Die vergessene Schlacht von Halbe
Sonntag, 26. April 2026 von Adelinde
Sie müssen sich darüber klar sein,
daß dieser Krieg nicht gegen Hitler
oder den Nationalsozialismus geht,
sondern gegen die Kraft des deutschen Volkes,
die man für immer zerschlagen will … Churchill
Ingrid Rimland-Zündel
erinnert aus eigenem Erleben an
die vergessene Schlacht von Halbe
Zu Beginn der achtziger Jahre recherchierte ich in der Kongreßbibliothek von Washington für meine Roman-Trilogie Lebensraum (englisch), in der die Flucht meiner Familie aus der Ukraine geschildert wird. Damals stieß ich auf einen Artikel über die letzte größere Schlacht des Zweiten Weltkriegs zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee.
Vor meinem geistigen Auge ziehen die blu-tigen Ereignisse wie eine Dia-Show vorbei. Schließlich war ich nur acht Jahre alt, zu jung, um das Gemetzel zu begreifen, das sich um mich herum abspielte und dem ich durch eine bis heute unerklärliche Fügung des Schicksals entrann.
Heute wird der Endkampf des Deutschen Reichs von den Mainstream-Medien als wohlverdienter Schlußpunkt unter eine abscheuliche Diktatur im Herzen Europas dargestellt, was eine grobe Verzerrung der Tatsachen bedeutet. Hier nun meine persönlichen Erinnerungen:
Von meiner einst so großen Familie waren nur noch vier dabei. Früher, lange vor meiner Ge-burt, hatte unsere in der Ukraine geborene Sippe Hunderte von Angehörigen gezählt – Tanten und Onkel, Großeltern, duzende Vettern sowie Nachbarn, die alle mit uns verwandt waren. Jeder war anscheinend mit jedem verwandt, bevor die Bolschewisten unserem friedlichen Dasein ein blutiges Ende setzten.
Mittlerweile waren die einen nach Sibirien deportiert oder hingerichtet worden, die anderen waren bei zwei sowjetischen Hun-gersnöten zugrunde gegangen, wieder andere waren am Straßenrand erfroren, als sie verzweifelt versuchten, dem roten Terror zu entrinnen, der fast drei Jahrzehnte wie ein Alptraum auf unserer Familie gelastet hatte.
Am Ende blieben nur noch vier: Meine Oma, meine vierjährige Schwester Wally, meine schöne, damals etwas über dreißig Jahre alte Mutter und ich.
Um Klartext zu sprechen: Ich bin keine ewig jammernde Jüdin. Ich bin eine Deutsche, die sich mit Stolz zu ihrer Abstammung bekennt, ebenso in der Ukraine geboren und heute amerikanische Staatsbürgerin.
Die Menschen, zu denen ich gehörte, waren im Reich jahrhundertelang als „Volksdeut-sche“ bezeichnet worden. Sie waren ethnische Deutsche, die ihre Heimat vor fünf oder sechs Generationen verlassen hatten und die nun, wo sich Deutschlands Niederlage immer deut-licher abzeichnete, Hals über Kopf in das Land ihrer Ahnen zurückzukehren versuchten –was nur sehr wenige schafften.
Die meisten wurden entweder zwischen zwei Fronten zermalmt oder Endes des Krieges sowie in den ersten Nachkriegsmonaten zu-rück nach Sibirien verschleppt.
In dem Artikel, den ich in der Kongreßbib-liothek fand, wurde die Schlächterei, die ich jetzt beschreiben werde, die „Schlacht von Halbe“ genannt. An die Stadt Halbe besitze ich keine Erinnerungen mehr, wohl aber an zwei Flecken in ihrer Umgebung, Kausche und Greifenhain.
Beide Ortschaften sind unauslöschlich in meinem Gedächtnis haften geblieben, auch wenn meine Erinnerungen anderswo zwangsläufig Lücken aufweisen.
