rinnsal aus der Ecke eines seiner Augen, das sich als funkelnde Linie auf der Pergamentnase, mit dem Speichel, der aus seinem halb geöffneten Mund sabbert, vereint.
Der haarlose Schädel hängt tief an der Brust herunter, zwei Arme baumeln zwischen seinen weit gespreizten Beinen und von seinem Kinn aus tropft etwas in regelmäßigen Abständen auf den Fußboden.
Abgesehen vom Tropfen und dem Frösteln, das ihn zuzeiten durchbebt, ähnelt er einer zerbrochenen Bildsäule, auf deren Ränder man verschlissene Klamotten geworfen hat …
Eingesunkene Augen flimmern fiebrig in ihren Höhlen, glasig, ausdruckslos, tot. Eine wie von Sonne, Wind und Regen gebleichte Vogelscheuche, eine Gestalt von undefinierbarer Farbe, wobei seine Haut und die sie verdeckenden Klei-dungsstücke zusammengesehen eine Art Aschgrau ergeben.
Das Begrüßungswort ist auf meinen Lippen erstarrt. Was kann man schon zu einem Mann sagen, der kein Mensch mehr zu sein scheint? Dessen Instinkte, sicherlich mehr als seine bewußte Ent-scheidung, den von seinem Körper übriggebliebenen Rest zu jenem Platz befördert hatten, wo er einst Mann sein konnte? …
In einer irrationalen Rücknahme meiner früheren Gedanken gehe ich auf Zehen-spitzen an ihm vorbei, ohne mir noch länger zu wünschen, daß dieses Etwas mein Vater sei …“
In der Küche drängen sich die anderen in hilfloser Stille zusammen, im Ungewissen darüber, wie sie mit dem Eindringling aus dem Halbtotenreich verfahren sollen, der ihnen weder ein Zeichen gab, daß er weiß, wer oder wo er ist, noch wer sie sind.
Mia (seine Frau) … ist fast von Sinnen und ohne einen Anhaltspunkt, wie man mit dieser abstoßenden Kreatur, ihrem einstigen Ehe-mann, zu Rande käme …
Schließlich appelliert sein offensichtlich kurz vor dem Hungertod stehender Zustand an Mias praktischen Verstand: sie bringt ihm eine Schüssel dampfender Suppe. Als sie zurückkommt, flüstert sie, von Entsetzen gepackt:
,Er kann nicht einmal mehr essen. Ihr solltet gesehen haben, wie er sein Gesicht in die Suppe tauchte und sie ausschlürfte, ohne einen Löffel zu benutzen. Und er versuchte immer wieder, sie zu trinken, während sie von oben aus ihm wieder herauskam. Es ist einfach schrecklich‘.“
Das zweite Bild:
Das Bild eines VS-amerikanischen Veteranen, im Kriegseinsatz in Europa und im Pazifik (sein Name ist bekannt, tut aber nichts zur Sache!).
Das Bild eines „Siegers“ – das Bild eines Gestehenden (Sommer 1945, S. 366/367):
„Wir Amerikaner haben die gefährliche Tendenz, in unserem internationalen Denken gegenüber anderen Völkern eine pharisäische Haltung einzunehmen.
Wir erwägen, daß wir selbst edler und anständiger als andere Völker sind und folglich in einer besseren Position, zu entscheiden, was in dieser Welt richtig und falsch ist.
Was für eine Art von Krieg führen wir denn, nach Meinung der Zivilbevöl-kerung? Wir erschossen Gefangene kaltblütig, machten Krankenhäuser platt, beschossen Rettungsboote, töteten oder mißhandelten feindliche Zivilisten, brachten verwundete Feinde um, warfen Sterbende in mit von Toten gefüllte Löcher und kochten im Pazifik das Fleisch feindlicher Schädel solange, bis es sich löste, um sie danach als Tischverzierungen für unsere Geliebten zu benutzen, oder wir schnitzten Brieföffner von ihren
Knochen.(Wir) verstümmelten die Körper der Feinde, schnitten ihre Ohren ab und rissen ihre Goldzähne als Souvenirs heraus, begruben sie mit ihren Hoden in ihren Mündern. Wir krönten unsere Sättigungsbombardierungen und Verbrennungen feindlicher Zivilisten mit dem Atombombenabwurf auf zwei nahezu wehrlose Städte und brachen damit einen Allzeitrekord umgehender Massenabschlachtung.
Als Sieger haben wir das Privileg, unsere besiegten Gegner wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit abzuurteilen; aber wir sollten realistisch genug sein, anzuerkennen, daß wir, wären wir auf der Anklagebank gewesen, in dutzenden von Fällen schuldig gesprochen worden wären, weil wir gegen internationale Gesetze verstoßen haben.
Wir haben einen unehrenhaften Krieg geführt, weil nach unserer Auffassung der Moral im Kampf eine niedrige Priorität zukam. Je härter der Kampf, desto weniger Raum für Anstand, und in den Kämpfen des Pazifiks sahen wir, wie die Menschheit die schwärzesten Tiefen ihrer Bestialität erreichte.“
Ein drittes Bild schließlich.
Auch dieses Bild besteht aus Buchstaben. Ein Bild, das jeder Deutsche in Uniform in jenen Jahren am Leibe trug. Ein Bild, ein Blatt Pa-pier, das auch all jene verinnerlicht hatten, die hier in den Rheinwiesen verendeten – oder überlebten.
