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Elsa Brändström in Sibirien

Zwischen Können und Tun
liegt ein großes Meer
und auf seinem Grunde
die gescheiterte Willenskraft.
Marie von Ebner-Eschenbach

Elsa Brandström 1929

Man sagt es so leicht dahin: „Elsa Bränd-ström, der Engel von Sibirien“, ohne wohl zu allermeist zu wissen, was dieser „Engel“ selbst durchgemacht und mit welcher außergewöhnlichen Willenskraft und Per-sönlichkeitsstärke diese Schwedin sich in den unsäglichen Verhältnissen der russi-schen Gefangenenlager zugunsten der Tausenden von gequälten Verbannten ge-genüber den verantwortungslosen Verantwortlichen durchgesetzt hat.

Sibirien – irgendwie hatte man „gewußt“, daß eine Verbannung nach Sibirien ein Schicksal der Verlas-senheit und Hoffnungslosigkeit bedeutete. Sibirien war der Schrecken an sich. Aber der Leser der Biografie Elsa Brändströms wird mitten hinein geführt in nie für möglich gehaltenes maßloses Elend.

Nicht nur unsere deutschen Soldaten, die in russi-sche Kriegsgefangenschaft geraten waren, auch deutsche Zivilisten ebenso wie russische System-gegner, Türken, Tschechen u.a. landeten zu Abertausenden in Sibiriens verwahrlosten Sammellagern.

Elsa Brändström, Tochter des schwedischen Gesandten in St. Petersburg, Ge-neral Edvard Brändström und seiner Frau Anna, die schon 1913 gestorben war, wird von Selma Lagerlöf geschildert:

Eines Tages ging ich aus, die Stadt, ihre Basare und Kirchen kennenzulernen. Es führte mich eine schwedische Dame: jung, blond, schön, von edelstem nordischen Typ. Ich wußte von ihr, daß sie ein glückliches Heim hatte. Und weil sie zu den höchsten Gesellschaftskreisen gehörte, konnte ich mir denken, daß ihr Leben sozusagen ein Tanz auf Rosen war.

Unterwegs aber begann diese junge Lands-männin von ihrer Sehnsucht zu sprechen: das unbefriedigende Vergnügungsleben zu ver-lassen, sich in eine ernste Arbei voller An-forderungen zu stürzen und ihre Gaben einsetzen zu dürfen, um etwas aus eigener Kraft zu werden. Es schien indessen, als ob ihr der Weg zu diesem Ziel durch das Über-maß von Glück, in dem sie lebte, versperrt würde.

Aber eben: dieser Rassetyp ist nun einmal auf Lei-stung und Bewältigung von Herausgeforderungen veranlagt. Schon 1914 erfüllte sich ihr Wunsch. Sie weilte zu Besuch in England, als der Krieg ausbrach. Sie meldete sich, berichtet ihr Biograf Eduard Juhl weiter,

gemeinsam mit Ethel von Heidenstam zu einem Krankenpflegekursus  und wurde russische Kriegsschwester. Nur gehörten diese beiden zu den wenigen, die ihre neuen Aufgaben dann nicht einfach liegen ließen, als der Enthusiasmus dem Erschrecken und der Ernüchterung Platz machte. Elsa Bränd-ström fand den Weg zu ihrem früheren Leben nicht mehr zurück.

In Rußland sah – so Juhl weiter –

… Elsa klar, daß zwar den in ihren Schmerzen oft so hilflos wirkenden Russen im eigenen Land Pflege und Hilfe geboten wurde; die russischen Frauen witteiferten darin. Aber die Kriegsgefangenen waren verlassen, durch die Kriegspsychose wie duch eine Mauer von den Russen getrennt.

Wichtiger als die Hilfe für russische Ver-wundete mußte ihr also die Hilfe für die Kriegsgefangenen erscheinen. Ihnen fühlte sie sich wohl auch durch die gemeinsame germanische Herkunft verwandt, und die Willensstärke der Gefangenen, die auch in hoffnungsloser Lage noch spürbar war, sprach sie besonders an.

… Aus dem Nikolaihospital wurden im Herbst 1914 die ersten Kriegsgefangenen abtrans-portiert. Nicht alle Verwundeten waren völlig ausgeheilt, aber sie wurden schon in den sibirischen Winter geschickt. Die Bekleidung für eine solche Reise war völlig unzureichend.