Wir kamen aus Polen nach Kausche. Unmit-telbar vor dem Einzug der Roten Armee in Warschau Ende 1944 setzten wir uns unter dramatischen Umständen aus Hohensalza ab, und es verschlug uns in dieses kleine Dorf. Wir hofften inständig, es nach Berlin zu schaffen, aber Kausche war für uns vorläufig Endstation.
In jenen furchtbaren letzten Kriegswochen wimmelte es überall von Flüchtlingen, die oft in Kirchen, in Schulen oder gar unter freiem Himmel am Straßenrande übernachteten.
Wir hatten Glück im Unglück, denn der Bürgermeister von Kausche wies uns ein Einzelzimmer am Ende einer Scheune zu. Vielleicht hatte dort früher das Dienstper-sonal gewohnt. Es war ein kleiner, ver-rauchter Raum, aber wir hatten nun endlich ein Dach über dem Kopf.
Wir teilten das Zimmer mit einer hoch-schwangeren Frau – Frau Weber – sowie ihrer zehnjährigen, pausbäckigen Tochter Erika.
Das eigentliche Wohnhaus lag unserer Scheune gegenüber. Etwas weiter weg stand ein drittes Haus, an das ich mich nur darum erinnere, weil ein junger deutscher Soldat ein paar Wochen später auf seinen Stufen von einem Sowjetsoldaten kaltblütig umgebracht wurde. Man ließ seine Leiche tagelang auf den Stufen liegen; niemand durfte sie anrühren.
Doch ich greife den Ereignissen vor. So unwirklich es heute auch anmuten mag, wir glaubten damals, an jenen frostigen letzten Apriltagen des Jahres 1945, immer noch daran, daß die Deutschen den Krieg gewinnen könnten, und zwar schon sehr bald – garan-tiert! Genau das hatte Dr. Goebbels ja in seiner vermutlich letzten Rundfunksendung versprochen, und jeder Zweifel daran wäre pure Ketzerei gewesen.
Nachdem Frau Webers Mann Fronturlaub erhalten hatte, war seine Gattin schwanger geworden, und die Geburt ihres zweiten Kindes stand nun unmittelbar bevor. In-zwischen war er an der Ostfront verschollen. …
Meine nächste Erinnerung ist die, daß der Horizont in der Ferne plötzlich feuerrot wurde und feuerrot blieb – der Himmel stand buchstäblich in Flammen! War das Berlin – infolge eines neuen Bombenangriffs? Ich vermag nicht zu sagen, ob Berlin wirklich brannte oder ob alliierte Bomber eine andere, näher gelegene Stadt angegriffen hatten. Wir sahen nur den Horizont, den die Feinde unseres Vaterlandes blutrot gefärbt hatten, und zwar Nacht für Nacht – wochenlang, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt.
Dann vernahmen wir ein fernes Grollen, und wir konnten im Osten riesenhafte schwarze Rauchwolken aufsteigen sehen. Es war, als rolle ein ungeheuerliches Gewitter auf uns zu.
Ausgerechnet jetzt teilte uns Frau Weber auf ihre gewohnte hysterische Art mit, daß ihre Wehen eingesetzt hatten. Sie überließ Erika der Fürsorge unserer Oma und verschwand zu Fuß um die Ecke.
Nach ein paar Tagen kehrte sie zu uns zu-rück, einen Winzling im Arm, der, wie Erika stolz verkündete, ihre neugeborene Schwester war. …
Kurz darauf waren Erika und ich eben beim Murmelspiel – so nannten wir unser Spiel, das darin bestand, kleine Glasperlen in den Schlamm zu werfen -, als wir eine kleine Schar von Zivilisten erblickten, die sich auf der Straße eilends auf uns zu bewegten – eine Frau mit zwei halbwüchsigen Knaben und mehreren kleinen Mädchen, die alle auf Fahrrädern saßen. Sie machten vor uns Halt und riefen uns erregt zu, wir sollten uns schleunigst aus dem Staube machen.
„Die Russen kommen! Lauft, Kinder! So schnell Ihr nur könnt!“
Die Russen stünden bereits am Rand von Kausche, sagte die Frau mit zitternden Knien und bebenden Lippen, und sie plünderten, brandschatzen, schändeten und mordeten alles, was ihnen im Wege stand!
