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Vom Daseinskampf zur Selbstentwertung

Die folgende Abhandlung des damals 26-jährigen Verfassers

Gerhard Bracke

wurde erstmals in der Zeitschrift „Der Quell“, Folge 6 vom 23.3.1959, veröffentlicht. Inzwischen haben sich die Verhältnisse in Deutschland verändert. Der innere Gehalt der Abhandlung bleibt davon jedoch unberührt.

Wir freuen uns, daß der Autor sie Adelinde zur Ver-fügung stellt. Er betrachtet darin Möglichkeiten, die dem Menschen gegeben und von ihm in Freiheit gewählt werden können:

Vom Daseinskampf zur Selbstentwertung

Der Kampf ums Dasein ist eine Notwendig-keit, der sich jeder Erwachsene ausgesetzt sieht und mit der sich jeder junge Mensch bei unterschiedlicher Heftigkeit früher oder später auseinanderzusetzen hat.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir es in unserem Leben hier mit einem Faktor des Unabdingbaren zu tun haben, der für die Daseinserhaltung der Menschengeschlechter aller Zeiten galt und immer gelten wird.

Hierin liegt nun jene große Gefahr begründet, dem Wahne zu verfallen, daß in solchem Be-mühen um Daseinserhaltung der ganze Sinn des Lebens verborgen liege und daß der Wert eines Menschen einzig nach seinen Fähig-keiten als eines „tüchtigen“ Daseinsstreiters zu bemessen sei.

Wenn Friedrich Schiller daher in seiner philosophischen Abhandlung „Über das Erhabene“ auf die höhere Bestimmung des Menschen innerhalb der Erscheinungswelt hinweist, so ist eine solche Grunderkenntnis und -erfahrung richtungweisend für eine Moral des Lebens, wie sie im Einklang mit der Erkenntnis des Wesens der Erscheinungen der umfassenden Welt- und Seinsdeutung der Philosophin Mathilde Ludendorff zugrundeliegt.

„Aber der Mensch“, schreibt Schiller, „hat noch ein Bedürfnis mehr, als zu leben und sich wohl sein zu lassen, und auch noch eine andere Bestimmung, als die Erscheinungen um ihn herum zu begreifen“.

Wer sich in den Gehalt der philosophischen Werke von Mathilde Ludendorff – der „Gott-erkenntnis“ – vertieft hat, wird sogleich eine Übereinstimmung dieser Wendung des Dichters mit den bedeutsamen Einsichten, welche die Gotterkenntnis vermittelt, empfinden.

„Nicht Kampf ist das Leben der Menschen,
Nein, jenseits des Kampfes erst
Ist das Erleben der Seele!“

(„Das heilige Rätsel“)

„So schaffe durch Hände Arbeit das nackte Dasein
Dir und den Kindern, den Sippen, dem Volke.
Das Tun, das darüber hinaus du mühest,
Das gelte den Jenseitswünschen
für dich, für die Deinen, dein Volk
Und alle lebendigen Seelen.“

(„Runen des Seins“)

Diese Worte aus dem „Triumph des Unsterb-lichkeitwillens“ von Mathilde Ludendorff zeichnen sich rückschauend deutlich vor uns selbst ab, wenn wir den Satz Schillers lesen. Hat doch dieser große deutsche Dichter überhaupt in seinen philosophischen Schriften manche Einzelerkenntnis so sonnenklar ausgesprochen, wie auch sein Gottahnen der Intuition der Philosophin so überaus verwandt erscheint.

In bewunderungswürdiger Einfachheit, dazu in Übereinstimmung mit den auch von Frau Dr. Ludendorff erkannten Tatsächlichkeiten deutete Schiller den Sinn des menschlichen Lebens:

„Bei dem Tiere und bei der Pflanze gibt die Natur nicht bloß die Bestimmung an, sondern führt sie auch allein aus. Dem Menschen aber gibt sie bloß die Bestim-mung und überläßt ihm selbst die Er-füllung derselben. Dies allein macht ihn zum Menschen.“  („Über Anmut und Würde“)

Und an anderer Stelle („Über naive und sen-timentalische Dichtung“) sagt der Dichter:

„Was hätte auch eine unscheinbare Blume, eine Quelle, ein bemooster Stein, das Gezwitscher der Vögel, das Summen der Bienen usw. für sich selbst so Gefälliges für uns? Was könnte ihm gar einen Anspruch auf unsere Liebe geben? Es sind nicht diese Gegenstände, es ist eine durch sie dargestellte Idee, was wir in ihnen lieben. Wir lieben in ihnen das stille schaffende Leben, das ruhige Wirken aus sich selbst, das Dasein nach eignen Gesetzen, die innere Notwendigkeit, die ewige Einheit mit sich selbst.