Zerrissene Uniformen und Wäsche, dürftiges Unterzeug, verschlissenes Schuhwerk, dünne oder gar keine Mäntel, Helm oder schirmlose Feldmütze als Kopfbedeckung, keine Hand-schuhe – das war die Bekleidung der meisten, als sie den sibirischen Eiswüsten und Schneestürmen entgegenfuhren. …

In den Kreisen der Schwedischen Gesandt-schaft und bei den Deutsch-Russen in Petrograd sammelte man große Mengen Kleider und übergab sie den aus den Laza-retten für die Fahrt in den unheimlichen Osten Entlassenen.

Als die Quellen versiegten, übernahmen Elsa Brändström und Ethel von Heidenstam die Arbeit. Sie erhielten aus Deutschland Gelder vom Staat und von einzelnen Personen, und so war es ihnen möglich, die Gefangenen in sinnvoller Weise für die Fahrt nach Sibirien auszurüsten.

Rucksäcke, die sie verteilten, enthielten, nach Elsa Brändströms eigenem Bericht, folgende Gegenstände: zwei Hemden, zwei Paar Unter-hosen, zwei Paar Strümpfe, Sweater, Hand-schuhe, Pulswärmer, Nansenkappe, Schal, Taschentücher, Hosenträger, Filzschuhe, Seife, Löffel und Eßschale, Zahnbürste, Kamm, ein Paket Nähzeug mit Nadeln und Knöpfen, Insektenpulver usw.

… die Mittel reichten auch, um den Ärzten Geld für Medikamente mitzugeben und eine gleiche Hilfsaktion in Moskau zu starten. Die Hilfe in Moskau war fast noch wichtiger als im Petrograder Nikolaihospitel, wo die Gefange-nen noch leidlich untergebracht waren und behandelt wurden.

In Moskau waren sie auf zwanzig verschiede-ne Lazarette verteilt. Einige davon waren ausgezeichnet, andere aber starrten von Schmutz und Ungeziefer. Die Luft war un-erträglich, und die Behandlung auch der Schwerverwundeten ließ oft alles zu wünschen übrig.

Das zahlenmäßig viel zu geringe russische Personal bewies zwar häufig warmes Mit-gefühl mit den Gefangenen, und manche russische Schwester opferte sich auf,

„damit etwas weniger Schande über unser Land kommen soll“,

aber die äußeren Verhältnisse waren kata-strophal. Verheerend wirkte sich der Mangel an Verbandstoffen und Medikamenten in fast allen Krankenhäusern aus. Nicht selten wur-den einem Gefangenen mehrere Glieder ohne Narkose amputiert; eine förmliche Amputier-sucht herrschte unter den russischen Ärzten, nicht nur den Kriesgefangenen, sondern  auch den eigenen Soldaten gegenüber.

Immer wieder gab es Blutvergiftungen, weil der Verbandwechsel oft Tage, je Wochen hinausgeschoben wurde. Infektionskrankhei-ten wurden meist nicht genügend beachtet. Wenn Kranke mit Tyhus, Ruhr, schwarzen Pocken oder Diphtherie in eine sogenannte Isolierbaracke verlegt wurden, gab man ihre Betten anderen Kranken, ohne daß eine Disinfektion vorgenommen worden wäre.

Elsa Brändström berichtet selbst:

Außer den Überführungen innnerhalb der verschienen Moskauer Krankenhäuser wurden Massen verwundeter Gefangener in die Pro-vinzstädte oder selbst nach Sibirien und Turkestan geschickt. – Bei jeder Evakuierung bot sich dasselbe furchtbare Bild:

Die Schwerverwundeten schrien und stöhn-ten, wenn die Sanitätsmannschaften sie für die Überführung ankleideten. Es gab unter ihnen Lahme und Hilflose, die die Wärter vor Schmutz und Gestank nicht berühren wollten. Aber sie mußten alle hinaus, wo sie im Winter stundenlang im Schnee auf die elektrische Bahn warteten.