Erika und ich standen mit weitaufgerissenen Augen da. Die Fremden schnappten nach Luft, sprangen wieder auf ihre Fahrräder und sausten wie von der Tarantel gestochen von dannen.
Wir rannten tatsächlich los, kamen jedoch nicht sehr weit. Ich erinnere mich nicht mehr, ob meine Familie ebenfalls zu flüchten ver-suchte oder ob nur Erika und ich Fersengeld gaben.
Hingegen entsinne ich mich noch deutlich, daß wir bis zu einem Waldrand gelangten, wo wir einen toten deutschen Soldaten in einer tadellos sitzenden Uniform erblickten. Er saß stocksteif an einen Baum gelehnt; in seinem Schoß lag der Kopf eines ebenfalls toten Ka-meraden, der mit hilflos gespreizten Beinen seitwärts im Gras lag.
Was dann geschah, weiß ich nicht mehr. Wieviel Zeit mag bis zu den nächsten Ereignissen, die mir gegenwärtig geblieben sind, wohl verstrichen sein? Vielleicht ein Tag? Bloß ein paar Stunden?
Das nächste Bild, das vor meinem geistigen Auge steht, ist das unseres kleinen Zimmers am Ende der alten Scheune in Kausche. In dem Raum hatten sich mittlerweile rund ein Dutzend Menschen zusammengefunden, meist junge Frauen und Backfische. Frau Weber schrie aus vollem Hals, und meine Oma rang mit diesem hysterischen Men-schenskind, die mit einem Messer herum-fuchtelte und immer lauter schrie, sie werde ihr neugeborenes Kind erstechen.
Jahre später erzählte mir Oma, daß Frau Weber angesichts des unsagbaren Grauens, das während der nächsten anderthalb Tage über uns hereinbrach, den Verstand verloren hatte. Jemand hatte die Tür eingetreten, und Horden von „Russen“, schlitzäugig und grinsend, drangen in den Raum ein, packten die Mädchen, warfen sich auf die Frauen und verschonten selbst die immer noch blutende Frau Weber nicht.
Die vertierten Strolche waren Sowjetsoldaten mongolischer Rasse, die von Stalin in sowje-tische Uniformen gesteckt worden waren, um Rache an Deutschland zu nehmen, von dem jüdischen Chefpropagandisten, Ilja Ehren-burg, immer wieder angefeuert:
„Tötet! Tötet! Kein Deutscher ist unschuldig! Keiner! Weder die Lebenden noch die Ungeborenen!“
Was sich in dem Raum stundenlang abspielte, war eine schaurige Schändungsorgie – eine schier endlose Massenvergewaltigung!
Ich selbst habe dieses Grauen nicht mit eigenen Augen gesehen. Man erzählte mir später davon, als ich alt genug war, um es zu begreifen. Meine Oma schützte mich, preßte mich fest an sich und drückte meinen Kopf gegen ihren Pullover, um meine Augen zu bedecken. Soweit ich mich erinnere, hat sie nicht geweint – aber sie zitterte wie Espen-laub. Meine Nase gegen ihre Brüste gedrückt, sah ich nichts, überhaupt nichts, doch sie sah alles – und überlebte.
Später ließ sie nie ein Sterbenswörtchen über den Schrecken fallen, dessen Zeugin sie in dieser Nacht und noch in vielen späteren Nächten geworden war. Heute weiß ich, daß ihre Tochter, meine schöne junge Mutter, vor den Augen meiner Oma brutal auf den Boden geworfen und von Scharen sowjetischer Soldaten vergewaltigt wurde.
Dasselbe geschah mit den anderen jungen Frauen und Mädchen. Wenn eine Gruppe von Rotarmisten ihre Lust gestillt hatte, folgte gleich die nächste Welle – entartete Wesen, die pausenlos durch die Tür quollen.
