Maduro, Rußland und die USA
Sonntag, 25. Januar 2026 von Adelinde
Thomas Engelhardt:
Die vordergründig zunächst einmal anma-ßend und das angebliche Völkerrecht ver-letzende Entführung des venezolanischen Machthabers Maduro (Zwischenbemerkung: Ein „Völkerrecht“ existiert und existierte zumindest als schriftlich niedergelegter Gesetzeskanon zu keiner Zeit, bis heute nicht.
Insofern erscheint ein vorgeblich existie-rendes Völkerrecht als Wunschtraum, wenn nicht sogar als Fata Morgana) muß aus US-Sicht gerechtfertig und notwendig erschei-nen. Denn was ist Politik? Interressenwahrnehmung. Nichts sonst.
Das bedeutet im Umkehrschluß nicht, daß derlei Staatspiraterie gutzuheißen wäre. Im Gegenteil. Aber die Welt hat sich daran ge-wöhnt, daß Deutschland in zwei Weltkriegen nahezu zwei Fünftel seines einstmaligen Territoriums verlor, die Welt hat geschwie-gen, als Rot-China 1951 Tibet okkupierte, die Welt schweigt angesichts des jahr-zehntelangen Terrors des Judenstaats gegenüber den palästinensischen Arabern und den Nachbarstaaten Palästinas.
Die Hälfte der heutigen Bevölkerung Jorda-niens sind von den Israelis aus Palästina vertriebene Araber und deren Nachkommen … Freilich kann ich selbst nicht verhehlen, daß ich gegenüber einem Mann wie Nicolas Maduro und seinem Vorgänger Hugo Chávez sogar eine gewisse Sympathie hege. Dies ist meiner eigenen antikapitalistischen Grund-haltung geschuldet.
Andererseits habe ich ein sich sozialistisch nennendes Gesellschaftssystem in meinem ersten Leben selbst kennenlernen können. In erster Linie war es durch Unfreiheit gekenn-zeichnet, durch Mißachtung der inividuellen Freiheitsrechte.
Und zu dieser Unfreiheit neigen alle poli-tischen Vorstellungen, wenn es ihnen gelingt, praktisch umgesetzt zu werden, angetreten, die Menschen „befreien“ zu wollen. Immer endete es in Chaos, Krise, Niedergang, Knechtung, Diktatur.
Man solle sich also hüten, nur zu verurteilen. Jedes Ding hat immer zwei Seiten. Erstaunlich sind dieser Tage die kaum hörbaren Kom-mentare aus Moskau. Geostrategisch sind die Russen innerhalb kurzer Zeit ins Hintertreffen geraten.
Im Dezember 2024 mußte der wichtigste Verbündete im Nahen Osten, Baschar al-Assad in Syrien, vor seinen Gegnern nach Moskau flüchten. Moskau ist in diesem Raum damit aus dem Spiel. Für immer. Die Militär-basen in Syrien, der Luftwaffenstützpunkt Hmeimim nahe Latakia und der Marine-stützpunkt Tartus an der Mittelmeerküsten werden langfristig nicht zu halten sein.
Und sie sind auch nichts mehr wert, weil Rußland in diesem Raum nicht mehr ope-rieren kann und seinen Einfluß verloren hat. Jahrelange Investitionen erweisen sich als nutzlos und mehr als das. Rußland setzte mit Baschar al-Assad auf die falsche Karte.
Während wir Deutschen trotz des verlorenen Krieges und trotz der Tatsache (oder gerade deswegen!), daß wir als von den Amerikanern besetztes und kontrolliertes Land wahrge-nommen werden, bleibt uns die Wertschät-zung im arabischen Raum bis heute erhalten. Die Russen haben sie verloren.
Theoretisch könnten wir in einem erneuerten Deutschland jederzeit neue partnerschaft-liche und freundschaftliche Bande in den arabischen Raum knüpfen. Vergessen wir nicht. Muḥammad Amīn al-Ḥusainī (oder al-Hussaini, englisch al-Husayni), * 1895 in Jerusalem † 4. Juli 1974 in Beirut, der Groß-mufti von Jerusalem, lebte auf Grund einer persönlichen Einladung Adolf Hitlers ab 1941 bis unmittelbar zum Kriegsende in der Reichshauptstadt (al-Hussaini war ein entfernter Verwandter von Jassir Arafat).