Sie  s i n d, was wir  w a r e n ; sie sind, was wir w i e d e r  w e r d e n  s o l l e n. Sie sind also zugleich Darstellung unse-rer verlorenen Kindheit, die uns ewig das Teuerste bleibt, daher sie uns mit einer gewissen Wehmut erfüllen.

Zugleich sind sie Darstellungen unserer höchsten Vollendung im Ideale (Vorbild, Leitgedanke, Hochziel), daher sie uns in eine erhabene Rührung versetzen.“

Wir erinnern uns hierbei jener bekannten Verse Schillers:

„Suchst du das Höchste, das Größte?
Die Pflanze kann es dich lehren.
Was sie willenlos ist,
Sei du es wollend, das ist’s!“

Aus all diesen Formulierungen leuchtet das Erkennen: vollkommen ist die Schöpfung überall mit Ausnahme des Menschen. Diesem ist dafür von Natur die Bestimmung mitgege-ben, aus eigener Kraft in selbstschöpferi-schem Wandel zur Vollkommenheit zu streben.

Daß ihm allein zur Überwindung seiner an-geborenen Unvollkommenheit als einzigem Lebewesen die Freiheit des Entscheides für oder wider Gott als höchstes Gut zuteil ward, ahnte auch Schiller sehr deutlich:

„Aber ihre (der Tiere und Pflanzen) Vollkommenheit ist nicht ihr Verdienst, weil sie nicht das Werk ihrer Wahl ist. Sie gewähren uns also die ganz eigene Lust, daß sie, ohne uns zu beschämen, unsere Muster sind. Eine beständige Götter-erscheinung, umgeben sie uns, aber mehr erquickend als blendend. Was ihren Charakter ausmacht, ist gerade das, was dem unsrigen zu seiner Vollendung mangelt; was uns von ihnen unterschei-det, ist gerade das, was ihnen selbst zur Göttlichkeit fehlt. Wir sind frei, und sie sind notwendig; wir wechseln, sie bleiben eins.“ („Über naive und sentimentalische Dichtung“)

Nach der in der „Schöpfungsgeschichte“ von Mathilde Ludendorff mitgeteilten Grunder-kenntnis:

„Im Anfang war der Wille Gottes zur Bewußtheit“

ist das bewußte Erleben des göttlichen Wesens der Erscheinungswelt, ein Erleben des Jenseits von Zeit, Raum und Kausalität und schließlich der ständige Gotteinklang in der Menschenseele, die bewußte Hingabe an die göttlichen Wünsche im Innern als die Sinnerfüllung menschlichen Seins erkannt worden.

So wurde ein von vielen bedeutenden Dich-tern und Philosophen vor unserer Zeit erleb-tes und in Worte gefaßtes Ahnen zur klar geschauten und intuitiv entwickelten Er-kennt-nis unserer Tage. Allem mensch-lichen Suchen und Wähnen vergangener Zeiten konnte die Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs wirklichkeitsgetreue Antworten geben auf die heiligsten Fragen nach der Sinnhaftigkeit der Schöpfung, des Todesmuß, der menschlichen Unvollkommenheit und des Lebens schlechthin.

Einer so gewonnenen Weltallweite des Er-kennens entspricht eine dem Nur-Daseins-streiter unzugängliche Weltallweite des göttlichen Erlebens. Von dieser Warte aus betrachtet ist unser Leben ein heiliges Gut, das uns sowohl den geistig-seelischen Höhenflug des Ich durch selbstgeschaffenen Wandel der unvollkommenen Seelenverfas-sung ermöglicht, als auch von uns selbst entwertet werden kann.

So ist der Wert des Lebens stets relativ abhängig von der Gestaltung durch den einzelnen. Die angeborene Unvollkommen-heit des Menschen, die seine prinzipielle Stellung innerhalb der Gesamtschöpfung kennzeichnet, ist daher sinnvoll, da nur so die Freiheit als Voraussetzung zu jedweder Selbstschöpfung gewährleistet ist.