Während sich dieser Albtraum abspielte, wurde unser Gebäude von einer Granate getroffen, wobei, soweit ich mich erinnere, zwei Ziegen getötet wurden. Die Sowjetsol-daten fuchtelten mit ihren Fäusten herum und schlugen ein paar Zähne aus, haben aber niemanden in diesem kleinen Scheunenzim-mer umgebracht. Sie gaben sich mit dem Vergewaltigen zufrieden.
Deutsche, die diese furchtbaren letzten Tage in der sterbenden Heimat überlebte, wissen, daß deutsche Mädchen und Frauen von Asia-ten in sowjetischen Uniformen wochenlang und pausenlos geschändet wurden, immer und immer wieder!
Urplötzlich geschah ein wahres Wunder. Der Hof unseres Gebäudes wurde von deutschen Soldaten überflutet, die es geschafft hatten, durch die feindlichen Linien zu brechen und jetzt versuchten, sich nach Berlin abzusetzen.
Es war um den 20. April – Hitlers Geburtstag – herum, das genaue Datum ist mir nicht mehr gegenwärtig. Ich höre immer noch die Stimme von Goebbels, die uns am Rundfunk Mut zusprach.
Unsere Retter! Wie schon so oft zuvor, seitdem wir die Ukraine im Jahre 1943 verlassen hatten, hatten sich diese jungen deutschen Soldaten unter Lebensgefahr zu uns durchgekämpft, um uns zu retten! Das glaubten wir damals, und das glaube ich noch heute.
Meine Oma, diese stoische, disziplinierte, tiefreligiöse Frau, ergriff einen der deutschen Soldaten, die ihr deutscher Gott uns gesandt hatte, an der Uniform, klammerte sich an seinen Hals und wein-te und weinte und weinte. Er klopfte ihr verlegen auf den Rücken und sagte immer wieder:
„Omalein, weine nicht. Bitte weine nicht. Wir sind ja da! Wir schaffen’s ganz bestimmt!“
Jahrzehnte später las ich in der Kongreßbib-liothek von Washington, daß diese Gruppe blutjunger Soldaten, die den Durchbruch durch die sowjetischen Linien geschafft und den Flecken Kausche für kurze Zeit besetzt hatten, anschließend fast bis zum letzten Mann abgeschlachtet wurden. Sie wurden von der roten Walze buchstäblich zermalmt.
Auf einmal – man frage mich nicht wie! – fanden wir uns plötzlich auf einem deutschen Fahrzeug wieder. Es gehörte zu einer langen Wagenkolonne, mit der sich unsere fliehen-den Truppen gemeinsam mit am Straßenrand aufgelesenen Zivilisten hektisch absetzten.
In meinen Gedächtnis ist dieses Fahrzeug zu einer Mischung von Jeep und Lastwagen verschmolzen. Ob es ein LKW war? Wie dem auch sei, jedenfalls kauerten wir, ungefähr ein Dutzend an der Zahl, hinten in einem solchen Wagen, mit einer Plane bedeckt. Einer von uns war ein Mann mit einem blutüber-strömten Kopf, um den er einen Turban gewickelt hatte.
Die vier Angehörigen unserer Familie – Oma, Mama, Wally und ich – waren Gott sei Dank immer noch zusammen und drängten uns aneinander, während das Fahrzeug stotternd den Wald von Greifenhain erreichte.
Die Fahrt ging nur schleppend voran, weil aus allen Richtungen ständig auf uns geschossen wurde. Mehrmals drangen Granatsplitter durch die Plane, aber wir duckten uns jedes-mal wie alte Fronthasen. Oma hatte sich in eine Decke eingehüllt, in der wir später etliche Granatsplitter- oder Kugeleinschläge entdeckten.
Wie durch ein Wunder blieb sie vollkommen unverletzt, und auch wir anderen drei nah-men keinen Schaden. Wie kann man das erklären? Wie wir es durch das Gemetzel im Wald von Greifenhain schafften, ohne auch nur einen Kratzer davongetragen zu haben, ist mir bis heute unbegreiflich.
Unser erster Fahrer bekam einen Volltreffer ab und hauchte auf der Stelle sein Leben aus. Wir mußten abspringen. Nur wenige Augen-blicke später hievte uns jemand in das näch-ste Fahrzeug, das uns ein wenig tiefer in den Wald brachte, ehe auch sein Fahrer tödlich getroffen wurde.
