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Eine Betrachtung von

Gerhard Bracke

Traditionell wird am Altjahrsabend die herr-liche 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven gesendet. Nach dem wunderbaren Adagio cantabile bringt der Schlußsatz der genialen Komposition auch die menschliche Stimme mit zum Einsatz, läßt Orchester, Chöre und Solisten gemeinsam den musikalischen Höhepunkt gestalten.

Friedrich Schillers euphorische Ode „An die Freude“ berührt unmittelbar das Gemüt:

„Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum,
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt,
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.“

Die folgende Textstelle verwundert allerdings sehr:

„Seid umschlungen Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.“

Was daran stört, das ist die Unvereinbarkeit einer antiquierten Glaubensvorstellung mit der Gedankenwelt eines freien Geistes, denn Schiller schrieb in seinem bekannten Distichon:

Mein Glaube

„Welche Religion ich bekenne?
Keine von allen,
Die du mir nennst  –
Und warum keine? –
Aus Religion.“

Es verwundert daher keineswegs, daß Schiller sich später von der Ode „An die Freude“ deutlich distanzierte, was zwar allgemein kaum bekannt sein dürfte, jedoch durch eine briefliche Äußerung belegt ist.

Vermutlich empfand der Dichter die Aussa-gen vom „Kuß der ganzen Welt“ und dem Wohnsitz eines „lieben Vaters“ über dem Sternenzelt als peinlich. Jedenfalls identifi-zierte er sich offensichtlich nicht mehr mit dem gesamten Inhalt der Ode „an die Freude“.

Genaueres entnehmen wir der aufklärenden Biographie von Walter Löhde„Friedrich Schiller im politischen  Geschehen seiner Zeit“ (Pähl 1959).

Die Zeit des 18. Jahrhunderts und der Fran-zösischen Revolution war durchdrungen vom Geheimordenswesen, und die Ideen der Frei-maurerlogen mit allen politischen Machtbe-strebungen waren so bestimmend, wie man es sich heute kaum noch vorzustellen vermag.

Dem Werben der Logen um Zugehörigkeit konnte sich Schiller zwar entziehen, doch blieb sein Denken in deren als fortschrittlich empfundenen Idealen der Brüderlichkeit zumindest zeitweilig nicht unbeeinflußt.

Der mit Schiller in Verbindung getretene Freimaurer Gottfried Körner lud den Dichter nach Leipzig ein, bestritt seinen Unterhalt und ermöglichte ihm die Vollendung des „Don Carlos“.

Unter Körners Einfluß dichtete Schiller das Lied „An die Freude“ in Leipzig. Es enthält Stimmungen und freimaurerische Gedanken um Brüderlichkeit und „Zirkel“ und wurde zum vornehmsten Logengedicht gewählt.

„Aus diesem Grunde“, führt Walter Löhde aus, „hat Schiller dieses Gedicht später vollständig verworfen.“

Als er es in die von ihm veranstaltete Sammlung seiner Gedichte (1800 – 1801) nicht aufnehmen wollte, schrieb er am 21. 10. 1800 an den betrübten Körner:

„Die Freude hingegen ist nach meinem jetzigen Gefühl durchaus fehlerhaft, und ob sie sich gleich durch ein gewisses Feuer der Empfindung empfiehlt, so ist die doch ein schlechtes Gedicht und bezeichnet eine Stufe der Bildung, die ich durchaus hinter mir lassen mußte, um etwas ordentliches hervorzubringen.

Weil sie aber einem fehlerhaften Ge-schmack der Zeit entgegenkam, so hat sie die Ehre erhalten, gewissermaßen ein Volksgedicht zu werden. Deine Neigung zu diesem Gedicht mag sich auf die Epoche seiner Entstehung gründen; aber diese gibt ihm auch den einzigen Wert, den es hat, und auch nur für uns und nicht für die Welt, noch für die Dicht-kunst“ (S. 141 f.).

An dem Hause in Leipzig-Gohlis, wo das „Lied an die Freude“ einst entstand, wurde später eine Tafel angebracht mit der Inschrift:

„Hier wohnte Schiller und schrieb das Lied an die Freude im Jahre 1785“

Die Umrahmung enthält, eingefügt in die Ornamente, zwei Masken, eine davon von einem Dolch durchbohrt. Dazu erklärt Löhde*: 

„Wenn man Schillers Absage an die Freimaurerei und seine unmißverständ-liche Abkehr von diesem Gedicht kennt, so ist diese Anbringung einer solchen Tafel mit dem Dolch recht eigenartig.“ (S. 142)

In welchem Maße der Dichter die „Stufe der Bildung“ durchaus „hinter sich lassen“ mußte, wie er sich brieflich ausdrückte, bezeugen seine Aussagen zum Wesen der Erschei-nungswelt im Sinne der Philosophie Immanuel Kants:

„Ob nun gleich ein unendliches Wesen, eine Gottheit, nicht  w e r d e n kann, so muß man doch eine Tendenz göttlich nennen, die das eigentlichste Merkmal der Gottheit, absolute Verkündigung des Vermögens (Möglichkeit alles Wirkli-chen), zu ihrer unendlichen Aufgabe hat. Die Anlage zu der Gottheit trägt der Mensch unwidersprechlich in seiner Perönlichkeit in sich; der Weg zu der Gottheit … ist ihm aufgetan in den Sinnen.“

Daraus ergibt sich in dem Gedicht „Das Ideal und das Leben“ die Mahnung:

„Aber flüchtet aus der Sinne Schranken
In die Freiheit der Gedanken,
Und die Furchterscheinung ist entflohn,
Und der ew’ge Abgrund  wird sich füllen:
Nehmt die Gottheit auf in euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltenthron.“

Keineswegs glaubte Schiller an einen per-sönlichen Gott, als er für die „Worte des Glaubens“ die Formulierung wählte:

„Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt,
Wie auch der menschliche wanke;
Hoch über der Zeit und dem Raume webt
Lebendig der höchste Gedanke…“

Entsprechend lautet Schillers Bekenntnis**:

„Es ist nicht draußen, –
da sucht es der Tor, –
es ist   i n   d i r ,
du bringst es ewig hervor.“

Die großartige Schöpfung der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven ist in ihrer zeitlosen Bedeutung nicht betroffen, vielmehr über-strahlt sie alles, und Beethoven selbst war nach eigenen Worten davon überzeugt, daß durch die Werke der Musik „die Strahlen der Gottheit“ unter die Menschen verbreitet würden, durch das bewußte Erleben auch seiner Musik in gottwachen Seelen.

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*) „Schillers Briefe, Kritische Gesamtausgabe, herausgegeben von Fritz Jonas, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, 6. Band, Seite 211

**) „Kleinere prosaische Schriften von Schiller“, 3. Teil, Seite 259-60; Leipzig 1801 (Crusius)

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