Es kam sogar vor, daß Scharen von Krüppeln mehrere Kilometer im Schnee krochen, um die Eisenbahn zu erreichen. Diese Evakuie-rungen gingen in der Regel in der Nacht vor sich. Ein russischer Offizier antwortete ein-mal auf die Frage nach der Ursache hiervon, daß es doch peinlich sei, der Bevölkerung zu zeigen,

„in welchem Zustand wir unsere Gefangenen herumschleppen“. –

Worte sind zu schwach, um alle die Leiden zu schildern, die diese ständigen Verschickun-gen mit sich brachten … Aus der Masse nur ein Beispiel:

Ein zwanzigjähriger österreichischer Kadett war von einer Granate verwundet worden, die ihm das ganze Becken zerbrochen und die unteren Wirbelknochen zersplittert hatte. Es geschah nichts, um seine Qualen zu lindern, obwohl ein Chirurg das teilweise gekonnt hätte. Ein deutscher Arzt, der ihn zufällig sah, hielt es für unzulässig, ihn aus einem Bett in ein anderes zu legen, und doch hatte man ihn neun Monate durch zwanzig Laza-rette geschleppt, bis er endlich starb.

Der Autor fährt fort:

Bei Kriegsausbruch lebten in Rußland über dreihunderttausend deutsche und öster-reichische Staatsbürger, die interniert und verbannt wurden. Wer nicht das Glück hatte, etwas Geld mitnehmen zu können, war genauso arm wie die Kriegsgefangenen.

In Viehwagen zusammengepfercht, wurden sie in die Gebiete östlich von Wolga und Ural deportiert und dort in entfernte Dörfer ge-schickt. Oft mußten sie dazu noch tagelange Fußmärsche durch Schnee und Eis machen. Die Zahl der Opfer war entsprechend hoch.

… Elsa Brändsträm verfolgte auch das Leben dieser Gefangenen mit warmem Herzen und schilderte später in ihrem Buch erschütternde Einzelheiten darüber:

„Die Behörden wußten oft selbst nicht, was sie mit diesen Menschen anfangen sollten. Es gab Transporte, die nach zwei Wochen noch unter freiem himmerl auf einer Wiese lagerten. Zum Schluß blieb den Behörden nichts anderes übrig, als den Zivilgefangenen ein Dach über dem Kopf zu schaffen; sie steckten sie in Zirkusgebäude, Schulen, Scheunen, Keller und Gefängnisse.

Da lagen Männer, Frauen und Kinder, Kranke und Gesunde, Alte und Junge durcheinander. Mütter, den erfrorenen Säugling im Arm, Greise mit dem Bilder der Tochter vor Augen, die im Schnee-sturm der Steppe ihrem Kinde das Leben gegeben und gleich darauf ausgelitten hatte, ergraute Frauen, die nicht wußten, wo sie ihren Mann suchen sollten.“

… Weiter rollen, rattern und wanken die Wagen, wochenlang, Tag und Nacht. Mär-chenhaft und gespenstisch breiten sich die endlosen Urwälder der Taiga aus.

Die Kriegsgefangenen grübeln über das eigene kommende Schicksal, und sie sinnen auch der vergangenen Geschichte des Landes und seiner Menschen nach. Es ist eine Ge-schichte unermeßlicher Qualen und trostloser Verbannungen, in die nun ihr eigenes Schicksal eingewoben wird.

Sie fahren den gleichen Weg, den früher zu Fuß die politischen Verbrecher wie das Vieh getrieben wurden, von der gefürchteten Nagaika* mit blutigen Striemen gezeichnet.

*) Peitsche aus Lederstreifen mit Bleikugeln versehen

Geschichten voller Abenteuer und Grau-samkeiten gehen um. Die russischen Dichter selbst – Tolstoj, Ljesskow, Dostojewskj – haben immer wieder das Schicksal der Ver-bannten dargestellt. Zwangsarbeit in den riesigen Wäldern mit ihrem großen Holz-reichtum, in den Bergwerken, deren Schätze in ihrem ganzen Ausmaß erst noch entdeckt werden sollten, Einsamkeit in notdürftigen Hütten und Vergessenwerden warteten auf die Verbannten, wenn sie in die sibirische Steppe hineinzogen, warten nun auf die Kriegsgefangenen. Ihr Weg ist mit Blut ge-zeichnet, mit dem Blut gequälter Menschen vergangener Jahrhunderte.

… Auch für die Kriegsgefangenen wird Sibi-rien ein einziges großes Gefängnis der Ein-samkeit und Verlorenheit, des Elends und des Verderbens, wenn auch die einzelnen Lager so verschieden sind wie die Dörfer und Städte draußen.