In meiner Erinnerung passierte das drei- oder viermal, entweder weil der Fahrer getroffen wurde oder weil der Wagen nach einem Granateneinschlag seinen Geist aufgab.
Im Handumdrehen war die gesamte enge Waldstraße von verlassenen LKWs und an-deren Fahrzeugen verstopft. Rechts und links lagen tote Soldaten und Zivilisten, und wir wenigen Überlebenden in den letzten in-takten Wagen bewegten uns im Schneck-entempo fort.
In unregelmäßigen Abständen wurde von vorne nach hinten, von Fahrzeug zu Fahrzeug der Ruf durchgegeben:
„Panzer nach vorn! Panzer nach vorn!“
Endlich erschien eines dieser stählernen Un-getüme auf Raupen, rasselte an den stehen-den Fahrzeugen vorbei und drückte die Toten am Straßenrand in den Staub. Es war dies der letzte einsatzfähige deutsche Panzer, den wir zu Gesicht bekamen.
Was folgte, war eine regelrechte Schlächterei, die einen Tag und eine Nacht dauerte. Dies geht aus dem Artikel hervor, den ich in der Washingtoner Kongreßbibliothek vorfand. Die übrig gebliebenen Wehrmachtsoldaten waren vollständig umzingelt; in ihrer Mitte befanden sich immer noch ein paar Zivilisten.
Ich las den betreffenden Artikel Anfang 1981, als man sich in Washington auf den Amtsan-tritt Ronald Reagans vorbereitete. Damals begriff ich zum ersten Mal wirklich, was sich im Wald von Greifenhain abgespielt hatte.
Irgendwann wurde ich unter Umständen, die mir nicht im Gedächtnis haften geblieben sind, von meinen Angehörigen getrennt. Vielleicht war schon die Nacht hereinge-brochen, als dies geschah. Damals kämpften alle verzweifelt um ihr nacktes Überleben. Einzelheiten vermag ich nicht zu berichten; darüber hat sich ein Schleier des Vergessens gebreitet.
Später erfuhr ich, daß ich, nachdem ich einen Tag und eine Nacht lang im Wald von Grei-fenheim herumgeirrt war, zu einem verlas-senen Bauernhaus am Waldrand gelangte, wo meine Familie Zuflucht gefunden hatte.
Wie es mich dorthin verschlug, vermag ich auch nicht zu sagen. Oma sagte mir später, ich habe eine volle Woche lang kein einziges Wort von mir gegeben, sondern sei stumm auf den Stufen des Bauernhauses gesessen. Man glaubte, ich hätte die Sprache verloren.
An das Bauernhaus, wo wir uns wiederfanden, erinnere ich mich bis heute ganz genau. Die Besitzer des Gebäudes hatten sich an einen unbekannten Ort geflüchtet – es kann sein, daß sie umgebracht wurden. Nun hielten sich dort in diesem fremden Haus vielleicht fünf-zig oder sechzig verwundete deutsche Sol-daten auf, die sich mit letzter Kraft dorthin geschleppt hatten oder von Mama und Oma an den Beinen ins Innere des Hauses ge-schleift worden waren, nachdem das Granatfeuer verebbt war.
Daß der Krieg inzwischen zu Ende war, hat uns niemand gesagt.
Einer dieser Bedauernswerten war derart schwer verletzt, daß er es nur bis in die Halle schaffte und uns dort anflehte, ihn in Ruhe sterben zu lassen.
Während jener ersten gräßlichen Nacht in diesem fremden Bauernhaus wurde meine Mutter wiederholt von Sowjetsoldaten aus dem Haus gezerrt und vergewaltigt, während meine Oma sich um den sterbenden jungen Soldaten kümmerte.
Ich habe es in einem meiner Kriegsromane beschrieben. Kurz bevor er starb, bat er sie um ein Gefäß, damit er urinieren konnte. Sie fand einen leeren Obstkrug, den er fast zweimal bis zum Rande füllte.