Am 7. Mai 1945 flog das Auswärtige Amt al-Husseini aus der Reichshauptstadt nach Bern aus. Am Flughafen Bern-Belp wurde er fest-genommen und am nächsten Tag an Frank-reich übergeben. Dort nahm der frühere Hochkommissar der Levante Henri Ponsot ihn in sein Haus auf.
Großbritannien und Jugoslawien verlangten, ihn als Kriegsverbrecher an sie auszuliefern. Doch bis September 1945 entschied Frank-reichs Regierung, ihn in ein arabisches Land zu überstellen. Der französische Geheim-dienst organisierte 1946 mit Ägyptens König Faruq seine Flucht in das Königreich Ägypten. (Auch das wieder ein Beispiel, wie sehr per-sönliche Schicksale mit der großen Politik verknüpft sind!)
Mit Maduro haben die Russen aber auch in Südamerika ihren wichtigsten Mann verloren. Erinnern wir uns. Rußland und Venezuela besiegelten im Oktober 2025 eine neue stra-tegische Partnerschaft, die die Zusammen-arbeit in Energie, Bergbau, Transport und Sicherheit intensivieren sollte.
Trotz engerer militärischer Kooperation bröckelt der russische Einfluß nun aber zusehens, da Venezuela im Kampf gegen US-Sanktionen keine Hilfe aus Moskau erfährt. Mehr als das. Rußland erweist sich für seine Verbündeten als zahnloser Tiger. Kraftlos muß Moskau zusehen, daß es auf seinen tatsächlichen Status einer Großmacht ohne globalen Einfluß zurechtgestutzt wird.
Denn in allen ehemaligen Sowjetrepubliken an der Peripherie Rußlands finden sich heute Staaten, die sich anderweitig orientieren. Das Baltikum Richtung Westen, ebenso die Ukrai-ne, Aserbaidschan Richtung Türkei, Kasach-stan in Richtung China. Die weitere Entwick-lung in der Ukaine bleibt abzuwarten, ebenso der weitere Weg Grusiniens (Georgien).
Einzig Weißrußland erweist sich noch als sicherer Kantonist Rußlands. Das ist die heutige Lage. Aber die Weißrussen als Volk urteilen längst anders. Hätten sie die Wahl, würden sie sich wohl mehrheitlich ebenfalls von Rußland abnabeln.
Die Russen haben jahrzehntelang (in der Zarenzeit genauso wie unter den Sowjets) die Weißrussen, ihre Sprache, ihre Kultur genau-so unterdrückt wie die der Ukrainer. 20% der Weißrussen leben heute, weitestgehend russifiziert, in Rußland (hauptsächlich im Oblast Smolensk und Nachbargebieten). Das ist keine These, sondern historische Realität.
Zu berücksichtigen ist auch die Tatsache, daß etwa 750.000 bis 800.000 Russen seit 2022 aus Rußland ins Ausland geflüchtet sind und der Krieg in der Ukraine mindestens 600.000 Opfer forderte.
Jeder Artikel von diesem Thomas Engelhardt enthält Neues für mich – ganz ähnlich wie die von Herrn Muche – ‚produzieren‘ gleichzeitig aber neue Fragen. Recht hat Herr Engelhardt mit seiner Feststellung, daß es kein Papier mit der Überschrift ‚Völkerrecht‘ gibt (wie etwa die UN-Charta oder unser Grundgesetz). Hier eine m. E. gute Definition: V. ist ein Sammelbegriff für alle Rechtsnormen, die das Verhältnis der (unabhängigen) Staaten untereinander und die Beziehungen zwischen den einzelnen Staaten und den internationalen Organisationen regeln (Bundeszentrale für politische Bildung).
Es ist also kein ‚Wunschtraum‘, sondern ‚es existiert‘! Daß es, vor allem von den Großmächten, nicht ernstgenommen wird, bzw. nur dann in Anschlag gebracht wird, wenn es ihren eigenen Interessen dient, steht auf einem anderen Blatt.