Jeder von ihnen hatte dieses Bild, diese Worte wohl täglich vor Augen – sofern er sein Wehr-machts-Soldbuch zur Hand hatte! Darin eingedruckt waren die „Zehn Gebote für die Kriegsführung des deutschen Soldaten“ – die Leitlinien für die Ethik der deutschen Kriegsführung:
1. Der deutsche Soldat kämpft ritterlich für den Sieg seines Volkes. Grausamkeiten und nutzlose Zerstörung sind seiner unwürdig.
2. Der Kämpfer muß uniformiert sein oder mit einem besonders eingeführten, weithin sichtbaren Abzeichen versehen sein. Kämpfen in Zivilkleidung ohne ein solches Abzeichen ist verboten.
3. Es darf kein Gegner getötet werden, der sich ergibt, auch nicht der Frei-schärler und der Spion. Diebe erhalten ihre gerechte Strafe durch die Gerichte.
4. Kriegsgefangene dürfen nicht mißhandelt oder beleidigt werden. Waffen, Pläne und Aufzeichnungen sind abzunehmen. Von ihrer Habe darf sonst nichts abgenommen werden.
5. Dum-Dum-Geschosse sind verboten. Geschosse dürfen auch nicht in solche umgestaltet werden.
6. Das rote Kreuz ist unverletzlich. Verwundete Gegner sind menschlich zu behandeln. Saniätspersonal und Feld-geistliche dürfen in ihrer ärztlichen bzw. seelsorgerischen Tätigkeiten nicht gehindert werden.
7. Die Zivilbevölkerung ist unverletzlich. Der Soldat darf nicht plündern oder mutwillig zerstören. Geschichtliche Denkmäler und Gebäude, die dem Gottesdienst, der Kunst, Wissenschaft
oder der Wohltätigkeit dienen, sind besonders zu achten. Natural- und Dienstleistungen von der Bevölkerung dürfen nur auf Befehl von Vorgesetzten gegen Entschädigung beansprucht werden.8. Neutrales Gebiet darf weder durch Betreten oder Überfliegen noch durch Beschießen in die Kriegshandlungen einbezogen werden.
9. Gerät ein deutscher Soldat in Gefan-genschaft, so muß er auf Befragen seinen Namen und Dienstgrad angeben. Unter keinen Umständen darf er über Zugehörigkeit zu seinem Truppenteil und über militärische, politische und wirtschaftliche Verhältnisse auf der deutschen Seite aussagen. Weder durch Versprechungen noch durch Drohungen darf er sich dazu verleiten lassen.
10. Zuwiderhandlungen gegen die vorstehenden Befehle in Dienstsachen sind strafbar. Verstöße des Feindes gegen die unter 1-8 aufgeführten Grundsätze sind zu melden. Vergeltungsmaßregeln sind nur auf Befehl der höheren Truppenführung zulässig.
„Zuwiderhandlungen sind strafbar.“ Zuwiderhandlungen wurden bestraft – konsequent und hart! Das dritte Bild aus dieser Zeitschere zwischen dem schreck-lichsten Krieg und dem schrecklichsten Frieden in der Geschichte.
Alle diese Bilder gehören der Vergangenheit an – und alle sprechen sie in unsere Gegen-wart hinein. Jene sind noch immer die, die sie waren – und wir sind weiterhin die, die daraus geworden sind.
Wir sind jener heimgekehrte und versehrte deutsche Krieger. Wir sind jene Kämpfer, die für den Bestand und Erhalt ihres Volkes und Landes mit Ehre und Treue fochten.
Unsere Kraft und Stärke liegt heute nicht in Panzern und Kanonen. Unsere Kraft und Stärke liegt im Gewahrbleiben dessen, wer wir sind.
Wir gehören zu denen, die hier lagen, hier verendeten oder hier entkamen.
Wir gehören zu jenen, die in der Tiefe dieses Rheinwiesenbodens die eigenen Wurzeln gebettet wissen und spüren.
Mögen die, die uns hassen, sich um ihre eigenen – selbst geschaffenen – Mördergruben kümmern.
Wir kümmern uns um das, was wir lieben:
Das Eigene, das deutsche Volk und Land. –
Wie das geht? Zum Beispiel so, daß wir alle heute hier sind! In höchster Not bedingungs-los zum Eigenen stehen – das hat der aus Danzig stammende und dann in München wirkende Dichter und Redakteur Albert Matthäi vor 105 Jahren und 3 Jahre vor seinem Tod in eine Liedstrophe gekleidet.
Anläßlich der Ruhrbesetzung durch die Franzosen fügte er dem „Lied der Deutschen“ eine vierte Strophe an. Diese Strophe soll uns auch heute geleiten – anläßlich der Gesamt-besetztheit unseres Landes, angesichts aller erlittenen Schläge und angesichts der bleibenden Gewißheit unseres Bestehens:
Deutschland, Deutschland über alles,
und im Unglück nun erst recht.
Nur im Unglück kann die Liebe zeigen,
ob sie stark und echt.
Und so soll es weiterklingen
von Geschlechte zu Geschlecht:
Deutschland, Deutschland über alles,
und im Unglück nun erst recht.