Trotz seiner Schmerzen hatte der Unglück-liche seinen Urin so lange wie möglich zu-rückgehalten, um sich nicht schämen zu müssen. Oma hat dieses Erlebnis oft mit zitternden Lippen erzählt.
Einige Wochen lang hielten sich in diesem Gebäude nicht nur verstümmelte und ver-wundete deutsche Soldaten auf, sondern auch eine Gruppe russischer Soldaten, die sich hier eine Art Hauptquartier eingerichtet hatten.
Überall lagen tote Soldaten herum – im Gebäude, im Vorhof, wo Sowjetsoldaten Leichen aufgehäuft hatten, um sich und uns zu isolieren. Vor meinen geistigen Augen sehe ich immer noch, wie ihre Arme und Köpfe niederhingen – Dutzende von inein-ander verflochteten Armen und baumelnden Köpfen.
Die Toten jagten mir keine Angst ein; es gab ihrer einfach zu viele, und wir hatten uns bereits an sie gewöhnt. Zu den Geschichten, die in meiner Familie immer wieder aufge-wärmt wurden, gehörte die von meiner kleinen Schwester, die sich eines Tages auf die Beine eines toten Soldaten setzte und fröhlich mit einer kleinen Porzellanpuppe spielte, die sie irgendwo gefunden hatte.
„Mein kleines Püppchen sagt Heil Hitler“,
rief die Kleine einem vorbeigehenden russi-schen Soldaten zu. Oma hielt den Atem an, aber der Mann lachte lauthals und klopfte der Vierjährigen auf den Kopf, wie man einen Hund tätscheln mag.
Es gab so viele Leichen, für deren Bestattung sich niemand zuständig fühlte, daß manche bis tief in den Sommer hinein herumlagen. Ich erinnere mich an eine, die, von einem Panzer vollständig flachgewalzt, hinter einer Hecke lag.
Noch mehrere Wochen nach dem Ende der Kampfhandlungen waren die blutigen Um-risse des Opfers klar zu erkennen, und immer, wenn wir vorbeigingen, stieg ein riesiger Fliegenschwarm hoch. Damals war es bereits warm, und die Temperaturen stiegen fortlaufend, mit dem Ergebnis, daß der Gestank der zahllosen Leichname geradezu unerträglich wurde.
Hier waren wir nun gestrandet, in einem Bauernhaus, das wir mit einem runden Dutzend Russen und einer sehr großen Zahl verwundeter deutscher Soldaten teilten. Meine Mutter wurde immer und immer wieder von irgendwelchen Strolchen aus dem Haus gezerrt und geschändet; dies mußte sie im Verlauf der kommenden Wochen und Monate Hunderte von Malen über sich ergehen lassen.
Währenddessen kochte Oma nicht nur für die verletzten Deutschen, sondern auch für die Russen. Sie hatte im Keller einen Sack Wei-zenmehl sowie eine Anzahl Weckgläser auf-gestöbert und braute daraus täglich eine wäßrige Suppe.
Das Bild eines jungen deutschen Soldaten, dem das Kinn weggeschossen worden war, hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Er tunkte sein grotesk ent-stelltes Gesicht in das Weizenmehl und versuchte, wie ein Hund etwas davon auf-zulecken. Blut und Eiter troffen aus dem Loch an der Stelle, wo einst sein Kinn gewesen war.
Das ganze Bauernhaus war voller verwun-deter und sterbender Menschen; die Halle war voll von ihnen, ebenso wie der Schuppen auf dem Hof. Sie mußten große Schmerzen er-dulden, doch sie blieben merkwürdig still, bewegten sich kaum, außer nachts, wenn einige von ihnen im Schuppen, auf Stroh gebettet, Melodien sangen, die man nicht so leicht wieder vergißt.
Daß Männer, furchtbar verstümmelt, noch immer singen konnten, mutet unwirklich, ja absurd an, doch genau so war es! Wer diesen Krieg miterlebt hat, weiß, daß die Deutschen stets zu singen pflegten, um sich selber Mut zu geben.