In Kasernen und Kirchen, Gefängnissen und Ausstellungshallen werden Lager eingerich-tet. Ställe und Scheunen, Fabrik- und Zir-kusgebäude und Schulen werden mit Kriegs-gefangenen belegt. Vor allem aber werden kilometerweit von den Städten entfernt pri-mitive Lager neu aufgebaut. Ganze Städte von Erdbaracken entstehen, in die die Gefangenen hineingepfercht werden.

 

Erdbarackenlager bei Krasnojarsk (Juhl, Elsa Brändström)

In zwei, drei oder gar vier Pritschenreihen liegen sie übereinander. Die Baracken sind anderthalb bis zwei Meter in die Erde einge-graben und mit Schneewällen umgeben, um sie gegen ie grimmigste Kälte zu schützen, die 50 und 60 Grad erreicht …

Nicht immer ist ein Dorf oder eine Stadt in der Nähe, oft liegen die Lager in tiefster Einöde. Dazu kommen die in der Regel gefürchteten Arbeitslager in Wäldern und Bergwerken und an entstehenden Eisenbahnstrecken.

 

Mannschaftsbaracke Sibirien (Zeichnung Viktor Böhm)

… fast alle Lager sind überbelegt, dazu verlaust und verwanzt. Bisweilen ist die Flohplage  unvorstellbar, und Ratten und Mäuse treten in Scharen auf. Hohe Planken-zäune, durch mehrfache Reihen von Sta-cheldraht noch überhöht, umgeben die Lager. An allen Ecken überragen Wachtürme das Ganze, auch den engen Hof, der die einzel-nen Gebäude oder die Barackenstädte umgibt.

… Sie ballen die Fäuste gegen den Himmel oder falten die Hände zum Gebet, sie seufzen ihre Sehnsucht hinaus oder tragen mit zusam-mengebissenen Zähnen ihr Schicksal, sie tol-len, toben und weinen. Die Herzen harter Männer brechen vor Heimweh, und über junge Seelen fällt der Wahnsinn.

In dieses Gefängnis Sibirien wagen sich Elsa Brändström und ihre Mitarbeiter. Sie setzen sich der Not der Kriegsgefangenen aus, um ihnen helfen zu können, und sie haben es nun auf Schritt und Tritt mit dem Rätsel der russischen Seele zu tun. Jede menschliche Seele ist ein Geheimnis und birgt viele unge-löste Rätsel in sich. Vielleicht ist aber die russische Seele rätselhafter als die anderer Völker.

Elsa Brändström, die schon in Petrograd oft genug vor diesem Rätsel gestanden hatte, mußte nun trachten, immer besser damit fertig zu werden, auch wenn sie es nicht lösen konnte. Sie schrieb später selbst:

„Um die Lage der Kriegsgefangenen in Rußland richtig zu verstehen, muß man vor allem Verständnis haben für russi-sche Volksart und die Eigenart des weiten Landes. Rußland ist das Land der Gegen-sätze, und nirgends ist diese Eigenart so fühlbar geworden wie in der Welt, in der die Kriegsgefangenschaft durchlebt wurde.

In Rußland hat es Gefangene gegeben, die zu gewissen Zeiten eine Freiheit und einen Wohlstand genossen, wie sie Kriegsgefangene in anderen Ländern nicht kannten. Aber deren freundliches Dasein wiegt nicht den Tod der etwa sechshundertausend Kameraden auf, die in Not und Entbehrungen zugrunde gingen, oder das Elend der vielen Hun-derttausende, die körperlich und seelisch gebrochen heimkehrten.“

… Ein Zwiespalt geht durch die russische Seele. Sprichwörtlich gewordene Gutmütig-keit und Grausamkeit liegen dicht beiein-ander. Beides wird oft in ein und derselben Minute den gleichen Menschen gegenüber bewiesen. Der Russe kann in warmherziger Fürsorge und Aufopferung handeln und zugleich rücksichtslos über Leichen gehen. Tiefe Frömmigkeit ist vereint mit tollem Fluchen, wie es in der Welt einzig dasteht.