So zeigen uns die ernsten Werke der Gotter-kenntnis, wofern wir deren allumfassenden Reichtum mit ganzer Seele in uns aufzuneh-men willens sind, in überzeugender Klarheit und Unkompliziertheit, „Höhenwege und Abgründe“, Möglichkeiten des Verweilens in den herrlichen Gefilden göttlichen Lebens und ebenso die Gefahren seelischer Verkümmerung und Verkommenheit.

Sie geben uns ein unschätzbares Wissen um die menschlichen Seelengesetze und ihre Auswirkungen im Alltag.

Lenken wir nun von den Höhen stiller Be-trachtung und Selbstbesinnung unsere Auf-merksamkeit auf die drohenden Abgründe und Hohlheiten unserer Zeit und unseres Volkes, dessen politische Ohnmacht be-sorgniserregend genug ist.

Der äußeren Situation als solcher entspricht aber eine ebenso besorgniserregende innere Standortlosigkeit und Gespaltenheitit im einzelnen. Wie eine erbarmungslose Geiße-lung mutet das alltägliche Daseinsgehaste der Menschen an, und sehr viele Zeitgenos-sen scheinen, vom allgemeinen Zeitfieber befallen, nur noch eine Daseinsbestimmung, nur noch ein „lohnendes Lebensziel“ vor Augen zu haben: Erhöhung des Lebensstan-dards mit allen nötigen und unnötigen Vorteilen.

So finden sie, geblendet vom Glanz eines sehr fragwürdigen Wirtschaftswunders, nicht mehr die Muße, in Stunden der Besinnung auch den wahren Wundern und Kostbarkeiten des Lebens und den Wesenszügen des Gött-lichen, wo immer es sei, ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

Darin zeigt sich die ganz erhebliche Armut unserer vorwiegend materialistisch einge-stellten Zeit. Die Befriedigung jenes „meta-physischen Bedürfnisses“ der Menschen über die bloßen Formen des Existierens hinaus ist in jahrhundertelanger Gewöhnung den prie-sterlichen Institutionen anvertraut worden oder wird in okkulten Wahnvorstellungen gesucht.

Diese Einrichtungen haben es jedoch nicht zu verhindern vermocht, daß die Menschen mit den Problemen unseres Zeitalters nicht fertig wurden. Vielmehr ist die allgemein zu ver-zeichnende Abnahme des metaphysischen Bedürfnisses der Menschen auf die Gegen-sätzlichkeit vom Vernunfterkennen der For-schung und den Priesterlehren zurückzu-führen, die nie größer gewesen ist als heute.

Nicht nur einzelne Vertreter der sog. Intelli-genz und bedeutende Persönlichkeiten sind sich der Armut unserer Zeit bewußt, sondern immer breitere Kreise ernsthafter und wert-voller Menschen empfinden das Beklagens-werte dieses Zustands.

Eine nicht mehr zu verkennende Unzu-friedenheit mit den überholten Anschau-ungen der christlichen Religion kommt in dem allgemeiner werdenden Suchen nach einem „festen Halt“ nach höheren Formen der Idealität und dgl. zum Ausdruck, die ein geeignetes Gleichgewicht zu den Erschwer-nissen des Alltags bieten sollen und die dabei doch keine Lebenslüge sein dürfen.

Selbst Papst Pius XII. ließ einst verlauten, die Wissenschaft und das geistige Fortschrei-ten im menschlichen Erkenntnisprozeß be-dürfen zur Krönung und Enträtselung der letzten Lebensgeheimnisse einer „zeitgemäßen Philosophie“.

Also auch der „Stellvertreter Gottes auf Er-den“ scheint von der Notwendigkeit einer Weltenwende durch eine der göttlichen Be-stimmung des Menschen gerecht werdende philosophische Weltanschauung überzeugt zu sein.

Eine solche Weltanschauung, die eine vollen-dete Synthese von Wissen, Vernunfterkennen einerseits und dem Gotterleben der Seele andererseits herstellt, wird den Menschen dieses Sternes seit über 30 Jahren von der Gotterkenntnis (L) dargeboten.

Nur sie allein besitzt die Kraft in sich zur potentiellen Weltenwende zum Segen der Völker.

Es darf allerdings nicht übersehen werden, daß von der breiten Masse der Deutschen und gerade von vielen jungen Menschen, die zum großen Teil einen Mangel an sinnvoller Frei-zeitgestaltung erkennen lassen, ein verhäng-nisvoller Ausweg gesucht wird.