Heutzutage wird man Deutsche nur selten singen hören, weil ihre Seelen tot sind, doch damals sangen sie noch. An der Stelle, wo ich, um den Liedern lauschen zu können, an einem offenen Fenster schlief, drangen die Klänge von „Lily Marleen“ zu mir.
Eines Tages beschlossen die Russen, alle, die noch marschfähig waren, an einen unbekann-ten Ort abzukommandieren. Bald darauf hörten wir eine Reihe von Schüssen. Ich weiß nicht, ob jemand beobachtete, was unweit von meinem Fenster in einer Schlucht vor sich ging. Man kann annehmen, daß sie erschos-sen wurden. Ich habe keine Ahnung, was mit den anderen zurückgebliebenen im Stroh liegenden schwerverletzten Männern geschah.
Was ist aus Frau Weber geworden? Meine Oma entdeckte sie eines Tages, als sie nach verwundeten Soldaten und später nach Le-bensmitteln suchte. Frau Weber war tot, aber nur halb begraben. Ihr Unterleib war mit Erde bedeckt, doch ihr Oberkörper und Kopf waren immer noch sichtbar. Von ihren beiden Kindern keine Spur!
Wochen später brachte irgendjemand Erika zu uns. Sie berichtete folgendes: Nachdem ihre Mutter von einer Granate tödlich getroffen worden war, hatte sie das Baby aus ihren Ar-men gerissen und war davongerannt. Sie vermochte sich nicht mehr daran zu erinnern, was mit Neugeborenen geschah; sie glaubte, es irgendwo verloren zu haben.
Wie bereits erwähnt, war die pausbäckige Erika erst zehn Jahre alt, sah jedoch älter aus und war deshalb, wie so viele andere Halb-wüchsige, zahllose Male vergewaltigt worden. In späteren Jahren hat mich meine Mutter ab und zu daran erinnert, wieviel Glück ich da-mals gehabt hatte. Ich war viel zu dünn und halbverhungert, und kein Mann hat mich jemals angerührt. Glück hängt von den Umständen ab.
Später erfuhr meine Mutter, daß Erika zum letzten Mal in einem Transport deutsch-russischer Flüchtlinge gesehen worden war, die nach Rußland zurückgeschickt wurden.
Ihre Abschiebung bildete Bestandteil der sogenannten Operation Keelhaul, in deren Rahmen die Westalliierten ethnische Deutsche aus der Schwarzmeergegend, die von den deutschen Truppen vorübergehend gerettet worden waren, in Stalins Wunderreich zu-rückschickten. Die meisten wurden nach Sibirien verschleppt, und nur wenige sind von dort zurückgekehrt.
Wir vier Überbleibsel unserer einstmals großen Familie entrannen der Operation Keelhaul um Haaresbreite. In einer kalten Nacht flohen wir bei der Sektorengrenze im Harzgebirge in die britische Besatzungszone – ein weiteres Nachkriegsabenteuer, das ich Ihnen vielleicht später einmal erzählen werde. In meinem ersten Roman, The Wanderers, gehe ich kurz auf jene Ereignisse ein.
Den mir vorliegenden Informationen zufolge führt jedes Jahr eine Gruppe deutscher Pa-trioten einen stillen Gedenkmarsch zum Andenken an ihre jungen Landsleute, die in der letzten Schlacht auf deutschem Boden kämpften und fielen.
Diese einfache Geste des Respekts für die eigenen Gefallenen ist im zionistischen Va-sallenstaat BRD beileibe nicht populär. Die wenigen politisch Unverbesserlichen, die ihre Toten ehren möchten, müssen jederzeit da-mit rechnen, daß man ihnen die Genehmi-gung zur Durchführung des Marsches verweigern wird.
Es lohnt sich eben immer wieder, die Kriegsgeneration als ein Verbrecheralbum darzustellen, damit das überaus nützliche Schuldgefühl nur ja nicht eines Tages stirbt.
Eine grauenvolle Schilderung scheußlicher Untaten derer, die uns zu „befreien“ kamen …