Kaum findet man bei einem anderen Volk der Erde so viel Bereitschaft zum Leiden und Sterben, und doch ist der Russe oft wehleidig und haltlos, weint unter verhältnismäßig ge-ringen Schmerzen. Ausgelassenster Froh-sinn und verzweifelte Schwermut wechseln plötzlich, ohne daß der Grund erkennbar wäre. Neben selbstloser Freigebigkeit und großzügiger Hilfsbereitschaft, die aus einem mitleidfähigen Herzen kommen, findet man unverhüllte Bereitschaft zu Bestechlichkeit.

Ein Tier kann der Russe sein und ein Kind, ein Heiliger und ein Teufel.

… Was die besondere Not der russischen Ge-fangenschaft im ersten Weltkrieg ausmachte, waren der erschreckende Mangel an Ord-nungssinn und Sauberkeit, eine unerhörte Desorganisation und namenlose Gleichgültigkeit.

Ernst Clam in seinem Buch „Das Rätsel der russischen Seele“ (schreibt) unter anderem:

„Der deutsche Generalkonsul einer sibi-rischen Stadt reichte mir zum Tee einmal folgendes Bonmot: ,Ich kenne die Russen zu wenig. Ich lebe erst dreißig Jahre hier!“

Der Autor Juhl meint:

Vielleicht, vielleicht kommt einmal eine Zeit, in der man auch diese Rätsel der Seele eines ganzen Volkes wird erklären können, sei es aus einer indogermanisch-tatarischen Ras-senmischung, der Mischung zwischen den tropischen Sandwüsten von Turkestan und den Taigen von Sibirien, den Mitternachts-sonnen und der Glut des Hochsommers …

Diesem unbegreiflichen Zwiespalt der russischen Seele waren die Gefangenen ständig auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Mit dieser Unberechenbarkeit der Russen mußte Elsa Brändström immer und überall rechnen und ringen, wann und wo sie den Gefangenen helfen wollte.

… nachtwandlerisch traf sie die richtige Tonart in allen Modulationen von Dur bis Moll, zog stets das rechte Register, in Wort und Tat, in Miene und Geste. Sie beherrschte das „piano“ so gut wie das „forte“ und „fortis-simo“ und wandte es an, wie die Not es heischte.

Je länger, desto sicherer las sie intuitiv, ja fast hellseherisch in der Seele ihres Gegen-über … Sie lernte das auch gegenüber Menschen anderer Nationen: Tschechen, Amerikaner, Engländern, Japanern. Und sie wußte dann stets spontan und mit einer furchtlosen Entschlossenheit und zielbewußten Energie zu sprechen, zu verhandeln und zu handeln.

Mit dieser Gabe, ihr Gegenüber richtig an-zusprechen, erweckte sie bei den Komman-dostellen immer wieder starres Erstaunen und erreichte nicht selten sofortige Zusage und dann auch tatsächliche Abänderung trostloser Verhältnisse. Den Gefangenen, die das oft genug miterlebten, stockte vor Ver-wunderung der Atem, und Dank und Freude trieben ihnen die Tränen in die Augen.

… Elsa Brändström stellte sich dann auch stets mit der ihr eigenen Intensität dem einzelnen Schicksal in der großen Masse, vermochte ganz für den da zu sein, mit dem sie sprach und dem sie gerade auf irgendeine Weise half, war so völlig gegenwärtig, daß die rauhen Männerherzen sich unmittelbar in ihr Vertrauen hineingenommen fühlten.

Es gab für Elsa Brändström in der Gegen-wärtigkeit keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr. Sie gehörte so ganz ihrer Aufgabe, daß ihr alles andere – etwa Be-quemlichkeit, Essen, Wärme – bedeutungslos wurde.

Sie verstand in dieser sie ganz beanspru-chenden Aufgabe, wie sie selbst schreibt,

„zum erstenmal die Notwendigkeit für diejenige, die Nonne werden will, alle privaten Bindungen zu lösen. Die Briefe, die ich von zu Hause bekam, nahmen mir die Ruhe. Sibirien war mein Kloster.“

… Sie hat es selbst in ihren Aufzeichnungen aus Sibirien festgehalten, wie sie im Verges-sen des eigenen Ichs frei wurde für die Aufgabe:

„Das eigene Leben schien so unwichtig. Ein merkwürdig befreiendes Gefühl, wenn es einem einmal so recht in die Seele eingedrungen ist.“

Fortsetzung folgt

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