Der dauernde Daseinskampf allein kann keineswegs befriedigen. Darum ist das Verlangen nach ,,Ausgleich“ an sich selbst-verständlich. Indessen steht nur zu häufig das flache Vergnügen an erster Stelle. Die Jugend wolle, heißt es heute so oft, keine falschen Ideale, sie wünsche sich einen eigenen Weg zu suchen in einer ihr gemäßen Lebensauffassung und darum müsse ihr Verlangen nach Austoben im Rockn-Roll-Stil ganz natürlich als ein Auflehnen gegen die Lebenslüge gewertet werden.

Nun kann ebenso weiter gefolgert werden, daß viele Erwachsene die Lebenslüge ver-werfen möchten, indem sie ihr sensations-bedürftiges Leben allein in der Wirklichkeit des „aktuellen Geschehens“, und das heißt für die Freizeit, auf dem Sportplatz (als brüllende Zuschauermasse), in den Lichtspielthea-tern und mit Vergnügungen aller Art zubringen, was sie einen Ausgleich für die Forderungen des Daseinskampfes nennen.

Abgesehen von der Tatsache, daß von ge-schäftstüchtigen Leuten mit systematisch organisierten Massenveranstaltungen die innere Standortlosigkeit vieler Menschen ausgenutzt bzw. gefördert wird, müssen wir uns fragen, ob denn das, was diese vom Daseinskampf Abgestumpften und Ernüch-terten „Leben“ nennen, wirklich mit dem identisch ist, was Schiller zu seiner Zeit darunter verstand und wir im Sinne der Gotterkenntnis mit den Worten verbinden.

Ist nicht vielmehr gerade die Art der über-betonten Nebentonigkeiten, also der Über-betonung von Dingen, die an sich, gemessen am erkannten Lebenssinn, einen Nebenak-zent tragen sollten, ist nicht die Art solcher Freizeitgestaltungen eine wahrhaftige Lebenslüge im eigentlichen Sinne, ohne daß sich die Masse der verführten oder auch einfach vom Daseinskampf überforderten Menschen dessen bewußt wird?

Es muß doch unter dem Begriff der Lebenslü-ge, wenn wir das Wort nun einmal aufgegrif-fen haben, jene Lebenshaltung verstanden werden, die keinerlei Wertbezogenheit, die keine Beziehung zu höheren Seinsinhalten in Richtung auf den göttlichen Schöpfungssinn aufzuweisen hat, also jede oberflächliche Lebensauffassung, die ein Abrücken vom Wesentlichen bedeutet und die dabei doch volle Befriedigung in sich selbst finden kann.

Dies macht eben ihren Charakter der Genüg-samkeit aus. Die fremdartigen, chaotischen Rhythmen, das Rockn-Roll-Unwesen und wilde Ausgelassenheit im Maßlosen sei Ausdruck unserer Zeit mit ihrem Großstadt-lärm, der Rast- und Ruhelosigkeit der Men-schen von heute, so meinen die „Zeitgemä-ßen“, die damit auch das Negativum unserer Zeit bejahen, weil sie unfähig geworden sind, es als ein solches zu erkennen.

Sie bemerken anscheinend nicht, daß damit das von Daseinskampf aufgepeitschte Wesen Mensch mit gleicher Ruhelosigkeit weiter verfährt. Hinzukommt die wachsende Anfäl-ligkeit für okkulte Strömungen aller Art, und obendrein erfährt die planmäßig betriebene Entwurzelung des gesamten Volkes eine Unterstützung in der seelischen Verelendung des einzelnen.

Ist ein solches Leben ohne Ruhe und Muße, ohne Besinnung auf das Wesentliche und ohne Beziehung zu echten seelischen Werten in Kunst und Naturerleben nicht eine große Selbsttäuschung, eine Selbstentwertung des Menschen, eine Flucht oder (je nach dem) ein Hineingezerrtwerden in jene Lebenslüge, der man zu entrinnen trachtet?

Echte Werte, die man sich erschließt, berei-chern den Menschen innerlich, Nichtigkeiten und Sensationshunger täuschen ihn jedoch über das tatsächliche Leben hinweg, indem sie ihm mit der Zeit jegliches Wertbewußtsein rauben, wenn er es zuvor noch besaß.

Wie viele, „tüchtige“ Menschen verbringen ihr Leben ohne rechtes Wertbewußtsein, ja in er-bärmlichster seelischer Armut dahin, die zu ihrem mitunter auffallend hohen Lebensstan-dard in einem krassen Mißverhältnis stehen kann.

Eine Vielzahl seelisch Abgestumpfter oder Abgestorbener, der sog. „plappernden To-ten“, hastet täglich als das traurige Ergebnis ständiger Selbstentwertung durch die „lär-mende Häßlichkeit“ der Großstadt. Stumpfheit und Enge im Blick, auf Nützlichkeit ausge-richtet ihr Denken und Tun: so hasten sie von Stufe zu Stufe im allgemeinen Daseinsgetrie-be.

Trotz all den vielfältigen Anforderungen des Alltags sollte auch in unseren Tagen der Mensch nie versäumen, die Sonne des Le-bens, und sei es nur in wenigen Strahlen, in sein Inneres leuchten zu lassen. Das men-schenwürdige Leben jenseits des Kampfes ums Dasein ist aber keinesfalls auf der Plattform irrsinniger, ekstatischer Moments-begeisterung (Fußballrausch, Rockn Roll, Jazzfanatismus) zu finden, sondern einzig im bewußten Erleben göttlicher und reinster Werte lebendig zu erfahren.

Um das zu erkennen, bedarf es nicht un-bedingt einer höheren Schulbildung als Voraussetzung.

„Die Gotterkenntnis muß jedem, auch dem Gänsehirten am Rain, zugänglich sein“,

sagt die Philosophin (in einem Aufsatz des „Quell“ vom 15. Juni 1930).

Aber eins ist erforderlich: die Überwindung der geistigen Trägheit und der seelischen Genügsamkeit.

Das Stille und Erhabene leuchtet auch über den äußeren Notwendigkeiten des Tages, wie die untergehende Abendsonne in unendlicher Schönheit ihren festlichen Glanz über das Getriebe einer lärmenden Großstadt, „mühe-los und still“ ausbreitet.

Allein dieser Anblick der scheidenden Sonne könnte vom Großtädter auf dem Heimwege nach der Arbeit als ein Geschenk der gött-lichen Naturerscheinung empfunden werden. Welch hoher Wert liegt doch in einer einzigen Mußestunde der inneren und äußeren Ruhe verborgen!

Aber schon der Dichter Hölderlin klagte in einer Ode über die Unbekümmertheit der  Menschen gegenüber den zweckerhabenen Schönheiten der Naturerscheinungen:

„Geh unter, schöne Sonne, sie achteten
Nur wenig dein, sie kannten dich, Heilige, nicht,
Denn mühelos und still bist du
Über den Mühsamen aufgegangen.“

Wobei die angesprochene Sonne hier zugleich als Sinnbild für alle göttlichen Offenbarungen in der Welt der Erscheinungen, an denen die meisten als an „Selbstverständlichkeiten“ achtlos vorüber eilen, aufgefaßt werden mag.

Das Göttliche wird vom Dichter gezeigt als das über alles Mühen und Trachten der Menschennatur erhaben Seiende.

Wir danken es der reichhaltigen und alle Ge-biete des Lebens umspannenden intuitiven Schau der Philosophin Mathilde Ludendorff, daß sie uns in der verwirrenden Hast unserer Zeit eine eigene Standortfindung zunächst erleichtert, daß wir den tiefen Sinn der Schöpfung erkennen und diese wie das Leben selbst in gereiftem Verantwortungsbe-wußtsein bejahen können.

Daß wir nicht dem Wahne der Verachtung der Erscheinungswelt und Unterbewertung des Lebens im „Diesseits“ verfallen, wie sie das Christentum lehrt, sondern, ebenso frei von Nietzsches heroischem Nihilismus, ganz mit Gottfried Keller sprechen möchten:

„Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
von dem goldnen Überfluß der Welt.“

Der Dichter meint mit dem, „goldnen Über-fluß“ nicht das eitle Flitterwerk des Ober-flächlichen, sondern das Schöne, Strahlende, Reine, Lichte, — das Wesenhafte dieser Welt. Dieses mit den Augen zu „trinken“  und dabei es mit der Seele erleben zu können, setzt indessen ein göttlich gerichtetes Empfinden und Werten sowie die richtige Einstellung der Aufmerksamkeit voraus.

Nur so werden wir befähigt sein, uns vor dem Unheil jeder Le-benslüge zu sichern und vor Selbstentwertung soweit zu bewahren. Nur auf dem Wege eines Höherschreitens durch Entfaltung aller göttlichen Anlagen im Ich der Menschenseele bei freiem Entscheid für oder wider Gott ist eine sinngeweihte Lebenserfüllung nach der hohen Auffassung Schillers und in der Übereinstimmung mit den vertieften Einsichten der Gotterkenntnis zu verwirklichen.

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